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Euthanasie als erste Stufe der NS - Vernichtungspolitik / Die Organisation der 'Vernichtung lebensunwerten Lebens' im NS-Staat

Hausarbeit 2003 13 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Geschichte und Wandlung des Begriffs „Euthanasie“

3.) Gesetzliche Grundlagen im Vorfeld der Euthanasie-Aktion ( 1918 – 1939)

4.) Organisation des Euthanasie – Programms - Verstrickung von Staats – und Parteiinstanzen

5.) Die Aktion T4 und ihre Tarnorganisationen

6.) Schlussbetrachtung

7.) Der hippokratische Eid

Literaturverzeichnis

Die Organisation der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ im NS-Staat

1.) Einleitung

Euthanasie im NS-Staat – neben dem Judenmord und dem 2. Weltkrieg, eine der grauenvollsten Erinnerungen in der Vergangenheit des deutschen Volkes. Der Mord an Zehntausenden unschuldigen geistig behinderten und psychisch kranken Menschen fand ab 1933 in unmittelbarer Nachbarschaft statt. In der Literatur ist diese Massenvernichtung als „Aktion T4“ bezeichnet und unter vielerlei Aspekten bearbeitet worden.

In der folgenden Arbeit soll ein Überblick über die Organisationsstrukturen der Aktion T4 gegeben, und die Zusammenarbeit von staatlichen Instanzen und der nationalsozialistischen Partei aufgezeigt werden. Zudem werden die gesetzlichen Vorbereitungen auf die Euthanasiemaßnahmen vorgestellt. Mit der Definition und Wandlung des Begriffs „Euthanasie“ soll gezeigt werden, inwieweit dieser in den vergangenen Jahrhunderten auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert worden ist, und somit auf das gesellschaftliche Leben und Zusammenleben Einfluss genommen hat. Der hippokratische Eid am Ende der Arbeit soll dem Leser einen Denkanstoß geben, um ihm nochmals vor Augen zu führen, in welch prekärer Situation sich Ärzte befinden, sobald sie nur anfangen, über das Thema „Sterbehilfe“ nachzudenken.

Als Arbeitsgrundlage für diese Arbeit ist hauptsächlich das Buch „Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens.“[1] von Ernst Klee zu nennen, da es umfangreiche Informationen über das Thema vermittelt. Zusätzliche Ausführungen finden sich in dem Buch „Die Erbgesundheitspolitik des Dritten Reichs“[2] von Christian Ganssmüller. Hilfreich für das Verständnis verschiedenster Begriffe ist die „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“[3] von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß.

2.) Geschichte und Wandlung des Begriffs „Euthanasie“

„Es tat nichts denn dass es nur fraß und zwar so viel wie nirgends vier Bauern oder Drescher. Es fraß, schiss und seichte – wenn ich da Fürst oder Herr wäre, so wollte ich mit diesem Kinde in die Molda und das homocidium [ Mord ] wagen.“(Martin Luther, 1512)[4]

Der Gedanke an die Tötung geistig und körperlich behinderter Mitmenschen ist keine Erfindung der Nationalsozialisten. Bereits 1512 erwähnte Luther den Mord an einem behinderten Kind, da es der Gesellschaft keinen Nutzen bringen würde. Diese Nutzung des Begriffs „Euthanasie“ als Vernichtung lebensunwerter Menschen, entspricht jedoch nicht der eigentlichen Bedeutung des Wortes aus dem 5. Jahrhundert v. Chr..

Der Begriff „Euthanasie“ kommt aus dem Griechischen („euthanasia“) und bezeichnet einen „schönen, leichten und ehrenvollen Tod“. Trotzdem findet man bereits in der griechischen Antike, z.B. bei Platon, Begründungen für die Euthanasie. Er sah die Tötung von „Lebensuntüchtigen“ als gerechtfertigt, da somit die Interessen des Staates gewahrt blieben.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Euthanasie“ in der lateinischen Transkription „euthanasia“ erstmals in einem völlig neuen Sinn in der Literatur auf. Francis Bacon beschrieb in seinem Werk „De dignitate et augmentis scientiarum“ (1605)[5], dass es Ärzten ebenfalls eine Pflicht sei, Kranken den Todeskampf zu erleichtern. „Ferner halte ich es der Pflicht eines Arztes gemäß,... dass er auch die Schmerzen und Qualen der Krankheit lindere... auch dann, wenn ganz und gar keine Hoffnung mehr vorhanden, und doch aber durch die Linderung der Qualen ein mehr sanfter und ruhiger Übergang aus diesem zu jenem Leben verschafft werden kann.“[6] Dies war das erste Mal, dass sich eine Wandlung des Begriffs „Euthanasie“ – vom schmerzlosen Sterben zu lebensverkürzenden Maßnahmen – vollzogen hat. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Aufnahme der Euthanasie in die Kunst der medizinischen Therapeutik aufgenommen. Die Basis für die Euthanasie der NS-Ideologie legte im 19. Jahrhundert Charles Darwin (12.02.1809 – 19.04.1882) mit seinen Lehren. Bezeichnet als Sozialdarwinismus, sei der Mensch hauptsächlich nach seiner Nützlichkeit für die Gesellschaft zu beurteilen. „Die Familie, aus der ein schwerer Trinker stammt, ist fast immer minderwertig.“[7] Dieses Gesellschaftsbild wurde zu dieser Zeit aber auch von Nicht-Nationalsozialisten propagiert.

1920 verfassten der berühmte Strafrechtler Karl Binding (1841-1920) und der bekannte Psychiater Alfred Hoche (1865-1943) ihre gemeinsame Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, in der sie auf den Sozialnutzen bzw. Unnutzen behinderter Menschen in der Gesellschaft eingehen. „Sie haben weder den Willen zu leben, noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müsste. Ihr Leben ist absolut zwecklos {...]. Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbar schwere Belastung.“[8] Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs propagierten sie besonders die Lebensverkürzung von schwer Verwundeten und Kranken, um Staatskosten einzusparen. In dem Werk finden sich Begriffe wie „leere Menschenhülsen“, „geistig Tote“ oder

„Ballastexistenzen“, die einige Jahre später vom nationalsozialistischen Regime als Propagandabegriffe für die Euthanasieaktion verwendet wurden.

Das Gedankengut Bindings und Hoches wurde 1920 in das Parteiprogramm der NSDAP (25-Punkte-Programm) aufgenommen. In Punkt 21 heißt es: „Der Staat hat für die Hebung der Volksgesundheit zu sorgen.“[9]

Mit dem Wandel des Begriffs in den vergangenen Jahrhunderten lassen sich nun vier verschiedene Bedeutungsebenen der „Euthanasie“ voneinander trennen:

- „Euthanasie“ als leichte Sterben
- „Euthanasie“ als Sterbebegleitung ohne Lebensverkürzung
- „Euthanasie“ als Bezeichnung der verschiedenen Formen von Sterbehilfe (Sterbenlassen, Lebensverkürzung als Nebenwirkung, gezielte Lebensverkürzung, Tötung auf Verlangen)
- „Euthanasie“ als Bezeichnung der verschiedenen Formen der „Vernichtung unwerten Lebens“[10]

[...]


[1] Klee, Ernst: „Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“ Fischer TB Verlag, Frankfurt am Main, 10. Auflage 2001

[2] Ganssmüller, Christian: „Die Erbgesundheitspolitik des Dritten Reichs“; Böhlau Verlag Köln /Wien,1987

[3] Benz,Wolfgang, Graml, Hermann, Weiß, Hermann (Hrsg.): „ Enzyklopädie des Nationalsozialismus“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage 1998

[4] Müller, Roland (Hrsg): „Krankenmord im Nationalsozialismus. Grafeneck und die „Euthanasie“ in Südwestdeutschland.“ Eine Tagung der Bibliothek für Zeitgeschichte, der Gedenkstätte Grafeneck und des Stadtarchivs Stuttgart am 26. Januar 2000; Hohenheim 2001

[5] Schmuhl, Hans-Walter: „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890-1945“, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 75. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1987; S. 25

[6] ebd. S. 25

[7] Müller, Roland (Hrsg): „Krankenmord im Nationalsozialismus. Grafeneck und die „Euthanasie“ in Südwestdeutschland.“ Eine Tagung der Bibliothek für Zeitgeschichte, der Gedenkstätte Grafeneck und des Stadtarchivs Stuttgart am 26. Januar 2000; Hohenheim 2001, S.14

[8] Klee, Ernst: „Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“ Fischer TB Verlag, Frankfurt am Main, 10. Auflage 2001, S. 22; Zitat aus: Binding, Karl, Hoche Alfred: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.“ Leipzig 1920, S.17 f

[9] Benz,Wolfgang, Graml, Hermann, Weiß, Hermann (Hrsg.): „ Enzyklopädie des Nationalsozialismus“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage 1998; S. 236

[10] Schmuhl, Hans-Walter: „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890-1945“, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 75. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1987; S. 27-28

Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638427623
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45343
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
2,0
Schlagworte
Euthanasie Stufe Vernichtungspolitik Organisation Vernichtung Lebens NS-Staat

Autor

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