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Niccoló Machiavellis Handlungslehre: Die Rolle von Virtù, Fortuna und Necessità

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 23 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einführung

1. Das Bedeutungsspektrum von virtù, fortuna und necessità
1.1 „Virtú“
1.1.1 Die christlich-stoische Definition von virtù
1.1.2 Der semantische Wechsel des virtù-Begriffes
1.1.3 Männer von besonderer virtù - uomini virtuosi
1.2 „Fortuna“
1.2.1 Die Rolle Fortunas in der Antike und im Mittelalter.
1.2.2 Das Fortuna-Revival im Übergang zur Renaissance..
1.3 „Necessitá“
1.3.1 Das Dritte Element im Dreigestirn: Die necessità.
1.3.2 Necessità in der Geschichte.

2. Das Wechelspiel von virtú, fortuna und necessità
2.1 Die Kombination von virtù und necessità
2.2 Virtus und Fortuna – Eine Fundamentalopposition?

3. Machiavelli für Teamchefs – Ein Dialog mit Rudi Völler

Literaturverzeichnis..

Einführung

Wer am 6. Juni 2002 am Kiosk die aktuelle Ausgabe der renommierten Wochengazette DIE ZEIT erstand, stieß auf eine umfangreiche Ansammlung aus Beiträgen, die sich mit der öffentlichen Debatte über den FDP-Vize Jürgen W. Möllemann und den Zentralrat der Juden-Vize Michel Friedmann beschäftigten. In einem dieser Artikel mit dem Titel „Guidos Sprechstunde“ versucht sich die ZEIT-Journalistin Elisabeth Niejahr in einer Analyse der Machtverhältnisse innerhalb der FDP. Genauer geht es um den Machtkampf zwischen dem Parteivorsitzenden Guido Westerwelle und dessen Stellvertreter Jürgen W. Möllemann.

Einleitend bemerkt die Autorin: „Der Mann war bescheiden, gebildet, vielseitig interessiert, und Humor hatte er auch“[1]. Diese Attribute schrieb sie aber weder „Gaudi-Guido“ noch „Power-Mölli“ zu, sondern Niccoló Machiavelli, dem berühmt-berüchtigten Staatstheoretiker und Philosophen aus dem Italien der Renaissance. Inspiriert durch Machiavellis „illusionslose(r) Darstellung des politischen Kräftespiels“[2] beschreibt Niejahr das politische Ränkespiel um Machterwerb, Machterhalt und Konsolidierung der Macht innerhalb der FDP seit Westerwelles und Möllemanns Konflikt um den Parteivorsitz im Mai 2001 bis hin zur jüngsten Debatte um Antisemitismus, Parteiausschlüsse und Entschuldigungen.

Nachdem sich Jahrhunderte lang Politiker, Philosophen, Wissenschaftler aller couleur mit Machiavelli beschäftigt haben und sich zum Teil auf ihn beriefen, um ihre Theorien oder ihr Handeln zu legitimieren, beweist dieser ZEIT-Artikel, dass Machiavelli und seine politische Theorie immer noch nichts an ihrer Aktualität und Brisanz verloren haben. Als einer der Wegbereiter der Denkschule des politischen Realismus hat Niccoló Machiavelli Generationen von Staatslenkern in ihrem Handeln geprägt. Die Grundlagen dieses Handelns sind vor allem in Machiavellis bedeutendsten Werken „Il Principe“ (Der Fürst) sowie in den „Discorsi“ (Staat und Politik) zu finden. In die Wissenschaft gingen die Anweisungen und Ratschläge, die im Fürsten für den Befehlshaber der florentinischen und der päpstlichen Truppen Lorenzo de Medici niedergeschrieben sind, unter dem Begriff „Handlungslehre“ ein. Innerhalb dieser Handlungslehre tauchen immer wieder folgende drei zentrale Begriffe auf: Virtú, fortuna und necessitá. Es stellt sich nun die Frage, was jedes dieser Idiome im jeweiligen Kontext bedeutet und wie diese untereinander in Beziehung stehen. Aufgabe dieser Hausarbeit ist es daher, virtù, fortuna und necessità – unter gelegentlicher Hinzuziehung der ebenfalls wichtigen occasione – näher zu untersuchen.

Im ersten Teil der Arbeit werde ich die drei erwähnten Begriffe einzeln charakterisieren und versuchen, ihre Bedeutungsvielfalt zu erschließen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Erklärung der virtù. Als Sekundärliteratur dienen mir zu diesem Zweck vor allem „Niccolò Machiavelli“ von Kersting sowie Münklers „Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz“. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit virtú mit den anderen beiden Zentralbegriffen in Zusammenhang steht und wie sie sich wechselseitig beeinflussen. Hierzu bilden hauptsächlich die Aussagen im „Principe“ die Grundlage meiner Ausführungen. Zum Schluss werde ich kurz auf die aktuelle Relevanz dieser fast vergessenen Trias und deren Bezug zum Fußball eingehen. So werde ich in Form eines Dialoges die Ergebnisse dieser Hausarbeit und meine gewonnenen Erkenntnisse über virtù, fortuna und necessità zusammenfassen.

1. Das Bedeutungsspektrum von virtù, fortuna und necessità

1.1 „Virtù“

Innerhalb der politikwissenschaftlichen Forschung zum Themenkomplex „Niccolò Machiavellis Handlungslehre“ ist ein zentraler Punkt die Untersuchung des Begriffs virtù. Zahlreiche Autoren – darunter nicht nur Politologen sondern auch Sprach- und Geschichtswissenschaftler – haben sich in der Interpretation dieses Idioms versucht. Da virtù nicht nur mit einem einzigen Wort übersetzt werden kann, ist es nur logisch, dass durch diese Interpretationsversuche eine Vielzahl an Erklärungen und Definitionen dieses Begriffs zustande kamen und noch immer zustande kommen. Zuerst werden die unterschiedlichen Definitionen von virtù im Wandel der Zeit skizziert.

1.1.1 Die christlich-stoische Definition von virtù

Unter dem Begriff virtù verstand man im Christentum bis zum 15. Jahrhundert einen maßvollen Lebenswandel, der „den Begierden des Fleisches widersteht, der jede Sünde meidet und die christlichen Tugenden der Bescheidenheit und Demut“[3] verfolgt. Weiter sollten Männer, die mit besonders ausgeprägter virtù (im christlichen Sinne) versehen waren, ein hohes Maß an klassischen stoischen Eigenschaften wie „Weisheit, Beständigkeit und Geduld“[4] mitbringen.

Diese Interpretation des virtus-Begriffs hatte bis ins späte Mittelalter Bestand. Und genau ab diesem Zeitpunkt werden in Europa althergebrachte theologisch-moralische Ideale des Mittelalters von neuen Ideen und Gedanken abgelöst, die dem Geiste des Humanismus und Individualismus entsprechen. In Europa kommt es zum Ende des 15. Jahrhunderts zu einem neuen Selbstverständnis der Menschen, das den Beginn der Renaissance markiert. Das von der scholastischen Philosophie entworfene teleologische Weltbild – alles natürliche und geschichtliche Geschehen sei von Natur aus zweckbestimmt – mit seinen ethischen und moralischen Werten und Normen gilt nicht mehr. Münkler beschreibt diese Zäsur als das „Sichtbarwerden der Welt in ihrer kausalen Gesetzmäßigkeit und die Entdeckung der individuellen Besonderheit und Einmaligkeit des Menschen.“[5] Etwas präziser schildert dieses neue Ethos und Menschenbild Kersting, indem er das neuartige individualistische Lebensgefühl der Menschen mit dem Durchbruch von „Aktivität, Selbstvertrauen, Ruhmbegier und Gemeinschaftssinn“[6] erklärt.

1.1.2 Der semantische Wechsel des virtù-Begriffes

Auch der Begriff der virtù unterliegt zu Beginn der Renaissance einem grundlegenden Bedeutungswandel. Das neue Verständnis von virtus orientiert sich nicht mehr an den „verweichlichten“ Tugenden des Christentums, sondern mehr an der virtù-Auffassung des Republikanismus der Antike sowie am Bürgerethos in Rom vor Caesar.[7] Diesem Wandel entsprechend geht Niccolò Machiavelli in seinen Discorsi, die er zeitgleich zu seinem Principe ab 1513 geschrieben hat, mit der christlichen Tugendauffassung hart ins Gericht. Er hält dem italienischen Christentum und der Kirche vor, die Sitten der Italiener verdorben und die Weichlichkeit, nicht die Tapferkeit gefördert zu haben. Dagegen verherrlicht er die alte polytheistische Religion[8]:

„Die alte Religion sprach überdies nur Männer voll weltlichen Ruhmes heilig, wie Feldherren und Staatslenker. Unsre Religion hat mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die tätigen selig gesprochen. Sie hat das höchste Gut in Demut, Entsagung und Verachtung des Irdischen gesetzt; jene setzte es in hohen Mut, Leibesstärke und alles, was den Menschen kraftvoll machte. Verlangt auch unsre Religion, dass man stark sei, so will sie doch, dass man diese Stärke im Leiden und nicht in kraftvollen Taten äußert.“[9]

Mit „Mut“ und „Leibesstärke“ sind in diesem Zitat nur zwei von zahlreichen weiteren wichtigen Attributen erwähnt, die das neue virtù-Konzept Machiavellis und das der Renaissance ausmachen. Auch Machiavelli erinnerte sich in seinen Werken an die Bedeutungen von virtus in der Antike, die virtù romana oder die virtù antica, die damals für „Tapferkeit, Mannhaftigkeit, Beherztheit“[10] etc. standen.

Aus der Machiavelli-Forschung sind vor allem im Verlauf des Jahrhunderts viele weitere Begriffsbestimmungen für virtù hervorgegangen. Neal Wood beispielsweise listet in einem seiner Aufsätze über Machiavelli eine ganze Reihe an möglichen Synonymen auf, die je nach Zusammenhang als sinnverwandte Worte für virtù verwendet werden können. Er bietet dabei „foresight, self-discipline, constancy, strength of mind, fortitude, determination, purposefulness, decisiveness, manliness, bravery, boldness, vigour“[11] als

Übersetzungsmöglichkeiten für virtù an.

Neben einem rein militärischen virtù-Begriff (virtù militare oder virtù d’arme), dem vor allem Bedeutungen wie Tapferkeit, Entschlußkraft, Willensenergie oder auch Durchhaltevermögen zugrunde liegen, existiert nach Kersting außerdem eine individuell heroische virtù, die vor allem für Machterwerb und Machterhalt von Bedeutung ist. Die individuell heroische virtú besteht aus drei Komponenten[12]:

[...]


[1] Niejahr, E., Guidos Sprechstunde, in: DIE ZEIT vom 6. Juni 2002, Ausg. 24, 57.

Jahrgang, S. 3.

[2] Ebd., S. 3.

[3] Kersting, W., Niccoló Machiavelli, München 1988, S. 112.

[4] Ebd., S. 112.

[5] Münkler, H., Staatsraison und politische Klugheitslehre, in: Fetcher, I./ Münkler H. (Hg.),

Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 3, München/ Zürich 1985, S. 23.

[6] Kersting, Machiavelli, S. 114.

[7] Vgl. ebd., S. 112. Caesar selbst galt Machiavelli übrigens niemals als vorbildlich.

[8] Münkler, Staatsraison und politische Klugheitslehre, S. 39.

[9] Günther, H. (Hg.), Machiavelli. Discorsi. Staat und Politik, Frankfurt a. M./ Leipzig 2000, S.

184. Künftig wird aus den Discorsi wie in diesem Beispiel mit folgendem Kürzel zitiert:

(Disc. II, 2, S. 184 f.).

[10] Kersting, Machiavelli, S. 112.

[11] Wood, N., Machiavelli´s Concept of Virtù Reconsidered, in: Political Studies 15 (1967),

S. 159-172.

[12] Vgl. Kersting, Machiavelli, S. 115.

Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638433105
ISBN (Buch)
9783638658430
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46027
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Niccoló Machiavellis Handlungslehre Rolle Virtù Fortuna Necessità Politische Theorie Niccolò Machiavelli

Autor

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Titel: Niccoló Machiavellis Handlungslehre: Die Rolle von Virtù, Fortuna und Necessità