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Applaus als Kommunikationsmittel zwischen Publikum und Künstler

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Begriffsklärung und Applausformen

2 Graben zwischen Publikum und Künstler

3 Der Applaus aus Sicht des Publikums – Motive und Handlungsmuster
3.1. Vor der Veranstaltung - Darbietung als Event
3.2. Motive für das Spenden von Beifall
3.3. Applaus als Ausdruck von Gemeinschaft

4 Applaus aus Künstlersicht
4.1. Wahrnehmung des Künstlers
4.2. Methoden um Applaus zu erhalten
4.3. Reaktionen des Künstlers

5 Zusammenfassung und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

Einleitung

Trotz aller digitalen Fortschritte ist das Live-Erlebnis eine Erfahrung, die nicht wie Musik- und Videoaufnahmen oder Bilder reproduzierbar ist. Für den einzelnen Besucher ist jedes Erlebnis etwas einzigartiges und besonderes. Ein Künstler präsentiert sich und seine musikalischen, schauspielerischen, tänzerischen o.ä. Fähigkeiten und Interpretationen an einem Ort, den er in diesem Moment zu seiner Bühne werden lässt und setzt sich damit zunächst einmal der Kritik des anwesenden Publikums aus. Natürlich möchte er, neben vielen anderen möglichen Intentionen, auch gefallen und hofft auf positives Feedback. Diese emotionale Grenze der ersten Offenbarung zu überschreiten und das Publikum zu begeistern ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Im Folgenden soll auf den Applaus als ein Kommunikationsmedium eingegangen werden, durch das der Künstler eine Rückmeldung über die Akzeptanz seiner künstlerischen Leistung erhält. Es soll beleuchtet werden, wie die Kommunikation zwischen Künstler und Publikum abläuft und wie abhängig beide Dialogpartner voneinander sind. Hierfür soll zunächst eine Definition von Applaus vorgenommen, und die Entstehung des Kommunikationsmittels geklärt werden. Anschließend werden verschiedene Anlässe und Motive Applaus zu spenden aus der Sicht des Publikums beleuchtet. Weiterführend wird die künstlerische Sichtweise auf das Thema Applaus betrachtet . Abschließend wird die Bedeutung von Applaus als Kommunikationsmittel zusammengefasst.

1 Begriffsklärung und Applausformen

Als Ausgangspunkt dieser Betrachtungen soll der Begriff Applaus zunächst einmal definiert werden: Applaus 1 (von lat. a pplaudere - „etw. an etw. schlagen“) oder auch Beifall („einer Meinung beifallen“) ist in westlichen Kulturen ein Ausdruck des Publikums über das Gefallen einer Darbietung, was durch Aufeinanderschlagen der Hände bekundet wird.2 Bei sehr großer Begeisterung kommt es am Ende einer

Darbietung zu Stehapplaus, den sog. stehenden Ovationen (lat. ovatio - „kleiner Triumph“) oder auch engl. standing ovations. Hierbei steht das klatschende Publikum von den Sitzen auf, um den Künstlern noch zusätzlich Respekt für ihre Leistung zu zollen.

Beifall kann ganz unterschiedliche Formen annehmen: so wird in universitären Kreisen und auch in der Politik, statt des Aufeinanderschlagens der Hände, in der Regel zurückhaltender mit den Fingerknöcheln auf den Tisch geklopft. Streicher in einem Orchester schlagen ihre (Geigen-)Bögen bei Begeisterung häufig leicht auf den vor ihnen stehenden Notenständer. Aber auch das klassische Applaudieren kann ganz unterschiedlich aussehen:

„ D as Spektrum an möglichen Verhaltensweisen reicht von stark reduziertem Stillsitzen, verbunden mit konzentriert-analystischem Zuhören, bis hin zu körperlich-expressivem „Mitmachen“ […], das in Rockkonzerten meist als erwünschter Zielzustand des Publikums angesehen werden kann.“ 3

In jedem Fall lässt sich das Klatschen der Besucher, je nach Begeisterung, grob in folgende Kategorien einteilen: euphorisch, angemessen (es wird an den dafür vorgesehenen Stellen Beifall gespendet) oder nachlässig, ohne sich darum zu bemühen, dem Künstler eine gewisse Achtung entgegenzubringen.

Um den Künstlern immerhin angemessenen Beifall zuteil werden zu lassen, wurden vor allem in Theatern lange Zeit Claqueure (frz. claquer - „klatschen“) eingesetzt. Die Claque diente dazu, das Publikum zum Applaudieren zu motivieren. Dabei wurde nicht ausschließlich geklatscht, sondern auch herzhaft gelacht oder gekichert, sowie positiv kommentiert, um die Stimmung gegenüber Künstlern und Darbietung günstiger zu gestalten, was nicht nur für die Dramaturgie der Stückes, sondern auch für den kommerziellen Erfolg entscheidend war. 4

„ K ompetent in der Herstellung und Verbreitung populärer Kultur ist, wer direkte Publikumserfolge vorweisen oder glaubhaft versprechen kann. Kompetent im hohen Fach ist nur, wer Anerkennung seitens derer findet, die ihrerseits für kompetent gelten. Auch diese Aufmerksamkeit geht letztlich auf die Aufmerksamkeit des Publikums zurück.“ 5

Auch im modernen Leben sind solche Stimmungsmacher noch zu finden: Animateure sorgen bei Cluburlauben für eine gute Urlaubsatmosphäre und sollen Langeweile bei den Gästen vermeiden.

Applaus wird auch bei TV-Sendungen häufig als dramaturgisches Mittel eingesetzt. Dafür dient ein sog. Warm-Upper als eine Art Komiker, der das Publikum vor der Show durch Witze und seine ansteckende gute Laune in eine gelöste Stimmung bringen soll. Dabei werden auch verschieden kräftige Applausvarianten geprobt und entsprechende Zeichen eingeübt, auf die das Publikum während der Sendung reagiert. Häufig sitzen auch im Publikum sog. Anklatscher, die über einen Empfänger im Ohr, für Andere unbemerkt, Anweisungen von der Regie bekommen. Sind diese strategisch günstig im Saal verteilt, können sie das gesamte Publikum zum Applaudieren bewegen. Herrscht jedoch im Saal keine grundsätzliche Bereitschaft Beifall zu spenden, können auch einige Anklatscher die Stimmung nicht heben. 6

Dass einige wenige positive (künstlich geschaffene) Rückmeldungen nicht über Grundtendenzen der Allgemeinheit hinwegtäuschen können, ist spätestens seit dem Besuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi im Jahr 1967 in Berlin bekannt, dessen Jubelperser eine Eskalation der politischen Auseinandersetzung nicht zu verhindern wussten.7 Die politische Bedeutung von Applaus wird vor allem in dikatorisch regierten Ländern deutlich. So erhielten Chinesen zu den Olympischen Sommerspielen von Peking 2008 nach wiederholten Stimmungs-Missständen Richtlinien für ihr Stadionverhalten.8 Zuvor hatten sie wiederholt die Wettkampforte verlassen, nachdem alle chinesischen Wettbewerber ausgeschieden waren und hatten damit den nötigen Respekt vor den Wettkampfteilnehmern anderer Länder vermissen lassen. 9

2 Graben zwischen Publikum und Künstler

Die Distanz zwischen einem Künstler und seinem Publikum ist nicht allein räumlich durch die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum wahrnehmbar, sondern vor allem zu Beginn der Darbietung auch emotionaler Natur:

„ W hat counts here is the knowledge that music is not only being made, but being made to be heard, and sometimes to be seen too. To put it another way, the theatricality of popular music performance derives from performers conceiving themselves as performers and audience members thinking that they are members of an audience.“ 10

Jason Toynbee spricht hier am Beispiel von Popkonzerten von dem Bewusstsein der beteiligten Künstler und Zuschauer, sich selbst zu der einen oder der anderen Gruppe zu zählen. Applaus ist ein Mittel, um den Graben zwischen Publikum und Künstler zu überwinden: „ Als solche Aktivität überbrückt der Beifall […] etwas von der konstitutiven Kluft zwischen den produktiv und den nur rezeptiv Tätigen, zwischen Spezialisten und Allgemeinheit, zwischen Podium und Saal.“ 11

3 Der Applaus aus Sicht des Publikums – Motive und Handlungsmuster

Grundlage für das Spenden von Applaus ist die vorangegangene Rezeptionsbereitschaft des Publikums. Diese kann optimalerweise von Anfang an dagewesen sein, z.B. weil der Besucher an der Darbietung interessiert ist, oder der Künstler erspielt sich das Publikum im Laufe seines Vortrages. Dies kann z.B. bei einer Vorband der Fall sein oder wenn jemand lediglich der Empfehlung von Freunden zu einer ihm bisher unbekannten Aufführung gefolgt ist. „ Das Leben auf der Bühne der Öffentlichkeit ist es, was urbane Formen des Lebens von vornherein aufregender und aufreizender macht als ihre Vorgänger.“ 12 Natürlich kann das Interesse der Zuschauer im Laufe der Veranstaltung auch abnehmen, z.B. wenn vorangegangene Erwartungen nicht erfüllt wurden.

3.1. Vor der Veranstaltung - Darbietung als Event

Immer häufiger geht es bei einer Veranstaltung, statt um die inhaltliche Leistung, um den typischen „Event-Charakter“. Dazu verhelfen auch Rituale, die dem Event seine Überhöhung verleihen: der Erwerb der Eintrittskarte, die Suche nach Gleichgesinnten, die gemeinsam das Konzert erleben wollen, die Beschaffung evtl. verfügbarer Hintergrundinformationen oder der neuesten CD des Künstlers, die Anpassung des Outfits an die zu erwartende Atmosphäre usw.13

3.2. Motive für das Spenden von Beifall

Die Motive des Publikums Beifall zu spenden können zwar unterschiedlich sein, sind aber dennoch überwiegend positiv: An erster Stelle steht zumeist die tatsächliche Begeisterung für die Darbietung des Künstlers. Der Applaus drückt eine Anerkennung des Geleisteten aus und dient als Kommunikation des Fans mit dem Künstler. Nicht selten soll Applaus auch motivieren: zum Weitermachen, nicht aufgeben, anfeuern oder als Zugabe-Forderung. 14

„ B eifall, heißt es, sei der wahre Lohn der Künstler, mehr wert als höchste Gagen. Ein Trinkgeld, das besoffen macht. Und an dem sich eben auch der ganze Saal berauschen kann – wie archaische Krieger bei einem rituellen Tanz, wenn sie durch synchrones Aufstampfen mit den Füßen wahrlich furchteinflößende Geräusche entfesseln.“ 15

3.3. Applaus als Ausdruck von Gemeinschaft

Die wesentliche Rolle spielt hierbei das Gemeinschaftsgefühl, was u.a. durch Klatschen in der Gruppe vermittelt wird, z.B. durch gemeinsames rhythmisches Klatschen vor einem Konzert, um den Künstler aufzufordern, endlich aufzutreten.

„ A pplaus, [...], ist auch eine Sache, die mit Atmosphäre zu tun hat, mit kollektiver Selbstbestätigung: Im gemeinsamen Klatschen erst verschmelzen die Individuen a uf ihren Theatersesseln zum Publikum, zur Masse, die aus jedem künstlerisch gelungenen Abend auch ein Fest für sich selber machen kann.“ 16

[...]


1 Im Folgenden werden die Begriffe Applaus und Beifall synonym gebraucht.

2 Oft wird Beifall von weiteren Steigerungsformen des Jubilierens begleitet. Dazu zählen z.B. Anfeuerungsrufe, „Bravo“-Rufe (vor allem im Opern-Bereich), Stampfen mit den Füßen sowie Pfiffe aus dem Publikum, die hier positiv zu werten sind. Auf diese wird hier aus Platzgründen nicht gesondert eingegangen.

3 Schneider, Dammann, Kleist (2008): Live-Musik-Publikum in Hamburg, S. 283

4 Heister, H.-W. (1984): in International Review Of The Aesthetics And Sociology Of Music, S. 107

5 Franck, Georg (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit,S.161

6 Die Informationen stammen aus persönlichen Erfahrungen der Verfasserin, die während der Aufzeichnung des Großen Kleinkunstpreises des Kabarett-Theaters „Die Wühlmäuse“ 2012 als Anklatscherin fungierte.

7 Damals wurden eine 150-köpfige Gruppe iranischer Geheimpolizisten und von diesen angeheuerte Landsleute damit beauftragt, den Schah gegen deutsche Demonstranten abzuschirmen, die gegen seine diktatorische Herrschaft protestierten. Die Gruppe wurde gemeinhin als Jubelperser bekannt. Der Besuch des Schahs in der Deutschen Oper in Berlin endete mit dem Tod eines Demonstranten.

8 http://www.spiegel.de/panorama/schoener-klatschen-chinesen-applaudieren-streng-nach-vorschrift-a-571179.html [Stand:18.06.2012]

9 Der Begriff Applaus wird umgangssprachlich auch in anderen Zusammenhängen verwendet: So bezeichnet der Frankfurter Applaus das Klopfen eines Junkies auf seine Venen, um diese sichtbar zu machen. Applaus ins Gesicht oder ins Gesicht applaudieren bedeutet dagegen eine Ohrfeige. Quellen: http://mundmische.de/bedeutung/7007-Frankfurter_Applaus [Stand:18.06.2012] sowie http://mundmische.de/bedeutung/1057-Applaus_ins_Gesicht .[Stand:18.06.2012]

10 Toynbee, Jason (2006): in The Popular Music Studies Reader, S. 74

11 Heister, H.-W. (1984): in International Review Of The Aesthetics And Sociology Of Music, S. 92

12 Franck, Georg (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit,S.54

13 Schneider, Dammann, Kleist (2008): Live-Musik-Publikum in Hamburg, S. 282 f.

14 Es kommt jedoch auch vor, dass Beifall hämisch bis ironisch gemeint ist. In diesem Fall wird - meist begleitet von einem missmutigen Gesichtsausdruck oder einer abwertenden Anmerkung - nur kurz ein Klatschen angedeutet und sofort wieder eingestellt.

15 Hanssen, Frederik (2007):http://www.tagesspiegel.de/kultur/theaterapplaus-haende-hoch/993222.html [Stand:18.06.2012]

16 Hanssen, Frederik (2007):

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668897113
ISBN (Buch)
9783668897120
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460989
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik und Theater Hamburg – Kultur- und Medienmanagement
Note
1,0
Schlagworte
Kultur Medien Event Eventmanagement Künstler Artist Publikum Audience Development Audience Development Klatschen clapyourhands Hände klatschen Beifall Applaus Feedback Rückmeldung Zugabe Konzert Auftritt

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