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Entstehung und Verlauf der Balkankriege (1991 - 1995). Die Rolle der NATO

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Phasen der Balkankriege
2.1 Exemplarische Aspekte aus der Vorgeschichte zu den Kriegen
2.1.1 Jugoslawien als „unvollkommene Staatsgründung“
2.1.2 Der Staatszerfall der jugoslawischen Föderation
2.1.3 Gewalteskalation durch den Ethnonationalismus
2.2 Der „kleine Krieg“ in Slowenien
2.3 Der Krieg in Kroatien
2.4 Der Krieg in Bosnien-Herzegowina

3. Die Rolle der NATO in den Balkankriegen
3.1 Das militärische Machtmonopol der NATO
3.2 Motive für das verzögerte Eingreifen der NATO
3.2.1 Politische und militärische Gründe
3.2.2 Das neue Selbstverständnis der NATO und ihr Verhältnis zu Russland
3.2.3 Das out-of-area-Problem
3.2.4 Das unausgeglichene Kosten-Nutzen-Verhältnis

4. Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Erklärung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die Kriegsführung in Slowenien

Tabelle 2: Die Kriegsführung in Kroatien

Tabelle 3: Die Kriegsführung in Bosnien-Herzegowina

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die zeitliche Struktur der Balkankriege der 90er Jahre

Abbildung 2: Die Bevölkerungsstruktur in Bosnien-Herzegowina 1991

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Es ist nunmehr 15 Jahre her, dass der Zerfall der damaligen jugoslawischen Föderation eine politische Destabilisierung des Balkans auslöste, die sich rasch zu den größten kriegerischen Auseinandersetzungen seit dem 2. Weltkrieg ausweitete.

Das Kriegsgeschehen auf dem Balkan in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ist jedoch kein eindimensionales Phänomen. Vielmehr dynamisierten sich die Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Teilrepubliken aufgrund differenzierter wirtschaftlicher, sozialer und ethnisch-kultureller Desintegrationsprozesse zu unerbittlich geführten Bürgerkriegen, die letztlich in eine terroristische Dimension der ethnischen Säuberung einmündeten und nicht weniger als 200.000 Menschen das Leben gekostet haben.[1]

Diese im ehemaligen Jugoslawien praktizierten Menschenrechtsverletzungen in Gestalt von Völkermord und ethnischen Vertreibungen veranlasste die Mehrheit der führenden westlichen Völkerrechtler bereits in den Jahren 1991 und 1992, vehement militärische Zwangsmaßnahmen der internationalen Staatengemeinschaft als ultima ratio gegen diese menschenverachtende genozidale Politik zu fordern, da sie die hierfür notwendigen Bedingungen als uneingeschränkt erfüllt ansahen:[2]

1. Verletzung der territorialen Integrität souveräner Völkerrechtssubjekte
2. Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht
3. Willkürliche Behinderungen bei Auslieferung humanitärer Hilfsgüter

Jedoch entsprach die NATO diesem Wunsch nach einer entschlossen geführten militärischen Intervention erst nach einer längeren Phase des Zögerns, als sie im September 1995 durch massive Luftangriffe auf die militärische Infrastruktur der bosnischen Serben erfolgreich das Ende der Jugoslawien-Kriege und der daraus erwachsenden gravierenden Menschenrechtsverletzungen einleitete.

Das Erkenntnisinteresse in dieser Arbeit ist zweigeteilt. In einem ersten Teil soll das relativ komplexe und undurchschaubare Phänomen der Balkankriege zwischen 1991 und 1995 analysiert und verständlich gemacht werden. Darauf aufbauend beschäftigt sich der zweite Teil dieser Arbeit mit der Fragestellung, warum sich die NATO erst relativ spät im Jahre 1995 dazu durchrang, die schweren Menschenrechtsverletzungen im ehemaligen Jugoslawien durch militärische Gewaltanwendung von außen zu beenden.

Zur Verdeutlichung des vielschichtigen Kriegsgeschehens werden im zweiten Abschnitt zunächst die unterschiedlichen Phasen der Balkankriege dargestellt. Zu Beginn werden hierin exemplarisch ausgewählte Aspekte aus der Kriegsvorgeschichte skizziert, um den Staatszerfall der jugoslawischen Föderation und den Weg in die daraus resultierenden kriegerischen Auseinandersetzungen aufzeigen zu können, bevor sich die daran anschließende Betrachtung schwerpunktmäßig mit den unterschiedlichen Kriegsphasen und –hintergründen auseinandersetzt.

Nachdem die Auslöser und die wichtigsten Eckpunkte der drei Kriegsverläufe geklärt wurden, widmet sich das dritte Kapitel der Rolle der NATO in den Balkankriegen. Entsprechend der oben skizzierten Hauptfragestellung werden hierbei primär die wichtigsten Motive analysiert, warum sich die NATO trotz intensiver Forderungen führender westlicher Völkerrechtler zu Beginn der 90er Jahre erst nach einer längeren Phase des Zögerns im September 1995 dazu durchringen konnte, die jahrelang andauernden Kampfhandlungen, Vertreibungen und ethnischen Säuberungen auf dem Balkan im Rahmen umfassender militärischer Zwangsmaßnahmen zu beenden. Zum Abschluss werden die zentralen Erkenntnisse im vierten Kapitel noch kurz und bündig zusammengefasst.

2. Die Phasen der Balkankriege

Aufgrund der Komplexität und Mehrdimensionalität des Kriegsgeschehens auf dem Balkan in den 90er Jahren soll die folgende Abbildung zunächst einen zeitlich strukturierten Überblick über die einzelnen Phasen des Kriegsverlaufs in Jugoslawien vermitteln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 Exemplarische Aspekte aus der Vorgeschichte zu den Kriegen

2.1.1 Jugoslawien als „unvollkommene Staatsgründung“

Mit der Gründung des ersten jugoslawischen Staates am 1. Dezember 1918 wurde sicherlich eines der vielschichtigsten und kompliziertesten Staatengebilde der Neuzeit geschaffen, das in ihrer Konstruktionsform als Vielvölkerstaat dramatische Konfliktpotenziale in sich barg.[3]

Die renommierte Historikerin Calic vertritt in diesem Zusammenhang die These, dass die darin und in allen weiteren geschichtlichen Vereinigungskonzeptionen Jugoslawiens verankerte Vision, unterschiedliche Ethnien, Sprachen und Kulturen unter dem Dach einer nationalstaatlichen Einheit integrieren zu können, trotz extremer Disparitäten zwischen den politisch, religiös, sozial und ökonomisch sehr unterschiedlich ausgeprägten Strukturen der einzelnen jugoslawischen Teilregionen nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Allerdings hätten sich im Verlauf eines jeden Fusionsprozesses in der Geschichte Jugoslawiens ethnisch-kulturelle, historisch-politische oder sozioökonomische Konflikte ergeben, welche den Fortbestand des pluralen Nationalstaatenmodells verhinderten. Nichtsdestotrotz bezeichnet Calic den Vielvölkerstaat Jugoslawien als per se „unvollkommene Staatsschöpfung“.[4]

Diese Feststellung gilt auch für die nach dem zweiten Weltkrieg konstituierte „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“, die sich aus den sechs Teilrepubliken Serbien, Montenegro, Mazedonien, Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzego­wina sowie den beiden autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina zusammensetzte.[5]

2.1.2 Der Staatszerfall der jugoslawischen Föderation

Bevor es jedoch zum endgültigen Zerfall der SFRJ zu Beginn der 90er Jahre kam, war bereits eine längere Phase schleichender Erosionsprozesse vorausgegangen, die sich primär aufgrund tief greifender ökonomischer Probleme radikalisierten.[6]

Selbstverständlich greift ein rein ökonomischer Erklärungsansatz für das außerordentlich komplexe Phänomen der Desintegrationsprozesse und des daraus resultierenden Staatsverfalls der SFRJ zu kurz. Jedoch soll in dieser Arbeit keine umfassende Ursachenanalyse durchgeführt werden, sondern lediglich die entscheidenden Auslöser für die sich daran anschließenden Balkankriege herausgearbeitet werden. Zu diesem Zweck wird an dieser Stelle primär die ökonomische Perspektive dargestellt und ihre Wechselwirkung mit der politischen Dimension untersucht.

Die dramatische Verschuldungskrise des jugoslawischen Staates und die Handlungsunfähigkeit der Wirtschaft veranlasste den IWF zu Beginn der 80er Jahre, ein umfangreiches wirtschaftspolitisches Stabilisierungs- und Reformprogramm zu initiieren, um die höchst ineffizient organisierte jugoslawische Wirtschaft zu internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu verhelfen. Die daraus resultierende, einseitig angebotsorientierte Wirtschaftspolitik führte jedoch zu erheblichen Problemen auf der Nachfrageseite, wie z.B. dem Einfrieren der Löhne bei gleichzeitig stark steigender Inflation und Arbeitslosigkeit.[7]

Anstelle jedoch diese Wirtschaftskrise mit all ihren negativen sozialen Konsequenzen für die Bürger mit vereinten Kräften zu bewältigen, verstrickten sich die Lokalverwaltungen der reichen und der ärmeren Regionen Jugoslawiens gegenseitig in intensiv geführte Verteilungskämpfe um die knappen finanziellen Ressourcen, was die wirtschaftliche und soziale Lage des Landes noch verschlimmerte.[8] Der Bundesstaat musste dieser Entwicklung hilflos zusehen, da er mit dem Tode Titos im Jahre 1980 seine intrastaatlich anerkannte Autorität verlor und im Zuge des darauf folgenden machtpolitischen Verdrängungswettbewerbs immer mehr Handlungskompetenzen an die nach Autonomie strebenden Teilrepubliken abtreten musste, bis seine Machtbasis schließlich Anfang der 90er Jahre völlig erodiert war.[9]

[...]


[1] Marie-Janine Calic, „Der erste „neue Krieg“? Staatszerfall und Radikalisierung der Gewalt im ehemaligen Jugoslawien“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Jg. 2005, Nr. 2, S. 87.

[2] Marie-Janine Calic, Der Krieg in Bosnien-Herzegowina. Ursachen – Konfliktstrukturen –
Internationale Lösungsversuche
(Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1995), S. 156-157.

[3] Calic, Der Krieg in Bosnien-Herzegowina, S. 11.

[4] Ebd., S. 13-16.

[5] Nach dem 2. Weltkrieg wechselte die offizielle Bezeichnung des Staates Jugoslawiens mehrmals. 1945 hieß die neu gegründete jugoslawische Föderation „Demokratska Federativna Jugoslavija“, ab 1946 „Federativna Narodna Republika Jugoslavija“ und schließlich ab 1963 „Socijalistička Federativna Republika Jugoslavija“.

Matiaž Kek, Facts about Slovenia. 8th Edition. (Ljubljana: Government of the Republic of Slovenia Public Relations and Media Office, 2005), S. 34.

[6] Stephan Hensell, „Chronologischer Überblick über Kriege und bewaffnete Konflikte in Europa seit 1945. Slowenien“. Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF). 2004, S. 1-2. URL: http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege/228_slowenien.htm [22. August 2005].

[7] Ebd.

Lenard J. Cohen. Broken Bonds: The Disintegration of Yugoslavia. (Boulder: Westview Press. 1993), S. 16.

[8] Calic, „Staatszerfall und Radikalisierung der Gewalt im ehemaligen Jugoslawien“, S.75.

[9] Die letzte funktionierende bundesstaatliche Institution Anfang der 90er Jahre stellte die Jugoslawische Volksarmee (JVA) dar.

Hensell, „Slowenien“, S.1-3.

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638430296
ISBN (Buch)
9783638692700
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45671
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
Entstehung Verlauf Balkankriege Welche Rolle NATO Entwicklung Strukturen Perspektiven Thema Balkankrieg

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