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Die neue Pädagogik Siegfried Bernfelds am Beispiel des Kinderheims Baumgarten

Hausarbeit 2017 16 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Siegfried Bernfeld
2.1. Leben und Leistungen
2.2. Bernfelds neue Pädagogik

3. Das Kinderheim Baumgarten
3.1. Geschichte des Kinderheims Baumgarten
3.2. Umsetzung der Pädagogik und Selbstregierung im Baumgarten
3.3. Zielsetzung und Scheitern des Projekts

4. Ausblick und subjektive Bewertung der neuen Pädagogik nach Bernfeld

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kinderheime haben eine düstere Geschichte. Wenn in damaligen Zeiten die Jugend störte, wurde sie in Heime gebracht. Unter Missachtung der Schulpflicht wurden sie bis in die 1970er-Jahre zum Arbeiten gezwungen. Auch heute ringen die Betroffenen noch mit den Folgen ihrer Misshandlungen. Vieles hat sich zwar mittlerweile verbessert, doch muss sich unsere Gesellschaft die Frage stellen, warum Heime eigentlich nötig sind.

Heimerziehung als eine Form der Hilfe zur Erziehung. Dies entspricht, wenn Minderjährige statt in der eigenen oder in einer fremden Familie in einem Heim oder in einer anderen betreuten Wohnform Tag und Nacht untergebracht und erzogen werden. Durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten soll dies die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen fördern (vgl. Social Net, 2015).

Kinderheime haben nicht erst seit den Skandalen um Misshandlungen in den letzten Jahren einen schlechten Ruf. Schon in der Nachkriegszeit drohten Eltern ihren Kindern, wenn diese nicht brav waren, mit dem „Heim“. Früher verstand man unter Heimerziehung etwa eine geschlossene Anstalt, hier wurden die Jugendlichen wie in einem Gefängnis untergebracht. Ziel pädagogischen Handelns war es, den Heranwachsenden ihre abscheulichen seelischen Eigenschaften auszutreiben – mit Gewalt und Drohungen. Etwa 800.000 Kinder lebten in den 1950er- bis 1970er-Jahren alleine in Westdeutschland in Heimen. Die meisten Nachkriegskinder haben in Heimen Schreckliches erlebt. Viele kamen schon seelisch labil in diese Heime, weil die Eltern verstorben waren oder weil die Mutter kaum etwas von ihnen wissen wollte. Doch in diesen Einrichtungen gab man den Kindern den Rest, die meiste Zeit wurden sie geschlagen oder sie mussten andere Bestrafungen über sich ergehen lassen. Manchmal mussten Leidtragende den gleichen Fraß essen wie die Schweine und als ihr Magen es einmal wieder auswürgte, wurde sie gezwungen, ihr Erbrochenes zu essen. Bettnässer wurden, nass wie sie waren, auf den Flur gestellt und mussten die ganze Nacht lang dort stehen bleiben. Die Kirchen, die damals drei von vier Institutionen leiteten, spielten die Misshandlungen in den Heimen jahrzehntelang (wie auch sexuellen Missbrauch) herunter und bekannten es als Einzelfälle. Bis heute leiden die Betroffenen an den seelischen wie auch an den materiellen Folgen (vgl. Thomas Faltin, 2013).

In der gegenwärtigen Heimerziehung spielt sich die Erziehung in kleinen, überschaubaren Gruppen ab. Etwa sieben bis zehn Kinder werden in der Regel von vier bis fünf Pädagogen geleitet. Es wird in sehr unterschiedlichen Formen praktiziert. Hierzu zählen Kinderheime, Wohngruppen oder auch betreutes Wohnen. In den heutigen Kinderheimen läuft das Leben familienähnlich ab, es wird gelesen, gespielt, gekocht oder auch gelernt. Oft haben die Kinder ein eigenes Zimmer oder teilen sich zu zweit eines.

Diese Hausarbeit wird sich vor allem mit Siegfried Bernfelds Projekt, dem Kinderheim Baumgarten, beschäftigen. Anhand dessen soll Bernfelds pädagogisches Konzept genauer erläutert und kritisch reflektiert werden.

2. Siegfried Bernfeld

Bernfeld war ein Reformpädagoge des zwanzigsten Jahrhunderts, dieser setzte sich besonders mit der Jugendforschung auseinander. Mit der zunehmenden Verwahrlosung jüdischer Waisenkinder nach Ende des ersten Weltkrieges beschäftigte er sich angespannt mit der jüdischen Jugend in Österreich und versuchte dieser mit seiner neuen Pädagogik einen besseren Anfang in das Leben zu geben. Siegfried Bernfeld war ein kritischer Denker seiner Zeit. Im Folgenden wird sein Leben und seine Leistungen, sowie seine neue Pädagogik erläutert.

2.1. Leben und Leistungen Bernfelds

Siegfried Bernfeld (1892 - 1953) war Psychoanalytiker, Pädagoge, Sozialist und überzeugter Zionist. Als Erstgeborener von drei Kindern wurde er im österreich- galazischen Lemberg, dem heutigen L´vov in der West-Ukraine geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Wien. Er begann ein Studium der Geologie, Biologie, Zoologie und Mathematik an der Wiener Universität, jedoch kam es zu einem nahen Wechsel zur Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Soziologie, denn Erziehungsfragen galten seinem persönlichen Interesse. Im Jahre 1913 waren Bernfeld und Gustav Wyneken die Herausgeber der Zeitschrift „Der Anfang“ und versuchten damit in einigen Artikeln innerhalb der Jugendbewegung feministischen, sozialistischen und pazifistischen Strebungen Ansehen zu verdienen (vgl. Bernfeld, 1914, S. 280; Grubrich-Simitis, 1988, S.14).

Bernfeld wurde durch Wyneken stark beeinflusst und war ein führender Vertreter der österreichischen Jugendbewegung. Im Jahre 1919 kam es zur Gründung und Leitung des Kinderheims Baumgarten, das als erstes Experiment zur Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse auf die Erziehung dienen sollte. Er kritisierte das anwesende Erziehungssystem sowie die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen und verfolgte die Vorstellung einer neuen Erziehung. Die sollte sozialistisch, antiautoritär-kameradschaftlich, bedürfnisorientiert und selbst bestimmend sein. Mit dem Kinderheim Baumgarten beabsichtigte Bernfeld eine Erziehungseinrichtung zu schaffen, in der diese Vorstellung realisiert werden sollte (vgl. Kamp, 2006, S.454) - doch dazu wird in den folgenden Kapiteln noch genauer eingegangen. In den folgenden Jahren war Bernfeld mit drei verschiedenen Frauen verheiratet. Mit seiner letzten Frau, Suzanne Cassirer-Paret, wanderte er 1937 in die USA aus und ließ sich in San Francisco nieder, dies war seine glücklichste Zeit. Durch eine Ausbildung bei Sigmund Freud konzentrierte er sich auf dessen Aktivitäten und Schriften der Psychoanalyse. Mit Bernfelds Frau, einer gelernten Psychoanalytikerin, studierte er vor allem in den letzten Jahren seines Lebens die Biographie und Theorie Freuds. Im Alter von 61 Jahren verstarb Siegfried Bernfeld in San Francisco (vgl. Grubrich-Simits, 1988, S.15; vgl. Lohmann, 2003, S.54).

2.2. Bernfelds neue Pädagogik

Bernfeld spricht von einer alten Pädagogik, die in den Waisenhäusern und in der Gesellschaft zu Beginn bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr verbreitet war. Sie wurde von ihm aufs Höchstmaß kritisiert. Bekannte Reformpädagogen, wie Maria Montessori, Berthold Otto und Gustav Wyneken, beeinflussten stark Siegfried Bernfelds neue Pädagogik, diese baut auf Konzepten der antiautoritären Erziehung auf. Bernfeld war der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche weniger durch Schläge, Anschreien, Mahnen und Bestrafen zu erziehen seien. Dennoch zum einen durch die des Erwachsenen vorgelebten Verhaltungsweisen, zum anderen durch viel Liebe und Geduld. Des Weiteren war Bernfeld der Meinung, dass Kinder und Jugendliche vor Zwangsarbeit geschützt werden müssten, da dies in dieser Zeit Gang und Gebe war. Bernfelds Plan war es die Jugend unter achtzehn Jahren in seinem Heim aufzunehmen, um ihnen dort die Chance auf Bildung und Ausbildung zu geben (vgl. Bernfeld, 1925, S.125).

Eine weitere wichtige Grundlage Bernfelds Pädagogik war die Kameradschaftlichkeit der Lehrer, also der Erwachsenen gegenüber den Kindern. Vertrauen und ein Gemeinschaftssinn könnte entstehen und dies war vielen der im Kinderheim lebenden Kinder vorher fremd. Bernfeld machte jedoch auch verständlich, dass Kameradschaftlichkeit nicht heiße sich auf das Niveau der Kinder zu begeben und heißt auch nicht den Kindern gefallen zu wollen. Der Erzieher muss uneingeschränkt bleiben was er ist; er muss nur so sein, dass ihn einige Kinder lieben können. Ruhe und Geduld sind die Grundlagen der Kameradschaftlichkeit (vgl. Bernfeld, 1921, S.40).

Des Weiteren war es Bernfeld wichtig, dass ein gewisses Ausmaß an Ehrlichkeit unter den Kindern selbst sowie zwischen Kindern und Erwachsenen herrsche. Um die Autonomie der Kinder zu erziehen, gab Bernfeld diesen einen bestimmten Grad an Verantwortung und Mitbestimmungsrecht. Zusammenfassend waren die Kinder den Erwachsenen gegenüber gleichrangig.

Bernfeld stand der kapitalistischen Klassengesellschaft sehr abgeneigt gegenüber. Er bezeichnete sich selbst als sozialistischer Erzieher und versuchte mit seinen Plänen einer Schulgemeinde ein einheitliches, gemeinschaftsbildendes Gerüst zu schaffen, da sich sonst kein Ort neuer Erziehung entfalten könne (vgl. Bernfeld, 1921, S.24).

3. Das Kinderheim Baumgarten

Das Kinderheim Baumgarten ist eine hervorgerufene Schulgemeinde und ein Internat des American Joint Distribution Committee for Jewish Worshippers. Dieses ist in fünf Baracken eines größeren ehemaligen Kriegshospitallagers in Wien-Baumgarten gegründet worden und ist die erste jüdische Schulgemeine für 200-300 Waisenkinder. Im Folgenden soll nun die Geschichte, Selbstregierung und das Scheitern des Projekts erörtert werden.

3.1. Die Geschichte des Kinderheims

Nachdem ihm die Leitung angeboten wurde begannen im Sommer des Jahres 1919 Bernfelds Vorbereitungen zu der von ihm anfangs geplanten Schulgemeinde. Das Kinderheim Baumgarten wurde in der Nähe von Wien gegründet, um der, vor allem nach dem ersten Weltkrieg, steigenden Zahl von hauptsächlich jüdischen Waisenkindern entgegenzuwirken. Durch Anregung des American Joint Distribution Comittee for Jewish Worshippers Vienna Branch wurde das Kinderheim in einem einstigen Kriegsspital gegründet und ist für 200- 300 Flüchtlingskinder und Waisen ausgerichtet. Bis 1920 war es unter der pädagogischen Leitung von Bernfeld die erste jüdische Schulgemeinde. Zwar waren Waisenhäuser schon vorhanden, doch war es Bernfelds Einfall eine Schulgemeinde für tausende von Kindern im Alter von drei bis siebzehn Jahren anzufertigen. Seine Pläne gingen jedoch nicht auf und so musste er zunächst erfahren, dass in Baumgarten keine Schulsiedlung, sondern ein eigener Charakter Kinderheim geschaffen wurde. Sein Ziel war es aber Baumgarten als Vorbereitung für die Schulsiedlung einzusetzen. Im Oktober desselben Jahres zogen die ersten Kinder im Kinderheim Baumgarten ein. Die Kinder kamen hauptsächlich aus drei Waisenhäusern, in denen sie autoritär, d.h. durch Bestrafen und Anschreien, erzogen wurden (vgl. Bernfeld, 1921, S.23-25).

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Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668895713
ISBN (Buch)
9783668895720
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456250
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Schlagworte
pädagogik siegfried bernfelds beispiel kinderheims baumgarten

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Titel: Die neue Pädagogik Siegfried Bernfelds am Beispiel des Kinderheims Baumgarten