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Verwestlichung als notwendige Voraussetzung für ökonomischen Aufstieg? Das Gegenbeispiel Singapur

Hausarbeit 2005 16 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Kultur und Kulturraum
2.1 Der sinisch-konfuzianische Kulturraum
2.2 Der westliche Kulturraum
2.3 Modernisierung und Verwestlichung

3. Das Raumbeispiel Singapur
3.1 Allgemeine Daten zu Singapur
3.2 Zur historischen und wirtschaftlichen Entwicklung Singapurs

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die aktuelle Weltpolitik wird bestimmt vom „Kampf gegen den Terrorismus“, wie es die mächtigsten Politiker unserer Zeit benennen. Doch die Wurzeln dieses Terrors bleiben in der Regel unbenannt. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei der Gegensatz zwischen Arm und Reich, zwischen den westlichen Industriemächten und den ihnen ökonomisch unterlegenen, weniger entwickelten Ländern im Nahen Osten, Afrika, Asien und Lateinamerika. Die Abneigung gegenüber den oktroyierten westlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen sowie die gleichzeitig empfundene Unterdrückung der eigenen Kultur bilden (unter anderem) einen Nährboden, aus dem extremistische Gesinnungen hervorgehen.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der so genannten Verwestlichung von Kulturräumen – also dem Zurückdrängen traditioneller Lebensweisen zugunsten westeuropäischer und nordamerikanischer Geisteshaltungen und Wirtschaftsauffassungen - kritisch auseinander. Es soll die Frage beantwortet werden, ob Verwestlichung als ausschließliche und unabdingbare Voraussetzung für Modernisierung, wirtschaftlichen Aufstieg, Fortschritt und verbesserte Lebensqualität angesehen werden kann.

Zu diesem Zwecke werden im nächsten Kapitel vorab die Begriffe „Kultur“ und „Kulturraum“ definiert. Mit dem westlichen und dem sinisch-konfuzianische Kulturraum werden nachfolgend die zwei für die vorliegende Arbeit relevanten Kreise eingehend beschrieben, bevor im Abschnitt 2.3 die Notwendigkeit von Modernisierung sowie das Phänomen der Verwestlichung, gleichzeitig aber auch die Gefährdung von Kultur und Tradition durch solche Prozesse, aufgezeigt werden. Im dritten Kapitel steht Singapur im Mittelpunkt. Anhand dieses Raumbeispiels soll untersucht werden, ob westliche Programmatiken den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes verursacht haben oder ob dieser hauptsächlich durch indigene Potenziale bewirkt wurde. Zuerst werden in 3.1 allgemeine Daten zu Singapur gegeben, darauf folgend die historische und wirtschaftliche Entwicklung des südostasiatischen Staates zusammenfassend dargestellt. Im abschließenden Fazit soll dann beurteilt werden, ob die Verwestlichung als notwendige Voraussetzung für den ökonomischen Aufstieg Singapurs angesehen werden kann.

Besondere Anregungen, vor allem für das mehr theoretische zweite Kapitel, erhielt der Autor vom Buch „Kampf der Kulturen“, in dem Samuel P. Huntington die These vertritt, dass die Weltpolitik künftig weniger von ideologischen oder wirtschaftlichen Auseinandersetzungen bestimmt werde als vielmehr von Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen. Zur Darstellung des Konfuzianismus erwies sich Oskar Weggels „Die Asiaten“ als sehr hilfreich. Für das Raumbeispiel Singapur griff der Autor insbesondere auf die Artikel von Heinz Heineberg (Singapur: Aufstrebender Stadtstaat in der Krise?) und Patrick Köllner / Manfred Pohl (Singapur. Ein „Unternehmensstaat“ in Südostasien), beide erschienen in der Geographischen Rundschau, sowie auf den Abhandlung von Bernd Reddies (abgedruckt in: Nohlen/Nuscheler: Handbuch der Dritten Welt. Bd. 7) zurück. Interessante Aspekte zum Thema „Verwestlichung“ finden sich u. a. in Günter Schuberts Aufsatz „Das ostasiatische Wirtschaftswunder und die Frage: Modernisierung ohne Verwestlichung?“.

2. Kultur und Kulturraum

Der Begriff „Kultur“ wird in der Literatur wie folgt definiert:

„Die vom Menschen in den jeweiligen Erdräumen zu bestimmten Zeiten hervorgebrachten Lebens- und Handlungsformen als Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung.“

(Diercke Wörterbuch Allgemeine Geographie) oder auch

„Die Veränderung der Natur durch den Gebrauch von Werkzeugen und, darauf beruhend, die Gesamtheit der Lebensformen einer menschlichen Gruppe.“

(Bertelsmann Lexikon) oder zuletzt

„Das vom Menschen zu bestimmten Zeiten in abgrenzbaren Gebieten aufgrund der ihnen gegebenen Fähigkeiten und in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt Hervorgebrachte.“ (Meyers Lexikon).

In Unterscheidung zu dem Begriff der Natur (die ohne Zutun des Menschen existiert) bezeichnet Kultur alles, was die Menschen als gesellschaftliche Wesen in verschiedenen Räumen, zu den verschiedensten Zeiten und in unterschiedlichster Weise produktiv bearbeitet oder gestalterisch hervorgebracht haben. Kulturen sind demnach Adaptionen bestimmter Bedingungen. Sie spiegeln die Arten der menschlichen Anpassung an die Gegebenheiten ihrer jeweiligen Umwelt wieder, beruhend auf Kenntnissen, Fertigkeiten, Ideen und Verhaltensweisen, die sich im Laufe langer Zeit herausgebildet und entwickelt haben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Kulturen besitzen seit jeher eine große Bedeutung im Leben der Menschen. Die eigene Kultur gibt dem Menschen eine Identität, sie beantwortet die Frage nach dem >Wer bin ich?<. „Zu allen Zeiten war Kultur für die Menschen Gegenstand ihrer umfassenden Identifikation.“[1]. Das Fehlen von Kultur hingegen würde Existenz- und Orientierungslosigkeit hervorrufen.

Durch seine Kultur nimmt der Mensch Rückbezug auf diejenigen Dinge, die ihm am meisten bedeuten. Die Zugehörigkeit zur selben Kultur erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl. „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind (…).“[2]. Unterschiedliche kulturelle Merkmale bewirken dagegen Unsicherheit und Befremdung.

Wesentliche Merkmale, die die Zugehörigkeit zu einer Kultur kennzeichnen, sind gemeinsame Elemente wie Religion, Sprache, Geschichte, Schrift, Institutionen, Lebensweise etc. Menschen, die aufgrund gemeinsamer Merkmale die gleiche kulturelle Identität besitzen, rechnet man einem Kulturraum zu. Ein Kulturraum ist eine „räumliche Einheit, die aufgrund ihrer eigenständigen historischen Entwicklung bezüglich der Ausprägung ihrer materiellen und geistigen Kultur ein nach außen abgrenzbares Individuum darstellt.“[3]

Im Laufe der menschlichen Geschichte hat sich eine Vielzahl von Kulturräumen herausgebildet. In historischer Betrachtung lassen sich an dieser Stelle die mesopotamische, die ägyptische, die kretisch-minoische, die byzanthinische sowie die Anden-Kultur anführen, die allesamt heute nicht mehr existieren, gegenwärtige Kulturen jedoch maßgeblich beeinflusst haben. In der heutigen Zeit werden im Allgemeinen acht Kulturräume voneinander unterschieden. Hierzu zählen: Der westliche, der sinisch-konfuzianische, der japanische, der hinduistische, der islamische, der lateinamerikanische, der afrikanische und der orthodoxe Kulturraum.[4]

Zwei dieser Kreise sollen im Folgenden näher beschrieben und dargestellt werden. Hierbei handelt es sich - dem Thema und Raumbeispiel dieser Arbeit entsprechend - um den sinisch-konfuzianischen sowie den westlichen Kulturraum.

2.1 Der sinisch-konfuzianische Kulturraum

Der sinische Kulturraum entstand etwa um 1500 v. Chr. Er umfasst heute China und weite Teile Südostasiens.[5] Wesentlicher Bestandteil dieser Kultur ist der Konfuzianismus, eine Geisteshaltung und Lebensform, die auf den chinesischen Philosophen Konfuzius (*551, † 479) zurückgeht. Zentrales Anliegen des Konfuzianismus ist die Fundierung des Einzelnen, der Familie und des Staates in der Moral, d.h. in der Menschlichkeit, die sich in den fünf konfuzianischen Grundtugenden (gegenseitige Liebe, Rechtschaffenheit, Weisheit, Sittlichkeit und Aufrichtigkeit) verwirklicht. Als weitere Merkmale des Konfuzianismus sind anzuführen:

- Einordnungsbereitschaft:

Nicht das Ich, sondern das Wir steht im Vordergrund. Jeder Mensch hat sich der Gemeinschaft unterzuordnen, Individualismus wird abgelehnt.

- Hierarchiedenken:

Das Alter steht vor der Jugend, der Mann vor der Frau, der Vater vor dem Sohn, der Regierende über dem Volk.

- Vorrang der Erziehung und des Lernens:

Die Tradition des ständigen Lernens wird weniger durch das Studium von Büchern als vielmehr durch das Nachahmen persönlicher Vorbilder verwirklicht. Durch Erziehung und Lernen kann alles erreicht werden - sogar Vollkommenheit.

- Tugenden:

Ordnung, Leistungsbereitschaft, Sparsamkeit, Ehrgeiz und Fleiß sind wesentliche Attribute des privaten und beruflichen Lebens.

Der Konfuzianismus besitzt in Ost- und Südostasien höchste Priorität und bestimmt das gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und private Leben der dort lebenden Menschen. Konfuzianische Denk- und Lebensweisen werden von jedem Mitglied des sinischen Kulturraumes eingefordert und von Generation zu Generation weitergegeben.[6]

2.2 Der westliche Kulturraum

Historisch gesehen ist westliche Kultur die Kultur des christlichen Abendlandes. Heute umfasst der westliche Kulturraum neben Europa auch noch Nordamerika und Australien/Neuseeland.[7]

Die europäische Christenheit begann im 8. und 9. Jahrhundert als eigene Kultur hervorzutreten. Anfangs noch den Hochkulturen Chinas, Byzanz’ und des Islams an Wohlstand, Macht und künstlerischer Leistung unterlegen, entwickelte sich die westliche Kultur ab dem 11. Jahrhundert zur mächtigsten und einflussreichsten Kultur der mittelalterlichen und neuzeitlichen Welt.[8] Zum Aufstieg des Westens trugen vor allem folgende Eigenschaften bei:

[...]


[1] Huntington, S. 49.

[2] Huntington, S. 21.

[3] Diercke Wörterbuch Allgemeine Geographie, S. 425.

[4] Huntington, S. 57.

[5] ebd., S. 57 f.

[6] Weggel 1989, S. 57 ff. und S. 153 f.; zum Konfuzianismus auch: Weggel 1999, S. 111 ff.

[7] Huntington, S. 59.

[8] ebd., S. 65 ff.

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638432481
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45932
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Schlagworte
Verwestlichung Voraussetzung Aufstieg Gegenbeispiel Singapur

Autor

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Titel: Verwestlichung als notwendige Voraussetzung für ökonomischen Aufstieg? Das Gegenbeispiel Singapur