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Die innenpolitische Situation des Königreiches Jerusalem 1174 bis 1186

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Der König von Jerusalem, Balduin IV

3.Die Hofpartei
3.1.Rainald von Chatillon

4. Die Alteingesessen
4.1. Raimund III. von Tripolis

5. Politische Meinungsverschiedenheiten und persönliche Fehden
5.1 Der „coup d’etat“

6. Fazit

7. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Waren zur Zeit des Ersten Kreuzzuges die Muslime untereinander zerstritten und hatten zu einem erheblichen Teil erst dadurch die Begründung der Kreuzfahrerstaaten überhaupt ermöglicht, so waren sie in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch Nuraddin und Saladin wieder unter eine einheitliche Führung gezwungen worden, während die Uneinigkeit unter den Christen der Kreuzfahrerstaaten immer verderblichere Züge annahm.“[1]

Die 1185 von Saladin erreichte Einigung Syriens und Ägyptens zu einem muslimischen Reich führte nicht zu mehr Solidarität der Franken untereinander. Im Gegenteil, begünstigt durch einen erst aufgrund seiner Minderjährigkeit, dann aufgrund seiner Lepraerkrankung zumindest zeitweise, regierungsunfähigen König, sollte der „Zerfall des Reiches in zwei einander bitter befehdende Parteien“,[2] der so genannten Hofpartei und der Partei der Alteingesessen, die Kreuzfahrerstaaten so schwächen, dass es 1187 bei den Hörnern von Hattin zur Katastrophe kam und beinahe das gesamte Heilige Land, besonders aber Jerusalem verloren wurde.

Die Hofpartei setzte sich vor allem durch Neuankömmlinge zusammen, welche, in erster Generation im Heiligen Land, auf Besitzerwerb und Abenteuer aus waren. Zu ihnen werden unter anderem Rainald von Chatillon, Guido und Amalrich von Lusignan und Joscelin III. von Courtenay gezählt, aber auch die Mutter des im betrachteten Zeitraum amtierenden Königs von Jerusalem, Balduin IV., Agnes von Courtenay. Das Interesse der Alteingesessen ging eher dahin, die von ihren Vorfahren in Familienbesitz gebrachten Ländereien zu bewahren denn neue Territorialgewinne zu erzielen. Zu ihren wichtigsten Protagonisten werden unter anderem Raimund III. von Tripolis, Balduin von Ramla und sein Bruder Balian von Ibelin sowie Rainald von Sidon gerechnet.

Politische Meinungsverschiedenheiten und vor allem persönliche Feindseligkeiten[3] führten, wie hier am Beispiel der Usurpation Guidos aufgezeigt werden soll, zu einer Spaltung des Reiches. Die Großen erschöpften sich in Machtkämpfen und Intrigen um die wichtigsten Ämter im Reiche, was eine Lähmung des Königreiches nach sich zog zu einer Zeit, als dieses in zuvor nicht gekannter Intensität in seiner Existenz bedroht wurde. In der Konsequenz dieser Lähmung verloren die Christen die Schlacht bei den Hörnern von Hattin, und in ihrer Folge wurden ihre schlecht verteidigten Besitzungen reihenweise von Saladin erobert. Zurückerobern konnten die Franken Jerusalem nicht mehr. Wie die Masse der christlichen Besitztümer, die nach der Schlacht von Hattin an die Muslime fielen, war es für immer verloren. Die Christen hatten den Zenit ihrer Macht im heiligen Land schon vor dem Jahr 1187 überschritten, seit der Schlacht bei den Hörnern von Hattin jedoch befanden sie sich im freien Fall.

2. Der König von Jerusalem, Balduin IV

„It so happened that once when he was playing with some other noble boys who were with him, they began pinching one another with their fingernails on the hands and arms, as playful boys will do. The others evinced their pain with yells, but, although his playmates did not spare him, Baldwin bore the pain altogether too patiently, as if he did not feel it. When this had happened several times, it was reported to me. At first I thought that this happened because of his endurance, not because of insensitivity. Then I called him and began to ask what was happening. At last I discovered that about half of his right hand and arm were numb, so that he did not feel pinches or even bites there. I began to have doubts, as I recalled the words of the wise man: "It is certain that an insensate member is far from healthy and that he who does not feel sick is in danger." [Hippocrates]

I reported all this to his father. Physicians were consulted and prescribed repeated formentations, anointings, and even poisonous drugs to improve his condition, but in vain. For, as we later understood more fully as time passed, and as we made more comprehensive observations, this was the beginning of an incurable disease. I cannot keep my eyes dry while speaking of it. For as he began to reach the age of puberty it became apparent that he was suffering from that most terrible disease, leprosy.”[4]

Dieser Befund, welchen Wilhelm von Tyrus, der Erzieher Balduins IV. bei seinem Schützling feststellte, spiegelt die ganze Misere wieder, in der sich die Kreuzfahrer nach dem Tod Königs Amalrichs I. 1174 befanden. Auf dem Thron des Königreichs Jerusalem saß nun ein nicht nur unmündiger sondern auch noch leprakranker Jüngling von 13 Jahren,[5] während sich Saladin anschickte, das muslimische Reich zu einen. Balduin war laut Wilhelm von Tyrus aus der Ehe zwischen der Gräfin Agnes, der Tochter des jüngeren Grafen Joscelin von Edessa und König Amalrichs I. von Jerusalem hervorgegangen.[6] Als Amalrich seinem Bruder Balduin III. als König nachfolgte, musste die Ehe auf Betreiben des Patriarchen von Jerusalem geschieden werden, weil eine unzulässige Blutsverwandtschaft festgestellt worden war. Die Kinder der Ehegatten (außer dem künftigen König noch seine ein Jahr ältere Schwester Sibylle) wurden jedoch für legitim erklärt, so dass Balduin IV. nach dem Ableben seines Vaters von den Baronen zum König gewählt werden konnte. Offenkundig würde er aufgrund seiner Krankheit kinderlos bleiben und somit das Reich ohne Erben hinterlassen, so dass die Hoffnungen auf einen Verbleib der Anjous auf dem Thron Jerusalems auf Sybille lasteten. Tatsächlich heiratete sie im Jahr 1176 Wilhelm von Monteferrat, genannt Langschwert, der bald darauf die Grafschaften Askalon und Jaffa erhielt und allgemein als Thronerbe galt. Jedoch erkrankte dieser im Frühjahr 1177 an Malaria und starb. Sibylle aber gebar im Herbst desselben Jahres einen Sohn, Balduin V. Das Reich hatte einen Erben.

Regierungsunfähig, erst aufgrund seiner Jugend, dann durch seine Krankheit, war Balduin IV. immer wieder auf die Bestellung von Regenten, den sogenannten Baillis, angewiesen. Der erste, der diese Aufgabe wahrnahm war Milo von Plancy, der frühere Seneschall Amalrichs I. . Noch während der Regentschaft Milos von Plancys forderte Raimund III. von Tripolis das Amt des Baillis. Den Verwandtschaftsgrad, seine Position als reichster und mächtigster Mann am Hofe, die Tatsache, dass er während seiner Gefangenschaft König Amalrich I. die Regentschaft über seine Grafschaft überlassen und er diese im Falle seines Todes an den König vererbt hätte, führte er zur Legitimation seiner Ansprüche an.[7] Der Haute Cour übertrug ihm denn auch dieses Amt, und er führte die Regierungsgeschäfte für den unmündigen König bis dieser 1177 das sechzehnte Lebensjahr erreicht hatte. Kurz darauf wurde Milo von Plancy auf offener Straße ermordet, ohne dass die Täter je ermittelt werden konnten.[8] Dann übernahm Balduin selbst die Amtsgeschäfte, obwohl ihm klar gewesen sein dürfte, dass seine Krankheit seine Befähigung zumindest einschränkte. Was seine Befähigungen angeht, da scheiden sich ohnehin die Geister. Während Smail ihn als außergewöhnlich begabten (exceptionally gifted)[9] jungen Mann beschreibt, billigt ihm Mayer nach Wilhelm von Tyrus außer Ausdauer, Geduld und Talent im Umgang mit Pferden keine besonderen Eigenschaften zu. Darüber hinaus bezichtigt ihn Mayer der fixen Idee verfallen zu sein, in jedem Baron einen potentiellen Usurpator zu sehen.[10] Zur Untermauerung dieser These verweist er auf das „Frühjahr 1180, als sich Raimund III. von Tripolis und der Fürst von Antiochia (Bohemund III.) ins Königreich begaben, fürchtete der König erneut die Absetzung, mindestens aber eine Lösung der Ehefrage seiner Schwester, die nicht in seinem Sinne war.“[11] Um diesem zuvorzukommen stimmte Balduin der von seiner Mutter Agnes betriebenen Heirat Sibylles mit Guido von Lusignan zu. Weswegen die beiden mächtigen Barone nach Jerusalem kamen, das lässt Mayer jedoch offen. Ein weiterer Anhaltspunkt für Mayers These findet sich u.a. bei Röhricht, demnach Raimund nach fast zweijähriger Abwesenheit sich auf dem Weg nach Tiberias befindet und der König, auf Betreiben seiner Mutter Agnes und Joscelins III. von Courtenay, ihm das dafür notwendige Durchqueren des Reiches verbietet.[12] Im Königreich Jerusalem fehlte es, Wilhelm von Tyrus zur Folge

„nicht an gottlosen Belialskindern, deren unruhiger Geist Zwietracht in das Reich zu bringen suchte. Es geschah nämlich, dass der Graf von Tripolis, der wegen der vielfachen Geschäfte, die ihn in seinem Land festhielten, seit zwei Jahren nicht in das Königreich hatte kommen können, jetzt wegen der Stadt Tiberias, die ein Erbteil seiner Gemahlin war, dahin zu reisen beschloß, und als er nun alle Vorbereitungen zur Reise gemacht hatte und schon bis Biblius gekommen war, machten sich die genannten schlechten Menschen mit boshaften Einflüsterungen an den allzu leichtgläubigen König und beredeten ihn, der genannte Graf wolle in böser Absicht in das Königreich kommen, um im geheimen gegen ihn, den König, etwas anzustiften. So kam es, dass der König, der diesen Worten allzu leicht Gehör schenkte, eine Botschaft an den Grafen sandte und ihm unüberlegterweise verbot, das Königreich zu betreten.“[13]

1183 war die Krankheit Balduins soweit fortgeschritten, dass er weder Arme noch Beine bewegen konnte und sie abzusterben begannen. Dazu kam noch eine weitestgehende Erblindung, so dass die Verpflichtung eines neuen Baillis erforderlich wurde. Da das Verhältnis zu Raimund nachhaltig abgekühlt war, fiel die Wahl auf den Schwager des Königs Guido von Lusignan.

[...]


[1] Möhring: Saladin und der dritte Kreuzzug. Wiesbaden 1980, S. 7.

[2] Mayer: Die Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart 2004, S. 116.

[3] Runciman: Geschichte der Kreuzzüge. München 1958, S. 395.

[4] William of Tyre: Historia rerum in partibus transmarinis gestarum, XXI, 1. Kapitel. Übersetzt von James Brundage. Internet Medieval Sourcebook. http://www.fordham.edu/halsall/source/tyre-latindisarray.html.

[5] Runciman: Geschichte der Kreuzzüge. München 1958, S. 392.

[6] Wilhelm von Tyrus: Historia rerum in partibus transmarinis gestarum, XXI, 1. Kapitel.

[7] Nicholson: Joscelin III. and the Fall of the Crusader States. Leiden 1973, S. 71.

[8] Möhring: Saladin und der dritte Kreuzzug. Wiesbaden 1980, S. 9.

[9] Smail: The Crusaders. Southampton 1973, S. 22.

[10] Mayer: Die Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart 2004, S. 116.

[11] Mayer: Die Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart 2004, S. 119.

[12] Röhricht: Geschichte des Königreichs Jerusalem (1100 – 1291). Amsterdam 1966, S. 395.

[13] Wilhelm von Tyrus, Historia rerum in partibus transmarinis gestarum, XXII, 9. Kapitel. Übersetzt von Manfred Hiebl. http://www.manfredhiebl.de/tyrus.htm.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638433310
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46048
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Institut für Geschichte
Note
1
Schlagworte
Situation Königreiches Jerusalem Proseminar
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Titel: Die innenpolitische Situation des Königreiches Jerusalem 1174 bis 1186