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Carl Rogers und das Neurolinguistische Programmieren - Vergleich beider Ansätze hinsichtlich ihrer andragogischen Implikationen

Examensarbeit 2005 46 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2. Anthropologie als Grundlage der Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen
2.1 Rogers’ Menschenbild
2.2 Das Menschenbild des NLP
2.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Menschen-
bildern von Rogers und NLP

3. Theoretische Fundierung
3.1 Theoretische Fundierung der Ideen Carl Rogers’
3.2 Theoretische Fundierung des NLP
3.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der theoretischen Fundierung der Ideen von Carl Rogers und des NLP

4. Didaktische Implikationen
4.1 Didaktische Implikationen des Ansatzes von Carl Rogers
4.2 Didaktische Implikationen des NLP
4.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der didaktischen Implikationen

5. Methoden zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen
5.1 Rogers’ Methoden zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen
5.2 NLP-Methoden zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen
5.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Methoden

6. Kritische Würdigung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Aufgabe der Andragogik ist es seit Herausbildung eines eigenständigen vierten Bildungssektors in den 70er Jahren und der damit einher gehenden Professionalisierung in der Wissenschaft, die spezifischen Bedingungen des Lernens Erwachsener zu beleuchten und Ansätze für die Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements zu diskutieren, die diesen besonderen Voraussetzungen Rechnung tragen.

Gesellschaftliche und politische Umbrüche, wie sie für unsere heutige Zeit kennzeichnend sind, führen zu einer psychischen Verunsicherung von Individuen, die diese in Bildungsveranstaltungen mit hinein tragen (vgl. Holzapfel 2004, S.141). Neben dem Anspruch, nicht ‚beschult’ zu werden, sondern Einfluss nehmen zu können bzgl. der Inhalte und deren Vermittlung, fließen somit die individuelle Lebens- und Lerngeschichte jedes erwachsenen Teilnehmers[1] inkl. seiner psychischen (Ausnahme-) Zustände stets in Bildungssituationen mit ein. Dies macht die Notwendigkeit deutlich, sich als professioneller Andragoge mit Konzepten auseinander zu setzen, die Spielräume bei der Realisierung eigener Vorstellungen bzgl. der jeweiligen Bildungsveranstaltung eröffnen, den Teilnehmer in seinen individuellen Lernvoraussetzungen und psychischen Gegebenheiten wahrnehmen und diese Erkenntnisse in der Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen berücksichtigen. Bereits hier wird deutlich, dass der Übergang zwischen Bildung und Therapie als zwei auf die persönliche Entwicklung des Menschen zielende Bereiche fließend sein kann. In dieser Arbeit sollen daher zwei aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte direkt in dieser Übergangszone angesiedelte Konzepte betrachtet werden: die personzentrierte Beratung nach Carl Rogers und das Neurolinguistische Programmieren (kurz: NLP).

Beide Konzepte widmen sich explizit dem Wahrnehmen des Gegenübers in seinem individuellen Selbstausdruck und dessen Unterstützung in seinem Streben nach freier persönlicher Entfaltung. Sie sind beide im Geiste der humanistischen Psychologie entstanden, entstammen ursprünglich dem therapeutischen Bereich und wurden erst in ihrer weiteren Entwicklung auf Lehr-Lern-Prozesse angewendet. Diese ähnliche Entstehungsgeschichte legt den Gedanken nahe, dass beide Ansätze u.U. zu vergleichbaren Vorstellungen bzgl. der Unterstützung von Lehr-Lern-Prozessen kommen. Um diese Ausgangshypothese zu überprüfen, sollen die andragogischen Implikationen beider Ansätze im Folgenden einander gegenüber gestellt und verglichen werden.

Die Ideen Rogers’ und des NLP werden anhand einer einheitlichen Struktur analysiert. Es wird dabei das Schema der vier aufeinander aufbauenden (jedoch nicht disjunkten, sondern vielmehr interdependenten) Betrachtungsebenen Anthropologie, Theorie, Didaktik und Methodik von Prof. Reischmann zugrunde gelegt. Die beiden zu analysierenden Ansätze werden entlang dieser Struktur einander direkt gegenüber gestellt und in einem anschließenden Kapitel hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der jeweiligen Betrachtungsebene verglichen und kritisch beleuchtet.

Um ein grundlegendes Verständnis für die beiden Konzeptionen zu erlangen, wird daher zunächst die Anthropologie anhand von Aussagen verschiedener Autoren zu dem – in beiden Konzepten explizit gemachten – Menschenbild beleuchtet. Anschließend werden die zugrunde liegenden theoretischen Überlegungen dargelegt. Im nächsten Schritt werden die didaktischen Implikationen der Ansätze untersucht und abschließend die für die Durchführung von Lehr-Lern-Prozessen vorgeschlagenen Methoden beleuchtet.

1.2 Gang der Untersuchung

Im voran gegangenen Kapitel wurde das Thema der Arbeit skizziert, die Ausgangshypothese dargelegt und die grundlegende Struktur der Arbeit vorgestellt. In Kapitel 2 werden die Anthropologie von Carl Rogers (Kapitel 2.1) und des NLP (Kapitel 2.2) anhand des jeweils zugrunde liegenden Menschenbildes skizziert und anschließend verglichen (Kapitel 2.3). In Kapitel 3 wird die theoretische Fundierung der Ideen Rogers’ (Kapitel 3.1) und des NLP (Kapitel 3.2) untersucht und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin analysiert (Kapitel 3.3). Im 4. Kapitel werden die aus Menschenbild und theoretischer Fundierung abgeleiteten didaktischen Implikationen der beiden Ansätze einander gegenüber gestellt (Kapitel 4.1 und 4.2) und verglichen. In Kapitel 5 schließlich werden die von Rogers (Kapitel 5.1) und dem NLP (Kapitel 5.2) vorgeschlagenen Methoden zur Realisierung der didaktischen Zielsetzungen beleuchtet und Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede heraus gearbeitet. Im 6. Kapitel wird das Ergebnis der Untersuchung hinsichtlich der eingangs formulierten Hypothese zusammenfassend dargestellt und Vorschläge zu einer Verbindung beider Ansätze entwickelt.

2. Anthropologie als Grundlage der Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen

Die Anthropologie als „Wissenschaft vom Menschen“ (Metz 1995, S.92) ist notwendige Grundlage eines Nachdenkens über Bildungsprozesse. Denn „ob wir über Menschen forschen, ob wir sie diagnostizieren, unterrichten, erziehen, therapieren oder beraten, bei keiner dieser Tätigkeiten arbeiten wir ohne grundsätzliche Vorstellungen von Menschen“ (Mutzeck 1997, S.37). Die Art und Weise, wie wir den Menschen und seine Stellung in der Welt sehen, beeinflusst zwangsläufig unsere theoretischen Vorstellungen sowie die didaktischen und methodischen Überlegungen, die wir daraus ableiten. Im Folgenden werden daher zunächst die Menschenbilder, die den Überlegungen Carl Rogers’ und des NLP zugrunde liegen, dargestellt und verglichen.

2.1 Rogers’ Menschenbild

Rogers ist Zeit seines Lebens sendungsbewusster Teil der humanistischen Bewegung gewesen, die sich für die Selbstverwirklichung und Ausschöpfung der Potenziale des Menschen stark machte. Seine in dieser Denktradition stehende Theorie über den Menschen kann als ganzheitlich und phänomenologisch bezeichnet werden, ist er doch stets bestrebt, den Menschen als Ganzes zu verstehen und die Art, wie er sein Selbst und seine Außenwelt sieht, wahrzunehmen (vgl. Pervin 2000, S.171). Die humanistische Idee, verstanden als „die Akzeptanz des anderen in seinem ‚So-Sein’“ (Karmann 1987, S.54) resultiert dabei aus Rogers’ Annahme, dass es keine allgemeinverbindliche Objektivität geben kann und jeder Mensch Mittelpunkt seiner individuell eigenen Wirklichkeit ist (vgl. Behr 1987, S.143). Dies kommt deutlich in den von Rogers entwickelten therapeutischen Prinzipien zum Ausdruck[2].

Gemäß Quitmann geht Rogers von einem zweigestaltigen Selbst-Begriff aus, der das Selbst einerseits als Objekt konzeptioniert, das wahrgenommen, über das nachgedacht werden kann und der andererseits das Selbst als aktiv Handelnden begreift (vgl. Quitmann 1996, S.144f.). Der Mensch handelt als Selbst in seiner Umwelt und ist gleichzeitig ein Selbst, als das er Erfahrungen wahrnimmt und über das er reflektieren kann. Mutzeck bezeichnet diese zwei Aktionsrichtungen des Selbst als ‚Intra-aktion’ und ‚Inter-aktion’. Der Mensch kann zu sich selbst und zu anderen in Beziehung treten (vgl. Mutzeck 1997, S.38). Rogers konzeptualisiert die Entstehung dieses Selbst als zweiphasigen Prozess. Während das Individuum in der ersten Phase Erfahrungen macht und aus diesen Erfahrungen eine Wahrnehmung seiner selbst ableitet, wird in der zweiten Phase diese Wahrnehmung durch Interaktion mit der Umwelt ausdifferenziert und zu einem Selbstkonzept weiter entwickelt (vgl. Rogers 1959, S.223). Das Individuum kann diese Wahrnehmung, und damit auch sein Selbstkonzept, unter bestimmten Umständen reorganisieren. Durch diese Reorganisation der Wahrnehmung wird eine Verhaltensänderung möglich, da das Verhalten eines Individuums durch dessen subjektive Wahrnehmung bestimmt wird (vgl. Kreuter-Szabo 1988, S.73f.).

Nach Ansicht Rogers’ ist die Grundnatur des Menschen positiv, konstruktiv und vertrauenswürdig. „[...] der Mensch bewegt sich grundsätzlich auf Selbstverwirklichung, Reife und Sozialisation hin.“ (Pervin 2000, S.174). Dieses Streben ist die jedem Organismus inne wohnende Aktualisierungstendenz, „the inherent tendency of the organism to develop all its capacities in ways which serve to maintain or enhance the organism“ (Rogers 1959, S.196). Diese Aktualisierungstendenz bildet dabei den Maßstab für die Bewertung von Erfahrungen, Eindrücken und Reizen (vgl. Quitmann 1996, S.143). Damit entwickelt er bewusst und mit missionarischem Eifer einen Gegenentwurf zu dem seinem Empfinden nach in der westlichen Gesellschaft vorherrschenden Bild vom Menschen als einem im Grunde gefährlichen Wesen, das durch Autoritäten geführt und belehrt werden muss (vgl. Rogers 1997, S.103).

Rogers geht davon aus, dass jedem Organismus eine aktive Tendenz zur Selbstverwirklichung zu eigen ist. „Man kann sagen, dass in jedem Organismus auf jedweder Entwicklungsebene eine Grundtendenz zur konstruktiven Erfüllung der ihm innewohnenden Möglichkeiten vorhanden ist.“ (Rogers 1997, S.69). Selbstverwirklichung wird dabei als höchstes Ziel betrachtet, das über allen von außen kommenden Ansprüchen steht (vgl. Köhler-Weisker/Horn/Schülein 1993, S.163f.). Dabei geht es nicht um die Förderung eines spezifischen ‚wahren Selbst’, sondern um „ [...] das tiefe Erfassen der Freiheit sich selbst (nach eigenen Interessen) definieren zu können“ (Frenzel 1991, S.44).

Diese psychische Veränderung hin zu einer größeren Kongruenz zwischen dem (äußeren) Erleben und der Wahrnehmung der eigenen Person wird nach Rogers’ Auffassung durch die Schaffung eines spezifischen, auf bestimmten förderlichen Einstellungen des Beraters beruhenden Klimas ermöglicht (vgl. Kreuter-Szabo 1988, S.107). Rogers entwickelt und vervollkommnet die Leitlinien zur Förderung dieses Klimas lange Jahre in seinem angestammten Tätigkeitsfeld, der Therapie, bevor er diese auch auf andere Bereiche, wie bspw. die Bildung, überträgt.

2.2 Das Menschenbild des NLP

Die Vorstellungen des NLP über Mensch und Welt kommen in dessen Grundannahmen zum Ausdruck. Die Liste der Vorannahmen unterscheidet sich dabei je nach Autor und Thema der jeweiligen Publikation. Folgende Grundsätze finden sich jedoch in den meisten Quellen wieder und können als Kern der Philosophie des NLP betrachtet werden.

Jeder Mensch ist einzigartig.

Die Art und Weise, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt und deutet ist individuell unterschiedlich. Die Sinnesorgane ebenso wie die einzigartige, persönliche Geschichte jedes Menschen wirken wie Filter und bestimmen dadurch die individuelle Konstruktion der umgebenden Welt (vgl. Decker 1995, S.62f.).

Die Landkarte ist nicht das Gebiet.

Dieses Leitmotiv des NLP stammt ursprünglich von Korzybski, der damit zum Ausdruck brachte, dass Worte nicht die (einzig wahre) Wirklichkeit repräsentieren, sondern immer eine von der individuellen Wahrnehmung der Welt geprägte Abstraktion darstellen (vgl. Van Nagel 1989, S.159).[3] Die individuelle innere Realitätskonstruktion des Menschen beeinflusst entscheidend sein Denken, Fühlen und Handeln (vgl. Kobler 1995, S.19). Darüber hinaus ist es nicht die Wirklichkeit selbst, die uns beschränkt oder befähigt, sondern unsere Landkarte der Wirklichkeit (vgl. Decker 1995, S.63).

Jedes Verhalten hat eine positive Absicht.

Jedes menschliche Verhalten ist zielorientiert und zum jeweiligen Zeitpunkt sowie auf Basis der vorliegenden Informationen die beste Alternative, das angestrebte Ziel zu erreichen (vgl. Kobler 1995, S.19). Es wird somit davon ausgegangen, dass jedes Verhalten eine positive Absicht hat oder zu einem früheren Zeitpunkt einen positiven Zweck erfüllte. Eskann jedoch sein, dass das Verhalten in der aktuellen Situation nicht mehr adäquat ist. Im NLP wird dann nach anderen Verhaltensweisen gesucht, die den Zweck angemessener zu erfüllen vermögen (vgl. Kohlmey 2001, S.62).

Jeder Mensch trägt alle Ressourcen in sich, die er braucht.

Das NLP geht davon aus, dass Menschen prinzipiell über alle Fähigkeiten zur Lösung ihrer Probleme und alltäglichen Herausforderungen in sich tragen (vgl. Kobler 1995, S.19).

Der Wert der Kommunikation wird bemessen durch die Antwort, die man darauf erhält.

Die Qualität der Kommunikation wird dadurch bestimmt, ob der Empfänger die Botschaft versteht. Nicht die Absicht des Senders entscheidet über den Wert der Kommunikation; wichtig ist vielmehr, was von der Botschaft bei dem Empfänger ankommt (vgl. Kobler 1995, S.18). Die Verantwortung für die Kommunikation liegt somit beim Kommunikator (vgl. Kohlmey 2001, S.61). Widerstand des Empfängers im Sinne eines nicht Eingehens auf die Absicht des Senders ist ein Zeichen für die mangelnde Flexibilität des Kommunikators, dem es noch nicht gelungen ist, das Verhalten seines Gegenübers zu akzeptieren und in der angebotenen Form zu nutzen (vgl. Grochowiak1996, S.3).

Es gibt kein Versagen, sondern nur Feedback.

Fehler werden im NLP als eine Chance gesehen, etwas anderes zu probieren, die Richtung zu ändern, um das angestrebte Ziel zu erreichen (vgl. Kohlmey 2001, S.60).

Orientierung auf Ziele statt auf Probleme

Statt einer Konzentration auf das Problem, was u. U. zu einem ‚im Kreis drehen’ führen würde, fokussiert man im NLP das Ziel, zu dem das Problem führen will und fragt, wie es am besten erreicht werden kann (vgl. Kohlmey 2001, S.60ff.). Hier ist deutlich das für das NLP typische Primat der Nützlichkeit identifizierbar, das nicht nach ‚richtig oder falsch’, sondern nur nach ’hilfreich oder nicht hilfreich’ fragt. So formuliert bspw. Ulsamer bzgl. der Frage, ob Seminarteilnehmer als defizitär, lustlos und lernunwillig oder eher als an Neuem interessiert und lernwillig zu betrachten seien:

"Es geht nicht darum [...] herauszubekommen, ob Menschen an und für sich gerne lernen, oder nicht. Was interessiert, ist: Mit welcher von beiden Annahmen und Haltungen werden größere Erfolge erzielt?" (Ulsamer 1994, S.14).

2.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Menschenbildern von Rogers und NLP

Rogers geht von einem subjektiven Bild der Welt aus, das der Mensch formt und an der Realität auf Passung überprüft. Eine Verhaltensänderung ist möglich, wenn die dem Verhalten zugrunde liegende Wahrnehmung reorganisiert und verändert wird. Dieses Verständnis entspricht den NLP-Grundannahmen, dass jeder Mensch einzigartig sei und eine individuelle Konstruktion von Welt besitze sowie, dass die Landkarte, die der Mensch sich fertige, nicht mit dem beschriebenen Gebiet identisch sei. Rogers lehnt objektive gesellschaftliche Ansprüche ab und postuliert konsequent den Einzelnen als für sein Handeln und Erleben verantwortlich. Dies kann gemäß Hutterer jedoch nur in einem kleinen, geschlossenen System oder in einer individualisierten Gesellschaft als unproblematisch betrachtet werden (vgl. Hutterer 1988, S.3). Im Gegensatz zu dieser deutlichen Fokussierung auf das Subjekt vermeidet das NLP Aussagen über die Berechtigung gesellschaftlicher Anforderungen und zieht sich auf die Position des Pragmatischen zurück: Bedeutsam und ‚wahr’ ist im NLP, was dem Menschen nützt, ihn dabei unterstützt, sein Leben nach seinen Idealen zufriedenstellend zu vollziehen. Beiden Ansätzen kann somit vorgeworfen werden, sie spielten einem ausgeprägten Individualismus in die Hände, stellten die Legitimation von für das Funktionieren einer Gesellschaft notwendigen, von der Gesellschaft getragenen Werte und Normen in Frage, zugunsten eines Vorrangs strikt subjektiver Bedürfnisbefriedigung.

Kreuter-Szabo wirft dem Menschenbild Rogers’ zudem vor, von einem romantisch verklärten Selbst des Menschen auszugehen, das in sich vollkommen positiv sei, jedoch einer es einschränkenden, unterdrückenden Umwelt gegenüber stehe (vgl. Kreuter-Szabo 1988, S.112f.). Rogers postuliert jedoch sein Menschenbild nicht als ‚Wahrheit’. Er hat sich ausschließlich aufgrund seiner Erfahrungen mit Menschen dafür entschieden, dass ihm der Glaube an die positive Natur des Menschen die größere Chance zur Erreichung seiner Ziele bietet (sei es in der Therapie oder der Gestaltung von Bildungsprozessen). Das NLP geht, seinem pragmatischen Prinzip folgend, ebenfalls davon aus, dass die Annahme von im Menschen vorherrschenden positiven und konstruktiven Kräften hilfreicher bei der Unterstützung anderer Menschen in der Bewältigung ihres Alltags ist. Dies findet seinen Ausdruck in der Annahme einer positiven Absicht jeglichen Verhaltens.Es ist m.E. letztendlich eine Glaubensfrage, ob man davon ausgeht, dass der Mensch in seinem Innersten gut oder böse sei. Auch Maier-Kuhn konstatiert:

„Rogers wählt das Individuum als höchsten Wert vor anderen möglichen Werten [...]. Diese Wahl ist völlig subjektiv; sie beruht auf einer nicht weiter hinterfragten, persönlichen Entscheidung und kann daher nicht als berechtigt oder unberechtigt, als richtig oder falsch ausgewiesen werden.“ (Maier-Kuhn 1979, S.40f.).

Rogers beschäftigt sich zudem weitaus stärker mit dem Prozess der Persönlichkeitsveränderung, als mit der Ursache der Persönlichkeitsstörung. Er versucht nicht, diese Ursachen zu identifizieren, sondern konzentriert sich auf den gegenwärtig stattfindenden Prozess der Selbstentfaltung seines Klienten (vgl. Kreuter-Szabo 1988, S.93) – dies entspricht dem Grundprinzip des NLP, das Ziel zu fokussieren, anstelle des Problems.

Zwei m.E. wertvolle Grundannahmen des NLP, die Aussagen zum ‚Wert der Kommunikation’ und ‚Feedback statt Versagen’, finden keine Entsprechungen bei Rogers.Sie halten den professionellen Kommunikator jedoch dazu an, sich konsequent an der Wirklichkeitskonstruktion seines Gegenübers auszurichten und bei auftauchenden ‚Widerständen’ weder sich noch den Anderen für die misslungene Interaktion verantwortlich zu machen. Insbesondere für Lehrende als permanent mit Teilnehmern in Kommunikations- und Interaktionsbeziehungen stehende Berufsgruppe ist die Anregung hilfreich, bei nicht zufrieden stellend verlaufenden Lehr-Lern-Prozessen die eigene Flexibilität zu erweitern und – z.B. mit Methoden des NLP – neue Wege in Kommunikation und Interaktion zu gehen.

Während Rogers in psychologisch-wissenschaftlicher Diktion seine Ansichten über den Menschen explizit darlegt[4], formuliert das NLP seine zugrunde liegenden Annahmen eher leitsatzförmig-plakativ. Die zugrunde liegenden Vorstellungen von Mensch und Welt weisen jedoch gemäß der Anfangshypothese große Übereinstimmungen auf.

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird jeweils auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet. Mit der männlichen Form ist selbstverständlich gleichzeitig immer auch die weibliche Form gemeint.

[2] Vgl. zu den Prinzipien der klient-zentrierten Beratung Kapitel 3.1.

[3] Dazu mehr in Kapitel 3.2 unter „Allgemeine Semantik“.

[4] Es kann als Rogers großes Verdienst gelten, seine Anthropologie klar dargelegt zu haben in einer Zeit, in der die Psychologie sich noch dagegen wehrte, überhaupt Hypothesen über den Menschen oder eine bestimmte Sicht der Welt zu haben (vgl. Maier-Kuhn 1979, S.64ff.).

Details

Seiten
46
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638426008
ISBN (Buch)
9783640858729
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45150
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Carl Rogers Neurolinguistische Programmieren Vergleich Ansätze Implikationen NLP Carl Rogers klientenzentrierte Gespraechsfuehrung

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Titel: Carl Rogers und das Neurolinguistische Programmieren - Vergleich beider Ansätze hinsichtlich ihrer andragogischen Implikationen