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Braucht es Macht und Zwang bei der Erziehung von Kindern?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 22 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Macht und Zwang
2.1 Definitionen
2.2 Machtbalance und Machtgleichgewicht
2.3 Machtquellen

3. Macht und Zwang in der Erziehung

4. Eigene Stellungnahme

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Macht. Bei diesem Wort schwingen bei den meisten Menschen automatisch negative Konnotationen mit: Macht wird mit Unterdrückung verknüpft, geht mit Zwang einher und wird von Menschen ausgeübt, die ihren Willen oder ihre Ziele nicht durch andere Mittel als die der Machtdemonstration erreichen können. Diese Machtdemon-strationen lassen sich in allen Jahrzehnten in allen Institutionen wiederfinden - auch noch in der heutigen Zeit. Dabei ist das Phänomen Macht generationsübergreifend und existiert angefangen in erzieherischen Institutionen bis hin zur Arbeitsstelle. Auch in jeglicher menschlicher Beziehung kommt ein gewisses Machtgefüge vor. So scheint es unmöglich zu sein, sich einem gewissen Machtgefüge zu entziehen.

Was bedeutet diese Schlussfolgerung für den Bereich der Pädagogik? Ist das Erleben von Macht schädlich? Wenn aus ihr nichts Gutes entstehen kann, wie können Eltern ihre Kinder dann mit gutem Gewissen in die Obhut von Institutionen geben, die zweifelsohne ihre Machtposition auf dem Rücken der Sprösslinge demonstrieren? Warum schützen wir Kinder nicht so lange vor den Zwängen der Mächtigen, wie es nur geht? Ist es vertretbar, dass Pädagogen auf Machtmittel zurückgreifen oder sollten sie im Zuge ihres pädagogischen Studiums andere Methoden erlernt haben?

Ich möchte die Thematik auf den von mir fokussierten Bereich der Erziehung hinunterbrechen und folgende Fragestellungen untersuchen: Wie lässt sich Macht mit einer Erziehung, die sich am Wertekanon unserer Verfassung orientiert, in Einklang bringen? Steht sie nicht im Wiederspruch zu der angestrebten Entfaltung der Zöglinge zu selbstdenkenden und -handelnden Persönlichkeiten? Haben Macht und Zwang eine Existenzberechtigung im Konstrukt Erziehung?

Da das Spektrum von Macht sehr weit gefächert ist, sollen zunächst einmal die Begriffe Macht und Zwang definiert werden, um so mit ihnen in den folgenden Kapiteln unmissverständlich weiterarbeiten zu können. Zudem soll ein Augenmerk auf die Teilaspekte von Macht gelegt werden, um somit deutlich darlegen zu können, wie dieses weitflächige Konstrukt aufgebaut ist. Anschließend wird beleuchtet, in welchem Zusammenhang Macht sowie der aus ihr resultierende Zwang und professionelle Erziehung zueinander stehen. Dabei sollen mithilfe der Machttheorie Wolfs Antworten auf die eingangs gestellten Fragen gefunden werden. Bevor ein allumfassendes Fazit die erarbeiteten Ergebnisse zusammenfassen wird, soll eine persönliche Stellungnahme den Aufbau der vorliegenden Arbeit abrunden.

2. Macht und Zwang

Jeder Mensch übt im Laufe seines Lebens in irgendeiner Weise Macht aus und erfährt, was Unterwerfung durch Macht anderer bedeutet. Ein Merkmal von Macht ist es, dass sie immer in gepaarten Aspekten auftaucht, beispielsweise in Form von Führen und Folgen, Dominanz und Gehorsam, Wissen und Unwissen, Hilfe und Hilfsbedürftigkeit oder Überordnung und Unterordnung. Auch die Komponente „Zwang“ lässt sich immer wieder im Konstrukt Macht wiederfinden. Über die Eigenschaften des Begriffs „Macht“ und seine weiteren Komponenten sowie dem Begriff „Zwang“ soll dieses Kapitel Aufschluss geben, damit ein Diskurs über Macht in der professionellen Erziehung überhaupt möglich erscheint.

2.1 Definitionen

Zunächst soll das Augenmerk auf den Begriff „Macht“ gelegt werden. Durch in Bezugnahme unterschiedlicher Quellen soll deutlich werden, welche Bedeutung standardisierte Lexika diesem Begriff zuordnen. Zum ersten Mal taucht der Begriff schriftlich im 8. Jahrhundert auf. Das Wort stammt ursprünglich von dem althoch-deutschen Substantiv maht ab. Dieses vereint die Komponenten Vermögen, Körper-kraft, Anstrengung, Gewalt, Vollmacht, Menge und Fülle in sich.[1] Betrachtet man als Quelle die Definition des Dudens wird ersichtlich, dass dieser bereits zwischen zwei unterschiedlichen Auslegungen des Machtbegriffs unterscheidet. Zum einen definiert er Macht als die Fähigkeit, etwas oder jemanden beeinflussen zu können. Zum anderen kann Macht die Freiheit oder Befugnis beinhalten, über eine Person oder Sache zu bestimmen.[2] Die Brockhaus Enzyklopädie fokussiert nur einen Machtaspekt, indem sie Macht als die Möglichkeit einer Person definiert, seinen Willen auch gegen Widerstreben anderer Faktoren durchzusetzen.[3]

Weicht man von den standardisierten Nachschlagewerken ab und wendet sich der pädagogischen Sichtweise zu, findet man weitere Definitionen des Machtbegriffs. So bezeichnet Anica Maria Plaßmann „Macht“ als das neutrale Vermögen eines Individuums, in einer sozialen Beziehung wirksam auf ein oder mehrere Gegenüber einzuwirken. Demnach ist Macht weder gut noch schlecht. Erst die handelnde Person steuert die Richtung der neutralen Wirkungsmacht. Der Mensch besitzt somit die Fähigkeit, etwas zu bewirken, zu verändern, zu erhalten, zu blockieren, zu verhindern oder neu zu erschaffen. Plaßmann betont, dass sich die Macht von Menschen zwischen den Polen „Allmacht“ und „Ohnmacht“ bewegt. Allmacht bedeutet im Zuge dessen das Vermögen zu allen Handlungen zu haben, auch das Vermögen zu unmöglich erscheinenden Wirkungen. Hingegen beinhaltet Ohnmacht die Wirkungslosigkeit eines Menschen.[4]

Norbert Elias fasst in seiner Definition den Machtbegriff enger und erläutert, wie das Gefüge Macht überhaupt zustande kommt: „ Insofern als wir mehr von anderen abhängen als sie von uns, mehr auf andere angewiesen sind als sie auf uns, haben sie Macht über uns, ob wir nun durch nackte Gewalt von ihnen abhängig geworden sind oder durch unsere Liebe oder durch unser Bedürfnis, geliebt zu werden, durch unser Bedürfnis nach Geld, Gesundung, Status, Karriere und Abwechslung"[5].

Klaus Wolf lehnt sich an diese Definition, die Macht als eine Struktureigentümlichkeit aller menschlichen Beziehungen betrachtet und fasst zusammen: „ Überall dort, wo uns nicht vollkommen gleichgültig ist, was andere Menschen denken, fühlen oder tun, spielt sie [Macht] eine Rolle[6]. Wolf bezieht sich in seinen Ausführungen über das Konstrukt Macht weiterhin auf Elias, fasst dessen Begriff der Machtbalance auf und erweitert es um eigene interessante Beobachtungen hinsichtlich Machtquellen und dem daraus entstehenden Überhang, der zu einem Machtgefälle führt. Auf Wolfs Machttheorie wird im nächsten Punkt näher eingegangen.

Nachdem der Begriff Macht durch verschiedene Quellen beleuchtet und somit klarer erfasst wurde, soll nun das Augenmerk auf den Begriff Zwang gelegt werden. Dies ist von Nöten, da Zwang zum einen ein wichtiger Bestandteil von Macht und zum anderen für die nachfolgende Debatte fundamental ist, weshalb der Begriff klar definiert sein sollte.

Ursprünglich kommt das Wort Zwang aus dem althochdeutschen „ thwanga “, welches abgeleitet „zusammenpressen“ oder „drücken“ bedeutet. So erklärt das Nachschlagewerk Duden weiter, dass man unter Zwang die Einwirkung von außen auf jemanden unter Anwendung oder Androhung von Gewalt verstehe. Dabei kann es sich um ausgeübten Druck durch gesellschaftliche Normen handeln oder auch durch eine einzelne Person. Auch ist die Rede von einem starken Einfluss, dem sich jemand nicht entziehen kann.[7]

Das Brockhaus-Lexikon definiert Zwang nicht nur als äußeren Druck, sondern betont zusätzlich noch die eigene Zuwiderhandlung: „ Zwang […] die Nöthigung zu einem der eignen Neigung widerstrebenden Handeln oder Leiden “. Zudem wird bereits die unterschiedliche Anwendung von Zwang erläutert. Geschieht dies mittels äußerer Gewalt, so wird dies dem physischen und mechanischen Zwang zugeordnet. Drohungen und Sanktionen hingegen zählen zum psychologischen Zwang[8].

Quellen der pädagogischen Sichtweisen greifen die Definitionen der Wörterbücher auf und gehen detaillierter auf sie ein. So erklärt Michael Schwabe in seiner Definition, dass Zwang in Konfliktsituationen angewandt wird, indem ein System (z.B. eine Person) entschlossen ist, den eigenen Willen gegen den eines anderen Systems (einer anderen Person) durchzusetzen. Bevor auf die Durchsetzung mithilfe des Zwangs zurückgegriffen wird, wurden im Vorfeld vom System bzw. der handelnden Person verschiedene Alternativen ausprobiert, die jedoch erfolglos blieben. Damit Zwang ausgeübt werden kann, benötigt es zwei Voraussetzungen. Die erste ist, dass der Gezwungene bereits die tatsächliche Anwendung von Zwang erlebt hat und weiß was auf ihn zukommt. Die zweite ist, dass der Gezwungene dem Zwingenden ohne Zögern zutraut, den angedrohten Zwang auch durchzusetzen.[9] Zwang kann durch zwei unterschiedliche Arten ausgeübt werden. Zum einen durch körpergestützten bzw. physischen Zwang, der die Überwältigung der anderen Partei durch Körpereinsatz beinhaltet, sprich die direkte Kontrolle über den Körper des anderen. Zum anderen existiert die Ausübung durch seelischen bzw. psychischen Zwang, bei dem dem Betreffenden etwas Beängstigendes angedroht wird und somit ein Zugriff auf dessen Seele erfolgt.[10] Andere Quellen definieren die Anwendung von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen als Gewalt, deren primäres Ziel es ist, die eigenen Interessen durchzusetzen. Insofern kann Zwang auch zu den Instrumenten von Gewalt gezählt werden.[11] Klaus Wolf definiert Zwang als „ alle vom einzelnen Menschen als Einschränkung seiner Entscheidungsfreiheit und seiner Handlungsoptionen empfundenen auf ihn einwirkenden Kräfte[12]. Auf die Verkettung von Macht und Zwang, die für Wolf unerlässlich ist, wird im nächsten Kapitel eingegangen.

2.2 Machtbalance und Machtgleichgewicht

Klaus Wolf hat sich mit dem Konstrukt Macht und dessen Rolle in der professionellen Erziehung tiefgründig auseinandergesetzt. Seine Erkenntnisse helfen, Antworten auf die hier bearbeitete Fragestellung zu finden. Dabei erklärte Wolf, dass Macht fast in jeden Kontakt mit eingebunden sei. Es ist unabhängig davon, ob es sich dabei um Kontakte zwischen Gesellschaften, Gruppen innerhalb Gesellschaften oder einzelner Personen handelt. Beziehungen können unter Machtgesichtspunkten betrachtet werden, sobald Menschen entweder voneinander abhängig oder aufeinander an-gewiesen sind. Innerhalb dieser Beziehungen kann man betrachten, dass die vorhandene Macht zwischen den miteinander Agierenden ungleich verteilt ist. Dies betitelt Wolf als „Machtbalance“, wobei der Begriff irreführend ist, da das Wort Balance zunächst die Vorstellung von einem ausgewogenen Gleichgewicht vermittelt. Wichtig zu verstehen ist, dass eine ungleiche Verteilung von Macht die Personen nicht automatisch in Mächtige und Machtlose einteilt. Beide Parteien verfügen über ein gewisses Kontingent an Macht, nur ist letztendlich einer „ stärker auf den anderen Menschen bzw. die andere Gruppe angewiesen als dieser / diese auf ihn[13]. Diese Abhängigkeit muss jedoch nicht konstant sein, sondern kann sich durch unterschiedliche Faktoren verändern. Machtbalancen können sich auch nur für einen kurzen Zeitraum oder aber allmählich, dafür längerfristig verschieben. Das Gebilde Machtbalance verlangt somit, dass man die Beziehungen in den Zusammenhängen des sie umgebenen Geschehens betrachten muss.[14]

Im Zusammenhang mit der Machtbalance ist an dieser Stelle das Macht-gleichgewicht zu nennen. Davon spricht man, sobald sich Einflüsse gegenseitig aufgrund der Tatsache aufheben, dass beide Parteien (Gruppen oder einzelne Personen) voneinander abhängig sind. Dabei kann es entweder auf einem niedrigem Niveau gegenseitiger Abhängigkeit bestehen oder einem hohen. Ist beiden Parteien relativ gleichgültig, was sein Gegenüber denkt, fühlt oder wie es handelt, ist die Rede von einem niedrigen Niveau. Demnach zeugt ein hohes Niveau davon, dass es der einen Partei so wichtig wie der anderen ist, was beide tun.[15]

[...]


[1] Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993). Macht. S. 821.

[2] Vgl. Duden. Deutsches Universalwörterbuch (1989). Macht. S. 976.

[3] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, 1970, Bd. 11. S. 751.

[4] Vgl. Plaßmann (2003). Macht und Erziehung. Erziehungsmacht: Über die Machtanwendung in der

Erziehung. S. 8ff.

[5] Elias, Norbert (1986). Was ist Soziologie? S. 97.

[6] Wolf, Klaus (2000). Macht, Pädagogik und ethische Legitimation. S. 2.

[7] Vgl. Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 1989. S. 2108.

[8] Vgl. Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon (1841), Zwang. S. 824.

[9] Vgl. Schwabe, Michael (2008). Zwang in der Heimerziehung? Chancen und Risiken. S. 19f.

[10] Vgl. ebd. S. 26ff.

[11] Vgl. Arendt, Hannah (2003). Macht und Gewalt. S. 58ff.

[12] Wolf, Klaus (2009). Ist Erziehung ohne Zwang und Gewalt möglich? S. 4.

[13] Wolf, Klaus (2000). Macht, Pädagogik und ethische Legitimation. S. 2.

[14] Vgl. Wolf, Klaus (2000). Macht, Pädagogik und ethische Legitimation. S2f.

[15] Vgl. Wolf, Klaus (2000). Macht, Pädagogik und ethische Legitimation. S.2.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668886865
ISBN (Buch)
9783668886872
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456656
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Erziehung Soziale Arbeit Erziehungswissenschaft Pädagogik Macht Zwang

Autor

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