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Eine kritische Untersuchung des "Twin Earth" - Gedankenexperiments Hilary Putnams

Essay 2018 13 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II.1 Are Meanings in the Head? – Die Annahmen der Verifikationstheorie der Bedeutung

II.2 Are Meanings in the Head? – Putnams Alternative: Zwillingserde und Externalismus

III Kritik und wissenschaftliche Bedenken gegen das Zwillingserde-Gedankenexperiment

IV Kritik an Putnams Externalismus

V Fazit

Literaturverzeichnis

I Einleitung

Hilary Putnams bedeutender Beitrag zur modernen Philosophie ist unanfechtbar. Zusammen mit Saul Kripke konzipierte er eine kritische Gegenposition zu den bis dahin dominierenden deskriptionalen Bedeutungstheorien, die beispielsweise von Frege und Russel vertreten wurden. Ebenso entsprang aus den Schriften beider Philosophen die einflussreiche Vorstellung von Essenzen und natürlichen Artbegriffen (‚natural kinds‘) als Entitäten, die sich im Laufe der wissenschaftlichen Durchbrüche, Entwicklungen und Revolutionen hinweg nicht verändern. Sowohl die Stimmen, die sich für, als auch die Stimmen, die sich gegen die Thesen Putnams äußerten, erwiesen sich oft als fruchtbare Beiträge im Rahmen der philosophischen Debatte. Der Aufsatz „Meaning and Reference“1 zählt wohl zu den am häufigsten diskutierten Texten Putnams.

In diesem werden, unter anderem, zwei bisher unangefochtene Annahmen überprüft, welche von den Vertretern der Verifikationstheorie der Bedeutung2 akzeptiert werden. Im Folgenden werden Putnams Argumente, die im Text „Meaning and Reference“ gebracht werden, kritisch untersucht. Insbesondere wird in diesem Essay ein Fokus auf das „Zwillingserde“-Gedankenexperiment gelegt. Zunächst wird der Inhalt und die Argumentationsstruktur des Gedankenexperiments dargestellt, woraufhin dieses kritisch untersucht und analysiert wird. Dazu werden zusätzlich die Ausarbeitungen von Thomas Kuhn3, Albert Newen4 und Christian Straßer5 herangezogen. Nachdem die Kritikpunkte zu Putnams Zwillingserden-Beispiel formuliert wurden, werden die Ergebnisse rekapitulierend in einem Fazit zusammengefasst, so dass die Frage, ob das „Zwillingserden“-Gedankenexperiment Putnams in seiner Anwendung in philosophischen Debatten noch Gültigkeit besitzt, am Ende des vorliegenden Essays beantwortet wird.

II.1 Are Meanings in the Head? – Die Annahmen der Verifikationstheorie der Bedeutung

Zuallererst betrachten wir die beiden Thesen, die Putnam auf ihre Richtigkeit prüft:

1. Um die Bedeutung eines Ausdrucks zu kennen ist es hinreichend, sich in einem bestimmten psychologischen Zustand zu befinden.

2. Die Bedeutung eines Ausdrucks determiniert die Extension (in dem Sinn, dass aus der gleichen Intension A die gleiche Extension A folgt)6

Aus (1) und (2) folgt:

3. Ein bestimmter psychologischer Zustand ist hinreichend, um die Extension eines Ausdrucks zu determinieren.

Laut Putnam ist es nicht der Fall, dass diese Prämissen hinreichend dafür sind, Bedeutungen zu determinieren, so dass eine alternative Bedeutungstheorie formuliert werden muss:

I shall argue that these two assumptions are not jointly satisfied by any notion, let alone any notion of meaning. The traditional concept of meaning is a concept which rests on a false theory.7

Um die oben genannten Thesen zu widerlegen und somit zu legitimieren, eine eigene, alternative Bedeutungstheorie aufzustellen, muss Putnam also zeigen, dass die Konklusion aus (1) und (2) falsch ist. Wenn die Konklusion falsch ist, aber die Folgerung aus den Prämissen korrekt ist, muss mindestens eine der beiden Prämissen (1) oder (2) falsch sein, also: ¬ (3) à ¬ (1) ∨ ¬ (2)

Um dies zu beweisen konzipiert Putnam das fiktive Gedankenexperiment der „Zwillingserde“, welches im Folgendem erläutert wird.

II.2 Are Meanings in the Head? – Putnams Alternative: Zwillingserde und Externalismus

Es sei folgende Situation gegeben: Irgendwo im Universum gäbe es einen Planeten, der unserer Erde augenscheinlich in allen Belangen exakt gleicht und auf dieser zweiten Erde, oder auch Zwillingserde („Zwerde“), gibt es auch für jeden Bewohner der Erde einen „Doppelgänger“, der dem „Original“ der Erde in allen Aspekten gleicht. Die Bewohner der Zwerde sprechen ebenfalls die gleiche Sprache wie die Bewohner der Erde8, wobei sich die Erdensprache und die Zwerdensprache nur durch kleine dialektartige Unterschiede differenzieren. Einer dieser Unterschiede ist, dass die Flüssigkeit namens „Wasser“ auf der Zwerde, anders als auf der Erde, nicht auf die chemische Flüssigkeit „H2O“, sondern auf eine andere chemische Flüssigkeit, mit komplizierter chemischen Formel, die mit XYZ abgekürzt werden soll, referiert.

Es sei ebenfalls der Fall, dass die physikalischen und chemischen Eigenschaften von „XYZ“ und „H2O“ gleich und nicht voneinander unterscheidbar seien. Ebenso ist es der Fall, dass der Regen, das Meer, die Seen und alle anderen Vorkommnisse von „Wasser“ auf der Zwerde9 in Wahrheit „XYZ“ seien und nicht „H2O“. Das heißt, auf makroskopischer Ebene gleicht das Zwasser der Zwerde dem Wasser der Erde in allen Eigenschaften und Augenscheinlichkeiten, obwohl es auf mikroskopischer Ebene ungleich ist, da die chemische Verbindung der jeweiligen Flüssigkeiten unterschiedlich ist. Angenommen, es lande nun ein Raumschiff der Erde auf der Zwerde. Zunächst würden die angekommenen Raumfahrer glauben, dass „Wasser“ auf der Zwerde die gleiche Bedeutung hat wie auf der Erde. Erst nachdem die Raumfahrer die Flüssigkeit auf der Zwerde untersuchen, würden sie ihren Fehler korrigieren und ihren Vorgesetzten melden:

Auf der Zwerde meinen die Bewohner mit dem Wort

„Wasser“ (die Flüssigkeit mit der chemischen Struktur) XYZ.“

Analog dazu würde eine ähnliche Entdeckung eines Raumfahrtschiffs der Zwerde, das auf der Erde landete und die Flüssigkeit, die wir Wasser nennen, untersuchte, lauten:

„Auf der Erde meinen die Bewohner mit dem Wort

„Wasser“ (die Flüssigkeit mit der chemischen Struktur) H2O.“

Aufgrund der modernen Analysemöglichkeiten besteht in dem bisher dargelegten Beispiel Putnams kein Problem mit der Extension, da das Wort „Wasser“ salopp formuliert zwei Bedeutungen hat. Während auf der Zwerde mit „Wasser“ auf XYZ referiert wird und das H2O der Erde, in den Augen der Zwerde-Bewohner, kein Wasser ist, ist auf der Erde mit „Wasser“ H2O gemeint und das XYZ der Zwerde ist, in den Augen der Erde-Bewohner, kein Wasser. Die Menge der Dinge, auf die der Ausdruck „Wasser“ zutrifft (Extension von „Wasser“), ist auf der Erde und der Zwerde eine jeweils unterschiedlich definierte.

Reist man jedoch nun, im Rahmen des Gedankenexperiments, zurück ins Jahr 1750, bevor die Wissenschaft weit genug war, um die chemische Beschaffenheit einer Flüssigkeit zu bestimmen, entsteht folgendes Problem: Angenommen, Person P, von der Erde und Person P‘, von der Zwerde, sind identische „Doppelgänger“ voneinander und sich in keinem Aspekt verschieden. Beide Personen sprechen deutsch und keiner der beiden hat einen mentalen Zustand über „Wasser“, den der andere nicht hat. Die Intension des Begriffs „Wasser“ ist also sowohl für P als auch P‘ identisch.

Nun sei es der Fall, dass beide im Jahr 1750 zeitgleich, P auf der Erde und P‘ auf der Zwerde, den Satz äußern: „ Heute regnet es Wasser vom Himmel.

Person P referiert, wenn auch ohne das nötige Wissen, auf H2O, während P‘, ebenfalls unbewusst, auf XYZ referiert. Obwohl Person P und P‘ über den gleichen intensionalen Gehalt bei der Äußerung des obigen Satzes verfügen und somit im gleichen psychologischen Zustand während des Äußerungsakts sind, unterscheiden sich die Extensionen.

Geäußert auf der Erde referiert P mit „Wasser“ auf die Flüssigkeit mit der chemischen Strukturformel „H2O“, aber geäußert auf der Zwerde referiert P‘ mit „Wasser“ auf die Flüssigkeit mit der chemischen Strukturformel „XYZ“. Putnam formuliert auf Basis dieser Erkenntnis folgendes Zwischenfazit:

[P and P‘]10, understood the term 'water' differently in 1750 although they were in the same psychological state, […]. Thus the extension of the term 'water' (and, in fact, its "meaning" in the intuitive preanalytical usage of that term) is not a function of the psychological state of the speaker by itself.11

Mithilfe dieser Auslegung des Gedankenexperiments gelingt es Putnam, die Annahmen der Verifikationstheorie der Bedeutung zu widerlegen und zu beweisen, dass mentale, intensionale Zustände nicht die Extension eines Ausdrucks bestimmen (¬ (3) à ¬ (1) ∨ ¬ (2) = 1).12

Eine der zentralen Thesen Putnams ist es also, dass Bedeutungen nicht im Kopf sind. Das heißt, dass weder die Intension, der Begriff, den jemand von einer Sache hat, noch der psychologische oder mentale Zustand, oder die Synapsenkonstellation, die Bedeutung bestimmen, beziehungsweise zum Bestimmen dieser nicht hinreichend sind.13

Stattdessen formuliert Putnam die soziolinguistische These der sprachlichen Arbeitsteilung, welche besagt, dass nicht das Individuum, der Einzelsprecher, die Extension von Ausdrücken festlegt, sondern in der Gesellschaft ausgewählte Experten dafür verantwortlich sind.

Die „normalen“ Einzelsprecher sind mit der Sprachverwendung eines Ausdrucks nur begrenzt vertraut und benutzen sogenannte „Stereotypen“, Verkürzungen der Bedeutungen, wie beispielsweise „große Katze“ für den Begriff „Tiger“. Die Experten determinieren die Extension, während ein Stereotyp die Wissenslücken der Laien füllt. Damit sind laut Putnam auch die fehlerhaften Annahmen (1) und (2) zu erklären:

It is easy to see how this phenomenon accounts for some of the examples given above of the failure of the assumptions (1 and 2). When a term is subject to the division of linguistic labor, the "average" speaker who acquires it does not acquire anything that fixes its extension. In particular, his individual psychological state certainly does not fix its extension; it is only the sociolinguistic state of the collective linguistic body to which the speaker belongs that fixes the extension.14

[...]


1 Putnam, Hilary: Meaning and Reference. In: The Journal of Philosophy 70 (1973), Nr. 19, S.699-711

2 Im Text wird explizit auf Carnap referiert (S.700)

3 Read, Rupert, Sharrock, Wes: Thomas Kuhn´s misunderstood relation to Kripke-Putnam essentialism. In: Journal for General Philosophy of Science 33 (2002), S. 151-158

4 Newen, Albert: Analytische Philosophie. Zur Einführung. Junius 2007, S. 175-179

5 Straßer, Christian: Das Problem der Referenz und Bedeutung in der Philosophie Hilary Putnams. 2006, online zu finden unter: https://www.academia.edu/430898/Das_Problem_der_Referenz_und_der_Bedeutung_in_der_Philosophie_Hilary_Putnams

6 Oft, wenn Putnam auf den traditionellen Bedeutungsbegriff referiert, meint er die Intension (vgl. Straßer: S. 20)

7 Putnam: S. 700

8 Im Originaltext ist die Beispielsprache Englisch,- in diesem Essay werden alle Beispiele auf die deutsche Sprache angewandt.

9 Um Verwirrungen für den Leser zu verhindern, wird von nun an der Begriff „Zwasser“ verwendet, um auf die Flüssigkeit auf der Zwerde zu referieren, die augenscheinlich „Wasser“ (im Sinne von H2O) zu sein scheint, aber in Wahrheit XYZ ist.

10 Im Originaltext gab Putnam den beiden Personen P und P‘ die Namen Oskar1 und Oskar2.

11 Putnam: S. 702

12 Putnam liefert in seinem Text noch zwei weitere Beispiele, um seine Argumentation zu bestärken, die aber im Rahmen dieses Essays nicht behandelt werden, da sie auch auf das gleiche Ergebnis hinauszielen.

13 Vgl. Straßer: S. 21

14 Putnam: S. 706

Details

Seiten
13
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668882119
ISBN (Buch)
9783668882126
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454824
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Institut für Philosophie II
Note
1,3
Schlagworte
Hilary Putnam Essentialismus Twin Earth Zwillingserde Externalismus

Autor

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