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Geschlechtsbewusste Erziehung. Welche Möglichkeiten und Grenzen bieten Bilderbücher?

Hausarbeit 2018 25 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschlechtsbewusste Erziehung
2.1 Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen
2.2 Gender Mainstreaming
2.3 Was bedeutet das für die Erziehung?

3. Warum brauchen Kinder Bücher?
3.1 Bücher als zentrales Vermittlungsmedium
3.1.1 Förderung der Sprachentwicklung
3.1.2 Förderung allgemeiner kognitiver Fähigkeiten
3.1.3 Weitere Fördermöglichkeiten durch Bilderbücher
3.2 Jungen und Mädchen in Bilderbüchern – Gendersensibilität?
3.3 Bedeutungen der Bilderbücher für die geschlechtsbewusste Erziehung
3.4 Grenzen der Bilderbücher in Hinblick auf eine geschlechtsbewusste Erziehung

4. Beispiel Kinderbuch „Echte Kerle“
4.1 Zusammenfassung und Absicht des Buches
4.2 Kann das Buch einen Beitrag für eine geschlechtsbewusste Erziehung leisten?

5. Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für die Praxis?

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die meisten von uns können sich an Bücher aus ihrer eigenen Kindheit erinnern. Einigen kommt vielleicht in einer bestimmten Situation wieder eine Erinnerung an eine Szene aus einem Bilderbuch hoch, das sie früher gelesen haben. Bilderbücher sind die ersten Bücher im Leben eines Kindes und in dieser prägenden Lebensphase oft ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung. Das Bilderbuch wird als das Medium für Kinder bezeichnet, denn man kann sich in eine Geschichte hinein vertiefen und sie vor allem immer und immer wieder betrachten und gedanklich konstruieren. Bilderbücher sind eine wichtige Quelle für die pädagogische Arbeit und es gibt eine beeindruckende Vielfalt an Kinderbüchern. Gerade deshalb ist ein Blick auf die Qualität und Aussagekraft der Bücher unentbehrlich, denn nur so kann man sich vergewissern, dass sie einen Beitrag zur Entwicklung des Kindes leisten (vgl. Kain 2006, S. 11).

Das Bilderbuch zählt zu den ältesten Medien in unserer Gesellschaft. Aber nicht schon immer gab es Bücher für Kinder, die diskriminierungsfrei sind oder eine Geschlechtssensibilität aufweisen; denkt man hier zum Beispiel an die Geschichten von Max und Moritz oder dem Struwwelpeter. Bilderbücher vermitteln Kindern Werte und Normen über unsere Gesellschaft und auch über die Geschlechter. In unserer Gesellschaft gibt es mittlerweile eine große Vielfalt an geschlechtlichen und sexuellen Lebensformen (vgl. Burghardt/Klenk 2017). Aber können Bilderbücher auch zu einer geschlechtsbewussten Erziehung beitragen?

In dieser Arbeit wird die Fragestellung „Welche Möglichkeiten und Grenzen bieten Bilderbücher für eine geschlechtsbewusste Erziehung?“ bearbeitet. Kapitel zwei gibt dazu eine Einführung in die geschlechtsbewusste Erziehung. Zu Beginn wird erläutert, was Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen sind. Anschließend wird auf das Gender Mainstreaming eingegangen. Das Kapitel zwei wird mit einer Auseinandersetzung zu der Frage abgeschlossen, was das Ganze nun für die Erziehung bedeutet. Im nächsten Kapitel geht es vor allem um die Kinderbücher. Im ersten Schritt werden Bücher als zentrales Vermittlungsmedium untersucht. Dabei geht es in drei Unterkapiteln auch um die Förderungsmöglichkeiten. Die Förderung der Sprachentwicklung, allgemeiner kognitiver Fähigkeiten und weitere Förderungsmöglichkeiten werden beschrieben. Im weiteren Verlauf geht es um

Mädchen und Jungen in Kinderbüchern und ob dort eine Gendersensibilität vorliegt. Es wird sich damit beschäftigt, welche Bedeutung Bilderbücher für eine geschlechtsbewusste Erziehung haben und anschließend auch damit, welche Grenzen Bilderbücher in Hinblick auf eine geschlechtsbewusste Erziehung aufweisen.

In Kapitel vier wird ein Praxisbeispiel herangezogen. Das Bilderbuch „Echte Kerle“ von Manuela Olten wird genauer in den Blick genommen. Zu Beginn wird eine Zusammenfassung der Geschichte dargestellt und die Absicht des Buches erläutert. Anschließend wird sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob das Buch einen Beitrag für eine geschlechtsbewusste Erziehung liefern kann. In Kapitel fünf geht es abschließend darum, was die herausgefundenen Ergebnisse nun für die Praxis bedeuten. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und dem Literaturverzeichnis ab.

2. Geschlechtsbewusste Erziehung

2.1 Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen

Wenn wir ein Baby sehen, ist das erste, was wir die Eltern fragen: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“. Auch der Name muss das Geschlecht des Kindes eindeutig erkennbar machen. Dies ist sogar gesetzlich verankert. Wenn man eine andere Person anschaut, ist man meist sofort sicher, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Wir Menschen räumen der Geschlechtszugehörigkeit also eine zentrale Bedeutung ein (vgl. Athensteaft/Alfermann 2011, S. 11fff.).

Geschlechterstereotype sind „persönliche Überzeugungen und Erwartungen hinsichtlich der typischen Charakteristika von Männern und Frauen“ (Athensteadt/Alfermann 2011, S. 14). Sie haben eine große Auswirkung auf unser Verhalten und das soziale Erleben. Diese Zuordnung zu „Mann“ oder Frau“ nennt man soziale Kategorisierung. Wenn wir Menschen kategorisieren, vereinfacht das oftmals unsere Informationsverarbeitung und die soziale Wahrnehmung. Aber gleichzeitig entsteht auch ein Informationsverlust, da wir nicht auf die Individualität der Einzelnen achten, sondern sie auf Basis ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilen. Zum einen sind Geschlechterstereotype deskriptiv, weil sie Meinungen und Vorstellungen darüber darstellen, was typisch Mann oder typisch Frau ist. Zum anderen sind Geschlechterstereotype präskriptiv, weil sie darstellen, wie Mann oder Frau sein sollten (vgl. ebd., S. 11fff.).

In unserer Bevölkerung herrscht eine große Übereinstimmung hinsichtlich der Rollen eines Mannes und einer Frau, das haben Psychologen herausgefunden (vgl. Grennglas 1982, S. 23). Auch heute macht es nach wie vor einen Unterschied, weiblich oder männlich zu sein. Im Alltag und in den Medien erhalten schon Kinder eine frühe Botschaft. Kochen, Putzen, Waschen, Bügeln und Kindererziehung ist Frauensache. Autos, Geld, Technik und Sport ist Männersache. Damit entwickeln Jungen Berufsvorstellungen, die finanzielle Erfolge und öffentliches Ansehen versprechen. Die Berufsvorstellungen der Mädchen hingegen sind familien- und berufsorientiert. Die Jugendforschung ergibt, dass diese grundlegenden Einstellungen relativ gleich bleiben (vgl. Beber 2003, S. 8).

Geschlechterstereotype beruhen auf den „traditionell definierten Geschlechterrollen und legitimieren gesellschaftlich definierte Unterschiede zwischen Frauen und

Männern“ (Athensteadt/Alfermann 2011, S. 15). Wenn diese Vorstellungen nicht erfüllt werden oder sich nicht bewahrheiten, stößt das oft auf Verwunderung und kann auch Ärger und soziale Sanktionen mit sich bringen (vgl. ebd., S. 15). In unserer Gesellschaft sind wir es gewohnt, Menschen über ihr Äußeres zu kategorisieren,

„dabei berufen wir uns auf gesellschaftlich als ‚normal‘ geltende Verknüpfungen […]“ (Wolter 2015, S. 10). Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der diese Strukturen historisch entstanden sind und es ist nicht möglich, sie nicht zu verinnerlichen. Die Geschlechtsidentität eines Menschen ist unabhängig von dem angeborenen Körpergeschlecht. Als Norm gilt die Übereinstimmung von angeborenen Geschlecht und selbst empfundenem Geschlecht. Eine Abweichung davon stellt in unserer Gesellschaft die „Trans-Geschlechtlichkeit“ dar. Wolter schreibt, dass es nicht möglich ist, die sexuelle Orientierung eines Menschen an Äußerlichkeiten oder am Verhalten zu erkennen, denn sie steht nicht in Zusammenhang mit anderen Aspekten (vgl. Wolter 2015, S. 10).

Was sind denn nun genaue Stereotype, die wir über Geschlechter haben? Man unterscheidet zwischen verschiedenen Charakteristika: Körpercharakteristika,

Rollenverhalten, berufliche Präferenzen, Emotionen oder

Persönlichkeitseigenschaften. Von Frauen wird erwartet, mehr und tiefergehende Emotionen zu erleben als Männer. Frauen werden eher als einfühlsam und beziehungsorientiert beschrieben, Männer eher als selbstbewusst und unabhängig (vgl. Athensteadt/Alfermann 2011, S. 16). Männer und Frauen unterscheiden sich tatsächlich sowohl biologisch als auch psychologisch. Die biologischen Unterschiede sind der Grund für die Entstehung von Geschlechterrollen. Früher war klar, der Mann ist für die Versorgung der Familie zuständig, er galt als rational und intellektuell und damit stand ihm die Autorität über die Frau zu. Außerdem galten Männer als wichtiger als Frauen und ihre Arbeit war bedeutender als die von den Frauen. Die Frau gehörte zum Haushalt und der Kindererziehung und war für das Vergnügen des Mannes da (vgl. Greenglas 1982, S. 13).

Geschlechterrollen und Stereotype haben eigentlich nur einen Vorteil, sie lassen uns das Verhalten von anderen Menschen relativ zuverlässig voraussagen und dienen zur Beurteilung des Verhaltens von anderen. Allerdings gibt es sehr viele Nachteile, die Geschlechterstereotypen mit sich bringen. Man wird der Individualität jedes Einzelnen nicht gerecht, da man automatisch vom Geschlecht auf die entsprechenden Merkmale einer Person schließt. Viele Frauen haben Eigenschaften, die dem Stereotyp der Männer entsprechen und umgekehrt. Außerdem ist es so, dass ein Mensch niemals einen bestimmten typischen Charakterzug in voller Gänze aufweist. Wie ausgeprägt die Vorstellungen der Geschlechterstereotype bei jedem Einzelnen existieren, hängt oftmals mit der eigenen Erziehung und dem Umfeld zusammen (vgl. Greenglas 1982, S. 24f.). Abschließend ist festzuhalten, dass Geschlechterrollen gesellschaftlich verankert sind, über verschiedene Prozesse psychologisch wirksam werden und unser Verhalten beeinflussen (vgl. Athensteadt/Alfermann 2011, S. 100).

2.2 Gender Mainstreaming

Der Begriff Gender ist ein Sammelbegriff für alle Eigenschaften eines Menschen, die mit dem Geschlechtsunterschied verbunden sind, aber nicht biologisch vorgegeben sind. Früher wurde der Begriff oft als „soziales Geschlecht“ übersetzt (vgl. Rohrmann 2005). Gender Mainstreaming bedeutet, dass „geschlechterbezogene Fragen und das Ziel gleicher Chancen für Frauen und Männer nicht mehr als Spezialthema betrachtet, sondern in der ganzen Breite des Alltagshandelns berücksichtigt werden sollen“ (Rohrmann 2008, S. 61). Wörtlich übersetzt bedeutet Gender Mainstreaming „Das soziale Geschlecht in den Hauptstrom bringen“ (vgl. Rohrmann 2005). Damit ist gemeint, dass das Thema Gleichberechtigung ein gemeinsames Thema für Männer und Frauen ist. Das heißt, es muss auch die Situation von Männern und Jungen in den Blick genommen werden, nicht nur die von Frauen und Mädchen. Gender Mainstreaming ist seit 1996 eine politisch-vertragliche Vorgabe (vgl. Rohrmann 2008, S. 61).

Gleichberechtigung, was heißt das eigentlich? Doblhofer und Küng definieren Gleichberechtigung wie folgt:

„Eine Gesellschaft ist dann gerecht, wenn sich Frauen und Männer einerseits gesellschaftlich in einem fairen Verhältnis befinden und andererseits Frauen und Männer sich auch in ihrer Persönlichkeit gewürdigt fühlen“ (Doblhofer/Küng 2008, S. 7)

Desweiteren definieren die beiden Autorinnen sechs Ziele im Geschlechterverhältnis. Ein Ziel ist die gleichberechtigte Teilhabe an wichtigen Gütern. Die adäquate Teilnahme an Gestaltung und Entscheidungen sowie die Auflösung der geschlechterstereotypen Rollenerwartungen sind als die nächsten beiden Ziele formuliert. Es soll eine Struktur und Kultur ohne Geschlechterstereotype gestaltet werden und eine ausgeglichene Verteilung von Belastungen vorliegen. Als letztes Ziel führen Doblhofer und Küng auf, dass eine geschlechtergerechte Verteilung der öffentlichen Mittel und staatlichen Leistungen angestrebt werden soll. Gleichstellung ist vielschichtig und kann nur mit vielschichtigen Maßnahmen erreicht werden. (vgl. Doblhofer/Küng 2008, S. 7). Das Gender Mainstreaming wird seit einiger Zeit in viele Institutionen eingeführt. Geschlechterbezogene Anliegen sollen nicht mehr als ein Spezialthema betrachtet werden, sondern im Alltag fest verankert sein (vgl. Rohrmann 2008, S. 61).

2.3 Was bedeutet das für die Erziehung?

Das Geschlecht ist die erste soziale Kategorie, auf welche Kinder achten, um sich in ihrer Umwelt zu orientieren. Babys können schon im Alter von drei bis vier Monaten Frauen- und Männergesichter unterscheiden und im Alter von sieben Monaten zwischen männlichen und weiblichen Stimmen unterscheiden (vgl. Athensteadt/Alfermann 2011, S. 13). Im Kindergartenalter lernen die Mädchen und Jungen ihre eigene Geschlechtsidentität kennen und entwickeln ein Verständnis für Geschlechterunterschiede. Kinder beginnen dann zu verstehen, dass sie selbst auch zu einem der beiden Geschlechter gehören und sich das nicht mehr ändern wird. Für manche Kinder kann das auch enttäuschend sein oder gar Neid auslösen. Darf man als Mädchen auch Fußball spielen? Und sich als Junge die Nägel lackieren? Genau hier ist eine Offenheit für Vielfalt in unserer Erziehung gefordert. Die Erwachsenen haben die Aufgabe, die Kinder in solchen Erfahrungen zu begleiten und sie zu unterstützen, egal was sie anziehen wollen oder was sie spielen wollen (vgl. Rohrmann 2008, S. 64).

„Ein Individuum entwickelt seine Geschlechterrolle nicht in einem Vakuum, sondern in einem dynamischen Sozialsystem, welches starken Einfluss auf diese Entwicklung ausübt“ (Greenglas 1982, S. 53). Die Familie hat also einen großen Anteil daran, die Entwicklung des Kindes zu formen. Eltern haben, wie jeder Mensch, auch gewisse Vorstellungen davon, was weibliche und männliche Verhaltensweisen sind. Diese Stereotype fungieren dann als Richtlinien für den Umgang mit den eigenen Kindern (vgl. Greenglas 1982, S. 54).

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Details

Seiten
25
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668895140
ISBN (Buch)
9783668895157
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458132
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Gender Studies
Note
1,0
Schlagworte
Gender geschlechtsbewusst Kinderbücher Geschlechterrollen Erziehung Geschlechtsbewusste Erziehung

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Titel: Geschlechtsbewusste Erziehung. Welche Möglichkeiten und Grenzen bieten Bilderbücher?