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Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess als Offenbarung der Beziehung zwischen den deutschen Staaten. Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Schatten des Kalten Krieges

Bachelorarbeit 2018 38 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kalte Krieg und der Umgang mit der NS-Vergangenheit in BRD und DDR (1949-1965)
2.1 Vorbetrachtung und Kontextualisierung
2.2 Die BRD und ihre Sicht auf den Osten und die NS-Vergangenheit
2.3 Die DDR und ihre Sicht auf den Westen und die NS-Vergangenheit

3. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess – Schauplatz des Kalten Krieges?
3.1 Überblick: Der Prozess gegen die Verbrechen von Auschwitz
3.2 Vorbehalte bei der Prozessvorbereitung
3.3 Die DDR als Teilnehmer im Prozess?: Die Nebenklagevertretung von Friedrich Karl Kaul
3.4 Das Agieren des Prozessverteidigers Hans Laternser

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

1.Einleitung>

Mit der letzten Urteilsverkündung am 20. August 1965 ging mit dem ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess vor über 50 Jahren ein Strafgerichtsverfahren in die Geschichte der Bundesrepublik ein, welches bis heute zu einem der bedeutendsten Prozesse für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der deutschen Nachkriegsgeschichte zählt.

Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit war allerdings nicht nur eine juristische Angelegenheit, da der Umgang mit den Tätern nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vielzahl gesamtgesellschaftlicher Bereiche betraf. Es war eine Frage, die für die Frühphase der Bonner Republik nicht nur charakteristisch zu sein schien, sondern zu einer politischen Belastungsprobe für die junge Demokratie avancierte. Dies hat vor allem damit zu tun, dass der Umgang mit der jüngsten Vergangenheit, wie im Rahmen dieser Arbeit noch aufzuzeigen ist, insbesondere im Spannungsfeld des Kalten Krieges immer wieder zur Angriffsfläche des westdeutschen Staates und seiner Repräsentanten gemacht wurde.

Da im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess ein Tatkomplex verhandelt wurde, bei dem es um NS-Verbrechen ging, die an einem Ort verübt worden waren, der sich zum Verfahrenszeitpunkt im kommunistischen Ostblock befand, liegt dieser Arbeit die Annahme zugrunde, dass man östlich des Eisernen Vorhangs auch politisches Interesse an dem westdeutschen Verfahren fand. Hinzu kommt, dass zahlreiche Opfer der im früheren Konzentration- und Vernichtungslager Auschwitz begangenen Verbrechen aus Osteuropa stammten, und mit Friedrich Karl Kaul (1906-1981) zudem ein ostdeutscher Anwalt auf der Bank der Nebenklagevertretung Platz nahm.

Neben einer Reihe von Überblickswerken1zur Thematik des NS-Verfahrens haben die Autoren Annette Rosskopf2, Annette Weinke3und Christian Dirks4bereits einige Forschungsarbeiten vorgelegt, in denen sie sich unter anderem den politischen Inhalten der Nebenklage- oder der Verteidigungsstrategien einzelner Prozessteilnehmer widmen. Bedingt durch die Beschränkung auf eine der jeweiligen Verfahrensseiten, steht eine umfassendere Einordnung und Gegenüberstellung der unterschiedlichen Positionen im größeren Zusammenhang des Systemkonflikts allerdings noch aus.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Fallanalyse steht folglich die Frage, inwiefern die ideologischen Gegensätze des Kalten Krieges und damit das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess deutlich wurden. Aufgrund seiner Komplexität kann das Gerichtsverfahren im Rahmen dieser Arbeit allerdings nur punktuell und nicht allumfassend betrachtet werden. In Hinsicht auf die zu bearbeitende Fragestellung ist das Untersuchungsfeld entsprechend weiter einzugrenzen. Während bei der Prozessvorbereitung vordergründig das Handeln der Strafverfolgungsbehörden kritisch diskutiert werden soll, wird bei der Analyse des unmittelbaren Gerichtsgeschehens vor allem das Zusammenwirken des DDR-Nebenklagevertreters Friedrich Karl Kaul und des Strafverteidigers Hans Laternser (1908-1969) berücksichtigt. Dadurch soll die vorgelegte Ausarbeitung einen Beitrag zum geschichtswissenschaftlichen Diskurs leisten.

Um zu einer möglichst aussagekräftigen Einschätzung über die etwaigen Ausdrucksformen der gegensätzlichen Positionen sowie ihrer Zielstellungen im Auschwitz-Prozess zu kommen, gilt es im ersten Teil der Arbeit, die Terminologie und den Kontext des sogenannten Kalten Krieges zu klären. Dies erscheint notwendig, da dieser den übergeordneten gesellschaftlichen Rahmen für das Verfahren bildete. In diesem Zusammenhang ist zu erörtern, welche grundlegenden und vergangenheitsbezogenen Vorstellungen sich in den beiden deutschen Staaten gegenüberstanden und wie diese das Beziehungsklima zwischen ihnen beeinflussten. Der Betrachtung werden dabei vor allem die Werke von Edgar Wolfrum5, Michael Lemke6sowie des amerikanischen Historikers Jeffrey Herf7zugrunde gelegt. Letzterer bringt damit zudem eine internationale Sichtweise in die Betrachtung ein. Im Anschluss daran steht ein Überblick über den Auschwitz-Prozess. In ihrer Gesamtheit sollen diese Schritte eine Ausgangsbasis dafür schaffen, die ideologischen Positionen in den einzelnen Phasen der Prozessvorbereitung sowie des Hauptverfahrens näher zu untersuchen.

Nach Einbeziehung und Analyse weiterer themenrelevanter Quellen- und Literaturgrundlagen, sollte es abschließend möglich sein, zu einem fundierten und aussagekräftigen Sachurteil darüber zu kommen, inwiefern die ideologischen Gegensätze des Kalten Krieges und das Verhältnis der beiden deutschen Staaten anhand des untersuchten Fallbeispiels deutlich werden.

2 Der Kalte Krieg und der Umgang mitder NS-Vergangenheit in BRD und DDR (1949-1965)

2.1 Vorbetrachtung und Kontextualisierung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Geschichte Europas und damit einhergehend die weitere Entwicklung Deutschlands zunehmend durch den tief greifenden Einfluss der beiden Supermächte USA und Sowjetunion bestimmt.8Der Konsens, welcher die einstigen Verbündeten im Kampf gegen Adolf Hitler (1889-1945) und das nationalsozialistische Deutschland verband, wurde nach dem gemeinsamen Sieg immer defizitärer und machte die eigentlichen Gegensätze zunehmend deutlicher.9Die grobe Begrifflichkeit als Zeitalter des Kalten Krieges, für die mit Ende des Zweiten Weltkrieges einsetzende Phase, wird in der Fachliteratur kritisch betrachtet. Sie beschreibt allerdings auch den besonderen Charakter der Situation, welcher die weitere Entwicklung der Beziehung zwischen Ost und West für die folgenden Jahrzehnte unterliegen sollte.10Der Potsdamer Historiker für Global- und Mentalitätsgeschichte, Bernd Stöver, definiert den Kalten Krieg als „Auseinandersetzung zwischen zwei unvereinbar erscheinenden Weltanschauungen mit jeweils konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen“.11Die Eigenschaft des Kalten Krieges bestand dabei darin, dass die Differenzen der Konkurrenten auf sämtlichen Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens ausgetragen wurden und nicht nur auf rein militärischer Basis. In gewisser Weise hob sich dieser Konflikt von tradierten Mustern klassischer Kriege ab.12

So sehr es im Kalten Krieg auch um die gegenwärtige und künftige Überlegenheit gegangen sein mag, so sehr war der Blick auf die Vergangenheit nicht ungetrübt von den entgegengesetzten Wahrnehmungen von Ost und West. Dies galt bedingt durch das Einwirken der Supermächte, wie noch weiter aufzuzeigen ist, auch für die Bundesrepublik (= BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (= DDR).13In beiden Lagern des Kalten Krieges war man allgemein bestrebt, die gewonnene Identität der eigenen Wertegemeinschaft möglichst weit von der anderen abzugrenzen.14Dabei reihten sich BRD und DDR in diese Konfliktparteien ein. Während sich die Bonner Republik als antikommunistisch verstand, galt für ihr ostdeutsches Pendant die diametral entgegengesetzte Ausrichtung als antikapitalistischer und antifaschistischer Staat. So unterschieden sich die beiden deutschen Staaten schon in ihren grundlegenden Staatsdoktrinen.15

Welche Deutungsmuster und Ansätze hatten BRD und DDR aber insbesondere für ihren jeweiligen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit? Welche Konsequenzen haben sich daraus für ihre Beziehungsgeschichte ergeben? Diese Fragen gilt es im Folgenden zu beantworten. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse dienen im Anschluss als Grundlage dafür, die vermutete Konfrontation auf diesem Gebiet exemplarisch im Frankfurter Auschwitz-Prozesses untersuchen zu können.

2.2 Die BRD und ihre Sicht auf den Osten und die NS-Vergangenheit

Etwas mehr als vier Jahre nach Ende des Krieges wurde auf dem Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen im Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet, die trotz ihrer territorialen Einschränkung den politischen Anspruch hatte, ganz Deutschland staatlich zu repräsentieren.16Als das mit dem Deutschen Reich zumindest völkerrechtlich identische Staatsgebilde trat die BRD seine Nachfolge an und machte das schwerwiegende Erbe der NS-Vergangenheit damit auch von offizieller Seite zu seiner eigenen Vergangenheit.17Den wichtigsten Anknüpfungspunkt stellte für die junge Demokratie jedoch das Ende der gescheiterten Weimarer Republik dar. Ihren grundlegenden Schwächen, die den Nationalsozialismus erst ermöglicht hatten, sollte schon im Grundgesetz vorgebeugt werden.18Wohl auch in Hinsicht auf den Kalten Krieg war es Konrad Adenauers (1876-1967) prioritäre Zielstellung gewesen, eine stabile Demokratie aufzubauen und langfristig zu etablieren.19In diesem Zusammenhang ging es ihm in seinem politischen Agieren zudem um die Sicherung eines hierzu notwendigen wirtschaftlichen Aufschwungs sowie den Vollzug der westlichen Bindung.20Dies kam der Mehrheit der Westdeutschen, die nur ungern auf die Vergangenheit zurückblickte und sich in eine doppelte Opferrolle von den für sie hauptschuldigen Nationalsozialisten und Siegermächten begab, wohl entgegen. Im Spannungsfeld des Systemkonflikts war der 1945 verlorene Weltkrieg in Teilen als Beitrag zum Kampf gegen den Kommunismus der UdSSR umgedeutet worden.21

In der Bonner Bundesrepublik bediente man sich der Geschichte als Erklärungsmuster für die Gegenwart zudem in Abgrenzung zum östlichen Nachbarn. Dieser wurde schlicht als Fortsetzung der Diktatur im anderen Gewand begriffen.22Die sozialistische Führung der DDR wurde daher mit der des NS-Staates gleichgesetzt und so zum faktisch ebenbürtigen Feindbild erklärt.23

Vor diesem Hintergrund wurden auch in der eigenen Republik die kommunistischen Opfer und deren Widerstand gegen das NS-Regime mit Skepsis betrachtet und nahezu ausgeblendet. Unter schwierigen Umständen musste Gründungskanzler Adenauer (CDU) bei der politischen Umgestaltung insgesamt auf die Akzeptanz jenes Volkes setzen, welches den Nationalsozialismus mehrheitlich mitgetragen hatte. Deshalb verlangte der Aufbau des demokratischen Systems und die damit verbundene Zukunftsperspektive insgesamt eine gewisse Kompromissbereitschaft gegenüber der Vergangenheit, die hinter die Herausforderung der Gegenwart zurücktreten musste.24

In diesem Sinne waren die Anfangsjahre der BRD durch umfangreiche Integrationsmaßnahmen geprägt, die sich zur Bewältigung der staatlichen Aufgaben, vor allem an ehemalige Staatsbedienstete richteten.25Auf der rechtlichen Ebene regelte eine Reihe von Gesetzen die gesellschaftliche Wiedereingliederung. So wurde bereits über die oberste westdeutsche Rechtsnorm, das Grundgesetz, im Artikel 131 ein entscheidender Schritt dahingehend unternommen, zumindest einen Teil der ehemaligen Beamten des Nationalsozialismus wieder in den Staatsdienst stellen zu können, die im Zuge des Entnazifizierungsprozesses zunächst ihrer Ämter enthoben worden waren.26NS-Biografien von Einzelpersonen wie Kanzleramtsstaatssekretär Hans Globke (1898-1973), die immer wieder an die Öffentlichkeit gelangten, riefen in diesem Zusammenhang dennoch wiederholt Kritik an der sachorientierten Umgangspraxis mit der Vergangenheit hervor.27Eine Folge solcher Fälle, die bis auf die Regierungsbank reichten, war eine Reihe von Rücktritten, obwohl diese zu einem Teil nur mit Druck von außen zu erklären sind.28Insgesamt hatte die in der Adenauer-Ära auf diese Weise betriebene Vergangenheitspolitik jedoch einer breiten politischen und gesellschaftlichen Einigkeit unterlegen.29

Am Ende des ersten bundesrepublikanischen Jahrzehnts stand jedoch ein Tiefschlag für Adenauers ambitioniertes Ziel des zügigen Demokratieaufbaus. Dieser Einschnitt machte die Fragilität der Republik exemplarisch deutlich. So wurde die BRD durch eine Reihe von antisemitischen Ausschreitungen und Zerstörungen um die Zeit des Jahreswechsels 1959/1960 erschüttert, die große Aufmerksamkeit erfuhren und der zuletzt erlangten Anerkennung vor der Weltöffentlichkeit schaden sollten. Gegenüber den Vereinten Nationen musste sich die BRD daher um Schadensbegrenzung bemühen.30Die Bonner Politik sah sich unter Zugzwang und reagierte mit Maßnahmen in verschiedenen Bereichen auf die Vorfälle. Gegenüber Israel betonte Adenauer beispielsweise nun die Verantwortung der Deutschen für die Shoa und sicherte trotz noch nicht offiziell bestehenden bilateralen Beziehungen auch militärische Unterstützung durch Rüstungsexporte zu.31Den entschlossenen Handlungswillen versuchte man allerdings ebenso nach innen zu demonstrieren. So sollte unter anderem durch landespolitische Bildungsreformen die jüngste Vergangenheit zukünftig stärker im Geschichtsunterricht beachtet werden.32In den politischen Debatten wurde, ganz im Zeichen des Systemkonflikts, reflexartig das ideologische Argument bemüht. So sprach sich beispielsweise CDU-Innenminister Gerhard Schröder (1910-1989) für die Notwendigkeit zu bildungspolitischen Maßnahmen aus, indem er bekräftigte, mit einem solchem Schritt auch der DDR argumentativ etwas entgegenzusetzen.33In der Allgegenwärtigkeit des Kalten Krieges vermuteten hinter den Vorfällen nicht wenige eine von der DDR-Führung initiierte Aktion.34

Unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen waren in der Zeit zwischen der Gründung der Bundesrepublik und 1957 zumindest rein zahlentechnisch die eingeleiteten Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche NS-Verbrecher rückläufig geworden.35Im Zusammenhang mit dem Auschwitz-Prozess erklärt die kanadische Historikerin Rebecca Wittmann den scheinbar schleppend wirkenden Fortgang von Ermittlungen in der Vorbereitung von NS-Verfahren zurecht mehr mit den strengen rechtsstaatlichen Vorgaben als mit dem Willen, die Vergangenheit schlicht ruhen lassen zu wollen.36Mit der Gründung der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen (= ZS) Ende 1958 geriet die juristische Verfolgung von Tatverdächtigen zudem wieder stärker ins Blickfeld der Vergangenheitsaufarbeitung. Die ZS sollte die Strafverfolgung auf eine effektivere und effizientere Basis stellen und erschien erfolgversprechend. Allerdings stand hinter der Schaffung der Einrichtung auch der gestiegene außenpolitische Druck in Verbindung mit den auslaufenden Verjährungsfristen für NS-Kapitalverbrechen.37Die Zahl der bis Ende des Jahres 1963 in der BRD wegen NS-Verbrechen Verurteilten kann auf insgesamt 5445 beziffert werden.38Der tendenzielle Bedeutungsgewinn der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen wurde zu Beginn der 1960er Jahre zudem durch ein weiteres exterritoriales Ereignis deutlich. So zog man in Jerusalem ab 1961, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, mit Adolf Eichmann (1906-1962) einen der führenden Nationalsozialisten gerichtlich zur Verantwortung.39Wie sich noch zeigen sollte, erlangte dieses Ereignis im Zuge des Kalten Krieges zudem für die innerdeutsche Auseinandersetzung auf vergangenheitspolitischem Terrain eine gewisse Bedeutung.

Rückblickend lässt sich für die Bonner Republik in dieser Phase ein insgesamt sehr vielschichtiger Umgang mit der Vergangenheit erkennen, der von einem gewissen Pragmatismus einerseits bis zu einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit andererseits reichte. Die Vergangenheit wirkte bis weit in die Gegenwart der BRD herein, wobei fortwährend auch äußere Einflüsse den Umgang mit der NS-Vergangenheit beeinflussten. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll nun beleuchtet werden, wie man in der DDR auf die NS-Vergangenheit und den westlichen Nachbarn blickte und wie sich das Beziehungsklima zwischen den beiden deutschen Staaten entwickelte.

2.3 Die DDR und ihre Sicht auf den Westen und die NS-Vergangenheit

Die Gründung der DDR auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone (= SBZ) im Oktober 1949 stellte aus Sicht der Besatzungsmacht eine notgedrungene und alternativlose Reaktion auf die Staatsbildung im Westen dar.40Anders als in Bonn, versuchte man in der DDR dabei die eigene Existenz nicht auf die Weimarer Republik zu gründen. Stattdessen griff man zumindest vorgeblich auf Zielstellungen der gescheiterten sozialistischen Revolution von 1918/1919 zurück.41In ähnlicher Weise wie die BRD bestand man jedoch auch in der DDR zunächst darauf, die staatliche Repräsentanz des gesamten deutschen Volkes zu sein.42In Ost-Berlin sah man die Ursache für Nationalsozialismus und Krieg allerdings nicht im Scheitern der Demokratie, sondern im kapitalistischem Wirtschaftssystem, gegen welches man sich richtete und was somit einen ersten Anhaltspunkt für eine allgemeine vergangenheitspolitische Unterscheidung zwischen BRD und DDR liefert.43

Ein bedeutsamer politischer Einfluss ehemaliger Nationalsozialisten auf die weitere Entwicklung der DDR wurde zwar durch ihre Führung weitgehend unterbunden, was allerdings nicht bedeutete, dass es ihn dort nicht zumindest im Ansatz auch gegeben hätte. Die einstigen Nationalsozialisten hatten sich in der DDR schlicht den neuen gesellschaftspolitischen Gegebenheiten zu fügen.44Ähnlich wie der Bundesrepublik stand auch der ostdeutschen Führungselite nach dem Krieg kein anderes Volk zur Verfügung. So urteilt Jürgen Danyel, stellvertretender Direktor des Potsdamer Zentrums für zeithistorische Forschung, zum Umgang der DDR mit einstigen Nationalsozialisten sogar, dass „die ‚Ehemaligen’, sofern sie umkehrwillig und antifaschistisch geschult waren, nicht selten für zuverlässiger als die unsicheren Kantonisten aus ihren [von innerhalb der SED stammenden] kommunistischen Reihen“ gegolten hätten.45Schon die Entnazifizierung in der Besatzungszeit unmittelbar nach Kriegsende stellte eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau des neuen Staates dar. Sie wurde neben ihrer eigentlichen Zielstellung aber gleichzeitig dazu instrumentalisiert, eine unanfechtbare kommunistische Herrschaft unter SED-Führung zu etablieren.46Die politische Zurückdrängung ging dabei weit über die einstigen Träger der NS-Herrschaft hinaus, indem man über dieses Mittel auch kritische demokratische Konkurrenten und Kritiker in den eigenen Reihen zu verfolgten versuchte.47

Mit ihrem ideologisch in den Vordergrund gestellten Antifaschismus betrieb die DDR von Beginn an eine einseitige Glorifizierung des kommunistischen Widerstands und seiner Opfer, während beispielsweise der Holocaust gewissermaßen an den erinnerungspolitischen Rand versetzt wurden.48

Eine gewisse Verdrängung bis Ablehnung der NS-Vergangenheit für die eigene Gegenwart erfolgte allerdings, indem der Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhoben wurde, mit der sich die DDR sowohl auf staatlicher als auch auch individueller Ebene weitgehend dem Verantwortungsdiskurs entzog. Ferner wälzte der SED-Staat die Haftung und Schuldigkeit für die NS-Verbrechen nahezu vollständig auf die kapitalistische Bonner Republik ab.49Sie wurde mit Blick auf Vergangenheit und Gegenwart zur ideologischen Zielscheibe, indem sie stetig als „revanchistisch, militaristisch, nach eigenen Atomwaffen [gierend], auf Krieg [abzielend] und zumindest tendenziell faschistisch“ denunziert wurde.50Schließlich, so urteilt der amerikanische Historiker Jeffrey Herf, hatte der ideologische dominierende Antifaschismus „zunehmend weniger mit der NS-Vergangenheit und dafür immer mehr mit dem Kalten Krieg zu tun“.51Dieser bot den SED-Funktionären wiederum die Grundlage für die von ihnen forcierten vergangenheitspolitischen Maßnahmen gegen die Bundesrepublik.52Insbesondere sollte diese Instrumentalisierung der Vergangenheit als Mittel der übergeordneten Zielstellung dienen, die Anerkennung der DDR durch die Weltgemeinschaft zu erreichen und sie in ein positiveres Licht zu rücken.53Diese politische Legitimation blieb dem ostdeutschen Staat in dieser Zeit durch die Hallstein-Doktrin der BRD jedoch versagt. Mit der Maxime, die Beziehungen zu Drittstaaten einzustellen, sollten sie die DDR anerkennen, hatte man in Bonn versucht, seinen Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen.54Der ostdeutsche Gegenentwurf dazu bestand ab 1955 in der sogenannten Zweistaatentheorie. Dabei ging man in der DDR gestützt von der UdSSR davon aus, dass es zwei legitime und souveräne deutsche Staaten gebe. Damit versuchte die ostdeutsche Staatsführung die Existenzberechtigung der DDR weiter zu untermauern und dennoch eine völkerrechtliche Anerkennung zu erzielen.55Zahlreiche Kampagnen und die Veröffentlichung von Publikationen sollten dazu beitragen, angebliche Kontinuitäten zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Bonner Republik in den verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Bereichen aufzuzeigen. Dadurch erhoffte man sich, die DDR indirekt aufwerten zu können.56Für die Vermutungen einiger westdeutscher Politiker, dass der SED-Staat in die Vorbereitung und Durchführung der bundesweiten antisemitischen Vorfälle Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre involviert gewesen wäre, gibt es indes keine Anhaltspunkte. Allerdings wurden diese von den ostdeutschen Akteuren aber sehr wohl als ein Anlass für weitgehende vergangenheitspolitischen Maßnahmen im Konflikt der Systeme identifiziert.57

Unter Führung von Albert Norden (1904-1982) wurde bereits im Jahr 1954 mit dem „Ausschuss für deutsche Einheit“, dessen Name zunächst einen Wunsch nach der politischen Einheit Deutschlands zu suggerieren schien, ein zuständiges Gremium für die Aktionen ins Leben gerufen.58Dieser Ausschuss war vor allem damit betraut, konkrete Maßnahmen vorzubereiten und im Anschluss daran umzusetzen. Er war dabei mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet worden, damit die Kampagnen dem Propagandazweck dienlich sein konnten. Die einzelnen Aktionen waren dabei stets mit einer konkreten Zielvorgabe untersetzt und richteten sich gegen die Bundesrepublik insgesamt, indem sie deren Repräsentanten mit angeblichen Tätigkeiten in der NS-Zeit anzugreifen versuchten und als exemplarisch für ihren Charakter darstellten.59So war bei den Anfeindungen ausschließlich die vermeintliche Rolle der jeweils Angegriffenen vor Kriegsende ausschlaggebend. Einen aufrichtigen demokratischen Sinneswandel gestand man den Beschuldigten augenscheinlich jedenfalls nicht zu.60Dagegen war man zugleich bestrebt, das eigene Führungspersonal sowie deren Vergangenheit möglichst in einem positiven Licht zu präsentieren.61Bei ihrem Vorgehen waren sich die Ostberliner Ideologen allerdings darüber im Klaren, dass zumindest ein Teil ihrer eigenen Eliten ebenso eine Angriffsfläche für den Westen bot, die es vor diesem zu verbergen galt.62

[...]


1Siehe u.a.: Pendas, Devin O.: Der Auschwitz-Prozess – Völkermord vor Gericht, München 2013.

2Rosskopf, Annette: Der Anwalt antifaschistischer Offensiven – Der DDR-Nebenklagevertreter Friedrich Karl Kaul, in: Wojak, Irmtrud (Hrsg.): „Gerichtstag halten über uns selbst...“ – Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (= Jahrbuch 2001 des Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust), Frankfurt/ Main u. New York 2001, S. 141-162.

3Weinke, Annette: Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland – Vergangenheitsbewältigung 1949-1969 oder: Eine deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte im Kalten Krieg, Paderborn 2002.

4Dirks, Christian: Selekteure als Lebensretter – Die Verteidigungsstrategie des Rechtsanwalts Dr. Hans Laternser, in: Wojak, Irmtrud (Hrsg.): „Gerichtstag halten über uns selbst ...“ – Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesse dass man in der DDR geradezuucherozessvorbereitungs gegenüber kommunistischen Opfern und Wiederstand , ritik am dass der Rechts (= Jahrbuch 2001 des Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust), Frankfurt/ Main u. New York 2001, S. 163–192.

5Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe – Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Göttingen 2001.

6Lemke, Michael: Kampagnen gegen Bonn – Die Systemkrise der DDR und die West-Propaganda der SED 1960-1963, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ) Jg. 41 (1993) H. 2, S. 153–174.

7Herf, Jeffrey: Zweierlei Erinnerung – Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998.

8Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt 1945-1991 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 18), München 2004, S. 1.

9Vgl. Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg (= Beck’sche Reihe, Bd. 2314), 4. durchgesehene Aufl., München 2012, S. 7.

10Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 4 f.

11Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg, S. 7.

12Vgl. ebd., S. 9.

13Vgl. Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland – Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur in Politik und Justiz, 2. akt. und überarb. Neuaufl., München 2007, S. 13.

14Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 2 f.

15Vgl. Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, S. 13.

16Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 19.

17Vgl. Meuschel, Sigrid: Legitimationsstrategien in der DDR und in der Bundesrepublik, in: Kleßmann, Christoph/ Misselwitz, Hans/ Wichert, Günter (Hrsg.): Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 117.

18Vgl. ebd., S. 121.

19Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 107.

20Vgl. Matthäus, Jürgen: Der Eichmann-Prozess und seine Folgen – Strafverfolgung von NS-Verbrechen und Geschichtsschreibung in Deutschland, in: Renz, Werner (Hrsg.): Interessen um Eichmann – Israelische Justiz, deutsche Strafverfolgung und alte Kameradschaften (= Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 20), Frankfurt/ Main. 2012, S. 219.

21Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 106-109.

22Vgl. Meuschel, Sigrid: Legitimationsstrategien, S. 116.

23Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 110.

24Vgl. Meuschel, Sigrid: Legitimationsstrategien, S. 115-117.

25Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 107.

26Vgl. Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik – Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996, 70f.

27Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 107.

28Vgl. Eschenhagen, Wieland/ Judt, Matthias: Der neue Fischer Weltalmanach Chronik Deutschland 1949-2014 – 65 Jahre deutsche Geschichte im Überblick, Frankfurt/ Main 2014, S. 100.

29Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 107.

30Vgl. Dubiel, Helmut: Niemand ist frei von der Geschichte – Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages, München 1999, S. 81-82.

31Vgl. Eschenhagen, Wieland/ Judt, Matthias: Chronik Deutschland, S. 99.

32Vgl. Wolfrum, Edgar: Die geglückte Demokratie – Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 180.

33Vgl. Dubiel, Helmut: Niemand ist frei von der Geschichte, S. 83.

34Vgl. Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, S. 151.

35Vgl. Matthäus, Jürgen: Der Eichmann-Prozess und seine Folgen, S. 219.

36Vgl. Wittmann, Rebecca: Beyond Justice – The Auschwitz Trial, Cambridge u. London 2005, S. 58-60.

37Vgl. Vollnhals, Clemens: „Über Ausschwitz wächst kein Gras.“ – Die Verjährungsdebatten im Deutschen Bundestag, in: Osterloh, Jörg/ Vollnhals, Clemens (Hrsg.): NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit. Besatzungszeit, frühe Bundesrepublik und DDR (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 45), Göttingen 2011, S. 376.

38Vgl. Eschenhagen, Wieland/ Judt, Matthias: Chronik Deutschland, S. 133.

39Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 111 f.

40Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 19 f.

41Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 118.

42Vgl. Lemke, Michael: Der lange Weg zum „geregelten Nebeneinander“. Die Deutschlandpolitik der DDR Mitte der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre, in: Kleßmann, Christoph/ Misselwitz, Hans/ Wichert, Günter (Hrsg.): Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 75.

43Vgl. Meuschel, Sigrid: Legitimationsstrategien, S. 125.

44Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 118.

45Danyel, Jürgen: Die beiden deutschen Staaten und ihre nationalsozialistische Vergangenheit - Elitenwechsel und Vergangenheitspolitik, in: Kleßmann, Christoph/ Misselwitz, Hans/ Wichert, Günter (Hrsg.): Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 135.

46Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 118.

47Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 56.

48Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe, S. 119 f.

49Vgl. ebd., S. 119-121.

50Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 63.

51Herf, Jeffrey: Zweierlei Erinnerung, S.196.

52Vgl. ebd., S. 216f.

53Vgl. Lemke, Michael: Kampagnen gegen Bonn, S. 160.

54Vgl. Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt, S. 29.

55Vgl. Wolle, Stefan: Zweistaatentheorie, in: Behnen, Michael (Hrsg.): Lexikon der deutschen Geschichte von 1945 bis 1990 – Ereignisse, Institutionen, Personen im geteilten Deutschland (= Lexikon der deutschen Geschichte. Zweiter Teil), Stuttgart 2002, S. 689-690.

56Vgl. Herf, Jeffrey: Zweierlei Erinnerung, S. 217.

57Vgl. Lemke, Michael: Kampagnen gegen Bonn, S. 160.

58Vgl. Herf, Jeffrey: Zweierlei Erinnerung, S. 217.

59Vgl. Lemke, Michael: Kampagnen gegen Bonn, S. 160f.

60Vgl. Herf, Jeffrey: Zweierlei Erinnerung, S. 216 f.

61Vgl. ebd., S. 218.

62Vgl. Lemke, Michael: Kampagnen gegen Bonn, S. 163.

Details

Seiten
38
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668872325
ISBN (Buch)
9783668872332
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455146
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Auschwitz-Prozess Nachkriegszeit NS-Vergangenheit Vergangenheitsbewältigung Geschichtsaufarbeitung Hoocaust Auschwitz Kalter Krieg Fritz Bauer NS-Prozess Systemkonflikt Bundesrepublik Aufarbeitung Umgang mit der NS-Vergangenheit Gerichtsverfahren Prozessgeschichte Nachkriegsgeschichte

Autor

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