Lade Inhalt...

Kultur Mexiko – USA, Paz - Fuentes

Dargestellt anhand ausgewählter literarischer Werke von Octavio Paz und Carlos Fuentes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 29 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

1. Einleitung

Ausgehend von einem Referat über den mexikanischen Autor Octavio Paz und sein schriftstellerisches Werk befasst sich die vorliegende Arbeit mit den sich kontrastierenden Kulturräumen Mexiko und der USA. Für Paz wie für viele andere lateinamerikanische Autoren und Intellektuelle war die Auseinandersetzung mit der nordamerikanischen Kultur und Politik zur Beantwortung der Frage nach der kulturellen und nationalen Identität der in Mexiko (bzw. in Lateinamerika) und den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner (bzw. ´Latinos`) unumgänglich.

Die kulturellen Unterschiede, die Paz in seinen Essays anhand der unterschiedlichen historischen, religiösen, politischen und ökonomischen Voraussetzungen der beiden Staaten herausarbeitet, sind verbunden mit der Frage nach der ‚mexicanidad’ – der Identitätssuche des in der mexikanischen Kultur verwurzelten Individuums als Ausdruck der Suche eines Konzepts für die Zukunft des mexikanischen Volkes und Staates. Die Abgrenzung zum Anderen, zur otro lado, in diesem Fall die USA, ist für Mexiko besonders relevant, da hier zwei völlig verschiedene Kulturräume aufeinandertreffen.

Im Verlaufe dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie Paz mit Hilfe dieser Spiegelung, sprich dem Vergleich, sein Konzept der mexikanischen Identität entwickelt. Daran anschließend soll dargestellt werden wie sein Freund und Kollege, Carlos Fuentes, diese Thematik in seinen literarischen und essayistischen Werken verarbeitet und welche Position er hinsichtlich der gegenwärtigen Beziehung Mexikos zu den USA bezieht.

Beide Autoren zählen zu den wichtigsten und innovativsten der mexikanischen Gegenwartsliteratur.

Desde la década de los 50, Fuentes y Paz han encabezado las corrientes literarias más fuertes y innovadores en México.[1]

In Lateinamerika und speziell in Mexiko besaßen Literaten bis in die sechziger Jahre großen Einfluss auf die Konstruktion und Definition der nationalen und kulturellen Identitäten. Denn im 19. Jh. waren Schriftsteller gleichzeitig Staatsmänner, Politiker, Militärs und Diplomaten und damit intellektuelle und politische Elite in einem. Es gab kaum eine Differenzierung von Disziplinen, was dazu führte, dass die politischen und literarischen Diskurse zusammenfielen[2]. Diese literarische Tradition zeichnet sich bei Paz und Fuentes ab. Beide standen im diplomatischen Dienst Mexikos und haben sich stets politisch engagiert. Bei Fuentes ist es glücklicherweise noch heute der Fall.

2. Octavio Paz

Geboren wurde Octavio Paz am 31. März 1914 in Mexiko-Stadt als Sohn eines Journalisten und Mitarbeiters des Sozialrevolutionärs Zapata. Sein Großvater war ein prominenter liberaler Intellektueller aus einer Familie, die stolz auf ihre kreolische Abstammung, seit mehreren Generationen in Mexiko lebte.

Octavio Paz war bereits mit 17 Jahren Mitbegründer einer literarischen Zeitschrift und begann gleichzeitig zu publizieren, womit er den Grundstein seiner schriftstellerischen Karriere legte. Im Laufe der Zeit erschienen zahlreiche Zeitschriften unter seiner Leitung.

Schon während seines Jura- und Philosophiestudium engagierte er sich politisch. Seine dichterische Leidenschaft entfaltete sich u. a. durch die persönliche Bekanntschaft mit älteren Dichtern und Philosophen Mexikos. Nachdem er einige Jahre als Lehrer arbeitete, erhielt er 1944 ein Stipendium, woraufhin er sich zwei Jahre in San Francisco und New York aufhielt. Die folgenden 23 Jahre seines Lebens verbrachte er im diplomatischen Dienst im Ausland, zuerst in Europa (v. a. Paris) dann in den USA, Indien und Japan. Aus Protest gegen das Massaker an demonstrierenden Studenten in seiner Heimatstadt 1968 legte er sein Amt nieder und hielt sich freiwillig im Exil im Ausland auf, z.B. als Gastprofessor in den USA. Nach seiner Rückkehr 1971, die durch die Freilassung der politischen Gefangenen in Mexiko motiviert war, hielt er sich bis zu seinem Tode am 19. April 1998 in seiner Heimatstadt Mexiko City auf.

Im Jahr 1950 erschien sein Buch über das Wesen des Mexikaners, das bald zum Klassiker wurde: El laberinto de la soledad. Dieses Werk, das die Mythen Mexikos und der Mexikaner reflektiert, ist Paz´ Antwort auf zwei existenzielle Fragen: Was heißt es, im 20. Jahrhundert Mexikaner zu sein, und welche Bedeutung hat Mexiko in dieser Epoche?

Damit legte er den Grundstein zu seinem Gesamtwerk, das ihn zu einem der wichtigsten Lyriker und Essayisten der Gegenwartsliteratur machte. Er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, wie dem Premio Cervantes (1981), dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1984) und dem Nobelpreis für Literatur (1990). Seine Poesie bricht mit den traditionellen Formen und Richtlinien. Auch seine schriftstellerischen Werke zeugen von einem ganz eigenem, sehr impulsiven und klaren Stil.[3]

2.1 La mexicanidad por el espejo indiscreto

Abgesehen von seinem bedeutensten Essayband El laberinto de la soledad thematisiert Octavio Paz auch in seinen diversen gesellschaftspolitischen Essays, die gesammelt in dem Band El peregrino en su patria, Historia y política de México erschienen sind, die Frage nach der mexikanischen Identität, mit der sich auch andere mexikanische Autoren, wie Samuel Ramos in seinem Werk El perfil del hombre y la cultura en México, beschäftigten.

Bei Paz Analyse der mexikanischen Kultur ist besonders auffällig, dass er sie nicht nur aufgrund ihrer historischen, politischen, religiösen und ökomischen Entwicklung beschreibt, sondern sie ausserdem noch in Kontrast setzt zu der nordamerikanischen Kultur und ihrer Entstehungsgeschichte, zu der er sich selbst dazuzählt:

Cierta, la pareja contradictoria […]: cómo olvidar que yo mismo era (y soy) parte de una paradoja no menos peregrina: la de México y los Estados Unidos.”[4]

Für Paz ist die Abgrenzung zur ´anderen Seite` besonders wichtig für Mexiko, da diese ihm als indirekter Spiegel dient, denn “cada vez que, como la madrastra del cuento, le preguntábamos por nuestra imagen, nos enseñaba la del otro.”[5] Dabei beschreibt er das Bild, das die Mexikaner in diesem „espejo indiscreto“ sehen, wie folgt:

„Desde que los mexicanos comenzaron a tener conciencia de su identidad nacional, a mediados del siglo XVIII, se interesaron en sus vecinos. Al principio con una mezcla de curiosidad y desdén; después, con admiración y entusiasmo, pronto teñidos de temor y de envidia. La idea que tiene el pueblo de México de los Estados Unidos es contradictoria, pasional e impermeable a la crítica; más que una idea es una imagen mítica.“[6]

Diese Vorstellung der Mexikaner entmysthifiziert Paz in seinem Essay „México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones“, in dem er die unüberwindbaren, allgegenwärtigen Gegensätze verdeutlicht, die sich auf drei Ebenen zusammenfassen lassen:

1. Die wirtschaftliche, politische und soziale Ebene, die Paz mit den folgenden vier Gegensatzpaaren benennt:

desarrollosubdesarrollo; riquezapobreza; poderíodebilidad;

d ominacióndependencia.[7]

2. Die kulturelle, offensichtliche Ebene:

„Civilización es el estilo, la manera que tiene una sociedad de vivir, convivir y morir. Comprende a las artes eróticas y a las culinarias; a la danza y al entierro; a la cortesía y la injuria; al trabajo y al ocio; a los ritos y a las fiestas; a los castigos y a los premios; al trato con los muertos y con los fantasmas que pueblan nuestros sueños; a las actitudes ante las mujeres y los niños, los viejos y los extraños, los enemigos y los aliados; a la eternidad y al instante: al aquí y al allá.“[8]

3. Die kulturelle, menschliche, unter der Oberfläche liegende Ebene:

„Una civilización no sólo es un sistema de valores: es un mundo de formas y de conductas, de reglas y excepciones. Es la parte visible de una sociedad – instituciones, monumentos, ideas, obras, cosas – pero sobre todo es su parte sumergida, invisible: las creencias, los deseos, los miedos, las represiones, los sueños.“[9]

2.1.1 Reforma y Contrarreforma

Die beiden Hauptursachen für die unterschiedliche Entwicklung dieser beiden Staaten liegen erstens in den Wurzeln und der Beziehung zu ihren Herkunftsländern und zweitens in den verschiedenen Kolonisationsformen Amerikas.

Die Ausgangssituation wurde dadurch festgelegt, dass der durch die Reformation geprägte Teil Europas (England) nach Nordamerika auswanderte und New England gründete und der von der Gegenreformation geprägte Teil (Spanien) Süd- und Mittelamerika besiedelte und Nueva España gründete. Diese anfangs nur religiösen Unterschiede bildeten das Fundament für die spätere Ideologie, auf der die heutigen politischen und wirtschaftlichen Systeme basieren.

Der Beginn der Reformation lag in der kritischen Auseindersetzung mit der katholischen Kirche, die Umsetzung dieses Gedankens bedeutete eine Ablösung von ihrer Macht, sprich eine tiefgreifende Veränderung. Die Reformation war somit die Voraussetzung für die nordamerikanische Demokratie und für die bestimmenden kulturellen Werte der Nordamerikaner: Kritikfähigkeit und der Wille zur Veränderung. Die heutige Form der Kritikfähigkeit definiert Paz aufgrund eigener Beobachtungen während seines USA-Aufenthalts in den 40er Jahren. Sie wird erstens begleitet von einer scheinbaren Konformität der Gesellschaft mit ihrer Umwelt und geht nicht bis auf den Grund der Dinge:

„Cuando llegué a los Estados Unidos me asombró por encima de todo la seguridad y la confianza de la gente, su aparente conformidad con el mundo que los rodeaba. Esta satisfacción no impide, claro está, la crítica – una crítica valerosa y decidida, que no es muy frecuente en los países del Sur, en donde prolongadas dictaduras nos han hecho más cautos para expresar nuestros puntos de vista. Pero esa crítica respeta la estructura de los sistemas y nunca desciende hasta los raíces. […] Casi todas las críticas que escuché en labios de norteamericanos eran de carácter reformista: dejaban intacta la estructura social o cultural y sólo tendían a limitar o a perfeccionar estos o aquellos procedimientos.”[10]

Die moderne nordamerikanische Gesellschaft will zwar ihre Ideale verwirklichen, nicht aber gegen andere austauschen.

Paz betont immer wieder in seinen Schriften[11] den unauflöslichen Widerspruch der USA: Sie sind eine Demokratie und ein Imperium. Diese Widersprüchlichkeit gründet auf einer Inversion der Werte. Ihr gesellschaftliches Fundament ist das Privatleben wohingegen es in der mexikanischen Kultur die Familie / Gemeinschaft ist. In dieser Tatsache sieht er einen Teil des Erbes der Reformation.[12]

Die spanische Gegenreformation implementierte hingegen das Komplementär zu diesen Werten, nämlich die Wahrung der Tradition. Sie unterband jede Kritik und forderte eine strikte Unterwürfigkeit der Kirche sowie der Krone gegenüber. Damit wurde der Weg zur modernen Demokratie vorerst verschlossen und später sehr schwierig umzusetzen.

2.1.2 Colonización – sociedad inclusiva vs. exclusiva – la dimensión india

Die spanischen und angelsächsischen Kolonien unterschieden sich in zweierlei Hinsicht. Erstens durch ihre Urbevölkerung und zweitens durch ihre machtpolitische Organisation. Der Norden des Kontinents wurde von Nomadenvölkern bewohnt, die von den Angelsachsen entweder vertrieben oder getötet, aber auf jeden Fall von ihrer Gesellschaft ausgeschlossen wurden: „En los Estados Unidos no aparece la dimensión india.“[13], daher nennt Paz sie eine sociedad exclusiva, die für ihn Folgendes beinhaltet:

“[...]; al mismo tiempo, puesto que cada comunidad era una asociación de hombres puros y aparte de los otros, tendía al igualitarismo entre ellos y a asegurar la autonomía y la libertad de cada grupo de creyentes.”[14]

Für Paz stellt diese “doble y contradictoria tensión entre libertad e igualdad[15] das Leitmotiv der Geschichte der Vereinigten Staaten dar. Diesem inneren Widerspruch entspricht der oben erwähnte äußere Widerspruch von Republik und Imperium.[16]

Mexiko hingegen wurde von einer ansässigen Hochkultur bewohnt, die von Spanien unterworfen und christianisiert werden sollte. Paz nennt diese Gesellschaftsform eine sociedad inclusiva und definiert sie wie folgt:

“Una sociedad inclusiva, fundada en el doble principio de la dominación y la conversión, tenía que ser jerárquica, centralista y respetuosa de las particularidades de cada grupo: estricta división de clases y grupos, cada uno regido por leyes y estatutos especiales y todos creyentes en la misma fe y obedeciendo al mismo señor.”[17]

Die Opposition dieser Gesellschaftsformen wird besonders in den religiösen Konzepten der „comunión“ der sociedad inclusiva und der „pureza“ der sociedad exclusiva deutlich. Sie stellt die Einstellung zur Arbeit, den Festen sowie dem Tod gegenüber. Die Arbeit bedeutet für die Puritaner Befreiung und Erlösung während sie für die neuspanische Gesellschaft keinen Eigenwert besitzt. Sie ist eine Notwendigkeit und dient dem Zweck des Reichtums mit dem Ziel, diesen vor allem in Form von Festen zu genießen, die in der puritanischen Religion als Inbegriff sinnlicher Freuden als sündhaft galten. Die verschiedenen Lebeneinstellungen lassen sich noch heute darin erkennen, dass die Priorität der Nordamerikaner der berufliche Erfolg ist, an welchem sich auch das gesellschaftliche Ansehen mißt und nicht die (kulturellen) Feierlichkeiten.

Für die Mexikaner ist die Präsenz des Todes etwas vollkommen Natürliches, das mit dem Leben verbunden ist, wohingegen die Amerikaner den Tod aus ihrem Leben ausgrenzen:

„La muerte mexicana es corporal, exactamente lo contrario de la muerte norteamericana, que es abstracta y desencarnada. Para los mexicanos la muerte se ve y se toca: […]. Para los norteamericanos, la muerte es lo que no se ve: la ausencia, la desaparición de la persona.“[18]

Ebenso verhält es sich bei den Mexikanerinnen in Bezug auf ihre Bewußtheit über den Körper: „Para ellas el cuerpo, el suyo y el del hombre, es una realidad concreta y palpable.“[19]

Obwohl die Spanier der Urbevölkerung ihren Glauben, ihre Sprache und Kultur aufzwingen wollten, ist die dimensión india in Mexiko präsenter als in jedem anderen lateinamerikanischen Staat: “México es el país más español de América Latina; al mismo tiempo, es el más indio.”[20]

[...]


[1] García Gutiérrez, G.: “La identidad mexicana y la obra de Fuentes. La historia y la cultura”, 1982, S. 43.

[2] Vgl.: Srna, E.: Die Problematik des Grenzraumes Mexiko – USA

[3] Vgl.: http://www.suhrkamp.de/autoren/paz/paz.htm;

http://www.uni-hamburg.de/Akamusik/historie/programmheft_2004_2.pdf

[4] Paz, O.: „México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones“, 1987, S. 35.

[5] Paz, O.: „El espejo indescreto“, 1987, S. 22.

[6] Paz, O.: „México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones“, 1987, S. 35.

[7] Vgl.: Ebd.: S. 36.

[8] Ebd. S. 37.

[9] Ebd. S. 37.

[10] Paz, O.: „El pachuco y otros extremos“, 1986, S. 156f.

[11] Siehe auch 2. Teil von „Tiempo nublado“.

[12] “La revolución de la modernidad, sobre todo en su expresión más radical y completa: los Estados Unidos, consiste en una inversión de valores que es a un tiempo política y ética: el fundamento de la sociedad es la vida privada. La preeminencia de lo privado es, sin duda, la herencia de la Reforma, […].”, in: Paz, O.: “Contrarronda”, 1986, S. 126.

[13] Paz, O.: “México y Estados Unidos: Posiciones y Contraposiciones“, 1987, S. 41f.

[14] Ebd. S. 43.

[15] Ebd. S. 43.

[16] Vgl.: Ebd. S. 56.

[17] Ebd. S. 43.

[18] Ebd. S. 44f.

[19] Ebd. S. 47.

[20] Ebd. S. 41.

Details

Seiten
29
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638430616
ISBN (Buch)
9783638658201
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45705
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Romanistik - Spanisch
Note
1,0
Schlagworte
Kultur Mexiko Fuentes Hauptseminar Bordercrossers

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kultur Mexiko – USA, Paz - Fuentes