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Führt soziale Ungleichheit zu politischer Ungleichheit? Der Einfluss der individuellen Ressourcenausstattung auf unterschiedliche Partizipationsformen mit besonderem Fokus auf politischen Protest

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 35 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlage
2.1 Politische Partizipation
2.2 Das Civic Voluntarism Model als Erklärungsmodell für politische Partizipation

3 Hypothesengenerierung

4 Empirische Analyse
4.1 Daten
4.2 Operationalisierung
4.3 Ergebnisse

5 Fazit

Anhang

1 Einleitung

Stuttgart 21, die Occupy-Bewegung und zuletzt die Abstimmung über das Tempelhofer Feld in Berlin am 25.Mai 2014: Immer öfter kann man nicht nur in Deutschland beobachten, dass die Bürger Protestaktivitäten wie Demonstrationen, Bürger- und Volksbegehren oder Petitionen nutzen, um sich für oder gegen bestimmte Sachverhalte einzusetzen (van Deth 2013). Es scheint so, als reiche es den Bürger nicht mehr aus, sich nur noch an Wahlen zu beteiligen und sie Alternativen oder vielleicht sogar einen Ersatz zum Wahlgang suchen. Denn während die Wahlbeteiligung sinkt, nutzen die Deutschen immer mehr alternative Partizipationsformen wie Demonstrationen oder Bürgerbegehren, um ihre Meinung laut kund zu tun. Aus demokratietheoretischer Sicht ist die höhere Partizipationsbereitschaft der Bürger auf den ersten Blick außerordentlich wünschenswert. Denn Demokratie und politische Partizipation sind untrennbar miteinander verbunden. Laut Robert A. Dahl ist politische Partizipation ein Definitionskriterium von Demokratie, sodass eine Demokratie ohne ein Mindestmaß an politischer Beteiligung durch ihre Bürger nicht bestehen kann (Dahl 1971). So ist es nicht überraschend, dass diese gesellschaftliche Entwicklung in den Medien überwiegend positiv bewertet wird. Ganz nach dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ wird das aufkommende Protestverhalten der Deutschen als Steigerung der Qualität der Demokratie gewertet, der „Wutbürger“ für seine Partizipationsbereitschaft gelobt, die Demonstranten als „Segen für die Demokratie“ (Spiegel 42/2010: 42) bezeichnet. Doch ist diese Entwicklung wirklich so wünschenswert aus demokratietheoretischer Sicht? In der empirischen Partizipationsforschung ist man sich einig, dass die Bereitschaft zur politischen Partizipation gemäß den theoretischen Annahmen des Civic Voluntarism Model (Verba/Schlozman/Brady 1995) neben motivierenden Einstellungen und der Einbettung in soziale Netzwerke von der individuellen Ressourcenausstattung einer Person determiniert wird. Personen, die über mehr Ressourcen wie z.B. Bildung oder Einkommen verfügen, partizipieren eher als ressourcenschwache Bürger und haben damit eine größere Wahrscheinlichkeit, die Politik zugunsten ihrer Interessen zu beeinflussen. Es erfolgt also eine „selektive Rekrutierung“ des ressourcenstarken Bevölkerungsteils. Dies widerspricht jedoch dem demokratischen Grundprinzip der politischen Gleichheit und sollte daher aus demokratietheoretischer Sicht problematisch bewertet werden. Gravierender ist jedoch, dass sich in der Empirie gezeigt hat, dass Partizipationsaktivitäten, die über die Wahlbeteiligung hinausgehen, stärker von der Ressourcenausstattung beeinflusst werden (Bödeker 2012; Roller/Rudi 2008; Schäfer 2010; van Deth 2013). Demnach ist dort die Verzerrung der Partizipation zugunsten ressourcenstarker Personen größer. Es stellt sich nun die Frage, ob die in jüngster Zeit in Deutschland vermehrt auftretenden Protestaktivitäten, wie man es nach dem bisherigen Forschungsstand annehmen würde, vor allem von der ressourcenstarken Bevölkerungssicht ausgeht oder aber ob die gesamte deutsche Gesellschaft ein verstärktes Protestverhalten entwickelt hat, sodass die verfügbaren Ressourcen einer Person für die Partizipationsbereitschaft keine ausschlaggebende Rolle spielen. Die Beantwortung dieser Frage erscheint vor allem vor dem Hintergrund relevant, dass in Deutschland seit den 1970er Jahren die ökonomische Ungleichheit deutlich angestiegen ist und die Ressourcen innerhalb der Bevölkerung ungleich verteilt sind (OECD 2011). Sollte sich zeigen, dass die vermehrte Protestbereitschaft vor allem auf ressourcenstarke Personen zurückzuführen ist, dann hätte dies in Verbindung mit der zunehmenden ökonomischen Ungleichheit eine enorme Verzerrung politischer Einflussnahme zur Folge, da somit nur der immer kleiner werdende ressourcenstarke Bevölkerungsteil seine Meinung verstärkt einbringt, während der immer größer werdende ressourcenschwache Bevölkerungsteil nicht partizipiert. Dementsprechend ist eine Untersuchung des Protestverhaltens der Deutschen unter diesen Gesichtspunkten auch dafür entscheidend, ob die Protestbewegung wirklich als Steigerung der Qualität der Demokratie zu bewerten ist. Daher wird die vorliegende Arbeit der Forschungsfrage nachgehen, ob in Deutschland Protestaktivitäten stärker als anderen Partizipationsformen von der individuellen Ressourcenausstattung beeinflusst werden. Zwar besteht ein recht umfangreicher Forschungsstand hinsichtlich des Einflusses von Ressourcen auf unterschiedliche Partizipationsformen, aber die Studien basieren auf älteren Daten (beispielsweise van Deth 2013, Roller/Rudi 2008, Schäfer 2010), welche die eingangs beschriebene Bewegung nicht abdecken und/oder sind kritisch hinsichtlich der methodischen Vorgehensweise zu bewerten (besonders Schäfer 2010). Die vorliegende Arbeit baut auf den Daten des European Social Survey von 2012 auf und es besteht somit die Möglichkeit, den aktuellen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung in der Analyse abzubilden.

Um eine Antwort auf die aufgeworfene Frage zu geben wird wie Folgt vorgegangen. Den theoretischen Rahmen bildet das 2. Kapitel, in dem zuerst politische Partizipation definiert und konzeptualisiert wird, um anschließend das Civic Voluntarism Model (CVM) als Erklärungsmodell für politische Partizipation vorzustellen. Darauffolgend werden aus den theoretischen Überlegungen und dem bisherigen Forschungsstand Hypothesen über die Determinanten politischer Partizipation abgeleitet. Im 4. Kapitel erfolgt dann die empirische Analyse. Dafür werden zuerst die verwendeten Daten und die Operationalisierung der in die empirische Analyse einfließenden Variablen vorgestellt. Im Anschluss dessen werden die Ergebnisse der empirischen Analyse dargestellt und interpretiert, um eine Antwort darauf zu geben, welchen Einfluss die Ressourcenausstattung einer Person auf dessen Partizipationsbereitschaft hat. Abschließend wird ein Fazit gezogen.

2 Theoretische Grundlage

Um verschiedene Formen politischer Partizipation und ihre Determinanten wissenschaftlich untersuchen zu können, muss für die empirische Analyse vorab ein theoretischer Rahmen geschaffen werden. Dafür soll zuerst politischen Partizipation1 definiert und das Konzept hinsichtlich seiner Mehrdimensionalität beleuchtet werden. Im Anschluss daran wird das Civic Voluntarism Model von Verba, Schlozman und Brady (1995) als Erklärungsmodell für politische Partizipation erläutert.

2.1 Politische Partizipation

Für den Begriff der politischen Partizipation findet sich in der Literatur eine Vielzahl von Definitionen. Radtke (1976) beispielsweise versteht unter politischer Partizipation bereits jede geistige oder im Verhalten sichtbare Auseinandersetzung mit Politik (1976: 16). Dieses breite Verständnis von politischer Partizipation ist jedoch nicht differenziert genug, um einen bestimmten Ausschnitt der politischen Realität zu betrachten und daher wissenschaftlich ungeeignet (Gabriel/Völkl 2005: 528). Auch problematisch ist die in den Anfängen der Partizipationsforschung verwendete eindimensionale Definition von Partizipation, welche nur auf den Wahlakt bezogene Tätigkeiten als politische Partizipation zählt (Campbell et al 1960). Dadurch wird eine Vielzahl von Bürgerbeteiligungsformen, die sich heutzutage beobachten lassen, per Definition ausgeschlossen2. Daher werden in der vorliegenden Arbeitern unter politische Partizipation alle Handlungen verstanden, „die Bürger freiwillig mit dem Ziel unternehmen, Entscheidungen auf den verschiedensten Ebenen des politischen Systems zu beeinflussen“ (Kaase 1995: 521)3. Es wird also ein instrumenteller Partizipationsbegriff gewählt, welcher den gezielten Versuch der Einflussnahme auf die Politik in den Mittelpunkt stellt. Somit werden intrinsische Beweggründe für politische Partizipation oder auch Handlungen, welche nicht mit dem explizitem Ziel der Einflussnahme ausgeführt werden (z.B. politische Diskussionen) aus der Definition ausgeschlossen (van Deth 2009: 143).

Durch die gewählte Definition fällt eine Vielzahl von Handlungen unter den Begriff der politischen Partizipation, sodass deutlich wird, dass es sich bei dem Konzept um ein umfangreiches und vor allem mehrdimensionales handelt. In der Partizipationsforschung wurden die Aufteilung politischer Partizipation in unterschiedliche Dimensionen bzw. Formen4 sowie die Benennung der Dimensionen/Formen ausführlich diskutiert. Während beispielsweise Verba und Nie (1972) sowie Milbrath und Goel (1977) vier Dimensionen politischer Partizipation identifizieren („Wählen“, „Mitarbeit in Kampagnen“, „kommunale Aktivitäten“, „vereinzelter Kontakt“), schlagen Barnes et al. (1979: 28-48) einer Unterscheidung zwischen konventioneller und unkonventioneller Partizipation vor. Auch weitere Autoren plädieren für eine zweidimensionale Konzeption politischer Partizipation. So unterscheidet beispielsweise Norris (2007: 639) zwischen sachorientierter und bürgerorientierter und Kaase (2011: 1784) zwischen institutioneller und nicht-institutioneller Partizipation. Roller und Rudi (2008: 252f.) hingegen sprechen sich für einen Unterteilung in elektorale und nicht-elektorale Partizipation aus. Ein weiter ausdifferenziertes Konzept politischer Partizipation bieten Teorell, Torcal und Montero (2007) an, welche auf Basis von theoretischen Argumenten und empirischen Überprüfungen5 insgesamt fünf verschiedene Formen politischer Partizipation identifizieren: Wählen, Parteiaktivität, Kontaktieren, Konsumentenbeteiligung und Protestaktivität (Teorell/Torcal/Montero 2007: 343). Die Typologie ist in Abbildung 1 dargestellt. Die fünf Formen politischer Partizipation ergeben sich durch die Differenzierung zwischen zwei Hauptdimensionen: Die Autoren unterschieden zwischen zum einen den bei der Partizipation benutzen Ausdruckskanälen und zum anderen den benutzen Einflussmechanismen. Die beiden Dimensionen werden wiederrum unterteilt. In der erstgenannten Dimension identifizieren die Autoren zwei Kanäle, die Personen nutzen können, um ihre Meinung kund zu tun: repräsenative und extra-repräsentative Kanäle. Handlungen, die sich im „framework of representation“ (Teorell/Torcal/Montero 2007: 341) abspielen, d.h. die sich direkt auf politische Repräsentanten (Politiker oder Institutionen) richten, nutzen repräsentative Ausdruckskanäle. Aktivitäten wie Konsumentenbeteiligung6 oder Protestaktivitäten beziehen hingegen sich nicht direkt auf Politiker oder Institutionen der repräsentativen Demokratie, sondern beispielsweise im Falle der Konsumentenbeteiligung auf ein Produkt, das boykottiert wird.

Abbildung 1: Typologie politischer Partizipation nach Teorell, Torcal und Montero (2007)

Ausdruckskanäle

Repräsentativ Extra-Repräsentativ

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Teorell, Torcal und Montero 2007: 341

Dementsprechend wird hier die Meinung durch den extra-repräsentativen Kanal ausgedrückt. Bei der zweiten Dimension unterscheiden Teorell, Torcal und Montero in Anlehnung an Hirschmann (1970) zwischen zwei Mechanismen, die Personen anwenden können, um Einfluss auszuüben: exit -basierte und voice- basierte Einflussnahme. Wählen und Konsumentenbeteiligung sind exit-basierte Einflussmechanismen, da dort den Parteien bzw. gewissen Produkten die Unterstützung entzogen werden kann und die Bürger dadurch Einfluss ausüben7. Bei Partei- und Protestaktivitäten sowie dem Kontaktieren von Politikern hingegen handelt es sich um voice-basierte Einflussmechanismen, da hier durch das Ausdrücken der eigenen Meinung bzw. dem Vorbringen von Forderungen Einfluss genommen wird (Teorell, Torcal, Montero 2007: 341f). Partei- und Protestaktivitäten und das Kontaktieren von Politikern unterteilen die Autoren wiederum nach ihrem Zielbezug in nicht-gezielte (Partei-und Protestaktivitäten) und gezielte (Kontaktieren) Formen politischer Partizipation (Teorell, Torcal, Montero 2007: 344).

Kaase wendet kritisch ein, dass sich die Typologie von Teorell, Torcal und Montero kaum von den bisher genannten zweidimensionalen Konzepten politischer Partizipation unterscheidet und einzig die Identifikation von Konsumbeteiligung als weitere Form politischer Partizipation als neuartig zu deklarieren ist (Kaase 2011: 1784). Jedoch sprechen die Ergebnisse der von Teorell, Torcal und Montero durchgeführten empirischen Untersuchungen und die Bestätigung der empirischen Validität der Dimensionen durch Robustheitstest dafür, dass die bis dato existierenden Konzepte politische Partizipation nicht differenziert genug betrachtet haben. Es sollten vielmehr Einwände gegen Konsumbeteiligung als Form politischer Partizipation eingebracht werden. Denn um Konsum als politischen Konsum (Micheletti 2003) zu klassifizieren, müssen dem Konsumverhalten ganz bestimmte Motive zugrunde liegen (Lamla 2006: 13). Die Entscheidung für oder gegen den Kauf von gewissen Produkten als Form von Konsumentenbeteiligung muss nicht politisch motiviert sein, sodass bei diesem Verhalten nicht darauf abgezielt wird, die Politik bzw. die Öffentlichkeit zu beeinflussen (Keil 2012: 177). Somit muss Konsumentenbeteiligung nicht zwangsläufig der gewählten instrumentellen Definition von politischer Partizipation entsprechen.

Die Typologie von Teorell, Torcal und Montero überzeugt zwar durch ihre Differenziertheit; muss jedoch aufgrund des vorgebrachten Einwandes und um der Forschungsfrage dieser Arbeit gerecht zu werden, spezifiziert werden, um ein möglichst einfaches bzw. reduziertes Konzept zu erhalten. Konsumentenbeteiligung wird aus den vorgebrachten Kritikpunkten nicht mehr als eine Form politischer Partizipation betrachtet. An Protestaktivität und Wählen hingegen wird weiterhin einzeln festgehalten. Die Gründe dafür sind zum einen die zentrale Bedeutung von Protestaktivitäten für die Forschungsfrage. Zum anderen stellt Wählen die grundlegendste Form politischer Partizipation dar (Roller/Rudi 2008: 252) und sollte daher in die Analyse mit eingeschlossen und auch als einzelne Dimension betrachtet werden. Parteiaktivitäten und Kontaktieren als verbleibende Formen politischer Partizipation sollen zu einer Dimension zusammengeschlossen werden, da sie nicht im Fokus der Analyse stehen, jedoch aber trotzdem als relativ wichtige Partizipationsformen betrachtet werden. Bei dem Kontaktieren von Politiker, aber vor allem bei Parteiaktivitäten handelt es sich um Verhaltensweise, die im elektoralen System anzusiedeln sind, da sie mit dem Wahlakt indirekt zusammenhängen (Brady 2004: 669). Dementsprechend soll die Dimension im Folgenden wahlbezogene Partizipation genannt werden. Somit werden in der folgenden empirischen Analyse drei Formen politischer Partizipation untersucht: Wählen, wahlbezogene Partizipation und Protestaktivitäten.

2.2 Das Civic Voluntarism Modelals Erklärungsmodell für politische Partizipation

Nachdem politische Partizipation definiert und konzeptualisiert worden ist, soll nun im nächsten Schritt das Civic Voluntarism Model (CVM) vorgestellt werden, welches als theoretische Grundlage für die Erklärung von politischer Partizipation dienen soll.

Basierend auf dem sozio-ökonomischen Standardmodell8 (SES) (Verba/Nie 1972; Verba/Nie/Kim 1979), entwickelten Mitte der 1990er Jahre Sidney Verba, Kay Lehman Schlozman und Henry E. Brady das Civic Voluntarism Model. Die Autoren versuchten bei der Weiterentwicklung vor allem den theoretischen Unterbau des SES-Modells zu verbessern. Denn das Modell konnte zwar eine hohe empirische Erklärungskraft vorweisen, jedoch keine plausiblen theoretischen Erklärungen für den Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und politischer Partizipation (Roller/Rudi 2008: 256; Van Deth 2009: 153).

Nach Meinung der Autoren partizipieren Individuen aus drei Gründen nicht: „because they can`t; because they dont want to; or because nobody asked“ (Verba/Scholzman/Brady 1995: 269). Dementsprechend identifizieren Verba, Schlozman und Brady drei Determinanten auf der Individualebene, welche für die politische Partizipation der Bürger entscheidend sind: Ressourcen, Motivation und Netzwerke9 (siehe Abbildung 2). Ressourcen sind im CVM Zeit, Geld und civic skills, wobei unter civic skills objektive Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten wie der Wortschatz oder der formale Bildungsabschluss einer Person verstanden werden. Diese drei Faktoren sind entscheidend dafür, dass eine Person partizipieren kann (Verba/Schlozman/Brady 1995: 270). Denn politische Beteiligung ist laut den Autoren eine aufwendige Angelegenheit, welche Kosten verursacht und damit eine gewisse Ressourcenausstattung voraussetzt (Verba/Schlozman/Brady 1995: 270/284): Ohne frei verfügbare Zeit kann man nicht partizipieren. Bei einigen, vor allem sehr einflussreichen, Partizipationsformen wie z.B. Parteispenden ist eine gewisse finanzielle Ausstattung die Grundvoraussetzung und ein Mindestmaß an kognitiven Fähigkeiten ist von Nöten, um seine inhaltlichen Forderungen adäquat vorzubringen (Verba/Scholzman/Brady 1995: 271/ 343). Zudem gehen Verba, Schlozman und Brady davon aus, dass das individuelle Partizipationsverhalten einer Person auch über die Grundvoraussetzungen hinaus sehr stark von seiner Ressourcenausstattung beeinflusst wird.

Abbildung 2: Vereinfachtes Civic Voluntarism Model

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an Verba/Schlozman/Brady 1995 und Gabriel/Völkl (2008)

Denn Personen, die über viel Geld und Zeit verfügen, sollten den Einsatz dieser Ressourcen für politische Partizipation als viel weniger belastend empfinden als Personen, die an sich nur über ein sehr kleines Geld- und Zeitbudget verfügen. Ökonomisch ausgedrückt bedeutet dies, dass je höher die Ressourcenausstattung ist, desto geringer sind die Opportunitätskosten10 für politische Beteiligung. Daher schlussfolgern die Autoren, dass eine höhere Ressourcenausstattung auch zu einem höheren Ausmaß an politischer Partizipation führen sollte (Verba/Schlozman/Brady 1995: 287; Hansen 2009: 17). Im Gegensatz zu Zeit und Geld verringern sich civic skills als kognitive Ressource nicht, wenn sie im Rahmen von politischer Partizipation eingesetzt werden11. Personen, die über civic skills verfügen, fällt es leichter, sich am politischen Prozess zu beteiligen und sie sollten somit eher politisch partizipieren. Zudem können Personen mit solchen Fähigkeiten die Ressourcen Zeit und Geld effektiver einsetzen, sodass sie insgesamt produktiver sind als Personen ohne civic skills. Erworben werden civic skills vor allem während der Sozialisation in der Familie und der Schule, am Arbeitsplatz sowie durch die Mitarbeit in verschiedenen Institutionen und Organisationen (Verba/Schlozman/Brady 1995: 304f). Die Ausstattung mit civic skills, aber auch mit finanziellen Mitteln, hängt positiv mit dem soziökonomischen Status einer Person zusammen, da sie aus sozioökonomischen Faktoren wie Bildung oder Berufstätigkeit gewonnen werden12 (Verba/Schlozman/Brady 1995: 367; Verba/Schlozman/Brady 2004: 646; Roller/Rudi 2008: 256): Je besserer der eigene sozioökonomische Status, desto höher sollte die individuelle Ressourcenausstattung ausfallen. Insgesamt sind demnach Ressourcen essentiell für politische Partizipation, eine höhere Ressourcenausstattung macht ein höheres Beteiligungsausmaß wahrscheinlicher und die Ressourcenausstattung ist vom sozioökonomischen Status einer Person abhängig.

Als zweite Determinante politischer Partizipation führen Verba, Schlozman und Brady motivierende Faktoren an. Denn die Fähigkeit zur Partizipation, gemessen durch die Ressourcenausstattung einer Person, führt nicht zwangsläufig zur politischen Beteiligung. Da es sich bei politischer Partizipation um eine freiwillige Aktivität handelt, muss das Individuum auch gewillt sein zu partizipieren. Motivierende Faktoren sind also dafür entscheidend, ob eine Person partizipieren will. Dementsprechend sind nicht nur Ressourcen, sondern auch Motive notwendige Bedingungen für die politische Partizipation13 (Verba/Schlozman/Brady 1995: 343). Die Autoren verstehen unter Motiven eine Vielzahl von psychologischen Prädispositionen, die durch die Sozialisation erworben werden und die partizipationsfördernd wirken. Aus dieser Vielzahl von Prädispositionen wählen sie vier Einstellungen aus, welche ihrer Meinung nach die zentralen Motive für politische Partizipation darstellen: Politisches Interesse, subjektive politische Kompetenz14, politisches Wissen und die Stärke der Parteiidentifikation. Verba, Schlozman, Brady benennen gerade diese vier Einstellungen, da es sich zum einen bei ihnen – im Gegensatz zu anderen Einstellungen - um vier voneinander trennbare und nicht überlappende Konzepte handelt und zum anderen sich diese ausgewählten Einstellungen in der Forschung als besonders partizipationsfördernd gezeigt haben (Verba/Schlozman/Brady 1995: 345-348)15.

Als dritten Erklärungsfaktor werden von den Autoren soziale, nicht-politischen Netzwerken identifiziert16. Zum einen fördert die Einbettung in sozialen Netzwerken die Weiterentwicklung von partizipationsrelevanten Fähigkeiten, wie z.B. den civic skills, und beeinflusst dadurch indirekt die politische Beteiligung17 (Verba/Schlozman/Brady 1995: 369). Wesentlich bedeutender für die Autoren sind aber die in solchen Netzwerken stattfindenden Rekrutierungsprozesse. Gesellschaftlich eingebettete Personen sind wesentlich öfter partizipationsfördernden Stimuli wie politischen Gesprächen oder der direkten Aufforderung zur Partizipation ausgesetzt als sozial isolierte Personen. Dies bedeutet, dass in sozialen Netzwerken Personen, mehr oder weniger direkt, gefragt werden, ob sie partizipieren wollen (Verba/Schlozman/Brady 1995: 369/370). Die Rekrutierungsprozesse sind zwar im Gegensatz zu den Ressourcen und der Motivation für die politische Partizipation keine notwendigen Faktoren, nichtdestotrotz sind sie von wichtiger Bedeutung18.

[...]


1 Wenn im Folgenden von Partizipation, Beteiligung oder Teilnahme gesprochen wird, ist damit immer politische Partizipation im Sinne des im Kapitel 2.1 vorgestellten Konzeptes gemeint.

2 Das Repertoire politischer Partizipation hat sich in den letzten Jahrzenten stark ausgeweitet (für die Entwicklung des Repertoires politischer Partizipation siehe van Deth 2003: 171-177). So identifiziert van Deth in etwa 70 verschiedene Aktivitäten, die in empirischen Studien als Formen politischer Partizipation betrachtet wurden (van Deth 2003: 175f).

3 Ähnliche Definitionen politischer Partizipation sind bei Milbrath/Goel (1977:2); Verba/Nie (1972: 2); (Verba/Scholzman/Brady 1995: 35) oder van Deth (2003: 169) zu finden. Alle Definitionen setzten sich aus vier Merkmalen zusammen: Bei politischer Partizipation handelt es sich um (1) beobachtbare Handlungen, welche (2) freiwillig von (3) Bürger, d.h. nicht von den politischen Eliten, aufgeführt werden und sich auf die (4) Bereiche Politik/Regierung und Öffentlichkeit im weitesten Sinne beziehen (van Deth 2003: 170f).

4 Partizipationsdimensionen sowie Partizipationsformen werden im Folgenden synonym verwendet

5 Im Rahmen einer in 12 europäischen Ländern durchgeführten Untersuchung wurden die fünf Dimensionen mittels einer Faktorenanalyse ermittelt und durch Robustheitstests in ihrer empirischen Validität bestätigt (Teorell/Torcal/Montero 2007: 344ff).

6 Unter Konsumentenbeteiligung (consumer participation) verstehen Teorell, Torcal und Montero Aktivitäten, bei denen versucht wird durch die Nutzung des Marktmechanismus Einfluss zu nehmen. Dazu kann zum einen der Boykott oder die Unterstützung von bestimmten Produkten zählen, aber auch Geldspenden für einen politischen Zweck ist eine Form von Konsumentenbeteiligung (Teorell/Torcal/Montero 2007: 342).

7 Die Autoren verwenden die Bezeichnung exit- basiert, um zu betonen, dass es nicht nur eine Art gibt, seine Unterstützung zu entziehen, sondern mehrere Optionen. Z.B. kann man im Falle der exit-basierten Partizipationsform Wählen auf zwei Arten einer Partei die Unterstützung untersagen: Entweder man geht gar nicht mehr zur Wahl oder aber man gibt einer anderen Partei seine Stimme (Teorell/Torcal/Montero 2007: 342).

8 Das SES-Modell erklärt Partizipation vor allem mit den soziökonomischen Faktoren Einkommen, Bildung und Berufstätigkeit. Für eine überblicksartige Darstellung des SES-Modells siehe Gabriel/Völkl 2005: 561-563.

9 Das CVM zielt mit seinen Determinanten darauf ab, politische Partizipation auf der Individualebene zu erklären. Jedoch zeigen Studien, dass auch Charakteristika der Makroebene wie z.B. der politische, gesellschaftliche und institutionelle Kontext das Partizipationsverhalten der Bürger beeinflussen (Norris 2002; Roller/Rudi 2008; Steinbrecher 2008). Jedoch werden diese Erklärungsfaktoren aufgrund des beschränkten Umfanges dieser Arbeit im Weiteren nicht berücksichtig.

10 Unter Opportunitätskosten werden in der Volkswirtschaft Kosten verstanden, die bei der Wahl einer bestimmten Handlungsalternative anfallen, wenn mehrere Handlungsoptionen zur Auswahl stehen. Denn „wenn knappe Ressourcen für die Erstellung eines Gutes oder einer Leistung verwendet werden, gehen sie für die Produktion alternativer Güter verloren (Holzinger 2010: 684).

11 Es ist sogar eher denkbar, dass sich die individuellen Kommunikations- oder Organisationsfähigkeiten verbessern, also vermehren, je öfter sie im Rahmen von Partizipation eingesetzt werden.

12 Indem die Ressourcen Zeit, Geld und Civic Skills sich aus der sozioökonomischen Position herleiten, zählen konsequenterweise, so Roller und Rudi, auch sozioökonomische Faktoren wie Bildung und Berufstätigkeit zur Ressourcen-Dimension des CVM (Roller/Rudi 2008: 256).

13 Auch wenn politische Partizipation sich aus Ressourcen und Motiven ergibt, soll hier noch einmal betont werden, dass Ressourcen die zentrale Grundvoraussetzung für politische Beteiligung darstellen, da sie entscheiden dafür sind, ob eine Person überhaupt partizipieren kann und somit die Bereitschaft zur Partizipation ohne eine entsprechende Ressourcenausstattung nutzlos ist (Verba/Schlozman/Brady 1995: 354).

14 Unter subjektiver politischer Kompetenz, auch internal political efficacy gennant, wird die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten verstanden, Politik zu verstehen und zu beeinflussen. Davon zu unterscheiden ist die externe politische Effektivität (external political efficacy), welches sich auf die „Wahrnehmung der Offenheit des politischen Systems für eigene Anliegen bzw. das Vertrauen in die Rücksichtnahme der Politiker und Parteien“ (Vetter 2002: 115) bezieht.

15 Verba, Schlozman und Brady weisen darauf hin, dass bei den motivierenden Einstellungen auch vorstellbar ist, dass die politische Beteiligung einen Effekt auf die Einstellungen ausübt und sie sich so teilweise wechselseitig beeinflussen. Somit lässt sich die Richtung der Kausalität nicht eindeutig feststellen (Verba/Schlozman/Brady 1995: 336).

16 In Ihrem Ursprungswerk verstehen die Autoren unter sozialen Netzwerken vor allem institutionalisierte, nicht-politische Organisationen wie den Arbeitsplatz, die Kirche oder freiwillige/gemeinnützige Vereinigungen (Verba/Schlozman/Brady 1995: 369ff.) In einem späteren Aufsatz zählen sie aber auch das soziale Umfeld mit dazu (Verba/Schlozman/Brady 2004: 647.

17 Die Autoren äußern auch bei der dritten Determinante Bedenken hinsichtlich der Richtung der Kausalität, da auch denkbar ist, dass gerade schon in der Vergangenheit aktive Personen in solchen Organisationen Mitglied sind. Dieses Problem wird jedoch versucht zu umgehen, indem Aufforderungen zur Partizipation in informalen, sozialen Netzwerken als Stimuli für politische Partizipation angesehen werden, die somit der Partizipation vorgelagert sind (Verba/Schlozman/Brady 1995: 371).

18 Neben den drei vorgestellten Determinante, die einen langfristigen und generellen Effekt auf die individuelle Partizipationsbereitschaft ausüben, führen die Autoren auch die individuelle Meinung zu ganz bestimmten politischen Sachfragen („Issue-Engagement“) als weiteren Erklärungsfaktor an (Verba/Schlozman/Brady 1995: 391). Jedoch ist der Einfluss der Issue-Orientierung auf Partizipationsaktivitäten begrenzt, die direkt darauf abzielen, die politische Sachfrage betreffende Sachverhalte zu beeinflussen. So ist man z.B. bereit, an einer Demonstration gegen Atompolitik teilzunehmen; aber nicht an einem Protest gegen eine Militärintervention (Hansen 2009: 21).

Details

Seiten
35
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668878570
ISBN (Buch)
9783668878587
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459305
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Ungleichheit politische Partizipation Protest Wahlen European Social Survey Demokratietheorie Partizipation Ungleichheit

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Titel: Führt soziale Ungleichheit zu politischer Ungleichheit? Der Einfluss der individuellen Ressourcenausstattung auf unterschiedliche Partizipationsformen mit besonderem Fokus auf politischen Protest