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Deutsche Einwanderer in der mexikanischen Provinzhauptstadt Puebla, 1910-1945

Magisterarbeit 2003 202 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Quellen
1.2.1 Zensus
1.2.2 Extranjería -Bestand
1.2.3 Filiaciones -Bestand
1.2.4 Weitere unveröffentlichte Quellen

2. Theoretischer Hintergrund: Migrationsforschung
2.1 Klassifikation von Migration
2.2 Gründe für Migration
2.3 Migrationssysteme
2.4 Assimilation und Integration
2.5 Individuelle und kollektive Folgen von Migration
2.6 Historische Migrationsforschung
2.7 Zusammenfassung

3. Historischer Hintergrund: Migration in Deutschland und Mexiko
3.1 Auswanderung in Deutschland
3.2 Einwanderung und Präsenz von Deutschen in Mexiko
3.3 Ideologische und gesetzliche Rahmenbedingungen der Migration
3.3.1 Rahmenbedingungen der Emigration im Deutschen Reich
3.3.1.1 Deutsche Staatsangehörigkeit
3.3.1.2 Auswanderungspolitik
3.3.1.3 Deutschtumspolitik
3.3.2 Rahmenbedingungen der Immigration in Mexiko
3.3.2.1 Mexikanisches Staatsangehörigkeitsrecht
3.3.2.2 Immigrationsgesetzgebung
3.3.2.3 Mexikanischer Nationalismus und mestizaje -Ideologie
3.4 Zusammenfassung

4. Einwanderung und soziales Profil von Deutschen in Puebla
4.1 Quantitative Auswertung
4.1.1 Anzahl von Deutschen in Puebla
4.1.2 Einreise
4.1.3 Herkunft und Geburtsorte
4.1.4 Berufe und Arbeitgeber
4.1.5 Familienstruktur
4.1.6 Religionszugehörigkeit
4.1.7 Sprachverhalten
4.1.8 Wohnsituation
4.1.9 Einbürgerungen
4.2 Zusammenfassung

5. Entwicklung der „Deutschen Kolonie“ in Puebla
5.1 Organisierung der Deutschen in Puebla
5.1.1 Deutsche Schule von Puebla
5.1.2 Deutsches Haus und Deutscher Verein
5.1.3 Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten
5.2 Einfluss der historischen Ereignisse auf die Deutschen in Puebla
5.2.1 Mexikanische Revolution: Der „Fall Covadonga“
5.2.2 Erster Weltkrieg: Propaganda für die Heimat
5.2.3 Weimarer Republik: Politische Polarisierung und „Flaggenfrage“
5.2.4 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg: Der „Stützpunkt“ der NSDAP in Puebla
5.3 Zusammenfassung

6. Schlussbemerkung: Migration, Integration und Ethnizität von deutschen Einwanderern in Puebla

7. Literatur- und Quellenverzeichnis
7.1 Ungedruckte Quellen
7.2 Gedruckte Quellen
7.3 Bibliographien und Quellenverzeichnisse
7.4 Literatur

8. Anhang
8.1 Die zehn wichtigsten Ausländergruppen nach Nationalität in Mexiko 1900–1940
8.2 Einwanderung von Deutschen nach Mexiko 1911–1945
8.3 Wortlaut der Formulare im extranjería -Bestand
8.3.1 Antragsformular für die Registrierung (fórmula no. 23)
8.3.2 Registrierungskarte – Tarjeta de registro (fórmula no. 14)
8.4 Ausländer nach Geburtsort und Nationalität im Bundesstaat Puebla 1910–1940
8.5 Berufsangaben der deutschen Einwanderer in den extranjería - und filiaciones -Beständen und ihre Zuordnung in Tabelle 7
8.5.1 Berufe der Männer
8.5.2 Berufe der Frauen
8.6 Heiratsverhalten der deutschen Einwanderer in der Stadt Puebla (Nationalität der Ehepartner)
8.7 Geburtsorte der ersten Generation von deutschen Einwanderern in Puebla (in den Grenzen von 1923)
8.8 Angaben über Mutter- und Fremdsprachen bei Geschwistern der zweiten Generation von deutschen Einwanderern in Puebla
8.9 Statistik der Deutschen Schule von Puebla 1911–1942
8.10 Vorstände der Deutschen Schule von Puebla 1911–1935
8.11 NSDAP-Mitglieder in Puebla
8.12 Kurzbiographien
8.12.1 Dr. Hugo Leicht
8.12.2 Wilhelm Grüneberg Carrasco

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen im Text

Abbildung 1 Deutsche Überseeauswanderung 1900–1939

Abbildung 2 Einwanderung von Ausländern in Mexiko 1908–1945

Abbildung 3 Die wichtigsten Erwerbsbereiche und die darin am häufigsten vertretenen Berufe in der Stadt Puebla um 1910

Tabelle 1 Ausländer nach Nationalität in Mexiko 1900–1940 im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung

Tabelle 2 Deutsche in Mexiko 1900–1940 nach Nationalität: Anzahl, Anteile an der Gesamtbevölkerung und Rang unter den Ausländergruppen

Tabelle 3 Deutsche in der Stadt und im Bundesstaat Puebla 1900–1940 nach Nationalität, Geburtsort und Sprache

Tabelle 4 Einwanderungsjahr der in Puebla-Stadt registrierten Deutschen 1878–1945 (in Jahrzehnten)

Tabelle 5 Alter der deutschen Einwanderer in der Stadt Puebla zum Zeitpunkt ihrer Einreise in Mexiko

Tabelle 6 Geburtsorte der ersten Generation von deutschen Einwanderern in der Stadt Puebla (in Jahrzehnten des Einreisedatums)

Tabelle 7 Berufe der deutschen Einwanderer in der Stadt Puebla

Tabelle 8 Familienstand der ersten Generation von deutschen Einwanderern in der Stadt Puebla

Tabelle 9 Religionszugehörigkeit der deutschen Einwanderer in der Stadt Puebla

Tabelle 10 Mutter- und Fremdsprachen der deutschen Einwanderer in der Stadt Puebla

Tabelle 11 Einbürgerungen von deutschen Einwanderern der ersten Generation in der Stadt Puebla 1936–1953

1. Einleitung

Einwanderer aus Deutschland stellten seit dem 19. Jahrhundert eine quantitativ zwar recht kleine, aber qualitativ wichtige Bevölkerungsgruppe in Mexiko dar. Ihre Stellung und Rolle innerhalb der mexikanischen Gesellschaft wurde bisher vor allem am Beispiel der mexikanischen Hauptstadt, wo die größte Anzahl von Deutschen und Deutschstämmigen ansässig war oder an Hand von wirtschaftlich bedeutenden Gruppen wie den deutschen Unternehmern sowie den deutschen Kaffeepflanzern im Süden Mexikos dargestellt.[1] Untersuchungen über deutsche Einwanderer in kleineren mexikanischen Provinzhauptstädten gibt es dagegen kaum.[2]

In der Hauptstadt des Bundesstaates Puebla lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine kleine Gruppe von Deutschen und deren Nachkommen, die sich aus etwa 100 bis 150 Personen zusammensetzte. Diese nahm aktiv am Wirtschaftsleben der Stadt teil und schuf sich, ähnlich dem Vorbild in der Hauptstadt, eigene Institutionen wie eine deutsche Schule oder einen deutschen Verein, in denen sich das Gemeinschaftsleben der deutschen Einwanderer organisierte. Diese Gruppe von Deutschen in Puebla soll im Rahmen dieser Magisterarbeit auf ihre soziale, kulturelle und ökonomische Zusammensetzung, ihre Entwicklung sowie ihr Verhältnis zur mexikanischen Mehrheits­ge­sell­schaft hin untersucht werden. Die übersichtliche Gruppe erlaubt dabei eine relativ umfassende Untersuchung und ermöglicht einen Vergleich mit der Entwicklung der bisher deutlich besser untersuchten deutschen Gemeinschaft in Mexiko-Stadt.

Der Zeitraum, der dieser Arbeit zu Grunde liegt, beginnt mit den ersten Aufständen der Mexikanischen Revolution (1910/11) und dem Ende der seit den 1870er Jahren währenden Herrschaft Porfirio Díaz’. Um diese Zeit setzte mit der Gründung der Deutschen Schule in Puebla (1911) auch die Organisierung der Deutschen in eigenen kulturellen Institutionen ein. Mit dem Zweiten Weltkrieg und besonders dem Kriegseintritt Mexikos auf Seiten der Alliierten (1942) begann dagegen die Desintegration und Auflösung der deutschen Gemeinschaft in Puebla und ganz Mexiko. Die Auswirkungen des Krieges auf die in Puebla ansässigen Deutschen sollen daher den Schlusspunkt des Untersuchungs­zeitraums bilden.

Die mexikanische Geschichte dieses Zeitabschnitts lässt sich in vier Phasen unterteilen, deren herausragendste Ereignisse die unterschiedlichen Entwicklungen der Mexi­ka­nischen Revolution[3] darstellten:

- Während das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts noch ganz im Zeichen der Kontinuität der Herrschaft von General Porfirio Díaz gestanden hatte, entluden sich nach 1910 die Unzufriedenheit mit dem geschlossenen politischen System und tiefgreifende gesellschaftliche Spannungen in bewaffneten Aufstandsbewegungen zunächst gegen Díaz unter der Führung Francisco I. Maderos (1910/11) und später gegen das Huerta-Regime (1913/14) durch die Revolutionsbewegungen unter Carranza, Villa und Obregón im Norden und Zapata im Süden. Ab 1915 lieferten sich die rivalisierenden Flügel der Revolution einen blutigen Bürgerkrieg, der mit dem militärischen und politischen Sieg der „Konstitutionalisten“ und der Ausarbeitung einer neuen Verfassung (1917) endete.
- Aus der nördlichen Revolutionsbewegung, die als Sieger aus den Revolutionskriegen hervorging, entstand eine neue, regional im Norden Mexikos verwurzelte Führungsschicht, die überwiegend aus der Mittelschicht stammte, urban-laizistisch orientiert war und ein neues, stärker nationalistisches Modernisierungsprojekt verfolgte. Sie prägte die spätrevolutionäre Konsolidierungs- und Reformphase in den zwei Jahrzehnten zwischen 1920 und 1940, die durch die Einbindung breiter Bevöl­kerungsschichten durch „von oben“ gegründete Parteien und Verbände geprägt war.
- Auf den nicht zuletzt durch die Spannungen mit den USA verursachten, zunehmend sozialkonservativen Kurs des neuen Regimes folgte erst während der Regierung Lázaro Cárdenas’ (1934–1940) auch der Abschluss der „sozialen Revolution“ durch weitgehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen wie die Verwirklichung der Agrarreform und die Verstaatlichung der ausländischen Ölgesellschaften.
- Die Regierung Manuel Ávila Camachos (1940–1946) stellte schließlich das Ende der Reformpolitik, die Annäherung an die USA im Zeichen des Zweiten Weltkrieges und den Übergang zum postrevolutionären Regime der „institutionalisierten Revolution“ dar, welches das politische System Mexikos teilweise bis heute prägt.[4]

Daneben sind die politischen Entwicklungen des Deutschen Reiches zu berücksichtigen, das während dieser Zeit das Ende des Kaiserreiches, die Weimarer Republik, deren Scheitern und die nationalsozialistische Herrschaft erlebte, ebenso wie die beiden Weltkriege, in denen es Hauptakteur war. Diese Ereignisse sollen Gegenstand dieser Arbeit in Hinblick auf ihre direkten Auswirkungen auf Deutsche in Mexiko und deren Selbstverständnis als Deutsche in einer fremden Umgebung sein.

1.1 Aufbau der Arbeit

Die Untersuchung von Einwanderung in ein fremdes Land ist zentraler Bestandteil der Migrationsforschung. Die theoretischen Überlegungen, die in erster Linie in den Sozialwissenschaften zu diesem Thema entstanden sind, sollen den analytischen Rahmen dieser Arbeit bilden. Hierfür wird im folgenden Kapitel ein Abriss über die zentralen Konzepte und Ansätze der Migrationsforschung gegeben.

Historischer Hintergrund der Einwanderung von Deutschen nach Puebla waren die Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und Mexiko. Ihr Verlauf sowie die gesetzlichen und ideologischen Bedingungen, unter denen diese Migrationen stattfanden und die sie beeinflussten, sind Gegenstand des dritten Kapitels.

Vor diesem Hintergrund wird im vierten Kapitel die Entwicklung der deutschen Einwanderung in die Stadt Puebla quantitativ ausgewertet. Auf der Grundlage sozialer Daten aus dem mexikanischen Ausländerregister werden hier der Verlauf der Immigration und die sozioökonomische Zusammensetzung der deutschen Migranten und ihrer Nachkommen in Puebla rekonstruiert.

Die Organisierung der Puebla-Deutschen in eigenen Institutionen und ihr Verhältnis zur mexikanischen Mehrheitsgesellschaft sowie zum Herkunftsland Deutschland werden im letzten Kapitel der Untersuchung behandelt. Hierbei spielten die wechselhaften historischen Ereignisse im revolutionären Mexiko, aber auch in Deutschland und auf internationa­ler Ebene eine Rolle. Dies soll im zweiten Teil des fünften Kapitels an Hand von einzelnen historischen Ereignissen, die von der deutschen Gemeinschaft in besonderer Weise erlebt und reflektiert wurden, dargestellt werden.

1.2 Quellen

Die größtenteils unveröffentlichten Quellen, die dieser Arbeit und insbesondere der quantitativen Untersuchung im vierten Kapitel zugrunde liegen, werden an dieser Stelle vorgestellt und beschrie­ben, um die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Auswertung aufzuzeigen.

1.2.1 Zensus

Aufschluss über die Präsenz von Ausländern in Mexiko geben die mexikanischen Zensus, die 1895 erstmals mit statistischen Methoden erhoben wurden. Sie enthalten Angaben über die im Lande lebenden Ausländer nach Geburtsort und/oder Nationalität. Damit spiegeln sie ein gestiegenes Interesse der mexikanischen Regierung an der quantitativen Aufschlüsselung der Ausländergruppen wider, die sich auf die starke qualitative Bedeutung – vor allem die wichtige wirtschaftliche Position – vieler dieser Gruppen während des Porfiriats zurückführen lässt.

Für den Untersuchungszeitraum wurden die in den Jahren 1900, 1910, 1921, 1930 und 1940 durchgeführten Zensus (2. bis 6. mexikanischer Zensus) herangezogen. Allerdings bieten sie keine einheitliche und kontinuierliche Datenbasis. Die Konzepte zur Datenerfassung, die ihnen zugrunde­ liegen, variieren von Jahr zu Jahr, was sich besonders für die Daten über regionale Gegebenheiten bemerkbar macht. Während alle Zensus auch nach Bundesstaaten aufgegliedert wurden, finden sich nur in denen von 1900, 1910 und 1940 gesonderte Angaben über einzelne Distrikte und Städte. Somit gibt es nur für diese Jahre konkrete Informationen über die Anzahl von Deutschen in der Stadt Puebla. Für weitere Probleme der Zuverlässigkeit der Zensusdaten sorgten politische Umwälzungen vor allem während der Revolutionszeit, Umstrukturierungen in der Dirección General de Estadística sowie Veränderungen der statistischen Methoden und Gewichtungen einzelner Bereiche wie Ausländerfragen.[5]

1.2.2 Extranjería -Bestand

Weitere Daten boten die Bestände des Archivo General Municipal de Puebla (AGMP). Hier wurden die nach Nationalitäten geordneten Akten der extranjería über die Deutschen herangezogen.[6] Sie enthalten die Unterlagen für das Ausländerregister (registro de extranjeros) der Stadt Puebla. Dieses Register wurde seit 1932[7] auf drei Verwaltungsebenen geführt: Zentral, in der Hauptstadt der Republik im Departamento de Migración, bundesstaatlich, in der Secretaría de Gobierno der einzelnen föderalen Einheiten sowie auf städtischer Ebene, in den Ayuntamientos, das heißt den Stadt- bzw. Gemeindeverwaltungen.[8] In das Register mussten sich alle Ausländer eintragen lassen, die bereits vor dem ersten Mai 1926 in Mexiko ansässig waren oder die nach den Bestimmungen des neuen Einwanderungsgesetzes von 1926 mit dem Immigrantenstatus einreisten (s. Abschnitt 3.3.2.2).[9] Der Antrag auf Registrierung (vgl. Formular 23, Anhang 8.3.1) wurde von der Stadtverwaltung zusammen mit den entsprechenden Unterlagen über den legalen Aufenthalt und die Identität des Ausländers aufgenommen und in Duplikaten zunächst an die bundesstaatlichen Behörden und durch diese weiter an das Departamento de Migración in der Hauptstadt zur Überprüfung gesendet. Dieses stellte die Registrierungskarte (tarjeta de registro, vgl. Anhang 8.3.2) aus und übermittelte sie an die Stadtverwaltung, die sie dem Ausländer aushändigte und ihn sodann in das Libro de registro eintrug. Duplikate der ausgestellten Registrierungskarten und des Libro de registro wurden jeweils an die bundesstaatlichen und nationalen Behörden weitergeleitet.[10]

Die im AGMP ausgewerteten Bestände enthielten, in einzelnen Akten über jeden Deutschen, in der Regel die beiden im Anhang 8.3 dargestellten Formulare sowie eventuell zusätzliche Vermerke über Zu- oder Wegzug in bzw. aus dem Verwaltungsdistrikt. Aufgenommen wurden die Daten von Personen, die bis 1945 nach Mexiko eingereist waren.[11] Im Idealfall konnten aus den Formularen folgende Daten in eine Datenbank überführt werden: Jahr der Registrierung, Name, Aktennummer (no. de expediente, das heißt die vom Departamento de Migración fortlaufend geführte Nummerierung der Registrierung), Geburtsdatum, Beruf, Geburtsort, Religion, Einreisedatum und -ort (teilweise auch der Einreisestatus) in Mexiko, Angaben über Mutter- und Fremdsprachen, Familienstand sowie einzelne Besonderheiten oder Bemerkungen, wie der Name des Ehepartners oder die Kinderzahl. Die Auswertung ergab 141 Personen, die in den genannten Zeitraum fielen.[12]

Die Daten sind jedoch nicht über jeden Deutschen vollständig. Teilweise fehlte eines der Formulare oder es gab nur einen Vermerk über den Zuzug nach oder den Wegzug aus Puebla ohne die entsprechende Dokumentation.[13] In einigen Fällen (zum Beispiel bei vier inmigrantes de emergencia) war nur ein unvollständig ausgefülltes Formular vorhanden und in anderen fand sich nur ein für den Zensus erstelltes Papier von 1938, das ebenfalls weniger Daten enthielt.

Ein Problem bei der Einheitlichkeit der Daten bereitete außerdem die unterschiedliche Praxis der Namensgebung, die teilweise, nach der mexikanischen Praxis, nur Vater- und Mutternamen aufnahm (vgl. Formular 23, Anhang 8.3.1), was vor allem die Identifizierung von Frauen und des dazugehörigen Ehepartners erschwerte. Unregelmäßigkeiten oder Fehler bei der Schreibweise der deutschen Namen und Sonderzeichen erschwerten zusätzlich die Entzifferung der teilweise handschriftlich ausgefüllten Formulare. Bei Aussagen über das Alter entstanden Probleme, wenn nur das aktuelle Alter, aber nicht das Geburtsdatum angegeben war (vgl. tarjeta no. 14, Anhang 8.3.1). Zur Aufnahme in die Datenbank wurde daher, wenn möglich, vom Jahr der Registrierung zurückgerechnet und das so ermittelte Geburtsjahr aufgenommen.[14]

Aus der Natur der Datenbestände ergibt sich, dass für die Jahre vor Einführung des Registers nur Personen in die Auswertung aufgenommen werden konnten, die noch mindestens bis 1932 in Puebla lebten oder bis dann dorthin zogen. Kurzfristigere Migrationen, bereits verstorbene oder in andere Teile Mexikos verzogene Deutsche werden von diesen Daten für die Zeit vor 1932 nicht erfasst. Angaben, die auf dieses Quellenmaterial zurückgehen, werden im Folgenden gemäß ihrer Bestandsbezeichnung im Archiv als extranjería- Bestand ausgewiesen.

1.2.3 Filiaciones -Bestand

Ebenfalls im AGMP wurde das nach Nationalitäten geordnete Einwohnerverzeichnis (filiaciones de población) eingesehen. Der Band 155 (ohne Jahresangabe) enthält „Alemania y Lituania”.[15] Das handschriftlich geführte Buch[16] listet tabellarisch folgende Eintragungen über die Deutschen in Puebla auf: Monat und Tag (der Eintragung), Aktennummer (hier bezeichnet als n° progresivo), Nummer der Registrierungskarte (n° de tarjeta), Name, Nationalität, Geschlecht, Alter in Jahren, Familienstand, Einreisedatum in Mexiko, Einreiseort, Beruf, Adresse und weitere Bemerkungen (observaciones)[17].

Die Jahresangaben der Registrierungen – es kommen nur die Jahre 1933 und 1934 vor – sind leider nicht eindeutig, da nur zwischendurch Jahreszahlen (in Form von 933 oder 934 hinter dem Tag) angegeben wurden. Dabei wird nicht deutlich, ob sich dieses Jahr auf die vorangehenden oder nachfolgenden Daten bezieht, da sie nicht durchgehend chronologisch sind, sondern offenbar auch Einschübe aus vorherigen Jahren darstellen.

In dieser Quelle sind 124 Deutsche verzeichnet. Bei einem Vergleich mit den Personen aus dem extranjería -Bestand war wegen des genannten Problems der unterschied­lichen Namensgebung die Aktennummer zur eindeutigen Identifizierung der Personen nützlich.[18] Der von Hand vorgenommene Abgleich ergab, dass nicht alle im Einwohnerverzeichnis aufgelisteten Deutschen auch in den extranjería -Akten vorkommen. 26 Namen ließen sich nicht zuordnen und ergaben somit einen zusätzlichen Datensatz über Deutsche in Puebla.[19] Aus beiden Beständen ließ sich so ein Datensatz von 167 Deutschen (108 Männer und 59 Frauen) zusammenstellen, der aber entsprechend dem heterogenen Ursprungsmaterial recht unterschiedliche Informationen über die einzelnen Personen bietet.

Das aus dem Einwohnerverzeichnis gewonnene Material wird als filiaciones -Bestand bezeichnet. Neben der zusätzlich angegebenen Adresse bietet es vor allem den Vorteil, dass die deutschen Namen hier eindeutiger wiedergegeben sind, als im extranjería -Bestand. Ansonsten liefert es aber kaum weitergehende Informationen. Daher wurden bei Personen, die in beiden Beständen vorkamen, die Informationen aus dem extranjería -Bestand vorgezogen.

1.2.4 Weitere unveröffentlichte Quellen

Neben dem Ausländerregister und dem Einwohnerverzeichnis sind die Aktenbestände (expedientes) des AGMP durchgesehen worden. Hier fanden sich vereinzelt Schriftstücke, die Vorgänge über die deutsche Gemeinschaft oder Korrespondenzen zwischen der Stadtverwaltung und einzelnen Deutschen enthielten.

Für die Darstellung der Geschichte der Deutschen Schule von Puebla stellte mir das heutige Colegio Humboldt seine Schulchronik zur Verfügung. Sie enthält die handschriftlich verfassten Jahresberichte von 1911 bis 1969, die in der Regel von den jeweiligen Schulleitern verfasst wurden.

Mit der ehemaligen Lehrerin der Deutschen Schule Ingeborg Boege habe ich ein Interview über das Leben der Deutschen in Puebla und ihre Schule seit ihrer Ankunft in Mexiko 1938 geführt. Die zitierten Passagen beruhen auf einer Transkription des auf Tonband aufgenommenen Gesprächs.

Zusätzlich wurden einige Quellen aus dem Bestand des Deutschen Ausland-Instituts (DAI) im Bundesarchiv Koblenz herangezogen. Sie enthalten Informationen über Veranstaltungen und Organisationen der deutschen Gemeinschaft in Puebla.

Die Rechtschreibung im Deutschen und Spanischen ist nach den Originalquellen beibehalten worden. Namen wurden je nach den in den Quellen geläufigsten Formen übernommen. Dadurch werden Vornamen von Deutschen teilweise in der hispanisierten Form und teilweise in der deutschen Schreibung wiedergegeben.

2. Theoretischer Hintergrund: Migrationsforschung

Als Migrationen oder (etwas missverständlich) Wanderungen werden in den Sozialwissenschaften diejenigen räumlichen Bewegungen von Personen oder Personen­gruppen verstanden, die einen dauerhaften Wohnortwechsel bedingen.[20] Welche Zeitspanne dabei als dauerhaft gilt, hängt von der jeweils erfassenden Institution oder Verwaltung ab, meistens jedoch der Zeitraum von mehr als einem Jahr.[21] Der Wohnsitz­wechsel[22] beinhaltet dabei die Vorstellung der Überschreitung einer Grenze „von anerkannter Signifikanz“[23], also meist im Sinne von politischen oder verwaltungstech­nischen Grenzen wie Staaten oder Gemeinden.

2.1 Klassifikation von Migration

Entsprechend den Grenzen wird in der Migrationsforschung unterschieden zwischen Binnenmigration, die innerhalb von nationalstaatlichen Grenzen erfolgt und internationaler Migration, die zwischen den Nationalstaaten stattfindet. Während bei der Binnenmigration die Verlegung des ständigen Wohnsitzes in eine oder aus einer Gemeinde als in-migration bzw. out-migration bezeichnet wird, unterteilt sich die internationale Migration in Einwanderung (Immigration) und Auswanderung (Emigration). Dabei ist offensichtlich, dass diese Grenzziehungen sowohl zwischen den Staaten als auch innerhalb der Staaten Änderungen unterworfen sein können und somit diese formale Differenzierung von Migrationsformen eher statistischen und theoretischen Zwecken dient als der Unterscheidung des tatsächlichen Migrationsgeschehens. Daher sollte, besonders in der historischen Perspektive, auch die subjektive Wahrnehmung einer Grenze durch die Migranten beachtet werden.[24] Offizielle Verwaltungsgrenzen werden beispielsweise oft nicht von den danach als Migranten bezeichneten Personen als solche anerkannt, und es findet somit in ihrem Bewusstsein gar keine Migration statt.[25] Umgekehrt können naturräumliche Grenzen oder die mit ihnen verbundenen Ökonomien und Sozialstrukturen für wichtiger gehalten werden als politische Verwaltungsgrenzen, so dass in diesem Fall ein von den Menschen als Migration empfundener Ortswechsel nicht als Migration registriert wird.[26]

Ein starrer, auf die jeweils bestehenden Staatsgrenzen fixierter Migrationsbegriff verabso­lutiert die aus den internationalen Systemen des 19. und 20. Jahrhunderts abgeleitete scharfe Trennung von Binnenmigration als Wanderung innerhalb der Grenzen souveräner Staaten und Ein- und Auswanderung als grenzüberschreitender Migration und kann daher den Erfahrungen und Wahrnehmungen von Migranten früherer Zeiten nicht gerecht werden und darüber hinaus in der Gegenwart zu Unrecht als Migranten Menschen kategorisieren, die weder Migrationsabsicht noch Migrantenbewusstsein haben.[27]

Weitere Klassifizierungsmodelle unterteilen Migrationsvorgänge nach ihren Formen und auslösenden Faktoren. Eine gängige Typologisierung von Migration entwickelte William Petersen (1958), der vier Migrationstypen unterschied, die in ihrer Art wiederum jeweils konservierend oder innovativ sind:[28]

- Die „primitive“ Migration erfolgt unter dem Druck der Natur und dem Unvermögen der Menschen, die Mächte der Natur unter Kontrolle zu bringen (zum Beispiel Wanderungen der Sammler und Nomaden = konservierend; Landflucht = innovativ).
- Bei der erzwungenen Migration hat der Migrant selbst keine oder nur geringe Entscheidungsmacht (zum Beispiel Emigration der Juden aus dem nationalsozialis­ti­schen Deutschland = konservierende Funktion; Verschiffung afrikanischer Sklaven nach Nordamerika = innovative Zielsetzung der Betreiber).
- Bei der freien Migration steht die persönliche Entscheidung des Migranten im Vordergrund (zum Beispiel transatlantische Pioniermigration aus Europa im 18. und 19. Jahrhundert; einzeln = innovativ; in Gruppen = konservierend).
- Die Massenmigration beginnt in kleinem Umfang und entwickelt sich zu einer sozialen Bewegung, in der die individuelle Motivation kaum noch eine Rolle spielt, sondern die Migration anderer zum Grund der eigenen Migration wird (zum Beispiel transatlantische Nordamerikawanderung im „Amerikafieber“ des 19. Jahrhunderts).

2.2 Gründe für Migration

Die genannten Klassifizierungen deuten bereits die Komplexität von Gründen für Migration an. Die Erfassung und Systematisierung der Ursachen für Migrationsent­scheidungen gehören zu den schwierigsten Aufgaben der Migrations­forschung. Ein Grundproblem hierfür ist die implizite Annahme, dass Menschen sesshaft seien und Migration damit eine zu erklärende Ausnahmeerscheinung darstellt. Dies ist zumindest in Bezug auf Nahmigrationen in Frage zu stellen.[29] Der hochkomplexe Migrationsvorgang lässt sich zudem nur selten monokausal erklären, sondern wird meist von einem Bündel an objektiven, exogenen und subjektiven, individuellen Faktoren verursacht.

Ein klassischer Ansatz zur Erklärung der komplexen, multikausalen Einwirkungen auf die Migrationsentscheidung ist die Einteilung in sogenannte Pull- Faktoren[30], die den Bestimmungsort für eine Migration besonders attraktiv erscheinen lassen und Push- Faktoren[31], die am Herkunftsort des Migranten wirken und diesen zur Emigration veranlassen oder zwingen. Diesem Modell liegt allerdings eine sehr mechanistische Vorstellung von einer objektiv rationalen Abwägung zwischen den Kosten der Migration und ihren Vorteilen zugrunde, die der Überprüfung am Einzelfall oft nicht standhält.[32] Migrations­entscheidungen werden nicht immer nach den aus objektiver Sicht rational zu erwartenden Vorteilen getroffen, sondern auch nach Gesichtspunkten der sozialen oder emotionalen Bindungen, den vorhandenen Informationen über und Beziehungen in das Zielland (der sogenannten Kettenmigration[33] ) oder im Sog einer sozialen Massen­bewegung. Viele Migranten, vor allem Kinder, oft auch Ehepartner von Migrationswilligen, haben dagegen – auch in der „freien Migration“ – überhaupt nicht die Möglichkeit, die Entscheidung zur Migration selbst zu treffen. Migrationen werden zudem zunehmend von den (meist restriktiven) politischen und gesetzlichen Bedingungen der Aufnahmeländer bestimmt,[34] durch die Migration mehr zu einem „Selektionsprozess des Humankapitals“[35] wird und nicht allein der Entscheidung des Migranten obliegt. Die Aussagefähigkeit der Push - und Pull- Faktoren lässt sich somit nur für konkrete und differenzierte Einzelanalysen feststellen, die sowohl objektive Rahmenbedingungen als auch subjektive Einstel­lungen des Migranten mit einbeziehen.

2.3 Migrationssysteme

Ein weiterer Aspekt in der Migrationsforschung ist die Konzeptionalisierung des Migrations­prozesses selbst. Als Migrationsstrom wird dabei die Richtung der Migrations­bewegung bezeichnet, die von einem bestimmten Ausgangsort (Auswanderungs­­­ort) zu einem bestimmten Zielort (Einwanderungs­ort) führt. Dieser verläuft jedoch nicht nur in eine Richtung, sondern kann von einem Gegenstrom (counter stream) begleitet sein.[36] Aber auch dieses Konzept greift für die Erklärung des tatsächlichen Migrationsgeschehens oft zu kurz und erfasst nicht Phänomene wie Rückwanderung, Etappen­wan­derung (also kurzzeitige Migrationen als „Zwischen­stationen“ zum vermeintlich endgültigen Migrationsziel) oder die Tatsache, dass Migrationsströme häufig noch nach Veränderung der ursprünglich auslösenden Rahmenbedingungen anhalten. Migrationen werden daher seit den 1980er Jahren in einem strukturellen Ansatz zunehmend als Prozesse gesehen, die „nicht nur unidirektional von einem Raum in einen anderen stattfinden, sondern über längere Zeiträume in verschiedene Richtungen, auch gegenläufig, Sender- und Empfängerräume miteinander verbinden können“[37]. Die so entstehenden Migrations­systeme stellen Wanderungen nicht als einmalige Ereignisse dar, sondern als Vorgänge, die sich wiederholen und miteinander zu Systemen vernetzen können.[38] Die Wanderungen von Menschen stehen dabei im Zusammenhang mit den Bewegungen von Gütern, Waren, Dienstleistungen und Informationen, durch die sie teilweise beeinflusst werden.[39] Soziale Netzwerke, die zwischen Ausgangs- und Empfängerregion durch Migration entstehen, führen dazu, dass sich einmal begonnene Migrationsströme häufig selbst erhalten und fortbestehen.

Networks connect migrants and nonmigrants across time and space. Once begun, migration flows often become self-sustaining, reflecting the establishment of networks of information, assistance and obligations which develop between migrants in the host society and friends and relatives in the sending area. These networks link populations in origin and receiving countries and ensure that movements are not necessarily limited in time, unidirectional or permanent.[40]

Diese Sicht der Verflechtung von Migrationen zu einem interdependenten und reziproken System zwischen Sende- und Empfängerländern macht auch überkommende Einteilungen in typische Aus- und Einwanderungsländer überflüssig und stattdessen die Annahme sinn­voller, dass jeder Raum sowohl Zielort als auch Ausgangsort von Migration sein kann.[41]

Auch der einzelne Migrant baut Netzwerke zwischen Herkunfts- und Zielregion seiner Migration auf. Einige neuere theoretische Ansätze beschäftigen sich mit dem Phänomen, dass Migranten gleichzeitig in mehreren Gesellschaften eingebunden und integriert sein können. Diese „Transmigranten“ stellen das Bild des entwurzelten, orientierungslosen Immigranten in Frage.[42] Obwohl dieser Ansatz in enger Anlehnung an die heutige Globalisierungsdebatte und den damit zusammenhängenden Erleichterungen und Verbesserungen der Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten entstand, könnte man doch die Frage aufwerfen, ob und bis zu welchem Grad Einwanderer auch in der Geschichte bereits in zwei oder mehreren Gesellschaften gleichzeitig als „Transmigranten“ eingebunden waren.

2.4 Assimilation und Integration

Das vielleicht wichtigste Anliegen besonders der Erforschung von internationaler Migra­tion war und ist die Untersuchung der Eingliederung des Migranten in der neuen Umgebung seines Zielgebietes. Im Zentrum dieser Forschungen steht der Begriff der Assimilation (oder auch Absorption), mit dem die Angleichung einzelner Migranten oder Migranten­gruppen an die Aufnahmegesellschaft bezeichnet wird. In älteren Sequenz- oder Zyklenmodellen wie beispielsweise dem Generationen-Seqenzmodell von Duncan (1933)[43] oder dem race-relation-cycle von Park und Burgess (1921)[44] wurde die Eingliederung als ein phasenweise verlaufender Prozess dargestellt, an dessen Endpunkt die Aufhebung der kulturellen Unterschiede und die Verschmelzung mit der Aufnahmegesellschaft stehen. Diese mit dem Bild eines Schmelztiegels[45] umschriebene Konzeption von Assimilation als ein kontinuierlicher und nahezu zwangsläufiger Prozess in Richtung Aufhebung aller ethnischen Unterschiede hielt empirischen Untersuchungen jedoch nicht stand.[46] Assimilation verläuft keineswegs mechanisch und irreversibel, sondern meist unregelmäßig (als uneven assimilation) und wird durch Diskontinuität und Regression bestimmt.[47] Zudem wurde vor allem von Anhängern eines kulturellen Pluralismus kritisiert, dass vollständige Integration in die Aufnahmegesellschaft auch ohne die Aufgabe ethnischer Identität erfolgen könne (beispielsweise im Fall der Frankokanadier).[48]

Die Unterscheidung zwischen Assimilation und Integration und die Erklärung von ungleichmäßigen Eingliederungsprozessen durch die Untersuchung unterschiedlicher Ebenen und Bereiche von Integration kennzeichnen dagegen neuere theoretische Ansätze.[49] Integration findet demnach in dem Kontinuum des Eingliederungsprozesses statt, an dessen Ende die Assimilation/Absorption stehen kann und der aus mehreren Phasen besteht, welche die prozesshafte und stufenweise Eingliederung der Migranten in die unterschiedlichen strukturellen Bereiche der Aufnahmegesellschaft darstellen. An seinem Beginn steht die Akkulturation, also das Erlernen kulturell üblicher Eigenschaften der Aufnahmegesellschaft durch Individuen oder Kollektive von Migranten.[50] Sie ist Voraussetzung für den darauf (nicht unbedingt) folgenden Integrationsprozess,[51] der aus individuell subjektiven (persönlicher Lernprozess) und institutionellen (institutionelle Bereitstellung von Möglichkeiten) Dimensionen besteht. Der Erfolg der Integration als strukturelle Eingliederung[52] in die Aufnahmegesellschaft hängt zum einen vom individuell unterschiedlichen Tempo des Migranten und zum anderen von der Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft ab, auf die strukturbezogenen Zugangswünsche des Migranten einzugehen, also von der Migrationspolitik des jeweiligen Landes. Aus dieser Auseinandersetzung folgen fast zwangsläufig Divergenzen und Brüche, die zu Komplikationen im Integrationsprozess und nicht zur vollständigen Assimilation oder Absorption führen. Diese Komplikationen bedingen zudem früher oder später eine Pluralisierung der Aufnahmegesellschaft, die sowohl mit positiven als auch negativen Folgen verbunden ist.

2.5 Individuelle und kollektive Folgen von Migration

Einfluss auf den Integrationsprozess haben auch die direkten Folgen des Migrationsvorgangs. Auf individueller Ebene können dies vor allem psychosoziale Folgen sein, die aus dem Verlassen des angestammten Bezugsrahmens (Entwurzelung)[53] und der aus der Einwanderung resultierenden Orientierungslosigkeit in einem neuen, für den Migranten fremden sozialen System (Desozialisierung)[54] resultieren. Hierzu gehören zum Beispiel persönliche Faktoren wie Schicksalsschläge, unüberwindbares Heimweh, ein bestimmtes Heiratsverhalten sowie der individuelle ökonomische Erfolg oder Misserfolg.[55] Die vielfältigen Konflikte und psychischen Belastungen, die während des (psychologischen) Akkulturationsprozesses auftreten, bezeichnet man in einem psychologischen Ansatz als Akkulturationsstress, der psychosomatische Probleme verursachen kann.[56] Drei Strategien, die zum Umgang mit dem Akkulturationsprozess eingesetzt und als „Adaptation“ bezeichnet werden, sind dabei möglich: Anpassung (adjustment), (Abwehr-) Reaktion (reaction) und Abkehr bzw. freiwillige Ausgrenzung (withdrawal). Diese Strategien werden nicht ausschließlich und voneinander getrennt, sondern situativ abwechselnd eingesetzt und können zu vier verschiedenen Ergebnissen führen: Assimilation, Integration, Segregation (bzw. Separation zwischen Einwanderern und Mehrheitsgesellschaft) und Marginalisierung gegenüber der eigenen ethnischen Gruppe und der Mehrheitsgesellschaft.[57]

Auf kollektiver Ebene sind die Folgen von Migration für die Aufnahmegesellschaft meist sichtbarer. Ein häufig zu beobachtendes Phänomen ist dabei die residentiale Konzentration und Segregation der Migranten, das heißt die (oft ghettoartig) von anderen Bevölkerungsgruppen getrennten und räumlich isolierten Wohngebiete von Einwanderern.

Unterschiedliche Ursachen können für eine solche Entwicklung verantwortlich sein:

- Kettenmigration kann dazu führen, dass sich Migranten dort niederlassen, wo bereits Familienangehörige oder bekannte Landsleute leben.
- Die oft zweckgebundene und auf begrenzte Zeit angelegte Arbeitsmigration von meist familienlosen Einwanderern, für die in einer bestimmten Region mit beson­de­rem Wirtschaftswachstum der Arbeitsmarkt geöffnet wurde, kann an eine Residenz­pflicht in der vorgesehenen Region oder sogar an Werkswohnungen gebun­den sein.
- Diskriminierungen am Wohnungsmarkt oder
- staatliche Siedlungspolitik vor allem im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik können weitere Gründe für die geographische Konzentration von Immigranten sein.[58]

Auf dem Arbeitsmarkt ist oft eine sektorale Konzentration von Migranten zu beobachten. Diese resultiert hauptsächlich aus dem Selektionsprozess der Immigrationspolitik des jeweiligen Landes, die dazu führt, dass nur für bestimmte Bereiche, die wirtschaftlichen Nutzen bringen und in denen meist inländischer Arbeitskräftemangel herrscht, Migranten „angeworben“ bzw. zugelassen werden.[59] In der Konkurrenz mit einheimischen Arbeitskräften aus dem gleichen Sektor, die ihre (meist in besserer Bezahlung oder Absicherung bestehenden) Privilegien zu verteidigen suchen, kann es auch zu einer Spaltung des Arbeitsmarktes nach ethnischen Linien kommen (split labor market), wenn (mindestens) zwei ethnische Gruppen für die Verrichtung gleicher Arbeiten unterschiedlich bezahlt werden.[60] Auf der anderen Seite führt die Konzentration an (meist billigen) Arbeitskräften von Migranten in bestimmten Sektoren oft zu einer „ethnischen Enklavenwirtschaft“, die sich entweder auf besonders arbeitsintensive Produktionsbereiche oder auf die Erfordernisse der besonderen ethnischen Bedürfnisse konzentriert, die durch die zunehmende Zahl an Migranten und ihre räumliche Konzentration entstehen.[61] Soziale Elemente wie das Eingebundensein in eine neue Arbeitssituation, ein Freundes- oder Verwandtenkreis, je nachdem, ob diese der Herkunfts- oder Aufnahmegesellschaft angehören, beeinflussen weiterhin die Integrationsmöglichkeiten.[62]

2.6 Historische Migrationsforschung

Migrationen als fester Bestandteil der menschlichen Kulturgeschichte haben zu allen Zeiten und in vielfältigen Formen stattgefunden.[63] Ihre wissenschaftliche Bearbeitung begann jedoch erst mit der Etablierung der empirischen Natur- und Sozialwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zeitgleich also mit dem Höhepunkt der transatlantischen Massenauswanderung aus Europa. Die Annahme, dass sich dieses Wanderungs­geschehen strukturell und numerisch grundlegend von den Migrationen früherer Zeiten unterschied, beeinflusste die Vorstellungen von Migration und Migranten entscheidend und teilweise bis heute.[64] Dies ist aber aus der historischen Perspektive nicht ohne weiteres zutreffend. Zwar nahmen vor allem interkontinentale Fernwanderungen, aber auch innereuropäische Wanderungen und Binnenmigrationen zu, und die soziopolitischen Umstände, unter denen Migration stattfand, veränderten sich zu dieser Zeit. Aber „die Erfahrungen der Migranten im 19. und früheren 20. Jahrhundert zeigen, entgegen der herrschenden Lehre in der Forschung, keinen Quantensprung gegenüber früheren Epochen.“[65] Allgemein gängige Erklärungsmuster der Migrationsbewegungen dieser Zeitspanne, die vor allem in Verbindung mit der Demographie (wie „Überbevölkerung“ und „Pauperismus“) entstanden, werden oft durch regionale Einzel­studien, in denen auch die Innensicht der Migranten berücksichtigt wird, widerlegt.[66]

Empirische Migrationsforschung entstand als Zweig der numerischen Statistik innerhalb der Demographie und war somit von Anfang an eng mit den Bedürfnissen der Verwaltung und dem modernen Staatsbegriff des 19. und 20. Jahrhunderts verbunden.[67] Das gilt sowohl für die Definition und Klassifikation von Migrationen, die sich an modernen Verwaltungsgrenzen und Staatsvorstellungen orientieren (s. Abschnitt 2.1) als auch für die Sicht auf Migration und Migranten allgemein als ein in erster Linie den Staat betreffendes „Verwaltungsproblem“, das eine Ausnahmeerscheinung zu modernen – sesshaften[68] – Gesellschaften darstellt und deshalb nach Möglichkeit verhütet, zumindest aber beschränkt oder kontrolliert werden muss.[69] Die Innensicht und damit die eigentliche Motivation zur Migrationsentscheidung ist daher aus Quellen dieser Herkunft meist nicht zu erkennen.

Historische Migrationsforschung beschäftigt sich mit dem Wandel von Migration in der Zeit. Dafür muss sie die Grundannahmen, auf denen die heutigen theoretischen Modelle von Migration beruhen, unter Einbeziehung der Wahrnehmung der Migranten und ihrem Wandel, für die historische Perspektive kritisch beleuchten.

Eine über Vorgänge des 19. und 20. Jahrhunderts hinausgehende migrationshistorische Forschung hinterfragt also bestehende Grenzen und Institutionen des Staats in ihrem Einfluß auf das Verhalten der Migranten, untersucht die historische Bedingtheit der Differenzierung zwischen verschiedenen Arten der Migration und ermittelt, welche Migranten wann und gegenüber wem ihre Migrationen in welcher Weise kategorisieren.[70]

Umgekehrt bedeutet das auch, dass die Allgemeingültigkeit gegenwärtiger migrationstheoretischer Modelle auf ihre Anwendbarkeit für die historische Perspektive überprüft werden muss.

2.7 Zusammenfassung

Migration ist als ein allgegenwärtiges und keineswegs neues Phänomen zu betrachten, dessen Auswirkungen sowohl auf der – den einzelnen Migranten und seine Kollektive betreffenden – Mikroebene als auch auf der Makroebene für ganze Staaten und deren Beziehungen untereinander sichtbar werden.

Die Frage, inwieweit die dargestellten Konzeptionen von Migration historisch bedingt, also aus ihrer Zeit heraus entstanden und auf andere historische Kontexte anwendbar sind, berührt die vorliegende Arbeit nur bedingt. Diese beschäftigt sich mit Migrationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so dass die enge Verknüpfung von Migrationsforschung und modernen Staats- und Verwaltungsideen nicht als anachronistisch gelten kann, aber dennoch bewusst gemacht werden muss. Zudem beeinflusst sie, wie dargestellt, die Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Integration von Migranten. Die staatliche Sicht auf Migration wird daher im nächsten Kapitel in die historische Betrachtung der Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und Mexiko einbezogen (s. Abschnitt 3.3). Eine unterschiedliche Wahrnehmung von Grenzen und damit die Unterscheidung von Binnen- und internationaler Wanderung spielt zwar in Bezug auf Migrationen zwischen Mexiko und Deutschland keine Rolle; für Deutschland als Herkunftsland dagegen, dessen politische Grenzen sich im Untersuchungszeitraum stark veränderten, ist dieser Umstand für die Klassifikation von deutschen Auswanderern nach Staatsangehörigkeit oder Ethnizität[71] durchaus von Bedeutung.

Die Wichtigkeit der Einbeziehung subjektiver Einstellungen von Migranten ist ein grundlegendes Dilemma besonders der historischen Migrationsforschung.[72] Sie kann für diese Arbeit mangels qualitativer Quellen aus Sicht der Migranten in nur sehr bescheidenem Rahmen geleistet werden und hauptsächlich in Bezug auf das kollektive Bewusstsein der Gruppe von Deutschen Migranten in Puebla. Dieser Aspekt soll Teil des letzten Kapitels sein.

3. Historischer Hintergrund: Migration in Deutschland und Mexiko

Die Einwanderung von Deutschen nach Mexiko steht im Zusammenhang mit dem europäisch­-überseeischen Auswanderungsprozess des 19. und 20. Jahrhunderts einerseits und der Entwicklung der lateinamerikanischen Länder als Immigrationsländer andererseits, die nach den USA zu den wichtigsten Aufnahmeländern dieser Auswanderungsbewegung wurden. Deutschland als Auswanderungsland und Mexiko als Einwanderungsland wiesen dabei nur bedingt die typischen Merkmale dieser Prozesse auf und stellten in mancherlei Hinsicht einen Sonderfall dar.[73]

3.1 Auswanderung in Deutschland

Die deutsche Massenauswanderung nach Übersee war Ausdruck der umfassenden wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der „demographischen Revolution“ und des Industrialisierungsprozesses in Deutschland während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.[74] Sie umfasste fast sechs Millionen Auswanderer, die in mehreren Phasen Deutschland verließen, um zum allergrößten Teil in die USA einzuwandern.[75] Den Höhepunkt erreichte diese Auswanderungsbewegung zwischen 1880 und 1893; ab 1895 wandelte sie sich zunehmend in eine Binnenwanderung, als es der wachsenden deutschen Wirtschaft gelang, den größten Teil dieser Bevölkerungsbewegung aufzufangen.[76] Sie führte sogar zu einer verstärkten Einwanderung nach Deutschland, ohne dass jedoch die Auswanderungsbewegung vollständig zum Erliegen gekommen wäre.[77]

In dem für diese Arbeit relevanten Zeitraum, also seit Beginn des 20. Jahrhunderts, setzte sich die Auswanderung in drei Phasen fort (s. Abbildung 1).

Abbildung 1 Deutsche Überseeauswanderung 1900–1939

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich (1914–1938); Bickelmann (1980: 143); Hubert (1998: 189, 249); Marschalck (1973: 37).

Zunächst hielt die Auswanderungsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf niedrigem Niveau (zwischen 20.000 und 36.000 jährlichen Auswanderern) relativ gleichmäßig an und ging mit Beginn des Weltkrieges gegen Null. Auch im europäischen Vergleich war die deutsche Auswanderung in diesem Zeitraum eher unbedeutend. Die größten europäischen Auswanderungsländer im Vorkriegsjahrfünft 1911–1915 waren Großbritannien und Italien, die jeweils etwa ein Viertel der Auswanderer stellten (1,9 und 1,56 Millionen Auswanderer), des Weiteren Spanien (830.000), Österreich-Ungarn (730.000) und Russland (550.000).

In den Nachkriegsjahren 1919/20 wuchs die deutsche Auswanderung wider Erwarten zunächst nur geringfügig und stieg erst mit dem schrittweisen Abbau der kriegsbedingten Einreise- und Immigrationsbeschränkungen für Deutsche in den Aufnahmeländern. Im Jahr 1923 – während der großen Inflation in Deutschland – erreichte sie einen neuen Höhepunkt: über 115.000 Auswanderer verließen Deutschland; 80 % von ihnen gingen in die USA und jeweils etwa 7 % nach Argentinien und Kanada. Auslöser für dieses abrupte Anwachsen waren:

- Die Realisierung von schon seit längerem geplanten und durch den Krieg verhin­derten Auswanderungsentschlüssen.
- Die Erfahrung von Krieg und Untergang des Kaiserreiches, Revolution, wirtschaftli­cher Not[78] und Missbehagen angesichts der neuen Republik.
- Die Beschleunigung von mittelfristig geplanten Auswanderungsvorhaben, um das Start­­kapital aus der Inflation zu retten.
- Die Weiterwanderung eines Teils der Bevölkerung, die aus den abgetretenen Gebieten,[79] den deutschen Siedlungsgebieten Ost- und Südosteuropas oder aus den ehemaligen deutschen Kolonien zurückkehrte.

Diese zweite Phase dauerte – auf niedrigerem Niveau von 50.000 bis 60.000 jährlichen Auswanderern – bis 1930 an, als mit Beginn der Weltwirtschaftskrise die Überseeauswanderung fast zum Erliegen kam. Gegenüber dem Vorkriegsjahrzehnt (1901–1910) bedeutete diese Phase eine Verdopplung der Auswandererzahlen und ein Abweichen vom europäischen Trend der tendenziell sinkenden Auswanderungsraten. Deutschland rückte damit an die fünfte Stelle unter den europäischen Auswanderungsländern hinter Großbritannien, Italien, Portugal und Polen auf.[80]

In der dritten Phase der dreißiger Jahre bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges erreichte die deutsche Überseeauswanderung nur einen vergleichsweise geringen Umfang. Europaweit forcierte die Weltwirtschaftskrise die Rückwanderungstendenzen und führte in Deutschland, neben anderen europäischen Ländern, erstmals zu positiven Wanderungsbilanzen.[81] Gleichzeitig kam es ab 1933 zu einer radikalen Veränderung der Beweggründe, die sich von der vorangegangenen Auswanderungsbewegung grundlegend unterschieden: Die durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgelöste Emigration war anders als die vor allem auf wirtschaftlichen und sozialen Motiven basierende Auswanderung politisch und ethnisch motiviert.[82] Hierunter fielen sowohl politische Gegner des Regimes (Sozialisten/Kommunisten, Liberale, Demokraten), die mehr oder weniger freiwillig das Exil antraten als auch jüdische Flüchtlinge.[83]

Zusammensetzung, Struktur und Zielort der Auswanderungsbewegung erfuhren im 20. Jahrhundert ebenfalls Entwicklungen, die einige Unterschiede zur Massenbewegung des vorherigen Jahrhunderts aufwiesen. Die Herkunftsorte der Auswanderer tendierten nicht mehr eindeutig zu einer Region. Während im 19. Jahrhundert vor allem der Südwesten und später der Nordosten Deutschlands als Herkunftsregionen dominierten, glichen sich diese beiden Gegenden auf niedrigerem Niveau zu Beginn des 20. Jahrhunderts an; sie stellten aber immer noch vor Nordwest- und Westdeutschland die häufigsten Herkunftsregionen der Auswanderer. Außerdem wiesen die Hansestädte Hamburg und Bremen weit überdurchschnittliche Auswanderungsziffern auf, was sich vor allem auf die Etappenwanderung[84] der nun zunehmend alleinreisenden Auswanderer zurückführen lässt. Die beiden Industrieregionen Rheinland und das Königreich Sachsen verzeichneten dagegen nur eine unterdurchschnittliche Auswanderung.[85] Vom Beginn der Weimarer Republik bis 1939 setzte sich dieser Trend fort. Insgesamt gab es zu dieser Zeit zwar weniger und widersprüchlichere Bevölkerungsbewegungen als im Kaiserreich, aber drei Regionen wiesen überdurch­schnittliche Wanderungsbewegungen auf: Die Hansestädte Hamburg und Bremen sowie die nordwestlichen Regionen, vor allem Schleswig-Holstein, Hannover und Oldenburg, deren Bevölkerungswachstum wie in den Hansestädten insbesondere auf Binnenwanderungen zurückzuführen war; des Weiteren die südlichen Regionen Württemberg und Baden, ab 1925 auch Bayern und ab 1929 die Rheinpfalz.[86] Die östlichen Regionen verzeichneten dagegen niedrige Auswanderungsraten.

Hinsichtlich der Berufsstruktur der Auswanderer fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls ein Wandel statt, der mit den Herkunftsregionen im Zusammenhang stand: der Anteil an landwirtschaftlichen Berufen war zwar nach wie vor bedeutend, nahm aber tendenziell zugunsten von Berufen im sekundären (Arbeiter und Handwerker) und tertiären Sektor (vor allem Handel) ab.[87] Gleichzeitig stieg der Anteil der aus stärker industrialisierten oder urbanisierten Regionen stammenden Auswanderer, während der von Emigranten ländlicher Herkunft (vor allem aus Nordost-, Nordwest und Süddeutschland) im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts abnahm. Der Wandel der sozioprofessionellen Zusammensetzung der Auswanderer spiegelte somit den allgemeinen Wandel Deutschlands im Übergang vom Agrar- zum Industriestaat wider.

Die Altersstruktur der Auswanderer in dem hier behandelten Zeitraum macht deutlich, dass die Emigranten zum überwiegenden Teil Männer im erwerbstätigen Alter zwischen 21 und 50 Jahren waren. Der Anteil an Frauen, Kindern und Jugendlichen sowie älteren Menschen war in diesem Zeitraum besonders niedrig, was auf eine wieder zunehmende Einzelauswanderung schließen lässt. Anders als gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als zwischen 1881 und 1890 57 % der Auswanderer in Familienverbänden reisten, nahm der Anteil der individuellen Wanderung seit 1900 zu und lag in den Jahren 1921–1928 bei 66,2 % Einzelauswanderern.[88]

Zielort der deutschen Überseeauswanderung waren während des gesamten Prozesses vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika. Auf dem Höhepunkt der Emigrationsbewegung zwischen 1881 und 1890 waren sie das Ziel von jährlich durchschnittlich 96 % der deutschen Auswanderer. Danach nahm der Anteil der USA an der Aufnahme deutscher Auswanderer jedoch kontinuierlich ab. 1901–1910 lag die Quote noch bei 93 %, in den Jahren 1911–1913 sank sie auf 77 % ab und erreichte in den zwanziger Jahren (1921–1933) nur noch 71 % der deutschen überseeischen Auswanderung. Die Gründe für die sinkende Auswanderung in die USA lagen vor allem in den zunehmenden Einwanderungsbeschränkungen und ihren Durchführungsbestim­mungen, die den Einwanderungsprozess verkomplizierten.[89] Gleichzeitig nahm die Bedeutung Lateinamerikas als Zielregion der deutschen Auswanderung zu. Neben Brasilien und Argentinien, die seit 1871 die wichtigsten lateinamerikanischen Aufnahmeländer darstellten, wurde mit der Jahrhundertwende die deutsche Auswanderung nach Lateinamerika breiter und ging zunehmend in verschiedene Richtungen. Während zwischen 1901 und 1910 der Anteil Lateinamerikas als Zielregion der deutschen Emigration noch bei 2 % lag, stieg er zwischen 1911 und 1913 auf 17 %, wovon 6 % auf die Hauptaufnahmeländer Brasilien und Argentinien entfielen.[90] Somit begann in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und mit Beginn des Untersuchungs­zeitraumes dieser Arbeit eine neue Phase der deutschen Auswanderungs­bewe­gung, in der Lateinamerika eine bedeutende Rolle zukam.[91]

In der Zwischenkriegszeit der Weimarer Republik beeinflussten Verarmung, Arbeitslosigkeit oder Furcht vor einem Neubeginn in einem kriegszerstörten Land einerseits, der wirtschaftliche Aufschwung einiger südamerikanischer Staaten (vor allem Argentiniens und Brasiliens) sowie die verstärkten Einwanderungsbeschränkungen der USA andererseits die zunehmende deutsche Auswanderung nach Lateinamerika.

Nach einer Abnahme der Auswandererzahlen mit der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre, ging auch ein größerer Teil der politisch und ethnisch motivierten Emigration nach Lateinamerika. Sie umfasste zwischen 75.000 und 90.000 Personen. Der Anteil an politisch motivierten Emigranten war dabei Anfang der dreißiger Jahre höher als nach Ausbruch des Krieges.[92]

Die Niederlassung der klassischen Auswanderer in Lateinamerika erfolgte zum großen Teil in Agrarsiedlungen, die meist staatlich oder von Auswanderungsagenturen organisiert wurden, bei Erfolg schnell expandierten und geschlossene deutsche landwirtschaftliche Siedlungen entstehen ließen. Diese erreichten oft einen relativen Wohlstand, importierten deutsche Waren und gründeten eigene Schulen, Kirchen und Vereine.[93] Eine weitere Form der Niederlassung war die sogenannte Elitenwanderung[94] von deutschen Kaufleuten, Bankiers, Unternehmern, aber auch Ingenieuren, Geisteswissen­schaftlern oder Offizieren, die in Lateinamerika seit dem 19. Jahrhundert trotz ihrer nur geringen Zahl eine große Bedeutung hatte. Diese Einwanderer ließen sich, anders als die landwirtschaftlichen Siedler, vor allem in städtischen Marktzentren nieder, meist an Hafenplätzen mit Transportverbindungen zu den Ballungszentren. Es waren in erster Linie diese ausländischen Kaufleute, die den Export von Agrarprodukten und mineralischen Rohstoffen nach Europa und den Import von Industriegütern nach Lateinamerika vermittelten. Besonders für Mexiko spielte diese Form der Einwanderung eine bedeutende Rolle.

3.2 Einwanderung und Präsenz von Deutschen in Mexiko

Die Einwanderung nach Mexiko unterschied sich quantitativ und strukturell deutlich von dem Immigrationsverlauf in die größten Aufnahmeländer Lateinamerikas, den sogenannten ABC-Staaten (Argentinien, Brasilien und Chile). Mexiko blieb zwar bis zum Beginn der dreißiger Jahre ein Netto-Einwanderungsland,[95] in Abbildung 2 wird jedoch deutlich, dass der Verlauf der Immigration zwischen 1908 und 1944 auf für ein Einwanderungsland relativ niedrigem Niveau stark fluktuierte.

Abbildung 2 Einwanderung von Ausländern in Mexiko 1908–1945

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erst ab 1928 enthalten die Statistiken die Kategorie inmigrantes definitivos. Bis 1928 wurde die Kategorie inmigrantes nicht näher beschrieben und beinhaltete wohl die gesamte Einreise von Ausländern, ohne ihren Aufenthaltsstatus näher zu beschreiben.

Quellen: Landa y Piña (1930: 19); Anuario Estadístico 1923–1924 (2, 1926: 103); Anuario Estadístico 1938 (1939: 87); 1939 (1940: 204); 1940 (1942: 240); 1942 (1948: 325–326); 1943–1945 (1950: 145–146).

Spitzen der Einwanderung lagen in den Jahren 1910–1912 und 1922–1925, Letztere also zeitgleich mit dem Auswanderungshöhepunkt in Deutschland. Mehr oder weniger starke Einbrüche wiesen zunächst die Jahre 1911 und 1914–1918 auf, also während der Mexikanischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg, der die Auswanderung in den meisten Ländern erheblich erschwerte, sowie die Zeit nach 1926. Somit ergeben sich vier Phasen der Einwanderung für den angegebenen Zeitraum:

- Eine kurze vorrevolutionäre Phase (1908–1909) mit stark steigenden Einwanderungs­zahlen.
- Eine zweite Phase von 1910 bis 1919, in welcher aufgrund der revolutionären Unruhen und der Auswirkungen des Weltkrieges die Einwanderungszahlen fielen.
- Eine Phase der Erholung, in der die wiedergewonnene Stabilität Mexikos zu einem erneuten Anstieg der Einwanderung führte.
- Ein erneutes Absinken der Einwanderung nach 1925,[96] das vermutlich mit den zunehmenden Verschärfungen der Einwanderungsbestimmungen zusammenhing, die durch die sukzessive Einschränkung der Migration in den Gesetzgebungen ab 1926 weitergeführt wurden (vgl. Abschnitt 3.3.2.2). Außerdem sind die Zahlen vor 1928 nur bedingt mit den später erhobenen zu vergleichen, da noch keine differenziertere Klassifizierung von Immigranten vorgenommen wurde. Der geringfügige Anstieg um 1940 weist dagegen auf die Ankunft der antifaschistischen Exilanten (s. Abschnitt 3.2, Seite 36ff.) in Mexiko hin. Da Spanier in der Immigrations­statistik seit 1940 geson­dert aufgeführt wurden,[97] bezeichnet die Zunahme von Immi­granten wohl hauptsächlich Flüchtlinge anderer Nationalitäten.

Die Anzahl von Ausländern in Mexiko, wie in Tabelle 1 dargestellt, spiegelt diese Trends zeitlich versetzt wider.

Tabelle 1 Ausländer nach Nationalität in Mexiko 1900–1940 im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a Mexikaner und Ausländer in Mexiko nach Nationalität.

b Die Zahlen nach Geburtsort unterscheiden sich an dieser Stelle erheblich und ergeben einen Ausländer-anteil von 0,9 %.

Quelle: Salazar Anaya (1996: 291).

Die Ausländerzahl in Mexiko verdoppelte sich nahezu zwischen 1900 und 1910. Das leichte Absinken bis 1921 entspricht der abgeschwächten Einwanderung während der Revolution und dem Ersten Weltkrieg. Es lässt zudem auf eine verstärkte Abwanderung von Ausländern schließen, die dazu führte, dass ihre Anzahl absolut und relativ im Verhältnis zur mexikanischen Gesamtbevölkerung sank. Die starke Einwanderung besonders in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre führte zu der höchsten Ausländerzahl und dem größten Ausländeranteil im Jahr 1930. Die drastisch gesunkene Einwanderung seit Ende der zwanziger Jahre kann allerdings die um mehr als die Hälfte gesunkene Ausländeranzahl um 1940 nicht allein erklären. Neben der Umkehr der Migrationssalden ab 1931, die auf eine verstärkte Abwanderung auch von Ausländern schließen lässt, ist der geringe Anteil vermutlich auch auf verstärkte Naturalisierungen von Ausländern zurückzuführen. Die Zahlen von im Ausland Geborenen lagen im Jahr 1940 um ein Vielfaches höher – im Gegensatz zu den Zahlen in Tabelle 1, die Ausländer nach Nationalität darstellen.

Der Anteil an weiblichen Einwanderern, der sich für die Jahre 1911 bis 1924 an Hand des Anuario Estadístico feststellen lässt, war stets sehr gering. Er betrug nur in zwei Jahren (1922 und 1924) mehr als ein Viertel der Einwanderer und lag zwischen 20,1 % im Jahr 1916 und 27,5 % im Jahr 1922.[98]

Tabelle 1 zeigt zudem, dass die Einwanderung von Ausländern in Mexiko im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung insgesamt eher unbedeutend blieb. Der Ausländeranteil lag während des hier zu untersuchenden Zeitraums immer deutlich unter einem Prozent und war damit nicht einmal halb so hoch wie der des Netto-Auswanderungslandes Deutschland im Jahr 1910.[99]

Die wichtigsten Nationalitäten der Einwanderer spiegeln sich in den am stärksten vertretenen Ausländergruppen in Mexiko wider. Zu den zehn größten Ausländergruppen nach Nationalität zählten zwischen 1900 und 1940 in erster Linie Spanier, Guatemalteken und US-Amerikaner, des Weiteren Briten, Franzosen, Kubaner, Deutsche, Italiener, Chinesen, Japaner und Türken (ab 1910), Syrer bzw. Libanesen und sirio-libaneses (ab 1921)[100], Kanadier[101] und Araber (ab 1930) sowie (ab 1940) Polen (vgl. dazu die Tabellen im Anhang 8.1). Einwanderer deutscher Nationalität stellten während dieser Zeitspanne zunächst die acht- und siebtgrößte Ausländergruppe und rückten bis 1930, in der Dekade mit den höchsten Ausländerzahlen und -anteilen, an die sechste Stelle auf. 1940, als der gesamte Ausländeranteil beträchtlich abgenommen hatte, belegten Deutsche mit einer Zahl, die kaum über der von 1900 lag, wieder den siebten Rang unter den Ausländergruppen (s. Tabelle 2).

Der Verlauf der Einwanderung von Deutschen nach Mexiko entsprach, soweit er von den mexikanischen Statistiken erfasst wurde, weitgehend dem Muster der mexikanischen Einwanderungsstatistik und weniger dem der Auswanderung aus Deutschland (vgl. Anhang 8.2). Das wird einerseits deutlich durch die zwar stark gesunkene, aber anhaltende Einwanderung während des Ersten Weltkrieges und dem Höhepunkt erst um 1925, andererseits durch das abrupte Absinken um 1910 und nach 1925/26 sowie das geringfügige Anwachsen um 1940. Auch hierbei ist allerdings zu bedenken, dass die Zahlen vor 1928 alle Einreisenden und nicht nur die dauerhaft im Land bleibenden Immigranten umfassen.

Die Anzahl von Deutschen in Mexiko ist in Tabelle 2 dargestellt.

Tabelle 2 Deutsche in Mexiko 1900–1940 nach Nationalität: Anzahl, Anteile an der Gesamtbevölkerung und Rang unter den Ausländergruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a Die Zahl Deutscher nach Geburtsort unterscheidet sich an dieser Stelle erheblich von der nach deutscher Nationalität und betrug nur 4.271.

Quelle: Salazar Anaya (1996: 425).

Um 1900 lebten nach dem Zensus rund 2.600 Deutsche im Land, davon etwa 700 in der Hauptstadt.[102] Ihre Anzahl wuchs besonders während der zwanziger Jahre weiter an und erreichte im Jahr 1930 den Höchststand mit 6.401 Deutschen – was einem Anteil von nicht einmal 0,4 ‰ der mexikanischen Gesamtbevölkerung entsprach. Die Zahl der in Deutschland Geborenen lag zu dieser Zeit mit 4.471 noch deutlich darunter.[103] Bis 1940 sank die Anzahl von Deutschen wie die gesamte Ausländerzahl in Mexiko um mehr als die Hälfte und relativ sank ihr Anteil unter den Stand von 1900.

Siedlungsverhalten und soziales Profil der Deutschen in Mexiko unterschieden sich von den üblichen Strukturen in den großen Einwanderungsländern Lateinamerikas.[104] Landwirtschaftliche Siedlungen, die seit dem 19. Jahrhundert direkt von der mexikanischen Regierung oder – meist erfolgreicher – von privaten Unternehmen gegrün­det wurden, spielten für Mexiko insgesamt und besonders für deutsche Einwanderer (trotz einiger Bemühungen seitens der Regierung vor allem während des Porfiriats) nur eine geringe Rolle.[105] Auch die letzten, nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Pläne für eine deutsch-mexikanische Siedlungsgesellschaft scheiterten.[106]

Eine größere Bedeutung im landwirtschaftlichen Bereich kam den deutschen Kaffeepflanzern in der Provinz Soconusco in Chiapas zu. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es etwa 50 deutsche Kaffeepflanzungen in diesem Gebiet. Die Zahl der Deutschen und ihr Einfluss in der Provinzhauptstadt Tapachula wuchsen besonders in den zwanziger Jahren durch den Zuzug von deutschen Angestellten wie Mechanikern, Buchführern, Verwaltern und Agronomen. In dieser Zeit gehörten die deutschen fincas zu den produktivsten des Landes. Im Jahr 1922 beispielsweise stellten sie mit 34 % den größten Anteil an Pflanzungen und produzierten zudem 53 % der Kaffeeernte.[107] Viele der Kaffeepflanzer waren bereits im Lande geboren, hatten ihre Ausbildung in Deutschland genossen und profitierten bei ihrer Rückkehr von ihrer mexikanischen Staatsangehörigkeit.[108]

Das größte Wachstum und die größte Bedeutung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarben die Deutschen in Mexiko vor allem durch den Zuzug von Kaufleuten, Händlern und Handlungsgehilfen. Bereits 1830 soll ihr Anteil an allen Deutschen in Mexiko etwa 30 % betragen haben. Für 1910 wurde die Anzahl von Großkaufleuten und Händlern unter den Deutschen auf 2.000 geschätzt, was einem Anteil von über 52 % entsprach.[109] Die wirtschaftlichen Tätigkeiten der Deutschen erstreckten sich auf die unterschiedlichsten Bereiche. Während des Porfiriats widmeten sich Deutsche dem Verkauf von Musikinstrumenten, handelten mit Arbeitsgeräten, Maschinen, Haushaltsbedarf oder Kurzwaren und waren Juweliere oder Bankiers.[110] Erich Günther, Lehrer an der deutschen Handelsrealschule in Mexiko-Stadt, beschrieb im Jahr 1910 – etwas zugespitzt – die Tätigkeiten der Deutschen und der übrigen wichtigen Ausländergruppen:

Sind die Franzosen in Mexico in erster Linie Angestellte, Kleinkaufleute, Manufaktur- und Modewarenhändler, die Engländer und Amerikaner Minenleute, die Spanier Trödler, Pfand­leiher und Krämer, so sind die Deutschen die ersten Großkaufleute des Landes, und zwar ruht in ihren Händen der Eisen-, Goldwaren-, Uhren- und Drogenmarkt aus­schließ­lich.[111]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten deutsche Firmen zu den angesehensten des Landes, trotz starker Konkurrenz vor allem der Amerikaner. Einige der zahlreichen deutschen Unternehmen in Mexiko-Stadt seien hier genannt: 1865 gründete Robert Böker aus Remscheid ein Maschinengeschäft mit technischer Abteilung, die Firma Boker & Co. (später Cia. Ferretera Mexicana S. A. Casa Boker). Ebenfalls mit Eisenwaren und Haushaltsbedarf handelte die Firma Sommer Herrmann & Co., die auch Filialen in Veracrúz und Puebla (vgl. Abschnitt 4.1.4). unterhielt. Des Weiteren ist das Musikinstrumentengeschäft Wagner y Levien mit Filialen in Puebla und Guadalajara zu nennen. Die Firma von Carlos Stein (chemische Produkte) machte sich um die pharma­zeutische Industrie Mexikos verdient. Daneben gab es eine deutsche Bierbrauerei von dem aus Mecklenburg stammen­den Carlos Fredenhagen sowie deutsche Kantinen und Restaurants.[112] An „deutschen“ Banken zählte Lemcke im Jahr 1900 den Banco Central Mexicano (der Direktor war Deutscher) sowie die Firmen Scherer & Co., Struck & Co. und H. L. Wiechers auf.[113] Die Deutsch-Südamerikanische Bank mit Hauptsitz in Berlin unterhielt ebenfalls eine Filiale in Mexiko. Die deutsche Schiffsagentur Heynen & Eversbusch, Agencia Comercial y Marítima war im Hause Boker vertreten. Zu nennen ist auch die Hamburg-Amerika-Linie (HAPAG), die als größte deutsche Reederei eine Vormacht­stellung in der internationalen Mexiko-Fahrt innehatte und den Verkehr zwischen Deutschland und Mexiko fast voll­ständig beherrschte.[114]

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Anteil der Beteiligung von Deutschen am mexikanischen Außenhandel auf Kosten vor allem der Franzosen. Im Jahr 1913 bezog Mexiko seine Importe zu 49,7 % aus den USA, zu 13,2 % aus Großbritannien und zu 12,9 % aus Deutschland, noch vor Frankreich (9,4 %) und Spanien (5,8 %).[115] In der gleichen Reihenfolge waren diese Länder auch die wichtigsten Exportländer für Mexiko.[116] Trotz starker Einbrüche während des Ersten Weltkrieges vervielfachten sich die Summen der Im- und Exportwerte zwischen Deutschland und Mexiko bis Ende der dreißiger Jahre. 1937 und 1938 wurde Deutschland sogar das zweitwichtigste Importland für Mexiko, aus dem es Waren im Wert von über 90 Millionen Pesos bezog und blieb das drittwichtigste Land für mexikanische Exporte.[117]

Deutsche Großkonzerne wie Krupp, Mannesmannwerke und Siemens (seit 1894)[118] waren während des Porfiriats in Mexiko präsent und konnten auch nach der Revolution trotz einiger Verluste ihre Positionen ausbauen. 1912 gründete AEG die Tochterfirma A. E. G. Compañía Mexicana de Electricidad, S. A. in Mexiko-Stadt.[119] Weitere Konzerne wie Hugo Stinnes, Deutzmotoren und I. G. Farben kamen im Laufe der zwanziger Jahre nach Mexiko; Letztere war durch unterschiedlich spezialisierte Unternehmen präsent, wie die Cia. General de Anilinas S. A., Casa Bayer S. A., Hoechst S. A., Unión Química (AGFA) und Instituto Behring S. A.[120] Über die bedeutende wirtschaftliche Stellung der Deutschen in Mexiko, aber auch in anderen Teilen Lateinamerikas, äußerte sich ein deutscher Reisender bereits um 1900:

Vom Rio Bravo bis zum Cap Hoorn beherrschen die Deutschen wie die Engländer den Handel und die Banken. Sie betrachten den Kaufmannsstand als ein Priestertum. Veracruz ist ein völlig deutscher Handelsplatz, ebenso Colima, Mazatlan, Tampico und andere Häfen.[121]

Deutliche Einbußen erlitt diese Stellung erst mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und Mexikos Kriegseintritt (1942) auf Seiten der USA, auf deren Druck in viele deutsche Handelshäuser interveniert und ihr Besitz teilweise konfisziert wurde.[122]

Vor diesem sozioökonomischen Hintergrund ist auch der größte Teil der Einwanderung von Deutschen nach Mexiko zu sehen. Es handelte sich meist um unverheiratete Jungkaufleute, die, anders als die landwirtschaftlichen Siedlungswanderer, vornehmlich allein reisten und mit einem deutschen oder auch ausländischen Handelshaus ein Vertragsverhältnis eingingen, oft in der Absicht, nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Viele von ihnen stammten aus den protestantischen Mittelschichten der Hafenstädte Bremen und Hamburg. Wer sich bewährte und bereit war zu bleiben, konnte weiter aufsteigen und eine Prokura erwerben oder ein Teilhaber­verhältnis eingehen und unter Umständen später sein eigenes Geschäft gründen.[123]

Die deutschen Einwanderer, die sich in Mexiko etablierten, gründeten zahlreiche kulturelle, soziale, wirtschaftliche und sportliche Vereinigungen, die meisten von ihnen in der Hauptstadt, wo der größte Anteil von ihnen lebte. Neben der 1894 gegründeten Deutschen Schule wurde in Mexiko-Stadt 1915 der Verband Deutscher Reichsangehöriger in Mexiko (VDRM) gegründet, der den Anspruch hatte, „die reichsdeutsche Kolonie in ihrer Gesamtheit zu vertreten und in ihrem Namen sich aller Aufgaben anzunehmen, die dieser Gesamtheit zukommen“[124] sowie der ihm 1923 angegliederte Handelsausschuss. Der Deutsche Hilfsverein unterstützte hilfsbedürftig gewordene Mitglieder der deutschen Gemeinschaft und betrieb den deutschen Friedhof in Tacubaya. Außerdem gab es eine Deutsche Krankenkasse. Zwei Frauengruppen, der Deutsche Frauenverein in Mexiko (seit 1903) und der Verband Die deutschen Frauen Mexikos (seit 1920) betrieben Wohlfahrts- und (deutsche) Brauchtumspflege. Als Ableger von Vereinigungen in Deutschland existierten der Deutsch-nationale Handlungsgehilfen-Verband, der Verein für Handlungs­commis von 1858 und die nationalistischen Vereinigungen Bund deutscher Frontkämpfer und Stahlhelm (seit 1931, s. hierzu Abschnitt 5.1.3). Es gab das bereits 1848 gegründete Deutsche Haus, den Deutschen Verein und den Deutschen Bund als gesellschaftliche Vereinigungen, einen Deutschen Gesangsverein (von 1842), einen Kammermusikverein und als Sportvereine den Deutschen Turnverein (gegründet 1875), den Deutschen Ruderverein (seit 1909), den Deutschen Reitverein (seit 1884), den Schwimmverein Neptun und den Fußballverein Germania (seit 1915). Des Weiteren war 1883 die Deutsche Zeitung von Mexiko gegründet worden, die bis 1942 zunächst einmal, später zwei- bis dreimal wöchentlich in einer Auflage von etwa 2.000 Exemplaren erschien. Zwischen 1910 und 1914 erschien daneben das deutsche Wochenblatt Der Wanderer. Der Deutsche Flottenverein war in Mexiko präsent sowie eine Deutsche Freimaurerloge Germania, die „unter dem Schutze der großen Loge von Hamburg“ stand.[125] Diese vielfältigen und relativ lange bestehenden Vereinigungen verdeutlichen den dauerhaften Charakter der deutschen Ansiedlung in Mexiko unter Wahrung der eigenen ethnischen Identität – also die Formierung einer „Deutschen Kolonie“[126] in Mexiko.

Eine weitere Bedeutung für deutsche Einwanderer erlangte Mexiko Ende der dreißiger Jahre als Exilland für Gegner des Nationalsozialismus.[127] Auch hier war der qualitative Einfluss weitaus größer als der quantitative: Während die großen Einwanderungsländer Lateinamerikas Hitlerflüchtlinge in fünfstelliger Zahl aufnahmen, kamen kaum 3.000 von ihnen nach Mexiko.[128] Trotzdem entstand hier durch eine ungewöhnliche Konzentration politisch exponierter Emigranten eines der bedeutendsten Zentren des deutschen Exils, das von Persönlichkeiten wie den Schriftstellern Anna Seghers oder Egon Erwin Kisch und Politikern wie Paul Merker (er war das einzige Mitglied des KPD-Politbüros im westlichen Exil) oder Otto Rühle[129] repräsentiert wurde. Ursache dieser Entwicklung war die liberale Asylpolitik der Regierung von Präsident Cárdenas (1934–1940)[130], die sich eigentlich in erster Linie an die spanisch-republikanischen Exilanten von 1939 richtete, welche nach dem Sieg Francos nach Frankreich geflüchtet waren.[131] An sie hatte Cárdenas ein generelles Asylangebot gerichtet, das selbst nach der Kapitulation Frankreichs 1940 auch bilateral mit den Behörden in Vichy abgesichert wurde. Auf diese Weise kamen noch unter der Regierung von Cárdenas’ Nachfolger, dem konservativen Ávila Camacho (1940–1946), bis 1942 rund 15.000 Spanier nach Mexiko.[132] Aber auch zahlreiche nichtspanische Antifaschisten, von denen viele die spanische Republik, teilweise sogar als Kämpfer, unterstützt hatten, profitierten von dem mexikanischen Engagement. So wurde oft auch deutschen, österreichischen oder italienischen Kommunisten und Sozialisten als naturalisierten Spaniern oder durch unverfängliche Sprachregelungen großzügig Asyl gewährt.[133] Mexiko wurde so zum wichtigsten Zentrum der Emigration von KPD-Anhängern im westlichen Exil[134] und zum Zufluchtsort auch für andere deutsche linke Exilanten wie Linkssozialisten[135] oder Anarchosyndikalisten[136], denen der Weg in die USA aufgrund ihrer politischen Anschauungen versperrt war.

Jüdischen Flüchtlingen gegenüber war die mexikanische Regierung hingegen weitaus weniger großzügig.[137] Die Opposition der mexikanischen Regierung zum Nationalsozialismus und die Affinität zu antifaschistischen Kreisen im Land ging offenbar nicht mit einer Ablehnung des Antisemitismus einher. Die Asylpraxis bezüglich jüdischer Flüchtlinge wurde aufgrund ethnischer Vorbehalte überaus restriktiv behandelt. Bestenfalls 1.850 Juden gelang seit 1933 die Einreise nach Mexiko.[138]

Die kulturellen Vereinigungen, die von den Exildeutschen gegründet wurden, standen naturgemäß im Gegensatz zu den eher nationalistisch orientierten und zum größten Teil der seit 1932 als Landesgruppe Mexiko tätigen NSDAP (AO) „gleichgeschalteten“ Organisa­tionen von alteingesessenen deutschen Einwanderern. Die Liga Pro-Cultura Alemana war die erste, bereits 1938 von dem Berliner Journalisten Heinrich Gutmann gegründete Vereinigung, die mit Beginn des Krieges zum Sammelbecken der ankommenden Exilanten wurde. 1941 folgte die von Egon Erwin Kisch, Anna Seghers und dem Österreicher Bruno Frei herausgegebene Zeitschrift Freies Deutschland (später Neues Deutschland), die mit einer Auflage von bis zu 4.000 Exemplaren durchgehend bis 1946 erschien.[139] 1942 wurde die Bewegung Freies Deutschland gegründet, die sich unter der Leitung Paul Merkers das offizielle Ziel gesetzt hatte, zur überparteilichen Einheit gegen Hitler aufzurufen und die nicht-kommunistische, literarische und politische Emigration, die jüdische Massenflucht und die bereits ansässigen deutschen Minderheiten gleichermaßen anzusprechen. Während der Erfolg bei den Letzteren ausblieb gelang es dagegen, einen ernsthaften deutsch-jüdischen Dialog zu initiieren.[140] Unter dem Anspruch, die gesamten Hitlergegner in Lateinamerika zu vertreten, konstituierte sich 1943 das Lateinamerikanische Komitee der Freien Deutschen in Mexiko, zu dessen symbolträchtigen Ehrenpräsidenten der in den USA exilierte Schriftsteller Heinrich Mann ernannt wurde.[141] Angehörigen künstlerischer und akademischer Berufe stand der 1941 unter dem Vorsitz von Anna Seghers gegründete Heinrich-Heine-Klub offen. Er veranstaltete anspruchsvolle literarische Abende, Theateraufführungen, Filmvorführungen, Konzerte oder wissenschaftliche Vorträge.[142] Außerdem entstand der Exilverlag El Libro Libre, in welchem Bücher in einer Auflage von etwa 2.000 Exemplaren erschienen wie das von dem österreichischen Exilanten Otto Katz verfasste, spanischsprachige Libro Negro del Terror Nazi en Europa.

Als jüdische Organisation wurde die Menorah – Vereinigung Deutschsprechender Juden gegründet, die zwar zusammen mit anderen mexikanisch-jüdischen Organisationen in einem Dachverband organisiert war, aber dennoch eine gewisse kulturelle Abgrenzung gegenüber den alteingesessenen, meist in ostjüdischer oder sephardischer Tradition stehenden Juden darstellte.[143] Auch zahlreiche „eigentlich“ politische Emigranten waren in der Menorah tätig. Als Gegenstück zu dieser Organisation, in der zionistische Ideen nur eine untergeordnete Rolle spielten, konstituierte sich 1943 die zionistische Hatikwah. 1948, im Jahr der Staatsgründung Israels, fusionierten diese beiden Organisationen.

Einige der politischen Emigranten ließen sich nach Kriegsende dauerhaft in Mexiko nieder,[144] die meisten jedoch verließen das Exilland wieder. Viele, unter ihnen Anna Seghers, Paul Merker, Paul Janka, Alexander Abusch und Ludwig Renn, gingen in die neugegründete DDR.[145]

[...]


[1] Zu Deutschen in Mexiko-Stadt vgl. zum Beispiel Nagel (2000) und Hanffstengel et al. (1999); zu deutschen Unternehmern vgl. Mentz et al. (1982 und 1988: 19–60, 121–230); zu deutschen Kaffeepflan­zern vgl. Bonfil Batalla (1993: 351–365); Mentz et al. (1988: 61–120, 231–322).

[2] Auch in der Artikelserie “Los extranjeros en las regiones“, in: Eslabones (1995, 9–10) fehlen Untersuchun­gen über Deutsche.

[3] Die Datierung des Endpunktes der Mexikanischen Revolution variiert je nach Gewichtung der im Folgenden dargestellten Phasen zwischen 1917 (der Entstehung der neuen Verfassung), 1920 (dem Ende der Revolutionskriege und dem Sturz Carranzas) und 1940 (dem Ende der „sozialen Revolution“ unter Cárdenas). Obwohl auch die Entwicklungen nach 1920 in direktem Zusammenhang mit den Revolu­tionsbewegungen standen, werde ich im Folgenden mit diesem Begriff nur den Zeitraum der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen 1910 und 1920 bezeichnen.

[4] Vgl. Tobler (1994). Zur Geschichte und zu verschiedenen Aspekten der Mexikanischen Revolution s. Knight (1984 und 1986); Tobler (1984); Meyer (1986); Katz (1964 und 1981).

[5] Über die Entwicklung und die Probleme der Datenerhebung sowie über die Umstände der Erhebung der einzelnen Zensus vgl. Salazar Anaya (1996: 23–34, 56–67).

[6] Es wurden auch Daten über 3 Österreicher und 2 Schweizer aufgenommen. Um die Einheitlichkeit mit den anderen Daten und die Definition nach Staatsangehörigkeit zu gewährleisten, werden sie in der Auswertung nicht berücksichtigt.

[7] Das gilt zumindest für das Register auf städtischer Ebene. Im Reglamento sobre Registro de extranjeros (1932: 2) wird ein bereits 1926 für die Republik sowie ein seit 1930 im Distrito Federal durchgeführtes Register erwähnt, die weiterhin gültig blieben und als Basis des neuen Registers dienen sollten.

[8] Reglamento sobre Registro de extranjeros (1932: 2, Artikel 1).

[9] Reglamento sobre Registro de extranjeros (1932: 2, Artikel 2): “Están obligados a inscribirse en el Registro todos los extranjeros radicados en la República desde antes del 1° de mayo de 1926 y los que, según el artículo 35 de la Ley, deban entrar dentro de la clasificación de inmigrantes.”

[10] Zum Vorgang der Registrierung vgl. Reglamento sobre Registro de extranjeros (1932: 1–5).

[11] Daher ergeben sich auch Registrierungsdaten bis in die fünfziger und sechziger Jahre.

[12] Ohne die Schweizer und Österreicher (insgesamt 5).

[13] Obwohl nach dem Reglamento sobre Registro de extranjeros (1932: 5, Artikel 21) in diesem Fall automatisch Kopien der Dokumentation an das neue zuständige municipio gesendet werden sollten.

[14] Allerdings war auch das Registrierungsdatum oft unklar, nicht zu entziffern oder fehlte, besonders wenn keines der beiden Formulare in den Akten vorhanden war.

[15] Es fand sich nur ein einziger Name mit litauischer Staatsangehörigkeit.

[16] Es ist nicht klar, ob es sich bei dem Band eventuell um das Libro de registro handelt, da die Beschreibun­gen dieses Buches aus dem Reglamento sobre Registro de extranjeros (1932: 5) nur teilweise zutreffen: “Artículo 18.- Las inscripciones en el ‘Libro de Registro’ serán numeradas por orden progresivo, el que figurará en la columna de la izquierda de la hoja modelo número 7, anotandose en el margen derecho el número que la tarjeta forma 14 lleva impreso. Mensualmente se separarán en el libro estas inspriciones, asentándose después del último nombre registrado durante un mes, al centro de la hoja, el nombre del mes siguiente, sin que esto quiera decir, que se interrumpa la numeración progresiva. Articulo 19.- Las inscripciones en los libros de registro serán manuscritas y con tinta, sacando mensualmente copia a máquina de ellas por duplicado, para enviar, el original al Departamento de Migración y el duplicado a la Oficina Estatal [...].” Der Name Libro de registro kommt in dem Doku­ment nicht vor und es wurde nur bis 1934 geführt. Außerdem verwundern die Differenzen des Datenbestandes zu dem der extranjería, auf dem er ja eigentlich basieren müsste.

[17] Meistens über den Umstand, dass eine Person in Mexiko geboren war.

[18] In seltenen Fällen war auch sie falsch, nicht eindeutig oder fehlte.

[19] Davon kam eine Person innerhalb des Einwohnerverzeichnisses doppelt vor .

[20] Vgl. diese Definition beispielsweise bei Han (2000: 6); Kleinschmidt (2002: 13); Lee (1966: 49). Sie schließt gegenüber älteren Definitionen, die Migration nur als Bewegung im geographischen Raum be­schrieben, Reisen oder Pendlerbewegungen (zum Beispiel Transhumanz oder Berufspendler) aus.

[21] Han (2000: 7) nennt für die UNO seit 1960 jedoch einen Zeitraum von fünf Jahren.

[22] Als Wohnsitz wird „der zentrale Punkt verstanden, auf den die Bewegungen von Einzelnen oder Gruppen in einem Raum immer wieder zurückführen“. Kleinschmidt (2002: 20).

[23] Ibid.

[24] Dies bemerkt zu Recht auch Kleinschmidt (2002: 13–14).

[25] Eine Situation wie sie in vielen Ländern Afrikas, Asiens und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aber auch bei der „illegalen“ Überschreitung internationaler Grenzen in Europa und Nordamerika (zum Beispiel von mexikanischen Landbewohnern nach Kalifornien) vorkommen kann.

[26] Ein besonderer Fall dieser Situation war beispielsweise die Migration von DDR-Bürgern in die BRD zwischen 1949 und 1989, die von der Bundesrepublik nicht als Migranten bezeichnet wurden, auch wenn sie sich als solche fühlten. Vgl. Kleinschmidt (2002: 15, Fußnote 12).

[27] Ibid. (14).

[28] Konservierend bedeutet, dass die Migration als Reaktion auf Veränderungen benutzt wird, um den alten Zustand wiederherzustellen, innovativ dagegen, dass Migration als Mittel zur Erlangung von etwas Neuem genutzt wird. Vgl. Petersen (1958), dazu auch Han (2000: 24–26).

[29] „In der Realität bleiben [Menschen] selten ein Leben lang dort, wo sie geboren sind. Sie sind in Bewe­gung und ständig auf der Suche nach neuen und besseren Lebensbedingungen und Lebens­optionen“, Han (2000: 18); s. auch Boyd (1989: 640). Radikal weitergedacht führte diese Idee zum Postulat des „Migra­tionismus“, bei dem im Sinne des Diffusionismus in (oft nur vermeintlichen) Migrationen die ausschlaggebenden Faktoren für historischen Wandel und Fortschritt gesehen werden. Vgl. zum Beispiel Kleinschmidt (2002: 13–44); Hirschberg (1988, s. v. „Migrationstheorie“).

[30] Hierzu zählen Anziehungsfaktoren im Zielland der Migration wie beispielsweise politische Stabilität, demokratische Sozialstruktur, religiöse Glaubensfreiheit, wirtschaftliche Prosperität und bessere Ausbil­dungs- oder Verdienst­mög­lichkeiten; vgl. Han (2000: 14).

[31] Zum Beispiel politische oder religiöse Verfolgung, Wirtschaftskrisen, Krieg oder ökologische Katastro­phen; vgl. ibid.

[32] Die Einteilung in Push - und Pull-Faktoren geschah in Anlehnung an das Gravitationsmodell von E. G. Ravenstein aus dem Jahr 1885, das er in Analogie zu den Gravitationsgesetzen der Physik entwickelte. Es besagte, dass die Migrationsfälle mit zunehmender Entfernung abnehmen, da die (materiellen und sozialen) Migrationskosten mit der Entfernung größer und die Informationen über das Zielgebiet gerin­ger werden. Demnach bestehe ein nahezu naturgesetzlicher inverser Zusammenhang zwischen Migrations­häufigkeit und zunehmender Entfernung. Vgl. Han (2000: 13); Kleinschmidt (2002: 23–24).

[33] Unter Kettenmigration versteht man „eine Form der Migration, die durch persönliche Informationen (zum Beispiel Briefe, Erfolgsberichte, Erzählungen) von bereits ausgewanderten Familienangehörigen oder Bekannten vom Ausland aus motiviert und ausgelöst wird“, Han (2000: 12). Sie wird meist durch junge „Pioniermigranten“ vorbereitet. Die oft erst prozesshafte Entscheidung zur permanenten Migra­tion, die Entstehung ethnischer Gemeinschaften und das Gefühl der Einsamkeit führen schließlich zu dem Bedürfnis, ihre Familienangehörigen und Bekannten nachzuholen.

[34] Ob diese Bestimmungen sich tatsächlich auf die Migrationshäufigkeit auswirken bleibt allerdings umstritten, da „illegale“ Migration eine schwer erfassbare aber nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

[35] Vgl. Han (2000: 28–37): So werden unter arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Gesichtspunkten – und unabhängig von den individuellen Motiven – Migranten und Migrantinnen im mittleren Alter als wirt­schaftlicher Gewinn für die Aufnahmeländer – und Verlust für die Herkunftsländer – bevorzugt. Hierzu gehört auch das Phänomen des brain drain, also der verstärkten Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus einem Land. Zusätzlich finden meist Selektionen der Migranten nach rassischen, ethni­schen oder religiösen Kriterien statt, die durch die Einwanderungspolitik der Aufnahmeländer erfolgen. Zu Mexiko s. Abschnitt 3.3.2.2.

[36] Bereits Ravenstein (1885) postulierte in seinen „Migrationsgesetzen”, dass Migration Gegenmigration (zwangsläufig) auslöst; vgl. Fußnote 67. Beispiele hierfür sind in der Binnenmigration Gegen­bewegun­gen zum anhaltenden Prozess der Landflucht durch Menschen, die ihren Wohnsitz (meist aus Umwelt­bewusstsein) von der Stadt aufs Land verlegen. In der internationalen Mi­gration ist gegenwärtig im Rahmen der Arbeitsmigration aus wenig in höher „entwickelte“ Länder ein Gegenstrom von immer mehr Managern und qualifizierten Fachberatern zu verzeichnen, die zeitlich begrenzte Migrationen in „Ent­wicklungsländer“ antreten, um dort beim wirtschaftlichen Aufbau mitzuhelfen. Vgl. Han (2000: 10–11).

[37] Kleinschmidt (2002: 17).

[38] Zu Theorie und empirischen Beispielen von internationalen Migrationssystemen s. Kritz et al. (1992).

[39] “[…] flows of people are part of, and often influenced by, flows of goods, services and information.” Boyd (1989: 641); vgl. auch Kritz/Zlotnik (1992: 3).

[40] Boyd (1989: 641).

[41] Vgl. Kleinschmidt (2002: 17–18). Man kann jedoch als Aus- und Einwanderungsländer weiterhin unter formalen Aspekten diejenigen Länder klassifizieren, deren Migrationssalden (also die „Netto-Migration“ als Differenz der Summe von Zu- und Abwanderungen eines bestimmten Gebietes und Zeitraumes) ne­gativ bzw. positiv sind.

[42] “Transnational migration is the process by which immigrants forge and sustain simultaneous multi-stranded social relations that link together their societies of origin and settlement.” Glick Schiller et al. (1995: 48); vgl. auch Kleinschmidt (2002: 146).

[43] Hierbei passt sich die erste Generation von Einwanderern nur im wirtschaftlichen und sozialen Bereich des Aufnahmelandes an und versucht durch ethnische Gruppen- und Institutionenbildung ihre Identität zu bewahren. Die zweite Generation versucht weiterhin die Herkunftskultur ihrer Eltern zu bewahren, eignet sich aber in Schule und Beruf die Kultur des Aufnahmelandes an und lebt in zwei Kulturen mit gemischten Wertstandards. Die dritte Generation gibt schließlich die Herkunftskultur auf und assimiliert sich gänzlich in die Aufnahmegesellschaft; interethnische Mischehen werden dabei normal. Vgl. Price (1969: 204–210); Han (2000: 42).

[44] Dieses Modell geht davon aus, dass beim Zusammenleben mehrerer ethnischer Gruppen durch Migration in einem Gebiet fünf Phasen durchlaufen werden: (1) In der contact- Phase werden im Normalfall fried­liche und klärende Kontakte untereinander aufgenommen; (2) in der competition- Phase treten die Grup­pen in Wettbewerb um die knappen Ressourcen wie Arbeitsplätze, Wohnungen usw., wodurch es in der (3) conflict- Phase zu Diskriminierungen und Auseinandersetzungen kommt. Schließlich arrangieren sich die ethnischen Gruppen zu einem modus vivendi meist in unterschiedlichen beruflichen oder geographi­schen Nischen während der (4) accomodation- Phase. In der (5) assimilation- Phase verschwinden durch Vermischungen (interethnische Mischehen) die ethnischen Unterschiede und eine neue Gesamtgruppe ohne erkennbare Unterschiede entsteht. Vgl. Price (1969: 213–217) und Han (2000: 43–44).

[45] Die in den USA entstandene melting pot- Idee sah die amerikanische Gesellschaft als einen Schmelztie­gel, der Einwanderer unterschiedlicher Herkunft und Kultur aufnahm und integrierte.

[46] Vgl. beispielsweise das Modell eines veränderten Generationen-Zyklus-Modells von Esser (1990), mit dem die empirischen Unterschiede der Eingliederung von Migranten erklärt werden sollen.

[47] Vgl. auch den Begriff der Interkulturation bei Krauss (1997: 15).

[48] Der 1924 von Horace Kallen stammende Begriff des kulturellen Pluralismus erfuhr in den fünfziger Jahren im Zusammenhang mit den Bürgerrechtsbewegungen und Gleichberechtigungsforderungen in den USA theoretische Fundierung. Er besagt, „dass die ethnischen Gruppen unter Wahrung ihrer Kultur in die amerikanische Gesellschaft so integriert werden sollen, dass sie friedlich und gleichberechtigt zu­sammen­leben können. Die gegenseitige Respektierung und die Aufrechterhaltung der kulturellen Unter­schiede und Eigenwertigkeiten sollen als gesellschaftspolitisches Ziel angestrebt werden“. Han (2000: 291).

[49] Hierzu seien genannt die Assimilationstheorien von Eisenstadt (1953); Gordon (1964); Esser (1980). Trotz einiger Unterschiede ähneln sich die Ansätze in den im Folgenden dargestellten Grundannahmen.

[50] Diese muss jedoch nicht gleichzeitig die Übernahme von herrschenden Wertvorstellungen bedeuten, sondern kann auch nur rein instrumental und zweckorientiert verlaufen. Vgl. auch Krauss (1997: 14).

[51] Nach Esser (1980) folgt auf die Akkulturation nur dann die Integration, wenn der Einwanderer über die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse hinaus weitere Ziele entwickelt. Vgl. Han (2000: 312).

[52] Esser (1980: 80) definiert Integration als einen „Zustand des Gleichgewichts“, der durch einen angleichen­den Lernprozess erreicht wird. Sie ist der Zustand der Orientierung in der Beziehung des Migranten zu beliebigen Bezugspunkten der Aufnahmegesellschaft. Er unterscheidet dabei „personale Integration“ als Spannungsfreiheit bzw. Zufriedenheit im personalen und psychischen Bereich, „soziale Integration“ als Gleichgewicht der sozialen Beziehungen des Migranten zu anderen Personen und „sys­temische Inte­gration“ als Gleichgewicht eines Makrosystems, bei dem verschiedene Gruppen in einem gleich­gewichtigen Interdependenzverhältnis zueinander stehen.

[53] Hierzu gehören (1) das Verlassen des umfassenden Sinnzusammenhanges sozialer Handlungen, das heißt der Sinnkonstruktion des alten sozialen Systems, (2) das Verlassen der Sprachgemeinschaft und die da­durch meist eingeschränkte Sprachbefähigung, (3) das Verlassen des identitätsbildenden Interaktions­rahmens und (4) die Aufgabe der Berufsrolle und der sozialen Rollenbeziehungen im Herkunftskontext; vgl. Han (2000: 181–191).

[54] Desozialisierung bedeutet, dass „die Lerninhalte, die im Herkunftskontext angeeignet und internalisiert wurden, ihre allgemeine soziale und gesellschaftliche Gültigkeit verlieren“, was sich besonders im Be­reich der sozialen Rollen bemerkbar macht, für die eine völlige Re-Orientierung und ein Neubeginn im Sinne einer Resozialisierung nötig wird. Hierzu gehört ebenfalls die meist veränderte Berufsrolle, aber auch die aus Sprachproblemen resultierende kommunikative Einschränkung und Isolation, durch die Unsicherheitsgefühle verstärkt werden. Eine häufige Folgewirkung ist die Entfremdung und selbstge­wählte Segregation der Migranten. Hierbei kommen den „koethnischen Kolonien“ der Residenz­gemeinschaft eine wichtige Rolle als Start- und Orientierungshilfen zu. Han (2000: 191–192).

[55] Vgl. Krauss (1997: 16–17).

[56] Empirische Untersuchungen in Deutschland seit den 70er Jahren haben beispielsweise einen überdurch­schnittlich hohen Krankenstand bei Arbeitsmigranten festgestellt. Ob die Ursache dafür jedoch im Migrationsprozess oder in den Arbeitsbedingungen zu suchen ist, bleibt umstritten.

[57] Vgl. Han (2000: 199–202); Krauss (1997: 19–20).

[58] Vgl. Han (2000: 223–236).

[59] Vgl. Krauss (1997: 16). Die „Konzentration der Migranten in wenigen und körperlich hart fordernden Sektoren des Arbeitsmarktes“, die nach Han (2000: 238) heute besteht, müsste für die historische Per­spektive allerdings hinterfragt werden.

[60] Zur Theorie des split labor market s. Han (2000: 239–246).

[61] Wie Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte oder Bestattungsinstitute; vgl. Han (2000: 247–258). Die Bedeutung der ethnischen Enklavenwirtschaft, etwa mögliche Marktvorteile, sind dagegen umstritten.

[62] Vgl. Krauss (1997: 16–17).

[63] „Den ‚Homo migrans’ gibt es, seit es den ‚Homo sapiens’ gibt; denn Wanderungen gehören zur Conditio humana wie Geburt, Fortpflanzung, Krankheit und Tod.“ Bade (2000: 11). Herausragende historische Beispiele hierfür sind die sogenannten Völkerwanderungen zwischen dem dritten und siebten Jahrhun­dert und die erzwungenen Migrationen des transatlantischen Sklavenhandels im 17. und 18. Jahrhundert. Vgl. Kleinschmidt (2002: 28–38); Han (2000: 6); für Beispiele europäischer Migrationen der Neuzeit s. auch Bade (2000). Hinzu kommen zahlreiche – mehr oder weniger gesicherte – durch Migration erklärte Besiedlungen, wie die des amerikanischen Kontinents über Asien.

[64] Ähnliche Vorstellungen existieren heute bezüglich der Migrationsprozesse seit 1945 (besonders aber seit den 1980er Jahren), die, im Zusammenhang mit der Globalisierungsdebatte, häufig als vollkommen neu­artige Prozesse dargestellt werden. Vgl. zum Beispiel Han (2000: 63); Woyke (2000, s. v. „Migration“); Castles/Miller (1993: 65–97).

[65] Kleinschmidt (2002: 153).

[66] Zur problematischen Verbindung von Demographie und Migration sowie einigen Mikroanalysen zum Beispiel über den deutschen Südwesten im 19. Jahrhundert vgl. Ehmer (1998: besonders 12–16). Hier wurden von den Migranten selbst eher politische als sozioökonomische Motive für Aus- und Binnenmi­gration genannt.

[67] In diesem Rahmen entstanden in Großbritannien die ersten bedeutenden Forschungsarbeiten zur Migrationsthematik von Ravenstein (1834–1912), der selbst ein aus Frankfurt stammender Immigrant war. Er arbeitete als Privatgelehrter und Mitglied der Royal Statistical Society, wo er die britischen Volkszählungen als Quellen für Migration auswertete und Migration durch geradezu naturwissen­schaft­liche Regelmäßigkeiten zu erklären versuchte; Ravenstein (1976) [1885]. Zu seinen Prämissen zählten die Vorstellungen, dass Migration mit der Entfernung abnimmt, also die Mehrzahl der Migranten nur vom Land in die Städte oder von einem Land ins unmittelbare Nachbarland migrieren; Migration werde immer von Gegenmigration begleitet; Migration nehme mit zunehmender Industrialisierung zu und die Migrationsmotive seien wirtschaftlicher Natur; Migranten seien meist Erwachsene und Familien migrierten seltener, Frauen dagegen häufiger als Männer. Vgl. Kleinschmidt (2002: 23–24); Han (2000: 39); Castles/Miller (1993: 19).

[68] Der Residentialismus als Bestandteil funktionalistischer sozialer Theorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts postulierte das Sesshaftigkeitsbedürfnis der Menschen, das demnach nur durch mächtige Faktoren zugunsten einer Migrationsentscheidung aufgegeben würde. Vgl. Kleinschmidt (2002: 144).

[69] „Die Ausgangsvoraussetzung der empirischen Forschung war demnach, dass Migration ‚schädlich’ sei für die ‚Nation’.“ Kleinschmidt (2002: 22). Auch die Anwendung einer „Sprache der Angst“ in Bezug auf Migration, die sich zum Beispiel in Analogien zu Naturgewalten wie Flutwellen („Auswanderungs­wellen“) oder Begriffen wie „Landflucht“, die „bekämpft“ werden muss, ausdrückt, spiegelt in erster Linie die Sicht der „Migrationsverwalter“ wider. Vgl. ibid. (143–144).

[70] Kleinschmidt (2002: 43).

[71] Ethnizität und ethnische Identität soll hier verstanden werden als das (kollektive) Bewusstsein, zu einer ethnischen Gruppe (Ethnie) zu gehören, also, im Sinne Elwerts (1989: 22), zu einer „Wir-Gruppe“, deren Zuschreibungskriterien wandelbar sind und die sich von anderen sozialen Gruppen dadurch absetzt, dass sie Verwandtschaft organisiert. Der Begriff der Ethnie ist damit weiter gefasst als jener der Nation (s. Fußnote 146), der sich zusätzlich durch den Bezug zu einer Zentralinstanz (diese war bei den Deut­schen durchaus vorhanden) und das Element „exklusiver Staatsbürgerschaft“ auszeichnet. Sie kann damit auch „ethnische Deutsche“ miteinschließen, die nicht die Staatsangehörigkeit besitzen.

[72] Einen Vorschlag, mit diesem Problem in den Geschichtswissenschaften umzugehen, bietet Krauss (1997).

[73] Zur Entwicklung der deutschen Auswanderung im europäischen Vergleich s. Bade (2000: 258–275).

[74] Die „demographische Revolution“, die zwischen 1815 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges parallel zum Industrialisierungsprozess stattfand, stellte eine Phase des Übergangs zu einer neuen, für stark in­dustrialisierte Länder typische Bevölkerungsweise dar. Sie war in Deutschland – anders als zum Beispiel in Frankreich – durch die große Schnelligkeit und Heftigkeit dieses Prozesses charakterisiert. Sie führte durch Absinken der Sterberate und das erst phasenweise verschobene Absinken der Geburtenrate zu einer regelrechten „Bevölkerungsexplosion“, in der die Einwohnerzahl Deutschlands allein in den 45 Jahren von 1871–1914 um 65 % auf 68 Millionen stieg. Vgl. dazu Hubert (1998: 107–148) und Bade (1984: 73–133). Das bedeutet jedoch nicht, wie bereits erwähnt (vgl. Abschnitt 2.6 und Fußnote 66), dass dieses Bevölkerungswachstum die alleinige Ursache der Auswanderungsbewegungen gewesen sei.

[75] Spitzen der deutschen Überseeauswanderung – mit darauf einsetzenden Einbrüchen – lagen zwischen 1846 und 1857, 1864 und 1873, 1880 und 1893 sowie um 1923. Vgl. Bade (1984: 264).

[76] Die wirtschaftlich bedingten Binnenmigrationen (vor allem die Ost-West-Wanderung) stehen der Überseeauswanderung an Bedeutung und Umfang nicht nach. Zu Zusammenhang und Parallelen zwi­schen Binnen- und Auswanderung s. Hubert (1998: 149–188) und Bade (1984: 284–291).

[77] Zwischen 1895 und 1910 verdoppelte sich der Ausländeranteil in Deutschland von 0,94 % auf fast 2 % der Reichsbevölkerung (in absoluten Zahlen von 186.190 auf 1.259.873). Kurz nach dem Ersten Welt­krieg führten zusätzlich große Gruppen von Rückkehrern zu einer kurzfristigen Umkehrung der Wanderungsbilanz. Sie blieb in der Weimarer Republik jedoch negativ und kehrte sich erst zwischen 1933 und 1939 dauerhaft um. Vgl. Hubert (1998: 203, 205). Zu erwähnen ist außerdem die Rolle Deutschlands als Transitland osteuropäischer, zum großen Teil jüdischer Auswanderer: 1880–1914 waren 89 % der Auswanderer, die sich in deutschen Häfen einschifften, Ausländer; vgl. ibid. (193).

[78] Durch die Gebietsabtretungen im Versailler Vertrag, die 13,1 % des Reichsgebiets betrugen, gingen ca. 14,6 % der anbaufähigen landwirtschaftlichen Fläche, 75 % der abbauwürdigen Erzvorkommen und 26 % der Kohleförderung verloren. Vgl. Bickelmann (1980: 19).

[79] 1925 lebten im Deutschen Reich etwa 1,4 Millionen Personen, die ihren Wohnsitz 1914 außerhalb der durch den Versailler Vertrag gezogenen Grenzen hatten: 769.000 aus den abgetretenen Gebieten, 37.000 aus dem Saargebiet, 525.000 aus dem übrigen Europa, 9.000 aus den ehemaligen Kolonien und 36.000 aus anderen überseeischen Gebieten. Die Bevölkerungsdichte stieg damit trotz der Menschenverluste im Krieg an (von 124/km2 1910 auf 134/km2 1925); vgl. ibid.

[80] Vgl. Bade (2000: 259–260).

[81] Deutschland verzeichnete nach kurzzeitigen Umkehrungen der Migrationsbilanz zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen 1933 und 1939 dauerhaft positive Wanderungsbilanzen mit einem Zuwachs um 509.000 Personen (0,8 % der Gesamtbevölkerung); vgl. Bade (2000: 266); Hubert (1998: 251); s. auch Fußnote 77.

[82] Im deutschen Sprachgebrauch wird dies üblicherweise durch die unterschiedliche Begriffsverwendung der – politisch motivierten – Emigration und der „klassischen“ meist wirtschaftlich motivierten Auswan­derung verdeutlicht. Ich verwende jedoch den Begriff der Emigration gleichbedeutend für Auswan­de­rung und werde gegebenenfalls von wirtschaftlicher, politischer oder ethnischer Emigration sprechen.

[83] Diese Fluchtbewegung aus Deutschland umfasste insgesamt etwa 350.000 Personen (nach Hubert 1998: 253), was verdeutlicht, dass nur ein geringerer Teil von ihnen nach Übersee emigrierte.

[84] Diese Art der „Auswanderung mit zwischengelagerter Binnenwanderung“ bedeutete, dass ein Emigrant seine Heimatregion verließ und sich zunächst in der Nähe eines Hafens oder in einer Industrieregion niederließ, um zu arbeiten und genug Geld für Überfahrt und Ansiedlung in Übersee zu verdienen; vgl. Hubert (1998: 195).

[85] Zwischen 1906 und 1910 waren die Anteile deutscher Landesteile an der Auswanderung folgende: Nordostdeutschland: 275.000, Südwestdeutschland: 234.000, Westdeutschland: 157.000, Nordwest­deutschland: 133.000, Südostdeutschland: 87.000, Hansestädte: 62.000 und Mitteldeutschland: 52.000 Auswanderer; nach Hubert (1998: 194–196), der allerdings keine näheren Beschreibungen zur Einteilung der Landesteile gibt. S. auch Bade (1984: 275).

[86] Vgl. Hubert (1998: 250–251). Mit dem hohen Anteil an südwestdeutschen Auswanderern kehrte die Bewegung gleichsam zu ihrem Anfang zurück. Eine Erklärung hierfür ist vor allem die Ketten­wande­rung: Zwischen 1921 und 1931 wurden 95 % der Schiffspassagen von Verwandten oder Bekann­ten in den USA bezahlt, die selbst aus diesen Regionen stammten, in den USA integriert waren und nun die Auswanderung ihrer Landsleute unterstützten.

[87] Zwischen 1900 und 1905 lag der Anteil landwirtschaftlicher Erwerbsbereiche unter den Auswanderern bei 30,6 %, 1910–1914 bei 26,4 % und 1921/23 bei nur noch 17,8 %. Vgl. Bade (1984: 276), s. auch Hubert (1998: 195–196).

[88] Vgl. Bade (1984: 277) und Hubert (1998: 197–198).

[89] Das waren die Kontingentierungen durch den Quota Act 1921 sowie dessen Verschärfung durch die Johnson Bill 1924 und das National Origin Law von 1927. Vgl. Bade (1984: 273).

[90] Aus der Reihe fallen hier besonders die Jahre 1920, 1921 und 1924, in denen der Anteil Südamerikas (Amerika ohne USA und Kanada) bei 84 %, 57,7 % und 55,8 % an der Gesamtauswanderung lagen. Vgl. Bickelmann (1980: 150). Insgesamt ist bei diesen Zahlen jedoch Vorsicht angeraten, da sich die Angaben der deutschen Auswanderungsstatistiken und die der Einwanderungsstatistiken der jeweiligen Länder teilweise um ein Vielfaches unterscheiden; vgl. ibid. (148–149).

[91] Hubert (1998: 200–201). Nach Bernecker/Fischer (1993: 197–198) stellte dieser Zeitraum die vierte von fünf Phasen deutscher Auswanderung nach Lateinamerika dar: Die erste Phase dauerte von 1816/17 bis in die 1820er Jahre, die zweite Phase von 1851 bis 1859 und die dritte von 1866 bis 1900. Die für Lateinamerika bedeutsame vierte Phase ist dagegen bisher wenig untersucht. Eine fünfte Phase entspricht den Fluchtbewegungen ab 1933.

[92] Vgl. Bernecker/Fischer (1993: 198).

[93] Zu dieser „klassischen“ Form der deutschen Ansiedlung in Lateinamerika, insbesondere Südamerika vgl. Bernecker/Fischer (1993: 200–207), Blancpain (1994: 97–172).

[94] Vgl. Bernecker/Fischer (1993: 207). Unter Elitenwanderung wird im Allgemeinen aber auch der sogenannte brain drain (vgl. Fußnote 35), das heißt die Abwanderung von hochqualifizierten Fachleuten verstanden. Da hier unter diese Wanderungsform auch einfache Handlungsgehilfen und kleine Kaufleute fallen, halte ich diesen Ausdruck für unpassend.

[95] Zumindest von 1908 bis 1928 betrug die Netto-Zuwanderung insgesamt 205.857 Personen, das heißt zwischen 450 und 28.728 jährlich; vgl. Landa y Piña (1930: 20). In den Jahren 1935 und 1936 gab es 16.216 und 15.866 mehr Ein- als Ausgereiste; vgl. Revista de Estadística (1, 1938, 2: 73; 4: 66). Legt man die Zahlen des Anuario Estadístico zugrunde, wies Mexiko erstmals 1931 mehr dauerhafte Emi­granten (emigrantes definitivos) als Einwanderer auf. Dieser Trend hielt aufgrund der weiterhin niedrigen Immigration an.

[96] Landa y Piña (1930: 20), dessen Zahlenangaben ansonsten mit denen des Anuario Estadístico de los Estados Unidos Mexicanos übereinstimmen, gibt für das Jahr 1928 eine abweichende Zahl an, nämlich 30.191 statt 17.605 Einwanderer.

[97] Vgl. Anuario Estadístico 1942 (1948: 331–332).

[98] Vgl. Anuario Estadístico 1923–1924 (2, 1926: 103).

[99] Vgl. Fußnote 77. Nach der Netto-Migration blieb Deutschland bis 1933 ein Auswanderungsland.

[100] Die Bezeichnungen der Nationalitäten Syrer, Türken und Libanesen (sirio-libaneses) sind in den Zensus verwirrend. Während unter die Bezeichnungen Türken und sirio-libaneses vornehmlich (meist christ­liche) Libanesen aus dem Osmanischen Reich fielen, die zwischen 1860 und 1950 eine massive Auswanderung auf Grund von (religiöser) Unterdrückung und wirtschaftlichen Krisen aus den Bergre­gionen Libanons antraten und die in den Aufnahmeländern oft als Händler einen bedeutenden Aufstieg erreichten, ist bei der Bezeichnung „Syrer“ nicht klar, inwiefern es sich hierbei um syrische Juden han­delte, die ebenfalls zur gleichen Zeit ins Land kamen.

[101] Hierbei handelte es sich wohl zum allergrößten Teil um die seit 1922 eingewanderten rußlandstämmigen Mennoniten aus Kanada; vgl. Fußnote 105.

[102] Günther (1912: 260) nannte dagegen diese Zahl allein für die Hauptstadt Mexikos. Für das gesamte Land berechnete er laut „Berichten der deutschen Konsulate und andern mexikanischen Quellen“ 4.100 Reichsdeutsche. Im Distrito Federal lebten nach dem Zensus von 1900 785 in Deutschland Geborene bzw. 777 deutsche Staatsangehörige. Zehn Jahre später betrugen die entsprechenden Zahlen bereits 1.305 und 1.288; vgl. Salazar Anaya (1996: 141, 331). Oeste de Bopp (1979: 489) geht dagegen für 1900 von nur rund 500 Deutschen in der Hauptstadt aus.

[103] Dieser Umstand lässt auf ein verstärktes Festhalten an der deutschen Staatsangehörigkeit auch in der zweiten Generation von Einwanderern schließen.

[104] Einen Überblick über die Charakteristika der gesamten deutschen Einwanderung seit dem 16. Jahrhun­dert gibt Oeste de Bopp (1977 und 1979).

[105] Das gilt besonders im Vergleich mit den größten lateinamerikanischen Einwanderungsländern Brasilien und Argentinien. Viele dieser Siedlungsunternehmen in Mexiko scheiterten oder kamen gar nicht erst zur Durchführung. Zwischen 1878 und 1910 wurden beispielsweise insgesamt 156 Kolonisationsverträge mit der Secretaría de Fomento abgeschlossen, aber nur 60 Kolonien gegründet; vgl. Nagel (2000: 138). Eine Ausnahme für den Untersuchungszeitraum stellen die ca. 7.000 Mennoniten dar, die nur bedingt als „Deutsche“ zu zählen sind. Sie wanderten zwischen 1922 und 1926 überwiegend aus Kanada aus und gründeten erfolgreiche landwirtschaftliche Kolonien in Chihuahua und Durango. Vgl. Oeste de Bopp (1979: 487); Nagel (2000: 152–157). Zu einigen Beispielen deutscher Siedlungskolonien vgl. Bonfil Batalla (1993: 345–351).

[106] Viele deutsche Familien wurden damals durch Mexiko-Siedlungsgesellschaften um ihr Vermögen gebracht. Zu dieser Zeit veröffentlichte der Einwanderungsausschuss des Verbandes Deutscher Reichs­angehöriger in México auch den Ratgeber Was muss der Deutsche Auswanderer von Mexico wissen? und es kam zum letzten Mal eine geschlossene Siedlungsgruppe von etwa 80 Menschen aus dem Ruhr­gebiet nach Saltillo, die aber von dem Agenten betrogen wurde. Vgl. Oeste de Bopp (1979: 487).

[107] Vgl. González Navarro (1994, 3: 128). Im Vergleich dazu stellten mexikanische, spanische und amerika­nische Plantagen jeweils 27 %, 14 % und 11 % der Pflanzungen und produzierten nur 21 %, 6 % und 7 % der Ernte in Mexiko. Weitere Besitzungen gehörten Schweizern, Franzosen und Engländern.

[108] Zu den Deutschen im Soconusco vgl. Bonfil Batalla (1993: 351–357); Mentz et al. (1988, 1: 61–120, 231–322).

[109] Vgl. Bernecker/Fischer (1993: 208).

[110] Zu den wirtschaftlichen Tätigkeiten von deutschen Kaufleuten und Handelsgesellschaften besonders im 19. Jahrhundert s. Mentz et al. (1982).

[111] Günther (1912: 274). Allerdings gab er im Folgenden zu, dass sich in den letzten Jahren die Verhältnisse „viel zu Gunsten der massenhaft ins Land strömenden Amerikaner“ verschoben habe.

[112] Vgl. Lemcke (1900: 64).

[113] Lemcke (1900: 64) beschreibt zudem die stattliche Architektur vieler Geschäftshäuser dieser Firmen. Zu weiteren deutschen Firmen in Mexiko s. Günther (1912: 275–289); Mentz et al. (1988, 1: 37–59).

[114] Vgl. zur HAPAG Baecker (1971: 82–83).

[115] Mexiko (1924: 47). Zwischen 1901 und 1908 stieg der Wert der Importe aus Deutschland von 14.470.292 auf 28.320.773 Pesos und sank bis 1910 wieder leicht auf rund 20.260.000 (Günther 1912: 199). Für das Jahr 1912/13 verzeichnete Schmidt (1925: 96) Einfuhren von über 25 Millionen Pesos aus Deutschland, die dann im Weltkrieg auf wenige Tausend Pesos absanken. Nach dem Krieg zeichnete sich zu Beginn der zwanziger Jahre bereits wieder ein deutliches Anwachsen der Importe aus Deutschland ab. In den Jahren 1923 und 1924 betrugen die Werte 19.628.723 bzw. 23.203.101 Pesos; vgl. Anuario Estadístico 1923–1924 (1925, 1: 176).

[116] Die entsprechenden Werte für mexikanische Exporte nach Deutschland betrugen 1901: 5.020.558, 1908: 22.380.241, 1910: 8.439.570 Pesos, für das Jahr 1912/13: 16.440.562 Pesos sowie für die Jahre 1923 und 1924: 3.624.800 bzw. 17.534.442 Pesos (vgl. ibid.).

[117] In den Jahren 1937 und 1938 lagen die Werte für Importe aus Deutschland bei 98.622.346 und 92.702.179 Pesos, für die Exporte nach Deutschland jeweils bei 83.883.906 und 64.452.925 Pesos; vgl. Revista de Estadística (2 ,1939, 5: 57–58).

[118] Zu den Siemens-Schuckertwerken México S. A. s. Baecker (1971: 83–84). Über die Mexikogeschäfte anderer Unternehmen sind dagegen kaum noch weitergehende Informationen vorhanden.

[119] Vgl. zu diesem Vorgang die Meldung in der Deutschen Zeitung von Mexiko (29.6.1912: 3): „Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, Berlin, macht durch Rundschreiben bekannt, dass sie eine von ihr abhängige neue Gesellschaft unter dem Namen ‚A.E.G. Mexikanische Elektrizitätsgesellschaft m.b.H.’ gegründet hat, deren Hauptbureau hier in Mexiko unter dem Namen ‚A.E.G. Compañía Mexicana de Electricidad, S. A.’ sich befindet. [...]“

[120] Vgl. Mentz et al. (1988, 1: 43–45, 143–144).

[121] Zitiert nach Oeste de Bopp (1979: 507).

[122] Vgl. Mentz et al. (1988, 1: 209–230). Eine Liste der deutschen Handelshäuser, Kaffeepflanzungen und Institutionen, die der Junta de Administración y Vigilancia de la Propiedad Extranjera unterstellt wur­den findet sich ibid. (172–202); zu Puebla s. Abschnitt 5.2.4.

[123] Vgl. Bernecker/Fischer (1993: 209); Bonfil Batalla (1993: 341). In der Deutschen Zeitung von Mexiko finden sich des öfteren Anzeigen über solche Vorgänge, die eine neu erworbene Prokura oder auch Teil­haberschaft ankündigten. Als typisches Beispiel eines solchen Immigranten in Puebla kann Josef Dorenberg gelten. Ursprünglich als Soldat der belgischen Garde nach Mexiko gekommen, trat er noch während des mexikanischen Kaiserreiches als jüngster kaufmännischer Angestellter 1867 in die Firma La Sorpresa der Kaufleute Rosales in Puebla ein. In vierzigjähriger Arbeit lenkte er sein Geschäft, „von früheren Banden lösend in rein deutsche Bahnen“ und brachte Dorenberg, Petersen & Cía. als eines der ersten deutschen Geschäfte der Stadt zu hoher Blüte. 1908 zog er als „stiller Teilhaber“ nach Deutsch­land zurück, wo er am Chiemsee im November 1935 verstarb, ohne jedoch das Interesse an den Vorgängen in seiner „zweiten Heimat“ verloren zu haben. Vgl. Dorenberg (1927); den Nachruf in Deutsche Zeitung von Mexiko (28.3.1935: 7). Zum Mitinhaber Pablo Petersen s. Fußnote 311.

[124] Aus der Satzung zitiert nach Schmidt (1925: 127). Vgl. auch Nagel (2000: 293–296); Verband Deutscher Reichsangehöriger (1926). In Puebla entstand eine Ortsgruppe des VDRM, die 1926 zu einer eigen­ständigen Organisation ausgebaut werden konnte; vgl. Der Auslanddeutsche (10, 1927, 22: 781).

[125] Vgl. die Erwähnung dieser Vereinigungen in der Deutschen Zeitung von Mexiko (13.1.1912: 5).

[126] Zum Begriff der Ausländerkolonie vgl. Nagel (2000: 2): Eine städtisch geprägte Gemeinschaft, die sich in ihren eigenen ethnischen Institutionen organisiert und dadurch ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter­einander sowie eine gewisse Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ausdrückt und nicht zu verwechseln ist mit agrarischen Siedlungskolonien oder gar Kolonien im klassischen Sinne. Der Be­griff der ethnischen Kolonie wird auch in der Migrationssoziologie für die der Aufnahmegesellschaft gegenüberstehenden koethnischen Gemeinschaften und Zusammensiedlungen von Migranten verwendet; vgl. Han (2000: 305/306). Zum zeitgenössischen Gebrauch des Begriffs s. auch Grosse (1928: 550–551).

[127] Zum Exil und den Exilorganisationen in Mexiko sind besonders die Arbeiten von Pohle (1986; 1996; 1998a, b), Kohut/zur Mühlen (1994) und Kiessling (1974; 1980; 1989) zu nennen. Speziell zu deutschen Schriftstellern im mexikanischen Exil s. Patka (1999).

[128] Diese Zahl nennt Pohle (1996: 674). Insgesamt 90 Namen von deutschen und österreichischen Exilanten in Mexiko finden sich im Biographischen Handbuch (1983: 94–95); zum österreichischen Exil s. auch Kloyber/Patka (2002).

[129] Der 1874 geborene Volksschullehrer war zunächst in der SPD aktiv und 1912–1918 Mitglied des Reichstages. Er war Mitbegründer der Spartakusgruppe und der KPD sowie 1920 der ultralinken Kommu­nistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD). Außerdem war er als Publizist und Pädagoge tätig. Er kam bereits 1935 auf Einladung der Regierung nach Mexiko, um als wissenschaftlicher Berater am laizistischen Experiment einer sozialistischen Volkserziehung, der educación socialista, mitzuar­beiten, das allerdings in den Anfängen scheiterte. 1937 war er Mitglied im Trotzky-Gegenprozess.

[130] Die Regierung Cárdenas zeichnete sich vor allem durch die „nachgeholte soziale Revolution“ mittels wichtiger sozialer und wirtschaftlicher Reformen aus: Die lange verschleppte Agrarreform wurde in wenigen Jahren auf breiter Basis verwirklicht durch Auflösung der traditionellen hacienda und Vertei­lung von fast der Hälfte des gesamten Ackerlandes an die Bauern (bis 1940); die Arbeiter profitierten von der Erneuerung des Bündnisses zwischen Staat und Gewerkschaften; die ausländischen Ölgesell­schaften wurden 1938 unter dem Verfassungsmandat der nationalen Kontrolle der Bodenschätze verstaatlicht. Die Ideologie der maßgeblichen Politiker war dabei von marxistischen und sozialistischen Utopien gleichermaßen beeinflusst wie von liberalen und demokratischen Idealen nordamerikanischer Traditionen; vgl. Pohle (1986: 38–41).

[131] Mexiko hatte während des spanischen Bürgerkrieges die republikanische Regierung unterstützt und als einziges Land der westlichen Welt 1938 gegen die Annexion Österreichs protestiert; vgl. Katz (1976).

[132] Zu den gescheiterten Versuchen der Ansiedlung dieser Spanier in Puebla s. Ordoñez Alonso (1995).

[133] Dass diese Politik in Mexiko nicht unumstritten war, zeigt auch das Asylangebot Cárdenas’ an 1.500 Kämpfer der „Internationalen Brigaden“, das er aufgrund innenpolitischer Proteste zurücknehmen musste. Vgl. Pohle (1996: 674).

[134] Sie wurden repräsentiert durch die Schriftsteller Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn und Bodo Uhse sowie mehreren Parteifunktionären, unter ihnen Paul Merker, Otto Katz und Alexander Abusch.

[135] Zum Beispiel der Sekretär der 1931 von der SPD abgespaltenen SAP, Max Diamant.

[136] Wie der aus Oberschlesien stammende führende Ideologe der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten) –FAUD (S), Augustin Souchy.

[137] Zum Vergleich der Einwanderungspolitik gegenüber spanischen Republikanern und jüdischen Flüchtlin­gen vgl. besonders Senkmann (1994) und Avni (1992).

[138] So schätzt Senkmann (1994: 67). Immer wieder kam es zu spektakulären Fällen von Abweisungen jüdischer Flüchtlingsschiffe in mexikanischen Häfen. Die seltenen Anerkennungen gelangen meist nur durch das Engagement des Comité Central Israelita de México; vgl. ibid. (72–73). Über Juden in Mexiko s. auch Gojman de Backal (1993, 1–2 und 1997).

[139] In der kulturellen Monatszeitschrift erschienen zahlreiche Artikel von Vertretern der „Exilprominenz“ vor allem in den USA, wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Ernst Bloch.

[140] Beispielsweise sprach bereits 1942 der kommunistische Exilpolitiker Paul Merker von Reparationsleistun­gen an das jüdische Volk durch eine zukünftige deutsche Regierung und legitimierte die zionistischen Bestrebungen in Palästina. Die Bewegung Freies Deutschland hatte insgesamt 400 Mitglieder, wovon etwa 100 kommunistisch und die Mehrheit deutsch-jüdisch waren. Vgl. Pohle (1996: 677). Der Kampf gegen die antisemitische mexikanische Asylpraxis blieb jedoch allein auf mexikanische oder internationale jüdische Organisationen beschränkt; vgl. Senkmann (1994: 75). Zum „ersten Landes­kongress“ der Vereinigung in Mexiko s. Unser Kampf gegen Hitler (1943).

[141] Allerdings wurden in der Realität intrigenreiche Abgrenzungskämpfe mit sozialdemokratischen und linkssozialistischen Bewegungen in Lateinamerika geführt in dem Versuch, die kommunistische Partei zum Führungsfaktor zu machen.

[142] Hierzu zählten Lesungen von Anna Seghers und Egon Erwin Kisch, eine mexikanische Erstaufführung der Dreigroschenoper, eine Inszenierung von Büchners Woyzeck oder eine Schönberg-Erstaufführung im Rahmen eines Orchesterkonzerts mit verbotener Musik; vgl. Pohle (1996: 678).

[143] Anfang der 1930er Jahre lebten in Mexiko etwa 20.000 Juden überwiegend osteuropäischer oder levantinischer Herkunft. Der Anteil der Deutschsprachigen unter ihnen betrug nur etwa 100. Die deutschsprachigen Neuankömmlinge waren dagegen meist in Deutschland oder Österreich weitgehend assimilierte Juden, die sich auch im Exil nicht vollständig von der deutschen Kultur – insbesondere der Sprache – abwandten. Unter ihnen war eine hohe Anzahl von Akademikern und – meist österreichischen – Musikern und Schauspielern. Vgl. Pohle (1998a, 1: 10).

[144] Ein herausragendes Beispiel hierfür war der Kunstkritiker, Herausgeber des Berliner Kunstblattes und Förderer des Expressionismus in Deutschland Paul Westheim, der in Mexiko zum Begründer einer Ästhe­tik der präkolumbischen Sakralkunst wurde. Nach ihm ist ein Saal des Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt benannt. Vgl. Pohle (1996: 680).

[145] 26 der 90 Personen, die im Biographischen Handbuch (1983) genannt werden, beendeten ihr Exil in der DDR.

Details

Seiten
202
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638431217
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45773
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Deutsche Einwanderer Provinzhauptstadt Puebla

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Titel: Deutsche Einwanderer in der mexikanischen Provinzhauptstadt Puebla, 1910-1945