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Ein psychoanalytisches Erstinterview. Fiktives Erstgespräch mit "Conni"

Hausarbeit 2015 11 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Wer oder was ist Conni?

Vom Kinderstar zum Psychotherapeuten

Das Erstgespräch

Einschätzung des Psychologen

ICD 10 und weiteres Vorgehen

Literatur

Bilderverzeichnis/ Webverzeichnis

Conni-Bücher

Wer oder was ist Conni?

„Conni“ ist eine Reihe von inzwischen insgesamt über 100 Kurzgeschichten aus dem Leben eines Mädchens. Der richtige Name der Protagonistin lautet Cornelia Klawitter, wird aber in den Geschichten nur selten erwähnt. Die Autorin, Liane Schneider, hat selbst eine Tochter mit Namen Conni und ließ sich für ihre Erzählungen von dieser inspirieren. Illustriert sind die Bücher von Eva Wenzel-Bürger.

Inhalt der Bücher sind Alltagserlebnisse von Conni, wie der erste Kindergartentag, der erste Umzug, Reiten lernen, der erste Schultag, etc. Für jede Situation aus dem Leben eines Kindes gibt es die passende Geschichte. Über die Zeit wird Conni größer, wie auch die Zielgruppe der Bücher, bis ins Teenageralter. Äußerlich verändert sie sich kaum: sie ist blond, trägt meist eine rote Schleife im Haar, eine blaue Latzhose und ein rot-weiß geringeltes Oberteil und geringelte Socken.

Die Erzählungen sind auf spezifische Leser, je nach Altersgruppe, ausgelegt. So gibt es Bücher ab 3 Jahre, ab 6 Jahre und ab 10 Jahre. Dadurch lässt der Carlsen-Verlag die Protagonistin mit ihren „Freunden“ mitwachsen. Seit 2013 gibt es auch Conni-Jugendromane für Jugendliche ab 15 Jahren, wie beispielsweise „Mein Leben, die Liebe und der ganze Rest“ und deren Fortsetzung „Mein Sommer fast ohne Jungs“.

Viele der Geschichten wurden auch als Pixibuch, Hörspiel und Zeichentrickserie herausgegeben, es gibt Beschäftigungsbücher, ein Liederbuch und Spiele.

Vom Kinderstar zum Psychotherapeuten

Im Folgenden werde ich kurz den weiteren Werdegang von Conni, in von mir erdachter Form, beschreiben. Nichts davon lässt sich in veröffentlichten Büchern des Carlsen-Verlages finden. Da ich selbst eine junge Mutter zweier kleiner Kinder bin, hatte ich Gelegenheit mir einige der bekannten Conni-Bücher zu Gemüte zu führen und mich das ein oder andere Mal gefragt, was es für Kinder für eine Vorbildfunktion hat, wenn sie sich mit einem anderen Kind identifizieren, welches permanent irgendeiner Aktivität ausgesetzt ist und dadurch kaum Zeit findet das zu tun, was Kinder eigentlich am liebsten tun: spielen.

Aus Conni ist Cornelia geworden. Sie hat ihr Abitur erfolgreich abgeschlossen und danach, wie es in ihrer Generation so üblich ist und fast schon erwartet wird, ein Jahr in Australien als Ferienarbeiterin, Weltenbummlerin und Partyliebhaberin verbracht. Diese sogenannte Auszeit hat ihr geholfen herauszufinden was sie werden möchte: nämlich eine Anwältin für Menschenrechte in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft. So ist sie direkt und voller Elan in das Jurastudium an einer renommierten Universität eingestiegen, um es nach drei Semestern wieder abzubrechen…

Das Erstgespräch

Dem folgenden Erstgespräch ist ein kurzes Telefonat vor zwei Wochen vorrausgegangen. In diesem bat Frau Klawitter um einen Termin, da sie diverse Probleme habe, wie sie es nannte.

Es klopft und auf mein „herein“ tritt eine blonde, schlanke junge Frau ein. Mit einem schwachen Händedruck stellt sie sich als Cornelia Klawitter vor. Sie lächelt dabei leicht verlegen wirkend.

Therapeut: Guten Morgen Frau Klawitter.

Conni: Guten Morgen.

T.: Frau Klawitter, am Telefon sprachen sie von „diversen“ Problemen. Das klingt für mich nach einigen Dingen die Ihnen Sorgen bereiten.

C.: (wieder das verlegene Lächeln und ein kaum merkliches Schulterzucken). Ja. Ich weiß nicht so genau wie ich anfangen soll… Also ich hab mein Studium abgebrochen . Sagt eine Weile nichts und schaut abwechselnd vom Boden zum Therapeuten.

T.: Ist das etwas Positives oder Negatives in Ihrem Leben?

C.: Gute Frage… ich weiß es nicht. Für alle war klar, dass ich das mit links packe und eine erfolgreiche Anwältin werde. (Pause). Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich hab das Studium nicht abgebrochen, weil ich den Stoff nicht verstanden hätte oder so.

T.: Hm…

C.: Ich bin schon klug müssen Sie wissen. Also das soll jetzt überhaupt nicht nach Eigenlob klingen, aber so ein Studium hätte ich schon geschafft. So intelligenzmäßig meine ich.

T.: Gab es einen konkreten Anlass das Studium zu diesem Zeitpunkt zu beenden?

C.: Das ist es ja. Eigentlich nicht. Weil, also meine Noten waren gut! Ich war schon fleißig und hab alles gewusst und meine Eltern und alle waren denk ich zufrieden mit meiner Leistung. Aber irgendwie… ich weiß nicht… ich muss irgendwie durchgedreht sein…

T.: Ist das der Grund warum Sie zu mir gekommen sind? Weil Sie hoffen hier eine Antwort darauf zu finden?

C.: Ja auch. Und weil meine Mutter auch meinte, dass es vielleicht gut wäre mich zu ordnen und jemand mit Ahnung wie Sie könne mir wohl dabei helfen… (Wieder das verlegene Lächeln. Zudem spielt die Patientin während der gesamten Zeit entweder mit ihren Fingern oder mit ihren Haaren bzw. einzelnen Strähnen rum).

T.: Sie haben jetzt bereits zweimal von „Alle“ gesprochen. Wen meinen Sie damit?

C.: Na eben alle… (Sie schaut den Therapeuten fragend an). Wissen Sie nichts von mir? Also von den Büchern und so?

T.: Nein. Aber vielleicht möchten Sie mir davon erzählen?

C.: Achso. Ok. Also ich komme aus einer ganz normalen Familie. Bei uns war eigentlich immer alles ganz normal. Also wir haben uns immer gut verstanden. Meine Eltern sind lieb und verständnisvoll und so. Wie soll ich Ihnen das erklären? Mein komplettes Leben von klein auf wurde quasi dokumentiert. Jemand hat Bücher darüber geschrieben. Diese haben dann irgendwelche Eltern ihren Kindern vorgelesen. Die hatten dann so Titel wie „Conni auf dem Bauernhof“, „Conni fährt Ski“, „Conni im Krankenhaus“ und so weiter. Und irgendwie hat sich halt unser komplettes Leben danach ausgerichtet. Ich meine, ich durfte schon immer alles machen. Manchmal denke ich, ob ich vielleicht nicht nur durfte, sondern sogar musste. Als ohne dass es ausgesprochen wurde…

T.: Können Sie das genauer erklären? Fallen Ihnen vielleicht konkrete Situationen ein?

C.: Naja, ich hab zum Beispiel schon im Kindergarten das Seepferdchen gemacht und Reiten gelernt und war in einem Fußballverein. Wahrscheinlich ist das heutzutage normal… Es wurde halt irgendwie immer alles beobachtet. Damit man es dann aufschreiben kann… Auch wenn ich Pizza gebacken habe…was man als Kindergartenkind natürlich noch nicht im Geringsten alleine kann… aber es wurde dann immer so getan, als würde ich das meiste alleine machen und das ganz toll machen und immer lächeln und alle sind hoch erfreut und die kleine Conni hat mal wieder ein großartiges Erlebnis gehabt…(Die Patientin hat sich ein wenig in Rage geredet. Jetzt sitzt sie auf ihrem Stuhl, schaut zu Boden und Tränen laufen ihr über die Wangen. Während des Weinens entschuldigt sie sich mehrfach dafür. Ich reiche ihr Taschentücher und warte bis sie sich wieder gefasst hat.)

T.: Haben Sie sie Erfahrung gemacht, dass man sich für Tränen entschuldigen muss?

C.: (Sie schaut mich irritiert an und überlegt eine Weile). Ich weiß nicht…Nein, eigentlich nicht. Wenn ich als Kind weinen musste hat mich meine Mutter immer getröstet. Mein Papa eigentlich nicht, der hat sich dann eher zurückgezogen, aber meine Mama war ja da. Allerdings kann mein Freund damit gar nicht umgehen. Ich weine ja nicht oft. Aber neulich hatten wir mal einen heftigen Streit. Ich weiß gar nicht mehr genau um was es ging. Da streitet man dann irgendwann aufs übelste und weiß eigentlich gar nicht wieso… naja jedenfalls hab ich da angefangen zu weinen und er ist einfach gegangen. Eine rauchen oder so. Irgendwann ist er wiedergekommen und hat gefragt ob ich mich wieder beruhigt hab. Das fand ich schon irgendwie komisch oder ein bisschen verletzend. Aber ich bin ja ein starkes Mädchen (bei diesem Satz lächelt sie gezwungen und macht den Eindruck als würde sie ein Mantra aufsagen).

T.: Es macht den Eindruck, als hätte sie das eben erzählte schon als Kind stark belastet.

C.: Nein. Als Kind ist man da doch völlig unreflektiert. Ich wollte es natürlich allen Recht machen und fand es meistens auch toll immer irgendein Programm zu haben. Ich fand es natürlich auch toll so viele Freunde zu haben. Meine Eltern haben immer gesagt, dass alle Kinder, die meine Bücher vorgelesen bekommen oder selber lesen meine Freunde sind. Das fand ich natürlich schön. Erst jetzt so im Nachhinein bekommt das irgendwie so einen komischen Beigeschmack.

T.: Können Sie das näher erläutern?

C.: Ich frage mich einfach, ob meine Eltern die ganze Action gemacht haben, um mich zu fördern und mir keine einzige Chance zu verwehren, oder ob sie eventuell davon profitiert haben. Sie waren dadurch immerhin die Eltern von einem berühmten kleinen, sehr talentierten Mädchen. Und mussten dafür eigentlich immer nur nett sein. Keine Ahnung, vielleicht tue ich ihnen damit unrecht. Aber auch jetzt, nachdem ich meiner Mutter erzählt hab, dass ich das Studium abgebrochen hab. Da hat sie gar nicht richtig gefragt warum oder wie es mir damit geht oder so. Ich hatte so den Eindruck, als wäre es ihr wichtiger, dass ich schnell wieder in die Spur komme…wenn ich das so sagen kann… schnell wieder funktioniere…

T.: Hm…Könnte es sein, dass sie ihr Studium beendet haben, um mal nicht zu funktionieren?

C.: (Leicht zögernd). Vielleicht ja. Jetzt wo sie das so aussprechen fühlt es sich eigentlich genau so an. (Schaut etwas hilfesuchend im Raum umher).

T.: Haben Sie außer diesem Male schon einmal versucht gegen ihre Eltern „zu rebellieren“, wenn ich das so nennen darf?

C.: Naja, also nicht offensiv wenn sie verstehen was ich meine…

T.: Ehrlich gesagt verstehe ich das nicht so genau.

C.: Ok. Also ich habe eigentlich immer wenn mir der Stress zu viel wurde oder wenn ich mal meine Ruhe wollte, die es ja praktisch nie gab, irgendwas gegen mich selbst gemacht. Also als Kind hab ich zum Beispiel mal Löcher in meinen Lieblingspullover gebissen und dann gesagt ich wär an einer Hecke hängen geblieben. Ich fand das irgendwie gut so ein Geheimnis für mich ganz alleine zu haben. (Während sie das sagt, lächelt sie als würde sie eine schöne Erinnerung erzählen). Später hab ich dann irgendwann angefangen Nägel zu kauen und auch die Haut drumherum und mir Haare auszureißen. Also ich hab mich nie geritzt oder so. Das machen ja auch manche. Ich hätte schon manchmal das Bedürfnis gehabt. Einfach um was zu machen, was nur mich ganz alleine was angeht… Aber das wär ja sofort aufgefallen…Deshalb hab ich mir halt noch verstecktere Sachen gesucht wie eben das mit dem Haare einzeln ausreißen…

T.: Hm…

C.: Kennen Sie „die Kinder von Bullerbü“ oder „Michel aus Lönneberga“?

T.: Ja sicher.

C.: Manchmal hätte ich mir so eine Kindheit gewünscht. So ganz frei und unbeobachtet.

T.: Das ist nachvollziehbar! Frau Klawitter, unsere Zeit ist leider für heute schon um. Ich kann mir vorstellen, dass es sinnvoll wäre, wenn wir und noch einige Male sehen könnten. Ich denke wir haben noch einiges zu besprechen. Oder wie geht es Ihnen damit?

C.: Ja. Vielen Dank! Es hat gut getan so manche Dinge einfach auszusprechen. Ich würde mich freuen wenn ich wiederkommen darf.

T.: Vielen Dank für Ihre Offenheit! Bis zu nächsten Mal.

C.: Ich rufe an. Tschüss.

Eine sichtlich erleichterte Patientin verlässt den Raum. Schon ihr Gang wirkt leichter und zugleich sicherer als bei ihrer Ankunft.

Cornelia Klawitter ruft am nächsten Tag an, um weitere Termine zu vereinbaren.

Nach dem Gespräch schaute der Therapeut sich einige Bücher aus der Conni-Reihe an und konnte sich dadurch ein differenzierteres Bild über die familiäre Situation, wie auch dem mit Aktionen ausgefüllten Leben der „kleinen“ Conni machen.

Einschätzung des Psychologen

Als Cornelia Klawitter die in den Raum trat, konnte der Therapeut eine offenbar selbstbewusste, hübsche und gepflegte junge Frau sehen. Im Laufe des Gesprächs erkannte der aufmerksame Therapeut anhand kleiner äußerlicher Indizien, wie dem ständigen Beschäftigen der Finger durch Reiben der Hände oder das Spielen mit den Haaren und auch dem wiederkehrenden verlegen wirkenden Lächeln, dass es sich augenscheinlich um eine wohl geübte Fassade handelt. Frau Klawitter selbst stand von Kindesbeinen an unter ständiger Beobachtung und musste so, zum Schutze ihres Selbst, eine äußere Darbietung ihrer Person entwickeln, mit welcher sie die Erwartung ihrer Eltern und „Fans“ erfüllte. Dazu gehörten ein ständiges Lächeln und ein offensichtlicher Ehrgeiz in Bezug auf alle Tätigkeiten, die sie ausführen sollte, durfte und meist auch wollte. Sie präsentierte ständig das fröhliche, fleißige und geschickte Kind, welches allen Interessen nachgeht und jede Hürde meistert. Dass sie dabei kaum Möglichkeiten hatte eine ganz eigene Identität zu entwickeln ist nicht verwunderlich. Erst mit Beginn des Erwachsenenalters fiel ihr überhaupt auf, dass es möglicherweise Gefühlsregungen und Interessen geben könnte, die ganz aus ihrem Inneren kommen und keinerlei Erwartungen von außen erfüllen können. Im Zuge dessen begann sie auch zu reflektieren, dass Nägelkauen und Haare ausreißen so etwas wie eine Flucht für sie war, um sich ganz selbst zu spüren, ohne Fremdbestimmung.

Aus dem Gespräch ging hervor, dass ihre Mutter ihr eine enge Bezugsperson war (sie tröstete sie und war diejenige der Frau Klawitter zuerst von ihrem Studienabbruch erzählte), die sie aber auch über ihre Tochter eigene (möglicherweise unbewusste) Ziele umzusetzen versuchte (der Drang ihre Tochter durch den Besuch beim Therapeuten wieder „in die Spur“ zu bringen). Das Verhältnis zwischen Frau Klawitter und ihrem Vater wurde nicht ganz deutlich. Allerdings kann der Therapeut davon ausgehen, dass es da möglicherweise noch ungelöste Konflikte gibt, welche die Patientin auch in die Gegenwart mitgenommen hat, indem sie sich einen Freund mit ähnlichen Verhaltensmuster wie der Vater sie zeigte, suchte.

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668873056
ISBN (Buch)
9783668873063
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457625
Institution / Hochschule
Universität Ulm
Note
1,3
Schlagworte
erstinterview fiktives erstgespräch conni

Autor

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Titel: Ein psychoanalytisches Erstinterview. Fiktives Erstgespräch mit "Conni"