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Intersektionale lebensweltorientierte Offene Jugendarbeit

Handlungsmethoden zur Entgegenwirkung einer Reproduktion sozialer Ungleichheit

Bachelorarbeit 2019 27 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intersektionalität und Soziale Arbeit
2.1 Historischer Kontext
2.2 Soziale Arbeit und ihre Verstrickung in soziale Ungleichheitsverhältnisse
2.3 Intersektionalität als Analyseinstrument
2.3.1 Begriffsklärung
2.3.2 Intersektionale Mehrebenenanalyse nach Winker und Degele

3. Theoretische Grundlage der Offenen Jugendarbeit
3.1 Verortung der Lebensweltorientierung in der Offenen Jugendarbeit
3.2 Lebensweltorientierte Soziale Arbeit im Kontext sozialer Ungleichheit
3.3 Perspektiven einer intersektionalen lebensweltorientierten Offenen Jugendarbeit

4. Intersektionale Handlungsmaximen

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

Kurzreferat

Intersektionale lebensweltorientierte Offene Jugendarbeit

Handlungsmethoden zur Entgegenwirkung einer Reproduktion sozialer Ungleichheit

Diese Arbeit setzt sich mit dem professionsethischen und vom Bund vorgegeben Auftrag der Offenen Jugendarbeit auseinander und fokussiert sich, im Hinblick auf die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, auf die (Re)Produktion sozialer Ungleichheit. Ziel ist es, auf die Verstrickung Sozialer Arbeit in sozialen Ungleichheitsverhältnissen aufmerksam zu machen sowie Handlungsmöglichkeiten darzulegen, die der Vielschichtigkeit ihrer AdressatInnen und dem Auftrag gerecht werden. Zu Beginn der Arbeit wird der Intersektionalitätsansatz umfassend behandelt und Soziale Arbeit im Kontext sozialer Ungleichheit analysiert. In weiterer Folge wird die Lebensweltorientierung in der Offenen Jugendarbeit verortet und die gesellschaftskritische Ausrichtung thematisiert. Abschließend wird eine intersektionale lebensweltorientierte Offene Jugendarbeit skizziert sowie die daraus resultierenden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Schlagwörter: Offene Jugendarbeit; Intersektionalität; Lebensweltorientierte Soziale Arbeit; Soziale Gerechtigkeit; Soziale Ungleichheit

Abstract

Intersectional Lifeworld-Oriented Open Youth Work

Methods to Counteract the Reproduction of Social Inequality

This paper deals with the professional ethical and federal mandate of open youth work and focuses on the (re)production of social inequality regarding to the demand for social justice. The aim is to draw attention to the entanglement of social work in social inequalities and to receive recommendations for action that satisfy the complexity of their clients and the profession itself. At the beginning the paper deals with the intersectionality approach comprehensively and social work in the context of social inequality is analyzed. Subsequently, the lifeworld-orientation in open youth work is located and the socially- critical orientation gets addressed. Finally, an intersectional lifeworld-oriented open youth work is outlined and the resulting possibilities for action are pointed out.

Keywords: open youth work; intersectionality; lifeworld-oriented social work; social justice; social inequality

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich mit dem professionsethischen und vom Bund vorgegeben Auftrag der Offenen Jugendarbeit auseinander. Weiters legt sie theoretische sowie methodische Möglichkeiten dar, um der Vielschichtigkeit ihrer AdressatInnen sowie ihrer Aufgaben gerecht zu werden. Im Hinblick auf die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, wird der Fokus auf die (Re)Produktion sozialer Ungleichheit und der damit einhergehenden Verstrickung Sozialer Arbeit in ungleichheitsgenerierende Prozesse gelegt.

Im Rahmen meines fünfwöchigen Orientierungspraktikums in der Offenen Jugendarbeit Dornbirn, bekam ich die Möglichkeit, in zahlreichen Projekten mitzuarbeiten, wie beispielsweise dem Arbeitsprojekt ‚Job Ahoi‘ oder dem Projekt für geflüchtete Menschen ‚welcome.Zuflucht‘. In meiner Arbeit mit jugendlichen AdressatInnen fiel mir die Vielfältigkeit an Lebenswelten auf, mit der Soziale Arbeit interagiert und konfrontiert wird.

Der Begriff der Offenheit suggeriert das Offen sein gegenüber jedem unabhängig von seiner/ihrer Konfession oder Ideologie. Die Offene Jugendarbeit hat sich in den letzten zwanzig Jahren deutlich verändert. Dies wurde aber nicht nur durch die finanziellen Kürzungen und die sozialpädagogische Entwicklung beeinflusst, vielmehr lässt sich die Veränderung auf die Heterogenität der AdressatInnen der Jugendarbeit zurückführen. Die Jugendarbeit schafft Räume für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und spricht somit verschiedene Lebensphasen an, die gekoppelt sind an diverse kennzeichnende entwicklungspsychologische und lebenslaufspezifische Bewältigungsaufgaben. (Köngeter 2016, S.130-133) Doch es stellt sich die Frage wie der Auftrag der Sozialen Arbeit definiert wird, bei den mannigfachen Problemstellungen vielfältiger Lebenswelten mit der sie arbeitet. Und auch wie die Ziele in solch diversen Anforderungen definiert und erarbeitet werden.

Themen wie Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter, Chancengleichheit sowie der Respekt gegenüber Menschen jeglicher Herkunft sind Grundwerte des Handelns in der Offenen Jugendarbeit Dornbirn. Als Ziele werden „die Verbesserung der persönlichen Lebenssituation“ sowie die „Vermittlung von Perspektiven im Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit“ und die Stärkung der jugendlichen Unabhängigkeit definiert (OJAD 2010). Soziale Arbeit, so dass bundesweite Netzwerk der Offenen Jugendarbeit Österreich, trägt dazu bei, junge Menschen zu befähigen, ein „selbstbestimmtes Leben in einer freien und solidarischen Gesellschaft zu führen und ihre Lebensperspektiven zu erweitern“ (boja 2011). Und auch das Bundesministerium für Familie und Jugend hat klar definierte Ziele an die Offene Jugendarbeit, wie beispielsweise die Erreichung der Handlungskompetenz, um „aktiv Verantwortung in der Gesellschaft“ übernehmen zu können (bmfj 2015, S. 13). Des Weiteren wird ein Beitrag zur Verteilungsgerechtigkeit „durch die Zurverfügungstellung von Ressourcen und Möglichkeiten“ gefordert sowie die Aufarbeitung von „gesellschaftspolitisch relevanten Themen“, um eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen (bmfj 2015, S. 13).

In meiner Praktikumszeit lernte ich eine Soziale Arbeit kennen, die sich sehr wohl mit den obig beschriebenen Zielen thematisch auseinandersetzt. Jedoch wurde mir nicht klar ersichtlich, welche konkreten methodischen Handlungsschritte gesetzt werden, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Darüber hinaus stellte sich mir die Frage, ob ein grundlegendes theoretisches Konzept mit methodischen Zugängen für die Offenen Jugendarbeit in Österreich vorhanden ist.

Im Handbuch zur Qualitätssicherung in der Offenen Jugendarbeit Österreich, werden diverse Arbeitsprinzipien aus der Fachliteratur erörtert und als Grundlage einer professionellen Arbeit bezeichnet. Fachterminologische Schlagwörter wie, Bedürfnisorientierung, Diversität, Sozialraumorientierung, Gender Mainstreaming, Inklusion und Lebensweltorientierung werden in der Offenen Jugendarbeit verankert und gefordert. (Boja, 2015, S. 18-21)

Werner Thole diagnostiziert jedoch, dass bislang unklar bliebe, auf welchen theoretischen Grundlagen die Jugendarbeit basiere. Es sei vielerorts nicht klar ersichtlich, auf welche theoretischen Konzepte, Methoden und Theorien sich die Jugendarbeit, in der Praxis, reflexiv bezieht. (Thole 2000, S. 226)

Bei meiner Literaturrecherche erfuhr ich vom Konzept der Intersektionalität und der theoretischen Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Reproduktion sozialer Ungleichheit in Bezug auf die Soziale Arbeit.

Die Rahmenbedingungen, Aufgaben und Handlungsfelder Sozialer Arbeit, werden durch Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse strukturiert. Was folglich bedeutet, dass sich Soziale Arbeit diesen Verhältnissen nicht entziehen kann, sondern Teil dieser ist, beziehungsweise Gefahr läuft, diese Ungleichheitsverhältnisse zu reproduzieren (Bronner, Paulus 2017, S. 105-106). Soziale Ungleichheit wird in zahlreichen Theoriesträngen der Sozialen Arbeit behandelt, insbesondere kritische Alltags- und Lebenswelttheorien setzten sich mit Ungleichheitsverhältnissen auseinander und akzentuieren AdressatInnen im Kontext dieser Verhältnisse zu unterstützen, um gerechtere Lebensverhältnisse zu schaffen. Jedoch werden soziale Probleme, wie beispielsweise Armut, Migration oder Geschlechterverhältnisse häufig getrennt voneinander betrachtet (Langsdorff 2014, S. 38).

In Hinblick auf die Ansprüche und Ziele Sozialer Arbeit, einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten sowie Teilhabe- und Partizipationsmöglichkeiten von AdressatInnen zu erweitern, möchte ich im Zuge meiner Arbeit herausfinden, welche konkreten Handlungsmöglichkeiten für die Offene Jugendarbeit in Österreich vorhanden sind, um dem gesellschaftlichen sowie professionsethischen Auftrag Sozialer Arbeit gerecht zu werden. Deshalb ist meine Arbeit im Handlungsfeld Kindheit, Jugend und Familie verortet. Mit Bedachtnahme, dass die Offene Jugendarbeit mit einer Vielschichtigkeit und Verwobenheit individueller Problemursachen und sozialen Ungleichheitsverhältnissen sowie den daraus resultierenden mannigfachen Handlungskonsequenzen konfrontiert wird, entstand meine grundlegende Fragestellung:

Welche Handlungsmethoden bedarf es in der Offenen Jugendarbeit, um, in Zeiten vielfältiger Lebenswelten, ihrem Auftrag gerecht zu werden und sozialen Ungleichheitsverhältnissen entgegenzuwirken?

Ziel meiner Arbeit ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass Soziale Arbeit mit verschiedenen sozialen Ungleichheitsverhältnissen konfrontiert wird, darin agiert und diese auch, ob bewusst oder unbewusst, reproduziert. Ich möchte aufzeigen, dass eine intersektionale Analyse dazu beitragen kann, die Verwicklung Sozialer Arbeit in Ungleichheitsprozesse aufzudecken und zu reduzieren. Die daraus resultierenden Anforderungen an Fachkräfte und Institutionen sollen zum theoriefundierten Reflektieren über das eigene Handeln, Beschreiben und Analysieren von Problemen dienen.

2. Intersektionalität und Soziale Arbeit

Zu Beginn dieses Kapitels wird der historische Kontext der Intersektionalität grob skizziert. Folgend werde ich die Verstrickung Sozialer Arbeit in sozialen Ungleichheitsverhältnissen darlegen und anschließend anhand des Code Of Ethics den Auftrag Sozialer Arbeit herausarbeiten. Abschließend wird die intersektionale Mehrebenenanalyse nach Winker und Degele veranschaulicht und werde ich die in dieser Arbeit verwendeten Begrifflichkeiten bezüglich Intersektionalität erläutert.

2.1 Historischer Kontext

Unter dem Begriff Intersektionalität werden Macht- und Herrschaftsstrukturen, Subjektivierungsprozesse und soziale Ungleichheiten, welche in soziale Kategorien wie beispielsweise Geschlecht und „Rasse“1 strukturiert sind, nicht getrennt voneinander betrachtet, sondern in ihrer Verwobenheit und Interdependenz analysiert. Das Hauptaugenmerk liegt auf das synchrone Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten und der daraus resultierenden Wechselwirkung. (Walgenbach 2017, S.55)

Historisch betrachtet lassen sich die Anfänge der Intersektionalität in den Differenzdebatten amerikanischer Frauenbewegungen der 60er Jahre verorten. Women of Color erhoben ihre Stimmen und kritisierten unter anderem, dass der Mainstream- Feminismus, der versprach im Namen aller Frauen zu sprechen, ausschließlich Anliegen von westlichen, weißen, heterosexuellen Frauen repräsentierte. Mainstream-Feminismus verfolgt ein homogenes Frauenbild, was folglich zur Problematik führt, dass beispielsweise Unterdrückungserfahrungen homosexueller Frauen marginalisiert werden oder Lebenswelten Schwarzer2 Frauen kaum Einzug in Theorie und Praxis finden. In den 80er Jahren veranschaulichte das vom Combahee River Collective verfasste Statement, die Verstrickung von „Rasse“, Geschlecht, sexueller Orientierung und Klassenzugehörigkeit. “All The Women Are White, All The Blacks Are Men, But Some Of Us Are Brave” (Combahee River Collective 1981, S. 210). Schwarze Frauen sahen sich nicht mehr vertreten von Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen und forderten deshalb Mehrdimensionalität und Berücksichtigung ihrer komplexen Lebenswelten. (Walgenbach 2017, S.55-58)

Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen waren jedoch nicht die alleinigen Vorläufer der Intersektionalität. Klassenbezogene Diskurse, wie die Hausarbeitsdebatte oder die Patriarchatsideologie, beschäftigten sich mit der Wechselwirkung zwischen den Kategorien Geschlecht und Klasse. Der Postkolonialismus und die Women of Color- Bewegung beispielsweise, verdeutlichten die Verstrickungen zwischen den Kategorien „Rasse“ und Geschlecht bzw. Klasse. Im geschlechtsbezogenen Diskurs, wie etwa das Differenzparadigma oder der Konstruktivismus in der Frauenforschung, wird die gesellschaftlich konstruierte Zweigeschlechtlichkeit dekonstruiert und die Beeinflussung dieser gesellschaftlichen Konstruktion auf das individuelle Handeln und Denken debattiert. Demnach findet sich das Zusammendenken von verschiedenen sozialen Kategorien, mit dem Blick auf soziale Ungleichheitsverhältnisse und Diskriminierung, historisch gesehen in mehreren Theoriesträngen bzw. Forschungsfeldern wieder und können somit als Wurzeln der Intersektionalität interpretiert werden. (Bronner, Paulus 2017, S. 66-77)

Der Terminus Intersektionalität wurde jedoch erstmals 1989 von der Juristin Kimberlè Crenshaw eingeführt. Da die Belange diskriminierter Schwarzer Frauen juristisch entweder in der Kategorie Geschlecht (Frau) oder „Rasse“ (Schwarz) behandelt wurden, anstatt die beiden Kategorien miteinanderverschränkt zu betrachten. Die Metapher einer Straßenkreuzung (engl. intersection) soll aufzeigen, dass Schwarze Frauen sowohl von rassistischen sowie sexistischen Ungleichheitsverhältnissen betroffen sind und diese folglich nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. (Bronner, Paulus 2017, S. 79)

„Es kommt gerade darauf an, dass Schwarze Frauen auf verschiedene Arten Diskriminierung erfahren können (…) Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar (…) aus allen Richtungen gleichzeitig.“ (Crenshaw 2010, S. 40)

Crenshaw legte mit der Begriffseinführung den Grundstein für den akademischen Diskurs in unterschiedlichen Forschungsfeldern. Die Vielzahl an Publikationen im Bereich Intersektionalität zeigen klar auf, dass es sich um ein vielbeachtetes, aktuelles aber auch umstrittenes Konzept handelt. Der genaue Gegenstand von Intersektionalität ist bislang jedoch noch nicht zweifelslos geklärt. Also was kann, soll oder muss Gegenstand eines intersektionalen Konzeptes sein? Die Debatte ist noch nicht abgeschlossen und es stellt sich die Frage, wie sich Intersektionalität, sei es als Paradigma, Konzept oder Analysemodell, in der Sozialen Arbeit als Profession und Disziplin verankern lässt. (Langsdorff 2014, S. 172-173).

2.2 Soziale Arbeit und ihre Verstrickung in soziale Ungleichheitsverhältnisse

Seit den Anfängen der Sozialen Arbeit sind soziale Ungleichheitsverhältnisse und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Individuen Gegenstand dieser. Jedoch im Gegensatz zu sozialen Bewegungen agiert Soziale Arbeit stets im staatlichen Auftrag. Zentrale Problematiken waren zu Beginn vor Allem Armut und Devianz. Das verfolgte Ziel war es damals, den AdressatInnen mehr Partizipationsmöglichkeiten und soziale Teilhabe zu ermöglichen, umso einen gelingenderen Alltag herbeizuführen. Heute sind die Ansprüche und Ziele Sozialer Arbeit in internationalen sowie nationalen fachlichen Standards und Richtsätzen verankert. Sie fordern Soziale ArbeiterInnen unter anderem dazu auf, einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten, Diskriminierung entgegenzuwirken und die Ermöglichung sozialer Teilhabe zu fördern. (Bronner, Paulus 2017, S. 104)

„Social workers have a responsibility to promote social justice, in relation to society generally, and in relation to the people with whom they work. This means (…) social workers have a responsibility to challenge negative discrimination on the basis of characteristics such as ability, age, culture, gender or sex, marital status, socio-economic status, political opinions, skin colour, racial or other physical characteristics, sexual orientation, or spiritual beliefs.” (International Federation of Social Workers 2004)

Mit den im Code of Ethics bzw. im Global Social Work Statement of Ethical Principles vom IFSW und IASSW herausgearbeiteten fachlichen Standards und Prinzipien, lässt sich der Auftrag, der eigenen Profession gegenüber ableiten. Soziale Arbeit baut sich zum einen auf dem Prinzip der Menschenrechte und Achtung der Menschenwürde auf. Hierbei gilt es beispielsweise die AdressatInnen in ihrer Selbstbestimmtheit und Handlungsmöglichkeiten zu fördern und das Wohlergehen eines jeden Einzelnen zu wahren und zu verteidigen. Das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit zeigt die Verpflichtungen der SozialarbeiterInnen auf, die sie gegenüber der Gesellschaft sowie den AdressatInnen haben. Verschiedenheiten anzuerkennen und zu respektieren, negativer Diskriminierung entgegenzuwirken, Sicherstellung einer gerechten Verteilung der Mittel und ungerechten politischen Entscheidungen entgegenzutreten; sind die Pflichten von SozialarbeiterInnen. Darüber hinaus besteht auch die Verpflichtung sozialen Strukturen, die soziale Marginalisierung, Stigmatisierung oder Unterdrückung zulassen bzw. fördern, entgegenzuwirken. (DBSH 2009, S. 7-8) Doch wie können diese Ziele und Ansprüche verwirklicht werden, wenn Soziale Arbeit selbst ein Teil der gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen ist?

Soziale Arbeit kann sich den gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnissen schließlich nicht entziehen und kann auch nicht außerhalb von ihnen agieren. Institutionen müssen zum einen dem gesellschaftlichen Anspruch und zum anderen den (meist staatlichen) Fördergebern gerecht werden. Sie nehmen sich so durchaus auch der Rolle der normalisierenden Instanz an, um das normabweichende Verhalten der KlientInnen und deren individuellen Lebenslagen wieder gesellschaftskonform anzupassen. SozialarbeiterInnen sind Teil von gesellschaftlichen Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverhältnissen und laufen Gefahr diese zu reproduzieren oder vielleicht sogar davon zu profitieren. Darüber hinaus konstruiert und produziert Soziale Arbeit Differenz. Sei es bei der Benennung von Zielgruppen (Bsp.: Suchtkranke), Angebotsausschreibungen (Bsp.: Gewaltprävention für MigrantInnen) oder der Institutionsbezeichnung an sich (Bsp.: Jugendtreff). Soziale Arbeit differenziert, kategorisiert und normiert in ihrer konzeptionellen und praktischen Arbeit und läuft dabei Gefahr soziale Ungleichheit zu reproduzieren sowie gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse, Zuschreibungen und Normalitätszwänge aufrechtzuerhalten. Jedoch können Zielgruppen und die einhergehenden Problematiken nicht bearbeitet oder erforscht werden, ohne benannt zu werden. Und Kategorisierungen und Differenzierungen können nicht ohne Normierungen auskommen. (Bronner, Paulus 2017, S. 105-106)

Patricia Baquero Torres kritisiert beispielsweise, dass auch SozialarbeiterInnen an der negativen defizitorientierten Konstruktion muslimischer Frauen beteiligt waren und auch heute noch beteiligt sind. Die Lebenswelten muslimischer Frauen werden problematisiert und pauschalisiert und es zeichnet sich ein, aus hegemonialer Perspektive heraus erzeugtes Bild der Muslimin als Opfer patriarchaler Familienstrukturen ab, die es zu retten gilt. (Baquero Torres 2012, S.62)

Das Konzept der Intersektionalität kann dazu beitragen, die eigene Verstrickung in ungleichheitsgenerierende Prozesse aufzudecken und zu minimieren. Also wie werden, von mir als SozialarbeiterIn oder als Institution, Probleme beschrieben, analysiert, bearbeitet und an die Öffentlichkeit getragen. Einerseits ist das Aufmerksam machen auf Ungleichheitsverhältnisse der AdressatInnen und das aufbrechen von Zuschreibungen ein Anspruch und Ziel Sozialer Arbeit. Anderseits bedient sich die Soziale Arbeit an den gesellschaftlichen Diskursen, Bildern und Pauschalisierungen. Wenn beispielsweise versucht wird die Anliegen von Flüchtlingen oder Alleinerziehenden zu veranschaulichen, dann liegen diesen Begriffen soziale Differenzierungen und Normierungen zugrunde, die folglich mit Macht- und Ungleichheitsprozessen zusammenhängen. Aber auch Zielformulierungen der Organisationen sollten dahingehend analysiert werden, ob sie sich Zuschreibungen bestimmter Gruppen bedienen, um die eigene Arbeit zu legitimieren. Im intersektionalen Analysekonzept besteht der Nutzen darin, diesen Bildern zugrundeliegenden Normalitätsvorstellungen zu dekonstruieren, Diskriminierungen zu verstehen und ungleichheitsgenerierende Prozesse detailliert aufzuschlüsseln. Diskriminierende konstruierte Ungleichheitsverhältnisse können so in Forschung und Praxis erkannt und wiederlegt werden. (Bronner, Paulus 2017, S.106)

2.3 Intersektionalität als Analyseinstrument

Die Behandlung von sozialer Ungleichheit, in ihrer Verwobenheit und Interdependenz diverserer Kategorien und Dimensionen, kann als gemeinsamer Konsens des Diskurses um Intersektionalität betrachtet werden. Als Kategorien werden Gruppen von Subjekten mit gleichen sozialen Merkmalen definiert. Charakteristische intersektionale Kategorien wären beispielsweise „Rasse“, Klasse, Geschlecht und Körper. Als Dimensionen werden Orte oder gesellschaftliche Ebenen bezeichnet, in denen Diskriminierung stattfindet. Exemplarische intersektionale Dimensionen sind die Strukturebene, die Subjektebene und die Symbolebene. Mit der Verbindung von Dimensionen und Kategorien, lässt sich die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Strukturen und subjektivem Handeln veranschaulichen. Für die Beschreibung sozialer Ungleichheit analysiert Intersektionalität neben den Kategorien und Dimensionen, auch die damit einhergehenden Mechanismen gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse. (Bronner, Paulus 2017, S. 15)

2.3.1 Begriffsklärung

Kategorien sozialer Ungleichheit

Die genannten Kategorien, Klasse, Körper (Gesundheit, Alter, Attraktivität), „Rasse“ und Geschlecht, produzieren Diskriminierungen und Ausgrenzung. Die Auswirkungen auf Individuen, die sich mindestens einer solcher Kategorie zuordnen lassen, sind unter anderem Benachteiligungen, Ausschlüsse, Abwertungen, Unterdrückung oder Stigmatisierung. Die mit den Kategorien einhergehenden -ismen (Klassismus, Rassismus, Sexismus, Bodyismus etc.) lassen sich als gruppenbezogene Diskriminierung beschreiben. Aber auch weitere Diskriminierungsformen wie Homophobie, Marginalisierung von substanzabhängigen Personen oder Stigmatisierung von Langzeitarbeitslosen unterliegen der Ideologie der Ungleichwertigkeit und erschweren den Zugang zur Erwerbsarbeit und gesellschaftlicher Teilhabe. (Bronner, Paulus 2017, S. 47-64)

[...]


1 Die Benutzung des Begriffes „Rasse“ ist im deutschsprachigen Raum problematisch, da es immanent einer rassistische Weltanschauung ist und nicht gleichzusetzten ist mit dem englischen Begriff race. Und deshalb wird der Begriff unter Anführungszeichen verwendet.

2 Schwarz beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. Schwarz wird groß geschrieben, um zu veranschaulichen, dass es sich um konstruierte pauschalisierte Bilder handelt und keine Rückschlüsse von der Hautfarbe auf die Persönlichkeit gezogen werden können.

Details

Seiten
27
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668907973
ISBN (Buch)
9783668907980
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460778
Institution / Hochschule
Fachhochschule Vorarlberg GmbH
Note
1,9
Schlagworte
Intersektionalität Thiersch Crenshaw Jugendarbeit Soziale Gerechtigkeit Soziale Arbeit Offene Jugendarbeit Pädagogik Code of Ethics Lebensweltorientierte Soziale Arbeit

Autor

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Titel: Intersektionale lebensweltorientierte Offene Jugendarbeit