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Die Gesellschaftsentwürfe in der Globalisierungsdebatte

Diplomarbeit 2005 119 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Teil: Die Globalisierung aus ökonomischer Perspektive
1.1 Ursachen wirtschaftlicher Globalisierung - Die Herausbildung globaler Märkte
1.1.1 Weltwirtschaftliche Entwicklungen nach 1945
1.1.2 Das Ende von Bretton Woods
1.1.3 Das „neoliberale Projekt“
1.1.4 Neue Technologien
1.1.5 Das Ende des Ost-West-Konflikts
1.1.6 Ungleiche Integration
1.2 Die neue Dimension globaler Märkte
1.2.1 Globale Produktion und Investitionsströme
1.2.2 Globaler Handel
1.2.3 Globale Finanzmärkte
1.3 Das Primat globaler Märkte - Die Folgen
1.3.1 Die Instabilität des globalen Geldmarktes und die Finanzkrisen
1.3.2 Veränderte Rolle der Nationalstaaten
1.3.3 Kleiner Exkurs zu internationalen Beziehungen
1.3.4 „Gewinner“ und „Verlierer“ der Globalisierung
1.3.5 Zusammenfassung

2. Teil: Die ideologische Globalisierungsdebatte - Gesellschaftsentwürfe
2.1 Divergierende Verständnisse wirtschaftlicher Globalisierung
2.1.1 Die globalisierungskritische Bewegung
2.1.2 Globalisierung: Chance oder Katastrophe ?
2.2 Die Kritiker der Globalisierung
2.2.1 Kritik an der neoliberalen Ideologie
2.3 Perspektiven auf die wirtschaftliche Globalisierung
2.3.1 Wirtschaftliche Globalisierung als „Raubtierkapitalismus“
2.3.2 Wirtschaftliche Globalisierung als geopolitisches Instrument
2.3.3 Wirtschaftliche Globalisierung - Sozialdemokratische Perspektive
2.4 Die Antwort der Befürworter
2.4.1 Wirtschaftliche Globalisierung - liberale Perspektive
2.5. Einschätzung der Perspektiven
2.6. Die Gesellschaftsentwürfe
2.6.1 Die „Marktskeptiker“
2.6.2 Was der Markt kann
2.6.3 und was der Markt nicht kann

Fazit

Abstract

Literaturverzeichnis

Einleitung (für die Käufer, leicht verändert, Originalanleitung im Haupttext !!!)

War das Wort „Globalisierung“ in den sechziger Jahren noch in keinem Lexikon zu finden (vgl. Winter 20001 ), so hat es mittlerweile einen Schlagwortstatus2 in der öffentlichen Diskussion erreicht und wird zur Beschreibung unterschiedlichster Phänomene in den sozial-, politik-, und wirtschaftswissenschaftlichen Debatten verwendet: „Es gibt wohl kaum einen diskursiven Kontext, in dem das Wort nicht schon in irgendeiner Weise gefallen wäre und debattiert wurde. Alles ist global geworden, von der Weltwirtschaft, den Menschenrechten, den Umweltproblemen bis zum Tourismus oder unserem Lebensstil. Globalisierung ist irgendwie immer mit im Spiel.“ (Dürrschmidt 2002:5). Globalisierung ist daher, wie von vielen Beobachtern festgestellt wird, zu einem „Modewort mit vagem Inhalt“ (Rothschild 2000:25) avanciert.

Spätestens jedoch seit den Protesten gegen die Welthandelsorganisation [WTO] in Seattle 1999 wird in der öffentlichen Debatte sowie in Kreisen vieler Wirtschafts- und Politikwissenschaftler unter „Globalisierung“, zumeist ein ökonomischer sowie politischer Prozess verstanden, welcher je nach Deutung und Interesse entweder als Chance oder als Bedrohung gesehen wird:

So folge, nach Meinung der Kritiker, die von WTO, Weltbank und internationalem Währungsfond vertretene Politik einer neoliberalen, ökonomischen Ideologie. Diese Politik eröffne mit der Deregulierung und Privatisierung nationalstaatlicher Märkte den wachsenden transnationalen Unternehmen und dem Finanzkapital neue Strategien für die Kapitalakkumulation, sie sei jedoch blind gegenüber globalen Ungleichheiten und der Degradierung der Umwelt, ja verschärfe diese gar. Wolle man den destruktiven Kräften des „Kasino-Kapitalismus“ Einhalt gewähren so erfordere dies einschneidende Reformen.

Anders sehen die so genannten Befürworter, wie zum Beispiel Jagdish Bhagwati, Ökonom und berühmter Kritiker der Globalisierungsgegner, die ökonomische Globalisierung und die Deregulierungs- und Privatisierungsprozessen als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems und in der internationalen Arbeitsteilung den Schlüssel zur Steigerung der Wohlfahrt: „globalization already has profound ethical dimensions“ (Bhagwati 2003:221). So sieht Bhagwati die Notwendigkeit Unternehmen gegen ignorante, ideologische und strategische Angriffe zu schützen, da sie generell Gutes und kein Schaden anrichten würden

(Bhagwati 2003:31). Die Befürworter der ökonomischen Globalisierung vertreten die

Position, dass sich weltweite Handelsliberalisierung und die Disziplinierung der Märkte durch das Finanzkapital auf lange Sicht zum Wohle aller entwickeln werde.

Doch was genau wird in der Globalisierungsdebatte kritisiert oder befürwortet?

Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst die weltwirtschaftlichen Entwicklungen seit 1945 und die aktuelle weltwirtschaftliche Situation skizziert. Denn die letzten Jahrzehnte waren von weltwirtschaftlichen Strukturveränderungen gekennzeichnet, welche eine globale Produktions-, Handels- und Finanzstruktur hervorbrachten. Dies bedeutet, dass die Wirtschaftsakteure zunehmend die ganze Welt als Produktions-, Finanz-, und Absatzmarkt wahrnehmen und ihre Handlungen dementsprechend ausrichten.

Im Anschluss daran werden dann die zentralen Problemfelder, die sich aus der Entstehung globaler Märkte ergeben, herausgearbeitet: Erstens, der neue Charakter der Finanzmärkte; zweitens, die Diskrepanz zwischen territorialem Nationalstaat und den über die Grenzen strebenden ökonomischen Beziehungen; drittens, das Problem der „Gewinner“ und „Verlierer“ der weltwirtschaftlichen Verflechtungen. An diesen Problemfeldern entzündet sich die aktuelle Globalisierungsdebatte aus ökonomischer und politischer Sicht.

Im zweiten Teil wird dann das zentrale Thema der Arbeit behandelt: Die Darstellung des Bildes, welches die Kritiker sowie Befürworter der Globalisierung von dieser haben. Was bedeutet für sie der Prozess der Globalisierung? Welche Probleme werden von ihnen unter dem Schlagwort Globalisierung identifiziert? Und welche Reformvorschläge ergeben sich aus den divergierenden Perspektiven auf die wirtschaftliche Globalisierung?

Unter den Kritikern lassen sich drei zentrale Positionen in Bezug auf die wirtschaftliche Globalisierung identifizieren. Erstens, die stark am Marxismus orientierte Perspektive, durch welche die Herausbildung globaler Märkte als kapitalistisches Hyperwachstum gesehen wird. Zweitens die “machtorientierte” Perspektive, welche in der wirtschaftlichen Globalisierung ein Instrument des Westens zur Sicherung geopolitischer Stabilität sieht. Und drittens, die „liberal-sozialdemokratische“ Perspektive. Aus dieser wird wirtschaftliche Globalisierung als eine Chance für Entwicklung und Wachstum gesehen, die allerdings nur dann gelingt, wenn entsprechende Reformen zur Regulierung der Märkte implementiert werden und ein neuer Gesellschaftsvertrag entsteht.

Die Perspektive der Befürworter auf die wirtschaftliche Globalisierung kann wiederum als die „liberale Perspektive“ bezeichnet werden. Ihr liegen Erkenntnisse über die Vorzüge des Freihandels sowie die Ideen des Wirtschaftsliberalismus und des politischen Liberalismus zugrunde.3

Abschließend werden dann die Reformvorschläge von Kritikern sowie Befürwortern der Globalisierung beleuchtet. Die Reformvorschläge, welche sich aus den divergierenden Perspektiven ergeben, können in zwei Kategorien eingeteilt werden. Die erste Kategorie von Vorschlägen (vornehmlich von Seiten der Kritiker, welche ein tiefes Misstrauen gegenüber den Marktmechanismen hegen) zielt darauf ab, den Marktmechanismus zu verändern oder zu zerstören.

Die zweite Kategorie von Vorschlägen geht von den chancenbringenden Potentialen der Globalisierung aus. Sie zielt darauf ab, die Ergebnisse des Marktmechanismus durch adäquate politische Reformen und Maßnahmen dorthin zu lenken wo Defizite herrschen, und die Verlierer der Globalisierung zu kompensieren.

War das Wort „Globalisierung“ in den sechziger Jahren noch in keinem Lexikon zu finden (vgl. Winter 20004 ), so hat es mittlerweile einen Schlagwortstatus5 in der öffentlichen Diskussion erreicht und wird zur Beschreibung unterschiedlichster Phänomene in den sozial-, politik-, und wirtschaftswissenschaftlichen Debatten verwendet: „Es gibt wohl kaum einen diskursiven Kontext, in dem das Wort nicht schon in irgendeiner Weise gefallen wäre und debattiert wurde. Alles ist global geworden, von der Weltwirtschaft, den Menschenrechten, den Umweltproblemen bis zum Tourismus oder unserem Lebensstil. Globalisierung ist irgendwie immer mit im Spiel.“ (Dürrschmidt 2002:5). Globalisierung ist daher, wie von vielen Beobachtern festgestellt wird, zu einem „Modewort mit vagem Inhalt“ (Rothschild 2000:25) avanciert.

Spätestens jedoch seit den Protesten gegen die Welthandelsorganisation [WTO] in Seattle 1999 wird in der öffentlichen Debatte sowie in Kreisen vieler Wirtschafts- und Politikwissenschaftler unter „Globalisierung“, zumeist ein ökonomischer sowie politischer Prozess verstanden, welcher je nach Deutung und Interesse entweder als Chance oder als Bedrohung gesehen wird:

So folge, nach Meinung der Kritiker, die von WTO, Weltbank und internationalem Währungsfond vertretene Politik einer neoliberalen, ökonomischen Ideologie. Diese Politik eröffne mit der Deregulierung und Privatisierung nationalstaatlicher Märkte den wachsenden transnationalen Unternehmen und dem Finanzkapital neue Strategien für die Kapitalakkumulation, sie sei jedoch blind gegenüber globalen Ungleichheiten und der Degradierung der Umwelt, ja verschärfe diese gar. Wolle man den destruktiven Kräften des „Kasino-Kapitalismus“ Einhalt gewähren so erfordere dies einschneidende Reformen.

Anders sehen die so genannten Befürworter, wie zum Beispiel Jagdish Bhagwati, Ökonom und berühmter Kritiker der Globalisierungsgegner, die ökonomische Globalisierung und die Deregulierungs- und Privatisierungsprozessen als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems und in der internationalen Arbeitsteilung den Schlüssel zur Steigerung der Wohlfahrt: „globalization already has profound ethical dimensions“ (Bhagwati 2003:221). So sieht Bhagwati die Notwendigkeit Unternehmen gegen ignorante, ideologische und strategische Angriffe zu schützen, da sie generell Gutes und kein Schaden anrichten würden

(Bhagwati 2003:31). Die Befürworter der ökonomischen Globalisierung vertreten die Position, dass sich weltweite Handelsliberalisierung und die Disziplinierung der Märkte durch das Finanzkapital auf lange Sicht zum Wohle aller entwickeln werde.

Doch was genau wird in der Globalisierungsdebatte kritisiert oder befürwortet?

Im ersten Teil der Arbeit sollen zunächst die weltwirtschaftlichen Entwicklungen seit 1945 und die aktuelle weltwirtschaftliche Situation skizziert werden. Dann sollen die zentralen Problemfelder, die sich aus der Entstehung globaler Märkte ergeben, herausgearbeitet werden. Denn an diesen Problemfeldern entzündet sich die aktuelle Globalisierungsdebatte aus ökonomischer und politischer Sicht.

Im Anschluss daran werden die wichtigsten Positionen von Kritikern sowie Befürwortern und das Bild, welches sie von der Globalisierung oder den Globalisierungsprozessen zeichnen, dargestellt: Was bedeutet für sie der Prozess der Globalisierung? Welche Probleme werden von ihnen unter dem Schlagwort Globalisierung identifiziert? Und welche Reformvorschläge ergeben sich aus den divergierenden Perspektiven auf die wirtschaftliche Globalisierung?

1. Teil: Die Globalisierung aus ökonomischer Perspektive

Ursachen wirtschaftlicher Globalisierung - Die Herausbildung globaler Märkte

Um die aktuelle Debatte über die Chancen und Risiken der weltwirtschaftlichen Veränderungen zu verstehen, ist es vorab notwendig einen Blick auf die politischen Ereignisse sowie die technologischen Entwicklungen, die den wirtschaftlichen Globalisierungsprozess vorangetrieben haben, zu werfen.

Aus ökonomischer Perspektive, und aus dieser soll Globalisierung hier zunächst dargestellt werden, wird unter „Globalisierung“ ein „Prozess beschleunigter weltwirtschaftlicher Öffnung“ (Schüller/Fey 2002: 4), der zu einer wachsenden Integration oder besser Verflechtung nationaler Volkswirtschaften führt, verstanden:

Globalisierung bedeutet den Abbau von Marktsegmentierungen, und zwar nicht nur von Transaktionskosten wie Kommunikations- und Transportkosten, sondern auch die Aufhebung von Marktbegrenzungen, die durch nationale handelseinschränkende Maßnahmen bedingt sind. Globalisierung hat eine zunehmende Interdependenz von Märkten zur Folge, und damit auch eine verstärkte Interdependenz der Produktion in verschiedenen Ländern. (Siebert 1997: 13)

Von den meisten Beobachtern wird konstatiert, dass wachsende Handelsverflechtungen, eine Vernetzung nationaler Finanzmärkte, erhöhter transnationaler Kapitalverkehr und eine zunehmend global werdende Produktionsstruktur seit den 70er Jahren in beispiellosen Dimensionen zu verzeichnen sind (Siebert 1997; Varwick 2000; Dieckheuer 2001). Folglich, so Siebert, befinde sich die Weltwirtschaft derzeit in einem „Umbruch“ (Siebert 1997:11), wobei verschiedene, sich wechselseitig bedingende Ursachen für diese Entwicklung identifiziert werden.

Dazu zählen solche Akteure wie Nationalstaaten, internationale Organisationen und transnationale Unternehmen, welche Deregulierungs- und Liberalisierungsmaßnahmen in den letzten Jahrzehnten unterstützt haben. Zudem haben internationale politische Veränderungen [Ende des Ost-West-Konfliktes], aber auch die Bemühungen um den Aufbau regionaler Freihandelszonen [zum Beispiel der EU] zur Öffnung nationaler Volkswirtschaften geführt. Drittens ermöglichten „Quantensprünge in der Entwicklung der Kommunikations- und Transporttechnologie“ (Rieger/Leibfried 2001:28) eine erhöhte Rentabilität des grenzüberschreitenden Handels. Letztlich förderte die Entwicklung neuer Technologien eine Neustrukturierung von Betrieben sowie das Entstehen transnationaler Unternehmen, welche wiederum den Globalisierungsprozess beschleunigten (Rieger/Leibfried 2001; Varvick 2000; von Plate 1999). All diese Faktoren haben zu einer „wachsenden Mobilität und Verflechtung privater wirtschaftlicher Aktivitäten“ (Schirm 2004:69), kurz, zu der Herausbildung globaler Märkte geführt.

Zunächst sollen die historischen Entwicklungen der Weltwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg und die von den Nationalstaaten unternommenen Deregulierungsmaßnahmen skizziert werden. Mit diesen werden gleichzeitig die Ursachen für die Entstehung globaler Finanzmärkte, des globalen Handels und der Produktions- und Investitionsströme6 beleuchtet. In einem zweiten Schritt erfolgt dann eine Charakterisierung der globalen Märkte.

1.1.1 Weltwirtschaftliche Entwicklungen nach 1945

Während des ersten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre brachen die vormals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts relativ gut funktionierenden Strukturen des internationalen Handels völlig zusammen. Bemühungen um die Wiederherstellung einer stabilen weltwirtschaftlichen Ordnung wurden allerdings schon während des zweiten Weltkrieges seitens der USA [White-Plan] und Großbritannien [Keynes-Plan]7 unternommen (Borchert 1997).

Beim Entwerfen der Pläne war man bestrebt das Risiko der Wiederholung einer wirtschaftlichen Depression im Ausmaß der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre zu minimieren. Daher suchte man nach einer Übereinkunft zwischen „möglichst intensiven weltweiten Wirtschaftsbeziehungen und dem Wunsch nach möglichst weitgehender nationaler Handlungsfreiheit und nach dem Schutz vor weltwirtschaftlich induzierten Störungen“ (Andersen 2000:539).8 Dies mündete im Jahr 1944 zum Abkommen von Bretton Woods, im Rahmen dessen ein neues internationales Währungssystem und die Gründung des internationalen Währungsfond [IWF] und der Weltbank beschlossen wurden. Einige Zeit später kam zu den so genannten Bretton-Woods Zwillingen eine dritte Institution hinzu: das Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen“ [General Agreement on Tariffs and Trade - GATT], welches am 1. Januar 1948 von 23 Ländern9 unterzeichnet wurde und jene sich damit verpflichteten ihre tarifären Handelsschranken sukzessiv abzubauen.10

Die Hauptaufgabe der 1947 in Kraft tretenden Organisationen war die Stabilisierung der Wechselkurse und die Vergabe von Währungskrediten an Länder mit Zahlungsbilanzproblemen [IWF], die Gewährleistung von Kredithilfen für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Europas11 und für langfristige Projekte der Entwicklungsländer [Weltbank], sowie, ab 1948, der Abbau von tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnissen im Rahmen der GATT-Verhandlungen [später der WTO-Verhandlungen]. Wie Woods resümiert waren die ab den 50er Jahren operierenden Bretton-Woods Organisationen „unsurprisingly, […] distinctly Western bloc organizations which depended heavily on the United States“ (Woods 2001:279).

Außerhalb des Bretton-Woods Systems schuf die Sowjetunion zusammen mit den Ostblockstaaten den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RWG).12 Die Volkrepublik China schlug einen eigenständigen ökonomischen Weg ein. Dagegen traten einige Entwicklungsländer den Bretton-Woods Organisationen bei, sie spielten bei den Einigungsgesprächen aber nur eine marginale Rolle. Denn der größte Teil der Entwicklungsländer hatte noch den Status von Kolonien, und ihre Interessen, insbesondere die Frage der Rohstoffpreisstabilisierung, wurden somit kaum berücksichtigt später allerdings umso heftiger thematisiert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung [OECD] der Industrieländer und der RGW der kommunistischen Länder übernahmen zu der Zeit die Koordination der finanziellen Unterstützung der Entwicklungsländer (Andersen 2000).

Mit dem Gold-Dollar-Standard, den Kontrollen des Kapitalverkehrs und den Hilfen bei Zahlungsproblemen wurde so ein „relativ restriktives Finanzsystem“ (Schirm 2004:72) etabliert. Dieses Finanzsystem sollte verhindern, dass nationale Volkswirtschaften

Südrhodesien, Syrien, Südafrika, Großbritannien und die USA. China und der Libanon traten allerdings rasch wieder aus (Hoekman 2001). protektionistische Handelspolitik betrieben. Außerdem sollte garantiert werden, dass die Regierungen genügend Handlungsfähigkeit besaßen, den nach 1945 entstandenen interventionistischen Wohlfahrtsstaat [siehe Abschnitt 1.1.3] gestalten zu können, ohne durch spekulative Kapitalbewegungen eingeschränkt zu werden (Schirm 2004).13

Die Neuordnung der Weltwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg war die Grundlage für die wachsende Verflechtung nationaler Güter- und Finanzmärkte. So hatten zum Beispiel die GATT-Verhandlungsrunden [seit 1947] zur Folge, dass die durchschnittlichen Zölle auf Fertiggüter zwischen den westlichen Industrieländern von 40 Prozent im Jahr 1930 auf weniger als 4 Prozent im Jahr 1999 fielen. Zudem konnten bis zu den 70er Jahren im Rahmen des Gold-Dollar Standards die wichtigsten Währungen und insbesondere der amerikanische Dollar „weltweit“14 zirkulieren und gegen lokale Währungen zu einem noch festen Kurs getauscht werden (Scholte 2001:532).

Während das Bretton-Woods-System bis zum Anfang der 70er Jahre relativ erfolgreich, wenn auch nicht krisenfrei, operierte, kam es dann zu entscheidenden Entwicklungen, die das Ende des Systems fester Wechselkurse einleiteten.

1.1.2 Das Ende von Bretton Woods

Die Verschuldung der USA nahm Mitte der 60er Jahre aufgrund wachsender Militärausgaben für den Vietnamkrieg und kostspieliger innenpolitischer Reformen im Bildungswesen und der Stadtentwicklung dramatisch zu. Die Preise innerhalb der US- Wirtschaft stiegen an und die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Güter und Dienstleistungen ließ nach. Aus diesem Grunde nahm das Vertrauen vieler Firmen und Länder in den US-Dollar ebenfalls ab und man zweifelte zunehmend an der Fähigkeit der USA, den Dollar durch Gold auch in Zukunft decken zu können. Seit 1970 erfuhren überdies viele Entwicklungs- und Schwellenländer, wie einige lateinamerikanische Länder [zum Beispiel Brasilien und Chile] und insbesondere die asiatischen Schwellenländer [der Stadtstaat Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan] einen Industrialisierungsschub und konnten ihren Anteil am Welthandel vergrößern. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass viele Entwicklungsländer ihr wirtschaftliches Modell der Importsubstitution änderten und sich außenwirtschaftlich geöffnet haben (Dieckheuer 2001:19). Weiterhin wird der Industrialisierungsschub der Schwellenländer auch durch ihren Zugriff auf „extrem ergiebige internationale Finanzmärkte“ (Andersen 2000:534) erklärt.

Zusammen mit der wieder erstarkten europäischen Wirtschaft verringerte sich somit die ökonomische Vormachtstellung der USA.

Infolgedessen kündigte die amerikanische Regierung im Jahr 1971 an, den Umtausch von Dollar gegen Gold nicht mehr garantieren zu können und 1973, mit dem Ausbruch der ersten Ölkrise, kam es zum Zusammenbruch des Bretton-Woods Systems. Die Industrieländer waren nicht mehr fähig ihre Wechselkurspolitik im Rahmen des IWF zu koordinieren und die wichtigsten Währungen begannen zu schwanken. Die Staaten mit den stärksten Geldern fingen an Währungsfragen in engeren Kreisen, das erste Mal im Rahmen des „G7“-Treffens im Jahr 1975, bei dem die USA, Kanada, Japan, Großbritannien, Italien, Frankreich und Deutschland partizipierten, zu erörtern (Woods 2001:279f.).

Das Ende des Bretton-Woods Systems war eine der Ursachen für das Anwachsen globaler Finanzmärkte15. Aufgrund der Entwicklung eines flexiblen oder „floatenden“ Wechselkursystems16 wurden Währungstransaktionen rentabler, und viele große Banken begannen Währungsgeschäfte mit ausländischen Finanzinstituten zu betreiben (Deeg 1996: 112). Ebenso wurde eine Diversifizierung von Kapitalanlagen auf verschiedene Währungen, um ein Wechselkursrisiko auszugleichen, nötiger. Zudem wuchsen die globalen Finanzmärkte aufgrund der plötzlichen Zunahme internationaler Anlagegeschäfte (Schirm 2004:72f.).

Der Anstieg internationaler Anlagegeschäfte kann wiederum auf die Anfang der 70er Jahre explodierenden Ölpreise [erste Ölkrise] und das daraus entstehende Bedürfnis der OPEC-Länder, ihre Überschüsse einträglich anzulegen, zurückgeführt werden (Siebert 1997:5). Die Petro-Dollar-Einnahmen der Ölländer wurden meist bei privaten europäischen und amerikanischen Banken angelegt, welche mit dem Ziel das Geld gewinnbringend zu verleihen auf dringend externe Kredite benötigende Entwicklungsländer trafen. Infolgedessen wurde das private Kreditgeschäft auf Länder ausgedehnt, welche zuvor nur geringfügig in das internationale Finanzgeschäft integriert waren: die Entwicklungsländer.17

Aber nicht nur das System stabiler Wechselkurse löste sich auf. Ebenso wurde der Konsens, offene Handelsstrukturen auch während Phasen ökonomischer Schwierigkeiten beizubehalten, gelockert. Während die zweite GATT-Runde [Kennedy-Runde 1964-67] zu entscheidenden Zollsenkungen führte, war es ab 1970 dem GATT nicht mehr möglich wirtschaftlich starke Mitglieder wie die USA oder die europäischen Länder an das GATT- Prinzip zu binden. Viele Ausnahmeregelungen und Klauseln wurden zugunsten des Schutzes der Volkswirtschaften der Industrieländer missbraucht (Woods 2001:281).18 In der Liberalisierung der Märkte bestimmten und bestimmen daher auch meist die wirtschaftlich starken Länder den Verlauf der GATT- und heute der WTO-Verhandlungen.

Der „neue Protektionismus“ der Industrieländer war unter anderem Auslöser für eine scharfe Kritik an den weltwirtschaftlichen Strukturen seitens der Entwicklungsländer. Diese präsentierten in den 70er Jahren ein Dokument unter dem Titel „Neue Weltwirtschaftsordnung“ [NWWO], in dem sie mehrere Forderungen zur Verbesserung ihrer weltwirtschaftlichen Position stellten und eine größere Mitbestimmung bei den ökonomischen Entscheidungsprozessen verlangten. Angesichts der ersten Ölkrise, die den Industrieländern ihre Abhängigkeit von den ölexportierenden Ländern vor Augen zu führen schien, und der Gruppensolidarität der Entwicklungsländer, wurde die NWWO im Jahr 1974 in UN- Dokumenten verankert. Dennoch scheiterte ihre Umsetzung am wachsenden Widerstand der Industrieländer (Andersen 2000).19

Anfang der 80er Jahre kam es dann zu einer Verschärfung von Krisentendenzen in der Weltwirtschaft. Zum einen sind hier weitere protektionistische Maßnahmen seitens der Industrieländer in Folge der zweiten Ölkrise 1980 und zum anderen die Verschuldungskrise der Entwicklungsländer zu nennen. Wobei die protektionistischen Tendenzen der Industrieländer die Schuldenkrise der Entwicklungsländer noch verschärften.20

Die Verschuldungskrise erreichte solch gravierende Ausmaße, dass die 80er Jahre auch als „Jahrzehnt der Schuldenkrise“ (Andersen 2000:203) charakterisiert werden. Dem IWF kam hier die Aufgabe zu konditionale Währungskredite an Entwicklungsländer zu vergeben, um so deren Regierungen zu einer dringend erforderlichen Anpassung ihrer Wirtschaftspolitik zu bewegen. Die Bedingungen, die der IWF mit der Vergabe der Währungskredite an die Entwicklungsländer stellte, waren maßgeblich von einem Programm bestimmt, welches als „Washington Konsens“ bekannt wurde. Die sofortige Reduzierung der Inflation und der Budgetausgaben sollten von den Kredit nehmenden Entwicklungsländern durch strenge Budgetrestriktionen und durch Handelsliberalisierung, Deregulierung und Privatisierung ihrer nationalen Wirtschaft erbracht werden (Woods 2001:282). Man war sich einig, dass die Krisenländer durch diese Maßnahmen das erforderliche ausländische Kapital anziehen sollten, welches sie für ihren Wachstumsprozess dringend benötigten.

Gegen Ende des kalten Krieges wandelte sich daher entsprechend der weltwirtschaftlichen Veränderungen die Rolle der 1947 gegründeten Bretton-Woods Institutionen: Die Weltbank gewährte Kredite für Entwicklungsländer, das GATT konnte protektionistische Tendenzen der Industrieländer in den 70er Jahren nicht verhindern und erfüllte somit nicht die Erwartungen der Entwicklungsländer, und der IWF verlor seine zentrale Rolle im Weltwährungssystem und erhielt die neue Aufgabe konditionale Währungskredite an Entwicklungsländer zu vergeben (Woods 2001:282).

Die Rezession der 70er Jahre, die Zahlungsbilanz und Budgetdefizite der USA sowie Befürchtung der Abwanderung von Kapital bewirkten allerdings nicht nur eine Veränderung der weltwirtschaftlichen Finanzarchitektur. Sie hatten auch einen Wandel des angelegt wurden, und diese wiederum mit dem Ziel das Geld gewinnbringend anzulegen auf dringend externe Kredite benötigende Entwicklungsländer trafen. Diese erhielten, da die Konkurrenz im Bankensektor aufgrund der in den 70er Jahren unternommenen Deregulierungsmaßnahmen der USA und Großbritanniens recht groß war, Bankkredite zu sehr günstigen Konditionen. Die Entwicklungsländer konnten allerdings, erstens, aufgrund der Erhöhung der Preise für Öl und für ölbedingte industrielle Importgüter, und zweitens, aufgrund des drastischen Zinsanstiegs den die US-Regierung 1979 vornahm, um ihre Inflation und ihr immenses Leistungsbilanzdefizit zu bekämpfen, ihrem Schuldendienst nicht mehr wahrnehmen. Dies hatte einen Vertrauensverlust seitens der Kreditgeber in die Zahlungsfähigkeit der Entwicklungsländer zufolge. Zudem resultierte aus der weltwirtschaftlichen Rezession der 80er Jahre eine fallende Nachfrage nach Rohstoffen und somit einer Verschlechterung der „ terms of trade “ der Rohstoff exportierenden Entwicklungsländer und es kam ebenso zu protektionistischen Tendenzen seitens der Industrieländer, was dazu führte, dass die Entwicklungsländer ihren Exportsektor zum Zwecke der Schuldentilgung nicht ausbauen konnten. Zu den externen Ursachen kamen noch interne Ursachen hinzu, wobei hier von Andersen zum einen die unproduktive Verwendung der Auslandskredite genannt wird, welche oft für den Bau dubioser Prestigeobjekte verwendet wurden oder auf Konten korrupter Eliten landeten. Zum anderen waren die Entwicklungsländer aufgrund politischer Krisen und wirtschaftspolitischer Fehlsteuerung wie zum Beispiel durch hohe Haushaltsdefizite, von einer starken Inflation sowie überbewerteten Wechselkurse geprägt [Genaueres zur Schuldenkrise siehe bei: Andersen (2000: 202-210) oder Siebert (1997:127)]. wirtschaftspolitischen Paradigmas zur Folge, welcher ebenso zur Verflechtung nationaler Volkswirtschaften beitrug.

1.1.3 Das „neoliberale Projekt“

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die21 Wirtschaftspolitik der westlichen Nationen von den beiden Grundprinzipien des keynesianischen Wirtschaftskonzeptes Staatsinterventionismus und Wirtschaftslenkung geprägt. Der Staat sollte die zentrale Rolle der Nachfragesteuerung [„demand management“] übernehmen, durch öffentliche Investitionen die Nachfrage stützen, sowie lenkend in Wirtschaftsprozesse eingreifen. Diese Wirtschaftspolitik bescherte den Industrieländern für einige Zeit prosperierendes Wachstum und Vollbeschäftigung. Doch nach der ersten Ölkrise wurde zunehmend an der Leistungsfähigkeit des „wirtschaftspolitisch gesteuerten Marktkapitalismus“ (Willke 2001:31) gezweifelt. Denn nicht nur die US-Wirtschaft erlebte Anfang der 70er Jahre einen Wachstumsrückgang. Vielmehr wurde das „Goldene Zeitalter“ oder „Zeitalter von Keynes“ (Willke 2003:31) der 60er Jahre nach der ersten Ölkrise von einer Phase der Stagflation [hohe Inflation und geringer Wachstum], der Währungsturbulenzen, hoher Arbeitslosigkeit und anhaltender Investoren- und Konsumentenverunsicherung abgelöst. Diese Phase kann daher auch als „tiefste und längste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise“ (ebd.) bezeichnet werden. Angesichts der wirtschaftlichen Krisen wurde daher immer mehr an der Leistungsfähigkeit des „keynesianisch inspirierte[n] Projekt[es]“ gezweifelt, und jenes wurde auch als „Irrweg und eigentliche Gefährdung der Marktwirtschaft interpretiert“ (Willke 2003:32).

Es begann eine Suche nach Alternativen zum herrschenden Paradigma. Und die von den USA [unter Ronald Reagan], Großbritannien [unter Margaret Thatcher] und anderen Industrieländern [wie Deutschland unter Helmut Kohl] unternommenen Deregulierungen, Privatisierungen und Flexibilisierungen der nationalen Wirtschaftsstrukturen erfolgten unter dem Einfluss des als „neoliberales Projekt“ (Willke 2003) bezeichneten Programms. Dieses wurde maßgeblich von Milton Friedmans ökonomischer Theorie des Monetarismus beeinflusst.

Die auch als „monetaristische Gegenrevolution“ (Willke 2003:33) bekannte Änderung des wirtschaftspolitischen Paradigmas resultierte in einem „Abbau überzogener Regulierungen, Verschlankung des Staates (Privatisierung), Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Zurückdrängung des Einflusses der Gewerkschaften […], Steuerreform, Umbau des Sozialstaates, Forschungs- und Technologiepolitik und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ (Willke 2003:33f.).22 Diese Deregulierungen, besonders im Bankensektor, haben ebenso zu einem Anwachsen von grenzüberschreitendem spekulativem Kapital und zur Stärkung der Euro-Märkte oder „Off-Shore-Märkte“ geführt. Auf diesen Märkten können Finanzgeschäfte außerhalb nationaler Regulierungen und Kontrollen getätigt werden.23 Besonders die USA und Großbritannien beabsichtigten mit der Deregulierung des Finanzsektors, ihre Attraktivität als Finanzplatz zu erhöhen und auf den Druck privater Wirtschaftsakteure, die ansonsten mit dem Abzug von Kapital drohten, zu reagieren (Schirm 2004:72; Deeg 1996:112).24

1.1.4 Neue Technologien

Doch nicht nur politische Entscheidungen trugen zur Integration der Handels- und Finanzmärkte bei. Mit der Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien, wobei das Internet an prominentester Stelle zu nennen ist, hat eine Beschleunigung der Datenübermittlung stattgefunden und Finanzgeschäfte können heute in Sekundenschnelle abgeschlossen werden. Ralf Dahrendorf kontrastiert die Schnelligkeit gegenwärtiger Börsengeschäfte mit der „Trägheit“ der damaligen Finanztransaktionen:

Manche erinnern sich noch an eine Zeit, in der die City of London gegen zehn Uhr morgens zum Leben erwachte, für ihre privilegierten Bürger um halb ein Uhr mit einem Sherry der ausgedehnte Lunch begann, man um drei Uhr noch einmal auf die Ticker guckte, um die ersten Börsenzahlen der Wall Street zu sehen, und dann zum Golfspielen aufs Land fuhr. Heute wacht die City 24 Stunden am Tag; zum Sandwich-Lunch mit Mineralwasser bleiben gerade zwanzig Minuten; wer um neun Uhr abends nach Hause fährt, kann schon im Pendlerzug um sechs Uhr am nächsten Morgen in der Financial Times ein neues Bild der Aktien- und Wechselkurse sehen. (Dahrendorf, Die Zeit 47/1997)

Als Folge dieser Entwicklungen stiegen die Finanzgeschäfte rapide an und erreichten zum Beispiel im Jahr 1998 ein Volumen von 1,500 Billionen US-Dollar am Tag (Scholte 2001:524). Eine weitere Ursache für die Zunahme des grenzüberschreitenden Handels ist zudem in den gesunkenen Transportkosten und der Schnelligkeit mit der Güter transportiert werden sowie Informationen über lukrative Absatzmärkte eingeholt werden können, zu finden (von Plate 1999). Seit Mitte der 80er Jahre fanden daher, parallel zur wachsenden Integration der Finanzmärkte, eine Zunahme grenzüberschreitender Handelsaktivitäten und ein Ausbau globaler Produktionsstrukturen statt:

Der Weg von den Finanzmärkten zu denen des Handels, der Dienstleistungen und der Produktion war dann nicht mehr weit. Wer in Oxford ein Flugticket bestellt, wird wahrscheinlich mit einer Computerzentrale in Bombay verbunden; wer eine Pille schluckt, um bei Sinnen zu bleiben, findet auf der Schachtel zwar einen heimischen Aufdruck, aber das Medikament wird in Singapur hergestellt. Selbst kleine und mittlere Unternehmen zögern nicht mehr, weit über die Grenzen des eigenen Landes hinauszublicken und zu Hause nur noch ein kleines Büro aufrechtzuerhalten. Nationale Wirtschaftsstatistiken haben fast völlig ihren Sinn verloren. (Dahrendorf, Die Zeit 47/1997)

Bevor allerdings auf die Charakterisierung der globalen Märkte näher eingegangen wird, ist zunächst noch die vielleicht bedeutendste politische Entwicklung zu nennen, welche zur Herausbildung globaler Märkte geführt hat.

1.1.5 Das Ende des Ost-West-Konflikts

Besonders entscheidend für eine Erweiterung grenzüberschreitender Handelsaktivitäten war das Ende des Ost-West-Konflikts (Siebert 1997). Ab den 70er Jahren bis 1989 war es zwar innerhalb der OECD-Länder zu Verflechtungen ihrer nationalen Volkswirtschaften gekommen, doch konnte noch längst nicht von „globalen“ Produktions-, Handels- und Investitionsströmen die Rede sein. Denn erhebliche Teile der Welt waren noch in planwirtschaftlichen Strukturen organisiert. Erst ab 1989 und dem „Sieg“ der kapitalistischen über die planwirtschaftlich organisierte Produktionsweise war es zu einer weltwirtschaftlichen Situation gekommen, in welcher der Markt in überwiegender Mehrheit der Länder als wirtschaftlicher Koordinationsmechanismus zu operieren begann. Dementsprechend liegt für Cox der wichtigste Trend der postkommunistischen Ära im “triumph of capitalism as a world system, one that transformed the lives of most of humanity for better or worse, swept away all barriers to the operation of the market around the world (often with devastating social consequences)” (Cox 2001:119f.).25

Mit der Öffnung von bisher geschlossenen Märkten kam es sodann zu einem Anstieg von Portfolioinvestitionen [spekulativem Kapital] sowie internationalen Direktinvestitionen

[foreign direct investment, FDI[26] ] besonders in China, Indien, den ostmitteleuropäischen

Ländern und einigen lateinamerikanischen Ländern seitens der Investoren aus den Industrieländern. Als Folge der Direktinvestitionen entstanden wiederum transnationale Unternehmen [TNU].

Daher kann man in den letzten Jahrzehnten einen Prozess beobachten, der dazu führte, dass „der Außenhandel schneller expandierte als die gesamte Wirtschaftsleistung [gemessen am weltweiten Bruttoinlandsprodukt], dass wiederum die Direktinvestitionen schneller anzogen als der Außenhandel, und dass am schnellsten die internationale Kapitalverflechtung anstieg, gemessen an grenzüberschreitenden Portfolioinvestitionen oder auch Marktkapitalisierung internationaler Finanzmärkte“ (Donges 2003:2). Allerdings sind die Handels- und Investitionsströme sehr ungleich verteilt.

1.1.6 Ungleiche Integration

Der Welthandel sowie die Produktions- und Investitionsströme verlaufen größtenteils immer noch innerhalb der drei, auch als Triade bezeichneten Wirtschaftsblöcke NAFTA, ASEAN und EU. Der Handel erstreckt sich auf die OECD-Staaten mit circa 75 Prozent Anteil am Welthandel und auf Ostasien mit circa 12 Prozent Anteil am Welthandel, und, wenn auch in geringem Maße, auf einige Schwellenländer wie Brasilien und Indonesien. Dabei werden 52 Prozent des industriellen Handels innerhalb Nordamerikas und Europas abgewickelt (Hoekman 2001:10). Einen immer größeren Anteil am Welthandel haben die wissensintensiven Güter wie Transporttechnologien, Erzeugnisse der Computerbranche oder pharmazeutische Produkte. Dabei stellt der relativ neue intra-industrielle Handel [Handel mit Produkten aus derselben Industriebranche] mit ca. 55 Prozent einen großen Teil des Handelsvolumens der OECD-Länder dar (LeMondeDipl. 2003). Die EU, gefolgt von den USA27, stand mit ihrem Handelsvolumen von 1990-2001 an erster Stelle (UNCTAD 2004).

Erst im Jahr 2002 und 2003 kam es seitens der Entwicklungsländer und der Transformationsländer zu einer wachsenden Beteiligung am Weltexport. Dies ist zum einen, wie oben bereits dargestellt, auf den Rückgang der Exporte der meisten Industrieländer und zum anderen auf eine rapide Expansion der Exporte aus den ost- und südasiatischen sowie mittel- und osteuropäischen Ländern zurückzuführen ist (UNCTAD 2004).

Während daher einige Schwellenländer wie China oder die ost- und südostasiatischen

Länder sich in den letzten Jahren erfolgreich in den Weltmarkt integrierten, sind viele Entwicklungsländer sehr gering am weltweiten Exportmarkt beteiligt. Keines der südamerikanischen oder afrikanischen Länder ist unter den weltweit größten Exporteuren zu finden (Varwick 2000). Die 48 am wenigsten entwickelten Länder sind zusammen mit nur 0.5 Prozent am Welthandel beteiligt. Im Vergleich zu den 70er Jahren [1,7 Prozent] ist ihre Beteiligung im Jahr 1998 um 1,2 Prozent gesunken. Südasien und Afrika südlich der Sahara sind nur jeweils mit etwas mehr als einem Prozent am Welthandel beteiligt, und sind somit gleichsam nicht in den Welthandel integriert (Hoekman 2001:9).

Ungefähr die gleichen Verteilungen sind beim wachsenden Volumen der ausländischen Direktinvestitionen [ADI] zu beobachten. Von 66 Billionen Dollar im Jahr 1960 wuchsen die ADI im Jahr 1999 auf 4.000 Billionen Dollar an (Scholte 2001:542). Diese fließen allerdings vornehmlich zwischen den OECD-Ländern oder auch innerhalb Europas:

80 Prozent der weltweiten Auslandsinvestitionen werden in den USA und in Westeuropa empfangen oder getätigt. Die USA lag von 1990-2001 mit 16 Prozent getätigter ADI und 21 Prozent empfangener ADI an der Spitze der investierenden sowie empfangenden Länder. Ihr folgten Frankreich mit 10 Prozent und Deutschland mit 9 Prozent getätigter ADI. Japans Anteil der getätigten Direktinvestitionen, welcher von 1982 bis 1989 bei 18 Prozent lag, schrumpfte von 1990 bis 2001 auf nur fünf Prozent. Sechs Prozent der globalen Anteile der Direktinvestitionen wurden in diesem Zeitraum in China getätigt, 7,5 Prozent in Südostasien und 10 Prozent in Lateinamerika und in der Karibik (LeMondeDipl. 2003).

Die ausländischen Direktinvestitionen in Zentralasien und Afrika sind im Weltmaßstab verschwindend gering und erfuhren im Jahr 2003 die geringste Höhe seit 1996. Sie sind jedoch für die Entwicklungsländer umso wichtiger, da sie die Hauptquelle ausländischer Finanzierung in diesen Ländern darstellen (UNCTAD 2004). Wie Schirm resümiert betrifft „das »globale« an der Globalisierung […] daher nicht ihre tatsächlich geographische Ausdehnung, sondern die potentielle28 globale Mobilität privater Ressourcen“ (Schirm 2004:68).

Was aber ist dann das Neue an den heutigen Märkten, dass sie die relativ neue Bezeichnung „global“ verdienen oder wie Scholte fragt: „What more precisely is 'global' in global commerce?“ (Scholte 2001:520).

Die neue Dimension globaler Märkte

Von vielen Betrachtern wird in den heutigen Wirtschaftsbeziehungen nichts wirklich Neues gesehen. Denn internationale Handels- und Finanzvernetzungen hätten auch schon Ende des 19. Jahrhunderts, vor dem ersten Weltkrieg existiert: „Und nicht einmal multi- bzw. transnationale Unternehmen sind neu, nicht tief greifende Veränderungen von Transport- und Kommunikationssystemen. Auch gewaltige Wanderungen mobilen Kapitals hat es schon gegeben, sogar weltumspannende Schulden- und Währungskrisen haben eine längere Geschichte.“ (Borchardt 2004:21).29

Manche Daten (proportionale Statistiken) über transnationale Bewegungen von Menschen, Gütern und Kapital würden tatsächlich zeigen, so Scholte, dass zum Beispiel Kapitalflüsse am Ende des 19. Jahrhunderts größer als am Ende des 20. Jahrhunderts waren (Scholte 2001:522). Dies veranlasse viele dazu (Scholte nennt sie die „Skeptiker“), in den heutigen Entwicklungen nichts genuin Neues zu sehen. Aus dieser Sicht manifestiere sich in der heutigen Situation lediglich eine weitere wirtschaftliche Globalisierungswelle (wenn auch mit einer neuen Intensität und andersartigen Vernetzungen), deren Vorläufer bis sehr weit in die vorindustrielle Zeit zurück zu verfolgen sind und die jedes Mal von einer Welle der Desintegration der Wirtschaftsbeziehungen abgelöst wurde (siehe auch bei Borchardt 2004).

Dabei werde die These vertreten, dass Nationalstaaten durch protektionistische Maßnahmen imstande sind Globalisierungsprozesse oder besser Internationalisierungsprozesse zu steuern, und dass sich Phasen wirtschaftlicher Verflechtungen mit Phasen wirtschaftlicher Desintegration nationaler Volkswirtschaften ablösen.

Wie oben bereits deutlich gemacht, waren wirtschaftliche Verflechtungen auch nur durch die Entscheidungen der Regierungen möglich: Erst die Übereinkunft über die Gründung internationaler handelserleichternder Organisationen sowie die verstärkten Liberalisierungs- und Deregulierungsmaßnahmen vieler Staaten führten zur Verflechtung nationaler Ökonomien. Diese könne allerdings, so die „Skeptiker“ jederzeit wieder rückgängig gemacht werden30 (vgl. auch bei Borchardt 2004). Ein starkes Argument der „Skeptiker“ für das Fortbestehen nationalstaatlicher Steuerung transnationaler Aktivitäten sei weiterhin, dass Unternehmen immer noch den größten Teil ihrer Geschäfte in ihrem jeweiligen Land abwickeln würden und in diesem verankert seien, dass zwar eine Öffnung der Grenzen für Güter und Gelder zu verzeichnen sei, dass die Bewegungen von Menschen aber immer noch und sogar verschärft kontrolliert werden (Scholte 2001:522f.).

Anders würde die Gruppe der „Globalisten“, die aggregierte Statistiken zur Untermauerung ihrer These benutzen würden, in der Öffnung nationaler Märkte und der Zunahme grenzüberschreitender ökonomischer Aktivitäten eine Entwicklung hin zu einer „Welt offener Grenzen“ sehen (ebd.524). Dabei sei für diese Gruppe die Zeit während der beiden Weltkriege und die Phase dazwischen [Protektionismus] nur eine Abweichung von einer Evolution in Richtung einer „einzigen integrierten Weltökonomie“ (ebd.523).

Für Scholte greifen allerdings die Konzepte, die ökonomische Globalisierung als zunehmende Öffnung der Grenzen nationaler Volkswirtschaften [„increased cross-border movements“] definieren, zu kurz. Und sowohl die „Skeptiker“ als auch die „Globalisten“, würden der Beschreibung der Qualität heutiger Globalisierungsprozesse nicht gerecht.

Unabhängig davon, welche der beiden Positionen zu favorisieren sei, würden beide Konzepte im ökonomischen Globalisierungsprozess das Phänomen der Ü berschreitung physischer Grenzen sehen [im ersten Fall: „crossing of borders“ oder „increased cross border movements“, im zweiten Fall: „opening of borders“ (ebd.520)]. Das wiederum könne aber ebenso gut mit Internationalisierung oder Liberalisierung beschrieben werden, womit dann das genuin Neue an der weltwirtschaftlichen Situation nicht erfasst wäre.

Um den neuen Charakter heutiger weltwirtschaftlicher Verflechtungen deutlich zu machen, dürfe man allerdings nicht nur die Quantität grenzüberschreitender, ökonomischer Aktivitäten in Betracht ziehen, sondern müsse auch die neue Qualität dieser Entwicklungen berücksichtigen. Nehme man diese wahr, dann ist unter Globalisierungsprozessen die zunehmende Unabhängigkeit eines Teils ökonomischer [und anderer] Beziehungen von territorialen Bindungen zu verstehen, wobei die Akteure die Welt zunehmend als ein Handlungsfeld begreifen: „In this third conception, globalization refers to processes whereby social relations acquire relatively distanceless and borderless qualities, so that human lives are increasingly played out in the world as a single place. […] In this usage 'globalization' refers to a transformation of geography that occurs when a host of social conditions become less tied to territorial spaces.” (Scholte 2001:525).31 Hier geht es demnach nicht mehr um die

Überschreitung der Grenzen, vielmehr spielen diese zumindest für die ökonomischen Aktivitäten mit „supraterritorialem“ Charakter in vielerlei Hinsicht keine Rolle mehr:32

On these lines a globalizing economy is one in which patterns of production, exchange, and consumption become increasingly delinked from a geography of territorial distances and territorial borders. Global economic activity extends across widely dispersed terrestrial locations at the same time and moves between locations scattered across the world in effectively no time. […] With air travel, satellite links, telecommunications, transworld organizations, global consciousness (that is, a mindset that conceives of the world as a single place) and more, much contemporary economic activity transcends borders. In this third sense globalization involves the growth of a transborder (as opposed to cross-border or open border) economy. The rise of supraterritoriality is reflected inter alia in increased transactions between countries. However, the geographical character of these transworld (as opposed to long-distance) movements is different from the territorial framework that has traditionally defined international interdependence. This quality shift means that contemporary statistics on international trade, money, and investment can only be crudely compared with figures relating to earlier times. (Scholte 2001:525)

Das Novum der heutigen weltwirtschaftlichen Situation liegt daher für Scholte darin, dass die Weltwirtschaft um eine neue „supraterritoriale“ Dimension ökonomischer Beziehungen erweitert wurde. Zentral sind für Scholte in diesem Konzept die neuen Kommunikations- und Transportmöglichkeiten, welche die „Loslösung“ von der Territorialität erst ermöglichen. Auch wenn daher Distanzen, Räume und Grenzen immer noch eine entscheidende Rolle spielen, werden diese in ihrer Bedeutung durch die „supraterritorial dimension in the contemporary world economy“ (Scholte 2001:533) verändert:

Hence the issue is not so much the amount of trade between countries, but the way that much of this commerce forms part of transborder production processes and global marketing networks. The problem is not only the quantity of money that moves between countries, but also the instantaneity with which most funds are transferred. The question is not simply the number of international securities deals so much as the emergence of stock and bond issues that involve participants from multiple countries at the same time.(Scholte 2001:525)

Da in diesem Konzept der neue Charakter heutiger ökonomischer Verflechtungen besonders gut zum Ausdruck kommt, soll im Folgenden die Charakterisierung der globalen Finanz-, Handels-, und Produktionsstrukturen vor dessen Hintergrund vorgenommen werden.33

1.2.1 Globale Produktion und Investitionsströme

Als Folge des Anstiegs von Direktinvestitionen hat sich die Zahl der transnationalen Unternehmen seit den 70er Jahren rapide vergrößert34 (Varwick 2000:142). Während vor 1940 das Konzept der transnationalen Unternehmen (TNU) weitestgehend unbekannt war und im Jahr 1960 nur 3.500 TNU gezählt wurden, waren es 1999 schon 60.000 TNU und 2001 rund 65.000 Unternehmen, die in mehreren Länder operieren und rund zwei Drittel des Welthandels abwickeln (Scholte 2001:524).35

Die Ausweitung der globalen Produktionsstruktur, war mit einem weiteren Entwicklung verbunden: Während in den 50er und 60er Jahren die TNU Firmen im Ausland aufbauten, welche dort noch vollständige Güter herstellten, kam seit den 70er Jahren ein neue Form der Produktion auf (Schirm 2004): Die Produktionsschritte für ein Gut wurden auf verschiedene Produktionsstandorte verteilt, um so die verschiedenen Vorteile von Standorten effektiver zu nutzen. Demnach wurde die Produktion sowie die Arbeitsteilung seit den 70er Jahren zunehmend global, wobei globale Arbeitsteilung bedeutet: „die Herstellung eines Gutes an verschiedenen Standorten eines Unternehmens (Tochtergesellschaften), als auch „global sourcing“, d.h. der Bezug von Komponenten, Vorprodukten, Lizenzen und Personal aus verschiedenen Standorten und durch andere Firmen“ (Schirm 2004:83).36

Dabei entstanden hauptsächlich in Asien, der Karibik und an der mexikanisch/amerikanischen Grenze die so genannten Exportproduktionszonen.37 In diese Regionen verlegen multinationale Unternehmen besonders arbeitsintensive und oft auch umweltbelastende Teile ihrer Produktion. Die Unternehmen werden dort von den nationalen Regierungen und regionalen Verwaltungen hinsichtlich der Export- und Importzölle, die auf Produkte und Produktionsmaschinen erhoben werden begünstigt und genießen Steuervergünstigungen sowie gewisse Erleichterungen in den Arbeits- und Umweltstandards.

Im Jahr 1997 wurden 850 Freihandelszonen weltweit gezählt. Der größte Teil der Arbeit wird in diesen Firmen von Frauen geleistet (Scholte 2001).

Ferner, wie oben bereits dargestellt, förderte die Politik der Marktliberalisierung in den Industrieländern [GATT, EU] den Bezug von Komponenten aus ausländischen Lieferquellen [„global sourcing“].38 Und zudem hatte die Außenöffnung der OECD Länder, besonders der USA und Großbritannien, eine stärkere Konkurrenz auf ihren Märkten zufolge, so dass Firmen, welche bislang nur im Inland tätig waren, versuchten durch „Transnationalisierung“ wettbewerbsfähig zu bleiben (Schirm 2004).

Seit den 60er Jahren hat sich daher mit der zunehmenden Ausbreitung multinationaler Unternehmen, dem Bezug von Komponenten aus ausländischen Lieferquellen und der Entwicklung von EPZ eine globale Produktionsstruktur herausgebildet.39 Es findet eine globale Aufteilung der jeweiligen Produktionsprozesse statt, welche dann von einem „supraterritorialen“ Zentrum aus koordiniert werden. Der Chef von Levi Strauss beschreibt die globale Produktionstätigkeit seiner Firma folgendermaßen: „Our company buys denim in North Carolina, ships it to France where it is sewn into jeans, launders this jeans in Belgium, and markets them in Germany using TV commercials developed in England.“(zitiert bei Scholte 2001:526). Die transnationalen Unternehmen beziehen Komponenten, Material, Maschinen, Dienstleistungen und Finanzierung aus der ganzen Welt, wobei Entfernungen und Grenzen bei der Suche nach dem günstigsten Standort nur eine sekundäre Rolle spielen. Es kann vorkommen, dass die Unternehmen auf der Suche nach den profitabelsten Produktionsbedingungen mehrere Male die Standorte ihrer zugehörigen Firmen wechseln. So hat zum Beispiel „Nike“ innerhalb von fünf Jahren 55 Produktionsstätten in Nordamerika und Ostasien relativ zu den Produktionskosten geschlossen oder geöffnet (ebd.).

1.2.2 Globaler Handel

Mit der Herausbildung einer globalen Arbeitsteilung, und vor allem aufgrund der Freihandelszonen (EPZ), stieg ebenso der Intra-Firmenhandel an. Wenn halbfertige und fertige Güter von einem Land in ein anderes gehandelt werden kommen sie zwar in der Statistik als internationaler Handel vor, es findet jedoch kein Austausch zwischen nationalen Ökonomien, sondern innerhalb eines globalen Unternehmens statt. Schätzungen zufolge werden circa 40 Prozent des internationalen Handels innerhalb von multinationalen Unternehmen abgewickelt (Scholte 2001:526).

Überdies ist ein „supraterritorialer“ Markt entstanden auf dem „globale Güter“ gehandelt werden. Es findet die Herstellung von Produkten einer bestimmten Marke statt, welche fast weltweit erworben werden können. Scholte spricht hier von einem „transworld brand name“: „Consumers dispersed across many corners of the planet purchase the same articles at the same time. The country location of a potential customer for, say, a Xerox photocopier, a Britney Spears CD, or Kellog´s corn flakes is of limited importance. Design, packaging, and advertising determine the market far more than territorial distance and borders. “(Scholte 2001:527). Zwar hatten schon in den 1880er Jahren die Produkte der Marke Campbell, Heinz oder die Autos von Ford [T-Modell] einen globalen Absatzmarkt und Coca Cola wurde im Jahr 1929 in 27 Ländern hergestellt und in 78 verkauft, allerdings war die Anzahl der „globalen Produkte“ gering und die Markenprodukte konnten nur in relativ wenigen Ländern gekauft werden. Erst gegenwärtig werden die Märkte von „globalen Produkten“ überschwemmt.40 Unternehmen wie Benetton [Italien], IKEA [Schweden] oder Body Shop [Großbritannien] haben sich darauf spezialisiert ihre Produkte weltweit zu vertreiben und sind auch weltweit präsent. Mit dem Aufkommen des elektronischen Handels [e-commerce] seit circa 1990 kann man mit seiner Kreditkarte per Internet, Fernsehen und via Telefon weltweit Produkte erstehen, ohne Grenzen überschreiten zu müssen [„shop the world from home“].

1.2.3 Globale Finanzmärkte

Die „supraterritoriale“ Dimension der Finanzmärkte lässt sich durch die Entwicklung globaler Währungen und die Herausbildung neuer Formen des Geldes, den Wandel des Bankensystems, sowie des Aktien- und des Derivatenhandels charakterisieren.41

[...]


1 Carsten Winter macht darauf aufmerksam, dass das Wort auch heute noch in vielen Wörterbüchern fehlt (Winter 2000:14).

2 Seit Mitte 1990 hat der Begriff „Globalisierung“ auch im deutschen Sprachraum Schlagwortstatus (vgl. Winter 2000:13).

3 Eine kurze Charakterisierung des politischen und des Wirtschaftsliberalismus wird von Willke vorgenommen „Der politische Liberalismus betont die individuelle Freiheit durch Rechtsschutz gegen staatliche Willkür (rule of law) sowie die personale Selbstbestimmung (pursuit of happiness). Der Wirtschaftsliberalismus setzt auf Markt und Wettbewerb als Organisationsprinzip des wirtschaftlichen Handels.“ (Willke 2003:20f.).

4 Carsten Winter macht darauf aufmerksam, dass das Wort auch heute noch in vielen Wörterbüchern fehlt (Winter 2000:14).

5 Seit Mitte 1990 hat der Begriff „Globalisierung“ auch im deutschen Sprachraum Schlagwortstatus (vgl. Winter 2000:13).

6 Diese Einteilung wird von Schirm (2004) sowie von Scholte (2001) vorgenommen.

7 Zum Keynes-Plan und White-Plan siehe bei Borchert (1997:436f).

8 Man war vor allem in angloamerikanischen Kreisen überzeugt, dass die weltwirtschaftlichen Krisen eine Ursache für den Ausbruch des zweiten Weltkrieges waren (Hoekman 2001:24).

9 Davon zählten 12 Länder zu den Industrieländern und 11 zu den Entwicklungsländern. Das GATT gründende Länder waren: Australien, Belgien, Brasilien, Burma, Kanada, Ceylon, Chile, China, Kuba, die Tschechoslowakei, Frankreich, Indien, Libanon, Luxemburg, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Pakistan,

10 Es kam allerdings erst in der Kennedy-Runde 1964-67 zu entscheidenden Zollsenkungen: In den Verhandlungsrunden von Annecy 1949, Torquay 1950/51, Genf 1955/56 und der Dillon-Runde [Genf] 1961/62 galt als Aushandlungsprinzip die „selektive“ Methode, welche keine großen Fortschritte in der Zollsenkung brachte, erst in der Kennedy-Runde wurde die „selektive“ Methode durch die „lineare“ Zollsenkung ersetzt, die dann zu erheblichen Zollsenkungen führte (Neuschwader 2000: 549). Weitere Zollsenkung erfolgten mit der Tokio-Runde [1973-1979] und der Uruguay-Runde [1986-1993], welche wiederum zu einem neuen GATT- Abkommen führte, das am 15.4.1994 von 124 Mitgliedstaaten in Marrakesch unterzeichnet wurde und die Gründung der Welthandelsorganisation [WTO] besiegelte. Die wichtigsten Beschlüsse der Uruguay-Runde waren: 1.) Zollsenkungen um durchschnittlich ein Drittel, 2.) Liberalisierung der Dienstleistungen, 3.) Weniger Hindernisse für Direktinvestitionen, 4.) Patentschutz, 5.) Ende des Welttextilabkommens (Neuschwader 2000:550).

11 Der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas wurde jedoch dann hauptsächlich im Rahmen des Marshall-Plans geleistet. Denn die USA, welche die Befürchtung hegte, Europa könne nach dem Krieg zum Kommunismus tendieren, engagierte sich weit mehr als geplant im Wiederaufbau Europas und der Neustrukturierung der Weltwirtschaft (Woods 2001:278).

12 Wie Andersen anmerkt war der Integrationsrahmen des RWG, welcher 1949 gegründet wurde, sehr beschränkt (Andersen 2000:540).

13 Somit war eine „Weltwirtschaftsordnung geregelt worden, die den Rahmenbedingungen für globalen Freihandel auf Kosten eines liberalen Weltfinanzsystems den Vorzug gab“ (Schirm 2004:72).

14 Die kommunistischen Länder waren in die westliche Währungszirkulation nicht eingebunden. 9

15 Globale Finanzmärkte sind „Märkte in denen Geld- oder Kapitaltransaktionen zwischen Wirtschaftssubjekten aus verschiedenen Ländern vorgenommen werden“ (Plümper 1996). Schirm macht allerdings darauf aufmerksam, dass die wachsende Vernetzung finanzieller Transaktionen ein gradueller Prozess sei und dass man daher nicht den genauen Zeitpunkt angeben könne, an dem es zu der Herausbildung der Finanzmärkte in heutiger Form kam (Schirm 2004:73).

16 Dies bedeutet nicht, dass das heutige Wechselkursystem jeder Kontrolle entzogen ist. Wenn eine Wechselkursänderung durch eine Regierung vorgenommen wird, muss dies mit dem IWF und den Mitgliedstaaten abgestimmt werden. Es kam allerdings 1979 zu der Bildung eines neuen Systems, „das den Beteiligten als ein tragbarer Kompromiss zwischen den beiden Extrem-Standpunkten (unerschütterlich feste Wechselkurse hier, völlige „Freigabe“ dort) erschien, und noch heute in dieser Form gültig ist (Volz 1998:60).

17 Das „Petro-Dollar-Recycling“ wurde zur „Keimzelle der Verschuldungskrise“ (Siebert 1997:5) der Entwicklungsländer Anfang der 80er Jahre. Siehe bei Andersen (2001: 202-210) oder Siebert (1997:127).

18 So erhob zum Beispiel die amerikanische Regierung, um ihre Handelsbilanz zu verbessern sowie das Abfließen von Dollar aus dem Land zu verhindern, Importzölle von 10 Prozent auf Güter, welche zunehmend aus den neu industrialisierten Ländern in die USA strömten, und verletzte damit massiv das GATT-Prinzip. Industrieländern, welche sich vor wettbewerbsfähigen Importen der Schwellenländer zu schützen beabsichtigten, wandten zudem protektionistische Maßnahmen in Form von nicht-tarifären Handelsbarrieren auf Kosten der neu industrialisierten Länder und der Entwicklungsländer an (Woods 2001:281).

19 Zwar sympathisierten zunächst viele Industrieländer mit der NWWO, ihre Positionen verhärteten sich aber immer mehr zu Ungunsten einer neuen weltwirtschaftlichen Ordnung, bis es Anfang der 80er Jahre zu einem völligen Verhandlungsstopp kam. Dies kann zum einen auf die nachlassende Verhandlungsstärke der Entwicklungsländer zurückgeführt werden (die Drohungen der ölexportierenden Länder waren nicht mehr so wirksam und es zeigten sich immer mehr Differenzen in den Positionen der Entwicklungsländer).Zum anderen kann der Rückzug der Industrieländer aus den NWWO-Verhandlungen mit problematischen Entwicklungen der Weltwirtschaft erklärt werden, welche die Industrieländer veranlasste eine „Verlagerung der Diskussion von konzeptionellen Veränderungen des Weltwirtschaftsystems zu bescheidenen, aber direkt wirksamen Maßnahmen“ (Andersen 2000:542) zu unternehmen.

20 Während der ersten Ölkrise im Jahr 1973 waren viele Entwicklungsländer bereits hoch verschuldet, da die Petro-Dollar-Einnahmen der Ölländer bei ausländischen, vornehmlich amerikanischen und europäischen Banken

21 Dieser Ausdruck wird von Willke (2001) verwendet.

22 Der „Washington Konsens“ war daher auch vom vorherrschenden wirtschaftlichen Paradigma des „Monetarismus“ geprägt. Somit wurde die in den Industrieländern betriebene monetaristische Wirtschaftspolitik in einem gewissen Maße auch auf die Entwicklungsländer übertragen.

23 Die größten „Off-Shore-Märkte“ befinden sich in London und New York.

24 Viele Staaten erlauben heute, dass Anleger von außerhalb ein Bankkonto innerhalb ihrer Grenzen halten können. Wiederum andere Deregulierungen haben dazu geführt, dass Investoren von außerhalb zunehmend am Handel von Aktien im Land beteiligt werden können und dass auch ausländische Banken, Broker und Fondsmanager viel leichter am Finanzmarkt eines Landes partizipieren können (Scholte 2001:524).

25 Dazu kommentiert Andersen: „Erstmals in der Nachkriegszeit ist der Markt als prinzipielles Koordinierungsinstrument im internationalen Wirtschaftsaustausch weltweit akzeptiert.“ (Andersen 2000:542).

26 Darauf werden unter anderem auch die Industrialisierungserfolge der Entwicklungsländer zurückgeführt (s.o.).

27 Die USA weist jedoch immense Handelsbilanzdefizite auf, die von europäischen und vorwiegend von asiatischen Kapitalzuflüssen finanziert werden (UNCTAD 2004).

28 Von mir hervorgehoben.

29 Borchardt vergleicht zum Beispiel die Exportquote der USA, Mitte der neunziger Jahre, mit dem Durchschnitt der Jahre 1880 bis 1915 und kommt zu dem Schluss, dass von 1870 bis 1914 das Volumen des Welthandels im Vergleich zu heute weitaus größer war als das Volumen der wachsenden Weltproduktion [genau wie heute]. Daher sei die Integration nationaler Ökonomien vor dem ersten Weltkrieg genauso fortgeschritten gewesen wie in diesem Jahrhundert [nach 1970].

30 Während und zwischen den beiden Weltkriegen betrieben die meisten Regierungen eine protektionistische Politik.

31 Mit dieser Definition von „Globalisierung“ knüpft Scholte an den Großteil der soziologischen Definitionen an Siehe zum Beispiel bei Dürrschmidt (2002).

32 Hier sollen zunächst nur die ökonomischen Beziehungen berücksichtigt werden. Es ist aber zu betonen, dass Scholtes Konzept der „Supraterritorialität“ nicht nur auf ökonomische Beziehungen beschränkt ist, sondern gesellschaftliche Beziehungen aller Art einschließt.

33 Die folgende Charakterisierung der globalen Produktions- und Investitionsströme, des globalen Handels und des globalen Finanzmarktes bezieht sich hauptsächlich auf den Text von Scholte (2001): Global Trade and Finance, in: Baylis, John/Smith, Steve, S.518-538.

34 Allerdings hat, wie Franzmeyer anführt, die Direktinvestitionstätigkeit in den 80er und 90er Jahren im Vergleich zum Handelsvolumen „relativ langsam zugenommen“. Die Gründe dafür siehe bei Franzmeyer (1999:12).

35 Erstens beabsichtigten die Unternehmen mit dieser Strategie größere Absatzmärkte zu erschließen (hier waren besonders große Länder wie China und Indien von Interesse). Zweitens spielten die niedrigen Produktionskosten (niedriges Lohnniveau, ein Minimum an sozialen Sicherungssystemen, niedrige Steuersätze etc.) eine entscheidende Rolle für die Verlagerung von Produktionszweigen ins Ausland. Und drittens nutzten viele Unternehmen mit hohem Verbrauch an Umweltressourcen (chemische Industrie, Metallerzeugung) die niedrigen Umweltstandards in Entwicklungsländern aus, um Investitionskosten zu sparen (Franzmeyer 1999: 10).

36 Die Industrialisierungserfolge der Entwicklungsländer werden somit einerseits als das Ergebnis der Expansion von TNU gesehen (Brasilien). Andererseits entwickelten sich in diesen Ländern ebenso transnationale Unternehmen wie zum Beispiel Hyundai und Goldstar in Südkorea, die ebenfalls die Entwicklung der globalen Märkte vorantrieben (Schirm 2004).

37 Diese Freihandelszonen haben allerdings mit den regionalen Freihandelszonen wie der EU oder der NAFTA, die den Zusammenschluss mehrerer Länder bedeuten, nichts zu tun. Daher sollen diese im Folgenden auch nach der englischen Abkürzung EPZ [„export processing zones“] benannt werden. In Mexiko heißen diese Zonen “maquiladoras“ (seit 1965). Die erste EPZ wurde 1954 in Irland etabliert (Scholte 2001).

38 Die Importe von halbfertigen Produkten oder anderen Vorleistungen wurden billiger [Senkung der Zollschranken] und konnten im jeweiligen Land weiterverarbeitet werden (Schirm 2004: 84).

39 Eine globale Produktionsstruktur hat sich hauptsächlich in der Textil- und Automobilindustrie, in Bezug auf Sportartikel, Spielzeug, Elektronik, Luftfahrt und Bauelemente entwickelt (Scholte 2001).

40 Diese reichen von Konsumartikeln (Heineken Bier und Marlboro Zigaretten werden in 170 Ländern konsumiert) über Gebrauchsartikel (Nokia Mobiltelefone, werden in 120 Ländern benutzt), audiovisuelle und Printmedien (Fernsehprogramme von Globo Brasil werden in 128 Ländern geschaut, die Financial Times in 160 Ländern gelesen) bis hin zu Reiseagenturen (Thomas Cook ist in 140 Ländern vertreten) und internationalen Versicherungspolicen.

41 Wie oben bereits beschrieben waren auch hier die von den Staaten unternommene Deregulierungen ebenso wie der Übergang zu flexiblen Wechselkursen und die Verbesserung der Kommunikationstechnologie maßgeblich.

Details

Seiten
119
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638426800
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45247
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Gesellschaftsentwürfe Globalisierungsdebatte

Autor

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Titel: Die Gesellschaftsentwürfe in der Globalisierungsdebatte