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Das Konzept der Sozialpathologie bei Emile Durkheim und Erich Fromm

Bachelorarbeit 2016 41 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einführung und Aufbau der Arbeit
1.2 Was bedeutet Sozialpathologie?

2 Emile Durkheims Pathologiekonzept
2.1 Grundzüge Durkheims soziologischer Methodologie
2.2 Der Normalitäts- oder Durchschnittstypus

3 Erich Fromms Pathologiekonzept
3.1 Die seelischen Grundbedürfnisse des Menschen
3.2 Der Gesellschaftscharakter, seelische Gesundheit und Sozialpathologie

4 Vergleich und Evaluation
4.1 Holismus vs. Anthropologie
4.2 Naturalismus vs. Normativismus
4.3 Relativismus vs. normativer Humanismus
4.4 Soziale Tatsachen und Gesellschaftscharakter
4.5 Die Pathologiekonzepte am Beispiel des modernen Phänomens der steigenden Anzahl psychisch Erkrankter
4.6 Eine kritische Betrachtung der Pathologiekonzepte

5 Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einführung und Aufbau der Arbeit

„Daraus geht nun klar hervor, daß [sic!] der Staat zu den Dingen zu zählen ist, die von Natur sind, und daß [sic!] der Mensch von Natur ein Leben ist, das zum staatlichen Verband gehört […].“ 1 Bereits Aristoteles postulierte vor circa 2500 Jahren, dass die Selbstverwirklichung des Menschen und damit verbunden die Glückseligkeit nicht nur eine autonome Unternehmung des Individuums sei, sondern nur in einer größeren Gemeinschaft erreicht werden könne. Grund dafür ist Aristoteles' anthropologische Grundannahme, dass der Mensch ein „zoon politikon“ sei, welches von Natur aus auf gemeinschaftliches Leben und Staatenbildung angewiesen sei. Der Gedanke prägte die abendländische Philosophie und sein Einfluss reicht sogar noch bis in die Gegenwart.

Einige heutige Debatten schließen an die tausende Jahre alte These an, wenn diskutiert wird, ob bestimmte Eigenschaften unseres Zusammenlebens richtig sind oder nicht. Ob es die Angst vor einer steigenden Anzahl psychischer Erkrankungen aufgrund von vermehrtem Stress vor allem im Arbeitsleben, der drohenden fortschreitenden Separierung von arm und reich und der damit verbundenen Chancenungleichheit oder das wohl aktuellste kontrovers diskutierte Phänomen der „Flüchtlingskrise“, die für viele Menschen nicht nur eine logistische Schwierigkeit der Unterbringung darstellt, sondern abermals die Frage einer gelingenden sozialen Integration aufwirft, ist: Alle Phänomene thematisieren die Prämissen und Bedingungen eines erfolgreichen Zusammenlebens und sozialen Zusammenhalts.

Innerhalb der Philosophie werden die Probleme sozialer Missstände und ihre Folgen für eine Gesellschaft in der „Sozialphilosophie“ diskutiert, deren Wurzeln, wie schon gesehen, bis in die Antike reichen. Ein jedoch für die Sozialphilosophie relativ junger Begriff ist der der „Pathologie des Sozialen“. Es war Axel Honneth, der diesen Begriff erstmals in seiner gleichnamigen Schrift zur Bezeichnung für ernstzunehmende soziale Missstände, die das soziale Gefüge und ein sozial gelingendes Leben gefährden, einführte. Unter „Diagnosen der Pathologie des Sozialen“ sind spätestens seit Rousseaus Zivilationskritik alle sozialphilosophischen Gesellschaftskritiken zu zählen. Die folgende Arbeit hat das Ziel, zwei solcher Konzepte der Sozialpathologie zu vergleichen.

Zum einen thematisiert sie das Pathologiemodell Emile Durkheims. Durkheim gilt als „Klassiker“ der Soziologie, der eine maßgebliche Rolle bei der Konstituierung der Soziologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin spielte. Bekannt wurde er vor allem durch seine Analyse des sozialen Zusammenhalts in ausdifferenzierten Gesellschaften der Industrialisierung in „Über die soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften“ aus dem Jahr 1893 und seinem Werk „Regeln der soziologischen Methode“ aus dem Jahr 1895, in dem er neue Maßstäbe für die wissenschaftliche Arbeit der Soziologie setzte. Dabei blieb sein Pathologiemodell innerhalb der breiten wissenschaftlichen Rezeption seines Schaffens eher im Hintergrund. Das zweite Modell ist das des Psychoanalytikers und Soziologen Erich Fromm. Als frühes Mitlgied der sogenannten „Frankfurter Schule“ hatte er einen nicht zu unterschätzenden Einfluss für das damals junge Institut für Sozialforschung, vor allem für das bekannte Modell des „autoritären Charakters“ leistete er theoretische Vorarbeit. Nach der Trennung vom Institut setze Fromm seine Arbeit eigenständig fort. Sein Schaffen blieb und bleibt jedoch immer noch, zumindest in Deutschland, im Schatten der Arbeit der Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Den beiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie aufgrund anderer oder sogar eigener Theorien in ein Hinterlicht rückten. Doch ist dies berechtigt? Oder besitzen diese Konzepte eine Erklärungskraft für moderne Sozialpathologien? Können sie für die Analyse moderner sozialer Missstände „reaktiviert“ werden und fruchtbar sein? Und wenn ja, inwiefern? Die folgende Arbeit hat das Ziel, verbunden mit einem Vergleich beider Konzepte, eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Inwiefern die Konzepte für die Erklärung moderner Missstände wertvoll sein können, wird an dem bereits genannten Phänomen der steigenden Anzahl psychisch Erkrankter dargestellt. Dafür werden folgende Schritte bestritten:

- Ein verständlicher Eingang in das Thema setzt eine nähere Defintion des Begriffs „Sozialpathologie“ voraus (Kapitel 1.2). Dabei wird auch die Betrachtung in der Medizin berücksichtigt, in der der Begriff der Pathologie ihren eigentlichen Ursprung hat.
- Um die Konzepte vergleichen zu können, werden Durkheims und Fromms Hauptthesen in Kapitel 2 und 3 vorgestellt und in Kapitel 4 anschließend miteinander verglichen. Außerdem beeinhaltet das vierte Kapitel eine Evaluation der Konzepte, bestehend aus der Beantwortung der Frage der Erklärungskraft moderner „Sozialpathologien“ am oben genannten Beispiel (Kapitel 4.5) und einer anschließenden kritischen Betrachtung der Konzepte (Kapitel 4.6). Im fünften Kapitel werden die Erkenntnisse resümiert.

1.2 Was bedeutet Sozialpathologie?

Auch wenn die Medizin als selbstständige Disziplin ihren Ursprung in der Antike hat und somit eine tausende Jahre alte Vergangenheit aufweisen kann, existiert bis heute keine Einigkeit über die Definition des Krankheitsbegriffs. Der Grund dafür liegt vor allem in der Charakteristik der Medizin als primär praxisorientierte Wissenschaft selbst. Im 20. Jahrhundert jedoch wurden wissenschaftstheoretische Debatten geführt, die innerhalb der Medizintheorie einen Konsens über die Definition des Pathologiebegriffs herstellen sollte. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu überschreiten und die Konzentration auf den eigentlichen Begriff der Sozialpathologie zu erhalten, werden im Folgenden lediglich die gegensätzlichen und immernoch umstrittenen Positionen des Naturalismus und Normativismus vorgestellt.

Der Naturalismus ist ein Versuch, Krankheit mit Bezug auf wertfreie und objektive Kriterien zu definieren. Als ein klassischer Vertreter gilt Christopher Boorse. Krankheit ist für ihn ein Typ eines inneren Zustands, der entweder eine Beeinträchtigung der nomalen Funktionsfähigkeit darstellt, das heißt eine Verminderung einer oder mehrerer Funktionsfähigkeiten, so dass sie unterhalb der typischen Effizienz liegen, oder eine Einschränkung der Funktionsfähigkeit, verursacht durch Umwelterreger. 2

Maßstab der naturalistischen Sichtweise von Krankheit ist demnach die reine Funktionstüchtigkeit des Organismus, die das Überleben und die Reproduktion der Spezies sichern soll. Abweichungen von der reinen Funktionalität bezeichnet man als Krankheit. Sie orientiert sich an empirisch festellbaren Tatsachen und soll so frei von moralischen Wertungen sein.

Die Gegner des Naturalismus hingegen sehen empfundenes Übel als notwendige Bedingung an, um von einer Krankheit zu sprechen zu können. Beispiele für das empfundene Leiden seien etwa Tod, Schmerz, Behinderung, der Verlust von Freiheit oder Freude. 3 Dabei wird diesen Zuständen eine negative Konnotation als „harm or evil“ 4 zugeschrieben, die es als Betroffener zu beseitigen gilt. Durch diese Konnotation wird der Begriff der Krankheit wertgeladen und somit normativistisch. Innerhalb des Normativismus selbst ist darüber hinaus umstritten, wann etwas als leidvoll und Übel gelten soll, gemeinsam ist ihnen dennoch das wertgeladene Element des Krankheitsbegriffs.

Das Aufgabenfeld der Sozialphilosophie umfasst zwei Phänomene: Zum einen stellt sie die Frage nach der Genese der Gesellschaft, also ihren Ursachen der Entstehung. Zum anderen untersucht sie die Bedingungen, die zum Erhalt des Konstrukts Gesellschaft führt. Anknüpfend an letzteres war es Axel Honneth, der als erster den Versuch wagte, den oben vorgestellten medizinischen Begriff der Pathologie auf eine Theorie der Gesellschaft zu übertragen. Bei der Betrachtung prominenter philosophischer Theorien sozialer Missstände, wie zum Beispiel Rousseaus Kritik der Zivilgesellschaft, Karl Marx' Entfremdungstheorie oder Nietzsches Gott-ist-tot- Postulat, kommt Honneth zu dem Schluss, dass Konzepte, die eine Pathologie des Sozialen konstatieren, zwei Merkmale aufweisen:

1. Sie implizieren, ob bewusst oder nicht, als Basis ihrer Kritik immer einen gesellschaftlichen Normalitätswert. Dieser sei unverzichtbar für eine Pathologie des Sozialen, da Krankheit und Gesundheit beziehungsweise Normalität eine Dichotomie bilden. Gemeinsam sei ihnen die Grundlage „eine[r] ehtische[n] Vorstellung von gesellschaftlicher Normalität, die auf die Ermöglichungsbedingungen von Selbstverwirklichung zugeschnitten ist“ 5. Diese Art theoretischer Arbeit transzendiert die Analyse des Phänomens der Gesellschaftsgeltung, indem sie ein ethisches Moment des „Guten“ hinzufügt und nicht bloß nach den Ursachen des Erhalts einer Gesellschaft forscht. 6
2. Sie manifestieren sich in den meisten Fällen als negative Lehren, die, ausgehend vom vorausgesetzten Ideal einer gesunden oder normalen Gesellschaft, Kritik an sozialen Missständen beinhalten, welche dem Individuum nicht mehr die Verwirklichung seiner selbst gewährleisten können und ein gelingendes Leben irritieren oder gar unmöglich machen. 7 Die Geltungsfrage wird umgedreht; im Vordergrund von Pathologiekonzepten stehen Verhältnisse, die sozialen Zusammenhalt in Gesellschaften bedrohen. Die Aufdeckung solcher das „gelingende Leben“ des Individuums entgegenstehenden Zustände bildet das Äquivalent zur medizinischen Praxis der „Diagnostizierung“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Sozialpathologie“ ein Ausdruck für soziale Missstände ist, die ein erfolgreiches Zusammensein und die individuelle Selbstverwirklichung gefährden oder sogar unmöglich machen. Eine Gesellschaft ist demnach dann „krank“, wenn sie ein erfolgreiches Zusammensein und die Selbstverwirklichung des Individuums nicht gewährleisten kann; die „soziale Krankheit“ sind die bestimmten sozialen Verhältnisse, die dies verursachen.

2 Emile Durkheims Pathologiekonzept

Das 1895 veröffentlichte Werk „Regeln der soziologischen Methode“ fungiert in Durkheims Schaffen als eine Anleitung zu einer vom Positivismus und Empirismus geprägten praktizierenden Wissenschaft für eine Soziologie, die zu Zeiten Durkheims in methodologischer Hinsicht unausgereift war. Er versuchte, die junge Disziplin vonder einseitig theoretischen Ausrichtung der Sozialphilosophie zu emanzipieren, indem er sich, wie man noch sehen wird, vor allem die Naturwissenschaften als Vorbild nahm und ihr somit einen wissenschaftlichen Charakter verlieh. Nicht zuletzt aufgrund dieser Leistung schaffte es Durkheim, die Soziologie zu institutionalisieren und damit als einer der Gründungsväter der modernen Sozialwissenschaften ernannt zu werden. Die Orientierung an den Naturwissenschaften zeigt sich in seiner Explikation des eigentlich biologischen beziehungsweise medizinischen Pathologiebegriffs sehr deutlich, vorher ist es aber zum besseren Verständnis seines Pathologiekonzepts von Nutzen, Durkheims Hauptgedanken zu einer neuen soziologischem Methodologie vorzustellen.

2.1 Grundzüge Durkheims soziologischer Methodologie

Durkheims erste Herausforderung ist es, einen Gegestandsbereich der Soziologie zu definieren, für den sie die einzige Erklärungsmöglichkeit darstellt und sie somit als eigenständige Disziplin eine Existenzberechtigung erhält. Das tut er, indem er darauf hinweist, dass die Gesellschaft ein emergentes Phänomen sei: Eine Gesellschaft sei nicht nur die Summe ihrer Teile, also einfach eine simple Anhäufung von Individuen; vielmehr bilde sich durch den Zusammenschluss vom Menschen erst der Gegenstandsbereich der Soziologie. Diese seien die sogenannten „sozialen Tatbestände“ oder „sozialen Tatsachen“ (französisch: fait social):

Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen

Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt. 8

Für Durkheim sind soziale Tatsachen also Verhaltensweisen, die drei Charakteristika aufweisen:

1. Sie haben ihren Ursprung nicht im Willen des Individuums, wobei es sie durchaus als eigenwillige empfinden kann, sondern seien, vor allem mittels von Erziehung, von außen internalisierte. Eben dadurch erhalten sie das von Durkheim genannte „Eigenleben“. 9
2. Sie üben Zwang aus, indem sie entweder so stark internalisiert seien, dass sie nicht weiter hinterfragt und als selbstverständlich gelten, oder bei Nichtbeachtung Sanktionen wie etwa gesetzliche Strafen zur Folge haben. 10
3. Sie gewinnen Allgemeinheit aus ihrer Kollektivität. Das bedeutet, dass alle kollektiven sozialen Tatbestände allgemein seien, also in allen oder zumindest in der Mehrheit der Individuen auftreten, nicht aber alle allgemeinen Phänomene gleichzeitig kollektiv: „Er [ein sozialer Zustand - Anmerkung des Verfassers] ist in jedem Teil, weil er im Ganzen ist, und er ist nicht im Ganzen, weil er in den Teilen ist.“ 11

Soziale Tatbestände seien die von der Gesellschaft ausgehende Macht in Form von Normen, Moral- und Glaubenssystemen, Institutionen etc., die zwar aus der Interaktion von Individuen hervorgehe, sich aber im Laufe der Zeit von ihnen „abtrenne“ und ihnen vorausgehe. Dadurch entstehe ihre Emergenz.

Für Durkheim ergibt sich aus dieser Erkenntnis die soziologische Methodologie konstituierende Regel: „Die erste und grundlegendste Regel besteht darin, die soziologischen Tatbestände wie Dinge zu betrachten.“ 12 Wie die Materie in den Naturwissenschaften fungieren soziale Tatsachen in der Soziologie als Beobachtungsob- jekte, die unabhängig vom Menschen existieren und auf ihn wirken. Dabei müsse bei der Beobachtung Unvoreingenommenheit und wissenschaftliche Distanz gegenüber dem Objekt herrschen. Dies sei bei Moralvorstellungen und herrschenden Sitten, die der Forscher im persönlichen Leben vielleicht selbst unterliege, besonders zu beachten.

2.2 Der Normalitäts- oder Durchschnittstypus

Für Durkheim ist es wichtig, dass besonders die Sozialwissenschaften nicht in ihrer deskriptiven Rolle verharren, indem man bloß Ursachen und Wirkungen versuche aufzudecken. Es sei notwendig, ihnen ein moralisches Moment zu verleihen, eine Handlungsrichtug zu geben, um nicht als sinnlose und unfruchtbare Tätigkeit diffarmiert zu werden. Aus ihren theoretischen Erkenntnissen sollen Lebensbedingungen zum Guten hin manipuliert werden, womit sie an praktischen Nutzen gewinnen. Was angestrebt werden solle, sei die Gesundheit, das, was nicht sein soll, sei die Krankheit. Bei der Definition der Begriffe sei aber insofern Vorsicht geboten, als man dabei nicht einer Art Ideologie verfallen dürfe, die je nach persönlicher Meinung bestimme, was richtig und falsch sei. Es müssen objektive Kriterien gefunden werden, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. 13

Zunächst analysiert Durkheim alltägliche und der Medizin entnommene Kriterien des Pathologiebegriffs. Der Schmerz könne nicht als Kennzeichen von Krankheiten gelten, da er Bestandteil von normalen Erscheinungen, wie zum Beispiel Hunger oder einer Entbindung, sei und Krankheiten sich manchmal sogar dadurch auszeichnen, dass sie schmerzlos seien. Des Weiteren sei auch die Verminderung von Lebenschancen und Vitalität kein Zeichen der Krankheit. Sie sei ebenfalls Bestandteil eines normalen Zustandes, wie man am Beispiel des Alterns erkennen könne. 14

Bezüglich der Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit sucht Durkheim „ein äußeres, unmittelbar faßbares [sic!], aber objektives Kennzeichen, das uns diese zwei Arten von Tatsachen auseinanderzuhalten gestattet.“ 15 Dieses finde er im sogenannten Durschschnittstypus:

Wir werden diejenigen Tatbestände normal nennen, die die allgemeinen Erscheinugsweisen zeigen, und den anderen den Namen krankhaft oder pathologisch beilegen. Kommt man überein, als Durchschnittstypus jenes schematische Gebilde zu bezeichnen, das man erhält, indem man die in der Art häufigsten Mermale mit ihren häufigsten Erscheinugsformen zu einem Ganzen, zu einer Art abstrakter Individualität zusammenfaßt [sic!], so wird man sagen können, daß [sic!] der normale Typus mit dem Durchschnittstypus in eins zusammenfließt [sic!] und daß [sic!] jede Abweichung von diesem Schema der Gesundheit eine krankhafte Erscheinung ist. 16

Durkheims Formel lautet: Durchschnitt ist gleich Normalität; Normalität ist gleich Gesundheit; Durchschnitt ist gleich Gesundheit. Eine Gesellschaft sei als krank zu bezeichnen, wenn sie ein soziales Phänomen oder, in Durkheims Sprache, einen sozialen Tatbestand aufweist, das oder der in seiner Häufigkeit nicht im Durchschnitt ähnlicher und damit vergleichbarer Gesellschaften liege. Diese Definition legitimiert er zum einen mit dem Hinweis auf die Vorgehensweise der Biologie, die nichts anderes tue als die Funktionen des Durchschnittsorganismus zu studieren. 17 Zum anderen müsse der normale oder durchschnittliche Zustand der gesunde sein, weil Gesundheit die Existenz sichere und sich durchsetze, also im Wesen an sich, zumindest im Durchschnitt, existiere und Pathologie immer etwas marginales sei:

Sie [die Allgemeinheit - Anmerkung des Verfassers] wäre nun unerklärlich, wenn die verbreitesten Organisationsformen, wenigstens in ihrer Gesamtheit, nicht auch die vorteilhaftesten wären. Wie hätten sie sich bei einer so großen Mannigfaltigkeit von Umständen behaupten können, wenn sie die Individuen nicht in Stand setzten, zerstörenden Einflüssen nachdrücklicher zu widerstehen? Sind dagegen die übrigen Organisationen seltener, so erklärt sich das offenbar daraus, daß [sic!] ihren Trägern die Erhaltung im Durchschnitt schwerer fällt. 18 19

Als Vergleichsbasis gelten nicht willkürlich alle Arten von Gesellschaften. Zu beachten seien zwei Merkmale: Erstens müsse der Vergleich immer gattungsbezogen sein. Das heißt, dass zum Beispiel primitive Stammesvölker nicht mit ausdifferenzierten Gesellschaften verglichen werden dürfen. (Durkheim unterscheidet zum Beispiel zwischen segmentären und funktionalen Gesellschaften: Erstere kennzeichnet eine nicht starke Arbeitsteilung und sogenannte „mechanische Solidarität“, also eine Form des sozialen Zusammenhalts, die auf Ähnlichkeit der Individuen beruhe; funktionale Gesellschaften hingegen charakterisiere eine differenzierte Arbeitsteilung und die auf Abhängigkeit und Interdependenz basierende „organische Solidarität“ 20.) Zweitens sei innerhalb einer Gattung auch die Phase der Entwicklung von großer Bedeutung. Durkheim weist dabei als Analogie auf den medizinischen Gesundheitsbegriff hin, der auch vom Alter des Patienten abhängig sei.

Bezüglich der evolutionären Entwicklung einer Gesellschaft stellt Durkheim ferner eine zweite Bedingung auf: Gemäß dem Fall, dass eine Gesellschaft inmitten einer „Evolution“ stehe (zum Beispiel sich von einer segmentären zur funktionalen Gesellschaft entwickelt), müsse bewiesen werden, dass die Ursachen der untersuchten Tatbestände, welche im ersten Schritt als durchschnittlich identifiziert wurden, in der Gesellschaftsstruktur selbst liegen. Andernfalls seien sie lediglich das Erbe alter Strukturen und verlieren ihre Nützlichkeit und damit ihren gesundheitlichen Wert.

Durkheims Konzept der Sozialpathologie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Notwendige Bedingung: Ein sozialer Tatbestand ist dann normal und gesund, wenn er im Durchschnitt der Gesellschaften auftritt.

Dabei gelten als Vergleichsbasis die Gesellschaften, die die Kriterien der

a) Gattung und
b) evolutionären Phase erfüllen.

Stellt man fest, dass die untersuchte Gesellschaft inmitten einer Entwicklung steht, kommt eine zweite Bedingung hinzu:

2. Die Normalität des Tatbestandes muss bewiesen werden, indem man ihre Ursachen in der gegenwärtigen Konstitution der Gesellschaft auffindet.

Zur Veranschaulichung seiner Hypothese des Durchschnittstypus wendet der Autor sie an das in seinen Augen wohl offensichtlichste sozialpathologische Phänomen an: der Kriminalität. Für Durkheim stellt die Kriminalität entgegen der allgemeinen Intuition und vor allem der Rechtswissenschaften und Psychologie ein normales soziales Phänomen dar. Das sei sie aus drei Gründen: Erstens konstatiert Durkheim, dass es keine Gesellschaft gebe oder jemals gab, die keine kriminellen Handlungen aufweisen kann. Zweitens impliziere die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne Kriminalität, dass das moralische Bewusstsein jedes Individuums gestärkt werden müsste. So käme es aber bloß dazu, dass kriminelle Handlungen in einer Art Fahrstuhleffekt umdefiniert werden würden. Zwar erhöhe sich in diesem Fall die Sensibilität für abweichendes Verhalten, gleichzeitig steigen jedoch die Erwartungen

[...]


1 Aristoteles, Politik, Buch 1, Kapitel 2, 1253a ff., hg. von Eckhart Schrütrumpf, Hamburg 2012, S.6.

2 Boorse, Christopher: Gesundheit als theoretischer Begriff. In: Schramme, Thomas (Hrsg.): Krankheitstheorien, Berlin 2012, S. 102.

3 Clouser, K. Danner / Culver, Charles M. / Gert, Bernard: Malady. In: Almender, Robert F. / Humber, James M. (Hrsg.): What is Disease?, Totowa, N.J. 1997, S. 190.

4 Ebenda.

5 Honneth, Axel: Das Andere der Gerechtigkeit. Aufsätze zur praktischen Philosophie, Frankfurt am Main 2000, S. 58.

6 Vgl. ebenda, S. 59.

7 Vgl. ebenda, S. 55.

8 Durkheim, Emile: Die Regeln der soziologischen Methode, Neuwied und Berlin 1976, S. 114.

9 Vgl. ebenda, S. 105 ff.

10 Vgl. ebenda, S. 107 ff.

11 Ebenda, S. 111.

12 Ebenda, S. 115.

13 Vgl. ebenda, S. 141 ff.

14 Vgl. ebenda, S. 143 ff.

15 Ebenda, S. 147.

16 Ebenda, S. 148.

17 Vgl. ebenda.

18 Ebenda, S. 150.

19 In dieser Hinsicht widersprcht sich Durkheim: Hier wendet er das zu Anfang kritisierte Argument der verringerten Lebenschancen an, indem er behauptet, dass Gesundheit die Lebenschancen erhöhe und deswegen im Durchschnitt zu finden sei und Trägern der Krankheit „die Erhaltung im Durchschnitt schwerer fällt“, also die Lebenschancen vermindere.

20 Siehe dazu: Durkheim, Emile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt am Main 1988.

Details

Seiten
41
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668867956
ISBN (Buch)
9783668867963
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455187
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
Schlagworte
konzept sozialpathologie emile durkheim erich fromm

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Titel: Das Konzept der Sozialpathologie bei Emile Durkheim und Erich Fromm