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Dichotomie von Elite und Masse, Elite aus Leistung oder Elite durch Herkunft?

Eine kritische Auseinandersetzung mit klassischen und funktionalistischen Elitetheorieansätzen als Vorbereitung auf die Ergebnisse der empirischen Eliteforschung von Michael Hartmann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Klassischen Elitetheorien – Dichotomie von Elite und Masse
2.1 Historischer Kontext der klassischen Elitetheorien
2.2 Theoretische Grundzüge der klassischen Elitetheorien
2.3 Kritische Auseinandersetzung mit den klassischen Elitetheorien

3. Die Funktionselitetheorien – Elite aus Leistung
3.1 Historischer Kontext der Funktionselitetheorien
3.2 Theoretische Grundzüge der Funktionselitetheorien
3.3 Kritische Auseinandersetzung mit den Funktionselitetheorien

4. Michael Hartmanns empirische Eliteforschung – Elite durch Herkunft
4.1 Tradition der kritischen Eliteforschung
4.1.1 Mills Macht-Elite
4.1.2 Bourdieus Habitus-Begriff
4.2 Hartmanns empirischer Ansatz
4.3 Wachsende Vermögens- und Einkommensungleichheit in der EU
4.4 Soziale Herkunft der Eliten
4.5 Auslese durch dreigliedriges Bildungssystem in Deutschland
4.6 Habitus als entscheidender Faktor für Zugang zu Elitepositionen

5. Ausblick auf das zukünftige Verhältnis von Elite und Masse in der EU

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird die Fragestellung verfolgt, wie das gesellschaftliche Verhältnis von Elite und Masse in verschiedenen Elitetheorieansätzen verstanden wird und welcher Ansatz dabei das Verhältnis treffend beschreiben kann - Dichotomie von Elite und Masse, Elite aus Leistung oder Elite durch Herkunft? Hierzu werden in jeweils drei Teilen entsprechende Elitetheorien untersucht: Die klassische, die funktionalistische und die kritische Elitetheorie.

Zunächst werden im zweiten und dritten Teil der Arbeit die klassischen und die funktionalistischen Elitetheorien kritisch betrachtet. Für die Auseinandersetzung werden die Ansätze in ihren historischen Entstehungskontext gestellt, ihre theoretischen Grundzüge dargestellt und abschließend durch die Kontrastierung mit marxistischer Gesellschaftstheorie kritisch reflektiert.

Nachdem im vierten Teil kurz Bezug genommen wird auf die Tradition der kritischen Elitetheorien in Form von Charles Wright Mills und Pierre Bourdieu, werden anschließend die wesentlichen Ergebnisse der empirischen Eliteforschung von Michael Hartmann mit besonderem Blick auf Deutschland bei kurzen Gegenüberstellungen mit Frankreich und Großbritannien dargestellt. Dabei werden die wachsende soziale Ungleichheit, die Herkunft der Eliten mit Fokus auf die Wirtschafts- und Politikelite und die Hauptbedingungen für das Erlangen von Elitepositionen thematisiert.

Ausgehend von Hartmanns ermitteltem Datenmaterial und aktuellen Studien aus den USA wird im fünften Teil der Versuch eines Ausblicks auf das zukünftige Verhältnis von Elite und Masse in der EU gewagt.

Abschließend werden im sechsten Teil die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Die Klassischen Elitetheorien – Dichotomie von Elite und Masse

2.1 Historischer Kontext der klassischen Elitetheorien

Die klassischen Elitetheorien sollten im Kontext ihrer Entstehung gesehen werden. So ist es bezeichnend, dass alle „grundlegenden Bücher zu dieser Thematik innerhalb von nur gut 20 Jahren um die Jahrhundertwende vom 19. Zum 20. Jahrhundert erschienen“ sind.1

Mit der Industrialisierung gingen eine schrittweise Reduzierung der Sterblichkeitsziffern, ein Anstieg der Geburtenrate und eine allmähliche Anhebung des Lebensstandards einher. In Europa entwickelte sich ein bis dahin unbekanntes Bevölkerungswachstum. Besonders die Stadtbevölkerung wuchs rasant. Mit dieser Urbanisierung ging die Entstehung der industriellen Arbeiterklasse einher.2 Dieses Phänomen der wachsenden „städtischen Massen“ verunsicherte das „Bürgertum und mit ihm die bürgerlich akademische Intelligenz“ zutiefst.3 Der zeitgenössische Betrachter sah zwei Bedrohungen durch die Massen. Zum einen befürchtete man wachsende Kriminalität und zum anderen sah man die prinzipielle Gefährdung der herrschenden Ordnung. So ging man etwa aufgrund der Erfahrung der Französischen Revolution davon aus, dass politisch in Bewegung geratende Masse stets das Ziel einer „Revolutionierung des existierenden Herrschaftssystems“ verfolgen würde.4 Es dominierte die Angst vor dem Sozialismus und damit dem Sturz der bürgerlichen Ordnung.

2.2 Theoretische Grundzüge der klassischen Elitetheorien

Zu den klassischen Elitetheoretikern zählen u. a. Vilfredo Pareto (1848-1923), Gaetano Mosca (1858-1941) und Robert Michels (1876-1936). Gemeinsam ist ihnen das Konzept der grundlegenden „Unterteilung der Gesellschaft in Elite und Masse“ als allgemein „gültiges Prinzip der Menschheitsgeschichte“ und die daran angeschlossene „Denkfigur von der Zirkulation der Eliten“.5 Sie gehen dabei zunächst davon aus, dass als eine Art Naturgesetz zu allen Zeiten „unabhängig von der jeweiligen Entwicklungsepoche und Regierungsform eine kleine Elite mit verschiedenen Mitteln (ganz wesentlich aber mit Gewalt) über die große Masse“ Herrschaft ausübt.6 Eine demokratische Entscheidungsfindung über gesellschaftliche Prozesse wird somit prinzipiell als unmöglich angesehen. Weitergeführt wird diese Vorstellung in dem Konzept vom „Kreislauf der Eliten“7. Zwischen der Elite und der Masse findet demnach ein Austausch statt. Um die Macht der Elite zu sichern, werden herausragende Menschen aus der Masse in die Elite integriert. Phasenweise entwickelt die Elite jedoch die Tendenz diesen Austausch einzuschränken, in dem sie ihre Stellung vererbt und sich so nach unten abgrenzt. Dadurch kommt es zur Revolution der Masse. Wobei jedoch nicht die Masse an die Macht kommt, sondern die alte Elite lediglich durch eine neue Elite ersetzt wird. Das marxistische Verständnis von Revolution als Schritt zur Auflösung der Klassengesellschaft wird demnach nicht geteilt.

2.3 Kritische Auseinandersetzung mit den klassischen Elitetheorien

Aufgrund ihrer generellen Abwertung der Masse und ihrem demokratiefeindlichen Gesamtkonzept zählt der Eliteforscher Hartmann die drei klassischen Elitetheorien ganz „zweifellos“ zu den ideologischen Wegbereitern des Faschismus.8 Auf methodisch theoretischer Ebene attestiert er ihnen zusätzlich, wie „unreflektiert, oberflächlich und willkürlich … [sie] mit zentralen Begriffen umgehen“.9 So besteht eine analytische Unschärfe bei den Klassikern, wenn zwischen den Begriffen Elite und Klasse beliebig gesprungen wird. Es bleibt unpräzise, ob wie im Marxismus von einer privilegierten herrschenden Klasse ausgegangen wird, die sämtliche Produktionsmittel besitzt und so die Masse ausbeutet, oder ob eher ein Elite Verständnis vorherrscht, in dem wie etwa bei den späteren Funktionselitetheorien von einer durch Leistung oder besondere Eigenschaften bedingte Elite die Herrschaft ausübt. Den Klassikern genügt die Unterteilung in Elite und Masse ohne das genaue Verhältnis zu erfassen. Durch diese Unschärfe bei der Begriffsdefinition und der fehlenden Reflektion der bestehenden Herrschaftsverhältnisse bleiben inhaltliche Unklarheiten bestehen. So wird auf theoretischer Ebene etwa der Ausbeutungszusammenhang von herrschender Klasse und beherrschter Klasse durch Privatbesitz der Produktionsmittel nicht aufgearbeitet. Zusätzlich kann nicht schlüssig nachgewiesen werden, warum eine Revolution der Massen generell zu einer neuen Dichotomie von Elite und Masse führen muss - im Gegensatz zum marxistischen Verständnis.

Die Klassiker urteilen aufgrund von historischen Erfahrungen pauschal, es werde immer Elite und Masse geben und Demokratie sei prinzipiell unmöglich. Sie lassen sich marxistisch verstanden in ihren zunächst richtigen Ausgangsbeobachtungen einer historischen Klassengesellschaft bestehend aus der herrschenden Klassen, den Kapitalisten, und der beherrschten Klasse, den Arbeitern, zu der Prognose hinreißen, dass dieser Zustand immer bestehen wird und vor allem auch theoretisch muss - ohne dabei schlüssig nachweisen zu können warum dies zwingend der Fall sein sollte. Vielmehr geht der Ansatz der klassischen Elitetheorien völlig an einer Auseinandersetzung mit dem Klassengesellschaftsverständnis des Marxismus vorbei und bleibt durch die begriffliche Unschärfe hinter dem Erklärungspotential des Marxismus zurück.

3. Die Funktionselitetheorien – Elite aus Leistung

3.1 Historischer Kontext der Funktionselitetheorien

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die klassischen Elitetheorien aufgrund ihrer ideologischen und teilweise auch persönlichen Nähe ihrer Vertreter zum Faschismus in der „breiten wie auch der wissenschaftlichen Öffentlichkeit sehr kritisch betrachtet“.10 Die grundsätzliche Überzeugung der Klassiker, dass als eine Art Naturgesetz eine kleine Minderheit über die Mehrheit herrscht, wurde in Verbindung gebracht mit dem „Rassenwahn des Nationalsozialismus“ und der „Ermordung von Millionen ‚rassisch minderwertiger‘ Juden und Slawen“.11

3.2 Theoretische Grundzüge der Funktionselitetheorien

So entstand für die funktionalistische Eliteforschung das entscheidende Problem, wie man das „Verhältnis von Elite und Masse neu bestimmen [kann], ohne wieder in die klassische Dichotomie zu verfallen“.12 Die Lösung „sahen und sehen bis heute“ die „meisten Sozialwissenschaftler“ im „theoretischen Ansatz von den pluralistischen Funktionseliten“.13

Die zwei Grundannahmen, die alle Ansätze der Funktionselitetheorien teilen, sind:

1. „(…) [In] modernen Gesellschaften [gibt es] keine einheitliche herrschende Klasse oder Elite mehr, sondern nur noch einzelne, miteinander konkurrierende funktionale Teileliten an der Spitze der wichtigen gesellschaftlichen Bereiche. (…) Von einer eindeutigen Dominanz der Wirtschaftselite gegenüber den anderen Teileliten aus Politik, Wissenschaft, Kultur etc. kann keine Rede sein.
2. Der Zugang zu diesen Eliten steht prinzipiell jedermann offen, weil die Besetzung von Elitepositionen im Wesentlichen nach (jeweils sektorspezifischen) Leistungskriterien erfolgt. Die Leistung hat die Vererbung als entscheidendes Prinzip der Elitenrekrutierung abgelöst. Die Eliten sind folglich auch nicht mehr homogen, sondern heterogen.“ [14]

Ausgehend also von konkurrierenden Führungsgruppen, die sich diesem Verständnis folgend durch Leistungsselektion hervorbringen, entwickeln die meisten pluralistischen Funktionselitetheoretiker folgende Fragestellung: Wie kann bei konkurrierenden und sozial heterogenen Eliten sichergestellt werden, dass die für das Funktionieren der Gesellschaft notwendige Kooperation der Teileliten gewährleistet ist.15

Je nach Theoretiker wird die Frage unterschiedlich beantwortet. Einig sind sich die Funktionstheoretiker allerdings in der Überzeugung, dass die Eliten „auf die breite Bevölkerung (und deren Interessen und Ansichten) allenfalls sehr begrenzt Rücksicht nehmen können“.16 Besonders bei Funktionselitetheoretikern, die die klassischen Elitetheoretiker Pareto, Mosca und Michels weniger kritisch beurteilen, wie etwa Lasswell, Kaplan, Kornhäuser, Field und Higley, sieht Hartmann die Tendenz „die Elite als die wesentlichen oder gar einzigen Garanten für die Stabilität der westlichen Demokratie“ zu verstehen und „folgerichtig in einem großen Einfluss der Massen auf wichtige politische Entscheidungen eine erhebliche Gefahr für eben diese Demokratie“ zu sehen.17

3.3 Kritische Auseinandersetzung mit den Funktionselitetheorien

Diese pauschale Sicht der Notwendigkeit von Eliten für das „Funktionieren“ der westlichen Demokratie, der Glaube an eine Art klassenloser Gesellschaft ohne herrschende Klasse, in der Leistung und nicht Geburt zum entscheidenden Kriterium für Elitepositionen wird, zeichnet die Funktionselitetheoretiker aus. Genau hier liegt jedoch die entscheidende Schwäche ihres Ansatzes, die von Hartmann kritisch reflektiert wird.

„[Die Funktionselitetheorie] greift das Verhältnis zwischen Eliten und Klassen in der Mehrzahl der Arbeiten zwar auf, vertieft es aber bei weitem nicht so gründlich, dass die Machtunterschiede zwischen den Eliten der einzelnen Gesellschaftsbereiche, ihre Fundierung in der Sozialstruktur und die Rolle der verschiedenen Klassen und Schichten der breiten Bevölkerung in diesem Prozess wirklich erklärt werden können. So bleiben die realen Machtverhältnisse zu einem erheblichen Prozentsatz ausgeblendet (…). (…) [Die Ansätze tendieren] zu einer unhistorischen und abstrakten Betrachtungsweise, die die Stabilität der gegebenen parlamentarischen Systeme und weniger die reale Lebenssituation der breiten Bevölkerung zum entscheidenden Maßstab macht.“ [18]

Wie auch bei den klassischen Elitetheorien gehen die funktionalistischen Ansätze an einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus vorbei. Marxistisch verstanden vernachlässigen sie den grundlegenden Klassencharakter des Kapitalismus, wodurch ihre Grundannahmen fraglich werden. Denn auch eine moderne parlamentarische Demokratie der Gegenwart findet im Rahmen der Möglichkeiten des Kapitalismus seine Grenzen. So bleibt auch eine westliche Demokratie, die in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem eingebettet ist, nach marxistischem Verständnis eine Klassengesellschaft.

Selbst, wenn es die theoretische Möglichkeit für einzelne Angehörigen der beherrschten Klassen geben mag durch Leistung in eine Eliteposition zu gelangen, ändert das nichts an der prinzipiellen Herrschaft der herrschenden Klasse über die beherrschte Klasse. Die Herrschaft also einer Minderheit über die Mehrheit. Hier sind die klassischen Elitetheorien insofern ehrlicher und klarer, wenn sie die grundsätzliche Dichotomie von Elite und Masse – marxistisch übersetzt also der Klassengegensätze – offen benennen, selbst wenn sie sie wenig schlüssig als zwingend ansehen und generell kein Ende dieses Zustandes für möglich halten.

Ferner bleiben die Funktionselitetheorien den empirischen Nachweis für ihre Behauptung, Leistung habe generell die Vererbung als entscheidendes Prinzip der Elitenrekrutierung abgelöst, schuldig. Sie stehen mit besonderem Blick auf die dominierende Wirtschaftselite im Widerspruch zu den im vierten Teil dieser Arbeit noch folgenden empirischen Untersuchungen von Michael Hartmann.

Gerade diese Überbewertung der Leistung, Hartmann spricht sogar von einem „Mythos“19, machen die Funktionselitetheorien problematisch. Ihre Argumentation, es gäbe in modernen kapitalistischen Gesellschaften keine Klassen, keine Homogenität der Eliten, sowie keine Dominanz der Wirtschaftselite mehr, muss nach Hartmanns Studien als äußerst fragwürdig angesehen werden. Auch der Gedanke „die Elite als die wesentlichen oder gar einzigen Garanten für die Stabilität der westlichen Demokratie“20 muss kritisch verstanden werden. Denn damit, so kann marxistisch argumentiert werden, ist nichts anderes gemeint, als dass die westliche Demokratie als Synonym für die moderne kapitalistische Klassengesellschaft vor allem den Kapitalisten nützt und sie insofern auch im Unterschied zur beherrschten Klasse, die sind, die für die Stabilität dieser formalen „Demokratie“ sorgen müssen. Insofern ist die Sorge um ein möglicherweise ausbleibendes Kooperieren der Eliten ein reines Eliten-Problem. Die entscheidende Fragestellung der Funktionselitetheorien geht damit völlig an der sozialen Wirklichkeit der meisten Menschen vorbei.

Ihre Argumentation, dass Elite für das Bestehen der parlamentarischen Systeme notwendig ist, mag dieser Logik folgend zwar stimmen, wird aber nicht kritisch reflektiert, so dass kein tiefergehender Beitrag zum Verständnis der Machtverhältnisse geleistet wird. Stattdessen wird unkritisch die formale Demokratie, die eine Klassenstruktur überdeckt und insofern also lediglich einer kleinen Minderheit der Bevölkerung zugutekommt, als für die breite Bevölkerung erhaltenswert stilisiert.

Dem Ansatz folgend sei es bei aller Ungerechtigkeit möglich, durch Leistung in der Gesellschaft aufzusteigen. Also müsse die Bevölkerung auch ein Interesse an starken Eliten haben, da diese das System erhalten. Die der Gesellschaft zugrundeliegende Klassenstruktur wird dabei jedoch ausgeblendet, so dass folglich die absurde Erwartung entsteht, die beherrschte Klasse müsse sich im Glauben an einen gesellschaftlichen Aufstieg für eine prinzipiell starke herrschende Klasse einsetzen. Der Ausgebeutete solle sich also im Interesse des Aufstiegs für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ausbeutung stark machen.

Dadurch stützen die funktionstheoretischen Ansätze vordergründig die westliche parlamentarische Demokratie und hintergründig, ohne es deutlich zu machen, die Dichotomie von beherrschter und herrschender Klasse, also die kapitalistische Klassengesellschaft. Ihr Interesse gilt dem Elitenproblem des Systemerhalts und damit der Festigung der Klassengesellschaft, nicht den mehrheitlichen Interessen der Bevölkerung. Im Gegensatz zu den kritischen Elitetheorien, verfolgen sie keinen kritisch analytischen Ansatz, sondern verschleiern durch ihre Überbewertung der Leistung eher die eigentlichen Machtverhältnisse der modernen Gesellschaft als, dass sie sie aufzeigen.

4. Michael Hartmanns empirische Eliteforschung – Elite durch Herkunft

4.1 Tradition der kritischen Eliteforschung

Der deutsche Soziologe Michael Hartmann betreibt kritische Eliteforschung der Gegenwart. Er steht damit in einer Tradition älterer kritischer Soziologen wie des Amerikaners Charles Wright Mills (1916-1962) und des Franzosen Pierre Bourdieu (1930-2002). Dabei finden sich Elemente beider Elitenforscher, besonders Bourdieus Habitus-Konzept, in Hartmanns eigener Arbeit wieder. Deshalb werden beide Ansätze im Folgenden kurz dargestellt.

4.1.1 Mills Macht-Elite

Mills setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg mit der wachsenden Verquickung von Wirtschaft, Politik und Militär in den USA auseinander. Demnach bilden die Eliten in diesen drei Bereichen die wahre „Machtelite“ in den USA. Durch Gleichheit von Interessen, Herkunft, Weltanschauungen und den persönlichen Beziehungen gäbe es nirgends „ein so ausgeprägtes Klassenbewusstsein wie in der Macht-Elite“.21 Mills sah in diesem „Military Establishment“, nach seinem Tod als „Military-Industrial-Komplex“ bekannt, eine ernsthafte Bedrohung für den demokratischen Staat. Diese Gefahr für die Demokratie, die aus zu starken Eliten erwächst, sieht Hartmann auch für die gegenwärtige Situation.22

4.1.2 Bourdieus Habitus-Begriff

Pierre Bourdieu prägte den Habitus-Begriff. Er geht in Anlehnung an Marx von drei unterschiedlichen Kapitalien aus. Das ökonomische, das soziale und das kulturelle Kapital. Mit ökonomischem Kapital ist dabei das zur Verfügung stehende Vermögen, mit sozialem Kapital das Beziehungsnetzwerk gemeint. Beim kulturellen Kapital differenziert er inkorporiertes kulturelles Kapital (Bildung), objektiviertes kulturelles Kapital (Bücher, Instrumente, Kunstwerke) und drittens institutionalisiertes kulturelles Kapital (akademische Titel und Abschlüsse). Je nachdem wie ein Individuum in seiner Sozialisation durch diese drei Kapitalien umgeben und ausgestattet wird, ergeben sich klassenspezifische Bewertungs- und Wahrnehmungskriterien, welche Bourdieu mit dem Begriff des Habitus konzeptualisiert. Der Habitus zeigt sich zum einen im Körperlichen (Sprache, Gestik, Geschmack) und zum anderen in der Fähigkeit gesellschaftliche Codes wahrzunehmen. Ein Kind einer Arbeiterfamilie hat einen anderen Habitus als ein Kind aus einer Unternehmerfamilie. Durch die jahrzehntelange Sozialisation ist der Habitus nur sehr schwer, wohl nie vollständig ablegbar. Die Rollen in der Gesellschaft können sich ändern, der Habitus bleibt erhalten. So kann sich ein Kleinbürger, auch wenn er Geschäftsführer einer Firma wird, durch seinen Habitus als aufgestiegener Kleinbürger verraten. Der klassenspezifische Habitus der herrschenden Klasse ist für Bourdieu der uneinholbare Vorteil beim Zugang zu exklusiven Bildungseinrichtungen und gesellschaftlichen Machtpositionen.23 Hartmann folgt in seiner Arbeit diesem Ansatz.

4.2 Hartmanns empirischer Ansatz

In seiner Eliteforschung stützt sich Hartmann neben qualitativen Befragungen auf umfangreich angelegte empirische Studien. Er untersucht dabei den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und der Herkunft von Eliten in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft in Deutschland und im internationalen Umfeld.

Indem er sich durch einen empirischen Ansatz den Eliten nähert, grenzt sich Hartmann deutlich von den eher theoretisch ausgerichteten klassischen und funktionalistischen Elitetheorien ab. In seinem Werk „Topmanger – Die Rekrutierung einer Elite“ (1996) untersucht er hauptsächlich die Lebenswege der Wirtschaftselite in Deutschland, aber auch in Frankreich, Großbritannien und den USA. 2002 weitete er mit dem Werk „Der Mythos von den Leistungseliten“ seine Analyse basierend auf 6500 Biografien von Doktoren der Promotionsjahre 1955, 1965, 1975 und 1985 in der Bundesrepublik Deutschland auf die Eliten in Politik, Justiz und Wissenschaft aus. In seiner jüngsten Publikation „Eliten und Macht in Europa – Ein internationaler Vergleich“ (2007) widmet er sich den Eliten in großen Teilen Europas, darunter Italien, die Schweiz, Spanien, die skandinavischen Länder und Osteuropa. Empirisch untersucht werden dabei die wachsenden Vermögensunterschiede in der Bevölkerung, die Frage nach welchen Kriterien, wie etwa Bildungsabschlüsse, Elitepositionen erlangt werden und welche herkunftsspezifischen Faktoren wie etwa der Habitus dabei ausschlaggebend sind.

Hartmann stellt in Deutschland und der gesamten EU eine wachsende soziale Ungleichheit fest und sieht im Wesentlichen die bürgerliche Herkunft und den damit verbundenen Habitus als die entscheidenden Bedingungen für den Zutritt zu Elitepositionen.

4.3 Wachsende Vermögens- und Einkommensungleichheit in der EU

In der EU kommt Hartmann zu dem Ergebnis: „Das oberste Fünftel der Bevölkerung hat (selbst unter Berücksichtigung aller staatlichen und sonstigen Transferleistungen wie Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfe) heute [2007] ein fast fünfmal so hohes Einkommen wie das unterste Fünftel. 2001 lag die Differenz noch beim ‚nur‘ 4,4fachen.“24 Eine Steigerung der durchschnittlichen Einkommen in dieser Zeit konzentrierte sich „also weitgehend auf die obersten 20% der Bevölkerung“, „während es für die große Mehrheit bestenfalls einen Stillstand gegeben hat, für erhebliche Teile sogar einen mehr oder minder spürbaren Rückgang“.25 Insgesamt sind 2007 „72 Millionen EU-Bürger“ von Armut betroffen, „über vier Millionen mehr als ein Jahr zuvor“, weitere 36 Millionen sind von Armut bedroht.26 Hartmann geht auch bei positiver wirtschaftlicher Entwicklung von einer zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft aus.

Konkretisiert auf Deutschland bedeutet das: Seit 1998 ist der Anteil der Armen an der bundesrepublikanischen Gesamtbevölkerung von gut 12 auf über 17 Prozent gestiegen.27 Gleichzeitig nahm allein zwischen 1998 und 2003 das Nettovermögen der Bundesbürger nominal um 17% auf insgesamt fünf Billionen Euro zu. Dabei fällt die Verteilung des Vermögens allerdings höchst ungleich aus. In Deutschland besaßen 2003 die vermögendsten 10% der Bevölkerung 46,8% des Gesamtvermögens, 1998 lag der Wert noch bei 44,4%.28 Die Schulden der Ärmsten 10% haben sich in diesen fünf Jahren verdreifacht, Nettovermögen besitzen sie keines. Hartmann spricht bei dieser Entwicklung von „Schuldenghettos“.29 Auch bei den Einkommensunterschieden setzt sich dieser Trend der Ungleichheit fort. Die oberen 10% haben ihren Anteil am Gesamteinkommen zwischen 1995 und 2003 von 29,7 auf 33,3 Prozent steigern können, das oberste Prozent sogar um mehr als ein Fünftel von 9 auf 10,9 Prozent.30 Generell sieht Hartmann durch die Gehälter im Finanzsektor etwa von Hedgefonds-Managern, die nun nicht mehr nur Vermögensmilliardäre, sondern Einkommensmilliardäre sind „eine ganz neue Dimension des Reichtums“. Bei den Vermögensmilliardären kommt Deutschland eine herausragende Stellung zu. Deutschland stellt mit 50 Milliardären, mehr Milliardäre als die vier anderen großen europäischen Länder Frankreich (10), Großbritannien (18), Italien (13) und Spanien (7) zusammen.31 „Die allgemein verbreitete Vorstellung von einer in puncto Einkommensverteilung im internationalen Vergleich relativ ausgeglichenen Bundesrepublik bekommt dadurch doch einen deutlichen Kratzer“.32

4.4 Soziale Herkunft der Eliten

Exemplarisch für die generelle Tendenz der bürgerlichen Herkunft in den Eliten wird die soziale Herkunft der Wirtschafts- und der Politikelite näher dargestellt.

Die wirtschaftliche Elite in Deutschland in Form von Vorstandsvorsitzenden stammte im Jahr 2005 in 51,7% der Fälle aus dem Großbürgertum33, in 33% der Fälle aus dem Bürgertum und in lediglich 15% der Fälle aus den Mittelschichten bzw. der Arbeiterklasse.34 In Frankreich und Großbritannien ist der Anteil der Großbürger noch leicht höher, die Tendenz mit jeweils über 84% großbürgerlicher oder bürgerlicher Herkunft der wirtschaftlichen Elite ist jedoch Deutschland sehr ähnlich.

Die politische Elite Deutschlands (Bundeskanzler und Ministerpräsidenten) rekrutierten sich hingegen seit 1945 zu 31,2% aus dem Bürgertum, zu 43,8% aus den Mittelschichten und zu 25% sogar aus der Arbeiterklasse.35 Somit gab es in Deutschland seit 1945 keinen Angehörigen des Großbürgertums in der politischen Elite.

In Frankreich und Großbritannien ist der Anteil der Großbürger in der politischen Elite jedoch wesentlich höher. Seit 1945 stammten in Frankreich 52,5% der politischen Elite aus dem Großbürgertum, 27,5% aus dem Bürgertum, 15% aus der Mittelschicht und lediglich 5% aus der Arbeiterklasse. Damit weist Frankreichs politische Elite die höchsten Anteile von Großbürgern und die niedrigsten Anteile an Arbeitern in ganz Europa auf.36 In Großbritannien stammte die politische Elite seit 1945 zu 45,5% aus dem Großbürgertum, zu 27,2% aus dem Bürgertum, zu 18,2% aus den Mittelschichten und zu 9,1% aus der Arbeiterklasse. Damit ist Großbritannien hinter Frankreich das Land in Europa mit dem zweithöchsten Großbürger- und dem zweitniedrigsten Arbeiteranteil in der politischen Elite.37

Seit dem zweiten Kabinett von Angela Merkel ändert sich die Situation in Deutschland allerdings. So ist es die erste Regierung, in der mit Roland Pofalla nur noch ein Arbeiterkind vertreten ist – in der ersten Merkel-Regierung waren es noch vier.38 Neben de Maizière und von der Leyen stammt auch von und zu Guttenberg aus dem Großbürgertum. Mit einem geschätzten Familienvermögen von 600 Millionen Euro gehört zu Guttenberg zudem zu den 300 reichsten Familien Deutschlands.39

Generell sind nach Hartmann die Elitepositionen in den Bereichen Politik und Wissenschaft am durchlässigsten, während die Wirtschaftselite kaum durchlässig ist für soziale Aufsteiger. Bei der Wirtschaftselite sieht Hartmann ganz im Gegensatz zu den Funktionselitetheorien die Elite, die den Einfluss, etwa durch die höchsten Verdienstmöglichkeiten, der anderen Eliten „deutlich“ übertrifft.40 Zusätzlich kann insgesamt gesagt werden, dass die Eliten bereits überproportional aus den Reihen des Bürgertums stammen.41 Die soziale Herkunft beeinflusst demnach ganz massiv die beruflichen Karriereaussichten.42

Wie Pierre Bourdieu benennt auch Hartmann den Habitus und das Bildungssystem, insbesondere in Frankreich und England die Eliteuniversitäten43 und für Deutschland die Promotion als das entscheidende Moment für die Reproduktion der herrschenden Klasse.

4.5 Auslese durch dreigliedriges Bildungssystem in Deutschland

Hauptursache für die hohen Anteile des Bürgertums in den Eliten ist die unterschiedliche „Bildungsbeteiligung“ der verschiedenen Schichten. Das Bildungsprivileg der Oberschicht und der oberen Mittelschicht verschaffen den entscheidenden Vorteil. Drei Viertel der Elitemitglieder haben ein Studium absolviert, einer von vier hat promoviert. In den Elite-Bereichen von Wirtschaft, Verwaltung und Justiz gibt es 80-100% Hochschulabsolventen, 40-50% Promovierte.44 Verantwortlich dafür sind Auslesemechanismen des dreigliedrigen deutschen Bildungssystems. Milieubedingt kommt es zu besserer Leistung der Kinder aus höheren Schichten und Klassen. Zusätzlich werden privilegierte Kinder durch Lehrkräfte unbewusst für gleiche Leistung im Vergleich mit sozial schlechter gestellten Schülern besser bewertet: Unter allen Hamburger Fünftklässlern benötigt etwa ein Kind im Jahr 1997, dessen Vater das Abitur gemacht hat, ein Drittel weniger Punkte für eine Gymnasialempfehlung als ein Kind mit einem Vater ohne Schulabschluss.45 Auch an der Universität werden Verhaltensmuster aus „bildungsnahen Schichten" bevorzugt.46 Eine direkte soziale Selektion durch Gebühren, wie es in Großbritannien und Frankreich der Fall ist, findet (noch) nicht statt. Die Tendenz in Deutschland geht allerdings mit Blick auf die wachsende Anzahl an Privat- und Eliteuniversitäten sowie generelle Studiengebühren in diese Richtung.

Durch die Bildungsexpansion und die Hochschulöffnung ist in Deutschland zwar der Zugang zu Bildungseinrichtungen tatsächlich für die breite Gesellschaft erleichtert worden, der Zugang zu Elitenpositionen dabei jedoch nicht.47 So kann die Sicht der Funktionselitetheorien wonach Position und Rekrutierung der Elite überwiegend durch individuelle Leistung und nicht nach Herkunft stattfindet, empirisch nicht bestätigt werden.

4.6 Habitus als entscheidender Faktor für Zugang zu Elitepositionen

Im Berufsleben allgemein, aber ganz besonders im Wirtschaftssektor, entscheidet die habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die in den Vorständen und der Geschäftsführung sitzen. Der gleiche Habitus wird benötigt um ein Gefühl der „richtigen Chemie“ oder des richtigen „Bauchgefühls“ bei den Entscheidern zu erzeugen. Da es sich um kleine Gruppen von Entscheidern handelt, ist Vertrauen und damit der richtige also gleiche klassenspezifische „Stallgeruch“ ausschlaggebend. Die Auswahl erfolgt demnach nach dem Kriterium: „Wer ist mir selbst am ähnlichsten?“. Dabei kristallisiert Hartmann vier entscheidende Persönlichkeitsmerkmale heraus: 1. Kenntnis der Benimm- und Dresscodes, 2. Breite Allgemeinbildung 3. Optimistische unternehmerische Lebenseinstellung und 4. Persönliche Souveränität in Auftreten und Verhalten.48 Hier liegt die Schwierigkeit für Sozialaufsteiger. Ihnen fehlen das „richtige“ Auftreten wie etwa der erforderliche spielerische Umgang mit Regeln, den in den meisten Fällen nur ein bürgerlicher oder großbürgerlicher Habitus mit sich bringt.

5. Ausblick auf das zukünftige Verhältnis von Elite und Masse in der EU

Betont werden muss, dass sich Hartmanns Daten der Vermögens- und Einkommensungleichheit auf Zahlen von vor der sogenannten Finanzkrise ab 2007 beziehen. Nach aktuellen Erhebungen des Levy Institute49 verfügte etwa im Jahr 2009 in den USA das obere ein Prozent der Bevölkerung über 37,1% des Gesamtvermögens, während den unteren 80% der Bevölkerung lediglich 12,3% gehörten.50 Das entspricht seit 2001 einem Plus von 3,7% für die 1% der höchsten und ein Minus von 3,3% für die 80% der niedrigsten Vermögenswerte. 1979 ging ein Drittel aller Profite, die in den USA erwirtschaftet wurden an das reichste Prozent der Amerikaner, 2009 waren es fast 60%. 1950 verdiente ein Firmenchef im Schnitt 30-mal mehr als ein einfacher Arbeiter, während es 2009 300-mal so viel waren.

Gesellschaftlich findet demnach in den USA eine immer massivere Umverteilung der Vermögenswerte von unten nach oben statt. Es ist ferner davon auszugehen, dass es während der noch nicht erfassten Jahre auch in der EU zu einer noch tieferen sozialen Spaltung der Gesellschaft gekommen ist. Zusätzlich sorgen die Bankenrettungsaktionen in Milliardenhöhe und die damit entstandenen staatlichen Schulden bei den europäischen Regierungen für Kürzungen im Sozialbereich, die die soziale Spaltung in Europa weiter beschleunigen werden. Zu befürchten ist, dass sich die soziale Situation in der EU den Zuständen in den USA annähert.

Die Chancen für Angehörige der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht in Elitepositionen aufzusteigen ist vor diesem Hintergrund zukünftig als noch aussichtsloser als bisher zu beurteilen. Laut der Studie des Levy Institute liegt in den USA heute die Chance von „weniger wohlhabenden Amerikanern in die obere Mittelschicht aufzusteigen [statistisch] bei vier Prozent“.51 So ist es für die Mehrheit der Amerikaner praktisch unmöglich geworden den „American Dream“ vom Tellerwäscher zum Millionär trotz Leistungsbereitschaft zu realisieren. Stattdessen werden weltweit von einer kleinen Minderheit wie es die kurze Formel treffend ausdrückt, Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert.

Hartmann sieht in den Einkommensdifferenzen, also in der Verteilung von Reichtum den besten Indikator für das Kräfteverhältnis zwischen der herrschenden Klasse und den Eliten auf der einen und den Gegenkräften in der Bevölkerung auf der anderen Seite.52 Demnach gelingt es der herrschenden Klasse außerordentlich erfolgreich ihre Interessen gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchzusetzen. Folglich stellte der britische Soziologe und Marxist Thomas Burton Bottomore bereits 1966 völlig zu Recht fest:

„Was sich in den demokratischen Ländern bis heute allem Anschein nachvollzogen hat, ist weniger eine Machtminderung der Oberklasse als eine Minderung des Radikalismus der Arbeiterklasse.“ [53]

Die nun auch in Deutschland rasant wachsende soziale Ungleichheit, das „Verschwinden“ der Mittelschicht, sowie die weltweit zunehmende Zementierung der Eliten durch Vererbung der Vermögen und der daraus resultierenden Chancenlosigkeit für immer mehr Menschen, werden allerdings kaum folgenlos bleiben.

So verwundert es nicht, wenn sich die Eliten der EU vorausschauend auf politisch in Bewegung geratende Massen vorbereiten.

Bis 2014 soll das von der EU-Kommission finanzierte europäische Überwachungssystem „INDECT“ vollständig Einsatz bereit sein. Dabei geht es um die zentrale Bündelung und per Computer automatisierte Auswertung bestehender Überwachungstechnologien wie etwa Videoüberwachung, Handyortung, Gesichtserkennung, Telekommunikationsüberwachung sowie dem Einsatz von fliegenden Überwachungsdrohnen zur Personenverfolgung in der ganzen EU. Ziel ist es „abweichendes Verhalten“54 bereits vor einer Tat zu erkennen und so für die „Bekämpfung künftiger Aufstände im urbanen Raum“55 gerüstet zu sein. Die Wochenzeitung ZEIT bezeichnet INDECT als „Traum der EU vom Polizeistaat“ und führt aus: „Begriffe wie Unschuldsvermutung oder gerichtsfester Beweis haben dabei keine Bedeutung mehr, ersetzt es doch die gezielte Suche nach Verdächtigen durch das vollständige und automatisierte Scannen der gesamten Bevölkerung“.56 Die Elite der EU bereitet sich also auf die wohl zu erwartenden Unruhen der Masse durch vollständige Überwachung ihrer Bürger vor.

6. Zusammenfassung

Zu Beginn der Arbeit wurden die klassischen und funktionalistischen Elitetheorien kritisch betrachten. Beide Ansätze gehen an einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus vorbei. So können die klassischen Elitetheorien zwar eine grundsätzliche gesellschaftliche Dichotomie von Elite und Masse ausmachen, bleiben aber analytisch hinter der marxistischen Analyse des Ausbeutungszusammenhangs von herrschender Klasse und beherrschter Klasse durch Privatbesitz der Produktionsmittel zurück. Die funktionalistischen Ansätze vernachlässigen ebenfalls den Klassencharakter des Kapitalismus und dringen so in ihrer empirisch nicht haltbaren Auffassung einer klassenlosen Gesellschaft, in der Elitepositionen hauptsächlich durch Leistung und nicht nach Herkunft erlangt werden, nicht zu den tatsächlichen Machtverhältnissen des modernen Kapitalismus vor.

Gegensätzlich dazu wurden kurz die kritischen Elitetheorien von Mills und Bourdieu skizziert, bevor die empirischen Studien von Michael Hartmann dargestellt wurden. Demnach sind der durch soziale Herkunft bestimmte Habitus und der dadurch begünstigte Zugang zu Elitebildungseinrichtungen wie auch der Promotion in Deutschland entscheidend für das Erlangen von Elitepositionen. Folglich ist das Bürger- und Großbürgertum aufgrund ihrer Herkunft im Gegensatz zur Arbeiterklasse und den Mittelschichten eindeutig privilegiert die entscheidenden Elitepositionen der Gesellschaft einzunehmen. Durch die mehrheitlich bürgerliche und großbürgerliche Herkunft der im Vergleich zu anderen Eliten dominanten Wirtschaftselite, können diese Überlegungen auch empirisch belegt werden. Gleichzeitig wurde die wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit in Deutschland, der gesamten EU und den USA problematisiert.

Daraus folgend wurde der Ausblick gewagt, wie die Eliten der EU in Zukunft mit der wachsenden Ungleichheit in der Bevölkerung umgehen werden. So scheint es aufgrund der im Aufbau befindenden Überwachungssysteme primär um die Absicherung bestehender Herrschaftssysteme zu gehen, anstatt für sozialen Ausgleich zu sorgen.

Um die Ausgangsfragestellung nach dem Verhältnis von Elite und Masse zu beantworten: Eine Dichotomie von Elite und Masse oder präziser von herrschender Klasse und beherrschter Klasse ist mit Blick auf die ungleiche Vermögensverteilung und die herkunftsabhängigen Zugangschancen zu Elitenpositionen im modernen Kapitalismus eindeutig vorhanden. Anders jedoch als die klassischen Elitetheorien, die dies als naturgegeben ansehen, sind es marxistisch verstanden vielmehr die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die diesen Klassengegensatz hervorbringen. Die funktionalistischen Ansätze lassen sich mit der Empirie nicht vereinbaren. Auch wenn ein kleiner Teil der Elite tatsächlich aus Arbeiterverhältnissen stammt, ist dies als Ausnahme anzusehen. Die Mehrheit der Elite stammt wie es die kritische Eliteforschung herausgearbeitet hat aus bürgerlichen Verhältnissen.

Abschließend kann folglich zusammengefasst werden, rekrutiert sich die Elite mehrheitlich durch den Faktor „soziale Herkunft“ und dem damit zusammenhängenden Habitus. Das derzeitige Kräfteverhältnis zwischen der herrschenden Klasse und der breiten Bevölkerung ist somit insgesamt eindeutig zu Gunsten der herrschenden Klasse zu bewerten.

Literaturverzeichnis

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Zeitschriften

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Webseiten

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[...]


1 Hartmann, Michael, 2004: Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt/Main: Campus Verlag. S. 13.

2 Ebd., S. 14.

3 Ebd., S. 13.

4 Ebd., S. 15.

5 Ebd., S. 37.

6 Ebd., S. 37.

7 Ebd., S. 39.

8 Ebd., S. 41.

9 Ebd., S. 38.

10 Ebd., S. 43.

11 Ebd., S. 43.

12 Ebd., S. 43-44.

13 Ebd., S. 44.

14 Ebd., S. 71.

15 Ebd., S. 71.

16 Ebd., S. 72.

17 Ebd., S. 72.

18 Ebd., S. 73.

19 Vgl. Hartmann, Michael, 2002: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt/Main: Campus Verlag.

20 Hartmann, Michael 2004b, S. 72.

21 Ebd., S. 78.

22 Lichterbeck, Philipp, 2008: ''Die Elite gefährdet die Demokratie''. Online unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/die-elite-gefaehrdet-die-demokratie/1172760.html [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

23 Hartmann, Michael 2004b, S. 90.

24 Hartmann, Michael, 2007: Eliten und Macht in Europa: Ein internationaler Vergleich. Frankfurt/Main: Campus Verlag. S. 8.

25 Ebd., S. 8.

26 Ebd., S. 9.

27 Ebd., S. 9.

28 Ebd., S. 9.

29 Ebd., S. 10.

30 Ebd., S. 10.

31 Ebd., S. 12.

32 Ebd., S. 12.

33 Zum Großbürgertum zählen Großunternehmer, Vorstandsmitglieder, Großgrundbesitzer, Spitzenbeamte und Angehörige der Generalität.

34 Ebd., S. 220.

35 Ebd., S. 215.

36 Ebd., S. 215.

37 Ebd., S. 215.

38 Heise, Katrin, 2010: "Großbürgerkinder waren traditionell absolute Ausnahmen". Online unter: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1107956/ [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

39 Schwennicke, Christoph, 2009: Der Gegen-Glos. Online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-64497206.html [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

40 Hartmann, Michael 2002, S. 27.

41 Ebd., S. 37ff.

42 Ebd., S. 77.

43 In Großbritannien: Die Universitäten Oxford und Cambridge („Oxbridge“). In Frankreich: Die sozialwissenschaftliche Sciences Po, die auf Verwaltung ausgerichtete École nationale d`administration (ENA), die technische École Polytechnique, sowie die wirtschaftlich ausgerichtete École des hautes études commerciales (HEC).

44 Hartmann, Michael, 2004a: Eliten in Deutschland - Rekrutierungswege und Karrierepfade, in: Das Parlament, Politik und Zeitgeschichte. 2004 (10), S. 17-21. Online unter: http://www.bundestag.de/dasparlament/2004/10/Beilage/003.html [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Ebd.

49 Alle folgenden Angaben beziehen sich falls nicht anders angegeben auf die Ergebnisse des Levy Institute, für Quellenangabe vgl. Fußnote 50.

50 Schulz, Thomas, 2010: Auf dem Weg nach unten: Während sich Amerikas Superreiche selbst dafür feiern, dass sie Milliarden spenden, geht es dem Rest des Landes schlechter denn je. Selten zuvor hatte die USA so viele Langzeitarbeitslose. Die Kluft zwischen den Ärmsten und der Spitze der Gesellschaft hat sich dramatisch geöffnet, in: DER SPIEGEL 2010 (33), S. 72.

51 Ebd.

52 Hartmann, Michael 2007, S. 225ff.

53 Hartmann, Michael 2002, S. 179.

54 Moechel, Erich, 2009: "Indect": Werkzeuge für den Präventivstaat. Online unter http://futurezone.orf.at/stories/1631510/ [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

55 Moechel, Erich, 2010: INDECT: Polizeidrohnen über Europas Städten. Online unter http://futurezone.orf.at/stories/1638815/ [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

56 Biermann, Kai, 2009: Indect – der Traum der EU vom Polizeistaat. Online unter http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2009-09/indect-ueberwachung [Letzter Zugriff: 27.08.2010].

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783668871724
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456341
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft (GSI)
Note
1,0
Schlagworte
Elitetheorien

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Titel: Dichotomie von Elite und Masse, Elite aus Leistung oder Elite durch Herkunft?