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"Isolationsfolter" und "Vernichtungshaft"? Die RAF und ihre Haftbedingungen in bundesdeutschen Gefängnissen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 34 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Überblick
1.2 Begründung der Quellenauswahl

2. Die 68er Bewegung und die Ursprünge der RAF
2.1 „High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein“
2.2 „Die ungestüme Herrlichkeit des Terrors“

3. Die erste Haftphase in verschiedenen Gefängnissen
3.1 „Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat“
3.2 „Den Körper zur Waffe machen“

4. In Stammheim
4.1 „Das sicherste Gefängnis der Welt“
4.2 „Seht her, wie wichtig, wie gefährlich ihr seid!“
4.3 Gefangen im „NS-Nachfolgestaat“?
4.4 Das Terrorjahr 1977

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis S.30

1. Einführung

1.1 Überblick

„Ein böses Wort: Stammheim. Ein Wort, das zumindest bei allen Westdeutschen, die die siebziger Jahre bewusst erlebt haben, ungute Erinnerungen wachruft. Stammheim befördert beunruhigende Bilder aus dem Dunkel der kollektiven Erinnerung: […] Rote Armee Fraktion (RAF) gegen Bundesrepublik Deutschland. Der nicht erklärte Bürgerkrieg kulminierte in dem Gefängnis und dem Gerichtsgebäude am nördlichen Stadtrand Stuttgarts. Im siebten Stock des großen Hafthauses waren die führenden Figuren der RAF gefangen, hier wurden sie tot in ihren Zellen gefunden“[1], schrieb der Historiker und Journalist Michael Sontheimer in einem Spiegel-Online -Artikel anlässlich der Eröffnung einer Foto-Ausstellung über das Gefängnis im Jahr 2012. Bei der Justizvollzugsanstalt Stuttgart, die sich im Stadtteil Stammheim befindet, handelt es sich um ein Gefängnis, das Anfang der sechziger Jahre gebaut wurde und damals als modernstes und sicherstes der Bundesrepublik galt. Außerhalb Stuttgarts wurde es zunächst nur wenig beachtet, traurige Berühmtheit erhielt „Stammheim“ erst durch die Inhaftierung des „harten Kerns“ der terroristischen Vereinigung RAF. Hierbei handelte es sich um Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die ab 1974 in Stammheim inhaftiert waren und deren Prozess ebenfalls auf dem Gelände der JVA, in einer eigens für den Prozess errichteten Mehrzweckhalle, stattfand.

Das Drama in und um Stammheim fand seinen Höhepunkt im sogenannten „Deutschen Herbst“ 1977, als sich Baader, Ensslin und Raspe in ihren Zellen umgebracht hatten, nachdem eine mit der RAF sympathisierende palästinensische Terrororganisation vergeblich versucht hatte, die Gefangenen durch die Entführung eines Passagierflugzeugs freizupressen. Um die Tode von Baader, Ensslin, Raspe und um den Tod von Ulrike Meinhof, die sich bereits im Mai 1976 das Leben genommen hatte, ranken sich bis heute Mythen. So hält sich auch knapp 40 Jahre nach dem Tod der Gefangenen der von RAF-Sympathisanten stammende Vorwurf, dass sich die Vier nicht umgebracht hätten, sondern dass sie vom bundesdeutschen Staat ermordet worden wären.[2] Ebenso halten sich bis heute die Vorwürfe der „Isolationsfolter“ und die der „Vernichtungshaft“, die es angeblich in Stammheim und den anderen Gefängnissen, in denen die Mitglieder der Terrororganisation inhaftiert waren, gegeben habe. Diese Vorwürfe wurden in den 1970er Jahren von der RAF selbst in Umlauf gebracht und von ihrer Sympathisantenszene weiterverbreitet. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass die RAF nach der Inhaftierung ihrer Führungsmitglieder in linken Gesellschaftskreisen noch immer populär war und dass man sich mit ihnen solidarisierte. Die Historikerin Sabine Bergstermann, die ihre Dissertation über Stammheim schrieb, kommt zu dem Schluss, dass die RAF als Organisation nach der Verhaftung der wichtigsten Mitglieder im Sommer 1972 nur deshalb fortbestehen konnte, weil diese ihre Haftbedingungen thematisierten und instrumentalisierten.[3]

Wie die Mitglieder der RAF ihre Haftbedingungen instrumentalisierten und welche Ziele sie dabei verfolgten, wird im Folgenden untersucht. Zudem wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Beschuldigungen der RAF, sie würden in den Gefängnissen „isoliert“, „gefoltert“ und „vernichtet“ werden, gerechtfertigt waren. Hierbei wird ebenfalls untersucht, welche Rolle die deutsche NS-Vergangenheit bei diesen Vorwürfen spielte. Zunächst wird dabei ein Überblick über die für diese Arbeit verwendeten Quellen gegeben. Danach wird die Geschichte der RAF betrachtet, die ihren Ursprung in der „68er-Bewegung“ hat. Anschließend, im Hauptteil dieser Arbeit, werden die Haftbedingungen der führenden RAF-Mitglieder vor und in Stammheim analysiert, um im abschließenden Fazit die Frage beantworten zu können, ob und inwiefern die Anschuldigungen der RAF gegen den bundesdeutschen Staat berechtigt waren.

1.2 Begründung der Quellenauswahl

Die RAF ist erst seit der Jahrtausendwende Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Forschung. Arbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren, die sich mit ihr beschäftigen, sind zumeist aus den Bereichen der Sozial- oder der Rechtswissenschaften. Außerdem handelt es sich bei dem Thema RAF um ein zeitgeschichtliches Phänomen, das die Bundesbürger noch immer sehr zu faszinieren scheint und das nach wie vor von den Medien ausgiebig behandelt wird. So erschienen alleine 2016 insgesamt 25 Artikel auf Spiegel Online, die sich mit der Roten Armee Fraktion beschäftigen.

Da die RAF somit ein Thema ist, das sowohl die Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit interessiert, scheint es am angemessensten zu sein, für diese Arbeit zum einen wissenschaftliche Fachliteratur und zum anderen Artikel aus Zeitungen zu Zeitschriften zu wählen, die entweder zur aktiven Zeit der RAF in den 1970er Jahren geschrieben wurden oder die in den letzten zehn Jahren verfasst worden sind und die „die bleierne Zeit“ wie die RAF-Epoche oft genannt wird, rückblickend betrachten. Dabei werden vorwiegend Artikel aus dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel verwendet werden, weil dieser sich bis heute am ausführlichsten mit der RAF beschäftigt. Während sich bei der linksliberalen Zeitschrift, die in diesem Jahr ihren siebzigsten Geburtstag feiert, bei manchen Printartikeln aus den 1970er Jahren gewisse Sympathien für die RAF herauslesen lassen, sind die Artikel der letzten zehn Jahre, die sowohl in der Printausgabe als auch online erschienen sind, zumeist in einem neutraleren Stil verfasst worden und betrachten die RAF im Nachhinein kritisch. So wurde beispielsweise Ulrike Meinhof in einem Artikel anlässlich ihres 40. Todestages im Mai 2016 als „Meisterin des Moralisierens“[4] bezeichnet.

Aus der Feder des ehemaligen Spiegel -Chefredakteurs Stefan Aust stammt außerdem das Buch Der Baader-Meinhof-Komplex, welches erstmals 1985 veröffentlicht wurde und seither immer wieder in aktualisierten Neuauflagen erschienen ist. Mittlerweile gilt es als Standardwerk zur Geschichte der RAF, allerdings handelt es sich dabei um keine wissenschaftliche Publikation, denn Aust verzichtet auf Literatur- und Quellenangaben. Jedoch begann er seine Karriere als Journalist bei der Zeitschrift konkret, deren Chefredakteurin Ulrike Meinhof war und die von deren (Ex-) Ehemann Klaus Rainer Röhl herausgegeben wurde. Dadurch konnte Aust einige Mitglieder und Sympathisanten der Terrororganisation persönlich kennenlernen und sie als unmittelbare Augenzeugen für sein Buch befragen. Hierbei gilt es allerdings zu bedenken, dass der Schilderung vergangener Ereignisse Grenzen gesetzt sind, da Augenzeugenberichte immer subjektiv gefärbt sind. Dies wird von Stefan Aust selbst eingeräumt[5] und dies gilt auch für das Buch Stammheim vom Kurt Oesterle, das eine weitere Quelle für diese Arbeit sein wird. Oesterle schildert darin die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck, der für den siebten Stock des Gefängnisses, in dem die RAF-Mitglieder inhaftiert waren, zuständig war. Somit hatte er täglichen Umgang mit ihnen und kann aus eigener Erfahrung vom Gefängnisalltag in Stammheim berichten.[6] Oesterle, der Bubeck mehrfach für sein Buch interviewte, verzichtete dabei allerdings auf ein allzu kritisches Nachfragen, wodurch Bubecks Bericht sehr subjektiv, aber dennoch sehr informativ ist.

Als wissenschaftliches Hauptwerk für diese Arbeit wird die bereits erwähnte Dissertation von Sabine Bergstermann Stammheim – Eine moderne Haftanstalt als Ort der Auseinandersetzung zwischen Staat und RAF verwendet. Diese ist im August 2016 erschienen und bietet somit die aktuellsten Erkenntnisse über die RAF und Stammheim. Bergstermann geht darin der Frage nach, wie ein Gefängnis am Stadtrand von Stuttgart zum Spiegel der gesellschaftspolitischen Umbrüche des noch jungen bundesdeutschen Staates wurde und warum und wie […] die Auseinandersetzung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und einer terroristischen Gruppierung gerade dort „verortet“ wurde.[7] Bergstermann analysiert dabei RAF-kritisch, wie die inhaftierten Terroristen ihren „bewaffneten Kampf“ aus dem Gefängnis fortführten und wie dadurch Stammheim „zu einem Symbol für den Konflikt zwischen Staat und Terrorismus in der Bundesrepublik werden konnte.“[8] Zunächst wird jedoch ein allgemeiner Überblick über die Geschichte der RAF und deren Ursprünge in der 68er Bewegung gegeben.[9]

2. Die 68er Bewegung und die Ursprünge der RAF

2.1 „High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein“

„1968 begann es in Deutschland an allen Ecken vor neuen Lebens- und Ausdrucksformen nur so zu wuchern – künstlerisch, musikalisch, politisch. Alles, was denken konnte oder wenigstens intakte Instinkte hatte, wollte raus aus den erstickenden Verhältnissen der Adenauerzeit“, sagt Model und Schauspielerin Uschi Obermaier rückblickend über die späten 1960er Jahre in der BRD. Obermaier war in München aufgewachsen und zog im Alter von 22 Jahren nach West-Berlin, wo sie Rainer Langhans, den Mitbegründer der Kommune 1 kennenlernte und sich der Kommune ebenfalls anschloss.[10]

Die Kommune 1, die ein soziales Experiment war und deren Mitglieder in einer WG in Moabit lebten, um dort alternative Lebensformen wie den völligen Verzicht auf ein Privatlaben auszuprobieren,[11] ist ein gutes Beispiel für das Lebensgefühl junger Menschen in den späten 60ern, in denen die bürgerlichen Wertvorstellungen der Elterngeneration, der Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie in der BRD und auch in anderen westlichen Ländern wie Frankreich oder den USA in Frage gestellt wurden. Speziell in der BRD klagten die jungen Erwachsenen dieser Zeit den Umgang ihrer Eltern mit der NS-Zeit an. Diese wurde von der sogenannten „Vätergeneration“ totgeschwiegen, sie wollten die Gräueltaten von damals vergessen, was die junge Generation keinesfalls dulden konnte und wollte. Erschwerend kam hinzu, dass der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ein ehemaliges NSDAP-Mitglied war, der in Bonn mit einer Koalition aus CDU und SPD regierte. Das bedeutete, dass es innerhalb des Parlaments nur eine kleine, schwache Opposition gab und die junge Erwachsenengeneration deshalb befürchtete, dass dies langfristig wieder im Faschismus enden könnte. Deshalb bildete sich, verstärkt in linken Studentenkreisen und vor allem in West-Berlin, die so genannte „Außerparlamentarische Opposition“ (APO), die unter Führung von Rudi Dutschke protestierend auf die Straße ging, um die gesellschaftlichen Missstände in der BRD anzuprangern. Jedoch zerfiel die APO 1969, nachdem der SPD-Politiker Willy Brandt Bundeskanzler geworden war und zusammen mit der FDP regierte. Die sozialliberale Koalition setzte unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ viele Reformen, besonders in der Sozialpolitik, durch. Die 1970er Jahre waren in der Folge von einem sozialliberalen Reformgeist geprägt, durch den sich das politische Klima in der BRD stark veränderte. Viele der ehemaligen APO-Aktivisten wurden nun SPD-Mitglieder und planten den sogenannten „langen Marsch durch die Institutionen“, um die BRD nachhaltig zu verändern.[12]

Aber nicht alle ehemaligen APO-Aktivisten waren mit dem neuen politischen Kurs einverstanden, manche hielten die BRD nach wie vor für einen kapitalistischen und faschistischen „NS-Nachfolgestaat“, in dem „Freiheit“ nach wie vor die „Freiheit für den Polizeiknüppel“[13] bedeutete. Zu ihnen zählten die Journalistin Ulrike Meinhof, der Studienabbrecher Andreas Baader sowie seine Partnerin, die Studentin Gudrun Ensslin. Ensslins Sohn aus einer vorherigen Beziehung war das Patenkind von Studentenführer Rudi Dutschke, der 1968 auf offener Straße von einem Rechtsradikalen angeschossen worden war, was für Ensslin und Baader ein weiterer Beweis für die faschistischen Tendenzen in der Bundesrepublik war. Den Zerfall der APO kommentierten sie 1971, nach Gründung der RAF, in ihrem Konzept Stadtguerilla damit, dass es der APO nicht gelungen sei, eine „ihren Zielen angemessene Praxis“ zu entwickeln.[14]

Eine „angemessene Praxis“ wollte die Gruppe um Ensslin und Baader nun entwickeln. Dafür sah sie keine andere Möglichkeit als den „bewaffneten Kampf“ nach Vorbild der südamerikanischen „Guerilla“ gegen den ihrer Meinung nach autoritären „NS-Nachfolgestaat“. Es galt, das angebliche Gewaltmonopol des Staates mit Gegengewalt im Sinne von Terrorismus zu brechen, da Terrorismus sofort nationale und internationale Aufmerksamkeit schafft und man dadurch schnell auf vermeintliche Missstände aufmerksam machen kann. Die RAF war in ihrem Selbstverständnis eine Untergrundorganisation für den Aufbau einer revolutionären Gegenmacht, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, entgegen den ihrer Meinung nach westlich-kapitalistischen und imperialistischen Plänen zur Ausbeutung des Einzelnen und entgegen der prinzipienlosen Wohlstandsgesellschaft in einem faschistischen Staat. Ihr Ziel war es aus der Bundesrepublik einen Staat nach marxistischem Vorbild zu machen, in welchem es keine Autoritäten mehr gibt.[15][16]

2.2 „Die ungestüme Herrlichkeit des Terrors“

Ein weiterer Kritikpunkt sowohl von der APO als auch von Ensslin und Baader an der BRD war die enge Freundschaft zu den ihrer Meinung nach „imperialistischen USA“, die in Vietnam Krieg führten. Der Vietnamkrieg war auch ein wichtiger Grund für die Studentenproteste in den westlichen Ländern Ende der 60er Jahre. In diesem Krieg bekämpften sich der kommunistische, von der UdSSR unterstützte Norden Vietnams und der kapitalistisch orientierte, von den USA unterstützte Süden des Landes. Die USA gingen dabei mit ihren Flächenbombardements besonders rücksichtslos vor. Als der Krieg 1975 zu Ende war, hatte er bis zu fünf Millionen Menschen das Leben gekostet.[17] Aus Protest gegen den Vietnamkrieg hatten Baader und Ensslin bereits 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brandsätze gelegt, damit man „das knisternde Vietnamgefühl endlich auch einmal in Deutschland spüren könne.“[18] In der Folge wurden die beiden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Dort lernten sich Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof kennen, Meinhof wollte einen Artikel über die Kaufhausbrandstifter schreiben. Baader und Ensslin kamen kurzzeitig wieder frei, nachdem das Verfahren gegen sie in Revision gegangen war. Nachdem diese jedoch abgelehnt wurde und die beiden wieder inhaftiert werden sollten, tauchten sie in Rom und Paris unter, kamen nach einigen Monaten aber zurück nach Berlin, wo sie bei Ulrike Meinhof untertauchen konnten. Als Andreas Baader einige Monate später bei einer Verkehrskontrolle identifiziert wurde, kam er erneut in Haft. Ensslin und Meinhof beschlossen daraufhin, Baader zu befreien.

Unter dem Vorwand, dass die beiden gemeinsam an einem Buch arbeiten wollten, konnte Ulrike Meinhof erwirken, dass Baader in das Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin-Dahlem gebracht wurde. Das Institut wurde schließlich von Ensslin und ihren Helfern gestürmt, wobei ein Institutsangestellter lebensgefährlich verletzt wurde. Die Baader-Befreiung am 14. Mai 1970 gilt als die offizielle Geburtsstunde der RAF.

In den beiden darauffolgenden Jahren verübte die erste Generation der „Baader-Meinhof-Gruppe“ zunächst mehrere Banküberfälle, um ihr Leben im Untergrund finanzieren zu können. Im Frühling 1972 fand schließlich ihre „Mai-Offensive“ statt, bei der sie insgesamt fünf Sprengstoffanschläge verübte. Diese richteten sich gegen das Hauptquartier des fünften US-Korps in Frankfurt am Main (11. Mai 1972), gegen zwei Polizeibehörden in München und Augsburg (12. Mai 1972), sowie gegen den BGH-Richter Richter Wolfgang Buddenberg in Karlsruhe (15. Mai 1972, bei dem Anschlag wurde jedoch nicht er, sondern seine Frau schwer verletzt, sie blieb bis an ihr Lebensende invalide). Weitere Anschläge richteten sich gegen das Verlagsgebäude von Axel Springer in Hamburg (19. Mai 1972) und gegen die Europazentrale der US-Armee in Heidelberg (24. Mai 1972). Durch die Anschläge wurden vier Menschen getötet, 74 wurden verletzt.

In den darauffolgenden Wochen fand die intensivste Fahndungsaktion in der Geschichte der BRD statt, die mit der Verhaftung der führenden RAF-Mitglieder endete. So konnten am 1. Juni Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins in einer Garage in Frankfurt festgenommen werden. Da sich die Männer militant gegen ihre Verhaftung wehrten, musste die Polizei von ihren Schusswaffen Gebrauch machen, dabei wurde Andreas Baader in den Oberschenkel geschossen. Holger Meins, der unverletzt geblieben war, musste sich bis auf die Unterwäsche ausziehen, da man befürchtete, dass er in seinen Kleidern eine weitere Waffe versteckt haben könnte. Jan-Carl Raspe konnte bereits einige Stunden zuvor vor der Garage verhaftet werden. Die Bilder des verletzten Andreas Baader und des fast nackten Holger Meins wurden abends in den Nachrichten gezeigt und erregten großes Mitleid in der Sympathisantenszene der RAF, so sah man die Bilder als Beweise für das faschistische Verhalten des Staates. Eine Woche später, am 7. Juni, wurde Gudrun Ensslin in einer Hamburger Modeboutique gefasst. Eine Verkäuferin hatte eine Pistole in ihrer Jacke gefunden und daraufhin die Polizei gerufen. Als letzte wurde Ulrike Meinhof am 15. Juni in Hannover festgenommen, sie hatte sich bei einem befreundeten Lehrerehepaar versteckt.[19] Damit waren die Führungsmitglieder der ersten Generation verhaftet, was jedoch nicht bedeutete, dass dies das Ende der RAF war oder dass diese nun ihren Kampf gegen die BRD aufgeben würde. Im Gegenteil, in den Gefängnissen kämpften Ensslin, Meinhof und Baader erbitterter als je zuvor, sie hatten lediglich ihre „Kampfstrategien“ geändert, wie sich im Folgenden zeigen wird.

3. Die erste Haftphase in verschiedenen Gefängnissen

3.1 „Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat“

„Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. […] Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das schlimmste. Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat.“ So beschrieb Ulrike Meinhof ihre Zeit im sogenannten „toten Trakt“ der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, wo sie vom 16. Juni 1972 bis zum 9. Februar 1973 inhaftiert war und dabei völlig von den anderen Insassen des Gefängnisses isoliert wurde. Sie war vollkommen alleine in diesem Teil des Gefängnisses untergebracht, in ihrer weißgestrichenen und mit ausschließlich weißen Möbeln eingerichteten Zelle brannte Tag und Nacht eine Neonröhre.[20]

Über die genauen Gründe für Meinhofs besonders strenge Haftsituation kann bis heute nur spekuliert werden. Offiziell wurde ihre Isolation mit ihrem aggressiven Verhalten und dem Versuch begründet, andere Häftlinge zu beeinflussen. Auch die anderen RAF-Mitglieder waren im ersten Jahr ihrer Haft vom normalen Anstaltsbetrieb isoliert, allerdings nicht auf so drastische Art und Weise wie Meinhof. So gelten ihre Haftbedingungen als Ausgangpunkt für die Vorwürfe der „Isolationsfolter“ und der „Vernichtungshaft“, die von der RAF und ihren Sympathisanten immer wieder artikuliert wurden. Hinzu kommt, dass kein anderes RAF-Mitglied seine Haftsituation so Öffentlichkeitswirksam beschrieben hat, wie es die Journalistin Ulrike Meinhof tat, womit sie auch während der Haft die „Stimme“ und das „symbolische Kapital“ der RAF blieb. Sie galt nach wie vor als das prominenteste Mitglied der „Baader-Meinhof-Bande“, wie die Gruppe von manchen Medien genannt wurde.[21]

Meinhofs Schilderungen sind außerdem der Ursprung für die Annahme, die RAF-Gefangenen seien während ihrer gesamten Haftzeit in einem „toten Trakt“ inhaftiert gewesen. Auch die Haftbedingungen, unter denen sie später in Stammheim lebten, wurden in der Sympathisantenszene ebenfalls mit den von Meinhof genannten Stichwörtern „weiß“, „kahl“ und „Dauerbeleuchtung“ assoziiert.[22] Zum Vergleich: Gudrun Ensslin, die vor ihren terroristischen Aktivitäten Doktorandin der Germanistik an der Freien Universität Berlin war[23] und somit ebenfalls über ein überdurchschnittlich gutes sprachliches Ausdrucksvermögen verfügt haben muss, beschrieb ihre Haft in der JVA Essen weniger dramatisch. Ihre Haftsituation schilderte sie nur in ihrer privaten Korrespondenz und erklärte darin, dass sie diese als „Mikrokosmos“ des von ihr abgelehnten Systems betrachtete. Somit versuchte sie anders als Ulrike Meinhof (zu Beginn) nicht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und zugleich lässt sich daraus schließen, dass ihre Haftbedingungen milder als die von Meinhof waren, aber wohl dennoch strenger als die einer „durchschnittlichen“ Gefangenen. Dasselbe gilt auch für das erste Haftjahr der Männer, dieses verbrachte Andreas Baader in Schwalmstadt, Holger Meins in Wittlich und Jan-Carl Raspe ebenfalls in Köln. Auch Raspe wurde von den anderen Häftlingen isoliert, allerdings war er nicht in einer Zelle im sogenannten „toten Trakt“ inhaftiert.

Sabine Bergstermann resümiert daraus, dass die Entscheidung, die Mitglieder der RAF unter besonders strengen Bedingungen zu inhaftieren, sich als Desaster für die Behörden erwiesen hatte, denn „binnen kürzester Zeit prägte sich so im linkskritischen und linksradikalen Diskurs eine Vorstellung der Haftsituation ein, die den ‚Staat‘ für die gesamte Dauer der Inhaftierung der ‚ersten Generation‘ in die Defensive brachte.“ Die RAF besetzte Begriffe wie „toter Trakt“, „Isolationsfolter“ und „Vernichtungshaft“ mit der Vorstellung ihrer alltäglichen Haftbedingungen und konnte damit ihre Sympathien im linken Milieu aufrechterhalten.[24]

[...]


[1] Zitat: Sontheimer, Michael: „Fotorecherche im Todestrakt“, Spiegel-Online-Artikel vom 15.11.2012, aufgerufen am 23.02.2017 unter: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ausstellung-stammheim-von-andreas-magdanz-im-kunstmuseum-stuttgart-a-867419.html

[2] Vgl. Kellerhoff, Sven Felix: „Die Mordlegende von Stammheim“, Die-Welt-Artikel vom 09.02.2007, aufgerufen am 23.02.2017 unter: https://www.welt.de/wams_print/article1151764/Die-Mord-Legende-von-Stammheim.html

[3] Vgl. Bergstermann, Sabine: Stammheim. Eine moderne Haftanstalt als Ort der Auseinandersetzung zwischen Staat und RAF, Berlin/Boston 2016, S. 87

[4] Vgl./Zitat: Sontheimer, Michael: „Meisterin des Moralisierens“, Spiegel-Online-Artikel vom 9.05.2016, aufgerufen am 23.02.2017 unter: http://www.spiegel.de/einestages/ulrike-meinhofs-selbstmord-1976-meisterin-des-moralisierens-a-1090361.html

[5] Vgl. Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, 11. Auflage, München 1998, S. 5-7

[6] Vgl. Oesterle, Kurt: Stammheim. Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge, 1. überarbeitete Neuauflage, Tübingen 2007

[7] Vgl. Bergstermann, S. 1

[8] Vgl./Zitate: ebd., Klappentext

[9] Zitat, das mit der 68er Bewegung assoziiert wird; Vgl. z.B. http://www.politikundunterricht.de/2_03/e4-e8.htm, aufgerufen am 24.02.2017

[10] Vgl./Zitat: Obermaier, Uschi/Kraemer, Olaf: High Times. Mein wildes Leben, 2. Auflage, München 2007, S. 48-51

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl./Zitate: Jäger, Wolfgang/Keitz, Christiane (Hg.): Geschichte – Von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 2011, S. 554-558, S. 562-563; sowie: Sontheimer, Michael: „Es lebe die Weltrevolution!“, in: Der Spiegel Geschichte Nr. 4/2016 – Die 60er Jahre. Pop, Protest und Fortschrittsglaube, S. 50-59

[13] Vgl./Zitat: Langels, Otto: „Natürlich kann geschossen werden“, Artikel des Deutschlandfunks vom 15.06.2005, aufgerufen am 24.02.2017 unter: http://www.deutschlandfunk.de/natuerlich-kann-geschossen-werden.871.de.html?dram:article_id=125182

[14] Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, 1971, aufgerufen am 24.02.2017 unter: http://www.rafinfo.de/archiv/raf/konzept_stadtguerilla.php

[15] Vgl. Das Konzept Stadtguerilla

[16] Zitat: Aust, S. 119

[17] Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid: Die 68er Bewegung, 4. Auflage, München 2008, S. 35-49

[18] Vgl. Aust, S. 64-68; Zitat nach „Flugblatt Nr. 7“ der Kommune 1, aufgerufen am 24.02.2017 unter: https://www.historicum.net/persistent/old-purl/5138!

[19] Vgl. Aust, S. 74-80, S. 97-100, S. 108-118, S. 138-142, S. 224-227, S.244-254, S. 258-264

[20] Vgl./Zitat: Aust, S. 270

[21] Vgl. Böll, Heinrich: „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, in: Der Spiegel Nr. 3/1972. Böll kritisiert darin den Umgang konservativer Medien mit der RAF. Jedoch bezeichneten auch neutralere Medien wie die Tagesschau die RAF als „Anarchisten“ und als „Bande“; Vgl. z.B. Tagesschau vom 9. Mai 1976, in: „Ulrike Meinhof – Wege in den Terror“, RBB/ARD 2006, ab 0:36 min, aufgerufen am 25.02.2017 unter: https://www.youtube.com/watch?v=00N7LdfPTdo Der Böll-Artikel wurde am 25.02.2017 unter http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43019376.html aufgerufen.

[22] Vgl./Zitate: Bergstermann, S. 97-100

[23] Vgl. Gallus, Alexander: Ein Anfang, der das Ende nicht erwarten ließ. Die Studienstiftler Meinhof, Mahler, Ensslin, Vesper und die Eliteförderung der frühen Bundesrepublik - eine Aktenlektüre, in: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 24/2012, S. 13f

[24] Vgl./Zitate: Bergstermann, S. 97-100

Details

Seiten
34
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668852440
ISBN (Buch)
9783668852457
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452523
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
RAF Geschichte der BRD 1970er Jahre Leben in deutschen Gefängnissen Stammheim Terrorismus

Autor

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Titel: "Isolationsfolter" und "Vernichtungshaft"? Die RAF und ihre Haftbedingungen in bundesdeutschen Gefängnissen