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Schon ein kleines Lied kann viel Dunkel erhellen. Kann Dentophobie durch Musik reduziert werden?

Studienarbeit 2016 10 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Angststörungen
1.1 Spezifische Phobien
1.2 Dentophobie

2 Musik und Emotion
2.1 Musik, Gehirn und Angst

3 Therapie von Dentophobie
3.1 Musik als Anxiolytikum in der zahnärztlichen Praxis

4 Schlussfolgerung und Ausblick

Literatur

„Schon ein kleines Lied kann viel Dunkel erhellen“ - Kann Dentophobie durch Musik reduziert werden?

Im Rahmen der Angststörungen und hier wiederum innerhalb der spezifischen Phobien nimmt die Dentalphobie oder Odontophobie mit 3 % einen recht kleinen Platz ein (Hamm, 2006). Mit einer Prävalenzrate von etwa 7 % (Jöhren & Margraf-Stiksrud, 2002) wären jedoch allein in Deutschland 5,6 Millionen Menschen von der panischen Angst vor einem Zahnarztbesuch betroffen. In der psychotherapeutischen Praxis wird diesem Phänomen bislang wenig Beachtung geschenkt, was daran festzustellen ist, dass es aus der klinischen Psychologie kaum Literatur oder empirische Forschung dazu gibt und die wenigsten Menschen mit einer solchen Störung zu einem Psychotherapeuten gehen. Noch weniger wurde bisher der Umstand beachtet, dass Musik offenkundig einen enorm positiven Einfluss auf die Reduktion von Angstempfinden im klinischen Kontext aufweist. Dennoch gibt es eine gewisse Anzahl von Studien, die sich mit dem Thema Angst und Musik in der Klinik im Allgemeinen und Musik in Bezug auf Angst vor dem Zahnarzt im Speziellen beschäftigen. In der folgenden Arbeit soll anhand der bereits erfolgten empirischen Arbeiten der Frage nachgegangen werden, ob es sinnvoll wäre im Rahmen der psychotherapeutischen Praxis in der Behandlung von Dentophobikern der Wirkung von Musik mehr Beachtung zu schenken.

1 Angststörungen

Angst ist dem Menschen ein treuer Begleiter. Seit Anbeginn der Menschheit bis heute nimmt die Angst eine wichtige Funktion als Warnsignal vor Unbekanntem oder Gefährlichem ein und bringt somit einen häufigen Nutzen in das tägliche Leben, sofern sie im Rahmen dieser Nutzenfunktion auftritt. Überschreitet sie jedoch dieses Aufgabenfeld wird sie pathologisch und die betroffene Person beginnt unter ihrer Anwesenheit zu leiden. Die Angstzustände können zu einer massiven Beeinträchtigung des Lebensvollzuges der Person führen (Marks, 1987). Aufgrund dieser zunehmenden Belastung für den Betroffenen wird die daraus folgende Angststörung in der ICD 10 unter F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen klassifiziert, wobei die Angststörungen unter F40-F41 in ihren spezifischen Arten zu finden sind (WHO, 2016). Laut einer Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Institutes 2014 sind Angsterkrankungen die mit Abstand häufigsten psychischen Erkrankungen; bei Frauen stehen sie an erster Stelle, bei Männer nach der Alkoholsucht an zweiter Stelle (Jacobi et al., 2014).

1.1 Spezifische Phobien

Eine mögliche Form der verschiedenen Angststörungen ist die Spezifische Phobie. Diese bezieht sich auf eine unbegründete und ausgeprägte Angst vor einem spezifischen Objekt oder einer spezifischen Situation, welche bis zu situationsgebundenen Panikattacken führen kann (Aufdermauer & Reinecker, 2010). Solche Stimuli können beispielsweise der Anblick von Spinnen, das Erleben von Höhe, das Erblicken von Blut, oder auch in enormen Fällen die Angst vor der Sonne, vor Punkten oder Vögeln sein. Genau in dieser engen Umgrenzung der angstauslösenden Faktoren findet sich die Unterscheidung zu ähnlichen Störungen wie Agoraphobie oder Soziale Phobie. Die Diagnosekriterien für eine Spezifische Phobie, wie beispielsweise Vermeidungsverhalten oder Aushalten der Situation unter extremer Angst, Persistieren der Angst (typischerweise ≥ 6 Monate) oder die Unverhältnismäßigkeit der Angst in Relation zur tatsächlichen Bedrohung unterscheiden sich in den beiden Manualen ICD-10 und DSM5 kaum, bis auf den Punkt, dass Betroffene erkennen müssen, dass die Ängste übertrieben oder unbegründet sind; dieser wurde im DSM 5 gestrichen (APA, 2013; WHO, 2016).

Spezifische Phobien lassen sich in beiden genannten Manualen in fünf Typen unterscheiden: Tiertypus, Umwelttypus, Situationstypus, Blut-. Spritzen- und Verletzungstypus und der sogenannte Andere Typus (Berking & Rief, 2012). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich insbesondere mit dem Denolphobiker, welcher dem reinen Verstand folgend zu dem Blut-, Spritzen und Verletzungstypus gehören müsste. Da er sich jedoch von diesem dadurch unterscheidet, keine vasodilatativen Folgen zu haben, also nicht unmittelbar zu einem Blutdruckabfall führt, wird er von Hamm (2006) dem Anderen Typus zugeteilt.

1.2 Dentophobie

Während die Dentalphobie die Angst gegen Spritzen, Bohrer und Behandlungsgeräte bezeichnet, meint die Odontophobie die Angst vor Zahnärzten und der eigentlichen Zahnbehandlung. Beide Begriffe werden nachfolgend unter dem Begriff Dentophobie zusammengefasst. Viele Studien zur Prävalenz der Dentophobie wurden bislang nicht durchgeführt. Je nach Autor geben ca. 70% der Bevölkerung ein Angstgefühl an, etwa 20 % gelten als hoch ängstlich und circa 7 % vermeiden den Zahnarztbesuch völlig. Diese Gruppe gehört in die nach ICD-10 klassifizierte Gruppe der Zahnbehandlungsphobiker (Jöhren et al., 2002). Laut einer großangelegten Studie im Bochumer Universitätsklinikum mit 300 Probanden leiden etwa 11 % der Bevölkerung an einer klassifizierbaren Dentophobie (Enkling, Marwinski & Jöhren, 2006). Die gesundheitlichen und finanziellen Folgen die daraus entstehen sind nicht zu unterschätzen.

In der Regel entsteht die Dentophobie durch ein Zusammenkommen mehrerer Faktoren. Laut Lindsay & Jackson (1993) liegt die häufigste Ursache in traumatischen Erfahrungen während vergangener Zahnbehandlungen. Andere Autoren sehen die Hauptgründe in der Erwartungsangst vor Schmerzen, dem Einfluss der Familie durch eigene Ängste und der drohende Verlust der Selbstkontrolle durch Ausgeliefertsein (Jöhren et al, 2002). Andere Untersuchungen belegen, dass in 95 Prozent aller Praxen keinerlei Techniken zur Angstreduktion angeboten werden (Platen, 2001). So schaffen unvorhersehbare Abläufe bei der Zahnbehandlung, die reine Vorstellung und darüber hinaus der Anblick von Spritzen und Bohrern oder auch Eigenschaften und Verhaltensweisen des behandelnden Zahnarztes und der gesamten Praxisatmosphäre schon ein Unsicherheits- bis Angstgefühl, ohne dass gleichzeitig adäquate Lösungsmöglichkeiten angeboten würden.

2 Musik und Emotion

Das älteste Musikinstrument, das je entdeckt wurde ist etwa 35.000 Jahre alt, eine Knochenflöte, gefunden auf der Schwäbischen Alb (Spitzer, 2014). Dies verdeutlicht, dass Musik seit Urzeiten ein wichtiger Begleiter der Erdenbewohner war. Mit Musik ziehen Menschen in die Schlacht, heiraten sie, trauern, lieben und tanzen sie. Die Tatsache, dass Musik bewegt und einen Einfluss auf die Gefühle des Hörenden ausübt würde aus eigener Erfahrung ein jeder bestätigen. Allerdings hat die empirische Forschung auf dem Gebiet der Musikpsychologie ihren Anfang erst in den 90er Jahren genommen. So war einer der ersten Forscher auf diesem Gebiet der Musikpsychologe John Sloboda. Er führte 1991 eine Studie durch, in welcher er die emotional körperlichen Reaktionen auf Musik offenlegte. Hierfür ließ er 83 Musikhörer aus Großbritannien einerseits einen Fragebogen im Hinblick auf ihre körperlichen Reaktionen auf Musik in den letzten fünf Jahren ausfüllen und andererseits drei Musikstücke nennen, bei denen sie sich sicher waren eine solche körperliche Reaktion erlebt zu haben. Als Ergebnis konnte der Forscher beobachten, dass die mit Abstand häufigste emotional-körperliche Reaktion auf Musik das eiskalte über-den-Rücken-laufen von Gänsehaut ist, gefolgt von Lachen und Tränen (Sloboda, 1991).

2.1 Musik, Gehirn und Angst

Ein Jahrzehnt später knüpften Forscher an diese Ergebnisse an und versuchten anhand von bildgebenden Verfahren mittels Positronenemissionstomographie (PET) die entsprechenden Hirnregionen für das Gänsehautgefühl zu ermitteln (Blood & Zatorre, 2001). Hierfür mussten Probanden mit mindestens achtjähriger musikalischer Ausbildung erst ein Musikstück hören, welches von ihnen selbst als das ausgewählt wurde welches das genannte Gänsehautgefühl verursacht und im Anschluss eines, welches ein anderer Proband als sein Musikstück mit dem gleichen Effekt gewählt hatte. Durch den direkten Vergleich der entsprechenden Bilder aus dem PET konnte ermittelt werden, welche Regionen im Gehirn mit dem Auftreten der emotionalen Reaktion aktiviert werden. Interessanterweise fand sich eine Zunahme der Aktivität unter anderem im dopaminergen System im ventralen tegmentalen Bereich, welches beim Menschen für Belohnungs- und Glücksgefühle zuständig ist. Diese Erkenntnis wird gestützt von den Ergebnissen einer anderen Studie, in welcher die Forscher den blutdrucksenkenden Einfluss von Musik erforschten und dabei feststellten, dass gleichwohl die dopaminerge Neurotransmission verbessert wird (Den‘etsu & Kayo, 2004). Zudem fand man eine Abnahme der Aktivität im Bereich beider Mandelkerne, also in dem Bereich welcher für das Erleben von konditionierter Angst von besonderer Bedeutung ist (Blood et al, 2001). Es kann also davon ausgegangen werden, dass das Hören von angenehmer Musik, sowohl das Wohlbefinden des Menschen durch Aktivierung eines dafür zuständigen Hirnareals steigert, als auch das Empfinden von Angst durch die Hemmung des entsprechenden Hirnsegments mindert.

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Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668874121
ISBN (Buch)
9783668874138
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457214
Institution / Hochschule
Universität Ulm
Note
1,7
Schlagworte
schon lied dunkel kann dentophobie musik

Autor

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Titel: Schon ein kleines Lied kann viel Dunkel erhellen. Kann Dentophobie durch Musik reduziert werden?