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Sind ethnische Konflikte "ethnische" Konflikte?

Seminararbeit 2004 20 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definition von „Ethnie“ und „ethnischem Konflikt“

III. Charakteristika eines „ethnischen“ Konflikts

IV. Entstehung von „ethnischen Identitäten“

V. Tribalismus

VI. Instrumentalisierung von Ethnizität (politisch und wirtschaftlich)

VII. Gewaltmärkte

VIII. Fazit

IX. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In den Medien wird die Dritte Welt häufig als ein Kontinent der Stammesrivalitäten und Stammeskämpfe bezeichnet, die sich in den so genannten „ethnischen Konflikten“ äußern. Aber was bedeutet die Katalogisierung als „ethnischer“ Konflikt nun genau? Worin liegt der Unterschied zwischen einem „ethnischen“ und einem „normalen“ Konflikt und ab wann kann, sollte oder muss man sogar von einem ethnischen Konflikt sprechen? Das sind Fragen, die ein Lexikon oder die Medien kaum adäquat zu beantworten vermögen. Sie bedienen sich oftmals Vorurteile und Klischees, wie die des Tribalismus oder der „Allerweltsformel“ der Ethnizität, um das Phänomen des ethnischen Konflikts erklären zu wollen. Dabei entwerten sie jedoch den eigentlichen Sinn[1]. Ob es eine allumfassende Antwort auf die Generalfrage gibt: „Sind ethnische Konflikte ethnische Konflikte?“, werde ich versuchen, anhand zahlreicher (Fach-) Literatur zu diesem Thema zu beantworten. Dazu bedarf es jedoch zunächst einer allgemeinen Definition des Untersuchungsgegenstands „Ethnie“ bzw. „ethnischer Konflikt“, von der aus ich zu den vermeintlichen Charakteristika eines ethnischen Konflikts überleiten werde. Danach widme ich mich der Entstehung ethnischer Identitäten, mit der das Bewusstsein für ethnische Unterschiede geschaffen wird. Als nächstes folgt der Tribalismus, dessen heutzutage unpopulärer Gebrauch oft mit Ethnizität gleichgesetzt wird und als Ursprungscharakter afrikanischer Nationen gilt. Anschließend soll die Instrumentalisierung von Ethnizität im politischen und wirtschaftlichen Sinne näher beleuchtet und im letzten Teil der Arbeit auf die so genannten Gewaltmärkte eingegangen werden, die den Blick auf die Kommerzialisierung ethnischer Auseinandersetzungen lenkt. Zum Abschluss ziehe ich ein Fazit.

II. Definition von „Ethnie“ und „ethnischem Konflikt“

Im Fremdwörterbuch des Duden[2] steht für Ethnie: „eine Menschengruppe mit einheitlicher Kultur“. Damit wäre anscheinend ein ethnischer Konflikt eine Auseinandersetzung jener Menschengruppe um ihre Kultur. Aber kann man den Begriff Ethnie wirklich so einfach katalogisieren? Aus dem Griechischen stammend, hat er eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Zunächst war der Begriff „ethnos“ eine politische Kategorie, die Homer als Bezeichnung für große Tiergruppen oder auch Schwärme von Kriegern benutzte. Dagegen verwendete Aristoteles „ethnos“ für alle fremden und barbarischen Nationen, kurz alle Nicht-Griechen. In der neutestamentarischen Zeit wurden mit „ethnos“ Heiden bezeichnet und das Adjektiv „ethnicos“ bedeutete barbarisch und unzivilisiert. Mit „ethnos“ bezeichneten später die grie­chisch-orthodoxen Christen sich selbst als „die anderen“.[3] Durch Fehler der späteren Geschichtsschreiber änderten sich aber die Bedeutungen: ethnicos wurde nun mit „die anderen/die Heiden“ übersetzt, während ethnos „die Nation/das Volk“ bedeutete.[4] Nachdem Wörter wie „Volk“ und „Nation“ belastet und unzutreffend sind,[5] gingen Historiker und Soziologen dazu über, eine Ethnie als eine „Wir-Grup­pe“ zu begreifen, was wiederum verschiedenste Definitionen zulässt. Zum einen kann unter einer Wir-Gruppe eine Anzahl von Menschen verstanden werden, die tatsächliche oder fiktive Gemeinsamkeiten hat[6] oder die im Wechselspiel von Selbstidentifikation und Fremdeinordnung entstanden ist.[7] Dementsprechend fällt es ebenso schwer, eine Definition für ethnische Konflikte zu finden. Nach Esser sind „ethnische Konflikte Konflikte zwischen Gruppen, die sich gegenseitig nach ethnischen (subjektiven oder objektiven) Merkmalen abgrenzen“.[8] Schmidt hingegen versucht, weiter zu differenzieren. Nach ihm können als „ethnische Konflikte diejenigen Konflikte bezeichnet werden, in denen mindestens eine Konfliktpartei eine ethnische Gruppe ist und in denen die Unterscheidung von Freund und Feind anhand ethnischer Zugehörigkeit vorgenommen wird“.[9] Reichen diese Kriterien aus, um einen Konflikt mit dem Attribut „ethnisch“ versehen zu können?[10]

III. Charakteristika eines „ethnischen“ Konflikts

Schmidt hat vier Charakteristika gefunden, anhand derer man einen Konflikt als ethnisch einstufen könne:

1. - Ethnische Konflikte besitzen ein hohes Gewaltpotenzial, das im Extremfall bis zum Genozid reichen kann.

- Ethnische Konflikte werden nicht mit Hightech-Waffen geführt, sondern mit Kleinwaffen und oft auch mit Macheten.
- Von Seiten der Kriegsparteien werden in ethnischen Konflikten keine Unterschiede zwischen Kriegsteilnehmern und Zivilbevölkerung gemacht.
- Grausamkeiten werden als militärpolitische Strategie eingesetzt und entsprechen damit einem rationalen Kalkül.
- Diese Gewaltanwendungen führen leicht zur Eigendynamik und können so irrationale Züge entwickeln.

2. - Die Kriegsteilnehmer sind oft hoch motiviert.

- Wenn die staatliche Ordnung im Konflikt zerfällt, wird sie durch neue Akteure, die Warlords, ersetzt.
- Diese agieren meist kriminell und verfolgen materielle Interessen.
- Es bildet sich eine Kriegsökonomie, d. h. Rohstoffe und Ressourcen werden von außen, z. B. durch von Firmen engagierten Söldnern, beschützt.
- Das erhöht die Vielzahl der Konfliktparteien und erschwert die Unterscheidung zwischen Aggressoren und Angegriffenen.

3. - Es kann zur Ausweitung der Konflikte auf Nachbarstaaten und ganze Regionen kommen, da ethnische Konflikte oft einen grenzüberschreitenden Charakter besitzen.

- Eine direkte Intervention von außen ist selten, sondern erfolgt eher durch Waffenlieferungen oder finanzielle Unterstützung.

4. - Im Verlauf bildet sich eine Tendenz zu ethnisch-homogenen Siedlungsräumen oder ethnisch-homogenen, abgrenzbaren Territorien innerhalb anderer Ethnien, oft durch Gewaltanwendung.

An der Charakterisierung wird deutlich, dass es sich keineswegs um Rückfälle vormoderner Barbarei von religiös, fundamentalistisch oder nationalistisch verführten Menschen handelt.[11] Reicht dieses „Pauschalpaket“ aus, um als ethnischer Konflikt deklariert zu werden oder handelt es sich nicht vielmehr um Bürgerkriege mit ethnischer Komponente, die als Strategie oder Taktik eingesetzt wird?[12] Aufschluss darüber, warum die „ethnische Karte“ in Auseinandersetzungen so häufig ausgespielt wird, kann vielleicht eine Untersuchung zur Entstehung ethnischer Identität geben.

IV. Entstehung von „ethnischen Identitäten“

In der Debatte um die Bildung ethnischer Identitäten stehen sich zwei Haupttheorien gegenüber: die primordialistische oder essentialistische und die konstruktivistische oder instrumentalistische. Unter der primor­dialistischen Theorie ist die Abstammungstheorie zu verstehen. Die Primordialisten empfinden ethnische Identität als natürliche Grundtatsache, weil sie durch emotionale Bindungen zwischen Individuen und ihren Primärgruppen, die größtenteils aus der (fiktiven) Verwandtschaft oder Blutsbanden bestehen, bildet.[13] Andere Autoren gingen dazu über, unter „Ethnie“ nichts anderes als eine „Superfamily“ zu begreifen.[14] Von herausragender Bedeutung für diese primordialistische Theorie ist die Betonung der „gegebenen“ Gemeinsamkeiten, wie Geschichte, Kultur, Sprache, Religion und Rasse.[15] Ethnizität ist demnach immer latent vorhanden. Sie bricht dann hervor, wenn die moderne Welt Risse bekommt, z. B. durch ökonomische Krisen.[16] Obwohl diese Theorie, dass Ethnizität ein ursprüngliches Element menschlichen Daseins sei, mehrfach widerlegt wurde, hält sie sich hartnäckig, weil sie scheinbar einfach Dinge, wie Fanatismus, Brutalität oder Ausländerfeindlichkeit, zu erklären vermag.[17] Die Konstrukti­visten dagegen verstehen ethnische Identität nicht als überhistorische und quasi-natürliche Gruppenzugehörigkeit, sondern stellen ethnische Gruppierungen als eine vorgestellte Gemeinschaft dar, die erfunden oder konstruiert wurde.[18] Entscheidend hierfür ist der ethnische Gemeinsamkeitsglaube, der als ein subjektiv gemeinsames Merkmal empfunden wird. Dieses Merkmal kann selbst oder von anderen Akteuren zugeschrieben werden.[19]

[...]


[1] Nuscheler, Franz: Migration, Ethnizität und Konflikt in Afrika. In: Bade, Klaus J. (Hrsg.): Migration, Ethnizität, Konflikt, IMIS-Schriften 1, S. 296. Im Folgenden zitiert als „Nuscheler, Migration“

[2] Der Duden. Fremdwörterbuch. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 1998, S. 123. Im Folgenden zitiert als „Fremdwörterbuch“

[3] Lentz, Carola: „Tribalismus“ und Ethnizität in Afrika: Ein Forschungsüberblick. Sozial-antropologische Arbeitspapiere. Institut für Ethnologie, FU Berlin, S. 3. Im Folgenden zitiert als „Lentz, Tribalismus“

[4] Nedderveen, Pieterse J.: Beherrschung und Befreiung. Die Vielfalt und Mehrdeutigkeit ethnischer Politik. In: Der Überblick, Jg. 29, Nr. 3, 1993. S. 11. Im Folgenden zitiert als „Nedderveen, Beherrschung und Befreiung“

[5] Es gibt schätzungsweise 3.500 ethnische Gruppen und nur 180 Nationalstaaten. So müsste ca. 1 Milliarde Menschen umgesiedelt werden.

Aus: Hamburg, David: Ethnische Konflikte: Ursachen, Eskalation und präventive Vermittlung. In: Europa-Archiv, Beiträge und Berichte, Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik, Band 48, 1993, S. 117. Im Folgenden zitiert als „Hamburg, Ethnische Konflikte“

[6] Hansen, Georg: Ethnie, Ethnizität, Ethnisierung. Fernuniversität Gesamthochschule Hagen 2000, S. 5. Im Folgenden zitiert als „Hansen, Ethnisierung“

[7] Schmidt, Siegmar: Ursachen ethnischer Konflikte in der Dritten Welt. In: Meyer, Günter/Thimm, Andreas (Hrsg.): Ethnische Konflikte in der Dritten Welt: Ursachen und Konsequenzen, Mainz 2001, S. 15. Im Folgenden zitiert als „Schmidt, Dritte Welt“

[8] Esser, Hartmut: Die Mobilisierung ethnischer Konflikte. In: Bade, Klaus J. (Hrsg.): Migration, Ethnizität, Konflikt, IMIS-Schriften 1. S. 65. Im Folgenden zitiert als „Esser, Mobilisierung“

[9] Schmidt, Dritte Welt, S. 16

[10] Ganter, Stephan: Ethnizität und ethnische Konflikte: Konzepte und theoretische Ansätze für eine vergleichende Analyse. Freiburg 1995, S. 13. Im Folgenden zitiert als „Ganter, Theoretische Ansätze“

[11] Esser, Mobilisierung, S. 65

[12] Holl, Jane E.: Konfliktprävention: Strategien zur Verhinderung ethnischer Zwietracht. In: Internationale Politik, Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik, Band 54, 1999, S. 41. Im Folgenden zitiert als „Holl, Konfliktprävention“

[13] Ganter, Theoretische Ansätze, S. 20

[14] Ganter, Theoretische Ansätze, S. 30

[15] Lentz, Tribalismus, S. 4

[16] Nedderveen, Beherrschung und Befreiung, S. 11

[17] Ganter, Theoretische Ansätze, S. 32, 33

[18] Nedderveen, Beherrschung und Befreiung, S. 12

[19] Ganter, Theoretische Ansätze, S. 39

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638425858
ISBN (Buch)
9783638750523
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45127
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Sind Konflikte

Autor

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