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Entspannungstechniken im Schulsport. Kann Taijiquan die Entspannungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen unterstützen?

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Gesundheit - Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Salutogenesemodell von Antonovsky

3 Begriffsdefinition Entspannung
3.1. Entspannungsformen
3.2. Entspannungstechniken

4 Entspannungstechniken im Schulsport
4.1. Begriffsdefinition Taijiquan
4.2. Gesundheitlicher Mehrwert für Schülerinnen und Schüler
4.3. Umsetzbarkeit in der Schule

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

Authentizitätserklärung

1 Einleitung

Immer mehr Menschen fühlen sich überdreht erschöpft, ausgelaugt und ausgebrannt. Körperliche Symptome wie chronifizierte Schmerzzustände, Herzkreislaufstörungen, Magenbeschwerden u.a.m. als Zeichen übermäßiger Verspanntheit nehmen zu. Selbst bei Kindern und Jugendlichen wird über erhebliche Befindlichkeitsstörungen berichtet. Zeiten sequentieller „Entspannung“ nehmen hingegen ab. (Fessler, 2006, S. 290)

Anhand dieses Zitats von Fessler wird deutlich, in welchem Rahmen sich die Gesellschaft heutzutage befindet und wie Menschen agieren. Generell herrscht das Problem der Beschleunigung und der Hektik, Abläufe müssen immer schneller funktionieren, gegessen wird häufig nur noch unterwegs und gefahren wird mit dem Auto, der Bahn oder dem Bus von einem Termin zum Nächsten. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der jüngeren Generation wider, die in diese beschleunigte Gesellschaft geboren wird. Die ersten Anzeichen verspüren die Kinder und Jugendlichen in dem vorschulischen, institutionalisierten Angebot und anschließend in der Schule, wo das Abitur beispielsweise schon nach 12 Jahren absolviert wird oder die Entscheidung, auf welche weiterführende Schule die Schüler1 nach der Grundschule gehen sollen, nach der 4. Klasse getroffen werden muss. In Schulen herrscht gemeinhin ein hoher Leistungsdruck der zu Stressempfinden führt, mit dem es jedoch umzugehen gilt (Fessler, 2011, S. 163; Fessler, 2013, S. 11f.). Nach einer Studie von Lohaus (1990) gaben 81% der 12-18 Jährigen an, dass sie Stresserlebnisse haben, durch bspw. Klassenarbeiten und Zeitdruck (Lohaus & Klein-Heßling, 2006, S. 328).

Die genannten Umstände ermöglichen es, den Kindern und Jugendlichen zunehmend seltener sich in entspannte Situationen zu begeben, viele können sich körperlich sowie geistlich nicht mehr entspannen (Reik, 2007, S. 8). Aus diesem Grund ist es wichtig, dass diese Fähigkeit, des sich-Entspannens schon in der Schule gelehrt wird, damit Kinder und Jugendliche gesund bleiben.2

Der Sportunterricht bietet grundsätzlich die Möglichkeit der Abwechslung vom Schulalltag und einen körperlichen Ausgleich. Diesen zu erweitern und neben dem körperlichen auch einen emotionalen Ausgleich zu schaffen, der das Innere des Körpers beansprucht, ist das Ziel von Sportunterricht mit seinen Inhalten. Neben Ausdauer-, Kraft- und Leistungssport, sollte es auch um Fitness- und Gesundheitssport gehen, in dem Entspannung inkludiert ist. Auf Grundlage dieser Ansicht wird im Folgenden die Fragestellung „Inwiefern kann Taijiquan den Ausbau der Widerstandsressource Entspannung in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unterstützen?“ behandelt.

Positive Effekte, von denen Schüler nicht nur um Schulunterricht profitieren können, werden nach der Nennung des Gesundheitsmodells der Salutogenese, der Erklärung des Begriffs der Entspannung und der Entspannungstechnik Taijiquan dargelegt. Abschließend wird ein Blick auf die Umsetzung im Schulsport gerichtet. Der Hauptaspekt liegt auf der Entspannungstechnik Taijiquan und welchen Mehrwert diese im Sportunterricht für die Schüler darstellt.

2 Das Salutogenesemodell von Antonovsky

Krankheit und Gesundheit sind zwei wesentliche Begriffe im Gesundheitssport. Wird von gesunden Menschen gesprochen und eine Definition von Gesundheit gesucht, gibt es viele unterschiedliche Ansätze (Bruns, 2013, S. 21). Einen bietet die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 1948, Zitat nach Bundesministerium für Gesundheit, o. J.):

Gesundheit [ist] […] ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ist ein Grundrecht jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.

Diese Sichtweise legt ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis zugrunde, welches mit der pathogenen Sichtweise korreliert. Die Pathogenese und Salutogenese bieten somit zwei, von Grund auf, unterschiedliche Ansätze des Gesundheitsverständnisses. Zu den Modellen von Krankheit (Pathogenese) zählt neben dem Biomedizinischen Modell (Ende 19. Jhd.) das Risikofaktorenmodell (60er Jahren). Grundsätzlich ist der Blick bei diesen Modellen auf den „kranken Menschen“ gerichtet und die Aufdeckung der Pathogenese und Ätiologie von Krankheiten stehen im Vordergrund. Es wird demnach versucht den gesunden Zustand des Menschen wiederherzustellen. Die Frage, „Wie können Krankheiten und Risikofaktoren minimiert werden?“ soll bei dieser Sichtweise primär beantwortet werden. Konträr hierzu steht das Salutogenesemodell von Antonovsky (Franke, 2012, S. 133ff. & 169ff.).

Das Salutogenesemodell von Aaron Antonovsky aus dem Jahr 1970 findet noch heute großen Anklang in der Wissenschaft. Im Mittelpunkt des Modells steht die Frage, warum einige Menschen trotz belastender Faktoren gesund bleiben, sich als gesund einschätzen und gegen Stressoren resistent sind, wohingegen es andere nicht sind (Franke, 2012, S. 157). Auf einem Kontinuum von Gesundheit und Krankheit schwankt demnach jeder Mensch. Er kann nie ganz gesund oder nur krank sein, es ist vielmehr ein dynamischer Prozess bei dem der Mensch mal mehr krank und mal mehr gesund ist (Lorenz, 2005, S. 29f.; Bruns, 2013, S. 41). Das Individuum bewegt sich auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum aufgrund von zwei unterschiedlichen Dimensionen, zum einen anhand der subjektiven Faktoren und zum anderen durch die objektiven Faktoren. Zum ersteren zählt die subjektive Einschätzung, das Schmerzempfinden. Die objektiven Kriterien definieren medizinische, soziostrukturelle und psychologische Faktoren (Antonovsky, 1997, S. 40ff.).

Nach dem Salutogenesemodell geht es darum, Widerstandsressourcen aufzubauen, also schützende Faktoren die es ermöglichen, gegen Stressoren (belastende Faktoren) standzuhalten.

Stehen einer Person ausreichend internale und externale Widerstandsressourcen zur Verfügung, so können die Stressoren ihr gesundheitsschädigendes Potential nicht entfalten, da die Person bei Konfrontation mit ihnen immer wieder die Erfahrung macht, dass sie sie meistern kann und ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist. (Franke, 2012, S. 6f.)

Im Mittelpunkt des Modells steht nach Antonovsky das Kohärenzgefühl, welches den individuellen Gesundheitszustand beschreibt (Antonovsky, 1997, S. 33). „Mit dem Kohärenzgefühl ist die tiefe Überzeugung eines Menschen gemeint, dass das Leben trotz vieler Belastungen, Risiken und Unwägbarkeiten doch im Prinzip zu verstehen ist, überwiegend Sinn macht und die auf ihn zu kommenden Probleme zu bewältigen sind“ (Faltermaier, 2005, S. 164). Es setzt sich demnach aus drei Komponenten zusammen: dem Gefühl von Verstehbarkeit, der Handhabbarkeit und der Bedeutsamkeit (Antonovsky, 1997, S. 34ff.). Nach Faltermaier (2007, S.76) geht es folglich darum, mit vorhandenen Widerstandsressourcen gegen die Stressoren und Risikofaktoren anzukommen, diese zu bewältigen und gesund zu bleiben. Nach Antonovsky (1979, S. 118) bilden sich diese Widerstandsressourcen im Kindes- und Jugendalter heraus und nicht mehr im Erwachsenenalter, wo diese nur noch bedingt veränderbar sind. Genau hier setzt die Kritik des Modells an, da mehrfach belegt wurde, dass die Bildung der Ressourcen auch im Erwachsenenalter möglich ist.3

Die zu Beginn genannte Definition von Gesundheit nach der WHO steht demnach im Zusammenhang mit diesem Modell, da es um einen ganzheitlichen und mehrdimensionalen Begriff von Gesundheit geht und nicht nur um die Abwesenheit von Krankheit (Fessler, 2006, S. 290; Bruns, 2013, S. 46).

3 Begriffsdefinition Entspannung

Nach dem Salutogenesemodell zählt zu den Widerstandsressourcen des Menschen auch die Entspannung und sollte somit unvermeidlich für jeden Menschen sein. Der Begriff Entspannung ist vielschichtig und lässt sich grundsätzlich als „[sich] entspannen“ (Duden, 2017, www.duden.de) beschreiben und als „das Aufsuchen von Situationen, in denen der Mensch ein Gegengewicht zu den Belastungen des Alltags findet“ (Lange, 1992, S. 24). Fessler (2006, S. 292) beschreibt den Zustand detaillierter, wonach Entspannung als

[…] ein kontrollierter, relativ stabiler Erregungszustand [definiert wird], dessen Niveau unterhalb des normalen Wachzustands liegt und zur Reduktion der Zustände physischer wie auch psychischer Anspannung beiträgt, die sich z. T. gegenseitig bedingen (physisch: z. B. Muskelspannung, Atmung, Puls, Blutdruck – psychisch: z. B. Angst, Stress).

Mit diesen Definitionen kann Rückschluss zu der, in der Einleitung genannten Problemstellung, gezogen werden, wonach folglich das Entspannen wichtig zu erlernen und zu beherrschen scheint. Durch die Einbindung von Entspannungsformen und -techniken in den Schulsport kann es zu der genannten physischen und psychischen Stärkung bei den Schülern kommen. „So ist die alltägliche Verfügbarkeit von Entspannungstechniken […] förderlich und hilfreich bei der Regulation individuell stressreicher bzw. belastender Alltagssituationen“ (ebd., S. 291) und erfüllt somit die oben genannte Definition von Entspannung nach Lange (1992).

3.1 Entspannungsformen

Generell muss zwischen Entspannungsformen und Entspannungstechniken nach Fessler (2006, S. 293; 2011, S. 166) unterschieden werden, wenn es um Entspannung geht. Entspannungsformen sind Rituale, „die eine Vielzahl unterschiedlicher Auslegungen beinhalten, bei denen man ´abschalten´ kann“ (Fessler, 2006, S. 292). Hierzu können zum einen Joggen, Spazieren oder Walking zählen, aber auch Fernsehen oder Bier trinken. Es geht demnach um Tätigkeiten, die „Entspannung auslösen können, aber nicht müssen“ (ebd.). Jedoch sollte auch hier der Gedanke Fesslers aufgegriffen werden, dass es zusätzlich Entspannungsformen gibt, die in Zusammenhang mit dem Medikamenten- und Drogenkonsum stehen und, mit dem Ziel der Entspannung, eher vermieden werden sollten (ebd.).

3.2 Entspannungstechniken

Neben den Entspannungsformen, die nicht spezifisch zu Entspannung führen, gibt es die Entspannungstechniken, womit […] die individuelle Kompetenz auf Verspannungen allgemein und differentiell mit gezielter Entspannung zu reagieren [gemeint ist]. Differentiell meint, dass eingeübte Entspannungsfähigkeiten das Individuum in die Lage versetzen, sich in individuell belastenden Situationen durch unmittelbaren Einsatz des Erlernten selbst helfen zu können – dies auch in ungünstigen Kontexten im Alltag […]. Sie fördern die Einheit von Körper, Seele und Geist und sind in diesem Sinne ganzheitlich ausgerichtet. (Fessler, 2006, S. 292)

Nach Fessler (ebd., S. 293) lassen sich weiterhin Entspannungstechniken in religiös-philosophisch und westlich-neutral unterscheiden. Zu den ersteren zählen Taijiquan, Yoga oder auch QiGong, da sie als Kulturgüter gesehen werden, die sich aus einer langen Entwicklung herausgebildet haben und die genannte Verbindung zwischen Geist und Körper herstellen.4 Im Folgenden wird auf Entspannungstechniken in der Schule anhand des Beispiels Taijiquan eingegangen.

[...]


1 Der Lesbarkeit halber wird in dieser Arbeit nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

2 Generell ist zu beachten, dass bei Schülern von gesunden Menschen gesprochen wird und das Ziel von Gesundheitssport demnach nicht die gesünderen Schüler sein sollten. Vielmehr sollen diese schon früh lernen, wie sie mit dem Stress, der Hektik sowie Beschleunigung der Gesellschaft umgehen können, damit sie ohne körperliche und psychische Konsequenzen ihr Leben bestreiten können (Reik, 2007, S. 7; Fessler, 2011, S. 163).

3 Weitere Kritikpunkte werden u.a. in Trojan & Legewie, 2001, S. 117; Franzkowiak, 2003, S. 200; Faltermaier, 2005, S. 152 dargelegt.

4 Andere Autoren wie Petermann 1996; Vaitl und Petermann 2004 geben keine Aufgliederung der Begriffe und ordnen Yoga, Tai Chi oder Progressive Muskelentspannung allgemein den Entspannungsverfahren zu. In dieser Arbeit ist die Unterteilung von Fessler die Grundlage, um Entspannungstechniken und Entspannungsformen explizit zu unterscheiden.

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668904088
ISBN (Buch)
9783668904095
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459737
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
Schule Entspannungstechnik Salutogenesemodell Antonovsky Entspannungstechniken Schulsport TaiChi

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Titel: Entspannungstechniken im Schulsport. Kann Taijiquan die Entspannungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen unterstützen?