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Die Techniken des Selbst im Selbstoptimierungszwang. Der Einsatz von Self-Tracking-Praktiken im Zuge der beschleunigten Moderne

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Bedeutung von Zeit im Zuge der beschleunigten Moderne

3. Flexibilisierung und Beschleunigung in der Spätmoderne
3.1 Sozialität mit Objekten
3.2 Das unternehmerische Selbst als aktiver Gestalter des Selbst

4. Körperoptimierung als Folge von Optimierungsprozessen
4.1 Techniken des Selbstmanagements
4.2 Self-Tracking im Sport

4. Fazit

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Immer schneller, besser und effektiver scheint das Motto der heutigen Zeit zu sein. Ein Hamsterrad das sich ständig dreht und aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Die zur Verfügung stehende Zeit soll so effizient wie möglich genutzt werden um „aus seinem Dasein das Maximum herauszuholen“ - keine Zeit soll verschwendet werden (Zeit Online 20131 ). Zur Zielerreichung wird mit Hilfe technischer Gadgets nachgeholfen. Die „Quantified Self- Bewegung“ – hat sich zur Aufgabe gemacht ein besserer Mensch zu sein. Damit das auch gelingt wird das eigene Körpervermessen mit Kleingeräten und Smartphone-Apps oder Wearables2 zum Hobbie gemacht und bestimmt den Tagesrhythmus (vgl. Duttweiler/ Gugutzer 2015). Denn der Selbstoptimierer weiß, dass ihm die Gegenwart vielfältige Möglichkeiten bietet um das Leben zu genießen und nichts zu verpassen. Ausgelöst wurde dieser Trend mit dem Aufkommen technischer Errungenschaften auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Das menschliche Streben nach Perfektion mit der Verbindung digitaler Technologien hat es ermöglicht Selbsterkenntnis durch Zahlen zu gewinnen. Jedoch muss gesagt werden, dass der Drang des Menschen die eigenen Fortschritte zu dokumentieren und sich zu rationalisieren, bereits vor der digitalen Revolution stattgefunden hat. Unlängst dokumentierte der Begründer des Scientific Managements Frederick W. Taylor - Anfang des 20. Jahrhunderts - jeden Arbeitsschritt der Fabrikarbeiter und führte genaue Zeit- und Arbeitsstudien der Menschen durch. Das Ziel seiner Arbeit bestand darin, den „one best way“ - hinsichtlich der Bewegungsabfolge der Arbeiter – zu ermitteln und die menschliche Tätigkeit zu rationalisieren (Minssen 2006: 26). Mit der Anwendung der Leitprinzipien des Taylorismus auf den Menschen und der Modellannahme des „homo oeconomicus“ unterlag der Mensch der Zeit und ebenso mechanischer und ökonomischer Prinzipien (vgl. Minssen 2016/ Bröckling 2007).

Ausgehend von der Frage, welche Rolle die Technik im Zuge der Selbstoptimierung des Menschen spielt, wird auf die Nutzung von technischen Gadgets3 eingegangen und näher beleuchtet. Die nachfolgender Frage soll innerhalb dieser Hausarbeit geklärt werden: Führt die Nutzung technischer Gerätschaften, wie Wearables zu einem größeren Optimierungsdruck des Individuums?

Um diese Arbeit zu präzisieren wird in den nachfolgenden Kapitel auf die Veränderung und die Bedeutung der Zeit eingegangen und unter Bezugnahme auf Karin Knorr Cetinas Theorie der synthetischen Situation ein Bezug zur technologischen Entwicklung genommen (Kapitel 1). Des Weiteren wird der Versuch unternommen, einen Zusammenhang zwischen dem technologischen Fortschritt und der Flexibilisierung des Menschen darzustellen (Kapitel 2). Unter Zuhilfenahme des Konzepts des unternehmerischen Selbst, wird in Kapitel 3 auf die Folgen des Optimierungsprozesses näher eingegangen und eine Verbindung zur Körperoptimierung hergestellt. Daran anschließend wird die Körperoptimierung anhand von Self-Tracking-Prozessen beleuchtet und dessen Auswirkungen aufgezeigt (Kapitel 4). Die Reflexion der Ergebnisse wird schließlich im Fazit erläutert.

Bezüglich der Literaturlage von sozio-technischen Systemen wird auf die Werke von Karin Knorr Cetinas, Stefanie Duttweiler und Robert Gugutzer eingegangen und rezensiert. Knorr Cetina stellt in ihrem Werk über synthetische Situationen Behauptungen über mögliche globale soziale Formen auf und erklärt diese am Beispiel des Finanzmarktes. Sie postuliert, dass die Interaktionsordnung sich verändert hat und körperliche Begegnungen in physischen Umgebungen an Bedeutung verlieren. Denn ein „erheblicher und wachsender Teil des täglichen Lebens […] findet nicht in der physischen Kopräsenz anderer, sondern in virtuellen Räumen statt“ (Knorr Cetina 2012: 84). Sie prägt den Begriff von skopischen Medien, welcher stellvertretend für technische Applikationen, wie Wearables, Apps und Smartphones dient. Des Weiteren wird in der vorliegenden Arbeit größtenteils Bezug auf die im Seminar behandelte Literatur genommen und rezensiert.

2. Die Bedeutung von Zeit im Zuge der beschleunigten Moderne

Um zu verstehen welche Mechanismen den Selbstoptimierungsdrang ausgelöst haben, wird zunächst auf die wirtschaftshistorische Entwicklung der Zeit näher eingegangen. Seit Anbeginn des Kapitalismus findet eine fortwährende Beschleunigung statt, ausgelöst durch sozio-ökonomische und technologische Bedingungen und Veränderungen innerhalb der Gesellschaft (vgl. Aubert 2009). Mit Aufkommen des industriellen Zeitalters hat der Faktor Zeit an Bedeutung gewonnen und die Arbeitsabläufe und -leistungen konnten von nun an gemessen werden. Maschinen diktieren den Takt und bestimmen den Arbeitstag der Arbeiter in den Fabriken. Die Arbeitszeit rückt vermehrt in den Fokus der Arbeit und orientiert sich an der Maschine oder dem Laufband. Die Industriearbeiter haben sich zu Abhängigen der Zeit entwickelt (vgl. Aubert 2009). Der Mensch ist damit zu einem austauschbaren Objekt denunziert und gleichzeitig konditioniert worden (vgl. Marx 1957). Marx schreibt im Jahre 1957 dazu: „In der Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeuges, in der Fabrik dient er der Maschine“ (Marx 1957: 262). Um maximale Profite erzielen zu können, muss die zur Verfügung stehende Zeit maximal ausgenutzt werden - laut der Devise „Zeit ist Geld“, die bis heute nachklingt (vgl. Aubert 2009). Erich Fromm schreibt ergänzend im Jahr 1964 über die Industriegesellschaft, dass „die bürokratisch-industrielle Zivilisation […] einen neuen Menschentyp geschaffen hat, den man als den Organisationsmenschen, den Automatenmenschen und den homo consumens bezeichnen kann“ (Fromm 1964: 55). Er ist ein „homo mechanicus“, der sich von allem mechanischen angezogen fühlt und die mechanischen Prinzipien auf den Menschen angewendet werden. Jahrzehnte später postuliert Bruno Latour und Knorr Cetina, dass sich die Beziehung zur Technik und den Objekten geändert hat. Objekte sind bereits handelnde Akteure und zwischen Mensch und Maschine (Computer, Smartphone, Weareables) besteht eine (Post)Sozialität (vgl. Knorr Cetina 2012).

Die vielfältigen Möglichkeiten der IKT4 führen zu einer neuen Beziehung der Zeit. Das Gefühl allgegenwärtig zu sein, zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten zu sein und somit das Gefühl zu haben sich die Zeit anzueignen und zu besitzen, führt zur Bereicherung und Einengung des individuellen Lebens zugleich (vgl. Aubert 2009). Auswirkungen für das Individuum liegen darin – nicht nur im beruflichen Umfeld sondern auch im privaten – das alles eine gewisse Dringlichkeit hat, augenblicklich umgesetzt und unmittelbar erfolgen soll. Durch die Herrschaft der Dringlichkeit entsteht folglich ein Zeitzwang und Zeitdruck (vgl. Aubert 2009). Paradoxerweise wird das strukturell erzeugte Zeitdefizit in den Bereich der Eigenverantwortung der Individuen verlagert (Schreiber et al. 2015: 32). Das Konzept des unternehmerischen Selbst in Kapitel 3.2. geht bezüglich dieser Thematik noch detaillierter ein.

3. Flexibilisierung und Beschleunigung in der Spätmoderne

Rückblickend ermöglicht der Kapitalismus die Objektualisierung des Menschen durch marktökonomische Rationalität und den enormen Anstieg nach Gebrauchsgüter wie dem Automobil (vgl. Marx 1957). Das stetige Wachstum führt bis zum Postindustriellen Kapitalismus dazu, dass die Kapitalisten nicht nur die Maschinen beherrschen, sondern auch das technische Wissen und die Kommunikation (Sennett 1998: 9). Die zahlreichen Umbrüche in den 90er Jahren, haben sich im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung die Produktions-, Wertschöpfungs- und Kommunikationsformen immer rascher verändert, und der nationale und internationale Wettbewerb hat sich kontinuierlich verschärft. Mit Folgen für das Unternehmen, Produktionsweisen, Arbeitsformen und Lebenswelten von Individuen (Schreiber et al. 2015: 28).

Sennett beschreibt die heutige Staatsform als flexiblen Kapitalismus, „von den Arbeitnehmern wird verlangt, sich flexibler zu verhalten, offen für kurzfristige Veränderungen zu sein, ständig Risiken einzugehen und weniger abhängig von Regeln und förmlichen Prozeduren zu werden“ (Sennett 1998: 10). Die Merkmale des neuen Kapitalismus zeichnen sich durch einen globalen Markt und den Gebrauch neuen Technologien aus (Sennett 1998: 24). Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind darüber hinaus ein wichtiger Bestandteil der heutigen Weltgesellschaft (vgl. Knorr Cetina 2012/ Erlinghagen 2004). Die Arbeit selbst und ihre Bedingungen haben sich verändert. Begriffe wie Beruf kommen dem Verständnis vor bis zu zehn Jahren nicht mehr nach. Denn Beruf wird heutzutage als Entwurf des Selbstkonzepts und als Befriedigung persönlicher Bedürfnisse verstanden. Die Sicherheit einer Anstellung in ein und demselben Unternehmen ist nicht mehr gegeben, die Arbeitsverhältnisse sind flexibel und projekthaft geworden. Die Ökonomie ist auf Kurzfristigkeit ausgelegt, langfristige Ziele werden kaum verfolgt. Laut der Devise „Maximaler Gewinn innerhalb kürzester Zeit“, gehen Ökonomen davon aus, dass der Markt ewigem Wachstum unterliegt (vgl. Bröckling 2002). Mit den veränderten Arbeitsanforderungen und -bedingungen lassen sich Unternehmen leichter Umstrukturierungen und Auflösen, gänzlich „ihre Lebensdauer verkürzen“ (Sennett 1998: 27). Diese Maßnahme kann als Folge einer internationalen Wettbewerbssituation angesehen werden, innerhalb einer dynamisch fortschreitenden Weltgesellschaft (vgl. Knorr Cetina 2012). Die Zielsetzungen wirtschaftlichen Handelns liegen darin, eine Steigerung der Produktivität und Effizienz durch entgrenzte Arbeit zu erreichen (vgl. Voss/Pongratz 2003). Die Eigenheiten des Finanzmarktes spielen in diesem Zusammenhang eine besonders wichtige Rolle. Augenblickliche Zeittransaktionen und der Wunsch nach höheren Renditen führen zu Veränderungen im Trading Verhalten der Anleger. Langfristig angelegte Aktien erfordern Geduld, die auf einem instabilen und sich stetig wandelnden Finanzmarkt kaum noch aufgebracht wird. Die Kommunikation erfolgt augenblicklich, alles wird dringlich und soll unmittelbar ausgeführt werden (vgl. Aubert 2009). Durch die Globalisierung und das Funktionieren der Wirtschaft und der Finanzmärkte in Echtzeit hat die Beschleunigung ihren Höhepunkt erreicht. Der Durchbruch neuer Kommunikationstechnologien und der Zusammenhang des Finanzkapitalismus haben die Zeit zu leben somit verändert (vgl. Aubert 2009).

3.1 Sozialität mit Objekten

Durch die Einbettung von Informations-und Kommunikationstechnologien in alle Lebensbereiche, verändert sich auch die Kommunikation innerhalb sozialer Systeme. Karin Knorr Cetina postuliert, dass „durch skopische Medien soziale Situationen in synthetische Situationen transformiert und Face-to-Face Beziehungen durch Face-to-Screen Beziehungen ersetzt werden“ (Knorr Cetina 2012: 90). Dabei beschreibt sie skopische Medien als Beobachtungs- und Projektionstechnologien, die distanzierte Ereignisse, Phänomene und Handlungen in sensorisch wahrnehmbarer Weise in Situationen projizieren. Damit werden Situationen informativ, interaktiv und potentiell auch epistemisch erweitert (vgl. Knorr Cetina). Daher lassen sich Skope als Globalisierungsmedien begreifen, weil sie echtzeitliche Situationen weltweiter Erreichbarkeit und Beobachtbarkeit konfigurieren und verstetigen, wie sie es am Beispiel des Devisenmarktes erläutert. Eine Reihe von Interaktionsmöglichkeiten entsteht, die durch technische Gegebenheiten besonders die soziale Situation und soziale Beziehungen prägen (vgl. Knorr Cetina 2012). Des Weiteren postuliert Knorr Cetina, dass die Sozialität sich im Zuge der Digitalisierung transformiert hat in eine Postsozialität.

[...]


1 http://www.zeit.de/2013/33/selbstoptimierung-leistungssteigerung-apps/komplettansicht

2 Wearables sind tragbare Computer die der Datenverarbeitung von Körperdaten dienen

4 IKT bedeuten Informations- und Kommunikationstechnologien

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668862098
ISBN (Buch)
9783668862104
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454244
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
Selbstvermessung Self-Tracking Selbstmanagement Körperoptimierung Optimierungsprozess Sport beschleunigte Moderne Mensch-Maschine-Interaktion Posthumanismus Flexibilisierung Beschleunigung Sozialität mit Objekten Zeit
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Titel: Die Techniken des Selbst im Selbstoptimierungszwang. Der Einsatz von Self-Tracking-Praktiken im Zuge der beschleunigten Moderne