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Serenus Zeitblom eine problematische Erzählerfigur in Thomas Manns "Doktor Faustus"

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Aufbau und Literaturlage

2 Serenus Zeitblom als Romanfigur
2.1 Biographie und Sprache Zeitbloms
2.2 Der „andere“ Zeitblom

3 Serenus Zeitblom und der Aufbau des Romans
3.1 Handlungsebenen
3.2 Zeitebenen
3.3 Motivtechnik

4 Serenus Zeitblom als Erzählerfigur
4.1 Erzähltyp und Erzählstandort
4.2 Brüche in der Erzähler-Konstruktion

5 Das Problem der Glaubwürdigkeit

Literaturverzeichnis:

1 Aufbau und Literaturlage

„Doktor Faustus“, das Alterwerk, welches Thomas Mann mit 67 Jahren zu schreiben begann, hat ihn, über drei Jahre und acht Monate hinweg, viel Anstrengung und fast das Leben gekostet. Er selbst schreibt, man möge seine Krebserkrankung, „dem Werk zur Last zu legen, daß wie kein anderes an mir gezehrt und meine innersten Kräfte in Anspruch genommen hat.[1] Der Stoff wuchs sich mit der „fehlerhaften Neigung ‚Zauberberg’-artige Formen und Dimensionen[2] anzunehmen zu einem fast 700-seitigen Roman aus. Ein beeindruckendes Gebilde voller Anspielungen und biographischem Material, dessen Handlung, nur scheinbar eine Künstlerbiographie, voller Nebenstränge und Exkurse ist.

In diesem ausufernden Werk nimmt der Erzähler Serenus Zeitblom eine Schnittstellenfunktion ein - er hält Handlungsstränge und Zeitebenen zusammen, muss als Stellvertreter des humanistischen Bildungsbürgertums herhalten und zu alledem noch für die „Durchheiterung[3] des Romans sorgen. Thomas Mann lädt seiner ungewöhnlichen Erzählerfigur damit eine große Bürde auf, unter der die Einheit und Glaubwürdigkeit der Figur teilweise zu zerbrechen droht.

Diese Arbeit will einerseits die Funktionen Zeitblom im Buch aufzeigen, andererseits aber auch die Dehn- und Bruchstellen aufzeigen, die bei einer näheren Untersuchung der Figur Zeitblom offensichtlich werden. Drei verschiedene Aspekte werden dabei untersucht:

a) Die Konstruktion Zeitbloms als Charakter
b) Der komplexe Aufbau des Romans und die Funktion Zeitbloms als Bindeglied
c) Die Probleme der Erzählperspektive Zeitbloms

*

Stellt der Roman als solches bereits hohe Anforderungen an den Leser, so ist die Sekundärliteratur zu „Doktor Faustus“ schier unüberschaubar[4], sodass die Literaturauswahl auf Ausschnitte begrenzt sein muss.

Literaturwissenschaftliche Ansätze für diese Interpretation stammen vor allem aus der Dissertation von Gerhard Kaiser „... und sogar eine alberne Ordnung ist immer noch besser als gar keine.“ (2001). Er untersucht die „Erzählstrategien“ des Romans und im besonderen die Rolle Zeitbloms in der Romankonstruktion. Auch Hans Hilgers regt in seinem „Versuch einer Neubewertung Zeitbloms[5] zu einer neuen Sicht auf den alten Humanisten an . Beide Werke haben den Vorteil, dass sie relativ aktuell sind und damit viele der Ergebnisse aus älterer Forschungsliteratur zusammenfassen.

Eine weitere wichtige Quelle wird die „Entstehung des Doktor Faustus“ sein, weil diese Selbstauskunft Aufschluss über die Gefühle und den Entstehungsprozess aus Sicht des Autors selbst gibt. Hier muss man allerdings immer bedenken, dass Thomas Mann ein Meister der Rezeptionslenkung war - es handelt sich also um eine äußerst subjektive Quelle. Der Untertitel „Roman eines Romans“ muss vielleicht auch so gedeutet werden, dass darin manches im Nachhinein geschönt oder unterschlagen wurde, um den Roman in einem besseren Licht erscheinen zu lassen.[6]

In der „Entstehung“ gibt Thomas Mann selbst die Gründe an, die ihn bewegten, Zeitblom als Erzählerfigur einzusetzen, oder, wie er schreibt: „das Medium des Freundes zwischen mich und den Gegenstand zu schalten[7]. Zum einen wollte er wohl durch den - speziell am Anfang des Buches als Karikatur eines Studienrats angelegten - Zeitblom eine „gewisse Durchheiterung des düsteren Stoffes[8] erreichen, zum anderen sah er in Zeitblom ein Mittel, um die aktuellen Ereignisse des zweiten Weltkriegs mit den zurückliegenden im Leben Adrian zu verknüpfen.

Mit welchen Mitteln Mann versucht, Zeitblom als amüsante Karikatur anzulegen, soll die folgende Charakteristik Zeitbloms zeigen.

2 Serenus Zeitblom als Romanfigur

„ Der gutmütige, gutartige Dr. phil Serenus Zeitblom mag für die Entstehung des Romans unumgänglich gewesen sein, aber eine bildungsbeflissene Zumutung ist er halt auch.“[9]

Eine „bildungsbeflissene Zumutung“, das ist eine harte, aber nicht ganz grundlose Charakterisierung des Gymnasiallehrers Zeitblom, den auf den ersten Blick nichts, als seine Freundschaft zu Adrian als Biographen qualifiziert. Seine Erzählweise ist voller „Verzögerungen und Umschweife[10] und bereits in der Einleitung unterbricht er sich so oft, dass man schon glaubt, er käme gar nicht mehr zur eigentlichen Handlung.

Doch dieser erste Eindruck täuscht. In Zeitblom steckt mehr, als man auf den ersten Blick denkt: ein kenntnisreicher Kunstkritiker, ein zynischer Beobachter, ein veritabler Schriftsteller - und nicht zuletzt einiges von der Identität seines Autors. Doch zuerst die Fakten:

2.1 Biographie und Sprache Zeitbloms

Über Dr. phil. Serenus Zeitblom - um ihn bei seinem korrekten Namen zu nennen - erfährt der Leser wenig, und auch das nur im Vorübergehen und unter ständigen Bescheidenheitsgesten wie dieser:

„Es sei noch einmal gesagt, gewiß nicht im Sinne der Ruhmredigkeit, sondern als einfache Feststellung, daß ich mein eigenes Leben, ohne es gerade zu vernachlässigen, immer nur nebenbei, mit halber Aufmerksamkeit, gleichsam mit der linken Hand führte (...)“[11]

Zeitblom erscheint als eine durch und durch bürgerliche Existenz. Er wird 1883 in eine katholische Familie geboren, die auch mit Angehörigen anderer Konfessionen gute Beziehungen unterhält, darunter auch die Eltern seines zwei Jahre jüngeren Freundes Adrian. Sein Vater besitzt eine gut gehende Apotheke in Kaisersaschern. Nach der Schulzeit studiert er Griechisch, Latein und Geschichte, teilweise in den gleichen Universitätsstädten wie Adrian: Halle und Leipzig. Nach seinem Staatsexamen macht er erst die obligatorische Bildungsreise nach Italien und Griechenland und bekommt dann eine Anstellung als Lehrer in seiner Geburtsstadt. Ab 1912 lehrt er am Freisinger Dom-Gymnasium. Dieser Umzug hängt sicher auch damit zusammen, dass sein Freund Adrian seinen Lebensmittelpunkt inzwischen nach München bzw. Pfeiffering verlegt hat.

Zeitblom gründet eine Familie mit Helene (geb. Ölhafen) und wird Vater zweier Söhne und einer Tochter. Am ersten Weltkrieg nimmt er als Rittmeister teil, wird aber bald verwundet und kehrt in die Heimat zurück.

Um 1934 lässt er sich aus politischen Gründen in den Ruhestand versetzen. 1943, drei Jahre nach dem Tode Adrians, beginnt er mit dem Verfassen der Biographie, die er 1945, zeitgleich mit dem Ende des zweiten Weltkriegs, beendet.

*

Schon die reinen Fakten zeigen Zeitblom als eine gemäßigte, bildungsbürgerliche Existenz - man könnte auch sagen: ein Langeweiler. Aber Thomas Mann geht noch weiter: Die Sprache Zeitbloms und seine sehr freimütige Art, die eigenen Gefühle einzugestehen (Typisch z.B.: „Erschüttert war ich, mehr noch, ich war außer mir[12]) , machen aus ihm die Karikatur eines Bildungsbürgers, welche ganz offensichtlich den Leser erheitern soll. Mann schreibt in der Entstehung:

„Möglichst viel Scherz, Biographen-Mimik, das Pathos herabsetzende Selbstverspottung also - soviel wie irgend möglich davon.“[13]

Mit seiner Neigung zum Vorgreifen, seinen Humanisten-Floskeln und seiner scheinbar ungelenken Ausdrucksweise[14] wirkt Zeitblom endgültig als ein schreckhafter, altmodischer, und auf gebildete Art naiver Zeitgenosse. Außerdem kontrastiert seine „klassische Bildungsheiterkeit[15] so sehr mit dem Sujet des Romans, dass auch dadurch eine eigene Komik entsteht.

Mit allen Fehlern und Wunderlichkeiten scheint seine Biographie die einer bildungsbürgerliche Normalexistenz, wäre da nicht der Künstlerfreund, den er mit einer Mischung aus Verantwortungsgefühl, Stolz und Bewunderung lebenslang begleitet. Zeitbloms Besitzanspruch ist so ausgeprägt, dass er ausgesprochen eifersüchtig auf Schildknapp und Schwerdtfeger reagiert, die Adrian scheinbar näher stehen als er selbst.

Das ungleiche Paar Zeitblom - Adrian erinnert in vielem an die altbekannten Künstler-Bürger-Paare Thomas Manns[16]:

„Die Aufspaltung der eigenen widerspruchvollen Lebenseinheit aus Dichter und Bürger in die selbstständigen Figuren des Komponisten und des Humanisten baut ein Verfahren aus, das bereits Buddenbrooks mit dem Figurenpaar Hanno und Kai erprobt hatte.“[17]

Sieht man genauer hin, so bleibt Zeitblom zwar ein typischer Vertreter des Bildungsbürgertums in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Er ist aber noch weit mehr als das.

[...]


[1] Th. Mann: Entstehung. S. 7

[2] ebd. S.50

[3] ebd. S.23

[4] Rudolf Wolf weist in der von ihm herausgegebenen zweibändigen „Rezeptionsgeschichte“ auf die unerschöpfliche Menge der Forschungsergebnisse hin. Er zählt bis 1983 etwa tausend Veröffentlichungen zu Doktor Faustus - heute, mehr als zwanzig Jahre später, werden es noch weit mehr sein

[5] Titel der Schlussbetrachtung in: Hilgers, Hans: Serenus Zeitblom. Der Erzähler als Romanfigur in Thomas Manns Doktor Faustus. (1995)

[6] vgl. dazu G.Kaiser: Erzählstrategien. S.170 ff. und Vaget: Thomas Mann und James Joyce. S. 122f.

[7] Th. Mann: Entstehung. S. 23

[8] ebd.

[9] J. Kaiser: Erlebte Literatur. S. 43

[10] Th. Mann: Doktor Faustus. Kap. V S.47

[11] Th. Mann: Doktor Faustus. Kap. XXI S.446

[12] Th. Mann: Doktor Faustus. Kap. XVII. S.208

[13] Th. Mann: Entstehung. S.28

[14] Der eigentümlich komplizierte Satzbau entsteht dadurch, das Zeitblom (oder besser: sein Autor) griechische bzw. lateinische Satzkonstruktionen direkt ins Deutsche überträgt.

[15] Th. Mann: Doktor Faustus. Kap. XIX. S.218

[16] Ein sehr plakatives Beispiel hierfür sind die beiden Kontrahenten „Spinell“ und „Klöterjahn“ aus der Novelle „Tristan“

[17] Neumann: Thomas Mann. S.143. (Gemeint sind Hanno Buddenbrook, der zarteste und jüngste Spross der Kaufmannsfamilie Buddenbrooks und sein wilder, lebensbejahender Freund Kai Graf Mölln.)

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638432511
ISBN (Buch)
9783656681786
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45938
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Serenus Zeitblom Erzählerfigur Thomas Manns Doktor Faustus

Autor

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Titel: Serenus Zeitblom eine problematische Erzählerfigur in Thomas Manns "Doktor Faustus"