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Deutsche Gewerkschaften im Wandel der Zeit - Mitgliederentwicklung, Problemlage und Lösungsansätze

von Anke Seifert (Autor) Claudia Breisa (Autor)

Seminararbeit 2005 29 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. (Claudia Breisa) Vorwort
1. Die Entstehung der Gewerkschaften und ihre Arbeit bis 1933
2. Die Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg

III. (Anke Seifert) Vorwort
1. Problemlage der Gewerkschaften
1.1. Innergewerkschaftliche Strukturen
1.2. Ökonomischer Wandel
1.3. Sozio-kultureller Wandel
2. Internationaler Vergleich
3. Lösungsansätze
3.1. Verschmelzung von Einzelgewerkschaften
3.2. Autorenmeinungen
3.3. Gewerkschaften als „soziale Unternehmensberater“

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Gewerkschaftliche Macht ist Organisationsmacht, die auf Mitgliederzahlen und Mobilisierungspotential beruht. Die Mitgliederzahlen fundieren einen Anspruch auf die legitime Repräsentation bedeutsamer Teile der arbeitenden Bevölkerung; Mobilisierungspotential verweist auf die Reichweite gewerkschaftlicher Störungsmacht. Erhalt und Ausweitung dieser Machtbasis liegen in den bestands- und zielorientierten Interessen jeder Gewerkschaft.“ (Müller-Jentsch 1997: 119)

Die Gewerkschaften in Deutschland verzeichnen seit geraumer Zeit sinkende Mitgliederzahlen. Obwohl sie die „bedeutendste Form organisierter Interessen auf dem Arbeitsmarkt“ (Hassel 1997: 10) darstellen, gefährden der Mitgliederschwund und die Rekrutierungsdefizite immer mehr ihre gesellschafts-politische Stellung. Einige Experten glauben sogar, dass es in naher Zukunft keine Gewerkschaften mehr geben wird.

Was aber führt zu diesem Abwärtstrend? Werden die Gewerkschaften von inneren Problemen gelähmt, sind sie dem sozialen und ökonomischen Wandel hilflos ausgesetzt oder haben sie sich vielleicht von Beginn an den falschen Aufgaben zugewendet?

Wir wollen versuchen, die Ursachen zu finden, die für die heutige aktuelle Situation der deutschen Gewerkschaften (mit-) verantwortlich sein könnten. Schrieb sich die Geschichte wirklich schneller, als die deutschen Gewerkschaften sich verändern und anpassen konnten?

Im ersten, von Claudia Breisa geschriebenen Teil dieser Arbeit wird die Entwicklung der Gewerkschaften von der Mitte des 19. Jahrhunderts aus bis heute komprimiert dargestellt. Dieser Teil soll eine Einordnung der gewerkschaftlichen Entwicklung anhand ihrer Aufgabenbereiche, ihrer Mitgliederzahlen und Probleme in den historischen Kontext ermöglichen.

Der zweite, von Anke Seifert verfasste Teil dieser Arbeit baut auf den Erkenntnissen der historischen Entwicklung auf und geht auf die heutigen Probleme der Gewerkschaften ein. Ein internationaler Vergleich, der die gewerkschaftliche Situation in anderen Ländern vorstellt, soll klären, ob es sich bei dem Mitgliederschwund nicht vielleicht um ein spezielles „deutsches Problem“ handelt, und im Anschluss werden einige Lösungsansätze vorgestellt.

Im abschließenden Fazit werden wir unsere Erkenntnisse auswerten.

II. Vorwort

In meinem Teil dieser Hausarbeit möchte ich zuerst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Gewerkschaften geben. Dabei unterscheide ich zwischen einem ersten Teil, der sich mit der Entwicklung der Gewerkschaften bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1933 beschäftigt, und einem zweiten Teil, der die veränderte Situation der Gewerkschaften im Deutschland der Nachkriegszeit bis heute skizziert.

Ich möchte dem Leser mit meinem Teil dieser Hausarbeit den Einstieg in das Thema erleichtern und eine gute Wissensbasis bieten, auf der die Pro­blemanalyse aufgebaut werden kann.

1. Die Entstehung der Gewerkschaften und ihre Arbeit bis 1933

Die Industrialisierung brachte nicht nur technischen Fortschritt, sondern auch neue Lebensumstände für viele Menschen mit sich. Aus diesem tief greifenden Wandel resultierte die „soziale Frage“ des 19. Jahrhunderts. Das ansteigende Bevölkerungswachstum und die zunehmende Urbanisierung führten dazu, dass viele Menschen in die Industriestädte zogen, um dort als ungelernte Arbeiter in den Fabriken ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

„Die Arbeiter und Arbeiterinnen „bedienten“ die Maschine, deren Arbeitstempo und „Fähigkeiten“ Ablauf und Länge des Arbeitsprozesses bestimmten. Arbeitsteilung und Zerstückelung der Produktion bis zu schematischer Eintönigkeit; Dreck, Krach, Gestank und gesundheitliche Gefahr; Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung; Unterwerfung unter das Zeit- und Arbeitsdiktat des „Fabrikherren“ – diese Stichworte müssen genügen, den Prozess der „Entfremdung“ zu beschreiben, den die industrielle Produktionsweise für mehr und mehr Arbeiter und Arbeiterinnen mit sich brachte.“ (Schneider 2001: 22)

Es waren jedoch nicht die Arbeiter in der Industrie, sondern Handwerker, die die ersten Organisationen ins Leben riefen. Tagelöhner, Heimarbeiter und Fabrikarbeiter hatten keinerlei organisatorische Erfahrungen vorzuweisen. Zudem waren Handwerker in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Industriearbeitern in Deutschland zahlenmäßig noch überlegen. Durch ihre Wander- und Lehrjahre kamen die deutschen Handwerksgesellen auch in andere Länder und so mit den Organisationsideen ausländischer Handwerker in Kontakt. Gerade das Handwerk sah sich durch die fortschreitende Industrialisierung in die Enge getrieben. Es war nun nicht mehr so einfach möglich, den eigenen Arbeitsaufwand und den Lohn vergleichend einzuschätzen, da die Arbeit durch den Einsatz von Maschinen in kleine Schritte zerstückelt wurde. Die Handwerker, die sich seit dem Mittelalter organisierten, betrachteten den Einsatz von Maschinen als Entwertung ihrer handwerklichen Qualifikation, und so sahen sie sich in ihrem beruflichen Selbstbewusstsein und ihrem handwerklichen Stolz gekränkt (vgl. Schneider 2001: 25).

1840 forderten die deutschen Buchdrucker erstmals die kollektive Regelung ihrer Löhne durch einen Tarifvertrag.

Die Revolution von 1848 schließlich schürte nicht nur die Hoffnungen auf politische Veränderungen in Deutschland. Jetzt begannen auch die Arbeiter, die zunehmende Wichtigkeit ihrer Organisation zu begreifen. Sie versuchten, soziale Reformbestrebungen durch das Parlament in der Frankfurter Paulskirche in die Verfassung mit einfließen zu lassen. Auch wenn ihre Hoffnungen weitgehend enttäuscht wurden, so gründeten sich in den Jahren von 1860 bis 1870 viele Arbeiterbildungsvereine, lokale Berufsorganisationen und gewerkschaftliche Zentralverbände, wie zum Beispiel der Zentralverband der Tabakarbeiter 1865.

Am 23.05.1863 wurde der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unter seinem Vorsitzenden Ferdinand Lassalle ins Leben gerufen (vgl. Schroeder/Weßels 2003: 627). Lassalle glaubte an politische Veränderungen, wie das allgemeine und gleiche Wahlrecht an Stelle des vorherrschenden Dreiklassenwahlrechts, um die Arbeiter so durch zunehmende Partizipation am politischen Leben an den Staat zu binden. Er glaubte jedoch nicht, dass die Gewerkschaften oder die von ihnen ins Leben gerufenen Unterstützungs- und Sterbekassen tief greifende Veränderungen herbeiführen konnten (vgl. Rohlfes 1992).

Die Arbeitgeber, das heißt die Fabrikbesitzer, standen den zunehmenden Bestrebungen der Handwerker und Arbeiterschaft ablehnend gegenüber. Die Einstellung, „der Herr im eigenen Haus zu sein“, war unter ihnen weit verbreitet. Daher versuchten sie, jegliche Bestrebungen ihrer Arbeiter, sich zu organisieren, zu verbieten. Alfred Krupp riet seinen Arbeitern in einem Brief im Februar 1877, sich ihren Haushalten und Familien zu widmen, anstatt sich mit der Politik und den eigenen Rechten zu beschäftigen (vgl. Schneider 2000: 36). 1869 wurde die Koalitionsfreiheit für Teile der gewerblichen Arbeitnehmerschaft und die Möglichkeit, in den Streik zu treten sowie die Aussperrung mit Entlassungswirkung mit der Gewerbeordnung des Norddeutschen Reichstages anerkannt. Den Gewerkschaften wurde jedoch verboten, sich politisch zu betätigen (vgl. Alemann 1996 und Schroeder/Weßels 2003: 627).

Mit dem Sozialistengesetz von 1878 sollten die Gewerkschaften zwölf weitere harte Jahre zu bestehen haben. Bismarck sah 1878 nach zwei missglückten Attentaten auf den Kaiser die Gelegenheit, die Sozialdemokratie und viele mit ihr sympathisierende Gewerkschaften durch das Sozialistengesetz einzuschränken und zu behindern. Bis 1890 wurden 17 Zentralverbände und 120 lokale Berufsorganisationen zwangsweise aufgelöst. Andere Gewerkschaftsverbände und Arbeiterverbindungen versuchten, ihren Bestand zu sichern, indem sie sich von der Sozialdemokratie lossagten oder sich für unparteiisch erklärten (vgl. Schroeder/Weßels 2003: 626). Die Gewerkschaften versuchten, sich weiterhin im Untergrund zu organisieren und die Jahre der Unterdrückung riefen in der Arbeiterschaft ein wachsendes Solidaritätsgefühl wach, was den Gewerkschaften ab 1890, nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes, schnell wachsende Mitgliederzahlen (2,5 Millionen Mitglieder bis 1914) einbrachte (vgl. Schönhoven 2003: 45).

Der Erste Weltkrieg ließ die vielfältige Gewerkschaftsarbeit fast vollständig zum Erliegen kommen. Mit ihrer Zustimmung und Unterstützung zum Krieg erhofften sich die Gewerkschaften nach Kriegsende sozialreforme­rische Zugeständnisse. Das Stinnes-Legien-Abkommen sollte den Gewerkschaften 1918 ihre Anerkennung als autonome Arbeitsmarktpartei in diesem Solidarpakt zwischen den Spitzenverbänden der Gewerkschaften und der Unternehmer bringen (vgl. Schönhoven 2003: 48). Hier zeigt sich, wie sehr die Gewerkschaften darum bemüht waren, endlich voll anerkannt zu werden, um sich auf diesem legalen Weg vor weiteren unterdrückenden Maßnahmen durch die Arbeitgeber und den Staat schützen zu können.

Die parlamentarischen Grundlagen der Weimarer Republik schließlich ermöglichten es den Gewerkschaften, als Instrumente der Wählerbeeinflussung und –mobilisierung ernst genommen zu werden. Doch wurden ihnen auch dann immer wieder ihre begrenzten Handlungsmöglichkeiten vor Augen gehalten. So war es ihnen nicht möglich, die Einführung des Achtstundentages zu erhalten, und ihre Mitspracherechte auf betrieblicher und politischer Ebene bestanden teilweise nur auf dem Papier. Doch auch die engagierte Arbeit der Gewerkschaften, die sich in Weimar erstmals als nicht zu übersehender Bestandteil des parlamentarischen Systems ansahen, konnte die Entparlamentarisierung und schließlich ihre eigene Auflösung durch die Nationalsozialisten am 2. Mai 1933 nicht verhindern. Es steht jedoch außer Frage, dass die Gewerkschaften in Weimar einen ersten, wohl eher unbewussten, Versuch zur Realisierung einer sozialen und demokratischen Gesellschaftsordnung und zum Aufbau des modernen Sozialstaates machten (vgl. Schneider 2000: 221).

2. Die Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach 1945 wurde das Modell der politischen Richtungsgewerkschaften durch das Modell der parteipolitisch unabhängigen Einheitsgewerkschaft abgelöst (vgl. Schroeder/Weßels 2003: 17). Das bedeutete, dass sich die Gewerkschaften von sämtlichen Parteien und Gruppierungen als unabhängig betrachteten, aber eine „natürliche Nähe“ zur SPD wahrten (vgl. Schroeder/ Weßels 2003).

Am 22./25. April 1947 wurde der Deutsche Gewerkschaftsbund für die britische Zone gegründet, an dessen Spitze Hans Böckler gewählt wurde (vgl. Schneider 2000: 249). Es war zum Vorteil der Gewerkschaften, dass die alliierten Besatzungsmächte ihnen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges großes Vertrauen entgegen brachten. Die Gewerkschaften begannen, sich wieder zu organisieren. Ihre Fürsprache ermöglichte es den deutschen Unternehmern, mit Hilfe der Gewerkschaften mit dem industriellen Wiederaufbau zu beginnen (vgl. Schroeder/Weßels 2003: 12).

Im Mai 1947 formulierten die Gewerkschaften ihre Forderungen folgendermaßen: Wiederherstellung der wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands; Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien, Banken und Versicherungen; Aufbau einer geplanten und gelenkten Wirtschaft mit einem zentralen Planungsamt und Organen der Selbstverwaltung unter Beteiligung der Gewerkschaften; Erhöhung der Produktion und Einstellung der Demontagen; Aufstellung eines Import- und Exportplans; Bodenreform und Vorlage eines Landwirtschaftsplans sowie eine einheitliche Währung und Finanzreform für ganz Deutschland (vgl. Schneider 2000: 251). Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt gewerkschaftlicher Arbeit lag in der Verbesserung der Lebensumstände nach dem Krieg und der Versorgung der Bevölkerung mit dem Nötigsten.

Mit der Verabschiedung des Grundgesetzes sollten die deutschen Gewerkschaften jedoch erneut in ihren Erwartungen enttäuscht werden. Sie hatten gehofft, der provisorische Charakter des Grundgesetzes würde nach einer baldigen Wiedervereinigung mit der sowjetischen Besatzungszone weitere Veränderungen in ihrem Sinne zulassen. Doch dazu sollte es so schnell nicht kommen. Damit waren die Rahmenbedingungen gewerkschaftlicher Arbeit für längere Zeit festgelegt.

Es ist wichtig, an dieser Stelle hervorzuheben, dass die Gewerkschaften sich mit ihrer Verankerung im Grundgesetz legitimieren konnten. Dort war das Recht eines jeden Bürgers auf Versammlungs- und Koalitionsfreiheit zur Verbesserung von Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen fixiert, ebenso wie die Bestimmung der Bundesrepublik im Sinne eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates (vgl. Schneider 2000: 263).

Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1933 hatten die deutschen Gewerkschaften nicht nur für die Verbesserung der Rechte des einzelnen Arbeitnehmers gekämpft, sondern auch um ihre eigene staatlich legitimierte Stellung in Deutschland. Sie waren nachhaltig geprägt von der Unterdrückung durch die Bismarckschen Sozialistengesetze und die Ablehnung durch die Arbeitgeber, die es lange verstanden hatten, die Gewerkschaften und ihre Interessen zu bekämpfen oder zu ignorieren.

1949 wurden die Gewerkschaften aber ein wesentlicher, rechtlich legitimierter Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland. Damit verloren sie jedoch auch einen bisher wichtigen Aufgabenbereich und mussten sich nach neuen Tätigkeitsfeldern umsehen.

Der Zusammenschluss der lokalen und regionalen Gewerkschaftsinitiative zum Deutschen Gewerkschaftsbund im Oktober 1949 war ein weiterer Fortschritt. Es war den Gewerkschaften jedoch nicht gelungen, alle Arbeiter, Angestellten und Beamten einer Branche in einen gemeinsamen Verband zu integrieren und das Industriegewerkschaftsprinzip (ein Betrieb - eine Gewerkschaft) für alle Berufsgruppen zu verwirklichen (vgl. Schönhoven 2003: 51). Das „Wirtschaftswunder“ führte dazu, dass die Politik der „sozialen Marktwirtschaft“ Anerkennung fand. Trotz dieser Zustimmung zur Politik zogen sich weite Teile der Bevölkerung auf Grund der Erfahrungen mit Nazideutschland und dem Zweiten Weltkrieg ins Private zurück. Das führte dazu, dass die Gewerkschaften den erhofften deutlichen Mitgliederzustrom nicht verzeichnen konnten (vgl. Schneider 2000: 317).

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Details

Seiten
29
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638425841
ISBN (Buch)
9783638848596
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45126
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
Deutsche Gewerkschaften Wandel Zeit Mitgliederentwicklung Problemlage Lösungsansätze

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Titel: Deutsche Gewerkschaften im Wandel der Zeit - Mitgliederentwicklung, Problemlage und Lösungsansätze