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Ein besonderer Status. Diskriminierung und Förderung des Arabischen in Frankreich im Bereich des Lehrens und Lernens

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 15 Seiten

Französisch - Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Geschichte des Lernens von Arabisch in Europa und Frankreich

3 Diskriminierung von Arabisch in Frankreich

4 Förderung von Arabisch in Frankreich

5 Schluss

Quellen

1 Einleitung

Dieses Jahr empörte man sich in Frankreich darüber, dass das Erlernen der arabischen Sprache angeblich obligatorisch werde. Zwar stellte sich dieses Gerücht als falsch heraus, doch viele Reaktionen darauf waren rassistisch und arabischfeindlich.1

Die arabische Sprache ist in Frankreich umstritten, einerseits wird sie mit Terroristen in Verbindung gebracht, andererseits wird sie an öffentlichen Institutionen gelehrt. Aus diesem Grund kann man von einem besonderen Status in der Gesellschaft sprechen, den sie innehat.

Diese Arbeit beschäftigt sich damit, was für die Erhaltung der arabischen Sprache, wozu hier sowohl die Dialekte als auch Hocharabisch zählen, in Frankreich getan wird und welche Hindernisse sie erfährt. Dabei konzentriere ich mich auf das Lehren und Lernen, um den Rahmen nicht zu sprengen. Das Ziel besteht darin, unter Berücksichtigung der Vergangenheit die heutige Situation der arabischen Sprache in Frankreich darzustellen.

Zuerst werde ich auf die Geschichte eingehen, um aufzuzeigen, welche lange Tradition die Beziehung zwischen der arabischsprachigen und abendländischen Welt besitzt und welchen Stellenwert das Lehren und Lernen von Arabisch in Europa und somit auch in Frankreich hatte, um besser die heutige Situation der Sprache erklären zu können. In zwei unterschiedlichen Kapiteln werde ich dann die Diskriminierung und Förderung der Sprache behandeln, um beide Seiten einander gegenüberzustellen. Im Fazit erfolgt die Zusammenfassung mit einer Schlussfolgerung. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben.

2 Geschichte des Lernens von Arabisch in Europa und Frankreich

Während des Byzantinischen Reiches wurden Araber von Byzantinern als Emporkömmlinge wahrgenommen, die eine falsche Religion verbreiteten und gestürzt werden mussten, während diese am Byzantinischen Reich aus wissenschaftlichen, diplomatischen, kommerziellen oder militärischen Gründen interessiert waren. Somit spielte Arabisch eine wichtige Rolle, wenn man die Schriften dieser Religion studieren wollte, um sie in der Polemik zu gebrauchen. Beispielsweise wurde eine der frühesten Übersetzungen des Koran, welche von Nicetas von Byzanz im neunten Jahrhundert in seiner Polemik benutzt wurde, wahrscheinlich von einem Ostchristen übersetzt, dessen Muttersprache Syrisch war und der wie alle Mitglieder der christlichen Minderheit Arabisch gelernt hatte.2

Dieses Muster der Informationsgebung durch arabische Christen über den Islam und Arabisch blieb lange intakt. Im islamischen Reich gab es viele Christen, die als Mediatoren interpretieren und übersetzen konnten, während in Europa Spezialisten des Arabischen fehlten.3

Im 9. und 10. Jahrhundert übersetzten syrische Christen griechische Manuskripte über Logik, Medizin und Philosophie zuerst ins Syrische und anschließend ins Arabische. Die arabischen Philosophen und Logiker waren meist auf die christlichen Mediatoren angewiesen, da sie normalerweise keine Griechischkenntnisse besaßen.4

Ähnlich verhielt es sich im Westen, wo ab dem 9. Jahrhundert al-Andalus das Zentrum des Wissens und des Lernens bildete. Die europäischen Gelehrten, die Medizin oder Philosophie studieren wollten, mussten nach Cordoba oder Granada reisen, da dort die griechischen Quellen auf Arabisch zugänglich waren.5

Die meisten europäischen Gelehrten konnten nicht nach Spanien reisen, um für das Lesen arabischer Texte die arabische Sprache zu lernen. Stattdessen konnte man arabisches Wissen durch die Übersetzungen philosophischer und medizinischer Schriften erlangen, insbesondere nach der Rückeroberung Toledos in 1085, als die Büchereien der islamischen Kultur dem Westen zugänglich wurden. Hier konnte man Personen finden, die die Texte lesen und ins Lateinische übersetzen konnten. Unter anderem übersetzte Gerard von Cremona arabische Texte, unter denen sich Schriften von Averroes (Ibn Rushd) und Avicenna (Ibn Sina) befanden. Zahlreiche Mediatoren waren hierbei beteiligt. Italienische, französische und spanische Juden übersetzten arabische Texte vom Arabischen zu Beginn ins Hebräische und dann ins Lateinische.6

Nach und nach reevaluierte man die arabische Wissenschaft und Philosophie. Man vergaß, dass weise Männer wie Avicenna und Averroes Muslime waren, da ihr Einfluss auf die Wissensentwicklung so groß war, insbesondere in Klöstern Europas. Diese Gelehrten besaßen vermutlich keine Arabischkenntnisse, ebenso wie die arabischen Philosophen auch kein Griechisch beherrschten. Europa schätzte die Weisheit des Ostens und betrachtete die Übersetzung arabischer Schriften als die beste Einführung in die Philosophie des Aristoteles.7

Ein paar Ambitionierte gingen nach Spanien, um Arabisch zu lernen und die Manuskripte aus erster Hand zu erhalten. Andere gewannen praktische Kenntnisse durch persönliche Kontakte im Mittleren Osten während der Kreuzzüge, allerdings blieb generell das Wissen der „Franken“ auf die praktische Kommunikation beschränkt. Andere Quellen der Information bestanden aus Handlungsmissionen nach Nordafrika und zur Levante sowie Missionarstätigkeiten der Dominikaner und Franziskaner unter den Ostchristen der Nichtunierten Kirche.8

Zur Zeit des frühen Humanismus der Renaissance ging der größte Teil der Arabischkenntnisse verloren. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 lernten Gelehrte Westeuropas griechische Originale kennen und vertraten die Meinung, dass arabische Übersetzungen nicht mehr nötig seien. Die „Gräzisten“ kreierten ihrer Meinung nach ein Bild der arabischen Übersetzer als Beschmutzer der puren Weisheit der griechischen Philosophen.9

Von nun an waren zwar die arabischen Philosophen in Ungnade gefallen, doch gleichzeitig interessierte man sich ab diesem Zeitpunkt mehr für die arabische Sprache, während man sich zuvor auf die Übersetzung konzentriert hatte. Trotzdem blieb die Verbindung zur Wissenschaft erhalten. 1599 wurde einer der ersten Lehrstühle der arabischen Sprache an der Universität in Leiden gegründet. Diesen besetzte unter anderem Erpenius. In seiner Antrittsrede sprach er über die Nützlichkeit der Sprache, wobei er die Weisheit der Araber als einen wichtigen Grund dafür betrachtete, Arabisch zu studieren.10

Doch neben dem wissenschaftlichen Interesse bestand ein anderer Grund des Lernens darin, biblische Texte besser verstehen zu können. Der semitische Wortschatz besitzt eine ähnliche Struktur. Während der Reformation wollte man den biblischen Text im hebräischen Original lesen, was zu einer großen Beliebtheit des Erlernens von Hebräisch und infolge dessen auch von Arabisch führte.11

Zudem konnte man Arabisch auch praktisch verwenden: Einige Länder pflegten geschäftliche Beziehungen zum Mittleren Osten, weshalb das Erlernen der Sprache einen hohen Nutzen aufwies. Der Höhepunkt der Karriere Bedwells, eines englischen Arabisten, bestand in einer Konversation mit einer marokkanischen Delegation, die England besuchte, um über Beziehungen bezüglich des Handels zu sprechen. Der Nachfolger des Erpenius auf dem Lehrstuhl von Arabisch in der Universität von Leiden, Golius, bereiste Aleppo, bevor er seine Ernennung akzeptierte, um Beziehungen des Handels zu etablieren und seine Arabischkenntnisse zu erweitern. Arabisten wurden manchmal um Hilfe gebeten, um offizielle Briefe des marokkanischen Sultans oder des Ottomanischen Reiches zu übersetzen.12

Trotzdem hatten die meisten Arabisten keinen Kontakt zur arabischsprachigen Welt – mit Ausnahme der als Tutoren dienenden Ostchristen. Arabisch stellte nicht selten lediglich ein Hilfsmittel dar, um Hebräisch, die Sprache der Bibel, zu lernen. Interesse bestand nur am klassischen Arabisch, nicht an der Umgangssprache, über deren Existenz sich viele nicht im klaren waren.13

Erpenius wurde Arabisch von einem koptischen Lehrer beigebracht und er etablierte Beziehungen zu Syrien und Ägypten.14

Wie wurde also Arabisch ansonsten gelehrt und gelernt? Es fehlten genügend didaktische Materialien: Es gab kaum gedruckte Bücher und arabische Manuskripte fand man nur in den Büchereien der Escurial in Valencia und Madrid. Die einzigen gedruckten Grammatiken waren die von Pedró de Alcalá aus dem Jahr 1538 und die von Guillaume Postel des Folgejahres. Es war schwierig, einen geeigneten Drucktyp zu finden. Außerdem mangelte es an arabischen Wörterbüchern, sodass ein Wettkampf darüber stattfand, wer am schnellsten ein verlässliches Wörterbuch erstellen konnte.15

Im 18. Jahrhundert nahm der Einfluss Frankreichs im Mittleren Osten zu. Auch nichtunierte Christen schätzten diese Unterstützung dieses Landes und dienten als Interpreten sowie Handelsvertreter. In kultureller und sprachlicher Hinsicht waren sie Mediatoren zwischen der westlichen und mittelöstlichen Welt.16

Somit waren nicht wenige Texte, die von frühen Arabisten genutzt wurden, christliche Texte oder arabische Übersetzungen von Texten von Kirchenvätern. Erpenius studierte in Paris mithilfe eines arabischen Lehrers die Sprache. Dank ihm wurde eine Verbindung mit Ostchristen aus Ägypten oder Syrien etabliert. Seine Missionarstätigkeiten konzentrierten sich auf nichtunierte Ostchristen.17

Die Trennung zwischen Arabischstudien in Europa und der islamischen Welt endete zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als europäische Mächte sich für den Mittleren Osten und Nordafrika aufgrund ihrer kolonialen Bestreben interessierten. Diese Länder Europas hatten keine arabischsprachigen muslimischen Untertanen, doch das Einverleiben arabischer Länder führte zum direkten Kontakt mit Muslimen in ihrem eigenen Einflussraum. Obwohl die Politik Frankreichs und Englands unterschiedlich war, bestand eine Gemeinsamkeit in ihrer Einstellung bezüglich Religion und Sprache der Kolonien. Beide Mächte betrachteten diese als rückständig und hinderlich bezogen auf ihre mission civilisatrice, der Idee, dass sie dazu verpflichtet waren, die europäische Sprache und Kultur zu den Regionen bringen. Obwohl bestimmte Offiziere die arabische Kultur bewunderten, überwog doch das Gefühl der Überlegenheit Europas bei den meisten.18

Das Ziel, die „Eingeborenen“ an Bildung heranzuführen, wurde nie wirklich durchgeführt, da einerseits die Kolonisten erstere nicht als Konkurrenz haben wollten und andererseits, weil kein Geld für diesen Zweck investiert wurde. Den Europäern gelang es eher sogar, das existierende Bildungssystem zu zerstören und es auf diese Weise zu hinterlassen.19

Einen anderen schädlichen Aspekt bildete die Sprachpolitik: Die Kolonialmächte bedienten sich der Umgangssprache, um die arabische Welt zu spalten. Für einige Zeit war das Lehren des klassischen Arabisch beispielsweise in Algerien verboten, alleine der algerische Dialekt durfte verwendet werden. In Ägypten besaßen bestimmte Kolonialoffiziere ein ernsthaftes Interesse am dortigen Dialekt, doch andere verfolgten eine versteckte Agenda: Die Briten beispielsweise wollten das Land von anderen arabischen Ländern isolieren. Folglich betrachteten diese ehemaligen Kolonien nach dem Erreichen ihrer Unabhängigkeit die arabischen Dialekte als ein Instrument des Neo-Imperalismus, der die Araber dumm und unterentwickelt halten sollte.20

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erlangte die arabische Welt ihre Freiheit wieder. Das moderne Arabisch wurde wichtig, da die arabischen Länder politisch und wirtschaftlich an Bedeutung gewannen. Es dauerte teilweise bis zu den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, bis sich das Kurrikulum der Universitäten an diese neue Situation anpasste. Das Unterrichten von Arabisch wurde in zwei Schritten modernisiert: Erstens wurde das Studieren des klassischen Arabisch durch das des modernen Standardarabisch ersetzt. Zweitens wurde das umgangssprachliche Arabisch eingeführt. In einigen Ländern widersetzte man sich heftig der Wertschätzung des modernen Arabisch: Abteilungen der arabischen Sprache, die sich mit philologischen Studien des Klassischen Arabisch befassten, wollten ihr traditionelles Interesse nicht aufgeben. Trotzdem sorgten die Forderungen der modernen Zeit dafür, dass sich auch die LehrerInnen der traditionellen Abteilungen mit dem modernen Arabisch beschäftigten.21

Das Konzentrieren auf das moderne Standardarabisch führte zum Entwickeln neuer Sprachwerkzeuge. In sozialistischen Ländern Osteuropas, wo politische Überlegungen die Veränderungen des Unterrichtens von Arabisch bestimmten, wurden viele Übersetzer für internationale Treffen benötigt. Ein bekanntes Buch war das Lehrbuch des Arabischen, welches in der DDR von Günther Krahl und Wolfgang Reuschel entwickelt wurde. In Osteuropa war es beliebt. Es besaß einen typischen sozialistischen Jargon sowie ein genaues methodologisches Vorgehen. Umsonst suchte man darin nach religiösem Vokabular.22

Die zweite Veränderung des Kurrikulums bestand in der Einführung der Umgangssprache, was mit der Präsenz arabischsprachiger Minderheiten in Europa zusammenhing, die in den 1960ern als Arbeitskräfte gekommen waren, insbesondere aus Marokko und Algerien. Einige Länder entschlossen sich dazu, die Immigrantenkinder in deren Heimatsprache zu unterrichten. Auf diese Weise wollte man die Integration in die Gesellschaft fördern. Bestimmte Wissenschaftler vertraten die Ansicht, dies würde das Erlernen der neuen Sprache des Aufnahmelandes erleichtern. Nach und nach verbreitete sich jedoch die Meinung, dass dies keine Hilfe bezüglich der Integration darstellte, was zu einem Rückbau des Programms führte.23

Doch die Zahl der an Arabisch interessierten Studierenden nahm zu, was die Situation an vielen Universitäten änderte. Die Kenntnis des gesprochenen Arabisch der Studierenden führte zum Bewusstsein, dass das Lehren der Standardsprache nicht ausreichte. Meistens begann man somit, modernes Standardarabisch zu lehren, bevor man den Dialekt ebenfalls unterrichtete. Beim umgekehrten Vorgehen waren die Studierenden jedoch motivierter.24

[...]


1 Vgl. SERVICE DESINTOX 2017

2 Vgl. Wahba 2014 S. 4

3 Vgl. Wahba 2014 S. 4

4 Vgl. Wahba 2014 S. 4

5 Vgl. Wahba 2014 S. 4-5

6 Vgl. Wahba 2014 S. 5

7 Vgl. Wahba 2014 S. 5

8 Vgl. Wahba 2014 S. 5-6

9 Vgl. Wahba 2014 S. 6

10 Vgl. Wahba 2014 S. 7

11 Vgl. Wahba 2014 S. 7

12 Vgl. Wahba 2014 S. 7

13 Vgl. Wahba 2014 S. 7

14 Vgl. Wahba 2014 S. 7

15 Vgl. Wahba 2014 S. 7

16 Vgl. Wahba 2014 S. 7

17 Vgl. Wahba 2014 S. 7-8

18 Vgl. Wahba 2014 S. 8

19 Vgl. Wahba 2014 S. 8

20 Vgl. Wahba 2014 S. 8

21 Vgl. Wahba 2014 S. 8

22 Vgl. Wahba 2014 S. 9

23 Vgl. Wahba 2014 S. 9

24 Vgl. Wahba 2014 S. 10

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668896444
ISBN (Buch)
9783668896451
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456661
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
nicht vorhanden
Schlagworte
status diskriminierung förderung arabischen frankreich bereich lehrens lernens

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