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Alternative Streetwork? Modelle der Straßensozialarbeit zwischen Komm- und Geh-Struktur anhand der "Api-Homezone" in Stuttgart

Seminararbeit 2018 21 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Alternative Streetwork? - Grundlagen der Straßensozialarbeit
2.1 Definition
2.2 Wurzeln der aufsuchenden Jugendarbeit
2.3 Geh-Struktur
2.4 Methodenbegriff der Straßensozialarbeit

3. Das Projekt: Api-Homezone Stuttgart
3.1 Träger
3.2 Vision und Ziele der Api-Homezone
3.3 Entwicklung der Api-Homezone
3.4 Aufgaben der Api Homezone

4. Klassische Offene Kinder- und Jugendarbeit
4.1 Komm-Struktur
4.2 Handlungsfeld Offene Kinder- und Jugendarbeit
4.3. Untersuchung der Komm-Struktur in der Api-Homezone

5. Modelle der Straßensozialarbeit
5.1 Streetwork in der Api-Homezone
5.1.1 Geh-Struktur in der Api-Homezone
5.1.2 Unterschiede zu konventioneller Straßensozialarbeit
5.2 Weitere Modelle der Straßensozialarbeit
5.2.1 Verschiedene Ansätze zwischen Komm- und Geh-Struktur
5.2.2 Klassische Straßensozialarbeit
5.3 Vergleich der Komm und Geh-Struktur

6. Bewertung und Reflexion der Ergebnisse

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll Streetwork als Methode der Sozialen Arbeit mit den Ansätzen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Verbindung gebracht werden, um aufzuzeigen, dass Straßensozialarbeit nicht nur ein klar definiertes Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit ist, sondern ein flexibel veränderbarer Ansatz der Lebensweltorientierung. Als dieser ist er sowohl in Offener Kinder- und Jugendarbeit als auch in anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit einsetzbar. Bedeutend ist dabei die Frage, ob reine Komm-Strukturen noch zeitgemäß sind oder ob sich Soziale Arbeit grundlegend an herausreichenden Strukturen bedienen sollte. Aus diesem Grund werden im Folgenden verschiedene Ansätze und Deutungen der Straßensozialarbeit vorgestellt und am Beispiel der Api-Homezone, einem freien sozialen Projekt in Stuttgart, verdeutlicht. Das Ziel ist dabei, die Vielfalt der Möglichkeiten von Streetwork aufzuzeigen.

Dabei ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Fokus, weshalb nicht ausführlich auf andere Felder der Straßensozialarbeit eingegangen wird. Um einen besseren Eindruck der Arbeit in der Api-Homezone zu bekommen, wurde die Einrichtung im Vorfeld besucht und hospitiert. Eindrücke und Gespräche nahmen in diesem Rahmen einen Einfluss auf den Verlauf der Arbeit.

Zu Beginn wird in die Grundlagen der Straßensozialarbeit eingeführt, woraufhin das Projekt der Api-Homezone vorgestellt wird. Zum besseren Verständnis der KommStruktur wird auch ein Einblick in das Handlungsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit gegeben. Im Anschluss daran befindet sich der Schwerpunkt der Arbeit auf der Analyse verschiedener Modelle der Streetwork. Zu guter Letzt soll ein Vergleich der Komm- und Geh-Struktur stattfinden. Dieser wird in Bezug auf die Fragestellung in einer schließenden Reflexion bewertet.

2. Alternative Streetwork? - Grundlagen der Straßensozialarbeit

2.1 Definition

„Streetwork bezeichnet eine methodische Vorgehensweise innerhalb verschiedener Praxisfelder der Jugend- und Sozialarbeit. Streetwork ist eine Kontaktform im Sinne aufsuchender Arbeit. Streetworker arbeiten nicht nur in den Räumen einer Institution, sondern begeben sich (auch) in das unmittelbare Lebensumfeld ihrer Zielgruppe, indem sie deren informelle Treffpunkte aufsuchen“1.

Daraus wird ersichtlich, dass Streetwork als der Bereich der aufsuchenden Arbeit begriffen werden kann, welcher sich ganz bewusst auf die Arbeit auf der Straße konzentriert. Nach einer langen Diskussion, ob Streetwork eine Methode oder ein Arbeitsfeld Sozialer Arbeit sei, ist mittlerweile der Begriff Streetwork gefestigt als eine „Form Aufsuchender Sozialer Arbeit im öffentlichen Raum“2, die sich speziell an Menschen mit besonderen Problemen und Herausforderungen wendet und diese an ihren Treffpunkten aufsucht.3 Klassische Streetwork begrenzt sich nicht auf bestimmte Altersgruppen, aber auf jene die eine problematische Lebenssituation haben und dadurch fast ausschließlich auf der Straße anzutreffen sind. Aufsuchende und mobile Jugendarbeit ist dahingegen vorwiegend an junge Menschen gerichtet und im Allgemeinen auch für präventive Arbeit mit Jugendlichen aller Milieus geeignet.4 Es besteht dennoch eine gewisse Vermischung der Begriffe der Streetwork, aufsuchender und mobiler Jugendarbeit. Sie alle haben den Ansatz der Geh-Struktur gemeinsam, welcher im Folgenden noch näher erläutert wird.

2.2 Wurzeln der aufsuchenden Jugendarbeit

Die aufsuchende Jugendarbeit wurde erst in den 80er Jahren in Deutschland verbreitet. Ursprünglich diente diese Art von Sozialarbeit dazu, Klienten aus Problemgruppen an Beratungsstellen zu verweisen. Der Fokus lag auf Problemen mit Drogen, Prostitution, Wohnungslosigkeit oder auch die Ausgrenzung von Jugendlichen, die am Rande der Gesellschaft standen.5 Das große Wachstum der Streetworkerbewegung wurde von der Ausbreitung von Aids ausgelöst. Um dagegen anzugehen, wurden Aufklärungsprogramme unter Drogenabhängigen und unter Prostituierten initiiert.6

Es gab von Beginn an auch Straßensozialarbeit, die an Kinder gerichtet wurde, die von zu Hause wegliefen oder aus anderen Gründen auf der Straße lebten.7 Heute handelt aufsuchende Jugendarbeit vor allem von der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die zwar ein Zuhause haben, aber sich jeden Tag auf der Straße aufhalten und diese als ihren Lebensraum in Beschlag nehmen.

2.3 Geh-Struktur

Die Geh-Struktur eröffnet einen Hilfezugang für alle Menschen, da die Hürde, Hilfe zu empfangen und darauf zuzugehen deutlich gesenkt wird. Man kann diese Methode als lebensweltorientiert und niederschwellig bezeichnen. Da Klienten oft schlechte Erfahrungen mit Hilfeeinrichtungen machten, wird durch die Geh-Struktur zuerst der Beziehungs- und Vertrauensaufbau fokussiert. Unter diesen Bedingungen wird ein neuer Zugang zu den Klienten geschaffen, welcher diesen die Annahme und den Empfang von Hilfe ermöglichen soll. Dazu wird oft viel Zeit benötigt, um Schritt für Schritt im Tempo des Klienten voranzukommen.8

2.4 Methodenbegriff der Straßensozialarbeit

Durch eine Methode wird ein Problem professionell bearbeitet. Anhand von Zielen und der konkreten Planung, wie diese erreicht werden können, entwickelt sich ein Plan, um ein bestehendes Problem zu bewältigen. Dies ist Inhalt der Methode. Sie ist im Rahmen eines größeren Konzeptes der konkrete Weg oder die Interventionsform.9

Im Hinblick auf die Straßensozialarbeit bedeutet das, dass sie als Methode in verschiedenen Konzepten und Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit angewendet werden kann, um konkrete Ziele zu erreichen. Degen drück dies so aus: „Es geht um ein Angebot helfender Beziehung; darum, sich vom Schreibtisch zu lösen und Jugendlichen in der Szene, das heißt da, wo sie leben, aufzusuchen“.10 Mit dieser Aussage wird die Verbindung zur Geh-Struktur hergestellt, welche die Methode im Namen trägt. Durch das Hinausgehen soll das Ziel, mit Menschen in Kontakt zu kommen, erreicht werden.

Andererseits greift Straßensozialarbeit als Überbegriff auch selbst auf mehrere andere Methoden der Sozialen Arbeit zurück, wie zum Beispiel auf die Beratung, die Gruppenarbeit und auch Netzwerkarbeit.11 Dabei sind die einzelnen Methoden nicht getrennt voneinander wahrzunehmen, sondern ergeben als Gesamtes das Konzept der aufsuchenden Jugendarbeit.

3. Das Projekt: Api-Homezone Stuttgart

Im Folgenden werden grundlegende Informationen über die Api-Homezone dargelegt, welche zum Verstehen des Konzeptes dienen sollen. Ausführungen zu sozialarbeiterischen Ansätzen und Modellen werden in Kapitel 5.1 aufgegriffen.

3.1 Der Träger

Der Träger des Projektes sind die Apis, der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg. Dies ist ein freier Verband innerhalb der württembergischen Evangelischen Landeskirche. In über 500 Orten gibt es verschiedene Arbeitszweige und Projekte. Die meiste Arbeit wird von Ehrenamtlichen getragen.12

3.2 Vision und Ziele der Api-Homezone

Die Homezone möchte Kinder und Jugendliche von drei bis 16 Jahren erreichen, die in der näheren Umgebung des Marienplatzes wohnen. Dies sind insgesamt drei angrenzende Stadtteile: Lehen, Heslach und Karlshöhe im Stuttgarter Süden. Durch die Arbeit mit den Kinder und Jugendlichen soll Kontakt zu deren Familien entstehen.13 Anhand verschiedener Angebote sollen Gemeinschaft, Werte, Bildung, Kultur und Musik weitergegeben werden.14 Ein weiteres Anliegen ist es, dem Stadtteil und seinen Bewohnern zu dienen und auch eine „Verbesserung der persönlichen Lebenssituation einzelner Kinder und Familien“15. Die Mitarbeiter der Homezone möchten Gottes Liebe weitergeben und den Kindern und Jugendlichen ein Zuhause geben, indem sie ihnen Annahme sowie Wertschätzung entgegenbringen. Dadurch soll die Entwicklung der Persönlichkeit, der Beziehungsfähigkeit und des Selbstwertgefühls gestärkt werden. Diese Veränderung soll sich dann positiv auf die ganze Familie übertragen.16

3.3 Entwicklung der Api-Homezone

Seit 2003 besteht das Projekt der Api-Homezone in Stuttgart.17 Es entstand dabei nicht aufgrund einer bestimmten Nachfrage, sondern angetrieben von dem Wunsch, dem Stadtteil zu dienen und „zu den Leuten zu gehen“18. Folglich entwickelte sich das Projekt im Laufe der Zeit weiter und basierte auf vielen praktischen Erfahrungen. Vorerst existierte nur ein Angebot der Offenen Jugendarbeit an einem festen Standort. Erst seit 2012 öffnete sich die Arbeit mit dem Bau des Spielmobils auch in Richtung aufsuchender Jugendarbeit, um auf dem Marienplatz mit Kindern zu spielen.19

Der Standort des Spielmobils wurde auf dem Hintergrund der soziodemographischen Analyse des Stadtteils ausgewählt. In der Umgebung des Marienplatzes leben überdurchschnittlich viele Migranten, darunter viele Kinder unter 18 Jahren nur bei einem Elternteil. Außerdem ist die Bevölkerungsdichte etwa um das zweifache höher als der Durchschnitt in Stuttgart. Viele der Kinder und Jugendlichen sind Empfänger von Hilfen zur Erziehung. Dies zeigt sich auch an dem übermäßig hohen Auftreten von Jugenddelinquenz rund um den Marienplatz.20

3.4 Angebote der Api-Homezone

Derzeit gibt es mehrere wöchentliche Angebote und Programme in der Api- Homezone. Im Folgenden sollen diese kurz genannt und beschrieben werden. Das Angebot, durch welches die meisten Kinder erreicht werden, ist das Spielmobil Donnerstag mittags auf dem Marienplatz. Für vier Stunden sind die Mitarbeiter mit ihrem Spielmobil, ein motorisiertes Gefährt mit verschiedene Spielsachen, zentral auf dem Platz, um mit Kindern und Jugendlichen ihre Zeit zu verbringen. Durch die hohe Fluktuation am Marienplatz werden dadurch immer wieder neue Kinder erreicht und Kinder aus der Umgebung kommen regelmäßig vorbei. Dieses niederschwellige Angebot soll eine erste Kontaktaufnahme auch zu den Eltern ermöglichen, sowie auf die Arbeit der Homezone in der Öffentlichkeit hinweisen. Deutlich erkennbar ist hier die Geh-Struktur als Methode der Straßensozialarbeit. In der Winterzeit wird dieses Angebot aufgrund der Kälte in die Räume der Api-Homezone verschoben und es wird ein Winterspielplatz angeboten.

Ein weiteres Angebot ist die sogenannte Api-Homezone, ein offener Kinder- und Jugendtreff Freitag mittags. Kinder und Jugendliche sind eingeladen, selbst in die Räume zu kommen und ihre Zeit dort mit den Mitarbeitern zu verbringen. Diese planen im Voraus ein lockeres Programm, welches sehr flexibel an die Interessen der Teilnehmer angepasst werden kann. In letzter Zeit besuchen etwa 15 Kinder, meist Jungen zwischen fünf und sechzehn Jahren, regelmäßig dieses Angebot. Durch die Komm-Struktur wird hier eine Willkommensatmosphäre geschaffen, die den Kindern ein Gefühl des Angenommen-Seins vermitteln soll.21

Mittwoch mittags gibt es ein strukturierteres Programm, um die persönlichen Gaben und Fähigkeiten von Kindern zu schulen. Die Talentzone bietet jede Woche verschiedene Workshops an, um die Talente zu fördern und das Selbstbewusstsein sowie die Sozialkompetenz der Teilnehmer zu stärken. Angeregt wurde die Talentzone durch das Sommerferienprogramm „MusicMoves“, welches Kindern und Jugendlichen die Chance gibt, eine eigene Aufführung zu gestalten. In verschiedenen Gruppen werden einzelne Bereiche vorbereitet. Jeder kann sich mit seinen Gaben einbringen, ob im musikalischen, künstlerischen oder sportlichen Bereich. Teilnehmende können sich in Geduld und Einsatz üben, um zu einem Erfolgserlebnis zu gelangen.22

Ein weiteres Angebot ist die Nachhilfe für Kinder mit Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben, meist aufgrund fehlender Deutschkenntnisse. Außerdem gestalten die Mitarbeiter der Homezone in der Grundschule des Stadtteils einmal in der Woche den Unterricht der Vorstufenklasse, wodurch Schulkontaktarbeit stattfindet. Durch die Arbeit an der Schule werden viele Kinder auf die Angebote aufmerksam und besuchen daraufhin das Spielmobil auf dem Marienplatz. Für die gesamte Familie gibt es mehrere Feste über das Jahr verteilt, die auf die Arbeit aufmerksam machen und einen Einblick geben sollen.23

4. Klassische Offene Kinder- und Jugendarbeit

4.1 Komm-Struktur

Die Komm-Struktur ist eine klassische Vorgehensweise der Kinder- und Jugendarbeit. Es geht darum, Räume anzubieten und Jugendliche dorthin einzuladen. Das Konzept basiert auf der Initiative der Jugendlichen.

[...]


1 Ehrhardt, Methoden der Sozialen Arbeit, 138f.

2 Deinet, Krisch, Mobile, aufsuchende Ansätze in der Offenen Jugendarbeit, 415.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Krafeld, Grundlagen und Methoden aufsuchender Jugendarbeit, 10.

5 Vgl. Ehrhardt, Methoden der Sozialen Arbeit, 137f.

6 Vgl. Galuske, Straßensozialarbeit, 126.

7 Vgl. Degen, Straßenkinder, 28.

8 Vgl. Ehrhardt, Methoden der Sozialen Arbeit, 138.

9 Vgl. a.a.O., 11.

10 Degen, Straßenkinder, 83.

11 Vgl. Stimmer, Grundlagen des Methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit, 22.

12 Vgl. Die Apis, Förderantrag für die Hoffnungsträgerstiftung, 3.

13 Vgl. a.a.O., 6.

14 Vgl. a.a.O., 7.

15 Aus Gesprächen mit dem leitenden Sozialarbeiter der Api-Homezone, 1.

16 Vgl. Die Apis, Förderantrag für die Hoffnungsträgerstiftung, 14.

17 Vgl. Die Apis, Förderantrag für die Hoffnungsträgerstiftung., 5.

18 Aus Gesprächen mit dem leitenden Sozialarbeiter der Api-Homezone, 1.

19 Vgl. Die Apis, Förderantrag für die Hoffnungsträgerstiftung, 8.

20 Vgl. a.a.O., 6f.

21 Aus Gesprächen mit dem leitenden Sozialarbeiter der Api-Homezone, 3f.

22 Vgl. Projektbeschreibung Talentzone, 2f.

23 Aus Gesprächen mit dem leitenden Sozialarbeiter der Api-Homezone, 3.

Details

Seiten
21
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668865761
ISBN (Buch)
9783668865778
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453880
Institution / Hochschule
Internationale Hochschule Liebenzell
Note
1,0
Schlagworte
alternative streetwork modelle straßensozialarbeit komm- geh-struktur api-homezone stuttgat

Autor

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Titel: Alternative Streetwork? Modelle der Straßensozialarbeit zwischen Komm- und Geh-Struktur anhand der "Api-Homezone" in Stuttgart