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Die Orthographie des Haitianischen Kreols

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 35 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung des haitianischen Kreols
2.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.2 Theorien zur Entstehung des haitianischen Kreols

3. Sprachliche Situation in Haiti
3.1 Diglossie und Bilingualismus
3.2 Wahrnehmung des haitianischen Kreols

4. Verschriftlichung und Orthographie
4.1 Orthographie und Standardisierungsprozess des haitianischen Kreols im Vergleich zum
Französischen
4.2 Entwicklung der Orthographie: Etymologische und phonologische Orthographien
4.3 Vergleich zweier Orthographien: McConnell-Laubach und Faublas-Pressoir
4.4 IPN-Orthographie
4.5 Analyse von Beispieltexten für organische und formale Orthographien für das
haitianische Kreol
4.5.1 Proclamation au nom de la République von Léger-Félicité Sonthonax
4.5.2 Choucoune von Oswald Durand
4.5.3 Cric? Crac! von Georges Sylvain
4.5.4 Dezafi von Frankétienne und Tonton Liben von Carrié Paultre

5. Orthographie und Sprachpolitik
5.1 Schule
5.2 Medien und Politik

6. Schlussbetrachtung

7. Anhang

8. Bibliographie

1. Einleitung

Die Geschichte Haitis und die Sprache des Landes sind eng miteinander verknüpft. Die Hegemonie Frankreichs bedingt durch die Kolonisation, die Abwertung des sich aus der Kontaktsituation des Französischen mit Sprechern westafrikanischer Sprachen entwickelten haitianischen Kreols und die Erhöhung des Französischen zu einer prestigeträchtigen Sprache, die selbst Jahrhunderte nach der Unabhängigkeit Haitis eine Unterdrückung der haitianischen Bevölkerung bewirken konnte; all das zeigt im Falle Haitis die Auswirkung, die eine Sprachkontaktsituation in Zusammenhang mit der historischen Entwicklung auf das weitere Schicksal eines Landes haben kann. Eine große Rolle bei der Etablierung einer Kreolsprache als eigenständige Sprache gegenüber der vorherrschenden europäischen Sprache spielt dabei ihr schriftlicher Gebrauch und damit die Entwicklung einer Orthographie. Dass dieser Vorgang nicht vergleichbar ist mit der französischen Sprache, dabei jedoch von ungleich großer Bedeutung für Haiti, soll Thema der vorliegenden Arbeit sein.

Zunächst wird ein Überblick über die Geschichte Haitis gegeben, die in engem Zusammenhang mit der Entstehung und Entwicklung des haitianischen Kreols und somit auch der Orthographie steht. Es folgt ein kurzer Abriss der Entstehung des haitianischen Kreols. Anschließend wird die haitianische Sprachpolitik, insbesondere das Verhältnis zwischen dem haitianischen Kreol und dem Französischen und dessen wechselseitige Beziehung mit der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation im Land seit der Unabhängigkeit Haitis näher beleuchtet. Im Hinblick auf all diese Aspekte wird sodann auf die historische Entwicklung einer Orthographie des haitianischen Kreols mit einem Vergleich zwischen dem Standardisierungsprozess des Französischen und dem bislang vorrangig mündlich verwendeten haitianischen Kreol sowie die Diskussion verschiedener Methoden zur Entwicklung einer Orthographie eingegangen, wobei zwei frühe Orthographiesysteme mit Hinblick auf die aktuelle Orthographie miteinander verglichen werden. Dabei illustriert die Analyse von vier historischen und literarischen Texten verschiedene Versuche einer Verschriftlichung. Zuletzt werden mit einem Blick auf die Gegenwart die Bereiche Schule, Medien und Politik auf den Erfolg der aktuellen Orthographie des haitianischen Kreols untersucht.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, ob im Hinblick auf die historischen Gegebenheiten, der Übermacht des französischen und der linguistischen Probleme eine Orthographie für die Haitianer eine Verbesserung ihrer Lage darstellt und ob sie in Zukunft weitere Erfolge versprechen kann.

2. Entstehung des haitianischen Kreols

2.1 Geschichtlicher Hintergrund

Die Entstehung des haitianischen Kreols und die Geschichte des Landes Haiti sind, wie bei allen Ländern, in denen Kreol gesprochen wird, eng miteinander verknüpft. Die Vergangenheit Haitis ist dabei geprägt von Chaos, Gewalt und Unterdrückung, was sich nicht zuletzt auch in der durch die Sprache verdeutlichte gesellschaftliche Disparität zeigt.

Im Dezember 1492 landet Christoph Columbus auf Ayiti, wie die dortigen Eingeborenen, die Tainos, die Insel nennen. Nach einer zunächst friedlichen Begegnung sterben die Tainos nach und nach durch Sklavenarbeit und von den Europäern angeschleppte Krankheiten aus. Abhängig von der Sklavenarbeit, die die Produktivität der heranwachsenden Kolonie gewährleisten soll, beginnen die Spanier Anfang des 16. Jahrhunderts mit der Einschiffung von Sklaven aus Westafrika, womit 107 Jahre Sklaverei in Haiti beginnen. Die von den Spaniern aus Tortuga vertriebenen Franzosen erhalten schließlich 1697 einen Teil der Insel, den sie Saint-Domingue nennen. Unter den Franzosen wird Saint-Domingue zur reichsten Kolonie der Welt, zur „Perle der ntillen“ (Fouron 2010: 24). Die Kolonie, die auf ihren Plantagen Zucker und Kaffee produziert, unterliegt deutlich der Macht der weißen Kolonisten, die nur eine Minderheit der Bewohner Haitis ausmachen. Die Gesellschaft erfährt eine klare Trennung, die durch Klasse, Rasse und die Überlegenheit der Weißen gegenüber den noirs, den Schwarzen, gerechtfertigt wird. Das Leben der Sklaven ist durch den Code Noir geregelt; Gewalt ist an der Tagesordnung. Die Plantagenbesitzer setzen auf die Einschiffung immer neuer Sklaven, um den Motor der wohlhabenden Kolonie am Laufen zu halten. In den späten 1790er Jahren werden etwa 30.000 bis 40.000 neue Sklaven pro Jahr nach Saint-Domingue deportiert (Fouron 2010: 25). Dabei wird unterschieden zwischen den bossals, den Sklaven, die direkt aus Afrika kommen, und den creoles, denjenigen, die schon auf der karibischen Insel geboren werden. Zwischen Weißen und Schwarzen stehen die Mulatten oder gens de couleur, die meist aus einer Verbindung von Kolonialherren und ihren Sklavinnen hervorgehen und die einen privilegierteren Status als die schwarzen Sklaven genießen (vgl. Zéphir 2010: 59f.). Die Strategie der Kolonialherren, Sklaven aus verschiedenen afrikanischen Stämmen zu vermischen, um eine uneingeschränkte sprachliche Verständigung und somit einen möglichen Aufstand zu unterbinden, bietet den Nährboden für die Entstehung des haitianischen Kreols, das noch Jahrhunderte nach dem Ende der Sklaverei eine durch den niedrigen sozialen Stand und die geringe Bildung seiner Sprecher bedingte negative Konnotation beibehalten sollte. Inspiriert durch die Französische Revolution kommt es 1791 auch zur haitianischen Revolution, in deren Zuge tausende von Weißen ermordet sowie Plantagen verbrannt werden. Der Aufstand wird schnell niedergeschlagen, geht aber unter der Führung von Georges Biassou und Toussaint L’Ouverture weiter. Die schnell nach Saint-Domingue geschickten französischen Soldaten kommen in Massen durch die Hände der Sklaven und der freien Mulatten um, wenn sie nicht schon durch Krankheiten wie Malaria sterben.

Am 1. Januar 1804 schließlich erklärt die Armee aus Sklaven und Mulatten die Unabhängigkeit der Kolonie. Saint-Domingue heißt von nun an Haiti: nach dem Namen, den die Tainos der Insel gegeben hatten. Die weiße Bevölkerung wird systematisch ermordet. Damit ist Haiti das einzige Land, in dem ein Sklavenaufstand zu einem solchen Erfolg führte. Doch damit beginnt der Abstieg der ehemals reichen Kolonie zu einem der ärmsten Länder weltweit. Die USA unterstützen die Unabhängigkeit Haitis aufgrund ihrer eigenen Sklavenhaltung nicht. Die Ablehnung westlicher Staaten aufgrund des Sieges der schwarzen Bevölkerung Haitis führt zu einer Isolation der unabhängigen Nation bis ins Jahr 1915 (Fouron 2010: 32). Der geringe Bildungsstand der haitianischen Bevölkerung und die hohe Analphabetenrate verhindern jeden weiteren Fortschritt der Wirtschaft; Investitionen aus dem Ausland gibt es nicht. Zudem setzt die permanente Bedrohung durch hegemoniale Mächte wie den USA und Deutschland, die größtenteils die Wirtschaft und Finanzen kontrollieren, Haiti weiter zu. Als Frankreich 1825 endlich die Unabhängigkeit seiner ehemaligen Kolonie anerkennt, zieht eine von den Franzosen geforderte Entschädigungszahlung die instabile Wirtschaft Haitis weiter in Mitleidenschaft. Der Einführung einer öffentlichen Verwaltung, eines Schulsystems und einer Armee stehen politisches Chaos und Korruption gegenüber (vgl. Fouron 2010: 37). Während der US-Besetzung von 1915 bis 1934 erfahren Landwirtschaft, Schulen und Infrastruktur eine Modernisierung, dennoch ist Gewalt in der US-amerikanischen Quasi-Kolonie Haiti allgegenwärtig. Nach dem Ende der Besetzung lösen die noirs die Mulatten von ihrer Machtposition ab und eine Rückbesinnung auf die afrikanischen Wurzeln, die sich vor allem in der Voodoo-Religion zeigt, wird deutlich. Unter Dumarsais Estimé verbessern sich Bildung und Infrastruktur weiter, doch die USA lassen Estimé wegen der Nationalisierung der Industrie absetzen. Nach Präsident Magloire kommt 1957 der von der Armee eingesetzte François Duvalier an die Macht, womit eine Tyrannenherrschaft durch ihn und seinen Sohn bis ins Jahr 1986 beginnt (Fouron 2010: 40ff.), die durch Proteste und eine sich verschlechternde Wirtschaft beendet wird. Ab dem Jahr 1990 wechseln sich Aristide und René Préval als Präsident des armen Landes ab. Nach Michel Martelly ist seit 2017 Jovenel Moïse Präsident, das politische Chaos setzt sich fort. Jahrhundertelange Sklaverei und Fremdbeherrschung haben ein Aufblühen Haitis als eigenständige Nation stets unmöglich gemacht. Das Erdbeben 2010 bedeutete einen weiteren Rückschlag für Haiti. Seit Jahrzehnten wird versucht, die prekäre Situation der Bevölkerung durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen und Hilfe aus dem Ausland zu verbessern. Bei dem Versuch, die Situation Haitis zu verbessern, steht vor allem der Gegensatz zwischen dem Prestige des Französischen und der negativen Wahrnehmung des Kreols im Mittelpunkt, der eine verbesserte Bildung und somit eine positive Entwicklung Haitis auf wirtschaftlichem Gebiet hemmt.

2.2 Theorien zur Entstehung des haitianischen Kreols

Suzanne Romaine definiert den Begriff „Kreol“ folgendermaßen:

The term creole [...] originally meant a white man or European descent born and raised in a tropical or semitropical colony. The meaning was later extended to include indigenous na- tives and others or non-European origin. The term was then subsequently applied to certain languages spoken by creoles in and around the Caribbean and in West Africa, and then more generally to other languages of similar types which had arisen in similar circumstances. (Ro- maine 1988: 38)

Zur Entstehung von Kreolsprachen gibt es in der Wissenschaft verschiedene Theorien. Am wahrscheinlichsten für die Entstehung und Entwicklung einer Kreolsprache ist wohl eine Mischung aus den diversen Ansichten.1 Der Fokus liegt hier jedoch nicht auf einer detaillierten Diskussion über die Plausibilität der verschiedenen Ansätze; vielmehr soll hier nur ein kurzer Abriss zur Entstehung des haitianischen Kreols nach derzeitigem Wissensstand gegeben werden, um die Sprache und damit deren Orthographie besser verstehen zu können.

Gerade bei einer Analyse des haitianischen Kreols aus diachronischer und etymologi- scher Sicht muss deutlich gemacht werden, dass das Kreol nicht aus dem heutigen Stan- dardfranzösisch hervorgegangen ist. Das Französische, das von den Kolonisten in Saint- Domingue gesprochen wurde, entsprach den Varietäten der langue d’oïl, einer Reihe von Dialekten aus Nord- und Zentralsüdfrankreich, woraus sich die Eigenart des haitia- nischen Kreols im Vergleich zum heutigen Standardfranzösisch ergibt : „L’intégration des esclaves [...] déclenche l’acquisition non guidée de formes orales, populaires et régiona- les du français langue seconde (L2) - plus exactement de variétés de la langue d’oïl L2“ (Fattier 2002: 112). Zudem lassen sich zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen dem Französi- schen des 16. Jahrhunderts und dem haitianischen Kreol feststellen, wie Charles Fernand Pressoir, einer der Entwickler einer Orthographie für das haitianische Kreol, deutlich macht.2 Pressoir zieht dementsprechend folgenden Schluss: „[...] la prononcia- tion du créole diffère de celle du français moderne. L’un ne peut donc pas s’écrire comme l’autre“ (Pressoir 1947: 15). Doch wie kam es zur Entstehung des haitianischen Kreols und wie groß ist der Einfluss des Französischen dabei? Die Genese lässt sich in zwei Stadien untergliedern: Die société d’habitation und die société de plantation (Zéphir 2010: 58). Während die société d’habitation noch von einem engen Kontakt zwi- schen Kolonialherren und Sklaven geprägt ist, entwickelt sich in der société de plantation ein System, das die Sklaven von ihren weißen Besitzern weitgehend isoliert. Diese Ent- wicklungsstadien der Kolonie stehen in engem Zusammenhang mit der sprachlichen Ent- wicklung:

On peut admettre que l’autonomisation des systèmes créoles s’opère au moment oƶ les colonies atteignent le stade de leur développement agro-industriel qui rend indispensables des importations massives d’esclaves. [...] La créolisation commence donc au terme d’une période qui, en général, dure 30 à 60 ans. Dans la première période de ces sociétés colo- niales, la langue en usage dans le pays est une variété « koinèisée » de la langue européenne. La koinèisation est marquée essentiellement par des phénomènes d’autorégulation intralinguistique, dans des situations de communications exclusivement orales et par la présence de variétés quelque peu diverses de langue populaire caractérisées, dans le cas du français par des régionalismes d’oïl. (Chaudenson 2002: 32f.)

Nur wenige Sklaven stehen in der société de plantation in direktem sprachlichem Kon- takt zu den Franzosen. Viele neuankommende Muttersprachler westafrikanischer Spra- chen kommen nur noch in Kontakt mit dem Kreol, wodurch die Sprache der Sklaven im- mer weiter vom Französischen der Kolonisten abweicht. Für einige Wissenschaftler wie Chaudenson steht die Verwandtschaft des haitianischen Kreols mit dem Französischen im Vordergrund: „L’hypothèse la plus vraisemblable ă mes yeux est donc que la créoli- sation résulte de l’appropriation « sauvage » (=non guidée) de variétés de français an- cien“ (Chaudenson 2002 : 34). Auch Fattier unterstützt diese These und geht von einem „caractère massif de l’héritage français“ aus (Fattier 2002: 107). ndere weisen dem Einfluss der westafrikanischen Muttersprachen der Sklaven eine hohe Bedeutung zu, so wie Pressoir selbst, der die Verbindung zwischen dem haitianischen Kreol und westafri- kanischen Sprachen wie Manding, Ewe und Fon in Bezug auf die deutlich stärkere Ten- denz zur Nasalierung im Vergleich zum Französischen betont (vgl. Pressoir 1947: 24). Diese Aspekte sind für das Verständnis der Notwendigkeit der Entwicklung einer Ortho- graphie unabdinglich, denn sie zeigen, wie sich das haitianische Kreol sprachlich immer weiter vom Französischen beziehungsweise spezifischer der es beeinflussenden langue d’oïl wegentwickelt hat und wie prägend auch der Einfluss westafrikanischer Sprachen auf seine Grammatik und Aussprache war. Somit wird deutlich, dass es sich beim haitia- nischen Kreol keineswegs um eine lediglich simplifizierte Varietät des Französischen handelt, sondern um eine eigenständige Sprache, die aufgrund geringer Ähnlichkeiten zwischen beiden Sprachen einen Zugang zur mündlichen und schriftlichen Verwendung des prestigeträchtigeren Französisch für die Haitianer nicht ohne weiteres möglich macht. Die Notwendigkeit der Entwicklung eines eigenen, vom Französischen unabhän- gigen Orthographiesystems wird dadurch bereits bei der Untersuchung der Entstehung und den sprachlichen Merkmalen des haitianischen Kreols deutlich.

3. Sprachliche Situation in Haiti

3.1 Diglossie und Bilingualismus

Die Divergenz zwischen dem Französischen und dem haitianischen Kreol zeigt sich nicht nur sprachwissenschaftlich, sondern auch im Gebrauch beider Sprachen in Haiti als re- gelrechte Barriere, die sich durch die Konzepte Diglossie und Bilingualismus, mit denen das haitianische Kreol häufig in Verbindung gebracht wird, verdeutlichen lässt. Ferguson verwendet das haitianische Kreol in seinem für die Linguistik richtungsweisenden Artikel über den von ihm eingeführten Begriff Diglossie als Beispiel.3 Die Annahme eines Bilin- gualismus4 der haitianischen Bevölkerung hingegen trifft nicht bei allen auf Zustimmung. So vertritt etwa Dejean folgende Meinung: „In sum, Haitians as a group are not even more or less bilingual. All Haitians speak Creole as a native language, and very few also speak French [...] Consequently, the country is not bilingual in any meaningful sense“(Dejean 2010: 208). Seine Kritik bezieht sich hier jedoch auf eine Diglossie in Haiti, womit beide Begriffe vermischt werden. Während man in Haiti in der Tat kaum von einer bilingualen Gesellschaft sprechen kann, ist einer Diglossie generell zuzustimmen, da das Französische und das Kreol in jeweils klar abgegrenzten Situationen verwendet werden und sich somit jeweils nach Ferguson einer high variety und einer low variety zuordnen lassen:

Wenn, wie auch heute noch in der haitianischen Gesellschaft, die Mehrzahl der Bevölkerung nur das mündliche Kreol, die low variety, den Basilekt spricht, bleibt sie von vielen Sphären des formelleren öffentlichen Lebens ausgeschlossen, die der high variety, dem Akrolekt vor- behalten sind. Obwohl der Bilinguismus (...) in anderen diglossischen Gesellschaften erheb- lich weiter als in Haiti fortgeschritten ist, bedeutet der Begriff high variety eine Wertung im Bewußtsein [sic] der betroffenen Sprecher: die möglichst perfekte Beherrschung der high variety wird als besonders erstrebenswert angesehen. (Ludwig 1996a: 19)

Ludwig nimmt hier Bezug auf das post-creole continuum, das den fließenden Verlauf zwischen den beiden Extremen, dem prestigeträchtigen Akrolekt und dem von der brei- ten Bevölkerung gesprochenen Basilekt beschreibt (vgl. Romaine 1988: 158); ein Kon- zept, das die klaren Trennlinien einer Diglossie aufhebt. Somit stellt sich die Frage, „whether the variation between a creole and its related superstrate is relatively discrete, ie diglossic or continuous, that is, involving a spectrum of varieties between basilectal creole and acrolect“ (Romaine 1988: 177). Eine mögliche Annäherung an den Akrolekt ist für die Orthographiedebatte jedoch nicht relevant, denn diese muss sich in erster Linie zugunsten einer Alphabetisierung am Basilekt orientieren. Das Französische ver- fügte als high variety seit seiner Verwendung als lingua franca in Haiti schon lange über eine standardisierte Orthographie, was eine Verwendung in wichtigen Bereichen wie Medien, Politik und Schule überhaupt erst möglich machte. Das Kreol als vorwiegend mündlich verwendete low variety war von diesen Möglichkeiten hingegen lange ausge- schlossen. Dies gilt nicht nur für Haiti, sondern auch für viele andere Länder, die als Ko- lonien einer europäischen Großmacht entstanden sind: „[...] language itself is pure form [...] and therefore maximally susceptible to manipulation within systems of domination. Such systems include colonialism [...] (Spears 2010: 85). Der Umstand, dass diese Do- mination der Europäer in sprachlicher Hinsicht auf der Standardisierung ihrer Sprachen und damit einer standardisierten Orthographie als Voraussetzung beruht, liegt auf der Hand. Inwiefern die Einführung einer Orthographie zur Standardisierung des haitiani- schen Kreols beigetragen und eine Veränderung bewirkt hat, soll später aufgezeigt wer- den.

3.2 Wahrnehmung des haitianischen Kreols

In der Kolonialzeit war das haitianische Kreol verbunden mit dem niedrigen sozialen Status der Sklaven, mit mangelnder Bildung und eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit aufgrund einer nicht stattgefunden Verschriftlichung und Standardisierung der Sprache. Dieses Bild änderte sich auch nach der Unabhängigkeit Haitis nicht. In den staatlichen Domänen, die bislang dem Französischen vorbehalten waren, fand das Kreol nach wie vor keine Verwendung. Die Assoziationen zum Kreol verschlechterten sich sogar: „[͙΁ les vernaculaires créoles sont traités depuis le XIXe siècle comme des enfants bâtards et illicites, nés d’unions non naturelles dans le contact des langues“ (Mufwene 2002: 46). Die Verfassung Haitis billigt dem Französischen und dem Kreol den gleichen Status zu: „ rcticle 5 of the 1987 Haitian constitution states curiously that all Haitians share a common language, Creole, and that Creole and French are the official languages of the republic“ (Dejean 2010: 208). Die Realität sieht jedoch anders aus. Obwohl fast die gesamte Bevölkerung Haitis ausschließlich Kreol spricht, blieb das Französische in den staatlichen Institutionen paradoxerweise noch immer die vorherrschende Sprache. Die ursächliche Problematik dieser Situation liegt vor allem in

[...]


1 Siehe hierzu die verschiedenen Thesen, die Romaine anführt, darunter das Bioprogramm und die Heterogenese (vgl. hierzu Romaine 1988: 70ff.).

2 Siehe hierzu die von Pressoir gezogenen etymologischen Vergleiche zwischen dem Französisch des

Mittelalters und des 16. Jahrhunderts mit dem modernen Französisch und dem haitianischen Kreol (vgl. hierzu Pressoir 1947: 14ff.).

3 Siehe hierzu Ferguson 1959.

4 In Anlehnung an Fishmans Beschreibung von Bilingualismus, siehe hierzu Fishman 1967. 9

Details

Seiten
35
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668866805
ISBN (Buch)
9783668866812
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453018
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
Romanische Sprachwissenschaft Französisch Kreol Haitianisches Kreol Haiti Orthographie

Autor

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