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Analyse der Strophen IX, X und XI des Werks "König-Friedrichs-Ton" Walthers von der Vogelweide auf der Textgrundlage von Silvia Ranawake

Hausarbeit (Hauptseminar) 1997 28 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Spruchtöne IX, X und XI aus Walthers „König- Friedrichston sowie deren Übersetzung vom Mittel- hochdeutschen ins Neuhochdeutsche

3. Die Frage nach der Echtheit der Strophen
3.1 Die Überlieferung der Strophen in den einzelnen Handschriften
3.2 Biographische Aspekte
3.3 Die Verbindung zum Unmutston
3.4 Analyse der Strophen unter formalen Gesichtspunkten

4. Interpretation der Strophen

5. Schlußwort

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

„ Die bedeutendste Neuerung Walthers war, daß er der Sangspruchdichtung die politische Thematik erschloß. Politische Lyrik [...] bediente sich bis dahin der lateinischen Sprache. Walther beschränkte sich dabei keineswegs auf lokalgeschichtliche Ereignisse. Seine Aussagen betreffen oder berühren Themen, die für sich und in ihrer Verflechtung der heutigen Geschichtswissenschaft als die entscheidenen des Zeitraums gelten [...].“[1]

Die politische Lyrik Walthers soll auch in dieser Arbeit anhand von drei Strophen des sogenannten „König-Friedrichstons“, dem umfangreichstem politischen Sangspruch, der unter Walthers Namen überliefert wurde und dessen Teile sich in mehr Handschriften als alle anderen Töne befinden, thematisiert und analysiert werden.

Der Sangspruch wurde durch Walther von der Vogelweide gegen Ende des 12. Jahrhunderts zu einer Gattung, die gleichberechtigt neben dem Minnesang stand, und inhaltliche sowie formale Neuerungen in die Lyrik einführte. Leider sind der heutigen Wissenschaft nur einige wenige authentische Schriftstücke erhalten geblieben und so stellt sich auch am Anfang dieser Arbeit, nach der Vorstellung der Textgrundlage sowie deren Übersetzung vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche, die Frage nach der Echtheit der Sprüche und ihrer Überlieferung in den verschiedenen Handschriften. Um diesen Aspekt genauer untersuchen zu können ist es notwendig, biographische Zusammenhänge, Verbindungen zu anderen Spruchtönen aber auch formale Gesichtspunkte wie Form und Gestalt der Strophen, sowie deren Metrik zu betrachten. Da es sich um ursprünglich gesungene Lyrik handelt, stellt sich zudem noch die Frage nach der Melodie der Töne, die aber aufgrund unzureichender Primär- als auch Sekundärliteratur nur kurz angeschnitten werden kann. Um die Echtheit der Strophen zu beweisen bleibt es leider manchmal nicht aus, schon einige Punkte – wie zum Beispiel der Interpretation der Strophen – vorwegzugreifen.

Sicherlich wäre es bei diesen Untersuchungen interessant, nach einem möglichen Zusammenhang der Strophen im gesamten König-Friedrichston zu suchen, doch das Ausmaß des Tons, der zudem noch je nach Vortragssituation variiert werden konnte, sowie die meist nur auf Spekulationen beruhende Sekundärliteratur, machen eine solche Analyse in diesem Rahmen unmöglich.

Daher soll nur im Zusammenhang mit der Authentizität und der Interpretation der Strophen auf den sogenannten Unmutston verwiesen werden. Nach gründlicher Analyse der oben genannten Gesichtspunkte sollen die so mehr oder weniger isoliert ermittelten Ergebnisse in einer Interpretation der Strophen vor geschichtlichem Hintergrund zu einem Gesamtergebnis zusammengeführt werden, wobei die Frage der Datierung noch genauer erörtert werden muß.

In der vorliegenden Arbeit sollen wissenschaftliche Thesen um den König-Friedrichston sichtbar gemacht werden und so ist es notwendig, die hier erarbeiteten Ergebnisse mit zahlreichen Zitaten zu fundieren. Die herausgestellten Punkte sollen als eine aufeinander aufbauende Folge gesehen werden und die Einteilung in Kapitel lediglich als formale Notwendigkeit. Da es mir aus technischen Gründen der Textverarbeitung nicht möglich war, die von Ranawake gesetzten Lesehilfen für die Elision zu übernehmen, habe ich die entsprechenden Worte im Mittelhochdeutschen Text unterstrichen. Die Kenntnis der hier von mir in alphabetischer Reihenfolge von Ranawake übernommenen Handschriftensiglen wird vorausgesetzt. Die Übersetzung der Strophen erfolgte unter Zuhilfenahme von Schweikle[2], Schaefer[3] und Wilmanns.[4] In Hinblick auf die dürftige Auswahl an Interpretationen bezüglich der hier zu analysierenden Strophen L 28,11, L 28,21 und L XXIX,1 sollen hier Ergebnisse vorgetragen werden, die auf Noltes Arbeit „Höfische Idealität und konkrete Erfahrung“[5] basieren.

2. Die Spruchtöne IX, X und XI aus Walthers „König-Friedrichston“ sowie deren Übersetzung vom Mittelhochdeutschen ins Neuhoch-deutsche.

Strophe IX: A 78, C 359 [357]; L 28,11; P 76,21[6]

Herzoge ûz Ôsterrîche, ez ist iu wol ergangen

und alsô schône daz uns muoz nâch iu belangen.

sît gewis, swenn ir uns komet, ir werdet hôhe enpfangen.

Ir sît wol wert daz wir die gloggen gegen iu liuten,

dringen unde schouwen als ein wunder komen sî.

ir komet uns beide sünden unde schanden frî:

des suln wir man iuch loben, und die frouwen suln iuch triuten.

Diz liehte lop volfüeget heime unz ûf daz ort:

sît uns hie biderbe für daz ungefüege wort,

daz iemen spreche, ir soldet sîn beliben mit êren dort.

Übersetzung der Strophe IX:

Herzog von Österreich, es ist Euch wohl ergangen

und auf so höfische Weise, daß uns nach Euch verlangen muß!

Seid gewiß, wann immer Ihr wieder zu uns kommt, werdet Ihr würdig empfangen.

Ihr seid es wohl wert, daß wir Euch die Glocken entgegenläuten lassen,

zusammenströmen und schauen, als ob ein Wunder gekommen sei.

Ohne Sünde und Schande kommt Ihr zu uns zurück,

dafür werden wir Männer Euch preisen und die Frauen lieben.

Vollendet Euren glänzenden Ruhm nun zu Hause bis ins kleinste.

Seid edel auch bei uns, dann wird niemand die unpassenden Worte sagen,

Ihr wäret besser in Ehren fortgeblieben.

Strophe X: A 79, C 313 [329], Z 20; L 28,21; P 76,81

Ein schalc, in swelhem namen er si, der dankes triege

sînen herren unde im râte daz er liege!

erlamen müez ime sîn bein, swenn erz ze deheime râte biege!

Sî aber er sô hêre daz er dâ zuo sitze,

sô wünsche ich daz [ime] sîn ungetriuwe zunge erlame.

die selben machent uns die biderben âne schame.

sol liegen witze sîn, sô pflegent sie schemelîcher witze.

Wan mügens in râten daz si lâzen in ir kragen

sô valsch geheize oder nâch geheize niht versagen?

sie solten geben ê dem lobe der kalc würd abe getragen.

Übersetzung der Strophe X:

Er ist ein Schuft, in welchem Stand er auch lebt, der absichtlich betrügt und seinen Herren das Lügen lehrt.

Erlahmen sollen ihm die Beine, sooft er sie zum Rate beugt!

Ist er aber so vornehm, daß er zum Rate niedersitzt,

so wünsche ich, daß seine ungetreue Zunge erlahme.

Eben diese Leute machen, daß auch die Anständigen schamlos werden.

Wenn Lügen Klugheit sein soll, so üben sie ehrlose Klugheit.

Raten wir Ihnen, sie sollen Ihr Versprechen halten, oder, wenn’s gelogen ist, im Halse stecken lassen.

Sie sollten schenken, ehe dem Lobpreis der Kalk abgschlagen wird.

Strophe XI: Z 21; L XXIX,1, P/L 106,71

Swâ nu ze hove dienet der herre sîme knehte

und swâ der valke vor dem raben stêt ze rehte,

dâ spürt man offenlîche unart, unadel und ungeslehte.

Du werdiu ritterschaft, dîn dinc stêt jâmerlîche.

swâ der sester vor dem schilde hin ze hove vert,

vrou Êre, dâ sint iuwer snellen sprünge erwert.

wol ûf mit mir und vare wir dâ heim in Ôsterrîche!

Dâ vinde wir den fürsten wert, der ist iu holt.

welt ir mich dâ ze hove leiten, als ir solt,

sô wirt gehœhet wol dîn name von mir, werdér Liupolt.

Übersetzung der Strophe XI:

Wo immer nun am Hofe der Herr seinem Knecht dient

und wo der Falke nach geltendem Recht dem Raben nachgeordnet ist,

da spürt man deutlich schlechte Art, schlechten Adel und schlechte Herkunft.

Du edle Ritterschaft, Deine Sache steht jammervoll!

Wo der Scheffel vor dem Schilde zum Hof geht,

Frau Ehre, dort sind Euch Eure kraftvollen Sprünge verwehrt.

Wohlauf mit mir – gehen wir heim nach Österreich!

Dort finden wir den edlen Fürsten, der Euch gewogen ist.

Wollt Ihr mich dort am Hof einführen, wie es Eure Pflicht ist,

dann wird Dein Name von mir sehr gepriesen, edler Leopold.

3. Die Frage nach der Echtheit der Strophen

„Im Verlauf eines mehrfachen Kopierens, Kompilierens, Verbesserns und Angleichens haben die Texte zahlreiche, mehr oder weniger tiefgreifende Veränderungen erfahren, so daß sich eine „Originalfassung“ nicht wiedergewinnen läßt, ganz abgesehen davon, daß die im Vortrag lebenden Lieder und Sangsprüchen wahrscheinlich bereits zu Walthers Zeit je nach Vortragssituation variiert worden sind.“[7]

Der König-Friedrichston stellt mit seinen, je nach Anerkennung der Echtheit, maximal 22 Strophen den umfangreichsten überlieferten Spruchton Walthers dar, deren Teile sich in mehr als sieben Handschriften, unter anderem im „Münsterschen Fragment“ (Z), wiederfinden lassen. Die Hauptquellen der Überlieferungen bilden die drei großen Liederhandschriften: Die „Kleine Heidelberger Liederhandschrift“, die „Weingartner Liederhandschrift“ und die „Große Heidelberger oder Manessische Liederhandschrift“, welche von Karl Lachmann mit den Siglen ABC gekennzeichnet wurden. Beschäftigt man sich mit der Frage nach der Echtheit der Strophen, so ist deren Überlieferung in den verschiedenen Handschriften sicherlich nur ein Teil der zu beachtenden Aspekte, doch geben nach Maurer „Überlieferung und Strophenbau [...] die wichtigsten philologischen Kriterien für den Grad der Sicherheit, mit dem wir für die Echtheit der Strophen rechnen dürfen.“ [8] Dennoch sollte man biographische Gesichtspunkte, die Form der Strophen, ihre Metrik und ihre gedanklich-syntaktische Gliederung in Hinblick auf ihre Echtheit nicht außer Betracht lassen.

3.1 Die Überlieferung der Strophen in den einzelnen Handschriften

Die hier anfänglich zu analysierende Strophe L 28,11 befindet sich sowohl in der „Kleinen“ als auch in der „Großen Heidelberger Liederhandschrift“ und wird durch die Siglen A 78 und C 359 gekennzeichnet. Die Strophe wurde in der Walther-Forschung allgemein auf Grund ihrer Überlieferung und ihrer formalen Gegebenheiten – auf die später noch genau eingegangen werden soll - als echt bezeichnet. Die bei Ranawake darauffolgende Strophe X (L 28,21) ist sowohl nach der Lachmannschen Zählung, als auch in der „Kleinen Heidelberger Liederhandschrift“ (A 79) an L 28,11 angegliedert. In der „Manessischen Liederhandschrift“ ist diese Strophe durch das Sigle C 313 markiert. Desweiteren befindet sich diese Strophe im sogenannten „Münsterschen Fragment“ (Z 20), welches mit seinen Melodienaufzeichnungen bei weitem die wichtigste Quelle für Walthers Melodien darstellt. Auch diese Strophe wurde nicht zuletzt durch ihre mehrfache Überlieferung von der Wissenschaft als authentisch betrachtet. Die letzte hier zu behandelnde Strophe (L XXXIX,1) folgt auf L 28,11 in Z und stellt eine Besonderheit dar, da sie ausschließlich im „Münsterschen Fragment“ (Z 21) überliefert wurde. Wurden die Strophen L 28,11 und L 28,21 schon allein aufgrund ihres Auftretens in mehreren Handschriften von der Wissenschaft übereinstimmend als authentisch deklariert, so differieren die Meinungen über L XXXIX, 1 um so mehr.

3.2 Biographische Aspekte

Die sogenannte „Leopoldstrophe“ (L 28,11), die sich sowohl in der „Kleinen“ als auch in der „Großen Heidelberger Liederhandschrift“ finden läßt, sowie die Strophe L 28,21, vertreten in AC und Z, werden nicht zuletzt durch ihre thematischen und formalen Verzahnungen mit den Strophen L 36,1 und L 32,27 aus dem Unmutston, welche sich als echt erwiesen haben, als authentisch betrachtet. „Andererseits muss auch deutlich gesehen werden, dass die inhaltlichen und formalen Bezüge zwischen einzelnen Strophen sehr viel komplizierter sind, wie z.B. hier die nicht zu übersehende Beziehung zwischen L 32,27 und L 28,21; außerdem zwischen 36,1 und 28,11 [...]“. [9] Diese enge Beziehung zwischen einzelnen Strophen der Töne läßt sich, hier exemplarisch auch für den Zusammenhang von L 28,11 mit L 36,1 stehend, durch eine nähere inhaltliche Betrachtung von L 28,21 und L 32,27 veranschaulichen. Analysiert man die genannten Strophen unter inhaltlichen Aspekten, wird dadurch sicherlich deren Zusammenhang und deren Authentizität sichtbar, doch wird auch unter interpretatorischer Hinsicht leider einiges vorweggegriffen.

[...]


[1] Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. Eine Einführung von Gerhard Hahn. In: Artemis

Einführungen. Bd. 22. München und Zürich 1986. S. 109.

[2] Schweikle, Günther (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Werke Gesamtausgabe. Bd. 1. Spruchlyrik.

Stuttgart 1994.

[3] Schaefer, Jörg: Walther von der Vogelweide. Werke. Darmstadt 1972.

[4] Wilmanns, W.(Hrsg.): Walther von der Vogelweide. In: Germanistische Handbibliothek. Bd. 2. Halle

1924.

[5] Nolte, Theodor: Walther von der Vogelweide. Höfische Idealität und konkrete Erfahrung. Stuttgart

1991. S. 44. (künftig zitiert als: Nolte, Theodor: Höfische Idealität und konkrete Erfahrung).

[6] Basierend auf der Textgrundlage von: Ranawake, Silvia (Hrsg.): Walther von der Vogelweide.

Gedichte. Teil 1. Der Spruchdichter. 11 Auflage auf der Grundlage der Ausg. Von Hermann Paul.

Tübingen 1997.

[7] Ranawake, Silvia (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Gedichte. Teil 1. Der Spruchdichter. 11.

Auflage auf der Grundlage der Ausg. Von Hermann Paul. Tübingen 1997. S. XXIX. (künftig zitiert als:

Ranawake: Walther von der Vogelweide).

[8] Maurer, Friedrich: Die politischen Lieder Walthers von der Vogelweide. Tübingen 1972. S. 84.

[9] Ehnert, Rolf: Möglichkeiten politischer Lyrik im Hochmittelalter. Frankfurt/ M. 1976. S. 291.

Details

Seiten
28
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638128186
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4584
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Deutsche Philologie I
Note
2,0
Schlagworte
Analyse Strophen Walther Vogelweides König-Friedrichs-Ton Textgrundlage Silvia Ranawake Hauptseminar Spruchdichtung Walthers Vogelweide

Autor

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Titel: Analyse der Strophen IX, X und XI des Werks "König-Friedrichs-Ton" Walthers von der Vogelweide auf der Textgrundlage von Silvia Ranawake