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Selbsterfüllende Prophezeiung im Schulwesen. Der Zusammenhang von Erwartungen, Leistungen und Bewertungen

Hausarbeit 2018 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. SELBSTERFÜLLENDEPROPHEZEIUNG
2.1 ERKLÄRUNG VON LEISTUNGSUNTERSCHIEDEN NACH DER HATTIE-STUDIE .
2.2 SELBSTERFÜLLENDE PROPHEZEIUNG IM SCHULWESEN
2.2.1 NEGATIVE EFFEKTE
2.2.2 POSITIVE EFFEKTE
2.3 SENSIBILISIERUNG
2.4 NUTZEN DES EFFEKTES

III. SCHLUSSTEIL

IV. LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNG 1: LOTZ, MIRIAM; LIPOWSKY, FRANK (2015): DIE HATTIE-STUDIE UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DEN UNTERRICHT. EIN BLICK AUF AUSGEWÄHLTE ASPEKTE DER LEHRER-SCHÜLER- INTERAKTION. IN: GERLINDE MEHLHORN, KAROLA SCHÖPPE UND FRANK SCHULZ (HG.): BEGABUNGEN ENTWICKELN & KREATIVITÄT FÖRDERN. MÜNCHEN: KOPAED (KREAPLUS, BAND 8), S. 101

ABBILDUNG 2: LOTZ, MIRIAM; LIPOWSKY, FRANK (2015): DIE HATTIE-STUDIE UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DEN UNTERRICHT. EIN BLICK AUF AUSGEWÄHLTE ASPEKTE DER LEHRER-SCHÜLER- INTERAKTION. IN: GERLINDE MEHLHORN, KAROLA SCHÖPPE UND FRANK SCHULZ (HG.): BEGABUNGEN ENTWICKELN & KREATIVITÄT FÖRDERN. MÜNCHEN: KOPAED (KREAPLUS, BAND 8), S. 103

ABBILDUNG 3: STATISTA (HG.) (2012): SOZIALE ZUSAMMENSETZUNG DER STUDIERENDEN IN DEUTSCHLAND NACH BILDUNGSHERKUNFT VON 1985 BIS 2012. ONLINE VERFÜGBAR UNTER HTTPS://DE.STATISTA.COM/STATISTIK/DATEN/STUDIE/155540/UMFRAGE/SOZIALE-HERKUNFT-DER- STUDIERENDEN-IN-DEUTSCHLAND-SEIT-1982/, ZULETZT AKTUALISIERT AM 03.09.2018

ABBILDUNG 4: BERLINER INSTITUT FÜR EMPIRISCHE INTEGRATIONS- UND MIGRATIONSFORSCHUNG (2017): VIELFALT IM KLASSENZIMMER. WIE LEHRKRÄFTE GUTE LEISTUNG FÖRDERN KÖNNEN. BERLIN.S.26

ABBILDUNG 5: BERLINER INSTITUT FÜR EMPIRISCHE INTEGRATIONS- UND MIGRATIONSFORSCHUNG (2017): VIELFALT IM KLASSENZIMMER. WIE LEHRKRÄFTE GUTE LEISTUNG FÖRDERN KÖNNEN. BERLIN.S.40.

EINLEITUNG

Der Bildungserfolg von Schülern im Schulwesen ist abhängig von vielen unterschiedlichen Merkmalen. Durch die PISA-Studien und die IGLU-Studien, welche langjährlich die Schulleis- tungen von Kindern untersuchten, konnten wesentliche Faktoren erkannt werden, die auf die Leistung in der Schule Einfluss haben. Soziale Einflussfaktoren sind zum Beispiel die soziale Herkunft, der Migrationshintergrund und das Geschlecht (Dombrowski und Solga 2009). Ebenfalls wirkt der Lehrplan, die Lehrperson, die Art der Schule und der Unterricht sich auf den Lernerfolg des einzelnen Schülers aus (Lotz und Lipowsky 2015).

Das Modell der self-fulfilling prophecy, welches von Robert Merton 1948 ausgearbeitet wurde, wurde empirisch von ihm benutzt, um Vorurteile und die damit entstehenden Zuschreibungen des Handelns zusammenhängend zu untersuchen. Ein Beispiel ist das Vorurteil, dass Afro- amerikaner Streikbrecher sind und somit nicht in die Gewerkschaft eintreten dürfen. Die Kon- sequenz ist das sie deshalb Streikbrecher wurden, weil sie sich nicht organisieren konnten. Mitunter die Zuschreibung von unerwünschten Eigenschaften aufgrund von Vorurteilen kann dazu führen, dass genau diese negativen Eigenschaften angenommen werden (Neckel et al. 2010).

Die Annahme in Bezug auf die Leistung in der Schule ist, dass Kinder mit sozial schlechten Merkmalen, wie ein armes Elternhaus oder mit Migrationshintergrund, durch Vorurteile und geringere Erwartungen beeinflusst werden. Der zentrale Aspekt dieser Arbeit soll jedoch die Selbsterfüllende Prophezeiung von Robert King Merton im Zusammenhang des Lernerfolges sein. Hierfür wird die selbsterfüllende Prophezeiung zuerst in ihren Grundlagen analysiert. Da- raufhin folgen unterschiedlichste Studien, Literatur und Experimente, welche sich mit den un- terbewussten Ursachen für die Leistungsunterschiede von Schülern beschäftigen.

Neben dem Vorstellen von Beispielen für positive und negative Aspekte erfolgt ein Kapitel, welche sich damit beschäftigt, wie das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung be- wusst genutzt werden kann.

Zum Schluss folgt eine Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und ein Ausblick für zukünftige Handlungsstrategien für bessere Leistungen.

II. SELBSTERFÜLLENDEPROPHEZEIUNG

Die Logik der selbsterfüllenden Prophezeiung von Merton beruht auf der theoretischen Logik des „Thomas Theorems“ von dem US-amerikanischen Soziologen W.I. Thomas. "If men define situations as real, they are real in their consequences." (Mackert und Steinbicker 2013, S. 28). Die Annahme ist, dass wenn Menschen eine Situation fälschlicherweise für real halten, dann handeln diese nach ihrem subjektiven realen Empfinden heraus. Daraus entstehen wiederum reale Konsequenzen für die Person selbst oder für andere Personen.

Ein bekanntes Beispiel ist das Ende von Romeo und Julia. Aufgrund seiner subjektiven fal- schen Annahme, dass Julia tot sei, begeht er Selbstmord und führt eine reale Konsequenz herbei. Sprich wenn Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Konsequen- zen real (Neckel et al. 2010).

Als weiteres Beispiel für eine selbsterfüllende Prophezeiung gilt die fiktive Insolvenz der „Last National Bank“, die, ähnlich wie die reale irische Bank Northern Rock, durch falsche Gerüchte insolvent ging. Das falsche Gerücht die „Last National Bank“ steht kurz vor der Insolvenz, ver- anlasste die Kunden ihre Konten aufzulösen um ihr Geld nicht zu verlieren. Aufgrund der Hand- lung der besorgten Kunden heraus ging die Bank letztendlich wirklich bankrott (Neckel et al.2010).

Diese sozialen Mechanismen und Funktionsweisen erklärt Merton wie folgt: "Die self-fulfilling prophecy ist eine zu Beginn falsche Definition der Situation, die ein neues Verhalten hervorruft, das die ursprünglich falsche Sichtweise richtig werden lässt." (Neckel et al. 2010, S. 91). Ebenfalls besteht die selbsterfüllende Prophezeiung in Bezug auf Vorurteile durch stereotype Zuschreibung von Merkmalen auf einzelne Individuen. In Mertons Forschung untersuchte er das Vorurteil das alle Afroamerikaner Streikbrecher sein. In Bezug auf die Schule könnte ein Vorurteil sich auf Kinder mit Migrationshintergrund und schlechteren Leistungen in der Schule beziehen. Auch der Fakt, dass unzutreffende schlechte Eigenschaften einer Außengruppe zu- geschrieben werden und diese Erwartungen sich mit der Zeit bewahrheiten können, können im Schulwesen von Interesse sein. Zuletzt das Phänomen, dass Außengruppen negative Merkmale unterstellt werden, welche bei der Eigengruppe positiv besetzt sind. Als Beispiel Geiz gegen Sparsamkeit und im Kontext der Schule Neugierigkeit gegen Unkonzentriertheit (Neckel et al. 2010).

Alle genannten Beispiele für Mechanismen haben Einfluss auf die Alltagswelt. Besonders in der Schule gibt es zahlreiche Erwartungen von Eltern, Lehrern und den Schülern selbst. Diese können einen positiven oder negativen Einfluss auf die Leistungen der Schüler haben. Unter- sucht werden soll, wie stark diese Einflüsse sind und wie die selbsterfüllende Prophezeiung einen positiven Effekt auf die Entwicklung von Kindern haben kann.

2.1 ERKLÄRUNG VONLEISTUNGSUNTERSCHIEDEN NACH DERHATTIE-STUDIE

Bevor die Effekte der selbsterfüllenden Prophezeiung im Schulwesen analysiert werden, wird untersucht ob und wie stark diese Effekte Einfluss auf die Bildung der einzelnen Schüler ha- ben.

Das Buch „Visible Learning for Teachers – Maximizing impact on learning“ von John Hattie aus dem Jahr 2012 untersuchte 800 englischsprachige Meta-Analysen zu dem Thema Lern- erfolg (Hattie 2012). Das Produkt dieser quantitativen Analyse ist eine Rangliste, welche 138 Merkmale und deren einzelnen Einflussstärke auf den Schulerfolg bewertet.

Schulleistungen sind multikausal bedingt durch individuelle Merkmale wie der Intelligenz, dem Vorwissen oder der Motivation. Ebenso nehmen außerschulische Förderungen, das Eltern- haus und unterrichtliche Faktoren Einfluss auf die Leistungen. Die sogenannte Hattie-Studie befasste sich mit der Frage, wie stark diese Einflüsse sind und ob bestimmten Merkmalen ein zu großer oder auch geringer Einfluss beigemessen wird.

Von besonderer Bedeutung für die Untersuchung der selbsterfüllenden Prophezeiung auf die Schulleistung sind die Erkenntnisse des Einflusses von den Lehrkräften sowie die Selbstein- schätzung des eigenen Leistungsniveaus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 1: EINFLUSS.PNG (LOTZ UND LIPOWSKY 2015)

Die Merkmale der individuellen Schüler machen mit ungefähr 50% den stärksten Effekt auf die unterschiedlichen Schulleistungen aus, wie zum Beispiel der Intelligenz oder das Vorwissen. Gleich nach den Schülern selbst kommt als zweitstärkster Einfluss die Lehrperson und der jeweilige Unterricht mit bis zu 30%. Somit ist es ausschlaggebender in welche Klasse ein Schüler geht, als in welche Schule er geht (Lotz und Lipowsky 2015).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 2: STÄRKE.PNG (LOTZ UND LIPOWSKY 2015, S. 103)

Auffällig bei der zweiten Abbildung, welche die Merkmale mit den stärksten Effekten zeigt, ist, dass die Merkmale mit sehr starken Effekten ausschließlich in den Bereichen Lernende, Unterricht und Lehrperson zu finden sind. Erst in der Kategorie mit den deutlichen Effekten kommen Einflussfaktoren wie das Elternhaus, das häusliche Anregungsniveau und der sozioökonomische Status der Eltern (Lotz und Lipowsky 2015).

2.2 SELBSTERFÜLLENDE PROPHEZEIUNG IM SCHULWESEN

Relevant für die Untersuchung der selbsterfüllenden Prophezeiung sind die Bereiche Lernenden, Lehrpersonen und somit auch der Unterricht und das Elternhaus. Insgesamt sind die Erwartungen von der Familie, von den Lehrpersonen, von den Peers, aus den Medien und von ihnen selbst essentiell. Die vielen unterschiedlichen Erwartungen beeinflussen den am stärksten wirkenden Einflussfaktor der HattieStudie, die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus (siehe Abbildung 2).

Die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus meint das Wissen über die bisherigen Leistungen und ihrer Erfolgschancen und dem daraus resultierenden Selbstbild. Jedoch kann diese Selbsteinschätzung einen negativen Effekt bei den Schülern haben, die sich und ihre Leistungen zu niedrig einstufen. Somit könnte es eine selbsterfüllende Prophezeiung mit sich bringen (Meraner 2013).

Wenn zum Beispiel ein Kind mit einer sozial schwachen Herkunft durch sein Äußeres Umfeld, wie den Medien mit Statistiken zu den Aufstiegschancen und der niedrigen Erwartungshaltung von Eltern sowie von Lehrern, oft negative Bildungschancen und Schulleistungen zugeschrieben wird, wird sich das Kind dem irgendwann anpassen. Durch das entstandene negative Selbstbild verliert das Kind die Motivation sich mehr anzustrengen und wird durch seine dadurch schlechteren Leistungen in seiner Annahme bestätigt. Bei Kindern mit einem gesundem Selbstbild wird eine schlechte Note als Erfahrung verbucht und sich vorgenommen nächstes Mal mehr zu lernen.

Selbst wenn bei dem Kind mit sozial schwacher Herkunft eine gute Note oder Leistung erbracht wurde, wird dies als Glück oder zu einfach eingestuft, damit sich das aufgebaute Selbstbild als bestätigt sieht.

Ebenfalls die These der Eigengruppe und Außengruppe, welche der Eigengruppe positive und der Außengruppe negative Eigenschaften bei derselben Verhaltensweise zuschreibt, kann im Schulwesen von Relevanz sein. Als Beispiel wird ein Kind mit Durchsetzungsvermögen als stur und ein anderes als hartnäckig angesehen. Bedauerlicherweise liegt keine Studie oder Statistik über die soziale Herkunft von Lehrkräften vor. Da davon ausgegangen werden kann, dass Lehrer zuvor studiert haben müssen, kann jedoch eine Statistik von Studierenden und der sozialen Herkunft analysiert werden. In der dritten Abbildung sind die Studierenden prozentual nach ihrer Bildungsherkunft aufgeführt. Die Einteilung erfolgt nach den höchsten beruflichen Abschlüssen der Eltern. Die Ausprägung „Niedrig“ bedeutet das höchstens ein Elternteil einen nichtakademischen Berufsabschluss hat. „Mittel“ meint das beide Eltern einen nichtakademischen Berufsabschluss haben. „Gehoben“ heißt, dass ein Elternteil ein akademischen Abschluss hat und „Hoch“ das beide Eltern einen akademischen Abschluss haben (statista 2012).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 3: SOZIALE ZUSAMMENSETZUNG DER STUDIERENDEN IN DEUTSCHLAND NACH BILDUNGSHERKUNFT (STATISTA 2012)

Auffällig in der Entwicklung der letzten 27 Jahre ist, dass sich der Verlauf von „Hoch“ und „Niedrig“ annähernd spiegelt. Am Anfang der Entwicklung gab es mit 29% noch viele Studenten bei denen nur ein Elternteil einen nichtakademischen Berufsabschluss hatten. 2012 hingegen waren es nur noch 9%. Andersrum die Entwicklung von Studenten bei denen beide Eltern einen akademischen Abschluss hatten. 1985 waren dies gerade mal 8% und 2012 bereits 22%.

Bei den geringen 9% der Studenten aus bildungsfernen Hintergrund kann angenommen wer-den, dass ebenfalls ein geringer Anteil der Lehrkräfte solch einen Hintergrund haben. Somit kann vermutet werden, dass die Erwartung und Bewertung von Lehrern aufgrund der Theorie der Eigen- und Außengruppe bei sozial schwachen Schülern unterbewusst schlechter ausfällt. Bei einer Studie über die soziale Ungleichheit in der Schule konnte ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Einschätzung der Wichtigkeit der sozialen Herkunft der Schüler und der eigenen sozialen Herkunft der Lehrer festgestellt werden. Bei Bundesländern mit bin-dender Übertritts Empfehlung zum Gymnasium oder der Realschule wurde von Lehrern mit höherem sozialen Status die Noten an die Übergangsempfehlung angepasst, schwache Leistungen wurden auf mangelnde Anstrengung geschoben und die soziale Herkunft wurde als wichtig für den Schulerfolg bewertet. Bei so einer Bewertung der Lehrkräfte kann es potenziell zur einer Stabilisierung von sozialer Disparitäten beitragen (Baerriswyl et al. 2011).

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Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668878839
ISBN (Buch)
9783668878846
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455062
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Soziologie und Demographie
Note
1,7
Schlagworte
Selbsterfüllende Prophezeiung Schule Theorie

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