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Deflation; Kosten, Ursachen und geldpolitische Konsequenzen

Diplomarbeit 2005 106 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abbildungen und Tabellen

2 Einleitung

3 Kosten der Deflation
3.1 Kosten der Inflation
3.1.1 Verzerrung von Relativpreisen
3.1.2 Nominale Rigiditäten
3.1.3 Störungen in einem progressiven Steuersystem
3.1.4 Direkte Transaktionskosten
3.1.5 Einkommensumverteilung
3.2 Kosten unerwarteter Disinflation
3.3 Kosten der Deflation
3.3.1 Kosten durch Lohnstarrheiten
3.3.2 Ursachen von Lohnstarrheiten
3.3.3 Das Modell von Akerlof, Dickens und Perry
3.3.4 Die Untersuchung von Coenen

4 Ursachen der Deflation

5 Geldpolitische Konsequenzen
5.1 Maßnahmen zur Bekämpfung von Deflation
5.1.1 Das Modell von Buiter
5.2 Die Wirkung der Geldpolitik auf die aggregierte Nachfrage
5.2.1 Die Effekte einer Zinssenkung auf die aggregierte Nachfrage
5.2.2 Effekte einer angekündigten zukünftigen Zinssenkung
5.2.3 Abwertung der Währung
5.2.4 Offenmarkt Geschäfte
5.2.5 Beurteilung der Vorschläge von OW, MC, SV
5.2.6 Fiskalpolitische Ansätze
5.3 Maßnahmen zur Vermeidung von Deflation

6 Zusammenfassung

7 Nebenrechnungen

8 Quellenangaben

9 Anhang

1 Abbildungen und Tabellen

Abb. 1: Inflationsentwicklung in den USA

Abb. 2: Inflationsentwicklung in der EU

Abb. 3: Inflationsentwicklung in Japan

Abb. 4: Entwicklung der Inflationsrate in Japan, CPI und GDP-Deflator

Abb. 5: Entstehung von Arbeitslosigkeit

Abb. 6: Arbeitslosigkeit durch Aktivität der Gewerkschaften

Abb. 7: Preis- und Lohngleichung

Abb. 8: Simulierte Veränderung der Arbeitslosigkeit

Abb. 9: Die langfristige Phillipskurve

Abb. 10: Häufigkeit mit der die Beschränkung auf positive Lohnänderungen bindend wirkt

Abb. 11: Auswirkungen der Rigidität auf Inflation und Output

Abb. 12: Die nicht-vertikale Phillipskurve

Abb. 13: Angebots- und Nachfrageschocks

Abb. 14: Entwicklung der realen Grundstückspreise in Japan

Abb. 15: Geldpolitik in der Liquiditätsfalle

Abb. 16: Gleichgewichte bei Verwendung einer Taylor-Regel

Abb. 17: Entwicklung von Preisniveau und Wechselkurs

Abb. 18: Zinsstruktur Japans

Abb. 19: Die optimale Politik bei Verwendung von „Marshalls k

Abb. 20: Optimale Zinssteuerung

Abb. 21: Der Effekt der Null-Untergrenze in einem Rezessions- Deflations-Szenario

Abb. 22: Effekte von Liquiditätserhöhung und Abwertung

Abb. 23: Effekte von linearer und nicht-linearer Politikregel auf Output u. Inflation

Abb. 24: Effekte von linearer und nicht-linearer Politikregel auf den Wechselkurs

Abb. 25: Effekte einer realen Abwertung

Abb. 26: Effekte einer Abwertung mit anschließendem konstantem „peg

Abb. 27: Bedeutung der Untergrenze in Abhängigkeit vom gleichgewichtigen Nominalzins

Abb. 28: Bedeutung der Untergrenze in Abhängigkeit von der Zielinflation

Abb. 29: Auswirkung des Inflationsziels auf Nominalzins, Output und Inflation

Tab. 1: Lohnentwicklung in der verarbeitenden Industrie der USA, 1959-78

2 Einleitung

Die größten Volkswirtschaften der Welt befanden sich seit Ende der 60er Jahre bis etwa Ende der 80er Jahre in einem Umfeld mit unerwünscht hohen Inflationsraten. Die Ursachen dieser hohen Preissteigerungsraten waren – unter anderem – externe Schocks wie der Ölpreisschock von 1973. Die Folge waren nicht nur direkte Auswirkungen auf das allgemeine Preisniveau, sondern auch eine expansivere Geldpolitik um durch kurzfristige Phillips-Kurven Effekte die Wirkung der Schocks auf die Wirtschaft abzufangen. Dies führte zu steigenden Inflationsraten, welche durch eine lange undurchbrochenen Preis-Lohnspirale eine starke Persistenz besaßen.

Die Erfahrungen dieser Hochinflations-Periode haben die Zielsetzungen der heutigen Geldpolitik stark geprägt und dazu geführt, dass Preisniveaustabilität heute das primäre Ziel der Zentralbanken der führenden Industrienationen ist. Dieses Ziel wurde in den letzten Jahren sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone erreicht. Dass geringe Inflationsraten jedoch auch Gefahren bürgen, hat das Beispiel Japans Anfang der 90er Jahre gezeigt. Nachdem die Grundstückspreis-Blase der späten 80er Jahre geplatzt war, geriet Japan in eine Rezession mit gleichzeitiger Deflation. Die Geldpolitik war nicht im Stande dieser Situation angemessen zu begegnen und die Wirtschaft zu beleben. Die Folge war eine lang anhaltende, sich verschlimmernde Rezession und weiter fallende Preise. Die 90er Jahre werden heute als das verloren Jahrzehnt Japans bezeichnet. Angesichts niedriger Inflationsraten in den USA und der Euro-Zone und der zunehmenden Globalisierung stellt sich die Frage, wie hoch die Gefahr ist, dass auch diese Wirtschaftsräume in eine Deflation geraten. Weiterhin ist es keineswegs unumstritten, wie stark die realen Kosten einer Deflation tatsächlich sind. Die Konsequenzen in Japan waren sicherlich schwerwiegend, man muss jedoch beachten, dass die schwierige Lage, in der sich das Land noch immer befindet, durch eine ganze Reihe verschiedener Faktoren, wie z.B. einem maroden Finanzsektor, verursacht wurde.

Ziel dieser Arbeit ist es, Kosten und Ursachen einer Deflation zu beschrieben, sowie einige Vorschläge aus der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion zur Deflations-Bekämpfung vorzustellen.

In Kapitel 1 werden zunächst kurz die Kosten von Inflation beschreiben um sie dann mit denen einer Deflation zu vergleichen. Dabei soll der Problematik der Lohnstarrheit ein besonderes Augenmerk gewidmet werden.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit den verschiedenen Ursachen von Deflation, welche recht unkontrovers sind.

In Kapitel 3 werden schließlich verschiedene Lösungsansätze zur Bekämpfung von Deflation präsentiert. Dabei wird ein Model von BUITER[2003] recht detailliert beschrieben, um anhand dessen zunächst die Bedeutung der Null-Untergrenze des Nominalzinses und im Anschluss mehrere Möglichkeiten zur Belebung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu skizzieren. Außerdem werden alternative geldpolitische Optionen zur Beendigung einer Deflation, wie die Verwendung des Wechselkurses als Politikinstrument oder eine drastische Geldmengenerweiterung diskutiert und deren Effektivität untersucht. Da die Wirkung der Geldpolitik in einer Deflation stark eingeschränkt ist, könnte es erforderlich sein, die Aktionen von Geld- und Fiskalpolitik zu kombinieren. Aus diesem Grunde werden zum Abschluss dieses Kapitels einige fiskalpolitische Optionen analysiert.

3 Kosten der Deflation

Genau wie Inflation, verursacht auch Deflation volkswirtschaftliche Kosten. Bei der Untersuchung der Kosten ist zwischen unerwartet niedriger, positiver Inflation (Disinflation) und Deflation zu unterscheiden. Deflation bedeutet nicht, dass alle Preise in einer Volkswirtschaft fallen, sondern bezieht sich auf einen Fall des allgemeinen Preisniveaus. Als Disinflation bezeichnet man den Rückgang der Wachstumsrate des allgemeinen Preisniveaus. Wird eine Disinflation von allen Akteuren korrekt antizipiert, so ist sie abgesehen von Preisanpassungskosten – den Kosten die durch die Änderung von Preislisten, Anpas­sung von Löhnen usw. entstehen – volkswirtschaftlich relativ unproblematisch. Da sich jedoch alle großen Volkswirtschaften seit den Zeiten der großen Depression (1930 – 1933) bis Anfang der 90er Jahre in einem inflationärem Umfeld entwi­ckelt haben, ist davon auszugehen, dass eine Disinflation nicht von allen Akteuren korrekt und in vollem Umfang antizipiert wird und es dadurch zu volkswirtschaftlichen Kosten kommt [Abb. 1-3]. Um die Problematik der Deflation einschätzen zu können ist außerdem eine kurze Betrachtung der Kosten von Inflation angebracht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Inflationsentwicklung in den USA

Quelle: BUITER [2003]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Inflationsentwicklung in der EU

Quelle: BUITER [2003]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Inflationsentwicklung in Japan

Quelle: BUITER [2003]

3.1 Kosten der Inflation

Als Inflation bezeichnet man einen Anstieg des allgemeinen Preisni­veaus einer Volkswirtschaft. Zur Messung von Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus benötigt man einen geeigneten Index. Hier bieten sich Indizes für Konsumentenpreise, Industriepreise, Branchenpreise, Importpreise oder der BIP-Deflator an. Um Aussagen über eine allgemeine Preisniveaustabilität machen zu können, ist ein möglichst breiter Preisindex nötig. Viele Zentralbanken verwenden daher einen Konsumentenpreisindex. In den USA ist dies der „consumer price index“ (CPI). Die Europäische Zentralbank (EZB) verwen­det den harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), der vereinheitlichten Warenkorb zur Berechnung der Inflationsrate zugrunde gelegt. Damit sind die Preissteigerungsraten der einzelnen Länder innerhalb der EU besser vergleichbar. Der CPI sowie der HVPI werden mit einem Laspayres-Index berechnet, welcher aufgrund des verwendeten fixen Warenkorbes Substitutionseffekte nicht berücksichtigt und somit eine positive Verzerrung besitzt. Die Ferderal Reserve Bank of San Francisco (FRBSF)[1] schätzt diese Verzerrung auf 0,4% pro Jahr[2]. Eine weitere Verzerrung ist der so genannte „outlet bias“. Er bezieht sich nicht dar­auf was, sondern wo die Konsumenten einkaufen. Die wachsende Zahl von Großmärkten erlaubt es, Waren in großen Mengen und dadurch zu günstigeren Preisen einzukaufen. Dadurch, dass die Entwicklung dieser Großmärkte im CPI nicht angemessen berücksichtigt wird, entsteht eine Verzerrung von etwa 0,1% pro Jahr[3]. Eine dritte Ursache von Verzerrungen ist der „new pro­duct bias“. Werden neue Produkte auf dem Markt eingeführt, so können Statistiker nicht immer sofort sicher sein, welche von ihnen wie erfolgreich sein werden. Diese Produkte werden meist erst dann adäquat in den Index auf­genommen, wenn ihr Preis bereits deutlich gesunken ist und sich ihre Qualität möglicherweise auch schon verbessert hat. Dies führt zur vierten Ursache von Verzerrungen; dem Qualitätseffekt. Es kann vorkommen, dass der Preis eines Produktes in Folge einer Qualitätsverbesserung steigt. Der Nutzengewinn für den Konsumenten, der in diesem Fall mit dem Preisanstieg einhergeht, wird im CPI nicht erfasst, was ebenfalls zu einer Überschätzung des allgemeinen Preis­anstieges führt. Über die genaue Höhe von „new product bias“ und Qualitätseffekt besteht Uneinigkeit, die FRBSF geht jedoch von etwa 0,6% aus[4]. Zur Berechnung des BIP-Deflators hingegen wird ein Paasche-Index verwendet, welcher aufgrund der Nichtberücksichtigung von Wohl­fahrtsverlusten durch Substitution die tatsächliche Änderung des allgemeinen Preisniveaus unterschätzt.

Inflation verursacht eine Reihe volkswirtschaftlicher Kosten, welche unter folgenden Kategorien zusammengefasst werden können (CAMBA-MENDEZ et al. [2003]): (1) Verzerrung relativer Preise; (2) nominale Rigiditäten; (3) Störungen innerhalb einem progressiven Steuersystems; (4) direkte Transaktionskosten; (5) Einkommensumverteilung.

3.1.1 Verzerrung von Relativpreisen

Nach LUCAS[1973] können Relativpreise dadurch verzerrt werden, dass Anbieter eines Gutes den nominalen Anstieg der Nachfrage nach diesem Gut falsch deuten. Ein solcher Nachfrageanstieg kann entweder durch einen Geld­angebotsschock oder durch eine reale Erhöhung der Nachfrage nach diesem Gut verursacht werden. Nur um letztern Fall sollte der Hersteller die ange­botene Menge anpassen. Die falsche Interpretation solcher Signale führt zu einer Fehlallokation von Ressourcen.

3.1.2 Nominale Rigiditäten

Die zwei wichtigsten Formen von nominalen Rigiditäten sind zum einen die so genannten „menu costs“ und zum andern Preis- und Lohnstarrheiten. Als „menu costs“ – oder Preisänderungskosten – bezeichnet man die geringen Fixkosten, welche jedes Mal dann anfallen, wenn Preislisten bzw. Löhne angepasst werden müssen. Dabei fallen Arbeitskosten, Materialkosten, Überwachungskosten sowie Kosten, wel­che durch beim Anpassungsprozess gemachte Fehler entstehen, an. Preis- und Lohnstarrheiten behindern die Anpassung relativer Preise und reduzieren da­durch die ökonomische Effizienz. Preis- und Lohnstarrheiten werden im Zusammenhang mit Deflation in Abschnitt 3.1.2 genauer untersucht.

3.1.3 Störungen in einem progressiven Steuersystem

In einem progressiven Steuersystem kommt es durch Inflation zur so ge­nannten „kalten Progression“. Durch die Erhöhung des nominalen Einkommens bei konstantem Realeinkommen steigt der Grenzsteuersatz und somit die reale Steuerbelastung. Außerdem kann Inflation in Ländern mit nicht indexiertem, progressivem Steuersystem einen beachtlichen Effekt auf das Arbeitsangebot haben. So schätzt FELDSTEIN[1997], dass eine Senkung der Inflationsrate in den USA von 2% auf 0% zu einem dauerhaften Wohlfahrts­gewinn von etwa 1% des GDP führen würde.

3.1.4 Direkte Transaktionskosten

Geldhaltung verursacht Wohlfahrtskosten, da Bargeld keine Zinsen erwirtschaftet, wodurch der Nutzen der Kassenhaltung mit stei­gender Geldhaltung sinkt. Die Wohlfahrtskosten aufgrund des positiven Nominalzinses bestimmen auch die Wohlfahrtskosten durch Inflation, da sich diese über die bekannte Fisher – Gleichung 1:1 in den Nominalzins überträgt . FRIEDMAN[69] schlug vor die­sem Hintergrund eine optimale Inflationsrate in Höhe des negativen Realzinses und somit einen Nominalzins von Null vor. PHELPS[73] weist jedoch darauf hin, dass durch einen Nominalzinssatz von Null die Seignorage, welche einen potentiellen Bestandteil der Einnahmen des Staates darstellt, Null wäre. Dies müsste durch Steuern ausgeglichen werden, deren verzerrende Effekte größere volkswirtschaftliche Kosten mit sich brächten, als eine geringe Inflationsrate. Wie CHARI et al [96] zeigen, ist die Einkommenselastizität der Geldnachfrage entscheidend dafür, ob die Friedman – Regel oder ein geringer positiver Nominal­zins optimal ist. Ist die Elastizität größer Eins und eine Inflationsteuer damit stark verzerrend, so sollte die Friedman – Regel ange­wendet werden und der Nominalzins möglichst Null betragen. Ist die Elastizität jedoch kleiner als Eins, so hat eine Inflationssteuer nur relativ ge­ringe Wohlfahrtseffekte und stellt damit eine bessere Einnahmequelle als andere Steuerformen dar.

Weiterhin sind im Rahmen der direkten Transaktionskosten die Kosten zu nennen, welche durch ein überentwickeltes Finanzsystem entstehen. Eine solche Entwicklung kann in Phasen hoher Inflation vorkommen. So müssen Banken zum Beispiel mehr Personal einstellen, wenn ihre Kunden häufiger Geld abheben um ihre Kassenhaltung gering zu halten. ENGLISH[99] schätzt die Wohlfahrtskosten eines Inflationsanstieges in einer Gruppe von OECD Ländern von 0% auf 10% auf 1% des Bruttoinlandsproduktes.

Neben diesen direkten Kosten kommt es zu indirekten Kosten zum Bei­spiel durch Störung der Arbeitsangebots- oder Sparentscheidungen. DOTSEY und IRELAND[96] haben diese Kosten mit Hilfe eines allgemeinen dynami­schen Gleichgewichtsmodells untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ein dauerhafter Anstieg der Inflation von 0% auf 4% aufgrund von indirekten Kosten wie Unsicherheit und fehlerhaften Entscheidungen zu einem dauerhaften Absinken des Outputs um 0,9% - 1,1% führen würde.

3.1.5 Einkommensumverteilung

Durch unerwartete Inflation und Deflation kommt Umverteilung von Vermögen zwischen Schuldnern und Gläubigern. Dies allein führt noch nicht zu einem Netto-Wohlfahrtsverlust. ISSING[2001] weißt jedoch daraufhin, dass diese Umverteilung auch zu realen Effekten führen kann. So bedeutet zum Beispiel die Umverteilung von Vermögen von Schuldnern zu Gläubigern in einer Deflation auch eine Umverteilung von weniger risikoaversen Individuen zu solcher mit einer höheren Risikoaversion. Weiterhin kann der Verlust des rea­len Wertes der Schulden in einem Umfeld hoher Inflation abschreckend auf Gläubigern wirken.

3.2 Kosten unerwarteter Disinflation

Während es bei nicht-antizipierter Infla­tion zu einer Umverteilung des Vermögens von Gläubigern zu Schuldnern kommt, ist bei unerwartet geringer Inflation genau das Gegenteil der Fall. Da sich der Realzins als Differenz von Nominalzins und Inflationserwartungen ergibt ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]), führt eine überraschend niedrige Inflationsrate zur Erhö­hung der realen Schuldenlast. Unternehmen, welche in der Erwartung einer bestimmten Preissteigerungsrate ihrer Produkte langfristige, nominal fixierte Kredite aufgenommen haben, leiden bei unerwartet niedriger Inflation unter der wachsenden realen Belastung durch die Rückzahlungen. Dies kann bei Unternehmen mit hohem Verschuldungsgrad existenzbedrohliche Aus­wirkungen haben. So stieg die Anzahl der jährlichen Konkurse in Japan von etwa 6.500 im Jahre 1990, als sowohl der Verbraucherpreis-Index (CPI) als auch der BIP Deflator ca. 2% betrugen, auf 19.000 im Jahr 2001, als sowohl CPI Inflation als auch BIP Deflator mehrere Jahre in Folge gesunken waren (Abb. 4) (ITO[2004]). Können Unternehmen ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, so kommt es zu Kreditausfällen bei den Banken, was zu einer Bankenkrise führen kann. Ban­ken, die sich einer erhöhten Zahl von Kreditausfällen ausgesetzt sehen, werden darauf hin bei der Neuvergabe beziehungsweise Ausweitung von Krediten zurück­haltender agieren, was die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen weiter erschwert.

Ein weiteres Problem unerwarteter Disinflation ist das Ansteigen des Reallohnniveaus (w/p) und als Folge daraus eine Verringerung des Outputs so­wie die Entstehung von Arbeitslosigkeit (Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.). Dieses Problem ist umso bedeutender, je starrer die Löhne einer Volkswirtschaft sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Entwicklung der Inflationsrate in Japan, CPI und GDP-Deflator

Quelle: (ITO[2004 ]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Entstehung von Arbeitslosigkeit

Solange die Inflationsrate [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] jedoch positiv ist, ist es möglich den Real­lohn in der nächsten Verhandlungsphase wieder auf das Vollbeschäftigungsniveau zu senken, indem die Verhandlungspartner eine Nominallohnerhöhung vereinbaren, welche unter der Inflationsrate der nächs­ten Periode liegt. Dies ist natürlich nur dann möglich, wenn beide Parteien nun die richtige Inflationsrate antizipieren. Gegebenfalls kann zugunsten von mehr Beschäftigung komplett auf einen Nominallohnerhöhung verzichtet werden. Dies führt zu einem der bedeutendsten Probleme der Deflation. Da hier das gesamtwirtschaftliche Preisniveau nicht nur sehr langsam wächst, sondern sinkt, müssten die Nominallöhne ebenfalls sinken, um das Reallohnniveau nicht über sein Vollbeschäftigungsniveau zu erhöhen. Ob und inwiefern dies möglich ist, ist Bestandteil der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion wird in Abschnitt 3.1.2 genauer untersucht.

3.3 Kosten der Deflation

Bei Deflation kommt es zu einem Phänomen, welches Irving Fisher als „debt deflation“. Dabei steigt die reale Schuldenlast durch das Absinken des Preisniveaus an und es entstehen die gleichen Probleme, wie bei nicht-antizipierter Disinflation. Es wurde bereits erwähnt, dass es bei nicht vollständig antizipierter Deflation außerdem zu einer Umverteilung von Vermögen von Schuldnern zu Gläubigern kommt. Die Gewinne letzterer werden je­doch die Verluste der Schuldner nicht komplett aufwiegen, da die den Krediten zugrunde liegenden Sicherheiten an Wert verlieren. Dieser Effekt ist dann be­sonders ausgeprägt, wenn eine Deflation mit einem Absinken von Assetpreisen einhergeht (ITO[2004]). Besonders gefährlich ist dies für Volkswirtschaften, mit instabilen Finanzsystemen. In einem Umfeld mit überschuldeten Haushalten und unterkapitalisierten Banken, welche sich starken Belastungen durch Kredit­ausfälle ausgesetzt sehen, kann eine einsetzende Deflation eine weitere Verschlechterung der Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte verursachen (BERNANKE[2003]). Allerdings ist Bernanke der Ansicht, dass sowohl der Zu­stand der Haushalte, als auch der Unternehmen in den USA alles andere als instabil sei und eine kurzfristige, geringe Deflation kaum negative Effekte für das US-amerikanische Finanzsystem hätte. Neben einem instabi­len Finanzsystem gibt es jedoch noch einen anderen Umstand, der die Problematik geringer Inflation oder einer Deflation erhöhen kann und zwar eine zu geringe gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Ein negativer Nachfrage­schock in einem Umfeld sehr niedriger Inflation kann dazu führen, dass die Nachfrage auch durch eine Senkung des Realzinses auf Null oder gar auf einen geringen negativen Wert, nicht ausreichend belebt werden kann. Der Realzins entspricht gemäß der Fisher-Gleichung[5] dem Nominalzins abzüglich der Inflations­erwartungen und kann (nur) im Falle positiver Inflationserwartungen negativ sein. Dies ist darin begründet, dass der Nominalzins keine negativen Werte annehmen kann, da die Akteure der Volkswirtschaft ansonsten einfach zinsloses Bargeld halten könnten um diese negativen Zinsen zu vermeiden. Kann die Nachfrage also durch Realzinssenkung nicht ausreichend erhöht wer­den, wird es im Zuge der Markträumung zu einer weitern Absenkung des allgemeinen Preisniveaus kommen. Befindet sich eine Volkswirtschaft in einer Deflation, sind also die Erwartungen der Akteure über zukünftige Preissteige­rungen negativ, so kann der Realzins aufgrund der Null-Untergrenze des Nominalzinses nicht mehr unter ein bestimmtes positives Niveau gesenkt werden, welches den Deflationserwartungen entspricht. Ist der Nominalzins einmal auf Null gesenkt, so sind die Möglichkeiten der traditionellen Geldpo­litik, die sich auf die Höhe des kurzfristigen Nominalzinsniveaus konzentriert, erschöpft. Im schlimmsten Fall kann ein negativer Nachfrageschock in ei­nem Umfeld niedriger kurzfristiger Nominalzinsen eine destabilisierende Abwärtsspirale auslösen. Durch den Schock und die dadurch relativ zum gesamt­wirtschaftlichen Angebot zu geringe Nachfrage kommt es zu verstärkten Lohn- und Preissenkungen[6]. Dadurch wird eine Deflation ausgelöst beziehungsweise verstärkt. Dies führt nun gemäß der Fisher-Gleichung zu einer Erhöhung des Realzinses mit zunehmender erwarteter Deflation, was den Auswirkungen einer restriktiven Geldpolitik entspricht und die Nachfrage weiter senkt. Die Relevanz der Null-Untergrenze des Nominalzinses, welche von entscheidender Bedeutung für das Entstehen einer deflationären Spirale ist, wurde in der wissenschaftlichen Literatur sowohl anhand von historischen Daten, als auch mit Hilfe von Simulationen untersucht. Die Haupterkenntnis, die aus Analysen historischer Daten gewonnen wurde, ist die, dass die Wahr­scheinlichkeit, dass der Nominalzins die Null-Untergrenze erreicht in einem Umfeld von 2% Inflation praktisch Null ist (KLAEFFLING und LOPEZ PEREZ[2003]). CLOUSE et al [2000] fanden bei der Untersuchung der Nominalzinssätze der USA seit 1860 heraus, dass die kurzfristigen Zinsen von 1860 bis 1930 deutlich über Null lagen. 1932 erreichten sie das Niveau von Null in Folge der Deflation, welche 1929 begann. Von 1932 bis 1948 befanden sich die Nominal­zinsen unter 1% und ab 1950 waren sie wiederum deutlich höher als Null[7].

3.3.1 Kosten durch Lohnstarrheiten

Kosten durch Lohnstarrheiten treten in einer Deflation aus demselben Grund auf, wie im Umfeld einer unerwarteten Disinflation (Kap. 3.2). Diese Problematik wird jedoch dadurch verstärkt, dass zu hohe Lohnabschlüße in einer Deflation nicht durch so genannte „Null-Runden“ in darauf folgenden Perioden ausgeglichen werden können. Vielmehr wären Nominallohnsenkungen nötig, was jedoch aus verschiedenen Gründen nicht immer möglich oder erwünscht ist.

3.3.2 Ursachen von Lohnstarrheiten

„In der traditionellen neoklassischen Theorie ist kaum Platz für irgend­welche „unfreiwillige“ Arbeitslosigkeit“(ROTHSCHILD[94]). So wie ein Anbieter von Waren im Marktmodell der Gleichgewichtstheorie bei Absatzschwierigkeiten den Preis seiner Ware soweit senken kann, bis er einen Käufer findet, so kann theoretisch auch ein Arbeiter, der ebenfalls einer fallenden Nachfragekurve (Ld) (siehe Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.) gegenübersteht, seine Lohnforderung solange senken, bis sein Arbeitsangebot angenommen wird. „Dies ist aber nicht mög­lich, wenn der Anpassungsmechanismus via Preis-(Lohn-)flexibilität außer Kraft gesetzt ist“ (ROTHSCHILD[94]). Arbeitslosigkeit als Folge rigider Löhne steht nicht im Wider­spruch zu den Annahmen der Gleichgewichtstheorie, welche Preisflexibilität voraussetzt. Es gibt verschiedene Ansätze, Lohnstarrheiten im Rahmen der neoklassischen Theorie zu erklären. Dabei kann man zwischen zwei Wegen unterscheiden: (1) die Starrheit wird als exogen gegeben betrach­tet, d.h. der freie Markt wird durch externe Störungen in seiner Funktionsweise eingeschränkt; (2) die Starrheit wird als endogen angesehen, d.h. sie wird aus Optimierungsstrategien der handelnden Akteure abgeleitet. Im Rahmen des ersten Falles ist auf staatlich bestimmte Mindestlöhne und insbesondere auf Lohnsetzung im Zuge von Verhandlungen mit Gewerkschaften zu verweisen. Die Zielfunktion der Gewerkschaft enthält für gewöhnlich zwei konkurrierende Ziele: möglichst hohe Löhne sowie möglichst hohe Beschäftigung. Eine „ökonomisch rationale“ Entscheidung bedeutet dann, dass man die optimale Kombination dieser beiden konkurrierenden Ziele (…) sucht“ (Rothschild[94]). Dabei wird es zu Gunsten eines höheren Lohnsatzes zu Arbeitslosigkeit kom­men. In Abb. 6 wird diese Situation dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Arbeitslosigkeit durch Aktivität der Gewerkschaften

Quelle: ROTHSCHILD [94]

Hier beschreibt L die Arbeitsmenge, w den Lohnsatz, w* den markträumenden Gleichgewichtslohn, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] den „ökonomisch rationale“ Lohnsatz, Ls das Arbeitsangebot, Ld die Arbeits­nachfrage, L* das als konstant angenommene Arbeitsangebot, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] die sich einstellende Beschäftigungsmenge sowie I die Indifferenzkurven der Nutzen­funktion der Gewerkschaft.

Die Gewerkschaften versuchen ihre Nutzenfunktion U = U (w,L) zu maximieren. Dies ist in Punkt P möglich und führt bei einem über dem markträumenden Gleichgewichtslohn w* liegenden Lohnsatz [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zu einer Beschäftigungsmenge [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und Arbeitslosigkeit in Höhe von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Kommt es nun zu einem Absinken der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, so werden die Gewerkschaften versuchen, ihre Nutzenfunktion vor dem Hintergrund dieser neuen Situation erneut zu maximieren. Ein Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, führt zu einem Absinken des gleichgewichtigen Preisniveaus und damit zum Absinken des Grenzerlöses der Unternehmen. Dies senkt wiederum das Wertgrenzprodukt der Arbeit und müsste eine Reallohnsenkung nach sich ziehen, um das Beschäftigungsniveau aufrecht zu erhalten. Aufgrund des Optimierungskalküls der Gewerkschaften wird sich der Lohnsenkungsdruck jedoch, entsprechend der jeweiligen Gewichtung in der gewerkschaftlichen Nutzenfunktion, in geringe Reallohnsenkungen und Beschäftigungsrückgang übertragen.

Institutionelle Beschränkungen sind ein weiteres Hindernis für Lohnanpassungen. So stellen Mindestlöhne ebenso wie nominal fixierte staatliche Transferzahlungen im Falle von Arbeitslosigkeit eine Untergrenze für den Nominallohn dar. Kommt es zu deflationärem Druck, wie es beispielsweise in den reicheren EU-Staaten in Folge der EU-Osterweiterung der Fall ist, so verhindern diese Grenzen die notwendige Anpassung der Löhne für einfache Arbeit und es kommt zu Arbeitslosigkeit. Diese könnte durch die politisch unpopuläre Senkung der Transferzahlung und Mindestlöhne, oder aber durch eine höhere Inflationsrate (und damit einer Reallohnsenkung) bekämpft werden.

Die oben beschriebene Problematik verdeutlicht mögliche Ursachen für die Entstehung von Arbeitslosigkeit aufgrund von exogenen Faktoren. Wie bereits erwähnt gibt es daneben auch endogene Ansätze zur Erklärung von Lohnstarrheiten. Einer davon ist die Kontrakttheorie. Da die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen ständigen, teilweise starken, konjunkturellen, saisonalen und anderen unregelmäßigen Schwankungen unterworfen ist, müssten die Reallöhne in einzelnen Unternehmen theoretisch ständig gewinnoptimal an die wechselnden Marktlagen angepasst werden. Dies führt jedoch zu Anpassungskosten für die Unternehmen und zu hoher Unsicherheit für die Arbeitnehmer. Letztere würden gemäß der Kontrakttheorie eine Lohnglättung aufgrund des oft beträchtlichen Anteils konstanter Kosten an ihren Gesamtausgaben[8] begrüßen. Um dies zu erreichen sind Arbeitnehmer bereit, sich für eine gewisse Zeit vertraglich zu einem bestimmten Lohn zu binden. Dieser Lohn liegt gemäß der Kontrakttheorie geringfügig unter dem erwarteten Durchschnitt der Lohnsätze, welche sich ohne Kontrakt einstellen würden. Zu diesem Abschlag sind die Arbeitnehmer aufgrund der erhöhten Lohnstabilität bereit. Eine solche Festschreibung der Löhne für mehrere Perioden hat jedoch zur Folge, dass Unternehmen auf Nachfrageschwankungen ausschließlich mit Anpassungen der Beschäftigungsmenge reagieren können. Eine erhöhte Stabilität des Lohnniveaus erfolgt also auf Kosten einer erhöhten Varianz in der Zahl der Arbeitslosen. TAYLOR[80] beschreibt, wie durch die Existenz solcher Kontrakte mit einer Laufzeit von nur drei oder vier Quartalen, eine Persistenz der zyklischen Arbeitslosigkeit entstehen kann, wie sie in den Nachkriegsjahren in den USA beobachtet wurde. In seinem Modell einer stationären Volkswirtschaft mit rationalen Erwartungen geht er davon aus, dass Arbeitsverträge gestaffelt sind, also nicht alle Lohnentscheidungen zur gleichen Zeit getroffen werden. Weiterhin nimmt er an, dass Unternehmen und Gewerkschaften im Rahmen der Lohnverhandlungen die Lohnsätze anderer Unternehmen in ihr Optimierungskalkül einbeziehen, da diese während der Zeit des auszuhandelnden Vertrages zumindest eine Weile gültig sein werden und somit das Preisniveau und die relative Lohnhöhe beeinflussen. Dadurch werden Lohnabschlüsse relativ zu anderen getätigt, was dazu führt, dass auch Schocks von einem Lohnabschluß zum nächsten übertragen werden. Dieses Phänomen bezeichnet TAYLOR[80] als „Kontraktmultiplikator“. „Das Modell generiert eine Persistenz von Löhnen und Preisen, welche zu einer Phillipskurve führt und die Politik vor einen trade-off zwischen Preisstabilität und Outputstabilität stellt“(TAYLOR [80]).

Einen anderen endogenen Erklärungsansatz von Nominallohnrigiditäten stellen Effizienzlöhne dar. Unternehmer können ihren Angestellten aus verschiedenen Gründen einen Lohn zahlen, welcher über dem Gleichgewichtslohn liegt und dadurch wie oben beschrieben Arbeitslosigkeit verursachen. Solche Gründe sind unter anderem eine erhöhte Arbeitsmoral, weniger „shirking[9], da die Arbeiter bei einem Verlust des Arbeitsplatz einen neuen Job mit niedrigerem Lohn annehmen müssten, eine geringere Fluktuation in der Belegschaft sowie eine mögliche Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit[10]. Letzteres hat allerdings mit steigendem allgemeinem Lebensstandard in den Industrieländern zunehmend an Bedeutung verloren (ROTHSCHILD[94]). Vor dem Hintergrund einer Deflation sind nun vor allem die Aspekte der Moral und der Fluktuation interessant. Senkt ein Unternehmer aufgrund des Rückgangs des allgemeinen Preisniveaus die Löhne seiner Angestellten, so kann dies als unfair empfunden werden und zu niedrigerem Arbeitseinsatz und Verlust der produktivsten Arbeitskräfte führen [CAMPBELL, KAMLANI[95]]. BEWLEY und BRAINARD[93] haben Unternehmer zu ihren Abneigung gegenüber Nominallohnsenkungen befragt und herausgefunden, dass die negativen Auswirkungen einer Nominallohnsenkung auf die Arbeitsmoral als wesentlich höher eingeschätzt werden, als die Wirkung einer Beibehaltung des Nominallohns und einer damit verbundenen Senkung des Reallohns. Außerdem ergab die Untersuchung, dass es nur im Falle ernsthafter Probleme zu Lohnkürzungen kam. KAHNEMAN, KNETSCH und THALER [86], untersuchen in ihrer Arbeit den Aspekt der Fairness als Beschränkung der Profitmaximierung. Sie finden heraus, dass Kürzungen des Nominallohns als unfair betrachtet werden, wenn sich das Unternehmen nicht durch einen Bankrott bedroht sieht. Ebenfalls als unfair gilt die Erhöhung des Unternehmensprofits auf Kosten der Arbeiter. Dies wäre zum Beispiel im Falle einer steigenden Arbeitslosigkeit möglich, da in einer solchen Situation viele Menschen bereit sind, ihre Arbeitskraft auch zu einem niedrigerem als dem üblichen Lohn anzubieten. Ein weiteres Ergebnis von KAHNEMAN, KNETSCH und THALER ist, dass Arbeitnehmer eine Nominallohnänderung nicht immer von einer Reallohnänderung unterscheiden können. So fanden es 62% der Befragten unfair, wenn ein Unternehmen, welches während einer Rezession mit Null Prozent Inflation noch einen geringen Gewinn machte, seine Löhne um 7% senkte. In einer ähnlichen Situation mit 12% Inflation empfand jedoch eine Mehrheit von 78% eine Nominallohnerhöhung von 5% als durchaus akzeptabel. „Obwohl die Änderung des Reallohns (…) etwa dieselbe ist, ist die Beurteilung der Fairness auffallend unterschiedlich. Eine Lohnsenkung wird als Verlust betrachtet und folglich als unfair beurteilt. Die nominale Erhöhung, welche die Inflation nicht kompensiert, ist eher akzeptabel, da der Arbeitnehmer sie als Gewinn relativ zu seinem Referenzlohn betrachtet“(KAHNEMAN, KNETSCH und THALER [86]; S.731). BUITER[2003] kritisiert diese auf Fairness und Moral basierenden Ergebnisse bezüglich starrer Nominallöhne als nicht schlüssig, da seiner Meinung nach Fairness, Gerechtigkeit und Moral auf den Reallohn abzielen sollten. In einer anderen Untersuchung der Geldillusion kommen SHAFIR, DIAMOND und TVERSKY[94] ebenfalls zum Ergebnis, dass Arbeitnehmer es bevorzugen, wenn ihr Nominallohn steigt oder unverändert bleibt, auch wenn die realen Konsequenzen denen einer Nominallohnsenkung bei niedrigeren Inflationsraten entsprechen.

3.3.3 Das Modell von Akerlof, Dickens und Perry

Die zahlreichen Vorteile von Preisstabilität gegenüber Inflation in Verbindung mit der Hypothese der natürlichen Arbeitslosigkeit[11] sind der Grund für die weit verbreitete Meinung, dass Zentralbanken ein Inflationsziel von Null anstreben sollten[12].

AKERLOF, DICKENS und PERRY [96] stellen das Standardmodell der natürlichen Arbeitslosenquote in Frage. Sie entwickeln auf Basis von US-Wirtschaftsdaten für den Zeitraum von 1959 bis 1978 (Tab. 1) ein Modell mit asymmetrischen Lohnrigiditäten und monopolistischer Konkurrenz in dem einzelne Firmen stochastischen Nachfrageschocks ausgesetzt sind. Aufgrund dieses Modells wird die Auswirkung eine Änderung der durchschnittlichen Inflationsrate von 3% auf 0% auf die Arbeitslosenquote simuliert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Lohnentwicklung in der verarbeitenden Industrie der USA, 1959-78

Quelle: AKERLOF, DICKENS und PERRY [96]

Die Autoren zeigen, dass es keine natürliche Arbeitslosenquote gibt, sondern dass die Arbeitslosenquote, welche mit einer stetigen Inflationsrate vereinbar ist von eben dieser Inflationsrate abhängt. Demnach entstehen bei einem Inflationsziel von Null aufgrund von nominalen Rigiditäten dauerhafte reale Kosten anstelle von realem Nutzen. Damit wird gleichzeitig die Neutralität des Geldes angezweifelt.

[...]


[1] WU[2004]

[2] http://www.frbsf.org/econrsrch/wklyltr/wklyltr99/el99-05.html#subhead1

[3] http://www.frbsf.org/econrsrch/wklyltr/wklyltr99/el99-05.html#subhead1

[4] http://www.frbsf.org/econrsrch/wklyltr/wklyltr99/el99-05.html#subhead1

[5]

[6] In wieweit Lohnsenkungen zu erwarten sind, wird in Abschnitt 3.1.2 behandelt. Allerdings kommt es auch unter der Annahme von absolut abwärts-starren Löhnen zu einer Abwärtsspirale des Preisniveaus, da in diesem Fall gewinnmaximierende Unternehmen Arbeiter entlassen werden und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf diesem Weg mit sinkendem Preisniveau weiter sinkt.

[7] Siehe hierzu Kapitel 4

[8] Beispiele sind Mieten, Kredittilgungen oder Studiengebühren.

[9] dt.: faulenzen

[10] So bezeichnete Henry Ford, der seinen Arbeitern 1914 mit 5 Dollar pro Tag das Doppelte des üblichen Lohnsatzes zahlte, diesen Schritt als „the smartest cost-cutting move I ever made“.

[11] GORDON [94]

[12] Aufgrund der positiven Verzerrung des Laspeyres Index entspräche bereits eine gemessene Inflation von etwa 0,5% einem unverändertem allgemeinen Preisniveau (FRBSF Economic Letter 2004-8)

Details

Seiten
106
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638431736
ISBN (Buch)
9783640175703
Dateigröße
968 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45839
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – FB Betriebswirtschaft
Note
1,3
Schlagworte
Deflation Kosten Ursachen Konsequenzen Geld Kredit

Autor

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Titel: Deflation; Kosten, Ursachen und geldpolitische Konsequenzen