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Die instituionelle Verantwortung im Kinderschutz an Schulen

Konzepte im Umgang mit Mobbing

Bachelorarbeit 2018 37 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kinderschutz in Deutschland
2.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.2 Der Kinderschutz an Schulen

3. Theoretische Grundlagen

4. Mobbing im System Schule
4.1 Definition Mobbing
4.2 Die Erfassung von Mobbing

5. Beteiligte- Mobbing als Gruppenhandlung
5.1 Mobbing als Gruppenhandlung
5.2 DasOpfer
5.3 Die Akteurin, der Akteur
5.4 Weitere Beteiligte

6. Konzepte im Umgang mit Mobbing an Schulen
6.1 No Blame Approach
6.1.1 Durchfuhrung
6.2 Mobbingfreie Schule - Gemeinsam Klasse sein
6.2.1 Einfuhrung in das Projekt
6.2.2. Die Entwicklung von Mobbing in Schulklassen

7. MaBnahmen zur Mobbingpravention- und Intervention an der XX Schule

8. Auswertung und Bewertung in Bezug auf die XX Schule
8.1 Wie erfolgt die Umsetzung der Kriterien zur Mobbingpravention
8.2 Sinnhaftigkeit der Kriterien
8.3 1st Pravention im Rahmen der Schule bestmoglich erfullt?

9. Institutionelle Verantwortung im Kinderschutz

10. Diskussion
10.1 Beantwortung der Forschungsfrage

11. Fazit und Ausblick

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das obergeordnete Thema der Arbeit wird der Kinderschutz an Schulen und die damit einhergehende Verantwortung des Systems Schule sein. Einen Baustein dessen bildet die Prevention und Intervention gegen Mobbing an Schulen. Dabei soil die Frage beantwortet werden, wie der interne Kinderschutz an Schulen gewahrleistet werden kann. Weitere Nebenfragen, wie beispielsweise Schule zu einer Kindeswohlgefahrdung beitragt und wer von Mobbing betroffen ist, werden im Laufe der Arbeit systematisch beantwortet. Unter Mobbing leiden nicht nur die Betroffenen, sondern auch das gesamte Klassenklima. Schuler und Schulerinnen, die (noch) kein Opfer von Mobbing in ihrer Klasse/Schule sind, leben in der standigen Angst eines zu werden (vgl. Blum&Beck 2016, S. 18). Es soll untersucht werden, wie Mobbing an Schulen entsteht, welche Motive die „Tater“ haben und ob jede Person Opfer von Mobbing werden kann, darauf wird die Arbeit im vierten Kapitel „Mobbing im System Schule“ naher eingehen. Da der Umgang mit Mobbing an Schulen Lehrer, Sozial- und Sonderpadagogen, aber auch Eltern vor eine groBe Herausforderung stellt, beschaftigt sich diese Arbeit mit der Entwicklung von Kriterien, um der Verantwortung des Kinderschutzes durch die Institution Schule nachzukommen. Der erste Teil der Arbeit wird ein rein Literatur gestutzter Teil sein und zudem werden die allgemeinen Aspekte zur Entstehungsgeschichte und Definition von Mobbing sowie Forschungsstand und die Gruppe der Betroffenen genannt. Der zweite Teil der Arbeit ist praxisorientiert, es werden zwei Konzepte zur Mobbingpravention und Intervention untersucht und Kriterien fur diese erarbeitet. Hierfur werden zunachst die Konzepte „no blame approach“ und „Mobbingfreie Schule - gemeinsam Klasse sein“ vorgestellt und auf ihre Wirksamkeit und Anwendbarkeit gepruft. AnschlieBend werden die neuen Erkenntnisse bezuglich des Umgangs mit Mobbing an Schulen genutzt, um systematisch zu beleuchten, welche Kriterien an der XX Schule wiederzufinden sind. Hierfur wird die Arbeit erortern, welche MaBnahmen wie verwendet werden, ob diese die gewunschten Erfolge erzielen und warum gegebenenfalls einige MaBnahmen nicht genutzt werden. In einer anschlieBenden Bewertung wird aufgezeigt in welchen Bereichen die in der Praventions- und Interventionsarbeit verbessert werden muss. Im Anschluss daran wird die Forschungsfrage beantwortet sowie die Vor- und Nachteile der jeweiligen Konzepte erlautert. Schlussendlich bezieht sich die Arbeit wieder auf den Kinderschutz an Schulen im Allgemeinen und geht auf die institutionelle Verantwortung im Ganzen ein.

2. Kinderschutz in Deutschland

„ Ziel des Gesetzes ist es, das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schutzen und ihre korperlich, geistige und seelische Entwicklung zu fordern. “ (§1 Abs. 1 BKiSchG, 2012)

Kinderschutz ist ein Oberbegriff fur alle MaBnahmen und rechtlichen Regelungen, die das Wohl eines Kindes gewahrleisten. Es ist die Aufgabe der Eltern und Erziehungsberechtigten diesen Schutz zu gewahrleisten. Die Pflege und Erziehung des Kindes ist das naturliche Recht, aber auch die Pflicht der Eltern. Schulen und padagogische Fachkrafte tragen ebenfalls dazu bei, dass dieser auch in der Schule besteht und mussen gegebenenfalls intervenieren (vgl. Schone&Tenhaken 2012, S.17).

Die Jugendamter in Deutschland haben gegenuber allen Schulern und Schulerinnen einen Schutzauftrag, welcher sich auf den Schutz des Kindes bei einer Kindeswohlgefahrdung von auBerhalb der Schule bezieht. Erhalten die Fachkrafte einer Schule gewichtige Anhaltspunkte fur eine Gefahrdung des Kindes, mussen sie eine Gefahrdungseinschatzung vornehmen (vgl. § 8a SGB VIII-Schutzauftrag bei Kindeswohlgefahrdung, Stand: 01.09.2011). Auf die Kindeswohlgefahrdung auBerhalb der Schule wird die Arbeit nicht weiter eingehen, da diese sich ausschlieBlich auf den Kinderschutz in der Schule konzentrieren wird.

Winfried Moller verdeutlicht die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Kinderschutz in Deutschland anhand der Steigung der Anzahl der Inobhutnahmen. Diese sind von 2007 bis 2012 um 43% gestiegen und 2012 wurden circa 40.200 Kinder in Obhut genommen. Grunde dafur sind einerseits akute Krisensituation, wie beispielsweise alle Formen der psychischen und physischen Gewalt durch die Eltern und andererseits Antrage durch die betroffenen Kinder auf ihre Inobhutnahme. Damit macht Moller auf die Dringlichkeit der Erweiterung von Perspektiven im Bereich des Kinderschutzes aufmerksam. Zwar bezieht er sich auf den auBerschulischen Kinderschutz in Deutschland, jedoch mussen der auBerschulische sowie innerschulische Kinderschutz gleichermaBen gewahrleistet werden und die Institution Schule muss in beiden Bereichen starker in die Verantwortung der Gewahrlei stung des Schutzes der Schulerinnen und Schuler gezogen werden.

Moller geht zudem auf das Verhalten der Lehrkrafte ein, welche laut seiner Schulerbefragungen oftmals unfair und unkorrekt handeln und einige Prozesse sogar verstarken. Aus seiner Befragung geht hervor, dass sich 44,6% der Schulerinnen und Schuler mit prekarem Hintergrund, 30% SuS aus Mittelschichtfamilien und 22,6% aus privilegierten Familien, von ihrer Lehrperson ungerecht und schlecht behandelt fuhlen (vgl. Moller, S. 7ff). Die Thematik das Lehrpersonen, gewollt oder ungewollt, Konflikt- und Krisenprozesse verstarken, wird in dem vierten und funften Kapitel erneut aufgegriffen und zeigt, dass dies ein Problem von groBer Spannweite sein kann.

2.1 Geschichtlicher Hintergrund

1962 popularisierte der amerikanische Kinderarzt Dr. Henry Kempe in Form einer Zeitung das „battered-child-syndrom“, welches zur Kennzeichnung von Kindesmisshandlung diente. Zudem grundete dieser 1972 in Denver/Colorado das erste Forschungszentrum - das heutige „Kempe Center“, das sich ausschlieBlich auf den Bereich der Kindesmisshandlung fokussiert (vgl. Zenz 1978, S. 26f). Seit den letzten hundert Jahren wurden die Rechte der Kinder immer mehr anerkannt und in das Bewusstsein der Gesellschaft aufgenommen. Im Jahr 1989 wurden die UN- Kinderrechtskonventionen verabschiedet, welche das erste politische Abkommen bezuglich der Kinderrechte darstellen (vgl. Markowska-Manista 2017, S. 19f). Die amerikanische Kinderrechtsbewegung in den 1970er und 1980er Jahren wollte nicht nur die Kinderreche etablieren, sondern auch Moglichkeiten entwickeln, dass Kinder diese Rechte in Anspruch nehmen konnen. Hierbei wurden die Kinder als geschlossene Gruppe, welche klare Ziele entwickeln sollten, angesehen. Dies wurde an der Kinderrechtsbewegung kritisiert, da Kinder wie Erwachsene behandelt wurden (vgl. Liebel 2017, S. 43). In den 1970er Jahren wurde sich in Deutschland mit der amerikanischen Kinderrechtsbewegung auseinandergesetzt und der klassische Kinderschutz wurde kritisch betrachtet und reformiert. Der 1984 veroffentlichte „Kinder- Doppelbeschluss“ sollte fur eine grundsatzliche Reformation aller kinderfeindlichen Gesetze sorgen sowie gewahrleisten, dass jedes Kind uneingeschrankten Anspruch auf seine Grund- und Menschenrechte habe. Dabei wurde, anders als in den USA, kein Wert auf eine Partizipation der Kinder und ihrer Einbindung in die Gesellschaft gelegt. Es wurde lediglich das Verhalten der Erwachsenen gegenuber Kindern berucksichtigt (vgl. ebd. S. 44f).

„Am 2. November 2008 wurde dem Bundesministerium fur Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstmals der Referentenentwurf eines Bundesgesetzes zur Verbesserung des Kinderschutzes vorgelegt“ (Moller 2013, S. 13) und am 01.01.2012 trat das neue Bundeskinderschutzgesetz in Kraft. In diesem wurde die gemeinsame Verantwortung des Kinderschutzes der Schulen und Jugendhilfe beschrieben. Diese sollen kooperativ zusammenarbeiten und gemeinsame Regeln im Kinderschutz aufstellen. Das Bundeskinderschutzgesetz bezieht sich auf Kindeswohlgefahrdung, deren Einschatzung und dem Vorgehen im Falle einer Gefahrdung eines Kindes (vgl. Moller 2013, S.13-17).

2.2 Der Kinderschutz an Schulen

Die Beratungsstelle fur Gewaltpravention des Landesinstitutes fur Lehrerbildung hat in dem Kinderschutzordner von 2017 ein Schutzkonzept vorgestellt, welches einen wichtigen Teil der Pravention im Kinderschutz an Schulen darstellt. Der Inhalt des Ordners geht auf den Umgang von Kindern und Jugendlichen untereinander und den Umgang bei Grenzverletzungen ein. Er wurde entwickelt, um fur das Thema zu sensibilisieren und hat die Ausarbeitung von gemeinsamen Handlungsleitlinien zum Ziel. Zudem soll der Ordner eine Vorlage und Leitfaden fur individuelle, standortspezifische Schutzkonzepte, die jede Schule entwickeln muss, darstellen. Darauf wird die Arbeit im achten Kapitel detaillierter eingehen (vgl. VoB&Bohm 2017, Teil A).

Zum Ersten ist laut des Kinderschutzordners eine interne Vertrauensperson an der Schule ein wichtiger Teil der Kinderschutzpravention. Sie bietet den Schulerinnen und Schulern Unterstutzung und Beratung, wenn Opfer negativer Handlungen in der Schule wurden. Diese negativen Handlungen beziehen sich auf Konflikte unter den Schulerinnen und Schulern, aber auch auf Konflikte und Grenzuberschreitungen mit und durch das Schulpersonal. Es sollte eine Schulersprechstunde eingerichtet werden und/oder ein Email-Account, fur weitere Fragen oder Terminabsprachen. Zudem sollte die interne Vertrauensperson den betroffenen Schulerinnen und Schulern ihre Sorgen nehmen, diese effektiv unterstutzen und fur verschiedene Zielgruppen passend und zuganglich sein. In einer Kooperation mit dem Jugendhilfetrager konnen weitere Schritte besprochen werden.

Um diese Art von Kinderschutz an einer Schule einzurichten, mussen eine Ansprech- und Beschwerdekultur entwickelt werden und die Wege sich zu beschweren, mussen etabliert werden. Zusatzlich sollte ein „Kummerkasten“ eingerichtet werden. Der Kinderschutz bezieht sich zum einen auf den Schutz und Unterstutzung des Kindes bei sexuellen Ubergriffen durch das Personal, aber greift auch bei Grenzverletzungen unter SuS.

Die Schulen haben die Verantwortung, dass jede Schulerin und jeder Schuler in einem sicheren Umfeld an ihrer Schule lernen kann. Nun kommt es haufig zu innerschulischen Konflikten zwischen Kindern und Jugendlichen. Wenn dieses Problem des Konflikts zu einem Mobbingprozess wird, ist das psychische und teilweise auch physische Wohl des gemobbten Kindes gefahrdet. Daher ist eine effektive Mobbingarbeit im Bereich der Pravention und Intervention ebenfalls ein wichtiger Aspekt des Kinderschutzes an Schulen (vgl. VoB&Bohm 2017, Teil B).

3. Theoretische Grundlagen

Das folgende Kapitel wird ausschlieBlich auf den Forschungsstand hinsichtlich Mobbing an Schulen eingehen, da sich der Fokus der Arbeit auf dieses Thema richtet.

Aus der PISA Studie „Students Well-Being“ aus dem Jahr 2015 ging hervor, dass jede/r funfte 15-jahrge deutsche Schulerinnen und Schuler wahrend der Schullaufbahn schon einmal Opfer von Mobbing wurde (vgl. PISA 2015, S. 135-140).

Die Leuphana Universitat Luneburg hat im Auftrag der DAK von April bis Mai 2008 an zehn Schulen eine Befragung zur Schulqualitat gemacht. Diese hat unter anderem ergeben, dass 10,6 % der Schulerinnen und 13,4% der Schuler mehrmals Opfer von Mobbing wurden. Dies bedeutet, dass sich etwa jeder siebte Schuler und jede siebte Schulerin zu diesem Zeitpunkt gemobbt fuhlte (vgl. Prof. Dr. Paulus, P., Prof. Dr. Schumacher (Et al.) 2014, S. 1-9).

4. Mobbing im System Schule

4.1 Definition Mobbing

,,Ein Schuler oder eine Schulerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und uber eine langere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schuler oder Schulerinnen ausgesetzt ist“ (Olweus 1995, S. 22).

Der Begriff „Mobbing“ wurde erstmals von Konrad Lorenz zur Beschreibung eines Angriffs einer Gruppe von Tieren gegen einen Eindringling verwendet (vgl. Wyrwa 2012, S. 19). Der deutsche Psychologe und Pionier in der Mobbingforschung Heinz Leymann fuhrte mit seinem Buch „Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz“ von 1993 den Begriff als solchen, wie er heute benutzt wird, ein (vgl. Leymann 1993, S. 21ff).

Das Wort Mobbing kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „mobile vulgus“, was ubersetzt „Pobel“ heiBt (vgl. Gollnick 2008, S. 37). Spater kam der Begriff Mobbing uber die englische Sprache in die Deutsche, da „to mob/mob“ schikanieren/Bande bedeutet und sich daher der Begriff „Mobbing“ ableitet. Im englischsprachigen Raum wird allerdings das Wort „Bullying“ benutzt (vgl. Blum&Beck 2015, S. 19).

Es gibt in der Literatur keine allgemeingultige Begriffsdefintion des Begriffs Mobbing, jedoch benennt der deutsche Padagoge Holger Wywra funf anerkannte Leitkriterien, um den Begriff Mobbing in seinen Grundzugen zu beschreiben. Wyrwa beschreibt Mobbing als eine systematische Wiederholung negativer Handlungen, welche in einem asymmetrischen Krafteverhaltnis zielgerichtet uber eine langanhaltende Zeitdauer und einer Schadigungsabsicht erfolgen (vgl. Wyrwa 2012, S. 25ff). Erganzend beschreiben Blum und Beck Mobbing als einen permanenten Machtmissbrauch, welcher gezielt immer wieder auf den selben Schuler erfolgt (vgl. Blum&Beck 2015, S. 21ff).

Dabei muss Mobbing laut Blum und Beck von einem „normalen“ Konflikt zwischen gleichaltrigen Schulerinnen und Schulern abgegrenzt werden, da einmalige unangenehme Attacken und/oder Grenzuberschreitungen nicht als Mobbing gelten. Dabei erschwert die breite Verwendung des Begriffs Mobbing die Unterscheidung und das Erkennen eines „normalen“ Konfliktes (vgl. Blum&Beck 2015, S. 21ff). Wyrwa halt den Verzicht auf eine klare Abgrenzung von Mobbing und einem normalen Konflikt fur sinnvoll, da seiner Meinung nach Mobbing aus extremen und ungelosten Konflikten entsteht (vgl. Wyrwa 2012, S. 19).

Mobbing kann in allen Schulformen auftreten, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land und ist unabhangig vom Alter und Geschlecht. 80% der Aktionsraume sind die Klassenzimmer, der Schulhof, das Treppenhaus und die Toiletten (vgl. Blum&Beck 2015, S. 28), wobei die Anzahl der Mobbingvorfalle in den groBen Pausen und wahrend des Mittagessen am haufigsten und offensivsten erfolgen (vgl. Olweus 1995, S. 36). Dabei sind eher Jungen als Madchen offensiven Angriffen ausgesetzt und Madchen primar der raffinierten und mittelbareren Gewalt. Allerdings sind Jungen nicht deutlich weniger mittelbarer Gewalt ausgesetzt als Madchen (vgl. Olweus 1995, S. 29).

Der schwedisch-norwegische Psychologe Dan Olweus gilt als Pionier in dem Forschungsfeld Gewalt und Mobbing an Schulen und entwickelte in den 1980er Jahren ein Interventionsprogramm. Der Selbstmord dreier Schuler 1982 in Nordnorwegen, welche hochstwahrscheinlich auf schwere Gewalthandlungen durch Gleichaltrige zuruckzufuhren sind, dies war der Ausloser seiner Untersuchungen bezuglich aggressiven Verhaltens an Schulen. Aus Olweus Forschung und Praxiserfahrung ging hervor, dass seit den 1970er Jahren Gewalt- und Mobbinghandlungen an Schulen wieder zugenommen haben (vgl. Olweus 1995, S. 15).

Olweus gliedert sein Programm in folgende drei MaBnahmen: die Schulebene, die Klassenebene und die personlichen Ebene. Das oberste Ziel seines Programms ist die Verhinderung und idealerweise vollstandige Beseitigung der Probleme in der Schule. Dabei gilt der unmittelbaren Gewalt die primare Aufmerksamkeit, jedoch gehort die Verhinderung beziehungsweise Verminderung der mittelbaren Gewalt auch zu den zu erreichenden Zielen. Fur eine erfolgreiche Umsetzung seines Interventionsprogrammes sind ein vorhandenes Problembewusstsein, Betroffensein und der Veranderungswille bei den beteiligten Erwachsenen Voraussetzung (vgl. Olweus 1995, S. 69ff).

Der erste Ansatz zur Pravention von Mobbing ist die Offenheit und Einsicht der Erwachsenen und das Bewusstmachen, dass Mobbing ein weitverbreitetes Phanomen ist (vgl. Schafer 2010, S. 24).

4.2 Die Erscheinungsformen von Mobbing

Um praventiv gegen Mobbing vorzugehen, mussen sich die padagogischen Fachkrafte, Eltern und weitere Beteiligte der Erscheinungsformen bewusstwerden.

Mobbing lasst sich nach der schweizer Entwicklungspsychologin Francoise Alsaker in direkte und indirekte Mobbinghandlungen kategorisieren (vgl. Alsaker 2004, S. 71-74). Das direkte Mobbing bezeichnet alle physischen Formen des Ubergriffs, welche gegen den Willen der Opfer und bis hin zu schweren Korperverletzungen reichen. Diese Form von Mobbing lasst sich meistens „gut“ als solches identifizieren. Das indirekte Mobbing, welches sich durch verbale und relationale Verhaltensstrategien auBert, ist deutlich schwerer zu erkennen und wird oft bagatellisiert (vgl. Scheithauer 2003, S. 29ff). Die indirekte Form des Mobbings beinhaltet verbale Angriffe wie Beleidigungen und Worte, die das Opfer demutigen. Hinzu kommen das Anschreien und BloBstellen des Opfers (vgl. Alsaker 2004, S. 23). Die relationalen Verhaltensstrategien sind indirekte, negative Handlungen, wie das AusschlieBen und Isolieren der gemobbten Person, Bildung von Intrigen und Verbreitung von Lugen, welche die soziale Isolierung des Opfers zur Folge haben (vgl. Scheithauer 2003, S. 29ff).

4.2 Die Erfassung von Mobbing

Um Mobbing wissenschaftlich untersuchen zu konnen, das AusmaB abzuschatzen und die Mobbinghandlungen zu verstehen, werden Informationen benotigt.

Dabei ist es ein zentrales Problem, dass die Schulerinnen und Schuler einer Klasse in der gemobbt wird, die wichtigste Informationsquelle darstellen, allerdings nur selten uber die Vorfalle sprechen wollen (vgl. Schafer 2010, S. 23). Die gemobbten Schulerinnen und Schuler sprechen oft ungern uber ihre schlimme Situation, aus Angst diese zu verschlimmern. Ein weiteres Problem der Erfassung von Mobbinghandlungen ist, dass diese von padagogischen Fachkraften unbemerkt bleiben.

Dan Olweus entwickelte in den 1990er Jahren einen Fragebogen, welcher zur Identifizierung von Opfern und Tatern in einem Mobbingprozess dienen soll (vgl. Olweus, 1993, 10ff). Der Fragenkatalog seines Bogens wurde in vielen Studien so oder so ahnlich benutzt und dient als ein wichtiges Instrument bei der Erfassung von Mobbing (vgl. Alsaker 2004, S. 40). Um Mobbing an Schulen beziehungsweise in Klassen zu erfassen, kreierte Alsaker ebenfalls einen Fragebogen, um Informationen zum AusmaB des Mobbings zu sammeln und um auch das versteckte, indirekte Mobbing aufzudecken (vgl. ebd. S.39). Sie betont, dass die Anonymitat und Vertraulichkeit des Formates eines Fragebogens die ehrlichen Antworten der Schulerinnen und Schuler gewahrleistet und dadurch eine realitatsgetreue Evaluierung von Mobbing an Schulen ermoglicht wird. Der Fragebogen zur Erfassung von Mobbing nach Dan Olweus beinhaltete im Gegensatz zu Alsakers Fragebogen eine Definition von Mobbing, auf die weitere differenzierte Fragen folgten. Zwar sind die Fragen in Alsakers Fragebogen ahnlich zu den aus Olweus Fragebogen, jedoch verzichtete sie auf eine einleitende Definition von Mobbing, da laut Alsaker fraglich bleibt, ob alle Schulerinnnen und Schuler den vorangestellten FlieBtext lesen werden, die Differenzierungen verstehen und die Definition bei ihrer individuellen Beantwortung ausreichend erinnern wurden (vgl. ebd. 2004, S. 40ff).

Die Auswirkungen von Mobbing auf die betroffenen Schulerinnen und Schuler sind oft schwerwiegend, worauf im folgenden Kapitel naher eingegangen wird.

5. Beteiligte - Mobbing als Gruppenhandlung

5.1 Mobbing als Gruppenhandlung

Mobbing ist als Gruppenphanomen zu verstehen und jede Schulerin und jeder Schuler hat seine bestimmte Rolle in einer sozialen Gruppe (vgl. Scheithauer 2003, S. 34f). Indirekt oder direkt ist die gesamte Klasse an dem Mobbingprozess beteiligt (vgl. GroBmann, 2006, S.2). Durch aggressive Handlungen, fehlende Zivilcourage der Mitschulerinnen und Mitschuler und dem Vernachlassigen der Verantwortung durch die Lehrkrafte konnen Mobbingprozesse entstehen (vgl. ebd. S.2). Aktiv oder passiv beteiligen sich alle an dem Mobbingprozess, auch wenn sie nicht die Initiatoren dessen sind, sie bedingen sich in der Gruppe (vgl. Olweus 1995, S. 44). Vor allem der Kampf um Anerkennung von den Mitschulerinnen und Mitschulern sowie der Streit um die Rangplatze einer sozialen Gruppe, sind die sozialpsychologischen Grundlagen, die den Nahrboden eines Mobbingprozesses bilden (vgl. GroBmann, 2006, S.2).

Zusatzlich kann es vorkommen, dass Lehrkrafte, bewusst oder unbewusst, Mobbingprozesse unterstutzen, indem sie den Schulerinnen und Schulern nicht genug Orientierung bieten und das Geschehen in der Klasse nicht mehr beeinflussen. AuBerdem bleibt Mobbing von den Lehrkraften haufig unbemerkt und es wird nicht aktiv genug gegen dieses vorgegangen. Das Thema der Lehrerinnen und Lehrer als „Bully“, also als Taterin oder Tater und Verstarker, wird von Scheithauer aufgegriffen und dieser bezieht sich auf verschiedene Studien. Beispielsweise geht aus der Studie der Arbeitsgruppe von Volker Krumm hervor, dass sich 38% - 51% der befragten Schulerinnen und Schuler im Alter von 12-14 Jahren in den letzten vier Wochen von ihrer Lehrkraft ungerecht oder verletzend behandelt fuhlten. Dieses Bild zog sich durch die hoheren Altersschichten in etwas geringerer Prozentzahl durch. In seinem Buch bezieht sich Scheithauer zudem auf die Rechtsanwaltin Jennifer Elsea, welche die folgenden Verhaltensweisen bei Lehrerinnen und Lehrern gegenuber Schulerinnen und Schulern ermittelte. Am haufigsten erfolgen offentliche Erniedrigungen vor der Klasse, das Auslassen uber die (negativen) schulischen Leistungen einer Schulerin oder eines Schulers, bis hin zu unfairen Bestrafungen, verbalen Beleidigungen und sexuellen Belastigungen. Laut Scheithauer wurden alle Verhaltensweisen, bis auf das Auslassen uber die schulischen Leistungen, der Lehrerinnen und Lehrer als Mobbing eingestuft.

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Details

Seiten
37
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668911079
ISBN (Buch)
9783668911086
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459501
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Mobbing Mobbing an Schulen Kinderschutz no blame approach

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Titel: Die instituionelle Verantwortung im Kinderschutz an Schulen