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Sprachenwechsel bei Bilingualen aus psycholinguistischer Sicht

¿Quieres un vaso de milk? Über Zweisprachigkeit und Code-Switching

Bachelorarbeit 2018 126 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitorische Grundlagen zu Sprachkontakt und Psycholinguistik
2.1 Bilinguismus
2.2CodeSwitching
2.3 Die Psycholinguistik
2.3.1 Das mentale Lexikon
2.3.2 Autonome vs. interaktive Sprachproduktionsmodelle
2.4 Die Theorie Gary S. Dells
2.4.1 Der Sprachproduktionsprozess nach Gary S. Dell (1986)

3. Die Studie
3.1 Die Probanden
3.2 Die Untersuchungsmethode
3.3 Die Untersuchungsvariablen
3.4 Die Untersuchungsdurchführung
3.5 Die Interview-Fragen
3.6 Die Ergebnisse

4. Psycholinguistische Analyse
4.1 Charakterisierung des Sprechers
4.2. Rekonstruktion des Sprachproduktionsprozesses und
psycholinguistische Analyse der Velarisierung des Phonems /l/
4.2.1 Assimilationsprozesse als Indiz für ein höheres Aktivierungslevel des alveolaren [l] bei /salsa/

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Bachelor-Arbeit trägt den Titel „¿Quieres un vaso de milk? Eine psycholinguistische Betrachtung zu Sprachenwechseln bei Bilingualen“ und ver- anschaulicht schon damit das zugrundeliegende Thema: Eine Rekonstruktion ko- gnitiver Prozesse von Resultaten des Sprachkontakts. In zahlreichen Studien wur- den bereits Code-Switching- und Sprachwechselphänomene festgehalten und ana- lysiert. Poplack und Sankoff (1981) untersuchen die grammatischen Beschränkun- gen von Sprachwechseln. Modelle wie die Dells (1986) und Levelts (1989) kon- zentrieren sich auf die Sprachproduktion Monolingualer während sich Kroll und Stewart (1994) die Frage nach den asymmetrischen Verbindungen von Repräsen- tationen im bilingualen mentalen Lexikon stellen. Rothman und Bell (2005) hin - gegen betrachten die Resultate von Sprachkontakt und die identitätsstiftende Komponente von Sprachen und van Gelderen und MacSwan (2007) beschäftigen sich mit diesen Inhalten aus der Perspektive der generativen Grammatik. Montrul (2013) zeigt Phänomene des Sprachkontaktes bilingualer Englisch/Spanisch-Spre- cher auf. Wenige Studien jedoch beschäftigen sich mit der konkreten Sprachpro- duktion von Bilingualen. Die vorliegende Bachelor-Arbeit soll sich nun auf die produktive Seite der Sprache Bilingualer konzentrieren. Inwiefern ist der Sprach- produktionsprozess Monolingualer auf den Bilingualer anwendbar? Was passiert im Sprachproduktionsprozess, wenn ein Bilingualer zwischen zwei Sprachen wechselt? Was passiert im Sprachproduktionsprozess, wenn ein Bilingualer Inter- ferenzen produziert?

Die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführte Studie basiert auf Interviews mit bi- lingualen Englisch/Spanisch-Sprechern aus Los Angeles, Kalifornien. Nicht zu- letzt die Tatsache, dass in Kalifornien allein 15 Millionen Menschen hispanischen Ursprungs leben (cf. United States Census Bureau 2017) lässt den Golden State als attraktives Forschungsgebiet für Linguisten erscheinen: Dort beobachtete Sprachkontaktphänomene wie Bilinguismus, Sprachwandel und Code-Switching können in zahlreichen Studien Montruls (2013) und Silva-Corvaláns (1994) wie- dergefunden werden, weshalb auch die Studie der vorliegenden Arbeit dort fußt. Das Spanische ist in den Vereinigten Staaten von Amerika heute noch allgegen- wärtig:

El español se escucha en las calles, en la televisión, en la radio y […] se habla en casi to- dos los estados de los Estados Unidos, aunque la mayor concentración de hispanohablan- tes todavía se encuentra en Arizona, California, Colorado, Nuevo México, Texas, Florida, Nueva York y Nueva Jersey (Montrul 2013, 104).

Laut einer Umfrage der ACS1 verwenden bereits 2011 rund 37 Millionen Men- schen Spanisch als dominante Sprache im Haushalt (cf. Ryan 2013), während al- lein im Jahre 2016 mehr als 57 Millionen Menschen mit hispanischen Wurzeln in den USA leben (cf. United States Census Bureau 2017).

Ausgangspunkt der vorliegenden Bachelor-Arbeit ist zunächst das Modell Gary S. Dells (1986), der Sprachfehler als natürliche Konsequenz einer „language produc- tion to be productive, coupled with some reasonable assumptions about the way that linguistic knowledge is represented and retrieved“ (ibd., 319) sieht.

Zunächst soll das für diese Arbeit zugrundeliegende Verständnis der Termini Bi- linguismus und Code-Switching definiert werden, um anschließend in das Wesen der Psycholinguistik einzuführen und einen Überblick über die verschiedenen Sprachproduktionsmodelle zu geben. Dargestellt werden sollen außerdem unter- schiedliche Thesen zur Struktur mentaler Lexika bei Bilingualen sowie weiterhin der Sprachproduktionsprozess nach Dell (1986). Verbunden wird dieser anschlie- ßend mit der Erläuterung der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Studie aus dem Jahre 2017. Spezifische, teils inkorrekt produzierte Äußerungen der Proban- den werden dann herausgearbeitet und anhand der Theorie Dells (1986) analysiert. Insbesondere unter Berücksichtigung von Sprachfehlern als natürliche Konse- quenz einer Sprache soll aus psycholinguistischer Perspektive eine Analyse der Sprachwechsel der interviewten bilingualen Sprecher durchgeführt werden, um anschließend Erklärungsansätze für das Entstehen inkorrekter Sprachwechsel zu schaffen.

2. Definitorische Grundlagen zu Sprachkontakt und Psycholinguistik

2.1 Bilinguismus

Bereits Montrul (2013, 7-8) macht deutlich, wie schwierig es ist, den Terminus Bilinguismus zu definieren. Dafür müssen zunächst vier Typen von Sprache un- terschieden werden. Die „lengua primera“ (Montrul 2013, 3) und die „lengua se- gunda“ (ibd.) beschreiben die zeitliche Abfolge des Erwerbs der jeweiligen Spra- chen. Die „lengua primaria“ (ibd.) und „lengua secundaria“ (ibd.) jedoch begrün- den sich in der Gebrauchshäufigkeit und der Funktion. Die lengua primaria be- zeichnet die Sprache, die der Sprecher häufiger benutzt als die lengua secundaria (cf. ibd.). Wenn sich im Zuge dieser Arbeit also auf die L1 oder L2 eines Spre - chers bezogen wird, so ist die L1 mit dem Terminus der lengua primera und die L2 mit dem der lengua segunda zu verstehen.

Während einige Wissenschaftler einen Sprecher als bilingual bezeichnen, sobald er Grundkenntnisse einer zweiten Sprache besitzt, ist die Definition eines Bilingu- alen, welcher zwei Sprachen auf L1-Niveau spricht, dagegenzuhalten. Für diese Arbeit von Bedeutung sind alle Sprecher, die, unabhängig ihrer Sprachkompetenz, zwei oder mehr Sprachen sprechen, da diese Arbeit nicht darauf zielt, Universali- en zu schaffen, sondern sich konkret auf den individuellen Sprecher bezieht. Den- noch sind befragte Probanden mit Englisch und Spanisch in ihrer Kindheit kon- frontiert worden und haben somit mindestens Grundkenntnisse in beiden Spra- chen erwerben können.

Montrul (2013, 9) unterscheidet nun zwischen dem “bilingüismo temprano” (ibd.), bei dem ein Sprecher bis zu seinem zwölften Lebensjahr zwei Sprachen er- lernt, und dem “bilingüismo tardío” (ibd.), welcher den Spracherwerb nach Voll- endung des zwölften Lebensjahres charakterisiert.

Der bilingüismo temprano lässt sich weitergehend in “bilingüismo secuencial” (ibd.) und “bilingüismo simultáneo” (ibd.) differenzieren. Letzterer beschreibt den gleichzeitigen Erwerb zweier Sprachen, während der bilingüismo secuencial das aufeinanderfolgende Erlernen beider Sprachen beinhaltet (cf. ibd., 10).

Da diese Arbeit sich mit Sprechern beschäftigt, deren Erwerb beider Sprachen vor dem zwölften Lebensjahr stattfand, soll im Folgenden intensiver auf den Erwerbs- kontext, den Gebrauch und das Sprachniveau des bilingüismo temprano eingegan- gen werden.

Der bilingüismo simultáneo kann in vielfältigen Erwerbskontexten stattfinden. Ist der Haushalt nicht monoparental, spricht meist ein Elternteil die Sprache A und der andere Elternteil Sprache B. Eine der beiden Sprachen sollte mit der Umge- bungssprache übereinstimmen, da der Sprecher sonst als multi- und nicht mehr bi- lingual bezeichnet werden kann (cf. ibd., 1).

Natürlich kann auch der Gebrauch beider Sprachen im Haushalt stattfinden, so- dass beide Elternteile sowohl in Sprache A als auch in Sprache B mit dem Spre- cher kommunizieren. Auch Großeltern und Geschwister können einen entschei- denden Einfluss auf den Spracherwerb haben: entweder sie sprechen nur Sprache A, nur Sprache B oder ebenfalls beide Sprachen mit dem Sprecher (cf. ibd., 10). Der bilingüismo secuencial hingegen tritt ein, wenn der Sprecher im Haushalt Sprache A erlernt und dann, meist im Alter von vier Jahren, Sprache B im Zuge der Einschulung erwirbt (cf. ibd., 9-10). Es ist jedoch zu beachten, dass auch hier Geschwister, wenn sie älter sind und bereits die Umgebungssprache erlernen, sel- bige als zweite Sprache in den Haushalt mit einführen können.

Wichtig ist, zwischen den Gebrauchsgraden zu unterscheiden. Diese sind abhän- gig von der Zeit, die der Sprecher mit welchem Elternteil verbringt; ob beide Sprachen im Haushalt gesprochen werden oder ob der Sprecher Sprache B nur au - ßerhalb anwendet. Auch ist zu beachten, ob der Sprecher beide Sprachen sowohl schriftlich als auch mündlich beherrscht, was zu der Frage der Niveaudifferenzie- rung führt (cf. ibd., 11).

Es herrscht eine Asymmetrie bei bilingualen Sprechern, denn auch, wenn Bloom- field (1933) einem Bilingualen hohe Kompetenzen in beiden Sprachen zuspricht, so stellt Montrul (2013, 12) klar, dass der Sprecher nie perfekte Kenntnisse in al- len Bereichen vorweisen kann. Ist der Wortschatz der L2 eines Sprechers sehr breit, muss die Aussprache beispielsweise nicht die eines L1-Sprechers sein; viel- leicht spricht der Sprecher eine Sprache auf formaler, aber nicht informaler Ebene (cf. Pelzer 2006, 55). Die Kombinationsmöglichkeiten scheinen unendlich, sodass eine weitere Eingrenzung für diese Arbeit geschaffen werden muss.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich grundlegend mit Bilingualen, die dem bi- lingüismo temprano zuzuordnen sind und dessen Haushalt Englisch und/oder Spa- nisch spricht. Die befragten Sprecher zeichnen sich sowohl durch den bilingüismo simultáneo als auch secuenial aus.

2.2 Code-Switching

Als Code-Switching wird ein „sanfter Wechsel zwischen zwei oder mehreren Sprachen” (Müller 2015, 11) oder Varietäten (cf. Riehl 2014, 21) beschrieben, der wie folgt stattfinden kann: Als Insertion, Alternation oder als kongruente Lexika- lisierung (cf. Muysken 2000, 3). Die Insertion bezeichnet jenen Vorgang, bei dem Sprachmaterial der Sprache A in Sprache B eingefügt wird. Abgrenzend zu pré- stamos 'Lehnwort'2 od e r calcos 'Lehnübersetzung'3 muss der Sprecher trotzdem eine hohe Sprachkompetenz in beiden Sprachen aufweisen, denn es handelt sich hierbei nicht unbedingt nur um einzelne Lexeme der anderen Sprache, sondern um komplette Konstituenten4. Bei der Alternation werden Codes geswitched, indem sowohl Sprache A und Sprache B ihre Grammatik und Syntax beibehalten und ein vollständiger Sprachwechsel im Satz stattfindet. Die kongruente Lexikalisierung ist schlussendlich wie folgt zu verstehen: Beide Sprachen teilen sich eine gram- matische Struktur, welche mit Lexemen aus beiden Sprachen gefüllt wird (cf. ibd., 6).

Weiterhin lässt sich zwischen intersententiellem und intrasententiellem Code- Switching unterscheiden. Wird intersententiell geswitched, so findet der Code- Switch an Satz- oder Teilsatzgrenzen statt. Intrasententiell bedeutet, dass inner- halb eines Satzes Codes geswitched werden (cf. Riehl 2014, 33).

Code-Switching kann und muss an dieser Stelle von folgenden Termini abgegrenzt werden:

1 . Language- oder Code-Shifting . Hier findet ein Sprachwechsel aufgrund von Kompetenzlücken statt. Die „syntaktische Struktur ist durch die dominante Sprache bestimmt” (Müller 2015, 13) und dient unter anderem der Kompensation von Kompetenz- und Erinnerungslücken. Anders als beim Code-Switching hat der Sprecher hier eine niedrige Kompetenzstufe in einer oder beiden Sprachen, die einen Sprachwechsel unumgänglich machen.
2 . Diglossie . Ein diglossischer Sprachzustand ist jener, bei dem Sprachen einer Sprechergemeinschaft einen unterschiedlichen funktionellen Wert haben (cf. Ferguson 1959, 232). Die Sprache, die als High Variety bezeichnet wird, findet sich im distanzsprachlichen Bereich und „wird in Institutionen gelernt und verwendet” (Riehl 2014, 16), während die Low Variety auf die Nähe- kommunikation und informelle Situationen beschränkt ist. Die Diglossie-Situation betrifft die gesamte Sprechergemeinschaft und schließt einen Wechsel zwischen High-und Low Variety in einer Kommunikation aus (cf. Becker 2013, 219).
3 . Tag-Switching. Dieses Phänomen bezeichnet den Einbau von Diskursmarkern5 der Sprache A in einen Satz der Sprache B (cf. Müller 2015, 17). Entgegen der vorgestellten Definitionen soll im Folgenden der Termini Sprach- wechsel für die sprachlichen Äußerungen der Probanden genutzt werden, da diese nicht auf grammatische Korrektheit bewertet werden sollen, was, wenn sie als eine der oben genannten Kategorien bezeichnet würden, der Fall wäre.

2.3 Die Psycholinguistik

Die Psycholinguistik wird als jene Wissenschaft bezeichnet, die „sprachliches Verhalten als einen Bestandteil des menschlichen Denkens, der Kognition, [...] betrachte[t]“ (Dietrich/Gerwien 2017, 8) und damit folgende Frage bearbeitet: „Welches Wissen und welche kognitiven Verarbeitungssysteme machen die Sprachfähigkeit des Menschen aus?“ (ibd.). Ferner lassen sich von der allgemei- nen Sprachfähigkeit gesondert auch deren Erwerb, Produktion und Störungen be- trachten (cf. ibd.).

Das sprachliche Wissen eines Menschen wird weitergehend definiert als jene In- stanz, welche „dem Menschen die Mittel für die sprachliche Kommunikation über nicht-sprachliche psychische Dinge bereit[stellt]“ (ibd., 23). Die Elemente, welche dieses sprachliche Wissen bedingen, sind umstritten und werden von Theoretikern mit diversen Termini benannt, in Kapitel 2.4 und 2.4.1 jedoch werden die für die- se Arbeit genutzten Termini definiert und verdeutlicht. Die vorliegende Arbeit wird sich mit dem Gebiet der Produktion von Sprache befassen und damit not - wendigerweise partiell mit den Erwerbsprozessen dieser.

2.3.1 Das mentale Lexikon

Das mentale Lexikon definiert sich als „sprachliche[r] Wissensbestand im Lang- zeitgedächtnis“ (Dietrich/Gerwien 2017, 26). Es beschreibt die „Kenntnis der sprachlichen Einheiten“ (ibd., 24), wohingegen man von einer sich davon abgren- zenden mentalen Grammatik ausgeht, die sich der Kombinationsmöglichkeiten dieser sprachlichen Einheiten bewusst ist (cf. ibd.). Es gibt eine Vielzahl an Ver- suchen, den Inhalt sowie die Verknüpfung und Verarbeitung der Inhalte innerhalb des mentalen Lexikons zu erklären. Da in der vorliegenden Arbeit der Fokus auf bilingualen Individuen liegt, soll im Folgenden der Ansatz Uriel Weinreichs (1977) kurz erläutert werden. Weinreich (1977), Ervin und Osgood (1954) und auch Montrul (2013) unterscheiden zwischen drei Möglichkeiten, wie Individuen Sprachen in ihren mentalen Lexika abspeichern. Die erste Möglichkeit besteht darin, dass der Sprecher zwei klar voneinander getrennte Sprachsysteme besitzt, Typ 1. Beispielsweise hätte der bilinguale Englisch/Russisch-Sprecher auf dem semantischen Level engl. 'book' - /buk/ und davon gesondert rus. 'kníga' - /'kn´iga/ abgespeichert (cf. Weinreich 1977, 26), sodass jedes Signifikat einen eigenen Si- gnifikanten hat.6 Diese mentale Sprachorganisation wird als coordinada bezeich- net (cf. Montrul 2013, 12).

Typ 2 beschreibt eine andere Art des Strukturierens: Der Sprecher hat für ein Si- gnifikat zwei Signifikanten, das Lexem 'book' ist demnach gleichgesetzt mit 'kní - ga' abgespeichert. Es wird als „zusammengesetztes Zeichen” (cf. Weinreich 1977, 26) betrachtet und diese Art der Sprachorganisation nennt sich compuesta (cf. Montrul 2013, 12).

Weiterhin lässt sich Typ 3 formulieren, welcher darauf basiert, dass die Sprache B auf der Basis von Sprache A erlernt wird. Der Sprecher lernt somit 'book' - /buk/ und der Signifikant /'kn´iga/ hat als Referenz das englische Wort 'book' und nicht den realen Gegenstand (cf. Weinreich 1977, 26).

Aktuellere Untersuchungen jedoch befürworten ein Modell der „linked languages“ (Cook 2003, 8) oder „partial integration“ (ibd.). Dies beschreibt eine Verbindung zweier Sprachen, die „does not necessarily apply to the whole langua- ge system“ (ibd., 9), „nor does it necessarily affect all individuals in the same way“ (ibd.).7 Zu diesem Ansatz lässt sich auch Gary S. Dells (1986) Theorie zu- ordnen, wie in Kapitel 2.4 gezeigt werden wird.

2.3.2 Autonome vs. interaktive Sprachproduktionsmodelle

Wie aber werden die kognitiv gespeicherten Inhalte formuliert und artikuliert? Wie wird eine „idea into utterance“ (Fernández/Cairns 2011, 134)? Wie findet der Sprachproduktionsprozess statt? Hinsichtlich dessen gibt es unterschiedliche Mo- delle, die sich grundlegend in autonome und interaktive Sprachproduktionsmodel- le unterscheiden lassen (cf. Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010, 41). Zu den bekann- testen Vertretern der autonomen Modelle zählt Levelt (1989), dessen Theorie dar- auf gründet, dass der Sprachproduktionsprozess aus vielen autonomen Teilprozes- sen, die in Modulen verarbeitet werden, besteht. Will ein Sprecher nun eine sprachliche Äußerung tätigen, so muss diese erst alle Module oder Teilschritte durchlaufen, um letztendlich artikuliert werden zu können. Dies bedeutet aber auch, dass jedes Modul erst verarbeiten muss, bevor der Output an das nächste Modul weitergegeben und dort verarbeitet werden kann (cf. Rickheit/Weiss/Eik- meyer 2010, 41). Trotzdem können alle Module gleichzeitig tätig sein, was mit der inkrementellen Sprachproduktion zusammenhängt: Diese geht davon aus, dass die Anfänge eines Satzes bereits verarbeitet werden, „bevor die weiteren Teile des Satzes vollständig geplant sind“ (ibd., 42). Grundlegende Module Levelts (1989) Theorie sind Conceptualizer, der eine präverbale Message konstituiert, die dann an den Formulator weitergegeben wird, welcher morphosyntaktische und phono- logische Prozesse aktiviert und dessen Output schließlich an den Articulator wei- tergegeben wird (cf. Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010, 42-43). Dieser bringt „die geplanten Konzepte sprachlich zum Ausdruck“ (ibd., 43). Mit Monitor wird zu- letzt das „Kontrollorgan“ (ibd.) bezeichnet, welches dem Sprecher die Möglich- keit gibt, Konzeptualisiertes und Gesprochenes zu kontrollieren und zu korrigie- ren (cf. ibd.).

Interaktive Sprachproduktionsmodelle wie die Hermann und Grabowskis (1994) dagegen basieren auf der Annahme, dass alle Module miteinander agieren, unab- finite Verb does in Verb-Zweit-Stellung nicht gegeben ist. Da es sich hierbei aber um ein Zitat handelt und die englische Syntax eine Verbendstellung nicht erlaubt, wird das Zitat so übernommen. hängig davon, ob bestimmte Teilprozesse schon verarbeitet wurden oder nicht (cf. Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010, 43-44). Module können miteinander in Bezug tre- ten, ohne zwingend auf den Output des vorangehenden Moduls warten zu müssen. Im Folgenden wird nun die Theorie Gary S. Dells (1986) eingeführt, die sich zu eben diesem interaktiven Ansatz zuordnen lässt.

2.4 Die Theorie Gary S. Dells

Die Theorie Gary S. Dells (1986) lässt sich den interaktiven Sprachproduktions- model len zuord nen, k onkret den konnekt ioni stische n Model le n (cf. Rickheit/Weiss/Eikmeyer, 44). Jener der Biologie entnommene Terminus des Konnektionismus steht in Verbindung mit der „hohe[n] Konnektivität der Neuro- nen“ (ibd., 16), die als „sehr komplexes Netzwerk“ (ibd., 15) eng miteinander ver- knüpft sind. Diese Struktur und Konnektivität des Neuronen-Netzwerks nutzt der Konnektionismus, um die Struktur von Sprache im mentalen Lexikon eines Spre - chers zu beschreiben. Auch der Ansatz Dells (1986) gründet auf der Annahme, dass Sprache „is represented as a network rather than a listing“ (ibd., 286), auf die im Verlauf der Arbeit noch einmal spezifischer eingegangen wird. Klarzustellen ist zunächst, dass er sich nicht explizit mit bilingualen Individuen beschäftigt, das Modell aber durchaus auf die Sprachproduktion Bilingualer angewandt werden kann. Aufgrund dessen bildet es die Grundlage der vorliegenden Arbeit.

Dell (1986) unterscheidet, anders als zuvor beschrieben Levelt (1989), zwischen verschiedenen linguistischen Level einerseits und generativen Regeln und dem (mentalen) Lexikon andererseits (cf. Dell 1986, 286).

Jeder Mensch verfügt über das Wissen über seine Sprache, welches in linguisti- sche Level unterteilt werden kann. Diese sind semantischer, syntaktischer, mor- phologischer und phonologischer Natur (cf. ibd.). Sie sind produktiven Charak- ters, das bedeutet, dass ein Sprecher in der Lage ist, neue Kombinationen8 zu ver- stehen und zu produzieren (cf. ibd.). Ob eine produzierte Kombination eine poten- zielle sprachliche Äußerung werden kann, obliegt den generativen Regeln. Sie re- präsentieren syntaktische, morphologische und phonologische Informationen ei- ner Sprache und schaffen einen Rahmen von slots, die während des Sprachpro - duktionsprozesses unter Berücksichtigung von kombinatorischen Regeln mit Items gefüllt werden müssen (cf. ibd., 286). Diese Items, also levelspezifische Einheiten, werden im Lexikon gespeichert. Das Lexikon enthält somit gespeicher- tes9 Wissen, welches Dell (1986), anders als andere Theoretiker, als das soeben angeführte Netzwerk von Knoten darstellt (cf. ibd.). Jeder Knoten vertritt eine lin- guistische Einheit, also „concepts, words, morphemes, phonemes, and phonemic features“ (ibd.), die miteinander und mit ihrem jeweiligen linguistischen Level verbunden sind – also concepts mit dem semantischen Level, phonems mit dem phonologischen Level, etc. Jeder Knoten ist außerdem mit einer Vielzahl weiterer Knoten verbunden, die in Bezug mit ihm stehen – auf semantischem Level bei - spielsweise ist der Knoten für doctor mit dem Knoten für nurse verbunden (cf. ibd., 310). Im Folgenden wird nun der Sprachproduktionsprozess nach Dell (1986) theoretisch beschrieben, um eine Grundlage für die in Kapitel 4.2 stattfin- dende Rekonstruktion dessen anhand der sprachlichen Äußerung eines Probanden zu schaffen.

2.4.1 Der Sprachproduktionsprozess nach Gary S. Dell (1986)

Um die Produktion einer sprachlichen Äußerung verstehen zu können, muss zu- nächst das Zusammenspiel der drei in Kapitel 2.4 angeführten Komponenten be- trachtet werden. Bei der Sprachproduktion wird auf jedem Level eine Repräsenta- tion10 des “sentence-to-be-spoken” (ibd., 287) gebildet. Konstituiert wird diese durch die Enkodierung der jeweils höher stehenden Repräsentation. Dieser Über- setzungsprozess11 geschieht wie folgt: Wenn exemplarisch die phonologische Re- präsentation (hier: R2) hergestellt werden soll, muss dies im Zuge der phonologi- schen Enkodierung passieren. Während dieses Enkodierungsprozesses findet eine Übersetzung einzelner Items der morphologischen, vorangegangenen, Repräsenta- tion (hier: R1) in die R2 statt. Die morphologische Repräsentation wird demnach in Silben, Rimes, Clusters, Phoneme und Features übersetzt (cf. Dell 1986, 295).

Zur Veranschaulichung dienen Abbildung 1 sowie die im Anhang aufgeführten Grafiken (cf. Anhang I,II).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A bbildung 1: Dell 1986, 295.

Das jeweils weiterzugebende Item der R1 nennt sich “current node” (ibd.). Dieser wird zunächst aktiviert. Die R2 gibt durch die generativen Regeln den Rahmen und damit die zu füllenden slots vor. Zu den slots passende Einheiten im Lexikon werden durch den “retrieval process” (ibd.) aktiviert. Dieser verläuft wie folgt: Ein Knoten K1 des Lexikons wird aktiviert, der diese Aktivierung an alle mit ihm verbundenen Knoten K2, K3, K4 weitergibt. Die Weitergabe der Aktivierung wie- derum basiert auf dem Prinzip des spreading-activation mechanism. Der sprea- ding-activation mechanism bewirkt, dass die Aktivierung jedes Knotens im Lexi- kon eine ungleichmäßige Weitergabe des Aktivierungslevels an verbundene Kno- ten initiiert. Dieses Aktivierungslevel verliert exponentiell an Stärke. Wenn es am Endknoten angekommen ist, so summiert sich die noch verbliebene Aktivierung auf das Aktivierungslevel des Endknotens auf (cf. ibd.). Sogenannte insertion ru- les entscheiden nun zwischen allen aktivierten Items und wählen, also taggen, je- nes, das das “highest level” (ibd., 288) an Aktivierung besitzt. Dieses Item wird dann in den slot gesetzt. Sobald es ausgewählt ist, verliert es idealerweise sein

Aktivierungslevel, um einer erneuten Selektion vorzubeugen. Nachdem eine Aus- wahl stattgefunden hat und der Rahmen der R2 gefüllt wurde, ist der Enkodie- rungsvorgang abgeschlosse und eine levelspezifische Repräsentation hergestellt, die an das nächste Level weitergegeben werden kann.

„The selection of items for a lower representation must await the construction of corresponding structures of the higher representation“ (ibd., 287) – die verschie- denen Produktionsebenen sind trotz simultaner Verarbeitung voneinander abhän- gig. So kann die phonologische Repräsentation beispielsweise erst produziert wer- den, wenn ein Lexem auf semantischer Ebene getagged wurde. Jede Repräsentati- on eines Levels ist außerdem ein “buffer” (ibd.), was bedeutet, sie speichert alle vorangegangenen Repräsentationen, die noch nicht an weiter unten liegende Level weitergegeben worden sind.

Durch welche Faktoren jedoch wird ein hohes Level an Aktivierung gegeben? Welche Entität bestimmt, welches Item die höchste Aktivierung erhält, sodass es schließlich getagged wird und einen slot des generativen Rahmens füllen kann? Dell (1986) gibt dazu einige Auskünfte, die allerdings nach einer Darstellung der basisgebenden Studie dieser Arbeit im Rahmen der in Kapitel 4.2 durchgeführten psycholinguistischen Analyse beantwortet werden sollen.

3. Die Studie

Im Folgenden wird die im Jahre 2017 durchgeführte Studie hinsichtlich ihrer Ziel- setzung, Durchführung und Variablen erläutert. Der Untersuchungszeitraum ist der November und Dezember, wenngleich von einer Planungs- und Modifizie- rungsphase von zusätzlichen zwei Monaten ausgegangen werden kann. Stattge- funden hat die Untersuchung aufgrund der bereits in der Einleitung formulierten hohen bilingualen Sprecherzahl in Los Angeles, Kalifornien.

3.1 Die Probanden

Befragt wurden neun Probanden zwischen 20 und 55 Jahren. Alle Probanden leb- ten zum Befragungszeitpunkt seit fünf oder mehr als fünf Jahren ihres Lebens in den USA und sind oder waren Mitglieder hispanophoner Haushalte - seitdem also mit der spanischen und englischen Sprache konfrontiert. Es werden vorab keiner- lei Überprüfungen zur Sprachkompetenz der jeweiligen Probanden durchgeführt – jedem Probanden jedoch werden Kompetenzen in beiden Sprachen zugesprochen. Der Grad der Kompetenz ist für die Ergebnisse dieser Studie jedoch nicht von Be- lang, da das Ziel dieser Bachelor-Arbeit ist, Sprachwechsel zu beschreiben und in- terne kognitive Prozesse zu rekonstruieren. Die Sprecher sollen also nicht bewer- tet werden und ihre Aussagen ebenso wenig als grammatikalisch richtig oder falsch kategorisiert werden.

3.2 Die Untersuchungsmethode

Die gewählte Untersuchungsmethode ist das Interview. Im Folgenden soll eine kurze Begründung erfolgen, warum jene Methode gewählt wurde. Zunächst bietet das Interview Raum für „Offenheit der Kommunikation“ (Nohl 2013, 13). Es han- delt sich genauer um ein „leitfadengestütze[s] Interview[]“ (ibd.), bei welchem der Forschende gezielt Fragen zu bestimmten Themenfeldern stellt, der Proband je- doch trotzdem im Rahmen dieses Themas frei erzählen kann. Immanente und ex- manente Fragen12 seitens des Forschenden werden (zweisprachig) gestellt. Es sol- len auf diese Weise persönliche Erzählungen generiert werden, die Meinungen und Informationen über das Leben des Probanden beinhalten. Durch die gegebene Offenheit der Kommunikation soll eine Vertrauensbasis geschaffen werden, die es dem Probanden erlaubt, sich nicht nur einsprachig auszudrücken. Da Sprachwech- sel oft in vertrauten und alltäglichen Situationen stattfinden (cf. Rothman/Bell 2005, 529-530), ist diese Vertrauensbasis grundlegend.

3.3 Die Untersuchungsvariablen

Untersucht werden soll zunächst die Sprachwahl bilingualer Individuen: Warum wechseln bilinguale Individuen ihre Sprachen? Weist eine Sprache jeweils Ein- flüsse der anderen Sprache auf? Inwiefern spielen die syntaktischen und morpho- logischen Beschränkungen der jeweiligen Sprachen eine Rolle beim Wechsel die- ser? Die sozio-linguistische Perspektive auf diese Fragestellungen liefert einige Antworten – zugleich allerdings auch Störfaktoren. So muss angemerkt werden, dass die ausgewählte Untersuchungsmethode dazu beitragen kann, dass die Indivi- duen sich auf die formale Ebene ihrer Sprache berufen und demnach den größten Teil ihrer Rede in der Sprache formulieren, in der sie das formale Sprachvokabu- lar besitzen (cf. Pedraza 1978, 33 apud: Poplack 1980, 583).

Allerdings sind diese potenziellen Störfaktoren für den psycholinguistischen Blickwinkel dieser Arbeit nicht relevant, denn der Fakt, dass die Sprecher ihre Rede so gestalten, wie sie es tun, bedeutet, dass dies kognitiv erklärt werden kann. Es soll also nicht ergründet werden, welche externen Einflüsse zum Sprachwech- sel der Individuen führten, vielmehr soll eine Rekonstruktion der internen kogniti- ven Sprachproduktionsprozesse gestaltet werden.

3.4 Die Untersuchungsdurchführung

Nach erfolgreichem Verbindungsaufbau der mobilen Endgeräte oder Zusammen- treffen an einem Ort werden die Probanden gleich zu Beginn des Interviews um Erlaubnis gefragt, das Gespräch aufzunehmen. Anschließend wird eine kurze Er- klärung gegeben, welchem Zweck das Interview dienen soll und es wird darauf hingewiesen, dass die Probanden nebst freier Sprachwahl auch die Freiheit haben, ihre Meinung ohne Einschränkung darzulegen. Zu betonen ist, dass die Probanden zu diesem Zeitpunkt noch nicht über den genauen Hintergrund der Studie infor- miert werden. Es werden lediglich Informationen seitens der Nutzung für die Ba- chelor-Arbeit der Forschenden sowie einige Angaben zum Studium gegeben. In einem weiteren Schritt wird der Fragebogen (cf. Anhang, III) durchgearbeitet. Dann werden die als grammatikalisch falsch eingestuften Code-Switches Timms (1975) besprochen und seitens des Probanden als a) korrekt b) nicht korrekt oder c) potenziell möglich, aber ich würde dies nicht so formulieren beurteilt. Ab- schließend findet eine Erklärung der Forschenden statt, warum das Interview durchgeführt wurde.

3.5 Die Interview-Fragen

Die Interviewfragen sind eine Kombination aus Fragen bezüglich des Lebens der Probanden und Fragen mit deutlichem Bezug zur linguistischen Selbstreflexion durch die Besprechung der Code-Switches Timms (1975) sowie Fragen zur Muttersprache und zum Sprachgebrauch im Haushalt. Da ein Dialog zwischen der Forschenden und dem Probanden entstehen soll, werden die Fragen seitens der Forschenden mündlich gestellt. Die Probanden können weder den Fragebogen, noch die zu beurteilenden Code-Switches einsehen. Die Fragen werden immer zunächst auf Englisch, dann auf Spanisch gestellt, um zu suggerieren, dass die Forschende beide Sprachen versteht und der Proband in der Sprachwahl frei ist.13

3.6 Die Ergebnisse

Im Folgenden soll die Quintessenz des Sprachverhaltens der Probanden darge- stellt werden. Dabei wird zunächst auf spezifisch formulierte Sprachwechsel so- wie individuelle Auffälligkeiten eingegangen, um anschließend eine allgemeine Tendenz zur Artikulation von Toponymen zu beobachten. Für die Probanden wer- den männliche Pronomina und Artikel verwendet, um die Anonymität der Spre- cher zu gewährleisten. Das Geschlecht ist für die psycholinguistische Betrachtung nicht von Belang.

In allen durchgeführten Interviews finden sich Sprachwechsel. Sprecher 2 voll- zieht den intrasententiellen Sprachwechsel „ […] the government and the guerril- leros so that's [...]“ (Dokument A, VI, 27). Das Substantiv 'guerrilleros' wird hier - bei als Fremdwort aus der spanischen Sprache entnommen.

Sprecher 4 produziert Sprachwechsel wie „bien bien aquí just chilling at my house you know“ (Dokument C, XXII, 8). Sprecher 5 hingegen lässt mehr Sprachwech- sel erkennen: „so yeah me mudé para venir a la universidad de los angeles so ucla este año oh my gosh yeah it's been […]“ (Dokument D, XXXII, 41), „very sassy like cómo qué te crees you know like things like that niña fresa in a sense“ (ibd., XLII, 187 ss.) und den Einbau des englischen Diskursmarkers „so“ (ibd., XXXI ss., 21,41) in spanischsprachige Sätze. Ebenfalls einen Einbau des Diskursmarkers „so“ vollzieht Sprecher 6 (cf. Dokumet E, L, 107, 112). Sprecher 6 weist zudem folgenden intrasententiellen Sprachwechsel auf: „[...] it's a better language in some ways to communicate cariño you know amor cariño afecto whereas english is just [...]“ (ibd., LV, 193-194). Auffällig ist außerdem, dass auf Nachfrage sei- tens der Forschenden, ob Sprecher 6 das Wort „llanito“ buchstabieren könne, der Sprecher zunächst grundsätzlich auf Englisch buchstabiert, die Phoneme /l/ und /l/ jedoch nicht als für das Englische einzelne Phoneme wahrnimmt, sondern als stimmhaften lateralen palatalen Approximanten [ʎ] erkennt und artikuliert (cf. ibd., LVII, 217). Sprecher 7 weist keine Sprachwechsel auf, Sprecher 8 wenige, darunter die Verständnisfrage „like diez?“ (Dokument F, LVIII, 14). Dagegen können bei Sprecher 9 interessante Sprachwechsel wie „to pick something up is to levantar“14 (ibd., LXI, 49) oder „[...] quieres un vaso de milk [...]“ (ibd., LXVII, 143) festgestellt werden. Sprecher 10 formuliert unter anderem die Äußerung „[...] estoy en la escuela so I'm a I'm a part-time student [...]“ (Dokument G, LXXXVI s., 45-46).

Toponyme werden tendenziell von allen Sprechern der Sprachumgebung ange- passt produziert, lediglich Sprecher 9 und 10 lassen einige Unregelmäßigkeiten erkennen. Sprecher 9 produziert die Aussage „[...] she was an exchange student from chihuahua, méxico and my dad saw her [...]” (Dokument F, LXXXIII, 376) und artikuliert das Toponym Mexiko an dieser Stelle nicht, wie erwartet, mit Pho- nemen des Englischen. Selbiges Phänomen lässt sich auch bei Sprecher 10 erken- nen (cf. Dokument G, LXXXIX, 88).

Auch Sprecher 3 vollzieht Sprachwechsel, auf die nun im Folgenden näher einge- gangen werden soll.

4. Psycholinguistische Analyse

Zunächst werden allgemeine Charakteristika des Sprechers 3 genannt, gefolgt von der Herausarbeitung der Sprachwechsel während des Interviews und phonetischer Auffälligkeiten dieser. Anschließend wird auf spezifische, formulierte Sprach- wechsel eingegangen und aus psycholinguistischer Perspektive versucht, einen Erklärungsansatz für diese zu finden.

4.1 Charakterisierung des Sprechers 3

Im Interview spricht Sprecher 315 3.660 Wörter, von denen 0,39 % (14 Wörter) spanisch16 sind.

Der Sprecher ist 35 Jahre alt und in Los Angeles, USA geboren und aufgewachsen. Seine Eltern kommen aus Mexiko und sind in den 1970er Jahren in die USA immigriert. Er hat die L117 Spanisch und hat Englisch als L2 zunächst von der Schwester gelernt (cf. Dokument B, XIX, 66-67), sodass beide Sprachen im Haushalt gesprochen wurden. Der Sprecher bezeichnet Spanisch als Muttersprache, spricht aber mehr Englisch (cf. ibd., 67). Es kann also davon ausgegangen werden, dass Spanisch eher auf informaler Ebene gesprochen wird, während Englisch auf formaler und informaler Ebene gebraucht wird und dass die Spracherwerbssituation als secuencial bezeichnet werden kann.

Im Haushalt des Sprechers wird ein Mix von Sprachen gesprochen, der von ihm selbst als Spanglish kategorisiert wird. Die Eltern sprechen Spanisch und der Sprecher antwortet auf Englisch. Das Kind des Sprechers scheint viel zwischen beiden Sprachen zu wechseln, spricht also sowohl Spanisch als auch Englisch mit ihm (cf. Dokument B, XVII s., 41-49).

Neben konstantem Gebrauch des Diskursmarkers so lassen sich zudem folgende Sprachwechsel finden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Äußerung (2) ist zunächst ein intrasententieller Sprachwechsel (cf. Müller 2017, 9). Es fällt jedoch auf, dass der Sprecher folgende Wörter für die Phonetik der spanischen Sprache inkorrekt artikuliert:

['abɫan] anstatt ['aβlan], [εspa'ɲoɫ] anstatt [εspa'ɲol], [iŋ'gɫes] anstatt [iŋ'gles].

Der Sprecher weist bei der Aussprache eine Velarisierung des alveolaren Phons [l] auf. Dieses Phänomen findet sich vor allem in amerikanischen Varietäten des Englischen und wird auch als dark bezeichnet (cf. Skandera/Burleigh 2011, 116). Warum aber velarisiert der Sprecher das [l] innerhalb eines spanischen Wortes? Ist es eine „insertion“ (Müller 2017, 10) des Englischen auf der Phonem-Ebene oder ein Prozess der Assimilation, also eine „Angleichung zwischen benachbarten Segmenten“ (Gabriel/Meisenburg/Selig 2013, 28) an das vorangegangene [b]? Und warum artikuliert der Sprecher das /b/ als Plosiv [b] und nicht, wie von der spanischen Phonetik an dieser Position gefordert, als Frikativ [ß]? Ist dies wieder- um ein Assimilationsprozess an das vorangestellte [a] oder ist dies das simple Pro- dukt einer für das Spanische inkorrekten Silbenproduktion? All das soll im Fol- genden mithilfe der Sprachproduktionstheorie Dells (1986) einen Erklärungsan- satz finden.

Während also [mis pa'pas me 'aβlan εn εspa'ɲol] die korrekte phonetische Tran- skription der realisierten sprachlichen Äußerung darstellt, kann die Artikulation dieser durch den Sprecher wie folgt festgehalten werden: [mis pa'pas me 'abɫan εn εspa'ɲoɫ]. Dieser Prozess der Velarisierung findet sich zunächst in allen Äußerun- gen wieder, die der Sprecher infolgedessen produziert.

Besonders dieser Sprachwechsel (2) birgt also viel Potenzial für eine psycholinguistische Analyse, weshalb er im folgenden Kapitel näher betrachtet werden soll. Es soll anhand einer Rekonstruktion kognitiver Prozesse tentativ nachvollzogen werden, warum der Sprecher aufgeführte Elemente des Sprachwechsels produziert.

4.2 Rekonstruktion des Sprachproduktionsprozesses und psycholinguistische A nalyse der Velarisierung des Phonems /l/

Die vorliegende sprachliche Äußerung (2) ist syntaktisch und morphologisch im Sinne der spanischen Sprache korrekt.18 Auch alle Phone sind der spanischen Sprache zuzuordnen, mit Ausnahme des [ɫ] in hablan, in español und inglés. Fer- ner können and und then als der englischen Sprache zugehörig definiert werden. Ausgangspunkt der Erklärung ist somit die phonologische Repräsentation, die im Zuge der Enkodierung der morphologischen Repräsentation mit für das Spanische inkorrekten Items besetzt wurde. Es müssen also im Zuge der phonologischen Enkodierung Prozesse stattgefunden haben, bei denen die in Kapitel 2.4.1 erklärten insertion rules Allophone auswählen, die für das Spanische an dieser Stelle nicht korrekt sind. Dieser Prozess soll im Folgenden zunächst für die Artikulation von hablan nachvollzogen werden.

Die phonologische Enkodierung versteht sich als „process[es] by which the speech sounds that compose a morpheme or string of morphemes are retrieved, ordered and organzied for articulation“ (ibd., 293). Während der phonologischen Enkodierung wird die morphologische Repräsentation also in Silben, Rimes, Clusters, Phoneme und Features übersetzt (cf. ibd., 295). All diese linguistischen Merkmale tragen dazu bei, dass das richtige Item getagged und in den slot eingesetzt wird. Die Grundeinheit der phonologischen Repräsentation bilden Phoneme (cf. ibd., 294), die wiederum durch features, also Artikulationsart, Artikulationsort und Stimmhaftigkeit charakterisiert werden. Folgender zu besetzender Silbenrahmen für /hablan/ wird also zunächst durch die generativen Regeln erstellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie kann es nun sein, dass die insertion rules den zu besetzenden Onset-slot mit [ɫ] als zweiten Konsonanten füllen? Die Grundannahme ist, dass der Zugriff auf das Lexikon non-selektiv geschieht, also unabhängig von der Sprachzugehörigkeit stattfindet (cf. De Groot et. al. 2000 apud: Meuter 2009, 6). Meuter beschränkt sich zwar auf die Selektion in der semantischen Ebene, übertragen auf die phono - logische Ebene jedoch könnte dies dazu beitragen, das vorliegende Problem zu lö- sen.19

Wenn ein Assimilationsprozess angenommen werden soll, bei dem das [l] auf- grund seiner lautlichen Umgebung velarisiert wird, so muss davon ausgegangen werden, dass der vorangehende Konsonant /b/ und der nachfolgende Vokal /a/ ausschlaggebende Faktoren sind, an denen sich der Assimilationsprozess orien- tiert. Schaut man sich die Features jener Allophone an, stellt man fest, dass [b] in vorliegender, realisierter Äußerung ein stimmhafter, bilabialer Plosiv ist, bei dem die Lippen den Verschluss bilden und die Zunge somit tief liegt (cf. Becker 2013, 43-44). [a] wiederum ist ein Vokal, der eine Zungenstellung hat, dessen höchster Punkt mittig liegt, also zentral ist (cf. Becker 2013, 45). Da bei der Velarisierung jedoch eine Veränderung des Artikulationsortes für das Allophon /l/ von den Al- veolen zum Velum stattfindet und sich Vokale durch Resonanzraumformung und nicht durch Hindernisse des Luftstroms bilden (cf. ibd., 44), kann eine „regressi- ve“ (ibd., 53) Assimilation ausgeschlossen werden. Demnach müsste das [l] pro- gressiv (cf. ibd., 232) an das vorangehende [b] assimilieren. Allerdings liegt die ausschlaggebende Veränderung für /l/ im Artikulationsort, der vom für das Spani - sche korrekte alveolarem zu velar wechselt. Der Artikulationsort des [b] ist bilabi- al, sodass eine Velarisierung rein anatomisch nicht zur vereinfachten Aussprache führt. Demnach kann eine Velarisierung des [l] in /hablan/ aufgrund eines Assimi- lationsvorganges ausgeschlossen werden.

Auch die Begründung, dass eine dauerhafte Interferenz20 Grund für das velarisier- te [l] für spanischsprachige Wörter ist, lässt sich widerlegen: Wenn der Sprecher [ɫ] bereits als einzige Option in sein Lexikon aufgenommen hätte, so würde dies die wenig später stattfindende Artikulation des Wortes salsa als ['salsa] ausschlie- ßen. Anhand der Tatsache, dass der Sprecher diese aber vollzieht, ist das Allo- phon [l] nicht im Lexikon des Sprecher 3 nivelliert worden.

Zieht man an dieser Stelle Dells (1986) Annahmen über Sprachfehler hinzu, die postulieren, dass diese lediglich daraus resultieren, dass „incorrect items have hig- her activation levels than correct ones and are selected“ (289), so ist die für die spanische Sprache inkorrekte Besetzung des slots [ɫ] für /l/ wie folgt zu erklären: Zunächst bedarf es einer Rekonstruktion der phonologischen Enkodierung des kompletten Wortes, denn die morphologische Repräsentation muss in die phono- logische Repräsentation übersetzt werden. Dazu erstellen die generativen Regeln der phonologischen Repräsentation den zuvor erwähnten Rahmen, dessen slots mit Items aus dem Netzwerk des Lexikons gefüllt werden müssen. Aktiviert wer- den also die Knoten der Phoneme /h/, /a/, /b/, /l/, /n/. Geht man davon aus, dass die Aktivierung sprachunabhängig weitergegeben wird, so müssen für /h/ das eng- lische Allophon [h] sowie der stimmlose glottale Frikativ [ø] aktiviert werden, in diesem Falle der Knoten des „null element[s]“ (ibd., 294). Null-Elemente entste - hen dann, wenn ein IC oder ein FC einer Silbe nicht gegeben ist (cf. ibd.). Die Auswahl der insertion rules fällt in der Äußerung (2) nun für das Spanische kor- rekt auf dieses Null-Element. Warum wählen diese aber nicht [h] aus?

Hinweise darauf finden wir im Phonem /a/, welches im Spanischen als [a] phone - tisch realisiert wird. Es beschreibt einen tiefen Vokal, die Lage der Zunge ist zen- tral und die Lippen sind neutral (cf. Becker 2013, 45). Im Englischen weist das Phonem /a/ eine Allophonie21 auf, dennoch kann es ebenfalls als langer Vokal [ɑ:], wie in starling, realisiert werden, die Zunge liegt wieder tief und die Lippen sind in neutralem Zustand (cf. Skandera/Burleigh 2011, 35). Er wird kategorisiert als „open central-back vowel“ (ibd.). Dies bedeutet, die Öffnung des Mundes, Zungenstellung und Lippenstellung dieser Aussprachevariante des Vokals /a/ sind im Englischen und im Spanischen gleich.

Warum kann das Allophon [æ] als Item ausgeschlossen werden? Zieht man das vorangehende [e] des me in Betracht, so muss dies mit dem folgenden Vokal /a/ eine Sinaloephe (cf. Becker 2013, 46) bilden, also eine wortgrenzenüberschreiten- de Verschleifung zweier Vokale. Werden die Features für [e] als Item ausgewählt, welches dem spanischen Sprachsystem angehört, so muss der folgende slot mit ei- nem Vokal gefüllt werden, welcher mit [e] zusammen die Sinaloephe bilden kann. Mit den Informationen, dass /e/ am Wortende steht und einen initialen Vokal braucht, wird [a]22 das höchste Aktivierungslevel haben, weil Sinaloephen wie te acomoda (ibd., 46) oder te hablan häufiger benutzt werden, als inkorrekte Sinalo- ephen wie die Verschleifung von [e] und [æ] oder [ə] und die Gebrauchshäufig- keit laut Schmid und Köpke (2009, 210) und Dell (1986, 301) ausschlaggebend für das hohe Aktivierungslevel bestimmter Allophone ist. Dies könnte ein Erklä- rungsansatz im Hinblick auf die Interaktion zweier wortexterner Allophone sein und erklärt den Ausschluss der Allophone des englischen /a/, aber noch nicht die aktive Selektion des [a]. Hierzu müssen die zuvor angeführten Überlegungen Pav- lenkos (2009) und Dells (1986) im Hinblick auf die im Lexikon gespeicherten Al- lophone hinzugezogen werden. Der Fokus liegt hier nicht auf der Interaktion zwi - schen Allophonen, sondern auf dem einzelnen Allophon. Das BIA23 postuliert, dass das Aktivierungslevel der einzelnen Items vom Gebrauch dieser abhängt (cf. Schmid/Köpke 2009, 210). Je häufiger ein Item gebraucht wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit des tags. Da also [a] das Allophon ist, welches in beiden Sprachen vorkommt, wird es tendenziell häufiger verwendet als die restlichen Al- lophone von /a/ und muss das höchste Aktivierungslevel besitzen. Welche der bei- den angeführten Überlegungen nun zur Auswahl des Allophons [a] für /a/ beitra - gen, lässt sich nicht konkret sagen. Allerdings wirkt sich nun die Auswahl des [a] und die Bildung der Sinaloephe auf die Selektion des Items für den slot /h/ aus: Das Null-Element wird ausgewählt, denn bei phonetischer Realisation des [h] würde die von den generativen Regeln geforderte Sinaloephe nicht produziert werden können.

Warum kann der Schwa-Laut [ə] zusätzlich als tagged Item für /a/ ausgeschlossen werden? Da ein Kriterium des [ə] ist, dass es nur in unbetonten Silben auftaucht (cf. Skandera/Burleigh 2011, 36) und der zu besetzende slot eine betonte Silbe ist, kann auch der Schwa-Laut als tagged Item ausgeschlossen werden.24

Die Selektion des inkorrekten Allophons [b] für das Phonem /b/ lässt sich ganz ähnlich erklären. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Allophon [b] sprachunabhängig öfter genutzt wird, als der für diesen slot korrekte bilabiale Fri- kativ [ß], weil es diesen es nur im spanischen Sprachsystem gibt, das Allophon Plosiv [b] aber sowohl im Englischen als auch im Spanischen existiert. Da das Aktivierungslevel der einzelnen Items, wie eben angeführt, vom Gebrauch dieser abhängt (cf. Schmid/Köpke 2009, 210) hat das Allophon [b] ein höheres Aktivie- rungslevel und wird somit als Item für den slot ausgewählt.

Nun aber muss die Selektion des [ɫ] erklärt werden, die allerdings auf der voran - gehenden Erklärung fußt.. Da das Phonem /l/ nur jeweils eine Aussprachevariante in jeder Sprache hat, die sich von der jeweils anderen unterscheidet, kann an die- ser Stelle nicht mit der Gebrauchshäufigkeit der Allophone argumentiert werden. Berücksichtigt man jedoch den Prozess der Silbenproduktion, so könnte diese ein Indiz für das höhere Aktivierungslevel von [ɫ] für /l/ geben. Der mit /l/ zu beset- zende Onset-Slot ist bereits mit [b] gefüllt und muss durch [l] oder [ɫ] vervollstän- digt werden. Cluster der Art [bl] können im Spanischen nur im absoluten Anlaut oder nach einem Nasal stehen (cf. Becker 2013, 29), was eine eher niedrige Ge- brauchshäufigkeit dieser Kombination erklärt. Da im Spanischen zusätzlich noch die Kombination von [ßl] möglich ist, erhalten beide Optionen ein eher geringes Aktivierungslevel. Die Kombination von [bɫ] jedoch ist im Englischen gegeben und obliegt keinerlei Allophonie. Zudem kann sie im absoluten Anlaut, wie bei /blood/ ['bɫʌd], oder wortmittig, wie bei /ablaze/ [əˈbɫeɪz], stehen, sodass die Ge- brauchshäufigkeit tendenziell höher ist und somit einem höheren Aktivierungsle- vel obliegt. Diese Argumentation kann angenommen werden, wenn, wie durch Dell (1986) postuliert, davon ausgegangen wird, dass die phonologische Enkodie- rung teilweise Silben produziert, die „phonologically unacceptable in certain envi- ronments“ (ibd., 296) sind. Gerade weil die Theorie davon ausgeht, dass bei der Silbenselektion dessen Position im Wort keine Rolle spielt, soll hier der Spiel - raum für Sprachfehler sein (cf. ibd.).

Die Besetzung des slots [ɫ] für /l/ ist aus psycholinguistischer Perspektive dennoch kein unbedingter Sprachfehler, wenn folgender Erklärungsansatz in Betracht ge- zogen wird: Die Phoneme /b/ und /l/ sind syllabisch miteinander verbunden25 (cf. Blaser 2011, 84), sie stehen im gemeinsamen Onset und sind somit ein Cluster /bl/, das besetzt werden soll. [b] kann, wie zuvor erwähnt, für das Spanische nur dann auftreten, wenn es im absoluten Anlaut des Wortes steht oder auf einen Na - sal folgt (cf. Becker 2013, 29). Dies ist bei ha-blan nicht der Fall, das für das Spa- nische an dieser Stelle inkorrekte Phon [b] ist aber bereits ausgewählt. Demnach muss ein Item für /l/ getagged werden, welches zusammen mit [b] eine Silbe /bl/ bilden kann, die nicht am absoluten Anlaut des Wortes stehen muss. Wenn vom Knoten [b] nun das zugehörige /l/ gesucht wird, hat [ɫ] die stärkere Aktivierung, denn die dem Spanischen26 zuzuordnende Silbe [bl] dürfte nicht wortmittig stehen und hat generell das niedrige Aktivierungslevel aufgrund ihrer niedrigeren Ge- brauchshäufigkeit. Das Englische [b] jedoch kennt die Silbe /bl/, die auch wort- mittig stehen kann und fordert somit die Artikulation des Phonems /l/ als [ɫ]. Demnach erhält [ɫ] ein höheres Aktivierungslevel durch die „activation from no- des in the higher level representation“ (Dell 1986, 292), also durch das Cluster. Deshalb wird [ɫ] getagged und füllt den slot.

Abschließend wird das Phonem /n/ trotz Allophonie im spanischen Sprachsystem in beiden Sprachsystemen als Phon [n] vertreten. Die Selektion dessen als Item für den slot vollzieht sich erneut aufgrund der zuvor angeführten Gebrauchshäu- figkeit des Allophons [n], da es in beiden Sprachsystemen vorhanden ist.

Zu betonen ist, dass dies nur ein möglicher Erklärungsansatz ist und keinesfalls als vollkommenes Konstrukt angesehen werden darf.

Dass in analysierter Äußerung weiterhin das Phon [ɫ] für alle slots des Phonems /l/ getagged wird, muss individuell betrachtet werden. Die Nähe des /español/ zum anschließenden /and then/ des Sprachwechsels scheint ebenfalls einen Einfluss auf die englischsprachige Aussprachevariante des /l/ haben zu können. Dies ist aller- dings aus zwei Gründen nicht der Fall:

(1) Im späteren Diskursverlauf ist /salsa/ ebenfalls von englischsprachigen Wör- tern umgeben und der Sprecher realisiert das /l/ auf für das Spanische phonetisch korrekte Weise mit dem Allophon [l].
(2) Ist bereits zu Beginn dieses Kapitels erwähnt worden, dass der Zugriff auf das Lexikon non-selektiv, also sprachunabhängig vollzogen wird. Somit ist es un- wahrscheinlich, dass ein Phonem ein im Satz benachbartes Phonem aufgrund sei- ner Sprachzugehörigkeit aktiviert.

Ein möglicher Erklärungsansatz wäre die auf Dell (1986) basierende „perseverati- on“ (ibd.), die eine „interference […] from already encoded items that remain activated“27 (ibd.) beschreibt. Damit hat [ɫ] ein höheres Aktivierungslevel als [l], weil es noch aktiviert ist und für slots im selben Satz ausgewählt wird.

Eine weitere Option besteht in der Anpassung an benachbarte Phoneme durch ei- nen Assimilationsprozess. Dieser kann für español nur progressiv geschehen, da das Phonem /l/ am Wortende steht. Der Vokal /o/ beinhaltet eine Zungenstellung, die am Velum ihren höchsten Punkt hat (cf. Becker 2013, 45). Damit könnte der progressive Einfluss beschrieben werden, den der vorangehende Vokal auf das Phonem /l/ ausübt, da die Zunge bereits an der richtigen Stelle erhöht ist. Evidenz innerhalb dieser Untersuchung lässt sich ebenfalls durch die Übereinstimmung der Zungenstellung zwischen [g] und [ɫ] in inglés finden. Also kann für die Selektion des [ɫ] bei inglés un d español die Zungenstellung des vorangegangenen Vokals oder Konsonanten ausschlaggebend sein. Denn dadurch, dass die Features zwi- schen [o], [g] und [ɫ] ähnlich sind oder übereinstimmen, setzt das Prinzip der „si- milarity“ (Dell 1986, 293) ein: „interacting sounds tend to be similar in sound and meaning“ (ibd.). Deshalb erfährt [ɫ] stärkere Aktivierung als [l], da [o] und [g] mit [ɫ] über gleiche Feature-Knoten miteinander verbunden sind und wird schließlich getagged. Dieser Assimilationsvorgang kann vorwiegend bei Bilingualen stattfin- den, welche der spanischen Sprache und einer Sprache, die das Phon [ɫ] beinhal- tet, mächtig sind.

4.2.1 Assimilationsprozesse als Indiz für ein höheres Aktivierungslevel des alevolaren [l] bei /salsa/

Warum spricht der Sprecher wenig später das Wort /salsa/ als ['salsa] für das Spa- nische phonetisch korrekt aus (cf. Dokument B, XIX, 55)? Ist dies ebenfalls ein Produkt der Assimilation? Der Einfluss einer Sprache auf die andere ist variabel (cf. Cook 2003, 9), woraus geschlossen werden kann, dass die Produktion jeder sprachlichen Äußerung immer wieder erneut beginnt. Dafür spricht auch die The- orie Dells (1986), die ebenfalls einen Sprachproduktionsprozess beschreibt, bei dem die zu produzierenden Wörter immer alle Enkodierungsstufen durchlaufen, bevor sie artikuliert werden. Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass der Sprecher bei der Artikulation des Wortes /salsa/ den Sprachproduktions- prozess erneut durchläuft. So werden die zu füllenden slots bei der phonologi- schen Enkodierung wie folgt besetzt:

Sowohl das spanische, als auch das englische Sprachsystem beinhalten das Pho - nem /s/. Das spanische Sprachsystem beinhaltet das Phon [s] als einzige Ausspra- cheoption. Im Spanischen tritt lediglich eine Allophonie zwischen Varietäten auf, soll heißen, das kastilische [s] wird apikoalveolar28 artikuliert, während lateiname- rikanische Varietäten eine prädorsoalveolare29 Artikulation präferieren und diese Artikulationsart für /s/ gebrauchen. Da Sprecher 3 aus Mexiko ist, kann im Zuge einer engen Transkription erwartet werden, dass er für das Phonem /s/ die prädor - soalveolare Variante als Artikulationsoption hat. Da dieses Phon sich aber nur sehr detailliert durch das Charakteristikum der Artikulationsstelle vom kastili- schen und auch englischen [s] abgrenzt, wird im Folgenden das Phon [s] für /s/ dem spanischen Sprachsystem des Sprechers zugeordnet.

Im Englischen hat das Phonem /s/ die Allophone [ʒ], wie in measure, [ʃ] wie in sherry und - das Pendant zum Spanischen - [s] wie in snake (cf. Skandera/Bur- leigh 2011, 24). Für das Wort /salsa/ (cf. Dokument B, XIX, 55) wird nun durch die generativen Regeln folgender mit Phonemen zu füllender Rahmen generiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Onset der ersten Silbe fordert ein Phonem /s/, das im absoluten Anlaut stehen kann. Die Aktivierung des Knotens für /s/ ist gegeben und dessen Allophone akti- viert und doch ist [s] mit dem höchsten Aktivierungslevel versehen – warum? Es kann wieder angenommen werden, dass [s] aufgrund seines häufigen Gebrauchs stärker aktiviert und ausgewählt wird, da es in beiden Sprachsystemen auftritt.

Die Selektion des folgenden Vokals [a] kann ebenfalls wie zuvor in Kapitel 4.2 geschildert vollzogen worden sein. Nun stellt sich die Frage, warum der Sprecher an dieser Stelle das Allophon [l] artikuliert und nicht wieder das Allophon [ɫ]. Ar- gumentieren lässt sich hier ebenfalls mit dem vorangehenden slot, welcher bei

/salsa/ das /a/ ist und Grund für das höhere Aktivierungslevel des [l] sein kann. Da, wie zuvor dargelegt, das /a/ eine zentrale Zungenstellung mit einem mittig höchstgelegenen Punkt hat (cf. Becker 2013, 45), ist die Zunge folglich schon in der richtigen Position, um den Konsonanten [l] zu bilden, der als alveolarer latera - ler Approximant kategorisiert wird (cf. ibd., 46). Dies bedeutet, dass die Zunge ei- nen mittigen Verschluss an den Alveolen bildet, wohingegen der velarisierte al- veolare Frikativ [ɫ] durch eine Zungenstellung charakterisiert ist, die mit dem Zungenrücken einen Verschluss am Velum bildet. Somit findet ein progressiver Assimilationsvorgang statt, der das hohe Aktivierungslevel des [l] für /l/ bei /sal- sa/ erklärt: [l] und [a] teilen mehr Features als [ɫ] und [a], sodass [l] schließlich ge- tagged und in den slot eingesetzt wird. Hinzuzufügen sei an dieser Stelle, dass die Gebrauchshäufigkeit des Clusters [al] potenziell höher ist als die des Cluster [aɫ], da das Phonem /a/, wie bereits geschildert, im Englischen eine Allophonie auf- weist. Das bedeutet, dass Cluster, die ein Allophon von /a/ mit [ɫ] verbinden, je- weils eine geringere Gebrauchshäufigkeit haben, weil immer nur eine von drei Optionen ausgewählt wird. Die Kombination [al] ist im Spanischen entsprechend höher, da das Phonem /a/ dort keine Allophone besitzt.

Um die vielen gewonnenen Erkenntnisse strukturieren und summieren zu können, werden diese im folgenden Kapitel noch einmal aufgegriffen und erläutert.

[...]


1 Akronym für: American Community Services.

2 Ein Lehnwort ist eine „introducción de palabras con su significado original en inglés.“ (Silva- Corvalán 2001 apud: Montrul 2013, 114).

3 Als Calco versteht sich ein „morphologisch und syntaktisch in die Nehmersprache integriert(es) Lexem“ (Riehl 2014, 23).

4 Eine Konstituente ist die „[...] Beziehung der in einem Satz zusammengehörenden Elemente, die in der Konstituentenanalyse zu ermitteln sind […]“ (Glück/Rödel 2016, 359).

5 Diskursmarker werden definiert als „[...] sprachl. Ausdrücke, deren Vorkommen der Organisation, Gliederung, Strukturierung vor allem gesprochener Sprache dient [...]“ (Glück/Rödel 2016, 155).

6 Weinreich bezieht sich hier auf das semiotische Zeichenmodell de Saussures (1967).

7 Dieser Satz wäre beispielsweise aus Code-Switching-Perspektive ungrammatisch, denn die deutsche Syntax fordert das finite Verb am Ende des Nebensatzes, welches hier durch das

8 Gemeint ist hier die Neukombination von levelspezifischen Items, beispielsweise kann ein Sprecher auf dem morphologischen Level gegebene Morpheme auf neue Weise miteinander verknüpfen (cf. Dell 1986, 286).

9 Im Gegensatz zu produktivem Wissen der linguistischen Levels und repräsentativem Wissen der generativen Regeln.

10 Eine Repräsentation ist für Dell (1986) ein “ordered set of items found in the lexicon” (ibd., 287). Das syntaktische Level stellt ein Set von Worten her, das morphologische Level ein Set von Morphemen und das phonologische Level ein Set von Phonemen (cf. ibd.).

11 Laut Dell (1986) also eine “translation of information from one representation to another” (ibd.).

12 Unter immanenten Fragen versteht man ungeplante Zwischenfragen, die innerhalb des angesprochenen Themenfeldes liegen. Exmanente Fragen sind jene, die nicht direkt zu dem situativ angesprochenen Themenfeld gehören.

13 Die Reihenfolge der Sprachen hat als Ausgangsgrund keinerlei Bedeutung, wenngleich man aus soziolinguistischer Perspektive damit argumentieren könnte, dass die Probanden in einer bestimmten Sprache zuerst antworten, um auf die direkte vorherige Sprache Bezug zu nehmen. Im Bereich der kognitiven Psycholinguistik hat dies keinerlei Relevanz, da nicht die externen Einflüsse untersucht werden sollen, sondern die internen, kognitiven Prozesse.

14 Dieser Sprachwechsel würde nach Timm (1975) beispielsweise als grammatikalisch falsch eingestuft werden, da ein finites Verb und seine infiniten Komplemente nur dann einen Sprachwechsel, oder in diesem Falle Code-Switch, erlauben, wenn eine finite Einheit in sich abgeschlossen ist (cf. ibd., 478-479).

15 Folgend nur Sprecher genannt.

16 Dazu zählen alle Wörter, die von der Forschenden aufgrund ihrer Morphologie und Phonetik als der spanischen Sprache entstammend erkannt werden konnten.

17 Zur Definition von L1 und L2 siehe Kapitel 2.1.

18 Das Vollverb me hablan stimmt mit dem Subjekt mis papás überein, die Präposition en ist in Kombination mit dem Vollverb hablar korrekt und vom Präpositionalobjekt español gefordert.

19 Eine Übertragung kann unter anderem damit gerechtfertigt werden, dass laut Montrul (2013) “existe und relación entre las conexiones conceptuales y léxicas” (ibd., 147).

20 Von Weinreich (1977, 30) ferner definiert als Vorgang, bei dem “ein Zweisprachiger ein Phonem des Sekundärsystems mit einem des Primärsystems identifiziert und es bei seiner Hervorbringung als Laut den phonetischen Regeln der Primärsprache unterwirft.” Cook (2003) fügt hinzu, dass auch ein Phonem des Primärsystems einem des Sekundärsystems unterworfen werden kann (cf. ibd., 1).

21 Der Vokal kann wie in apple als [æ] realisiert werden, in diesem Fall ist dieser ein „mid-open open-front vowel“ (Skandera/Burleigh 2011, 36), also sind die Lippen leicht gespreizt und der vordere Teil der Zunge erhebt sich. Außerdem kann eine phonetische Realisation durch den Schwa-Laut [ə[ vollzogen werden, beispielsweise in ago. Dieser „mid central voewl“ (ibd.) beschreibt eine neutrale Öffnung der Lippen und den mittleren Teil der Zunge als erhoben.

22 Wird im Englischen durch [ɑ:] realisiert, es kann aber aufgrund derselben Merkmale als ein und dasselbe Phon dargestellt werden, sodass es hier stellvertretend für beide Sprachen als [ɑ] geschrieben wird. Außerdem macht das Spanische keine Längenunterschiede.

23 Akronym für „Bilingual Interactive Activation Model“ (Pavlenko 2000, 210).

24 Dells (1986) Theorie besagt, dass die phonologische Enkodierung nicht zwischen betonten und unbetonten Silben unterscheidet (cf. ibd., 296). Levelt (1989) jedoch bezieht diese klar in sein Modell mit ein (cf. ibd., 328), somit kann damit an dieser Stelle argumentiert werden.

25 (Blaser 2011) postuliert, dass, wie bei [a.'ßlar], bestimmte „Konsonantenkombinationen […] nicht getrennt [werden]“ (84).

26 Auch wenn der Zugriff non-selektiv geschieht, wird an dieser Stelle zur Veranschaulichung zwischen spanischem und englischem [b] unterschieden.

27 „Previously selected words nodes remain activated [because] some of them either are, or have been, current nodes for the construction of the lower […] representation“ (Dell 1986, 289).

28 Apikoalveolar bedeutet, dass “die Enge zwischen der längsgerillten Zunge und dem Zahndamm gebildet [wird]” (Gabriel/Meisenburg/Selig 2013, 63).

29 Prädorsoalveolar bedeutet, dass die „Enge […] zwischen Alveolen und Zungenblatt gebildet wird” (Gabriel/Meisenburg/Selig 2013, 63).

Details

Seiten
126
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668902091
ISBN (Buch)
9783668902107
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458798
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Linguistik Bilinguismus Sprachenwechseln Code-Switching

Autor

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Titel: Sprachenwechsel bei Bilingualen aus psycholinguistischer Sicht