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Elternschaft im Wandel. Sozialer Wandel von der traditionellen zur modernen Familie

Essay 2018 17 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Gesellschaftliche Relevanz

II Entwicklung des Familienbegriffs
2.1. Traditionelles Familienbild
2.2. Moderne Familie
2.3. Sozialer Wandel von der traditionellen zur modernen Familie

III Elternschaft im Wandel?
3.1. Entwicklung der deutschen Sozialstruktur seit 1950
3.2. Veränderung von Elternschaft

IV Reflektierendes Ergebnis und Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

I Gesellschaftliche Relevanz

In den letzten Jahren wurden viele Artikel veröffentlicht, die sich mit dem Thema ‚Moderne Elternschaft‘ und den Erwartungen und Ansprüchen an Eltern auseinandersetzen.1

„Noch nie zuvor konnten die Menschen so frei entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht. […] “ (Wagner 2015)

„Die Institution der Elternschaft ist nachhaltigen Veränderungsprozessen unterworfen. Für breite Kreise aus den "modernen", "gebildeten" Mittelschichten gilt, dass die Ausgestaltung der Elternrollen anspruchsvoller geworden ist.“ (Meyer 2002; Herv.i.O.)

Dies sind die einleitenden Sätze zu nur zwei von vielen veröffentlichten Berichten. Wagner veröffentlichte 2015 ihren Aufsatz „Moderne Elternschaft“ und Meyer bereits 13 Jahre zuvor seinen Bericht „Moderne Elternschaft - neue Erwartungen, neue Ansprüche“. Beide Autoren vermitteln den Lesern, dass sich Elternschaft in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten verändert haben muss.

Bei genauer Betrachtung beider Aussagen kommen verschiedene Fragen auf: Welchem Wandel unterliegt Elternschaft und was genau hat sich verändert? Wie wird diese Veränderung deutlich? Welche Bedeutung wird und wurde Elternschaft gegenwärtig sowie in der Vergangenheit zugeschrieben? Die Veränderung von Elternschaft scheint Forscher schon seit einigen Jahren zu beschäftigen.

Ziel des vorliegenden Essays soll es sein, diese ‚Veränderungsprozesse‘ – wie Meyer (s. obiges Zitat) sie nennt – herauszuarbeiten und zu benennen. Um eine solche Veränderung der Institution Elternschaft feststellen zu können, muss zunächst einmal die Institution der Familie und deren Veränderung in den letzten Jahrzehnten beleuchtet werden. Die soeben genannten aufgeworfenen Fragen sollen durch folgende Forschungsfrage zusammengefasst werden:

Hat sich durch den Wandel von Familie auch Elternschaft gewandelt?

Der Hauptteil bietet zunächst einen grundlegenden Überblick über die Entwicklung des traditionellen hin zum modernen Familienbegriff. Auf Grundlage dieser Ausführungen widmet sich der anschließende Teil der Arbeit den Konsequenzen des Familienwandels auf die Bedeutung von Elternschaft. Hierzu wird anhand von Statistiken die Veränderung von Familie und Elternschaft dargelegt. Die Ergebnisse zur Beantwortung der Frage werden im Schlussteil zusammengefasst. Außerdem wird ein möglicher Forschungsausblick gegeben und eine mögliche Lösung zur Bewältigung der gesellschaftlichen Anforderungen dargestellt.

II Entwicklung des Familienbegriffs

Historisch lebten in einer Familie vor Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur Gefühlsgemeinschaften und Blutsverwandte zusammen, sondern auch nicht-verwandte Menschen. Hierzu zählen Lehrlinge, Knechte, Mägde, Gesellen sowie Dienstboten und Dienstmädchen, die ebenfalls dem sogenannten „‚Hausvater‘“ (Geißler 2014: 22; Herv.i.O.) untergeordnet waren. Die leiblichen Kinder wurden vom Gesinde nicht unterschieden und dienten zumeist als Mägde und Knechte. Somit handelte es sich bei einer Familie um eine patriarchal strukturierte, gemeinsam wirtschaftende Hausgemeinschaft, weshalb einige Sozialhistoriker die Familie als ‚ganzes Haus‘ bezeichneten. Aus der Struktur des ‚ganzen Hauses‘ entwickelte sich die bürgerliche Familie. Diese dient bis heute der funktionalen Differenzierung von Haushalt und Wirtschaft und hat eine Rolle als private Rückzugsmöglichkeit der Menschen eingenommen. Ab sofort war die Familie nicht mehr als Produktionsgemeinschaft anzusehen, sondern als eine Freizeit-, Entspannungs-, Konsum- und Erziehungsgemeinschaft. (Vgl. ebd.: 22-24/26)

2.1. Traditionelles Familienbild

Die soeben einleitend beschriebene Veränderung zur bürgerlichen Familie im 18. Jahrhundert verschärfte die Ungleichheit der Geschlechter. Der Mann bekam die Rolle der Repräsentation in der ‘Außenwelt‘ zugeschrieben, während die Frau die Zuständigkeit für die ‘Innenwelt‘ bekam. Das heißt, der Mann verließ den familiären Raum, um zu arbeiten und Geld zu verdienen, während seine Frau der Kindererziehung, dem Haushalt und seiner liebevollen Umsorgung verpflichtet wurde. (Vgl. ebd.: 24f.)

Der Journalist und Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl verteidigte Mitte des 19. Jahrhunderts diese Rollenzuschreibung. Für ihn ist die Familie eine natürliche Machtstruktur aus Mutter, Vater und Kind. Den Eltern wird gleichermaßen die Macht der familiären Autorität gegenüber ihren Kindern zugeschrieben. Gleichzeitig behauptet er, dass der Mann, resultierend aus der Liebe zu seiner Frau, die Autorität ihr gegenüber behält. Riehl begründet dieses Autoritätsverhältnis zwischen den Geschlechtern so, dass die Frau nichts anderes als die Unterwerfung kenne und möge. Dies sei ihre Natur und würde sich auch zukünftig nicht ändern. (Vgl. Riehl 1858: 116)

Riehls Verständnis von Familie ist mittlerweile über 150 Jahre alt, weshalb sich die Frage stellt, inwieweit dieses überholt ist und was die moderne Familie mit seiner Annahme noch gemein hat.

2.2. Modernes Familienbild

Im herkömmlichen Verständnis wird als moderne Kern- und Kleinfamilie eine Gemeinschaft aus Eltern mit ihren Kindern bezeichnet, die auf der Ehe basiert (vgl. Meyer 2014: 413). Hierunter wurde die sogenannte ‚Normalfamilie‘ verstanden, die bis in die 1960er Jahre als „kulturelle Selbstverständlichkeit“ (ebd.: 416; i.O. fett gedruckt) galt. Sie war damit als gesellschaftlich einzig richtige Form legitimiert. (Vgl. ebd.)

„Im Vergleich zur vormodernen Gesellschaft stellt sie einen Raum der Privatheit dar, der durch die besondere Qualität seiner emotionalen und persönlich-intimen Beziehungen, seine Dauerhaftigkeit und Interaktionsdichte ausgezeichnet ist. Hier kann Nähe, Vertrautheit und Geborgenheit sowie Fürsorge und Hilfsbereitschaft fraglos erwartet werden.“ (ebd.: 413)

Seit den 1970er Jahren lässt sich ein zunehmender Modernisierungsprozess beobachten. Während die traditionelle Ehe und Familie mit festen Regeln und in festen Rollen lebte, erlebt die moderne Familie und Partnerbeziehung eine Flexibilisierung der Regeln. Die moderne Familie und Partnerschaft ist wesentlich offener und lässt Konflikte zu, die im traditionellen Ehe- und Familiensystem unterdrückt wurden. (Vgl. Höpflinger 2013: 3) Frauen können seit der Reform des §1356 BGB im Jahr 1977 gesetzlich aus ihrer Rolle der Hausfrau in der ‘Innenwelt‘ der Familie austreten und selbstständig arbeiten gehen (vgl. Juristische Datenbank: Lexetius.com). Sie erhielten fortan die Möglichkeit, sich über den eigenen Beruf eine höhere ökonomische Unabhängigkeit von ihrem Mann zu erarbeiten. Allerdings scheint sich diese gestiegene Unabhängigkeit auch in der gestiegenen Scheidungsrate der BRD auszudrücken, denn 40% aller Ehen werden wieder geschieden. Aus der ursprünglichen ‚Haushalts-Familie‘ entwickelt sich eine Vielfalt an Familienformen, die das traditionelle Familienbild zunehmend ablösen.2 (Vgl. Meyer 2014: 424) Hierbei unterscheidet Peuckert in familiale und nicht-familiale Lebensformen, die er als Familiensektor und Nicht-Familiensektor bezeichnet. Somit hat die Normalfamilie ihren Monopolcharakter verloren. Der Familiensektor, also Ehepaare mit Kindern, Alleinerziehende, Stieffamilien und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern, schrumpft, während der Nicht-Familiensektor, also kinderlose Ehepaare, Alleinwohnende, kinderlose nichteheliche Lebensgemeinschaften und getrennt Zusammenlebende, wächst. (Vgl. Peuckert 2007: 40)

Frauen und Männer müssen nicht mehr zwingend Kinder zur Welt bringen. Hierfür beschreibt Meyer in seinem Werk drei Grundformen von Kinderlosigkeit: Die bewusst gewollte Kinderlosigkeit, die ungewollte Kinderlosigkeit (z.B. durch Unfruchtbarkeit) und die prinzipielle Ablehnung von Elternschaft, letztere als Phänomen der Modernisierung. (Vgl. Meyer 2014: 420) An dieser Stelle bestätigen sich die zu Beginn aufgegriffenen Worte Wagners: „Noch nie zuvor konnten die Menschen so frei entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht. […] “ (Wagner 2015)

2.3. Sozialer Wandel von der traditionellen zur modernen Familie

Im Vergleich des traditionellen mit dem modernen Familienbild lassen sich Unterschiede und Entwicklungen feststellen, die man zusammenfassend als ‚sozialen Wandel des Familienbildes‘ bezeichnen kann.3

Im Vergleich der beiden Familienbilder sticht deutlich eine Veränderung des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses hervor. Während Frauen heute eine individuelle Erwerbstätigkeit und damit ökonomische Unabhängigkeit vom Mann ermöglicht wird, war eine solche Veränderung früher nicht denkbar. Einzig den Männern war es gestattet ihre Familien nach ‘außen‘ zu repräsentieren, während ihre Frauen verpflichtet waren sich in der ‘Innenwelt‘ der Familie zu bemühen. Ebenso undenkbar war es, dass sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden dürfen.

Durch diese Umgestaltung von Familie scheint also auch Riehls Ansicht, dass Frauen ihre Unterwerfung mögen würden und dies auch in Zukunft tun würden, überholt.

Mütter gingen früher keiner bezahlten Tätigkeit nach, sie waren ökonomisch von ihrem Mann abhängig und hatten sich um die Kinder sowie den Haushalt zu kümmern und die Scheidungsrate war gering. Dieses Familiensystem war einst die normale Lebensform. Heute sind hohe Scheidungsraten, gleichgeschlechtliche Beziehungen und Ehen, kinderlose Frauen und Männer, nichteheliche Lebensgemeinschaften, sowie uneheliche Kinder gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert. Hinzu kommen egalitäre Ehen, in denen der Mann nicht länger Haupternährer ist. Eine gleichzeitige Karriere der Ehefrau wird als ebenso legitim angesehen, wie die väterliche Rolle des Erziehers. (Vgl. ebd.: 416/429/441) Stellt man den bereits definierten Nicht-Familiensektor und Familiensektor mit ihren Familienformen in Relation, existiert die Gesellschaft zu etwa einem Drittel aus dem Nicht-Familiensektor und zu zwei Dritteln aus dem Familiensektor (vgl. Peuckert 2007: 40). Ein Grund hierfür könnte sein, dass früher ein Ehepartner eine Notwendigkeit war, während er oder sie heute lediglich als ein bereichernder Einfluss angesehen wird (vgl. Höpflinger 2013: 3).

Diese Entwicklung des geschlechtlichen Rollenverhältnisses wird auch juristisch deutlich. Am 1. Januar 1900 trat erstmals §1356 BGB in Kraft. Dieser regelt bis heute die Haushaltsführung und Erwerbstätigkeit. Seit der Einführung wurde er inhaltlich zweimal reformiert. (Vgl. Juristische Datenbank: Lexetius.com)

Zum 01. Januar 1900 verpflichtete das Gesetz die Frau zur Leitung des gemeinschaftlichen Haushaltes. Eine Verpflichtung zur Unterstützung des Mannes in seinem Beruf/Geschäft lag nur unter der Voraussetzung vor, dass die Lebensverhältnisse der Ehegatten es zuließen. Zum 01. Juli 1958 lockerte sich die Gesetzesbestimmung. Der Haushalt durfte in Eigenverantwortung der Frau geführt werden. Ließen es die ehelichen und familiären Pflichten zu, so durfte die Frau einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Jeder Ehegatte hatte die Verpflichtung, im Geschäft oder Beruf des anderen mitzuarbeiten, sofern die Lebensverhältnisse es zuließen. Erst seit dem 01. Juli 1977 ist die „Hausfrauen-Ehe“4 (Meyer 2014: 425) keine Pflicht mehr. Der Haushalt wird einvernehmlich geführt. Beide Ehegatten sind fortan berechtigt, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Aus Rücksicht auf Ehe und Familie haben beide Ehepartner auf die gegenseitigen Belange zu achten. (Vgl. Juristische Datenbank: Lexetius.com)

In Bezug auf die Forschungsfrage kann nun festgehalten werden, dass der soziale Wandel von Familie insoweit stattfindet, dass Frauen heute deutlich mehr Rechte zugeschrieben bekommen als früher und dass die Familiengröße geschrumpft ist. Im Folgenenden soll nun untersucht werden, inwieweit sich dieser Wandel auf Elternschaft auswirkt.

[...]


1 Gendern: In diesem Aufsatz wird nicht explizit gegendert werden. Die grammatikalisch männliche Form beinhaltet stets die männliche und weibliche Form. In verschiedenen Absätzen, wird von Vätern und Müttern bzw. Frauen und Männern separiert gesprochen.

2 Mehr dazu in Kapitel 3.1. ‚Entwicklung der deutschen Sozialstruktur seit 1950‘.

3 Zur Vereinfachung werde ich im Folgenden von früher (traditionelle Familie) und heute (moderne Familien) sprechen.

4 Ehen in denen die Frau keiner bezahlten Tätigkeit nachgeht (vgl. Meyer 2014: 425).

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668861213
ISBN (Buch)
9783668861220
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451770
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
elternschaft wandel sozialer familie

Autor

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