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Probleme bei der Übernahme des lateinischen Alphabets in andere Sprachen

Untersuchung am Beispiel der Schreibung der Phoneme "/u/, /f/, /v/, /w/" in frühen Textzeugnissen des Deutschen und des Polnischen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Die graphische Ebene

3. Historisch-phonetische Grundlagen
3.1 Deutsch
3.1.1 Althochdeutsch
3.1.2 Mittelhochdeutsch
3.2 Altpolnisch.

4. Quellenanalyse
4.1 Das Wessobrunner Gebet
4.1.1 Quellenbeschreibung..
4.1.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
4.1.3 Sonstige Beobachtungen.
4.2 Das Hildebrandslied
4.2.1 Quellenbeschreibung..
4.2.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>
4.2.3 Sonstige Beobachtungen
4.3 Die IV. Predigt vom Heiligen Kreuz
4.3.1 Quellenbeschreibung
4.3.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>.
4.4 Der erste Psalm des Florianer Psalters.
4.4.1 Quellenbeschreibung
4.4.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>.

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Primärtexte

Handschriften

Editionen

Sekundärliteratur.

1. Einleitung

Die letzte deutsche Rechtschreibreform ist schon einige Jahre her, doch noch immer (oder vielleicht deshalb wieder) bietet die deutsche Orthographie Diskussionsstoff. Inhalte dieser Diskussionen sind zumeist Einzelheiten wie die Groß-/Klein-Schreibung und die Ge- trenntschreibung. An die graphemische Ebene geht es vor allem bei der immer wieder auf - kommenden Forderung, den Buchstaben ß – mit Seitenblick in die Schweiz – endlich loszu- werden und bei der Frage nach der Schreibung von Fremdwörtern. Die grundsätzliche Zu- ordnung von Buchstabe zu Laut und umgekehrt wird dabei selten hinterfragt. Dabei zeigen gerade Fremdwörter, dass diese gar nicht so eindeutig und unumstößlich ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. Zum Beispiel würde das Modegebäck cupcake bei traditionell deut- scher Aussprache weit weniger Appetit erregen. Doch auch bei einheimischen Wörtern ist die Aussprache nicht immer eindeutig, weswegen etwa im Rechtschreibunterricht zu so ab- sonderlichen Bezeichnungen wie „Vogel-Vau“ gegriffen wird.

Wer sich neben der deutschen auch mit fremden Sprachen und ihren Orthographien, Transkriptionen und Transliterationen beschäftigt, stößt immer wieder auf interessante Zweifelsfälle und kreative Lösungen, etwa wenn man entdeckt, dass im Ungarischen, der Buchstabe <s> nicht – wie man es aus den allermeisten anderen Sprachen kennt – für den Laut [s] steht, sondern für [∫].

Diese Unterschiede in der Buchstaben-Laut-Zuordnung haben alle eine gemeinsame Ursache: Übernimmt ein Benutzer einer Sprache die Schrift einer anderen Sprache, wird er höchstwahrscheinlich vor dem Problem stehen, dass das Phoneminventar seiner Sprache ein anderes ist als das, für das die Schrift konzipiert wurde (das gilt auch für Sprachen im dia - chronen Wandel), ergo muss er sich was einfallen lassen, seine Texte gleichzeitig so eindeu - tig wie lesbar zu gestalten. Die Ergebnisse, zu denen die über Schrift verfügenden Sprachen gekommen sind, sind erstaunlich vielfältig und Zeugnisse jahrhundertelanger kreativer und normativer Spracharbeit.

Um diese Vielfalt herauszustellen, wird diese Arbeit früheste Texte nicht nur der deutschen, sondern auch der polnischen Sprache untersuchen. Die Frage ist, welche Lösun- gen die Schreiber für das Problem gefunden haben, die dem Lateinischen fremden Laute [v] bzw. [w] (je nachdem ob man von klassischem oder Mittellatein spricht) mit Hilfe des lateinischen Alphabets schriftlich zu fixieren. Da schon in lateinischen Texten <u> und <v>

austauschbar waren und beide für /u/ wie auch für /v/ stehen konnten, muss auch /u/ in die Untersuchung miteinbezogen werden. Da das heutige deutsche <v> für /f/ wie auch für /v/ stehen kann, ergibt sich ebenfalls ein Interesse an der frühen Verschriftlichungsform des Phonems /f/. Darüber hinaus wird an den deutschen Quellen noch kurz auf weitere auf- schlussreiche oder auch rätselhafte Besonderheiten eingegangen.

Als Quellen dienen in beiden Sprachen jeweils zwei zu den ältesten zählenden erhal- tenen zusammenhängenden Texte: Das Hildebrandslied und das Wessobrunner Gebet für das Althochdeutsche (beide erste Hälfte des 9. Jh.) sowie die sechste der Predigten vom Heiligen Kreuz (Kazania Świętokrzyskie) für das Altpolnische (um 1300). Da die polni- sche schriftliche Überlieferung erst verhältnismäßig spät einsetzte, ist es interessant zu be- obachten, ob die polnischen Schreiber auf die Erfahrungen andere Völker zurückgegriffen haben.

Zuletzt wird noch der Florianer Psalter (Psałterz Floriański) vom Ende des 14. Jahr- hunderts herangezogen. Dieser dreisprachige Psalter (lateinisch, polnisch, deutsch) ist ein höchst interessantes Forschungsobjekt, denn an ihm kann man nicht nur feststellen, wie sich die Graphie (von Orthographie ist hier noch gar nicht zu sprechen) einzelner Sprachen im Laufe der Zeit entwickelt hat, zudem kann man dem Buch entnehmen – und das ist das Faszinierende –, ob einzelsprachlicher Graphie-Usus beim mittelalterlichen Schreiben eine Rolle spielten oder der Usus des Schreibers über die Schreibung entschied.

Zur Untersuchung der Quellentexte wurden Digitalisate der Originale bzw. Faksimi- les herangezogen und mithilfe bestehender Editionen eigene Transliterationen zur Untersu- chung erstellt, da edierte Fassungen graphische Details und Varianten oft nicht berücksich- tigen. Lediglich bei den Predigten vom Heiligen Kreuz konnte nur auf eine Transliteration zurückgegriffen werden, da Zustand und Schrift des Originaldokuments selbst gestandene Paläographen vor Herausforderungen stellt.

2. Die graphische Ebene

Diese Arbeit untersucht die genannten Texte auf ihre optische, genauer graphemische Erscheinung hin. Entscheidend bei der Auswahl der Texte war ihre Entstehung in der Früh - zeit einer einzelsprachlichen (Ortho-)Graphie. Wichtig ist unter der genannten Fragestel- lung nicht die semantische, sondern die graphische Ebene der Texte, deren Funktion es ist,

„invariante Unterscheidungen innerhalb des Schreibfeldes bereitzustellen, um so die semantische Ebene […] speicherbar und mittels optisch wahrnehmbarer Mittel kommunizierbar zu machen. […] Die graphische Ebene steht in einem Wechselverhältnis mit der phonologischen Ebene.“

(Nerius/Scharnhorst 2000:77)

Die Speicherung der semantischen Ebene war anscheinend erfolgreich, immerhin handelt es sich um viele hundert Jahre alte Texte, die wir heute lesen können. Um sie zu verstehen, steht aber (neben dem Sprachwandel) eben das Verhältnis zwischen graphischer und phonetischer Ebene im Weg, das damals ein anderes als heute gewesen ist.

Bei der Erarbeitung neuer Schriften wurde, wie etwa im gotischen Alphabet erkenn- bar ist, auf eine klare Phonem-Graphem-Zuordnung geachtet (vgl. Nerius u.a. 1989:80). Man kann also davon ausgehen, dass das gleiche bei der Übernahme eines fremden Alpha- bets ebenso gilt.

Dabei darf man allerdings nicht Graphem mit Buchstabe verwechseln. Ein Graphem ist die „kleinste schreibsprachliche Struktureinheit“ (Gallmann 1985:10) und formal und funktional definiert. Oder, in analoger Betrachtungsweise, ein Graphem ist die graphische Realisation eines Phonems (vgl. Nerius 2003:2463). Ein Graphem kann also auch aus meh - reren Buchstaben bestehen, d. h., dass die Buchstabenfolge <sch>, die das Phonem /∫/ be- zeichnet, als ein Graphem gilt (man kann von einem Trigraphen sprechen). Gleichzeitig re- präsentiert <s> vor <t> oder <p> ebenfalls /∫/, im Polnischen dagegen der Digraph <sz>. (Zur Polyrelationalität zwischen Phonemen und Graphemen s. Nerius u.a. 1989:87-99.)

Es ist einleuchtend, dass eine große Konstanz in der Orthographie im Sinne der Le - senden ist – was auch schon Karl der Große erkannt hat und nicht nur die Schreibung, son - dern auch die Schrift und die (lateinische) Sprache im Reich vereinheitlichen wollte (vgl. Glinz 1987:24 und Straßner 1995:27). Am Anfang stand die Orientierung an der lateini- schen Schrift, die allerdings für die Phoneme /v/ bzw. /w/ kein adäquates Beispiel zu bieten hatte, die Nähe zu den entsprechenden lateinischen Phonemen hinter <u> bzw. <v> be- günstigte die Auswahl zugunsten dieser Buchstaben. Aus den Innovationen einzelner Schreiber entstanden im Laufe der Zeit Konventionen innerhalb der Schreibstuben (vgl. Wegera 2011), der Weg zur landesweiten Einheit war aber noch sehr lang. Dass eine Ein- heit für die Schreibung dieser Phoneme erst auf einem mehr oder weniger probaten Niveau erarbeitet werden musste, soll im übernächsten Kapitel anhand konkreter Texte untersucht werden.

3. Historisch-phonetische Grundlagen

3.1 Deutsch

3.1.1 Althochdeutsch

Zuallererst müssen wir uns dessen bewusst sein, dass wir keinerlei gesicherte Er- kenntnisse über die lautliche Gestalt irgendeiner Sprache vor Erfindung der Tonaufnahme Mitte des 19. Jh. haben. Alles, was wir über vergangene Sprachstufen wissen, beruht auf Analogien zu anderen Sprachen und Rekonstruktionen – oft mit dem Hilfsmittel der Schrift. „Das Grundproblem der historischen Phonologie besteht darin, daß sie über keiner- lei primäre empirische Daten verfügt, sondern nur über sekundär rekonstruierte.“ (Kohrt 1998:561) Wenn /b/ in den heutigen germanischen Sprachen <b> geschrieben und [b] ge- sprochen wird und dies auch der Fall in den heutigen romanischen Sprachen, die sich aus dem Latein entwickelt haben, der Fall ist, so können wir davon ausgehen, dass auch das /b/ im Ahd., das mit dem Buchstaben <b> geschrieben wurde, [b] realisiert wurde.

Dies war nun ein einfaches Beispiel, das die Rolle der Schrift bei der Rekonstruktion alter Sprachen verdeutlichen sollte. Selbst im heutigen Deutsch gibt es doch vier Varianten zur Aussprache des <r>, von individuellen Realisierungen ganz zu schweigen. Dieses Gra - phem steht in der Regel für das Phonem /r/, doch welches Phon der Schreiber im Kopf hat - te oder ein anderer Leser als man selbst liest, bleibt verborgen. Aus diesem Grund sollte wird im Folgenden von einer Phon em -Graphem-Beziehung und von Phonemen, nicht von Phonen gesprochen.

Wenn ein Schreiber in die Verlegenheit gerät, mit lateinischen Buchstaben dem latei- nischen fremde Laute abzubilden, so muss er kreativ werden. Dabei muss der historische Linguist beachten, dass

„[b]ei der Interpretation der historischen Schreibungen […] grundsätzlich weder anzunehmen [ist], daß der Schreiber ein phonetischer oder phonemischer Experte war, noch ist leichthin davon auszugehen, daß eine Schreibung, die von der jeweiligen Theorie über das Phonemsystem abweicht, eine Fehlschreibung ist. Stattdessen ist davon auszugehen, daß die Orthographie des Schreibers einigermaßen der Lautung adäquat ist und die wesentlichen Distinktionen im Phonemsystem einer Sprache wiedergibt.“

(Meineke/Schwerdt 2001:179f)

Die Fälle von Kreativität, um die es in dieser Arbeit geht, sind in erster Linie die Phoneme /v/ und /w/. Während das Gemeingermanische wohl noch nur über /w/ verfügte (Meineke/Schwerdt 2001:204), kam im Ahd. das /v/ hinzu (Lerchner 2008:2434).1 Dies führt zu einer weiteren wichtigen Grundannahme: Es gab nicht das Althochdeutsche, das deutsche Sprachgebiet war regional stark zersplittert.

Da der heutige Buchstabe <v> sowohl für das stimmhafte /v/ als auch für das stimm - lose /f/, welches auch mit <f> optisch darstellbar ist, stehen kann, lohnt sich auch ein Blick auf letzteres Phonem im Ahd. Mit dem genannten Buchstaben <v> wurde im Mittelalter und darüber hinaus auch das Vokalphonem /u/ aufgeschrieben und im Ahd. nicht nur des - sen Allophone, sondern auch verwandte Laute wie [ü] oder [ū] (s. Wegera 2011:10f). Diese Arbeit bewegt sich jedoch eine Abstraktionsebene höher, auf der Phonemebene.

3.1.2 Mittelhochdeutsch

Für das Mhd. kann Ähnliches wie für das Ahd. Festgestellt werden: Zwar entwickelte sich die deutsche Schreibsprache in Richtung Einheitlichkeit, doch war sie noch weit von diesem zustand entfernt. Mündlich herrschten immer noch regionale Varietäten vor. In Be- zug auf diese Arbeit können ebenfalls als vorhandene Konsonantenphoneme /v/, /w/ und /f/ gelten (Lerchner 2008:2433), als vokalische /u/ und /ū/ (Simmler 2008b:1326).

3.2 Altpolnisch

Als altpolnische Epoche wird die Zeit vom 10. Jh. bis um 1500 angesehen, wobei die schriftliche Überlieferung erst Mitte des 12. Jh. einsetzt; mit der (lateinisch) dokumentier - ten Entstehung eines polnischen Staates 966 wird lediglich auch das Vorhandensein einer polnischen Sprache angenommen. Durch die gesamte polnischsprachig dokumentierte Epo- che hindurch walteten verschiedene Lautwandelprozesse, die aber nur einen der hier unter- suchten Laute betreffen.

„Vermutlich in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s begann die Korrelation der Vokallänge, ihre phonologische Relevanz zu verlieren, was in letzter Konsequenz zu ihrem Verschwinden aus dem phonologischen System des Polnischen geführt hat.“

(Mazur 1993:82)

Das bedeutet, dass noch in der Zeit der Abfassung beider untersuchten polnischen Handschriften die Vokallänge phonologisch distinktiven Status hatte, wir also von zwei Phonemen /u/ und /ū/ ausgehen können.

Von den untersuchten Vollkonsonanten sind im Altpolnischen beide vorhanden, je- weils in einer palatalen und nichtpalatalen Form: /f/, /fj/, /v/ und /vj/ (Mazur 1993:88).

4. Quellenanalyse

4.1 Das Wessobrunner Gebet

4.1.1 Quellenbeschreibung

Bei dem sogenannten Wessobrunner Gebet handelt es sich um das älteste erhaltene christliche Gedicht in deutscher Sprache. Der bayrische Text, der Ende des 8./Anfang des 9. Jahrhunderts aufgeschrieben wurde, weist sprachliche Archaismen aus dem Germanischen (oder Einflüsse aus dem Angelsächsischen) auf sowie die auffällige Stern„rune“ ᚼ für die Silbe ga und die tironische Note ⁊ für enti ‚und‘, ähnlich unserem heutigen &. Die von wenigen Ausnahmen in karolingischer Minuskel geschriebenen 21 Zeilen des Gebets stammen aus einer Hand und sind in einer Handschrift erhalten. (Zur Sprache und Schrift, Inhalt und Gestalt der Hs. s. Steinmeyer 1916:16-19; Petzet/Glauning 1910:7-9; Meineke/Schwerdt 2001:108-110. Zur Sternrune s. Schwab 1973).2

4.1.2 Graphemanalyse <u>, <uu>, <v>, <f>

Der Schreiber ging anscheinend sehr sorgsam bei seiner Arbeit vor: Konsequent schreibt er<f> für /f/ (9 Mal) und für /v/ schreibt er<uu> (insgesamt 12 Mal). Die beiden Graphe sind dabei deutlich als zwei einzelne Buchstaben zu erkennen, eine Tendenz zur Ligatur ist nicht zu erkennen. Kommt<u> alleine vor, steht es für /u/ (5 Mal). Des Weiteren steht<u> auch als Teil der Diphthonge /au/ (3 Mal<au>) und /iu/ (einmal<iu>), ist damit also auch nur vokalisch zu lesen.

Es entstehen dadurch, dass die Handschrift kein Monographem (aus einem Zeichen bestehendes Graphem) für /v/ benutzt, oberflächliche Leseschwierigkeiten – zum Beispiel bei<uuiftóm>, das fälschlicherweise als *uvistom oder *vuistom gelesen werden könnte. Dem zeitgenössischen Leser dürfte jedoch dürfte, noch mehr als uns heute, die wir uns dieses Wissen etymologisch und inhaltlich erschließen können, klar gewesen sein, dass es sich bei dem Wort um wistom ‘Weisheit’ handelt, umso mehr, da, wie gezeigt,<u> sonst nie konsonantisch gelesen wird.

[...]


1 Simmler 2008a:1160–1168 hingegen stellt fest, dass in den meisten Dialekten der Halbvokal in den meisten ahd. Dialekten nicht mehr vorhanden war, wohl aber immer der Frikativ /v/.

2 Für diese Graphemanalyse wurde die digitalisierte Handschrift BSB Clm 22053 der Bayerischen Staatsbibliothek sowie die Edition in Braune/Ebbinghaus 1994:85f gebraucht.

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Titel: Probleme bei der Übernahme des lateinischen Alphabets in andere Sprachen