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Tugenden und Künste in Gottfrieds von Straßburg "Tristan" und ihre Bedeutung für den Werdegang der Hauptfigur

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ritterliche Tugenden
2.1 Tristan: der Ritter

3. Tristan der Spielmann
3.1 Der Spielmann im Mittelalter
3.2 Tristan: der (höfische) Spielmann

4. Textbelege: Auswirkungen der Begabung auf Tristans Werdegang
4.1 Kapitel IV: Die Entführung
4.2 Kapitel V: Die Jagd
4.3 Kapitel VI: Der junge Künstler
4.4 Kapitel VII: Das Wiedersehen
4.5 Kapitel X: Morold
4.6 Kapitel XI: Tantris

5. Fazit

1. EINLEITUNG

An gebaerde unde an schoenen siten was ime sô rehte wol geschehen daz man in gerne mohte sehen.(V: 3348-3350) 1

In der neuhochdeutschen Übersetzung wird in diesen Versen das Wort 'vollkommen' zur Beschreibung Tristans genutzt. Der junge Hauptcharakter in Gottfrieds Werk scheint sich also mittels seiner Begabungen und Eigenschaften enorm von einem normalen Menschen abzuheben und erhält somit von Anfang an einen fast übermenschlichen Heldencharakter. Nach Kästner ist Tristan „ein Meister der H a r f e und des S c h w e r t s“ 2. Diese Fähigkeiten dienen jedoch nicht nur zur Rechtfertigung Tristans als ehrenhaften Menschen, der vom Leser geschätzt und geliebt werden soll, sondern sie wirken sich auch elementar auf den Verlauf der Geschichte und daher auf den Werdegang der Figur selbst aus. Außerdem stehen sie als positive Attribute vordergründig im Gegensatz zu seinem Namen Tristan ('Tristan getoufet al zehant / von triste Tristan was sin nam' V2002-2003)3.

Als These sei hier aufgestellt, dass die Vollkommenheit des Wunderkindes 4 Tristan essentiell für die Begegnung mit der jungen Tochter Isolde ist. Der von Tristan selbst bewusste und unbewusste Einsatz seiner Begabung und Erziehung sorgt linear dafür, dass die Geschichte genau so von statten geht, wie sie es in Gottfrieds Erzählung tut. Tristans Fertigkeiten sind von Anfang an dafür verantwortlich, dass es ausweglos zu der Begegnung der beiden späteren Liebenden, sowie zur Entwicklung dieser Liebe und Beziehung zwischen Tristan und Isolde, und somit auch unausweichlich zu den Problemen und dem damit verbundenen tragischen Verlauf der Geschichte kommt. Bevor Argumente und Beispiele dieser These aufgezeigt werden, möchte ich in dieser Arbeit gerne mit einem grundsätzlichen Überblick über die mittelalterliche Bedeutung von Fähigkeiten wie sie Tristan aufweist, beginnen und auch über den Stand und die Bedeutung von Rittern und Spielleuten kurz einführen.

2. RITTERLICHETUGENDEN

ZumRitterbegriff selbst:

Das Wort 'Ritter' (mhd. r îter) leitet sich vom Verb 'reiten' ab und kennzeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung einen berittenen Krieger. Im hohen Mittelalter ist das Rittertum eine „gesellschaftliche, keine ständerechtliche Erscheinung.“ 5 Der Ritter ist ein „Erziehungs- und Bildungsideal“ 6, das nicht unbedingt der Realität entsprochen hat. Der Ritter in der Fiktion, neben dem Tristan auch im Parzival , dem Nibelungenlied und dem Artusroman, legitimiert sich nicht durch seine Geburt, sondern durch seine Verdienste und Leistungen.7

Hierbei spielt nun auch das Einhalten und Standardisieren der ritterlichen Tugenden eine bedeutsame Rolle.

Zu den ritterlichen Tugenden im Mittelalter zählt als erstes die triuwe (Zuverlässigkeit, Treue, Gelübde, Versprechen, aber auch das grundlegende sittliche Pflichtverhältnis zwischen einander zugehörigen Dingen). Diese bezeichnet für den Ritter vor allem seine Verantwortlichkeit gegenüber der rittlerlichen Aufgaben bei Hofe 8.

Weiter gehören hierzu die êre (Verehrtheit, Ehrgefühl, Ruhm), die vreude (Frohsinn, Freude, Erfreuendes, Unterhaltendes,…) und die güete (Güte, Gutheit, Gnade). Mit güete beschreibt man im Allgemeinen die „innere Gutheit“ 9 eines Menschen.

Hinzu kommen die zuht (Bildung des inneren und äußeren Menschen, Wohlerzogenheit, feine Sitte und Lebensart, Sittsamkeit, Höflichkeit, aber auch Liebenswürdigkeit), die milte (Freundlichkeit, Güte, Gnade, Geduld, Barmherzigkeit) und auch die manheit (Männlichkeit, tapferes Wesen, Tapferkeit). Die staete (Festigkeit, Beständigkeit, Dauer) und die mâze (Maß, aber auch „Mäßigung“ 10 )11, betonen beide die Bedeutung der Gleichmäßigkeit und der richtigen Mitte zweier Extreme 12. Zu den beschreibenden Attributen für einen vortrefflichen Ritter gehört auch noch die schame / kiusche, welche „die Reinheit und Lauterkeit des sittlichen Empfindens bezeichnet.“ 13.

Neben dieser Ideale, sollte ein höfischer Ritter aber zusätzlich noch „schön, stolz, reich, prachtliebend, voll Ruhmverlangen und von hoher Abkunft“ 14 sein. Die Kombination der weltlichen Ideale wie Reichtum und Abkunft mit den religiösen Werten wie Frömmigkeit und Mäßigung bilden den vorzeigbaren, perfekten Ritter der in der poetischen Konstruktion des Rittertums Bekanntheit erlangte und dessen Bild bis heute in den Köpfen der Menschen gefestigt ist.

„Der Ritter sollte nicht nur Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit besitzen, er sollte nicht nur vornehm, schön und geschickt in den Waffen sein, sondern er sollte auch die feinen Sitten des Hofes beherrschen, die Regeln des Anstands und der Etikette, die richtigen Umgangsformen, den guten Ton, vor gegenüber den Damen.“ 15

2.1 TRISTAN: DER RITTER

V5035-5044: wis milte unde getriuwe / und iemer dar an niuwe! / wan ûf mîn êre nim ich daz , / daz golt noch zobel gestuont nie baz / dem sper unde dem schilte / dan triuwe unde milte.“/ Hie mite bôt er im den schilt dar./ er kuste in und sprach:“neve,nu var / und gebe dir got durch sîne craft / heil ze dîner ritterschaft! 16

Auch wenn Tristan erst später als es normalerweise üblich ist zu seiner Schwertleite kommt, ist er im Umgang mit dem Schwert bereits gut geschult und geübt, da dies als Teil seiner frühen Ausbildung bei Rual gelehrt wird. Das Schwert selbst ist im Mittelalter ein Symbol der Macht und Adelsherrschaft, ein allgemeines Statussymbol in der Gesellschaft, das zu Anerkennung und Autorität verleitet und ein Werkzeug zur legitimen Anwendung von Gewalt und ist ein Zeichen der Entscheidungsgewalt über Krieg und Frieden. 17

Tristan erhält in seinem Werdegang von König Marke zu drei Zeitpunken ein Schwert überreicht und geschenkt. Diese einzelnen Episoden können als Wende- und Aufstiegspunkte in seinem Leben gelesen werden. So bekommt der junge Knabe bereits bei seiner Ankunft am Hofe ein Schwert als Geschenk nach dem Harfenspiel, das ihm die Stellung als ' geselle' einbringt (' sich,mîn swert und mîne sporn,/ mîn armbrust und mîn guldîn horn,/ geselle,daz bevilhe ich dir ' V3737-3739)18 und somit seine Stellung am Hofe klar macht und stärkt.

Später, nachdem Tristan und auch Marke von Rual über die Vergangenheit von Tristans wahrer Herkunft aufgeklärt werden und Tristan zum Kampf gegen Morgan zieht um das Lehen seines Vaters zurück zu erobern, erhält er erneut ein Schwert von Marke, welches ihn, gemeinsam mit der vollzogenen Schwertleite, zum Ritter ernennt und ihm damit endlich den Status in der Ritterebene verschafft (' Marke nam dô Tristanden / sînen neven ze handen,/ swert unde sporn stricte er im an. ' V5019-5021)19.

Das letzte Schwert das Tristan von Marke bekommt, lässt ihn zum Vorbild als Kämpfer aufsteigen, kurz bevor er gegen den übermächtigen Morolt, den ' vorvehtaere'20 des Königs Gurmun in den Kampf zieht (' dar über gurte im Marke ein swert,/ daz sîn leben und sîn herze was,' V6578-6579 )21

Weiterhin bezeugt Tristan seine Schwertfertigkeit beim Kampf gegen den Drachen, als er diesen ersticht (' daz swert daz stach er zuo dem sper / zem herzen în unz an die hant.' V9046-9047 )22 und dann verwundet, aber siegreich und am Leben, aus dem Kampf herauskommt.

Die weitere Bedeutung des Schwertes als Marker seines Besitzers, „[d]as Schwert kennzeichnet den Träger.“ 23, wird im Tristan deutlich, als die junge Isolde den Spielmann Tantris anhand seines Schwertes als den Lügner und eigentlichen Feind 'Tristan' erkennt und ihn im Anschluss daran auch vor ihrer Mutter, der Königin Isolde, enttarnt. Die eindeutige Zugehörigkeit des Schwertes zum Träger ist hier ausschlaggebend für das Auffliegen der List.

3. TRISTAN ALSSPIELMANN

3.1 DER SPIELMANN IM MITTELALTER

„Das Tätigkeitsfeld der Spielleute im engeren Sinn aber umfaßte die künstlerisch-verbalen, schauspielerischen und vor allem die musikalischen und instrumentellen ''Künste'', dargeboten auf Dorfplätzen und Jahrmärkten, im Wirtshaus und am Hofe, im Bürgerhaus der Stadt, in Klöstern und Kirchen.“ 24

Die spîlliute (Spielmann, fahrende Sänger, Musikant, Gaukler)25 bezeichnen im Mittelalter vor allem die fahrenden Musiker, die oft in Gruppen 26 umherzogen und als Vermittler zwischen den einzelnen Teilöffentlichkeiten (Burg/Hof, Kirche, Land/Dorf und Kloster/Universität) agierten. Weiterhin kommt ihnen eine „Speicher- und Konservierungsfunktion“ 27 zu, da sie in ihren Büchern die von ihnen verbreiteten Werke und Lieder niederschreiben um sie zu bewahren und diese Bücher so als Archiv dienen können 28. Zu den Künsten der Spielleute zählt das „Singen, Pfeifen, Dichten, Reimen, Erzählen, Musizieren auf Instrumenten wie vor allem der Harfe […], Mandoline und Leier, Schalmei, Dudelsack, Flagolett und Flöte […].“ 29 Die Standesherkunft der Spielleute ist stark durchwachsen, so sind sowohl Kinder des (niederen) Adels, Kinder von Kaufleuten und Handwerkern, aber auch Knechte mit musikalischer Begabung Mitglieder dieser Gruppe. Auch aus den eigenen Reihen der Spielleute, also Spielleute in der zweiten (oder höheren) Generation, werden deren Kinder wieder in den Beruf des Spielmanns eingeführt, da sie als Nachkommen dieses Standes sowieso Schwierigkeiten haben, in die Gesellschaft zurückzukehren.

Unter Umständen werden Kindern von Spielleuten der Eintritt in spezielle Verbände und weiter konsequent verwehrt 30, was zu einem weiteren Zwang der Zugehörigkeit zur Spielmannsgruppe führt.

Die Meinungen der Gesellschaft driftet vor allem aufgrund der Besitzlosigkeit der Spielleute oft stark ins Negative ab. So ist das Bild, das die Kleriker im Mittelalter haben „zumeist ein sehr düsteres und abstoßendes.“31 Auch bei den weltlichen Herrschern sind sie durch ihre „Armut und Doppelzüngigkeit“32 meist eher im unteren Teil der Gesellschaft angesetzt. Nur wenige Fürsten, Walter Salmen verweist hier unter anderem auf Kaiser Otto III.33, stehen den fahrenden Spielleuten positiv gesinnt gegenüber. Solche meist sehr feierlustigen Herrscher sind bei den Spielleuten natürlich sehr beliebt, da sie oft als sichere Anlaufstelle gesehen werden, an denen die Musiker zu jeder Zeit willkommen sind und Aussicht auf (gute und sichere) Bezahlung haben.34

Trotz der Ablehnung, die die fahrenden Sänger teilweise erleiden müssen, kommt ihnen und ihrer Kunst in weiten Teilen große Anerkennung zu, da sie durch ihre Unterhaltungskünste Freude und Geschichten aus der Fremde an die verschiedenen Höfe bringen. Ihre Fertigkeiten werden in fast allen Teilen des Lebens geschätzt, wenn nicht sogar benötigt. So erklärt Salmen: „Lange Reisen und Wanderungen, Schlachten, festliches Essen, ja selbst das Baden oder der Kirchgang wurden mit Musik vollzogen.“35 und „Auch das ritterlichste aller Feste neben der Schwertleite, das Turnier, entbehrte nur selten des Geleits durch Musikanten.“36

Die Spielleute gelten weiterhin als „Katalysator für den kulturellen Wandel und die funktionale Reorganisation des gesamten mittelalterlichen Gesellschaftssystems;“37.

[...]


1 Alle Versangaben zitiert nach: Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Band 1: Text, Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Verse 1-9982. 13. Auflage (Unveränderter Nachdruck der 6., durchgesehenen Auflage 1993). Stuttgart, 2011. (dieses Werk wird im Folgenden zitiert unter der Verwendung der Sigle Tristan mit Vers- oder Seitenangabe).

2 Hannes Kästner: Harfe und Schwert. Der höfische Spielmann bei Gottfried von Straßburg. In: Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 30. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1981, S.101. (dieses Werk wird im Folgenden zitiert unter Verwendung der Sigle Kästner und Seitenangabe).

3 Tristan S. 128.

4 Vgl. Ebd, S. 135, Seitenüberschrift „Wunderkind“ Tristan.

5 Hilkert Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik. 7. Auflage, München 2008. S. 172. (Dieses Werk wird im Folgenden zitiert unter der Sigle Weddige und Seitenangabe).

6 Ebd. S. 172.

7 Vgl. Ebd. S. 173.

8 Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 12. Auflage, München 2008, S. 418. (Dieses Werk wird im Folgenden zitiert unter der Sigle Bumke und Seitenangabe).

9 Bumke S. 418.

10 Ebd.

11 Übersetzt nach Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, URL: http://woerterbuchnetz.de/Lexer/, Datum des Zugriffs: 16.03.2015 (Im Folgenden unter der Sigle Lexer und Zugriffsdatum).

12 Vgl. Bumke S.418.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 419.

15 Ebd. S. 425.

16 Tristan S. 307f.

17 Vgl. Kästner S. 64.

18 Tristan S. 232.

19 Ebd. S. 306.

20 Tristan. S. 364 V5940.

21 Ebd. S. 400.

22 Ebd. S. 542.

23 Kästner S.64.

24 Werner Faulstich: Medien und Öffentlichkeit im Mittelalter 800 – 1400. In: Die Geschichte der Medien. Band 2. Göttingen 1996, S. 240 (dieses Werk wird im Folgenden zitiert unter Verwendung der Sigle Faulstich und Seitenangabe).

25 Lexer 09.03.2015.

26 Vgl Faulstich S. 240.

27 Ebd. S. 247.

28 Ebd.

29 Ebd. S. 240.

30 Vgl Faulstich S. 247/248.

31 Walter Salmen (Hg): Der Spielmann im Mittelalter. In: Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft, Band 8. Innsbruck / Neu-Rum 1983, S. 38. (dieses Werk wird im Folgenden zitiert unter Verwendung der Sigle Salmen und Seitenangabe).

32 Ebd. S. 47.

33 Ebd. S. 48.

34 Ebd.

35 Ebd. S. 67.

36 Ebd. S. 68.

37 Faulstich S. 227.

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668907799
ISBN (Buch)
9783668907805
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459808
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Germanistik: Literatur, Sprache, Medien
Note
1,0
Schlagworte
Tristan Gottfried von Straßburg Mediävistik Ritter Tugend Literatur

Autor

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Titel: Tugenden und Künste in Gottfrieds von Straßburg "Tristan" und ihre Bedeutung für den Werdegang der Hauptfigur