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Unterrichtsentwurf zu Freiheit aus philosophischer Perspektive (11. Klasse Philosophie)

Unterrichtsentwurf 2018 11 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Tabellarischer Unterrichtsentwurf Seite

2. Lerngruppenbeschreibung, Lehrkraft, materielle Voraussetzungen Seite

3. Sachanalyse Seite

4. Didaktische Überlegungen Seite

5. Methodische Überlegungen Seite

6. Literaturverzeichnis Seite

Tabellarischer Unterrichtsentwurf

Unterrichtseinheit: Wie frei sind wir?

Thema der Stunde: Ist das Befolgen von Sitten und Bräuchen eine Einschränkung der persönlichen Freiheit?

11. Klasse gymnasiale Oberstufe, E2: Freiheit als Voraussetzung für verantwortliches Handeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

Lerngruppenbeschreibung, Lehrkraft, materielle Voraussetzungen

Die Klasse:

Der fiktive Oberstufen-Philosophiekurs der Klasse 11e des fiktiven FD1-Gymnasiums besteht auch 19 SuS, davon 9 Jungen und 10 Mädchen. Die Klasse hat einmal pro Woche eine Doppelstunde Philosophie bei Frau M. Die SuS befinden sich überwiegend im 17. Lebensjahr, einige sind bereits 18, zwei Mädchen erst 16. Obwohl die fiktive XY-Schule bereits in der Sekundarstufe I großen Wert auf den philosophischen Anteil im Schulalltag legt, betreten die SuS die Klassenstufe 12 mit ungleichen Vorkenntnissen und Grundvoraussetzungen. Zum einen gibt es Schüler X, der aus Indonesien kommt, und Schüler Y, der aus Israel kommt. Diese sind erst seit kurzer Zeit in Deutschland und besuchen daher verschiedene Sprachförderprogramme. Beide haben neben dem Verständnis der umfangreicheren deutschsprachigen philosophischen Texte meist auch die Schwierigkeit des Verstehens des Denkens westeuropäisch orientierter Philosophen. Obwohl sie und auch die Lehrkraft dieser besonderen Herausforderung gegenüberstehen, werden die beiden Mitglieder der Lerngruppe mit Migrationshintergrund sehr gut von der Klasse aufgenommen und mit Enthusiasmus unterstützt. Trotz dieser Heterogenität findet sich die Klassengemeinschaft in einem produktiven Unterrichtsgeschehen wieder, welches das ergebnisorientierte Durchschreiten des Lehrplans ermöglicht und eine gute Atmosphäre während der Unterrichtseinheiten gewährleistet. Zu bemerken ist, dass besonders in schriftlicher Alleinarbeit und im Arbeiten mit philosophischen Primärtexten die Stärken der Lerngruppe zu finden sind. Selbst längere, komplexere Texte werden mit Begeisterung gelesen und bearbeitet. Dem entgegen steht der fehlende mündliche Diskurs innerhalb der Lerngruppe. Die Lehrkraft versucht immer wieder, ein sich selbst weiter tragendes Unterrichtsgespräch zu entwickeln. Lediglich Schülerin X und Schüler Y beteiligen sich in diesen Gesprächen, jedoch lässt sich der Rest der Klasse nicht motivieren. Um diesem entgegenzuwirken, wird der Unterricht meist in Kleingruppen organisiert, da die SuS in diesem Umfeld, mehr als im Frontalgespräch, Anzeichen machen, sich zu bestimmten Sachverhalten zu äußern und Stellung zu beziehen.

Nachdem die Lerngruppe zuletzt und somit zum Einstieg in das neue Schuljahr eine Wiederholung zur Arbeit mit philosophischen Primärtexten am Beispiel verschiedener Autoren machte, beginnt sie nun mit dem umfangreichsten Thema des Halbjahres, welches auch Gegenstand der Klassenarbeit sein wird. Es handelt sich hierbei um das Thema Freiheit und die Freiheitsbegriffe verschiedener Philosophen. Hierzu werden die SuS zunächst John Stuart Mill, danach Jean Jacques Rousseau und abschließend Isaiah Berlin lesen. Ebenfalls sollen die SuS während dieser Unterrichtseineinheit ihr Verständnis für die Freiheit, vor allem im alltäglichen Leben, erweitern und ihren Freiheitsbegriff ausdehnen oder gegebenenfalls korrigieren.

Die Lehrkraft:

Frau M. Ist seit 2 Jahren am FD1-1 Gymnasium tätig, zu welchem sie direkt nach ihrem Referendariat wechselte. Sie genießt in der Lerngruppe überwiegend großen Zuspruch. Die Versuche, innerhalb der Unterrichtsstunden ein Gespräch zu entwickeln, stößt jedoch bei einigen SuS auf Unmut, was jedoch weder sie noch das Unterrichtsgeschehen aus dem Konzept bringt. Sie versucht zudem immer wieder, durch einen modernen, abwechslungsreichen und aufgeschlossenen Unterricht eine anregende Lernatmosphäre zu generieren.

Schule, Klassenraum und materielle Lernvoraussetzungen:

Das FD1-Gymnasium wird von circa 1200 SuS besucht. Der Unterricht beginnt um 7:55 und endet mit der 8. Stunde um 15:35. In der Mittagspause, welche nach der 6. Stunde stattfindet, haben die SuS die Möglichkeit, die Mensa zu besuchen. Neben WLAN, das überall frei zugänglich ist, verfügt jeder Klassenraum über eine Tafel und ein interaktives White-Board. Zudem gibt es vier Computerräume mit jeweils 20 Computern, Fachräume für Naturwissenschaften, eine Sporthalle sowie einen Außensportplatz mit einer Tartanbahn und einen Schulteich, an welchem vor allem Projekte der Biologie stattfinden können.

Der Klassenraum der 12e, in dem der Philosophieunterricht stattfindet, ist im zweiten Stockwerk des Hauptgebäudes des FD1-Gymnasiums. Er hat eine Größe von 55 qm² und fungiert als Unterrichtsraum für verschiedene Fächer. Die Stühle und Tische sind U-förmig mit jeweils Reihen in der Mitte und einem Mitteldurchgang angeordnet. Hinter dem Lehrerpult, das zentral, frontal zu der Lerngruppe steht, befinden sich eine dreiteilige Tafel sowie ein White-Board. Außerdem in der Deckenmitte ein Beamer angebracht, der die über der Tafel befindliche Leinwand bestrahlen kann. Zur linken Seite befindet sich eine große Fensterreihe, die sich öffnen lässt und somit den Raum mit Licht und frischer Luft durchflutet.

Sachanalyse

Der britische Philosoph John Stuart Mill (1806-1873) skizziert in seinem Werk „Über die Freiheit“ (1859) einen Freiheitsbegriff, welcher das ungehinderte Ausleben aller individuellen Kräfte beinhaltet. Anders als zum Beispiel der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der ungefähr hundert Jahre zuvor das Werk „Der Gesellschaftsvertrag“ schrieb und darin einen Freiheitsbegriff beschreibt, in welchem das Individuum in dem Befolgen von selbst auferlegten Gesetzen die Freiheit findet, beschreibt Mill eine freie Gesellschaft als diese, welche lediglich nur die absolut notwendigen Einschränkungen der individuellen Freiheit akzeptiert. Hierbei berufen sich die Vorstellungen Mills zumeist auf die Befreiung von Zwang oder Einschränkungen bezüglich des Verfolgens eigener Ziele und Wünsche.

Im dritten Kapitel, das den Titel „Über Individualität als eins der Elemente der Wohlfahrt“ trägt, wird deutlich, welchen Wert Mill auf das Ausleben individueller Bestrebungen legt. So ist er der Ansicht, „daß die Menschen auch die Freiheit haben sollten, nach ihrer Meinung zu handeln und sie im Leben durchzusetzen, ohne von ihren Mitmenschen durch physischen oder moralischen Zwang daran verhindert zu werden – solange es auf eigene Kosten und Gefahr geht.“2 Gerade der letzte Teil ist ein wichtiger, nicht zu vernachlässigender Zusatz der Mill`schen Freiheitsphilosophie. Zwar soll es jedem Individuum erlaubt sein, sich innerhalb einer Gesellschaft frei ausleben zu können, jedoch nur unter dem Vorbehalt, dies nicht ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen zu tun. Würden diese also durch das Ausleben ihrerseits in Bedrängnis oder Gefahr gelangen, ginge die Freiheit zu weit und man müsste diese einschränken.3 Bis zu dem Grat, wo Mitmenschen behindert oder anderweitig beeinflusst werden, ist der Individualität jedoch Freiraum zu lassen.4 Würde eine Gesellschaft diese Freiheit nicht gewährleisten, „fehlt es“, laut Mill, „an einem der hauptsächlichsten Bestandteile menschlichen Glücks, ja dem wichtigsten Bestandteil individuellen und sozialen Fortschritts.“5 Bezeichnenderweise beschreibt Mill die individuelle Freiheit hier als Grundvoraussetzungen der persönlichen Wohlfahrt. Ohne sie könnten charakterliche Vollkommenheit und damit einhergehende Züge von kultureller und sozialer Erziehung und Bildung nie in Gänze entwickelt werden.6

Der freien, individuellen Ausbildung gegenüberstehend sieht Mill Sitten und Traditionen, welche von anderen Individuen aufgestellt wurden und zum Adaptieren gedacht sind.7 Zwar beteuert Mill, dass nicht jede Lebensweise grundlegend abzulegen ist8, jedoch scheint er das „blinde“ Befolgen von Sitten und Normen in Frage zu stellen. Die Aussage „Wer etwas tut, weil es Sitte ist, wählt nicht.“9 beschreibt eben dieses unreflektierte Befolgen der gegebenen Sitten und Normen. Zur Verdeutlichung ließe sich der Satz wie folgt verändern: Wer etwas tut, nur weil es Sitte ist, wählt nicht.

Die „Lebenspläne“ anderer Menschen sind demnach nicht grundlegend verkehrt und ablehnungsbedürftig, jedoch sollte eine gewisse Sensibilität für das Entstehen, was als „selbstverständlich“ und „unveränderlich“ angenommen wird, entwickelt werden. Ob Sitten, Normen und Bräuche am Ende trotzdem angenommen werden, liegt in der Entscheidung des Individuums selbst, jedoch sollte ein Bewusstsein für die Möglichkeit des Zu- beziehungsweise Ablehnens geschaffen werden. Eben diese Selbstbestimmtheit beschreibt Mill als etwas „Wertvolles“10, was jedoch nur die wenigsten Menschen anerkennen, da diese der Situation, wie sie gegeben ist, nichts entgegenbringen.11

Didaktische Überlegungen

Die übergeordnete Intention der in diesem Unterrichtsentwurf dargestellten Stunde ist das, wie bereits in den Fachanforderungen Philosophie für allgemeinbildende Schulen dargestellte, Hinterfragen von vermeintlich Selbstverständlichem.12 Dieses vermeintlich Selbstständige ist das Verständnis der persönlichen Freiheit welche anhand des Textes von John Stuart Mill philosophisch reflektiert und werden soll. Es soll demnach im Zuge der Unterrichtsstunde im weitesten Sinne versucht werde, die SuS für die scheinbar gegebenen Umstände ihrer Umwelt zu sensibilisieren und diese in Frage zu stellen. Dies wird unter anderem zur Nachdenklichkeit anregen, aber auch zu selbstbestimmterem Handeln anleiten.13 Wie in den Fachanforderungen des Faches Philosophie gefordert, spielen die SuS, beziehungsweise die aus dem Alltag in die Schule getragenen Verständnisse von Freiheit die ausschlaggebende Rolle in dieser Unterrichtsstunde. Durch das Hinterfragen des im Alltag für selbstverständlich Gehaltenem entsteht die Problematisierung welche „in produktiver Nutzung der kognitiven Dissonanz ein untersuchendes – forschendes, kontrovers abwägendes, reflektierend-problemlösendes Lernen“14 und Handeln ermöglicht und eine eventuell neue Ausrichtung des Blickwinkels auf die Welt zur Folge haben wird.

[...]


1 Kolleg Philosophie. Unterrichtswerk für die Sekundarstufe II, hrsg. von Monika Sänger, Bamberg 2016, S. 70.

2 Mill John Stuart, Über die Freiheit. Stuttgart 1974, S. 77.

3 Ebd. S. 77.

4 Ebd. S. 78.

5 Ebd. S. 78.

6 Mill John Stuart, Über die Freiheit. Stuttgart 1974, S. 78.

7 Ebd. S. 78.

8 Ebd. S. 80.

9 Ebd. S. 81.

10 Ebd. S. 79.

11 Ebd. S. 79.

12 Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein: Fachanforderungen Philosophie Allgemein bildende Schulen. Sekundarsftuge I. Sekundarstufe II. Kiel, 2016, S. 51.

13 Ebd. S. 51.

14 Ebd. S. 51.

Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668877412
ISBN (Buch)
9783668877429
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454658
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Didaktik Philosphie Unterricht Freiheit Lehrer Schule

Autor

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Titel: Unterrichtsentwurf zu Freiheit aus philosophischer Perspektive (11. Klasse Philosophie)