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Märtyrer per definitionem. Der Prozess gegen Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aktuelles.
1.2 Vorstellung des Themas..

2 Forschungsstand und Quellenlage....

3 Hus auf dem Konzil von Konstanz.
3.1 Märtyrer..
3.2 Jan Hus und Wyclifs Einfluss auf ihn
3.3 Prozess gegen Hus....
3.4 Bericht aus der Sicht von Richental und Mladoniowitz..

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

1.1 Aktuelles

„Um die Einheit der Kirche widerherzustellen, verurteilte das Konzil von Konstanz im Juli 1415 den tschechischen Reformator Jan Hus zum Tode. Der Scheiterhaufen gebar einen mächtigen Märtyrer.“1

So fängt der Artikel von Florian Stark vom 26.06.2015 „Machtkalkül prägte den Schauprozess gegen Jan Hus“ an. Das Erscheinungsdatum in der Online – Ausgabe der Welt ist nicht zufällig gewählt worden: vor 600 Jahren fand die öffentliche Hinrichtung Hussens statt.

Die Stadt Konstanz selbst feiert das Konzilsjubiläum 2014 – 2018 mit Festivitäten und Veranstaltungen unterschiedlichster Art, was man beispielsweise in der lokalen Presse erfahren kann. Die Konstanzer Zeitung Südkurier berichtet regelmäßig über die mit dem Jubiläum verbundenen Ereignisse.2

Sucht man im Archiv der Zeitung explizit nach Jan Hus, so erhält man viele Informationen zum Suchbegriff. Auch heute, über 600 Jahre nach seiner Exekution, scheint das Interesse der Menschen an der Person, Bedeutung und Auswirkungen der Lehren Hussens nicht erloschen zu sein. So stellte man in Konstanz um den Todestag des Reformators am 6 Juli herum ein wohl durchdachtes Programm für alle Interessenten zusammen. Vom Besuch des Hus - Hauses für die Anfänger, dem Gottesdienst sowie Gedenkveranstaltungen für Fortgeschrittene, über verschiedene Ausstellungen für Kunstinteressierte, bis hin zu Stadtführungen mit einem Konzilexperten für Entdecker: das „Hus – Programm“ hatte für jeden etwas anzubieten.3

In einem weiteren Artikel des Südkuriers erfährt man über einen Vortrag des neuseeländischen Historikers und Theologen Thomas A. Fudge über das Leben des tschechischen Predigers an der Universität Konstanz.4

Schon die erste, oberflächliche Recherche zur Person Jan Hus, seiner Bedeutung als Reformator sowie zu seinem Tod auf dem Scheiterhaufen macht die Aktualität und die Wichtigkeit dieses Themas deutlich.

Die genauere Auseinandersetzung mit der Materie mit Hilfe der Quellen und Literatur soll die Frage klären, ob Jan Hus tatsächlich mit dem Begriff „Märtyrer“ bezeichnet werden sollte.

1.2 Vorstellung des Themas

Die Heiligenverehrung im Mittelalter ist ein umfang- und facettenreiches Thema, denn angesichts der langen Zeitdauer kann man sich auch ohne besonderen Vorwissen vorstellen, dass es vielen Veränderungen unterliegen sein müsste.

Wenn man sich auf einen Bereich der Heiligenverehrung insbesondere konzentrieren möchte, so stellt man fest, dass es einem unweigerlich mehrere andere Richtungen eröffnet werden.

Auf diese Weise wurde Thema dieser Arbeit eingegrenzt sowie die Vorgehensweise festgelegt.

Anhand eines Repräsentanten, des Reformators Jan Hus, wird die Frage untersucht, was einen Menschen zum Märtyrer macht.

Nach der Quellenlage und dem Forschungsstand wird das Thema erarbeitet.

Als Erstes wird die Frage nach dem Begriff des Märtyrers geklärt sowie eine grobe Übersicht über die Person Jan Hus gegeben. Als Einstieg in das Thema werden hierbei Lexika konsultiert. Auch der Einfluss von John Wyclif auf Hussens Lehre findet in dieser Arbeit Erwähnung.

Den zweiten Schwerpunkt bildet dann die genauere Auseinandersetzung mit Hussens Lehre, seinem Aufenthalt auf dem Konzil von Konstanz und seiner Hinrichtung. Diese stellt den wichtigsten Teil der Arbeit dar.

Dabei werden zwei Quellen, Richentals Chronik und Mladoniowitzs Bericht, mit einander verglichen und ausgewertet. Das Augenmerk liegt auf den Unterschieden in der Beschreibung dieser beiden Augenzeugen.

Zusätzlich geht es um die Rolle König Sigmunds bei dem Konzil selbst sowohl im Prozess gegen Hus. Anschließend folgen die Zusammenfassung und die Analyse der Ergebnisse sowie die Klärung der Leitfrage.

Da die Vorgeschichte des Konstanzer Konzils, Hussens detaillierter Werdegang, die allgemeine Situation der damaligen Zeit und die Folgen des Prozesses den vorgeschriebenen Rahmen einer Seminararbeit erheblich überschreiten würden, werden diese nur kurz für den historischen Kontext erwähnt.

Die Erwartung an die Arbeit bzw. an die Ergebnisse der Quellen- und Literatureinsicht liegt hauptsächlich darin, dass die gestellte Frage ausreichend und zufriedenstellend beantwortet werden kann.

2. Forschungsstand und Quellenlage

Eine sehr umfangreiche Darstellung der Quellen und Literatur über Jan Hus, Hussismus sowieso hussitischer Revolution und der Kriege findet man bei František Šmahel „Die hussitische Revolution“ in den Bändern I und III, wobei man im dritten Band eine über 180 seitige Auflistung der Veröffentlichung zum Thema findet. Schon daraus kann man herleiten, dass Historiker im Laufe der Zeit sich ausgiebig mit Jan Hus auseinandergesetzt haben.

Band I liefert Informationen zum Verlauf der der Forschungsgeschichte (betitelt als „Hussismus aus der Sicht der Historiker“) in sechs Kapiteln, u.a. zur Entwicklung im 19.Jhd, der hussitischen Bewegung in der internationalen Historiographie sowie zu den Forschungsproblemen der gegenwärtigen tschechischen Hussitologie.5

Dazu äußert sich der Verfasser selbst, in dem er darauf hinweist, dass es „angesichts des begrenzten Raumes […] unmöglich [ist], die speziellen Probleme in den einzelnen Teilbereichen der aktuellen, interdisziplinär ausgerichteten Forschung in extenso aufzuzeigen.“6

Der Quellenwert der Annalen und Chroniken der hussitischen Zeit bzw. die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der damaligen Chronisten ist mit Vorsicht zu betrachten. Dies gilt für alle historischen Dokumente. Denn, auch wenn eine Quelle bis heute erhalten geblieben ist, hängt es immer von dem Aufzeichnenden ab, wie (auf welche Weise, aus welchem Grund, aus welchem Standpunkt, im oder ohne Auftrag usw.) er die überlieferte Quelle verfasst hat.7

Eine der relevanten Quellen über Jan Hus ist die „Relatio de Magistro Johannes Hus“ von Peter Mladoniowitz (ca.1390 – 1451), der Hussens Schüler und Freund war. Er begleitete Hus auf seiner Reise nach Konstanz, war während des Prozesses gegen den Magister dabei und war Zeuge seiner Hinrichtung.8 Der Bericht Mladoniowitzs ist in Form eines Tagebuchs verfasst worden und wirkt durch die darin enthaltenen „Briefe, Proklamationen und Äußerungen“ glaubwürdig.9

Als zweites Beispiel ist die Chronik des Konstanzer Bürgers Ulrich Richentals (ca. 1360 – 1437) zu nennen. Er verfasste die Chronik des gesamten Konzils von Konstanz 1414 – 1418. Richental erlebte die Hinrichtung Hussens mit und dokumentierte den Ablauf in seinen Aufzeichnungen. Das Besondere sind die Schilderungen des Alltagslebens in Konstanz zur Zeit des Konzils. Ulrich Richentals Chronik enthält Urkunden, Bilder, Dokumente und Wappen, was diese zu einem wertvollen historischen Dokument macht.10

Erwähnenswert ist der hussitische Chronist Laurentius von Březová (1370 – 1437), der selbst der bei dem Prozess bzw. der Hinrichtung nicht persönlich anwesend war. Der Wert seiner Aufzeichnungen besteht jedoch darin, dass er systematisch vorging. „Für seine Hussitenchronik trug er über Jahre hinweg eine Dokumentation zusammen, erkundigte sich bei unmittelbaren Teilnehmern der Ereignisse, […], und durch eine Erklärung der Ursachen und Zusammenhänge bemühte er sich, einen Gesamtüberblick zu liefern.“11

Einer der Begründer der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war František Palacký (1789 – 1876). Durch seine Arbeit beeinflusste er nachfolgende Generationen von Historikern, u.a. durch die Sammlung tschechischer Annalen „Alte böhmische Annalen vom Jahre 1378 bis 1527“.12 Das wichtigste Werk Palackýs über Jan Hus entstand 1869. Er trägt den Titel „Documenta Mag. Joannis Hus“ und beinhaltet zusätzlich zu den Briefen Hussens die Aufzeichnungen zu den Konstanzer Prozessen sowie über die religiösen Auseinandersetzungen in Böhmen 1403 - 1418.13

Als weitere wichtigen Arbeiten zum Thema Hus sind zwei Bücher zu vermerken. Zum einen ist es das Buch „Zur Geschichte des Hussismus“ von Friedrich Bezold (1848 – 1928), das „den sozialpolitischen Inhalt des hussitischen Programms behandelt und damit erstmals die Interpretation des Hussismus neben dem religiösen und nationalen um dessen drittes Element erweitert.“14

Das andere Buch mit dem Titel „Hus und Wyclif“ von 1884 wurde von Johann Loserth (1846 – 1936) verfasst, und zeigt die Parallelen in den Texten von Hus und Wyclif.15

Nicht unerwähnt sollte auch der katholische Historiker Paul de Vooght bleiben. Der belgische Benediktiner kommt zum Schluss, dass Hus deshalb sterben musste, „weil er sich geweigert hätte, sich von den `Häresien` zu distanzieren, die ihm die voreingenommenen Zeugen und Richter zu Unrecht angelastet hätten.“16

Daraus ergibt sich unweigerlich die Frage, ob Magister Hus von der Kirche rehabilitiert werden könnte und der Vorwurf der Ketzerei fallengelassen werden könnte.17 Die Frage ist immer noch aktuell, denn 1999 Papst Johannes Paul II auf der Konferenz in Vatikan sein Bedauern bezüglich Hussens Hinrichtung aus, rehabilitiert wurde der böhmische Reformator jedoch nicht.18

Von Hus selbst sind zahlreiche Schriften erhalten. Die Auflistung findet sich bspw. in „Jan Hus – Zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen“, herausgegeben von Ferdinand Seibt. Dort sind Schriften in tschechischer und lateinische Sprache, Briefe, theologische Erläuterungen aus seiner Lehrtätigkeit an der Universität, Predigten und vieles mehr aufgeführt. Auch eine Liste der vor und in Konstanz entstandenen Schriften ist dort vorhanden.19

Über die Forschung zu Hussens Lehre und seinen literarischen Tätigkeiten äußert sich zusammenfassend Jiři Keřj. Man habe bisher überwiegend die ethischen Grundsätze, die politische und theologische Doktrin, die Auseinandersetzung mit dem herrschenden System der Kirche […] bevorzugt, während seine rechtstheoretischen Forderungen und seine Würdigung der Rechtspraktik vernachlässigt worden seien.20

3. Hus auf dem Konzil von Konstanz

3.1 Märtyrer

Das Lexikon der Theologie und Kirche bietet zur Begriffserklärung als Erstes Informationen über die Entstehungsgeschichte der Wortes Märtyrer. Demnach suchte man in Folge der Christenverfolgung nach einem passenden Begriff, „um knapp in positiver Sinndeutung extrem Verfolgte zu bezeichnen.“21

Zuerst (um 140) gab es einen Unterschied zwischen denen, die wegen des christlichen Glaubens gelitten haben und auf deren Tod man zurückblickte, und denen, die bedrängt wurden, ohne gelitten zu haben.22

Das Wort, das wir in unserem heutigen Sprachgebrauch kennen, nimmt seinen Ursprung im altgriechischen Wort für Zeuge und bezeichnet dabei einen „des Glaubens wegen hingerichtete[n] Christ[en]“.23

Ausschlaggebend dabei ist, dass „der Tod des Glaubens wegen in höchster Weise das Wort des chr. Bekenntnisses im Bereich des Tuns unterstreicht u. selbst wieder bekennenden Wortcharakter hat, wobei die Standhaftigkeit des Jüngers Christi sehr wohl auf Gottes Wirken zurückgeführt wird.“24

Aus systematisch- theologischer Sicht betrachtet geht es im Martyrium auch um die Hoffnung. Denn die Märtyrer „sind auch in Situationen der Resignation vor der Unausweichlichkeit der Gewalt Zeugen der Hoffnung, daß Gewalt auch in der Gesch. nicht das letzte Wort hat. Das Mtm. als Tod in der Annahme des Todes Christi ist das höchste Zeichen der Liebe, die sich angesichts des unbegreifl., machtvollen Neins der Menschen zu der sich offenbarenden Liebe Gottes restlos in die Verfügung Gottes übereignet. So ist die Liebe das Kriterium gegenüber allen Formen des Mtm.“25

Zentral dabei ist also die Standhaftigkeit im Tun. Durch das Handeln soll das christliche Glaubensbekenntnis gezeigt und gelebt werden.

3.2 Jan Hus und Wyclifs Einfluss auf ihn

Der tschechische Reformator wurde um 1370 in Husinec in Südböhmen geboren.26 Anderen Angaben nach wird sein Geburtsdatum auf 1371/72 geschätzt; die Feststellung des genauen Datums ist mangels Quellen unmöglich.27

1393 erwarb er den Bakkalar – Titel in den Freien Künsten und drei Jahre später den Magister in diesem Fach. 1400/01 wurde er Priester und nach einem Jahr predigte er in der Bethlehemskapelle in Prag. Im Jahr darauf bekam er den Grad des Bakkalar in Theologie.28 Das bedeutet, dass er eine Zeitlang sowohl Magister als auch Student gewesen ist. In dieser Zeit, also noch vor 1400, lernte er die Schriften des englischen Theologen John Wyclif kennen.29 Für eine Vorlesung fertigte Hus „eine Abschrift mehrerer lateinischer Traktate [von John Wyclif] “, die heute in Stockholm zur Einsicht zur Verfügung steht.30

Das Jahr 1398 markiert also den Zeitpunkt, in dem Hus sich mit Wyclifs Lehre des philosophischen Realismus erstmalig auseinandersetzte. Bemerkenswert aus der historischen Forschungsperspektive sind die handschriftlichen Notizen Hussens, die er zu der Abschrift der Traktate machte.31

[...]


1 www.welt.de/geschichte/article143105305/Machtkalkuel-praegte-den-Schauprozess-gegen-Jan-Hus.html (abgerufen am 10.02.2017)

2 www.suedkurier.de/archiv/konzil (abgerufen am 16.02.2017)

3 www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Erinnerung-an-einen-Maertyrer-So-gedenkt-Konstanz-Jan-Hus;art372448,7947529 (abgerufen am 16.02.2017)

4 www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Warum-Jan-Hus-heute-noch-bedeutend-ist;art372448,7562960 (abgerufen am 16.02.2017)

5 Šmahel, František, Die hussitische Revolution, Bd. I, Hannover 2002, Inhaltsverzeichnis.

6 Ebd., S. 84.

7 Vgl. ebd., S. 1.

8 Vgl. ebd.

9 Ebd.

10 Buck, Martin Thomas (Hrsg.) Ulrich von Richentals Chronik des Konstanzer Konzils. Ostfildern 2011.

11 Šmahel, S. 5.

12 Vgl. ebd., S.12.

13 Vgl. ebd., S.13.

14 Ebd., S.41.

15 Vgl. ebd.

16 Ebd., S.45.

17 Krzenck, Thomas. Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Zürich 2011, S.199.

18 Vgl.ebd, S. 198,200. Dazu auch bei Brummer, Arnd. Jan Hus. Warum ein frommer Katholik auf dem Scheiterhaufen endete. Berlin 2015, S. 151, 160.

19 Seibt, Ferdinand (Hrsg). Jan Hus – Zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen. München1997, S.419 – 425.

20 Ebd. Keřj, Jiři. Johannes Hus als Rechtsdenker. S. 225.

21 Scheuer, Manfred. Artikel “Martyrer, Martyrium“, in: LThK 6 (1997), Sp. 1436.

22 Vgl.ebd.

23 Ebd., Sp. 1436.

24 Ebd.

25 Ebd., Sp. 1442.

26 Eberhard, Winfried, Artikel “Hus,Hussiten” in: LThK 5 (1996), Sp. 340.

27 Krzenek, Thomas. Johannes Hus.Theologie, Kirchenreformer, Märtyrer. Zürich 2011, S. 201.

28 Ebd.

29 Vgl. ebd., S.39.

30 Ebd.

31 Vgl. ebd., S.40.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668871915
ISBN (Buch)
9783668871922
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455081
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Historisches Institut der RWTH Aachen
Note
3,0
Schlagworte
märtyrer prozess konzil konstanz

Autor

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