Lade Inhalt...

Das Klavier und seine Kunden - Angebot und Nachfrage eines Möbels und Musikinstruments im Spiegel der Geschichte bis heute

Examensarbeit 2005 97 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Faszination Klavier

2 Instrumententechnische Entwicklung des Klaviers
2.1 Vorläufer des Hammerflügels
2.1.1 Clavichord
2.1.2 Kielinstrumente: Cembalo, Spinett, Virginal
2.2 Entstehung des Hammerflügels
2.2.1 Mechanische Entwicklung
2.2.2 Vom Hammerflügel zum modernen Kleinklavier
2.3 Elektronische und elektromechanische Klaviere

3 Erweiterung musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten durch Neuerungen im Klavierbau
3.1 Zur frühen Klaviermusik
3.2 Komponisten der Wiener Klassik und ihre Klavierinstrumente
3.2.1 Joseph Haydn (1732-1809)
3.2.2 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
3.2.3 Ludwig van Beethoven (1770-1828)
3.3 Neue Ausdrucksmöglichkeiten am Beispiel des Virtuosen Franz Liszt

4 Die Verbreitung des Klaviers im 19. Jahrhundert
4.1 Bürgerliche Musikkultur
4.1.1 Salonmusik
4.1.2 Das Klavier – ein weibliches ‚Accessoire’
4.2 Musikalienangebot
4.3 Klavierproduktion – Vom handwerklichen Fachbetrieb zur Großfabrik
4.4 Vermarktung und Export

5 Die Bedeutung des Klaviers im 20. und 21. Jahrhundert
5.1 Das Klavier in der ‚Modernen Musik’
5.2 Zwei Momente des Aufschwungs
5.2.1 Stummfilm
5.2.2 Ragtime
5.3 Technischer Wandel
5.3.1 Die Schallplatte
5.3.2 Reproduktionsklaviere
5.4 Das Klavier im häuslichen Musikleben
5.5 Zur aktuellen Bedeutung des Klaviers in der deutschen Bevölkerung
5.5.1 Aktive Klavierspieler in deutschen Haushalten
5.5.2 Das Klavier in der professionellen Ausbildung
5.5.3 Das Image des Klaviers
5.5.4 Klavierspiel zur Förderung musikalischer und allgemeiner Fähigkeiten
5.5.5 Zur zukünftigen Rolle des Klaviers

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung – Faszination Klavier

In den vergangenen drei Jahrhunderten hat das Klavier eine hohe Faszination ausgeübt. Viele Generationen von Komponisten haben die Ausdrucksmöglichkeit und Universalität des Klaviers erkannt, nicht umsonst wurde für kein weiteres Instrument auch nur annähernd so viel komponiert wie für das Klavier. Seine Vielseitigkeit macht es in vielen Bereichen tonangebend. So ist es beispielsweise in der Lage, mit Hilfe eines Klavierauszugs ein ganzes Orchester darzustellen, ein Ensemble rhythmisch und melodisch zu begleiten, daneben aber auch als Soloinstrument eindrucksvollste solistische Stücke vorzutragen. War das Klavier bereits im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Häusern das populärste Musikinstrument, kann es sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Doch was fasziniert das Publikum seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, also seit dem Aufbruch des Bürgertums, an seinem Klang und seiner Erscheinung? Inwiefern konnte sich das Klavier beispielsweise neben neuen klanglichen Errungenschaften und der Entwicklung von Rundfunk und Fernsehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts behaupten? Wird das Klavier auch in Zukunft in einer medienabhängigen und computergesteuerten Welt noch eine bedeutende Rolle spielen?

In der vorliegenden Arbeit soll Aufschluss darüber gegeben werden, welchen Stellenwert das Klavier in den vergangenen 300 Jahren erlangte und welch enorme Verbreitung es erfuhr. Zu Beginn wird die instrumententechnische Entwicklung des Klaviers näher dargestellt, angefangen bei seinen Vorläufern Clavichord und Cembalo, weiterführend über die Entstehung des Hammerflügels bis hin zu elektromechanischen Klavieren. Dabei wird insbesondere auf die mechanische Entwicklung eingegangen, deren Verbesserung stets ein Anliegen der Klavierbauer gewesen ist. Die Bedeutung, die sich aus den Neuerungen im Klavierbau für musikalische Ausdrucksmöglichkeiten ergibt, ist Thema des dritten Kapitels. Dabei wird im Besonderen auf die Komponisten der Wiener Klassik Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven sowie auf den Virtuosen Franz Liszt eingegangen. Es soll exemplarisch untersucht werden, inwieweit ihre Kompositionen vom technischen Stand der Klavierinstrumente ihrer Zeit abhängig waren und ob sie mit ihren klanglichen Vorstellungen und Wünschen vielleicht selbst Einfluss auf die instrumententechnische Entwicklung ausgeübt haben.

Das vierte Kapitel befasst sich mit soziologischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen, die im Zuge der Industrialisierung zu einer enormen Verbreitung des Klaviers im 19. Jahrhundert beigetragen haben. Die Wechselbeziehung zwischen dem Angebot an Klavieren sowie an Klavierliteratur und der Nachfrage der Kunden soll hier ausführlich dargestellt werden. Die bürgerliche Musikkultur, die erheblich zum hohen Stellenwert des Klaviers beigetragen hat, sowie die Bedeutung der Frau im bürgerlichen Musikleben finden dabei besondere Beachtung.

Im Anschluss wird die Rolle des Klaviers im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart dargestellt. Es sei darauf hingewiesen, dass die in diesem Kapitel ausgewählten Themenbereiche nur einen Teil der Gebiete abdecken, in denen das Klavier eine Rolle spielt, da eine umfassendere Darstellung im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist. So werden mit der Beschreibung des Klaviers im Ragtime beispielsweise nur Anfänge der Jazzmusik beschrieben, der Bereich der Rock- und Popmusik wird ausgeklammert. Die in diesem Kapitel behandelten Themen geben dennoch einen umfangreichen Überblick über den Stellenwert des Klaviers im 20. Jahrhundert. Abschließend verdeutlichen aktuelle Daten und Statistiken die gegenwärtige Situation des Klaviers in der deutschen Bevölkerung und ermöglichen einen Ausblick auf die zukünftige Bedeutung des Klaviers.

An dieser Stelle sei noch auf die Terminologie in dieser Arbeit hingewiesen. Heutzutage wird unter dem Begriff „Klavier“ häufig nur jenes aufrechte Tasteninstrument verstanden, das im Gegensatz zum Flügel in der Regel an einer Wand steht. In dieser Arbeit wird es mit seinem korrekten und traditionellen Namen „Pianino“ oder „Kleinklavier“ bezeichnet, während der Flügel als Flügel oder Pianoforte und das Tafelklavier als Tafelklavier genannt werden. Um Missverständnissen vorzubeugen, werden die im 18. Jahrhundert unter Flügel und Klavier bekannten Instrumente Cembalo und Clavichord ausschließlich mit ihren heute gebräuchlichen Namen bezeichnet. Der Ausdruck „Klavier“ findet vorwiegend im vierten und fünften Kapitel als Sammelbegriff für besaitete Tasteninstrumente mit Hammermechanik Verwendung. Dementsprechend werden die Hersteller dieser Instrumente als Klavierbauer und -hersteller bezeichnet, gleiches gilt für Klavierbau, Klavierbranche, Klavierfirma etc.

2 Instrumententechnische Entwicklung des Klaviers

Das Klavier gehört zur Instrumentengruppe der besaiteten Tasteninstrumente, deren Urformen die bereits in der Jungsteinzeit entstandenen Saiteninstrumente Musikbogen und Musikstab sowie das antike Monochord bilden. Wurden diese einsaitigen Instrumente noch mit Fingern oder Stäbchen gezupft, werden die über einen Resonanzboden gespannten Saiten der Tasteninstrumente mittels eines Tastenmechanismus’ angerissen oder angeschlagen. Zu ihnen gehören das Clavichord mit Tangentenmechanismus, das Cembalo, das Spinett und das Virginal mit Kielmechanik sowie schließlich das Pianoforte mit dem Hammeranschlag.[1] Um im Folgenden die Entstehung und Entwicklung des Klaviers beschreiben zu können, bedarf es zunächst einer näheren Darstellung seiner direkten Vorläufer Clavichord und Kielinstrument.

2.1 Vorläufer des Hammerflügels

2.1.1 Clavichord

Bereits Ende des 14. Jahrhunderts gebaut, gilt das Clavichord, dessen Name auf die lateinischen Bezeichnungen „clavis“[2] (Taste[3] ) und „chorda“[4] (Saite) zurückzuführen ist, im Allgemeinen als das älteste Klavierinstrument. Es wird das erste Mal 1404 in den „Minne Regelen“ des Niederdeutschen Eberhard Cersne erwähnt[5] ; die älteste bisher bekannte Darstellung eines Clavichords stammt aus der Zeit um 1440 und ist im „Weimarer Wunderbuch“ abgebildet (siehe Abb. 1). Das älteste erhaltene Instrument, 1543 von Domenicus Pisaurensis gebaut, befindet sich im Musikinstrumentenmuseum der Karl-Marx-Universität in Leipzig.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Älteste Abbildung eines Clavichords[7]

Das Clavichord ist wahrscheinlich durch Anbringen einer Tastatur am bereits zur mehrsaitigen Form entwickelten Monochord entstanden. Sein Resonanzkörper besteht aus einem länglichen Holzkasten, bespannt mit quer geführten Saitenpaaren aus Messingdraht.[8] Die Saiten werden mit Hilfe metallener, spatelförmiger Tangenten angeschlagen und in Schwingungen versetzt. Da Clavichorde meist doppelchörige Saitenbezüge aufweisen, schlägt jede Taste bzw. Tangente zwei gleichgestimmte Saiten an. Dabei wird nicht an einer beliebigen Stelle angeschlagen, sondern an einem Schwingungsknoten, bei dem viele Obertöne mitklingen, die den hellen, silbrigen Klang des Clavichords ausmachen. Die Saitenbereiche, die nicht mitschwingen sollen, werden mit schmalen Filzstreifen abgedämpft. Während der gesamten Tondauer bleibt die Tangente mit der Saite in Kontakt. Wird die Taste losgelassen, nimmt die Tangente wieder ihre Ausgangsposition ein, so dass die Verbindung zur Saite unterbrochen wird. Folglich klingt der Ton so lange, wie die Taste heruntergedrückt ist, also die Tangente die Saite berührt.[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Tangentenmechanik eines Clavichords[10]

(1=Taste, 2=Saite, 3=Tangente)

Das Clavichord gehörte bis ins 18. Jahrhundert nicht nur aufgrund seiner einfachen Bauweise und seiner kleinen Ausmaße zu den beliebtesten Tasteninstrumenten, sondern vor allem aufgrund der Möglichkeit, den einzelnen Ton zu formen. Es war zu dieser Zeit das einzige Tasteninstrument, auf dem dynamische Unterschiede allein durch den Fingerdruck erreicht werden können. So ist es dem Spieler auch noch nach dem Anschlag möglich, die Lautstärke abrupt oder über einen längeren Zeitraum ansteigen und abnehmen zu lassen, also ein Crescendo oder ein Decrescendo zu erzeugen. Weiterhin hat er durch periodisches Verändern des Tastendrucks die Möglichkeit der Bebung, bei der eine Art Vibrato entsteht.[11] Neben seinen mechanischen Vorzügen weist das Clavichord in Bezug auf seine Klangstärke jedoch einen erheblichen Nachteil auf. Aufgrund seines geringen Tonvolumens reicht dieses Instrument nicht für größere Säle aus, so dass es damals nur für häusliche Musik verwendet wurde. Seine geringe Größe erwies sich dabei wiederum als äußerst praktisch, da es für die Hausmusik problemlos auf einen Tisch gestellt werden konnte.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein waren so genannte gebundene Clavichorde üblich, die mit mehr Tasten als Saiten bzw. Saitenchören ausgestattet waren. Zwei bis fünf Tasten und Tangenten waren an eine Saite ‚gebunden’ und ermöglichten dem Spieler neben Melodien nur wenige Akkorde, was zu der Zeit allerdings keinen Mangel darstellte, da die damalige Musik darüber hinaus nicht mehr verlangte. Erst als sich der musikalische Ausdruck um bis dahin ungewöhnliche Akkorde erweiterte, trat das bundfreie Clavichord in Erscheinung, mit dem nun jeder Akkord spielbar war, da jeder Taste eine eigene Saite zugeordnet war.

Mit dieser Entwicklung war der Höhepunkt des Clavichords Mitte des 18. Jahrhunderts eingeleitet – es galt als das „Lieblingsinstrument der galanten Zeit“[12]. Auch Johann Sebastian Bach bevorzugte dieses Instrument, das er „für das beste Instrument zum Studiren, sowie überhaupt zur musikalischen Privatunterhaltung“[13] hielt. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach, einer der bedeutendsten Komponisten für das Clavichord, schätzte dieses Instrument ebenfalls sehr. Im Vergleich zu einem „neuern Forte piano“[14] war er der Meinung,

„daß ein gutes Clavichord, ausgenommen daß es einen schwächeren Ton hat, alle Schönheiten mit jenem gemein und überdem noch die Bebung und Tragen der Töne voraus hat, weil ich nach dem Anschlage noch jeder Note einen Druck geben kann. Das Clavichord ist also das Instrument, worauf man einen Clavieristen aufs genaueste zu beurtheilen fähig ist.“[15]

Doch bereits Ende des Jahrhunderts verlor das Clavichord immer mehr an Bedeutung, bis es zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem kräftigeren Hammerklavier endgültig verdrängt wurde.[16]

2.1.2 Kielinstrumente: Cembalo, Spinett, Virginal

Das Cembalo, aufgrund seiner Bauform auch Kielflügel genannt, entstand in etwa parallel zum Clavichord. Es ging aus dem Zitherinstrument Psalterium hervor, dessen Saiten per Hand mit einem Federkiel angezupft wurden.[17] Die älteste Abbildung eines Cembalos befindet sich im bereits erwähnten „Weimarer Wunderbuch“ und stammt aus der Zeit der Gotik; die ältesten erhaltenen Instrumente, von italienischen Instrumentenbauern geschaffen, stehen in London (1521 und 1531), in Wien (1523) und in Leipzig (1533).[18] Kleinformen des Cembalos bilden das trapezförmige oder fünf- bzw. sechseckige Spinett[19], das überwiegend in Deutschland und in Italien vertreten war, sowie das besonders in England und in den Niederlanden verbreitete rechteckige Virginal.[20] Deren einchörige Saiten, die den recht leisen Ton dieser Instrumente ausmachen, verlaufen nicht wie bei einem Cembalo in Richtung der Tasten, sondern nahezu parallel zur Tastatur. Dieser Saitenverlauf ermöglichte eine kleinere Bauform, so dass diese Instrumente besonders für die Hausmusik geeignet waren.[21] Das größere mehrchörige Cembalo hingegen entwickelte sich mit seinem klaren, kraftvollen Ton schon bald zu einem beliebten Instrument für Musikensembles und blieb bis zum Ende des 18. Jahrhunderts insbesondere für öffentliche musikalische Vorträge von großer Bedeutung.[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Form und Saitenverlauf der Kielinstrumente[23]

Ebenso wie das Spinett und das Virginal verschwand das Cembalo allmählich mit der Entwicklung des ausdrucksfähigeren Hammerklaviers und war im 19. Jahrhundert lediglich in historischen Konzerten zu hören. Die Wiederentdeckung alter Musik im frühen 20. Jahrhundert verlieh dem Cembalo erneut Anerkennung, die sich wenig später auch in neuen Cembalo-Kompositionen von beispielsweise Manuel de Falla (Konzert für Cembalo, 1926), Francis Poulenc (Concert champêtre für Cembalo und Orchester, 1928) und Hugo Distler (Cembalokonzert op. 14, 1936) zeigte. Auch heute noch wird das Cembalo für die stilgetreue Wiedergabe älterer Musikwerke sowie als Generalbassinstrument eingesetzt.[24]

Die Tonerzeugung der Kielinstrumente erfolgt mit Hilfe eines Anreißdornes, der aus dem Kiel einer Vogelfeder oder aus Leder (heute auch aus Kunststoff) hergestellt wurde. Bei Niederdrücken der Taste bewegt sich ein auf den Tastenhebeln stehendes Holzstäbchen, der so genannte Springer, nach oben und reißt die Saite mit dem Kiel an. Bei Loslassen der Taste fällt der Springer wieder zurück und die Saite wird durch Filz abgedämpft.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Kielmechanik[26]

Da die Lautstärke bei dieser Zupfmechanik nicht beeinflusst werden kann, wurden mehrere Saitenbezüge (Register) eingebaut, die durch Hand-, Knie- oder Pedalzüge einzeln geschaltet oder gekoppelt werden können. Daher gibt es auch Cembali mit meist zwei übereinander liegenden Tastaturen; sie werden als zweimanualige Instrumente bezeichnet. Eine weitere Möglichkeit zur Regulierung der Lautstärke bot ab Mitte des 18. Jahrhunderts der Lautenzug, der mittels einer Filzleiste die Saiten abdämpft und so einen obertonarmen Klang erzeugt. Dem Spieler war es jedoch weiterhin nicht möglich, den einzelnen Ton zu formen, er konnte die Klangeinstellungen lediglich stufenweise zwischen den Sätzen mit Hilfe der so genannten Terrassendynamik ändern. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden daraufhin weitere Mechaniken entwickelt, die mehr dynamische Abstufungen auch während des Spiels ermöglichten, wie beispielsweise die bereits aus dem Orgelbau bekannte Jalousie-Vorrichtung, bei der durch langsames Öffnen und Schließen jalousieartiger Klappen fließende dynamische Übergänge erreicht werden konnten.[27] Gelegentlich traten auch Cembali mit integrierten Hammer-Registern auf, die es ermöglichten, sich neben einem Cembalo gleichzeitig einen Hammerflügel leisten zu können. Doch all diese Maßnahmen zur Tonveränderung blieben weitestgehend unwirksam, zeigten sie doch vielmehr, dass es eines neuen Instrumententyps bedurfte.[28]

2.2 Entstehung des Hammerflügels

Das Klavier ist keine deutsche Erfindung. Auch wenn der Organist Gottfried Schröter (1699–1782) bereits 1717 ein Tasteninstrument nach Vorbild des Hackbretts[29] mit Hämmern ausrüstete und die Erfindung des Hammerflügels für sich beanspruchte, stammt die Idee, die Zupfmechanik der Kielinstrumente durch eine Hammermechanik zu ersetzen, von dem Italiener Bartolomeo Cristofori (1655–1731).[30] Dass er dabei nicht das Hackbrett, sondern das Cembalo als Ausgangspunkt aufgriff, verdeutlicht seine Verwendung des Namens Gravecembalo col piano e forte[31]. Die später daraus entstandenen Namen Fortepiano, Pianoforte, Piano und Pianino dagegen setzen ihre Betonung auf die dynamischen Vorzüge des Klaviers.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Das älteste erhaltene Instrument Cristoforis aus dem

Jahr 1720. Es steht heute im Metropolitan Museum of Art, New York[32]

2.2.1 Mechanische Entwicklung

Den ersten funktionsfähigen Hammerflügel mit brauchbarer Mechanik entwickelte der in Florenz arbeitende Instrumentenbauer Cristofori um 1709, vermutlich sogar schon um 1700. Bei dieser so genannten Stoßzungenmechanik wird ein Hammer mittels einer beweglichen Stoßzunge gegen die Saite geschleudert, um sie dann sofort wieder zum freien Schwingen freizugeben. Der zurückfallende Hammer wird sogleich von einem Fänger aufgenommen, während ein Dämpfer nach Loslassen der Taste das Schwingen der Saite unterbricht.[33] Auch wenn das unmittelbare Zurückfallen des Hammers nach Betätigung der Taste keine Klangbeeinflussung mehr zulässt, bietet diese Technik doch einen entschiedenen Vorteil. Sie erlaubt dem Spieler, den einzelnen Ton durch die jeweilige Stärke des Anschlags dynamisch zu verändern. Konnte das Cembalo nur leise und laut unterscheiden, hatte dieses Instrument nun wie ein Clavichord die Möglichkeit eines Crescendos bzw. Decrescendos. In Verbindung mit der Klangfülle größerer Cembali vereinigte der Hammerflügel gewissermaßen die Eigenschaften beider älterer Tasteninstrumente und bereicherte die musikalische Ausdruckskraft dadurch maßgeblich.[34]

Während Cristoforis Erfindung in Italien zunächst keinen Zuspruch fand, wurde seine Mechanik in Deutschland angenommen, so dass bereits um 1730 der Orgel- und Instrumentenbauer Gottfried Silbermann erste Hammerflügel mit Cristoforis Mechanik konstruierte und weiterentwickelte. Er soll Zeitzeugen zufolge sein Instrument „Piano fort“[35] genannt haben, welches „wegen seines außerordentlichen angenehmen Klanges sehr gnädig aufgenommen worden sei“[36]. 1733 machte Johann Sebastian Bach die erste Bekanntschaft mit einem Silbermannschen Hammerflügel und hatte „den Klang desselben gerühmet, ja bewundert: aber dabey getadelt, daß es in der Höhe zu schwach lautete, und gar zu schwer zu spielen sey.“[37] Diese doch eher ablehnende Haltung veranlasste Silbermann dazu, sein Instrument weiter zu verbessern, so dass er einige Jahre später schließlich mehrere gut gelungene Hammerflügel an verschiedene Höfe und auch an Friedrich II. von Preußen verkaufen konnte. Als Bach 1747 auf Wunsch Friedrichs II. ein solches Instrument begutachtete, äußerte er sich dieses Mal durchaus anerkennend und spielte „sogleich zu Höchstderoselben besonderem Vergnügen auf dem Pianoforte“[38] von Silbermann.

Durch Johannes Zumpe gelangte die von Cristofori erfundene und von Silbermann aufgegriffene Stoßmechanik um 1742 nach England, wo sie weitere Verbesserungen erfuhr. Vor allem John Broadwood trug maßgeblich zur Entwicklung der ab dem 19. Jahrhundert so genannten Englischen Mechanik bei, indem er den zuvor fest angebrachten Stößer durch eine federnde Stoßzunge ersetzte und dadurch mehr Abstufungen in der Tonerzeugung ermöglichte. Diese Mechanik verbreitete sich auch in Frankreich, wo sie 1821 von Sébastien Érard perfektioniert wurde durch die bahnbrechende Repetitionsmechanik, bei der der Hammer beim Fallen von einem Hebel aufgefangen wird und so schneller und wieder anschlagsbereit ist.[39]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Englische Mechanik eines Hammerflügels um 1790[40]

Neben der Cristoforischen Mechanik entstand in Deutschland und Österreich eine Eigenentwicklung, die so genannte Prellmechanik, später auch Deutsche bzw. Wiener Mechanik genannt. Im Gegensatz zur Englischen Mechanik, bei der der Hammer losgelöst von der Taste befestigt ist, sitzt der Hammer bei der Prellmechanik in einer Kapsel direkt auf der Taste. Das hintere Ende des Hammerstieles greift in eine federnde Prellzunge, wodurch der Hammer seine Aufwärtsbewegung erhält und gegen die Saite geprellt wird.[41]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Deutsche bzw. Wiener Mechanik eines Hammerflügels um 1780[42]

In den 1770er Jahren wurde die Prellmechanik weitestgehend vollendet, insbesondere durch Johann Andreas Stein, dessen Instrumente sehr geschätzt wurden und auch bei Wolfgang Amadeus Mozart beliebt waren. Sie zeichneten sich durch einen transparenten Klang und leichte Spielbarkeit aus, kamen jedoch nicht an den vollen Klang der Flügel mit Englischer Mechanik heran, wie auch Adolph Kullak, Verfasser des Aufsatzes „Die Ästhetik des Klavierspiels“ aus dem Jahr 1861, treffend beschreibt:

„Dazu kommt das Überhandnehmen der englischen Instrumente. Der poetischere, farbenreichere Ton der Wiener Mechanik, der trotz seiner Schwäche den leisesten Bebungen der Fingerspitze viel biegsamer und empfindsamer entgegen kam, weicht dem glänzenden, prall und groß anschlagenden Concertton des englischen Mechanismus.“[43]

So wurden die ‚deutschen’ Flügel im 19. Jahrhundert zunehmend verdrängt von den brillanteren ‚englischen’ Flügeln, die der weiteren Entwicklung der Musik eher zu entsprechen schienen und schließlich die Grundlage des modernen Flügels bildeten.[44]

Die gegenwärtige Flügelgestalt ist das Ergebnis einer etwa 300-jährigen Entwicklung. Seit Cristoforis Erfindung des Hammerflügels wurden zahlreiche Verbesserungen vorgenommen, die zur heutigen Form beigetragen haben. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts führte Érard den heute üblichen dreichörigen Saitenbezug ein und trug damit maßgeblich zur Klangverstärkung bei. 1825 wurde erstmals der in Boston konstruierte Gusseisenrahmen eingebaut, der die Saitenspannung und damit das Tonvolumen erhöhte[45], wenig später kam der ebenfalls in Nordamerika entworfene kreuzsaitige Bezug auf. Auch diese Neugestaltung unterstützte das Klangvolumen, da die sich kreuzenden Saiten nun länger und ihre Resonanz stärker sein konnten.[46] 1826 verwendete Jean-Henri Pape in Paris zum ersten Mal Hammerköpfe mit Filzbezug anstelle des bis dahin üblichen weniger widerstandsfähigeren Lederbezugs. Der Tonumfang erfuhr eine stetige Vergrößerung und erreichte 1891 durch Theodor Steinway schließlich 88 Töne (von A2 bis c5), von denen die letzten zwar kaum benutzt werden, dennoch zum heutigen Standard zählen.[47]

Bereits um 1870 waren die Flügel ausgereift und konnten die von ihnen geforderte Leistung erbringen. Im 20. Jahrhundert wurden zwar immer wieder Verbesserungen vorgenommen, so auch noch in jüngster Zeit vom Bamberger Klavierbauer Josef Meingast, der im Jahr 2002 die Hammerrolle des Flügels verbesserte, um die Reibung der beweglichen Teile in der Mechanik zu verringern, doch gab es keine grundlegenden Veränderungen mehr.[48] Der 2001 weltweit erste Flügel für Linkshänder vom Leipziger Klavierbauer Blüthner, bei dem die hohen Töne links und die tiefen rechts liegen, zählt wohl eher zu den eigentümlicheren Entwicklungen der jüngeren Klaviergeschichte.[49]

2.2.2 Vom Hammerflügel zum modernen Kleinklavier

Der Hammerflügel erfuhr im Laufe der Jahrhunderte neben der technischen Entwicklung auch in der äußeren Form interessante Neuerungen, wie beispielsweise vom Orgelbauer und Schüler Silbermanns Christian Ernst Friderici. Er konstruierte im Jahre 1745 zur Platzersparnis den ersten aufrechten Flügel mit senkrecht verlaufender Saitenebene, den er aufgrund seiner Korpusform Pyramidenflügel nannte. Andere Klavierbauer folgten seiner Idee mit ähnlichen Bauformen. So entstand 1795 ein Instrument eines Londoner Klavierbauers in Form eines Bücherschrankes, um 1800 der so genannte Giraffenflügel sowie wenig später der Lyraflügel. Diese hohen Instrumente waren durchaus gebräuchlich und als elegante Möbelstücke beliebt, konnten sich über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus jedoch nicht weiter durchsetzen.[50]

Das ebenfalls Platz sparende Tafelklavier in Kastenform etablierte sich nach 1750 als Hausinstrument und fand bis in die späte Biedermeierzeit großen Anklang.[51] In den USA erfreute es sich noch bis etwa 1900 großer Beliebtheit. Mit der querliegenden Saitenbespannung, seiner ursprünglich zierlichen Form und seinem zarten Klang erinnert es stark an das Clavichord, wurde allerdings mit der Verbreitung des Gusseisenrahmens nach 1825 in Form und Ton robuster. Trotz einiger weiterer Verbesserungen an der Mechanik und der Vergrößerung des Tonumfanges von f3 zu c4, wurde das Tafelklavier ab 1820 nach und nach vom Pianino abgelöst.[52] Dieses ebenfalls für den Hausgebrauch bestimmte Instrument entwickelte sich aus den aufrechten Hammerflügeln und wies im Unterschied zu seinen Vorgängern einen knapp über dem Boden und nicht erst in Höhe der Tasten beginnenden Resonanzkasten auf. Dank seiner Klangstärke konnte es sich neben dem Flügel behaupten, wurde im Laufe des Jahrhunderts sogar zum meistgebauten Tasteninstrument der Musikgeschichte und gilt als der direkte Vorläufer des modernen Klaviers.[53] Seit Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr es – vornehmlich im Unterhaltungsbereich – stetig weitere Entwicklungen zur Verbesserung seines Klangvolumens und seiner Einsatzmöglichkeit. An dieser Stelle sei vor allem das mechanische Klavier genannt, das mit Hilfe einer Klavierrolle Töne erklingen ließ, ohne dass die Tasten betätigt wurden. Dieser Spielvorgang funktioniert mit einem Saugwind-System, bei dem Wind durch die in die Papierrolle gestanzten Löcher dringt und von Ventilen so gelenkt wird, dass sich die entsprechenden Tasten in Bewegung setzen. Diese unterhaltsame Erfindung fand besonders in den Vereinigten Staaten großen Absatz; um 1920 sollen in den USA sogar über die Hälfte aller Klaviere mechanische Klaviere gewesen sein. Mit der Verbreitung von Radiogeräten und Tonbändern ab 1930 verlor es allerdings allmählich wieder an Bedeutung.[54]

Die Geburtsstunde der heutigen Kleinklavierform ist auf das Jahr 1935 zurückzuführen, in dem das Londoner Unternehmen „Haddorf Piano Company“ ein Instrument auf den Markt brachte, das mit einer Höhe von 114 cm das bisher kleinste Klavier darstellte. Es war eleganter und preisgünstiger als seine Vorgänger, so dass auch andere Klavierbauer schnell diese neue Form übernahmen. Bis heute blieb das Kleinklavier in seiner grundlegenden Form unverändert und kann aufgrund seines vielseitigen Gebrauchs als Haus-, Konzert- und Unterrichtsinstrument, für das soviel Musik geschrieben und publiziert wurde, wie für kein anderes Instrument, durchaus als das „Universalinstrument der westlichen Musikkultur“[55] bezeichnet werden.[56]

2.3 Elektronische und elektromechanische Klaviere

Die Geschichte des elektronischen Klaviers beginnt bereits in den 1930er Jahren, als die Berliner Klavierbaufirma Bechstein und der Elektrokonzern Siemens ein elektromechanisches Musikinstrument unter dem Namen „Neo-Bechstein“ entwickelten, dessen Klang elektrisch verstärkt und über Lautsprecher wiedergegeben wird. Wie einst beim Clavichord war es möglich, den einzelnen Ton mit einem Crescendo zu versehen, womit wohl ein Traum vieler Komponisten der Romantik in Erfüllung gegangen sein mag. Es konnte sich aber nicht weiter durchsetzen.[57]

In den 1970er Jahren entwickelte sich das elektronische Klavier, allerdings mit einem gegenüber dem Neo-Bechstein entscheidenden Unterschied: Seine Klänge werden nicht nur elektrisch verstärkt, sondern auch elektronisch erzeugt. Es kann daher auf die Saiten, den Resonanzboden und den gusseisernen Rahmen verzichten, so dass es als preiswerter und transportabler Klavierersatz schnell Verwendung fand.

Neben dem elektronischen Klavier existieren weitere Musikinstrumente mit elektronischer Schaltung, die jedoch fälschlicherweise häufig auch als elektronische oder gar elektrische Instrumente bezeichnet werden. Darunter fällt auch das E-Piano, das als elektromechanisches Instrument verstanden werden muss, da ein Teil der Klaviermechanik erhalten blieb. Mit Hilfe von Filzhämmerchen werden entweder kleine Metallstäbe oder auch normale Saiten angeschlagen, deren mechanische Schwingungen dann in elektrische umgewandelt werden. Die Instrumente mit Metallstäben, deren klassischer Vertreter das Fender-Rhodes Piano aus den 1960er Jahren darstellt, erzeugen einen an ein Metallophon erinnernden Klang und werden hauptsächlich in der Jazzmusik eingesetzt, wohingegen die mit Saiten versehenen E-Pianos näher an den Klavierklang herankommen und vor allem in der Rock- und Popmusik gespielt werden. Der ebenfalls in dieser Zeit aufkommende Synthesizer[58] verdrängte allmählich das E-Piano von den Bühnen. Vor allem aus der Popmusik der 1980er Jahre ist sein Klang nicht mehr wegzudenken, doch kann hier von Klavierersatz nicht die Rede sein. Es ist eher das wenig später entwickelte Digitalpiano, das den Klavierklang zu ersetzen vermag. Dank seiner Anschlagsdynamik und einer Tastatur, die mit meist 88 gewichteten Tasten der gewöhnlichen Klaviertastatur sehr nahe kommt, schafft es das Digitalpiano, das Spielgefühl eines echten Klaviers zu vermitteln.[59]

Auch wenn immer weitere Verbesserungen zur Klangimitation vorgenommen werden und einige Faktoren eher für den Kauf eines elektronischen oder elektromechanischen Musikinstrumentes sprechen, wie beispielsweise eine kostengünstigere Anschaffung, Mobilität, Platzersparnis, Klang- und Effektmöglichkeiten oder Lautstärkeregelung, kann der akustische Klang und das authentische Spielgefühl eines Klaviers doch nicht ersetzt werden.

3 Erweiterung musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten durch Neuerungen im Klavierbau

3.1 Zur frühen Klaviermusik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kompositionen „für das Clavier“[60] galten vom 14. bis 16. Jahrhundert für alle Tasteninstrumente, also sowohl für die Orgel als auch für das Cembalo und das Clavichord. Sie waren überwiegend improvisiert und hatten gemeinhin begleitende Funktion zu Tanz und Gesang. Die älteste bekannte Aufzeichnung früherer Klaviermusik ist der Robertsbridge-Codex aus der Zeit um 1300, in dem drei Motetten sowie drei weitere Instrumentalstücke enthalten sind. Eine weitere wichtige Sammlung bildet der aus Italien stammende Faenza-Codex. Weisen die Motetten aus dem Robertsbridge-Codex noch zaghafte Melodieausschmückungen auf, enthalten diese etwa einhundert Jahre später gesammelten Stücke bereits koloraturreichere Melodien.[61]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bsp. 1: Robertsbridge-Codex[62] Bsp. 2: Faenza-Codex[63]

Erst im 16. Jahrhundert entwickelte sich eine eigenständige Instrumentalmusik, darunter auch erstmals ausschließlich für besaitete Tasteninstrumente notierte Musik wie beispielsweise die aus den Präludien und Fantasien der Orgelmusik hervorgegangene englische Virginal-Musik. Die ältesten bekannten Sammlungen von Virginalkompositionen stammen aus den Jahren 1570 bis 1613 und enthalten bereits zahlreiche Stücke für das beliebte Hausinstrument. Zu ihnen zählen Thomas Mulliners „Dublin Virginal Manuscript“ und „Mulliners Book“ sowie „My Ladye Nevells Book“ mit Werken von William Byrd. Die bedeutendste Sammlung ist das 1620 entstandene „Fitzwilliam Virginal Book“ mit bereits 297 Stücken unterschiedlicher Gattungen, darunter einige schon recht virtuose Liedbearbeitungen, Variationen, Tänze und Fantasien.[64]

In Frankreich konzentrierte sich die Instrumentalmusik auf Werke für den Kielflügel, dessen voller Klang virtuosere und ausdrucksstärkere Kompositionen erlaubte als der des zarten Virginals. Die Glanzzeit des Clavecin, des französischen Cembalos, beginnt um 1650 mit Jacques Champion de Chambonnières und findet seinen Höhepunkt in der tänzerischen Musik François Couperins, zusammengetragen in seinen 240 „Pièces de clavecin“. Die darin enthaltene Fülle an Trillern und Verzierungen entspricht dem damaligen Rokokogeschmack und bildet ein „wertvolles Gegenstück des sonst in Kunst und Leben herrschenden steifen Pathos“[65]. Sie bieten zudem die einzige Möglichkeit, einen Ton über einen längeren Zeitraum erklingen zu lassen, verfügten frühere Instrumente doch nur über einen dünnen Klang. Couperin, Autor des einflussreichen Lehrbuchs „L’Art de toucher le Clavecin“ (1716), gilt als Begründer der so genannten Charakterstücke, welche sich durch außermusikalische Titel von bis dato üblichen Instrumentalstücken unterscheiden. So weisen nun Stücke wie beispielsweise „Bruit de guerre“, „Le Turbulent“ oder „La Prude“ programmatisch auf den Stimmungsgehalt der Kompositionen hin.[66]

[...]


[1] Vgl. Batel, Günther: Die Geschichte des Klaviers und der Klaviermusik. Wilhelmshaven 1992, S. 5ff.

[2] Vgl. Stowasser, J. M. u.a.: Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch. München 1994, S. 92.

[3] Lat. „clavis“ bedeutet zunächst Schlüssel, während im Mittelalter damit dann auch Tonbuchstaben gemeint waren, die zur Bezeichnung eines Tones auf Tasten geschrieben wurden. Mit der Zeit ging der Begriff „clavis“ auf die Taste selbst über. Vgl. Michels, Ulrich: dtv-Atlas Musik. München 2001, S. 37.

[4] Stowasser (1994), S. 86.

[5] Vgl. Zeraschi, Helmut: Die Musikinstrumente unserer Zeit. Ein Lese- und Nachschlagebuch. Leipzig 1978, S. 86.

[6] Vgl. Čížek, Bohuslav: 300 Jahre mit Hammerklavier. Hrsg. vom Museum tschechischer Musik. Prag 1999, S. 7f.

[7] Čížek (1999), S. 7.

[8] Vgl. Auerbach, Cornelia: Die deutsche Clavichordkunst des 18. Jahrhunderts. Kassel/Basel 31959, S. 1 sowie Uchdorf, Hans-Jürgen: Klavier – Praktisches Handbuch für Klavierbauer und Klavierspieler. Wilhelmshaven 1985, S. 14.

[9] Vgl. Zeraschi (1978), S. 87.

[10] Michels (2001), S. 36.

[11] Vgl. Zeraschi (1978), S. 88.

[12] Vgl. Auerbach (1959), S. 1.

[13] Zitiert nach Heuser, Paul: Das Clavierspiel der Bachzeit. Ein aufführungspraktisches Handbuch nach den Quellen. Mainz 1999, S. 15.

[14] Bach, Carl Philipp Emanuel: Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen. Hrsg. von Lothar Hoffmann-Erbrecht. Wiesbaden 1981, S. 8.

[15] Ebd., S. 8f.

[16] Vgl. Auerbach (1959), S. 1.

[17] Vgl. Batel (1992), S. 13.

[18] Vgl. Čížek (1999), S. 7 sowie Zeraschi (1978), S. 90.

[19] Abgeleitet vom lateinischen spina = Dorn, mit dem der tonerzeugende Anreißdorn gemeint ist.

[20] Zurückzuführen auf das lateinische Wort virga = Häkchen, womit wiederum auf den Dorn hingedeutet wird.

[21] Vgl. Zeraschi (1978), S. 91.

[22] Vgl. Germanisches Nationalmuseum (Hg.): „Durch den bloßen Druck der Finger…“ 300 Jahre Hammerklavier. Nürnberg 2000, S. 5.

[23] Michels (2001), S. 36.

[24] Vgl. Dahlhaus, Carl/Eggebrecht, Hans Heinrich (Hg.): Brockhaus Riemann Musiklexikon in vier Bänden und einem Ergänzungsband. Erster Band A-D. O.O. 1998, S. 226f. sowie Baines, Anthony: Lexikon der Musikinstrumente. Stuttgart/Kassel 1996, S. 51.

[25] Vgl. Zeraschi (1978), S. 90f. sowie Michels (2001), S. 37.

[26] Tolar, Gerhard: Die Kielinstrumente [online]. Available: http://members.aon.at/gerhard.tolar/ musik_frames.htm (Stand: 15.03.2005).

[27] Vgl. Michels (2001), S. 37 und S. 59, sowie Germanisches Nationalmuseum (2000), S. 12.

[28] Vgl. Germanisches Nationalmuseum (2000), S. 12.

[29] Das Hackbrett ist ein spezieller Zithertyp in Trapezform, dessen Metallsaiten mit Klöppeln angeschlagen werden. Es ist heute noch vor allem in Osteuropa unter dem Namen „Cimbal“ gebräuchlich. Vgl. Baines (1996), S. 120.

[30] Vgl. Kentner, Louis: Das Klavier. In: Yehudi Menuhins Musikführer. Hrsg. von Yehudi Menuhin. Zug 1975, S. 48.

[31] Ahrens, Christian: …einen überaus poetischen Ton. Hammerklaviere mit Wiener Mechanik. Frankfurt/Main 1999, S. 7.

[32] Deutsches Museum: Bartolomeo Cristofori – Erfinder der Klaviermechanik [online]. Available: http://www.deutsches-museum.de/info/veranst/k_040404.htm (Stand: 21.04.2005).

[33] Vgl. Gradenwitz, Peter: Kleine Kulturgeschichte der Klaviermusik. München 1986, S. 29.

[34] Vgl. ebd., S. 29f., sowie Adler, Guido (Hg.): Handbuch der Musikgeschichte Band 2. München 41982, S. 588.

[35] Germanisches Nationalmuseum (2000), S. 10.

[36] Ebd.

[37] Zitiert nach ebd.

[38] Zitiert nach Germanisches Nationalmuseum (2000), S. 10.

[39] Vgl. Gradenwitz (1986), S. 44, sowie Dahlhaus/Eggebrecht (1998), Band A-D, S. 103.

[40] Baines (1996), S. 164.

[41] Vgl. Zeraschi (1978), S. 100, sowie Baines (1996), S. 165.

[42] Baines (1996), S. 165.

[43] Zitiert nach Ahrens (1999), S. 79.

[44] Vgl. Zeraschi (1978), S. 100f.

[45] Betrug die Saitenspannung eines Flügels um 1780 noch 1,85 Tonnen, hatte ein Érard-Flügel von 1851 bereits eine Saitenspannung von 12 Tonnen. Die Spannung moderner Flügel beträgt mittlerweile sogar über 20 Tonnen.

[46] Vgl. Gradenwitz (1986 ), S. 45.

[47] Vgl. Gedan, Jörg: Die Entwicklung des Klaviers [online]. Available: http://www.pian-e-forte.de (Stand: 25.04.2005) sowie Adler, Guido (Hg.): Handbuch der Musikgeschichte Band 2. München 41981, S. 589.

[48] Vgl. Gedan, Jörg: Die Entwicklung des Klaviers [online]. Available: http://www.pian-e-forte.de (Stand: 25.04.2005) sowie Zeraschi (1978), S. 103.

[49] Vgl. Mauder, Ulf: Erstes Klavier für Linkshänder – Die vertauschten Tasten [online]. Available : http://rundschau-online.de/kultur/1787329.htm (Stand: 15.03.2005)

[50] Vgl. Dahlhaus/Eggebrecht (1998), Band E-K, S. 124 sowie Baines (1996), S. 159.

[51] Vgl. Uchdorf (1985), S. 28.

[52] Vgl. Baines (1996), S. 316f. sowie Dahlhaus/Eggebrecht (1998), Band R-Z, S. 222.

[53] Vgl. Batel (1992), S. 24 sowie Gedan, Jörg: Die Entwicklung des Klaviers [online]. Available: http://www.pian-e-forte.de (Stand: 25.04.2005).

[54] Vgl. Uchdorf (1985), S. 215ff. sowie Baines (1996), S. 199f.

[55] Baines (1996), S. 158.

[56] Vgl. Gedan, Jörg: Die Entwicklung des Klaviers [online]. Available: http://www.pian-e-forte.de (Stand: 25.04.2005).

[57] Vgl. Baines (1996), S. 218 sowie Zeraschi (1978), S. 103f.

[58] Der in den 1960er Jahren von Robert A. Moog entwickelte analoge Synthesizer war der Vorreiter des später üblichen Modulsynthesizers. Vgl. Enders, Bernd: Lexikon Musikelektronik. Mainz 31997, S. 205.

[59] Vgl. Baines (1996), S. 83 und S. 85f. sowie Enders (1997), S. 90f.

[60] Gradenwitz (1986), S. 30.

[61] Ebd., S. 52.

[62] Bernsdorff-Engelbrecht, Christiane/Oehlmann, Werner (Hg.): Reclams Klaviermusikführer. Band 1. Stuttgart 31968, S. 16.

[63] Ebd., S. 17.

[64] Vgl. Gradenwitz (1986), S. 65.

[65] Schmitz, Eugen: Klavier, Klaviermusik und Klavierspiel. Leipzig 1919, S. 28.

[66] Vgl. Gradenwitz (1996), S. 66f.

Details

Seiten
97
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638431521
ISBN (Buch)
9783656829058
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45809
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,5
Schlagworte
Klavier Kunden Angebot Nachfrage Möbels Musikinstruments Spiegel Geschichte

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Klavier und seine Kunden - Angebot und Nachfrage eines Möbels und Musikinstruments im Spiegel der Geschichte bis heute