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Die Prätorianergarde. Politikum der römischen Kaiserzeit

Eine Fallstudie zur Herrschaft des Augustus, Tiberius und Caligula

Bachelorarbeit 2018 37 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Gliederung

Deckblatt

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Garde und ihre Vorläufer

3. Augustus
3.1. Selbstverständnis
3.2. Das Gegenstück: Die germanische Leibwache
3.3. Prätorianer in der Herrschaft des Augustus
3.4. Zwischenbetrachtung

4. Tiberius
4.1. Prätorianer und Kaiser
4.2. Der Aufstieg des Prätorianerpräfekten Lucius Aelius Seianus
4.3. Die Verschwörung der Agrippina
4.4. Seianus an der Stelle des Kaisers
4.5. Der Fall des Seianus
4.6. Zwischenbetrachtung

5. Caligula
5.1. Übernahme der Einheit
5.2. Prätorianerpräfekt Naevius Sutorius Macro
5.3. Caligula auf dem Weg zum Kaisertum
5.4. Der neue Kaiser
5.5. Des Kaisers Ende
5.6. Zwischenbetrachtung

6. Fazit

Quellen

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Eine der bedeutendsten Einheiten und wichtiger Faktor der römisch-kaiserlichen Herrschaft war in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. die Prätorianergarde. Grundlegend war es ihre Aufgabe für die Sicherheit und den Schutz des Kaisers zu sorgen. Im Unterschied zu den anderen Einheiten der römischen Armee war die Garde nicht nur aufgrund ihrer höheren Besoldung besser gestellt. Was sie vor allem ausmachte und ein hohes Maß an Loyalität und Vertrauen voraussetzte, war ihre unmittelbare Nähe zum Kaiser und dessen Familie im kaiserlichen Palast. BUSCH begründet mit der Distanzlosigkeit der Garde zum Kaiser ihre herausragende Stellung innerhalb der römischen Armee.1 Neben der engen Bindung kamen ihnen noch Begünstigungen in Form von besserer Dienst- und Lebensbedingungen zu.

Ihre Stationierung in der Stadt Rom markiert nicht geringeres als den Übergang von republikanischer in die Kaiserzeit. Noch zu republikanischen Zeiten war es verboten militärische Einheiten in der Stadt Rom aufzustellen und stellte ein Verstoß gegen das Sakralrecht dar.2 Die römische Bevölkerung kann nur traumatisiert und in ständiger Angst gewesen sein, wenn diese Truppen in der Stadt gesehen haben muss. In republikanischer Zeit erlebten sie heftige Kämpfe und Gewaltakte, wie die gegen den Volkstribun Tiberius Gracchus 133 v. Chr. und Ausschreitungen zwischen Personen und ihrer Anhänger wie die des Clodius und Milo. Akzeptanz bei der römischen Bevölkerung für die Stationierung von Truppen in Rom gelang dadurch, dass der Glaube in ihnen erzeugt worden ist, dass allein durch die Präsenz von Soldaten Sicherheit und Frieden in Rom möglich sei.3 Mit ihrem Vorgänger in republikanischer Zeit war die von Augustus geschaffene kaiserliche Prätorianergarde nun eng an den Prinzeps gebunden und ihm direkt unterstellt. Vom Kaiser Tiberius sind sie in Rom kaserniert worden und waren über drei Jahrhunderte der Garant für Macht und Sicherheit der Kaiser. Am 28. Oktober 312 wurden von Konstantin dem Großen aufgelöst, als dieser in der Schlacht an der Milvischen Brücke gegen seinen Widersacher Maxentius gewann und die Prätorianergarde auf dessen Seite kämpfte. Das kaiserliche Herrschaftssystem war nach STÖVER eine Militärmonarchie, BINGHAM spricht in diesem Zusammenhang von einer Diktatur „relying on the military for support“.4

Nach diesen Beurteilungen stellt sich die Frage, wie groß der innenpolitische Einfluss der Prätorianergarde im kaiserlichen Herrschaftssystem war. Kann die Garde als Privatarmee verstanden werden? Wurde sie zur Einschüchterung und Herstellung kaiserlicher Dominanz missbraucht oder nur in ganz besonderen Situationen als Sondereinheit genutzt und verschwand danach wieder? Daneben ist bei der Frage nach der innenpolitischen Rolle der Prätorianergarde auch die Art und Weise des Einsatzes und die Funktionen, die sie unter den jeweiligen Herrschenden ausfüllten, zu untersuchen und ob sie stets dem Kaiser gegenüber hörig waren, instrumentalisiert wurden oder sich auch autonom organisierten. Augustus gilt als Begründer der Prätorianergarde, die Idee einer Leibwache ist aber weitaus älter. Unter Tiberius werden sie umstrukturiert und ein Grundprinzip der Organisation ignoriert, sodass sich der Zugriff auf sie änderte und damit auch die aus ihnen resultierende Macht. In der Regierungszeit des Caligula trat die Garde dann erstmals öffentlich in einer politischen Aktion auf. Innerhalb der Regierungszeiten der ersten drei Kaiser Roms waren die Verstrickungen zwischen Kaiser, Garde, Senat und Volk bereits so dicht, dass sich auf diese in der Untersuchung begrenzt wurde.

Zu den umfangreichsten Werken bezüglich der Prätorianer gehören Monographien die nun mehrere Jahrzehnte zurück liegen und nicht ins deutsche übersetzt wurden. Dabei gilt das 1938 in Frankreich erschienene Les cohortes pr é toriennes von Marcel Durry als Standardwerk.5 Mit The Praetorian Guard. A History of Rome ’ s Elite Special Forces legte Sandra Bingham 2013 eine aktuellere Untersuchung vor.6 Die 1994 erschienene Monographie Die Pr ä torianer. Kaisermacher - Kaiserm ö rder von Hans Dieter Stöver ist die einzige in deutscher Sprache erschienene Monographie.7 Sowohl BINGHAMS als auch STÖVERS Werke werden jedoch für ihren populärwissenschaftlichen Anteil kritisiert, wobei sich BINGHAM noch stärker um eine wissenschaftliche Darstellung bemüht.8 Daher wird BINGHAMS Arbeit in dieser berücksichtigt, STÖVERS allerdings nicht im Weiteren. Darüber hinaus gibt es eine Fülle an wissenschaftlichen Untersuchungen der militärischen sowie paramilitärischen Einheiten zu Zeiten der römischen Republik und Kaiserzeit. Einen besonders guten Überblick und leichten Zugang zur Thematik bietet hierfür das 2011 in deutscher Sprache erschienene Werk Milit ä r in Rom von Alexandra W. Busch.9 Für eine zeitnahe Darstellung der Geschehnisse werden die Erzählungen des Tacitus, Flavius Josephus, Cassius Dio und Sueton heran gezogen, bei denen Verhältnisse zwischen Prätorianergarde und Kaiser wohl berichtet werden.

Der Aufbau dieser Arbeit ist folgendermaßen gestaltet: Einführend wird die Entstehungsgeschichte der Prätorianergarde beleuchtet. Im weiteren Verlauf wird auf die Einzelbetrachtungen der drei Kaiser eingegangen. Dabei gliedert sich die jeweilige Betrachtung so, dass Funktionen und Beziehung zwischen Kaiser und Garde kurz skizziert werden. Eingegangen wird dabei auf den Anteil der Prätorianer bei der Machtübernahme und den dabei eingesetzten Mitteln der Kaiser. In den Regierungen des Tiberius und Caligula sind Konspirationen zentraler Aspekt der Untersuchung. Eine Gegenüberstellung antiker Quellen und moderner Forschung ist dabei für eine umfassende Darstellung der Thematik von Nöten. Gerade die Annales des Tacitus sind einer Person oder bestimmten Gruppen gegenüber geneigt, die Quelle ist tendenziös. Abschließend stellt das Fazit eine Zusammenfassung der Thematik dar und greift die gestellte Frage auf.

2. Die Garde und ihre Vorläufer

Nach der Etymologie, der Herkunft und Geschichte der Wörter, ist der Begriff Pr ä torianer in der modernen Forschung umstritten und es finden sich verschiedene Ursprünge. Im Nachfolgenden werden die wichtigsten Definitionen dargelegt.

Nach DURRY findet sich der Ursprung in der republikanischen Zeit, als Pr ä toren, also hohe Amtsinhaber in der römischen Ämterlaufbahn, stets mit einer ausgewählten Gruppe auf Feldzüge gingen und diese sich während der gesamten Zeit nicht trennten.10 Diese Ansicht teilt ebenfalls LE BOHEC.11 Dagegen beschreibt CAMPBELL, dass die cohors praetoria, die Prätorianerkohorte, nach dem sogenannten praetorium, dem Hauptquartier des Feldherrn, benannt worden sei.12 BINGHAM fasst die Ansichten zusammen. Es gibt Quellenbelege, die darauf hinweisen, dass es bereits vor der Prinzipatszeit bewaffnete Männer gab, die als Bodyguards der Feldherren auf Feldzügen dienten. Der Terminus cohors praetoria sei nicht in Quellen vor dem 1. Jahrhundert angewendet worden.13

Im Jahr 27 v. Chr. wurden unter Augustus die Prätorianer, die nach CAMPBELL persönliche Leibwächter der Feldherren waren, zu seiner eigenen Leibwache.14 Damit vollzog sich eine enorme Transformation von Teilen des militärischen Heerwesens. In der römischen Republik, vor allem im 1. Jahrhundert v. Chr., galt noch eine sehr starke Bindung zwischen Soldaten und ihren Feldherren. So spricht BUSCH bei dieser Transformation von einer Verstaatlichung des Militärs, auch wenn der Terminus von Staat hier anachronistisch ist.15

Die Prätorianergarde wurde in neun Kohorten eingeteilt. Neben den neun Prätorianerkohorten schuf Augustus auch drei städtische Kohorten. Deren Aufgabe war es, für den Schutz der Senatoren zu sorgen. Modern gesprochen übernahmen sie polizeiähnliche Aufgaben.16 Die Angaben zur Größe einer Kohorte der Prätorianergarde sind strittig. MOMMSEN vertritt die Ansicht, dass etwa 1000 Mann zu einer Kohorte zusammengefasst wurden.17 Demgegenüber steht die Annahme, unter anderem von DURRY, KEPPIE und NIPPEL, dass die Prätorianerkohorten in 500 Mann pro Kohorte eingeteilt worden sind.18 Die literarischen sowie epigraphischen Quellen sind zur Bestimmung der Kohortengröße nicht eindeutig genug. Unter zu Hilfenahme der Archäologie findet sich jedoch nach LE BOHEC ein „entscheidendes Argument“ zur Klärung der Frage. Die 5000 Soldaten waren in Legionslagern von einer Fläche von ca. 18 und 20 Hektar untergebracht. LE BOHEC schlussfolgert aus dem Größenargument, dass jede der zwölf Kohorten, neun Prätorianer- und drei Stadtkohorten, nur aus 500 Mann bestanden haben kann, da diesen zusammen in der castra praetoria, dem Prätorianerlager, nur 16,72 Hektar zur Verfügung standen.19

Die Stationierung der städtischen und prätorischen Kohorten erfolgte in der Stadt und im Umland. Drei der neun Prätorianerkohorten waren unter Augustus in Rom stationiert, wobei eine Kohorte davon dem römisch-kaiserlichen Palast als Wache diente. Diese Palastwache war im Dienst bewaffnet. Sie trug Zivilkleidung und keine militärische Uniform. CAMPBELL schließt auf einen Trick zur Beruhigung der Senatoren, welche die Anwesenheit von Soldaten in Rom nicht gewöhnt waren.20

Ab 2 n. Chr. hatten zwei von Augustus eingesetzte Präfekte, die praefecti praetorio, den Oberbefehl über die Prätorianer.21 Die Doppelbesetzung sollte sicherstellen, dass zumindest ein Prätorianerpräfekt stets in Rom war.22 Aus dem Ritterstand kommend, befehligten sie die Prätorianer. Sie selbst waren immer noch dem Kaiser unterstellt. Um mögliche Differenzen nicht entstehen zu lassen, wurde kein Senator mit dem Befehl über die Garde ausgestattet. Es sollte zu keiner Spaltung aufgrund von Machtbefugnissen zwischen Kaiser und einem oder mehreren Senatoren kommen.23 Nach dem Prinzip der Kollegialität sollten immer zwei Präfekte sich den Oberbefehl über die Garde teilen. Es fällt in die Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14-37 n. Chr), dass ein einzelner Präfekt ernannt worden ist und dazu noch sämtliche Prätorianer in einem einzigen Lager in Rom, dem bereits erwähnten castra praetoria, konzentriert worden sind. Die Ernennung eines einzelnen Präfekten hatte, wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit dargelegt wird, enormen politischen Einfluss.

Das Leben der Prätorianer war im Vergleich zu den sonstigen militärischen Einheiten ein angenehmeres und ruhigeres. Ihren Dienst verrichteten sie unter den besten Bedingungen. Sie erhielten höheren Sold als städtische Kohorten und Legionäre. Ebenso war ihre Dienstzeit kürzer.24 Nach SYME sind die Prätorianer keinesfalls mit den an der Front kämpfenden Soldaten gleichzusetzen, schauten diese doch neidvoll auf das ruhige Leben der Prätorianer in der Heimat.25 NIPPEL schlussfolgert, dass die Bevorzugung einen respektvollen und zivilisierten Umgang mit der römischen Bevölkerung garantieren sollte.26 Weitestgehend konform findet sich in der Forschung die Aussage, dass die Hauptaufgabe der Prätorianergarde darin bestand, den jeweiligen Herrscher zu schützen. So fasst BINGHAM die Aufgabe kurz und bündig in „the protection of the emperor - and his family“ zusammen.27 Eine bedeutende Einheit der frühen Kaiserzeit darf dabei jedoch nicht unerwähnt bleiben, denn das eigentliche „personal protection squad“ des Kaisers waren die Prätorianer nach KEPPIE nicht.28

Im 1. Jahrhundert n. Chr. übernahmen die aus der Zeit der Bürgerkriege übernommenen calagurritani, später germani corporis custodes, die germanischen Bodyguards, hauptsächlich aus dem Stamm der Bataver kommend, den persönlichen Schutz des Imperators.29 Diese Einheit wurde mit dem Ende der julisch-claudischen Dynastie 69 n. Chr. von Galba aufgelöst, nachdem sich abzeichnete, dass sie seinem Konkurrenten Gnaeus Dolabella eher geneigt waren.30 Die Prätorianer waren dieser Einheit jedoch zahlenmäßig weit überlegen, bestanden die germani corporis custodes lediglich aus etwa 500 bis 1000 Mann, wobei BELLEN ein Minimum von 500 annimmt.31 Die zugesprochene Schutzfunktion füllten die Prätorianer also nicht primär aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke aus, sondern erhoffte man sich eher durch ihre bloße Anwesenheit die Abkehr von Gefahren und Angriffen. DURRY sieht gerade in ihrer körperlichen Präsenz, ihres schönen Erscheinungsbildes, sowie guten Verhaltens die besondere Zierde der Macht des Kaisers.32 Die machtpolitische Symbolfunktion der Prätorianergarde war demnach ein nicht geringer Faktor für die römischen Kaiser.

3. Augustus

3. 1. Selbstverständnis

Obwohl die Aushebung der Prätorianergarde in die Zeit des Augustus fällt und auch ein deutliches Zeichen dafür war, dass nun das imperiale Zeitalter begann, gibt es sehr wenige Informationen zu ihnen in der markanten Anfangsphase. BINGHAM sieht zum einen die fehlenden zeitnahen und umfassenden Quellen als Ursache für den Informationsmangel. Sie verweist auch auf die Tatsache hin, dass Augustus selbst in seinen Res Gestae die von ihm eingesetzten Prätorianer nicht im Speziellen erwähnte.33

Bei der Betrachtung der Res Gestae ist auffallend, dass Augustus ganz bewusst keine innermilitärischen Streitkräfte zur Mehrung seiner politischen Position im Senat betonte oder hervorhub. Er ist in seiner Darstellung der Mann, der von allen gewollt ist, der, der das Volk eint und sich ihrer Not annimmt.34 Er benötigte für sein Selbstverständnis, bzw. dem was er der Nachwelt hinterlassen wollte, kein Militär zur Sicherung seiner Herrschaft in Rom. Seine Herrschaft sei anscheinend von keiner inneren Feindschaft bedroht, die äußeren Feinde besiegte er aber mit der Zustimmung aller.35 Augustus hinterließ ein Bild seines Selbst, in dem er die angetragene Macht stets nur in dem Maße annahm, wie es die Situation verlangte. Der Begründer des Prinzipats, in dem er als der erste Bürger oder der erste unter Gleichen gesehen werden sollte, musste sich nicht eines militärischen Machtapparates bedienen, um seiner Herrschaft Ausdruck zu verleihen. So sollte sich an Augustus erinnert werden. Das Nutzen von Militär und Soldaten passte nicht in das von ihm selbst kreierte Bild.

3. 2. Das Gegenstück: Die germanische Leibwache

Die bereits erwähnten calagurritani wurden von Augustus aus der vorhergegangenen republikanischen Zeit in die Kaiserzeit überführt. Sueton erwähnte erstmals germanische Einheiten in der kaiserlichen Leibwache.36 Diese calagurritani waren im Gegensatz zu den Prätorianern die eigentliche persönliche Leibwache der Kaiser. Für diese Aufgabe wurden sie vor allem deswegen auserwählt, weil sie gering romanisiert waren und keine Verwandten in den Rängen des römischen Senats hatten. Es kann davon ausgegangen werden, dass ihnen die Politik Roms von äußerst geringer Bedeutung war.37

Nach BELLEN bildeten die germanischen Leibwächter „den innersten um die Person des Princeps gelegten Ring im Sicherheitssystem des Principats“ und galten als „Garanten der Herrschaft“.38 Demnach konnte das in die Prätorianer gesetzte Vertrauen des Augustus nicht das größte gewesen sein. Er setzte diesen vornehmen, höchst ansehnlichen, Hochlatein sprechenden Prätorianern Fremde gegenüber. Nur allein Römern vertraute Augustus nicht das kaiserliche Leben an. Im Bericht des Cassius Dio ist eine Amtshandlung des Augustus erwähnt, die aufzeigt, welche Angst von den Germanen ausging. Nach der Niederlage in der Varusschlacht fürchtete sich Augustus vor Unruhen der Gallier und Germanen, die in der Leibwache dienten und sich noch in Rom befanden. Damit es nicht zu Ausschreiten hätte kommen können, ordnete Augustus an, dass sie auf Inseln gebracht werden oder die Stadt unbewaffnet verlassen sollten.39

Mit welchem Eifer die germanische Leibwache ihrer Aufgabe, den Schutz des römischen Kaisers, ihrem Soldgeber, nachkam, verdeutlichen die Szenen nach der Ermordung Caligulas. Dieser fiel einer Verschwörung zum Opfer, die von seinem engsten Umkreis ausging. Als die Nachricht, auf Caligula sei ein Attentat verübt worden, zu ihnen durchdrang, durchsuchten und umstellten sie das Theater, indem er ermordet wurde. Sie verfielen in solche Rage, dass sie jede ihnen verdächtig vorkommenden Person töteten. Dabei kamen durch den Zorn der Germanen auch drei römische Senatoren um ihr Leben. Erst als sie vernahmen, dass der Kaiser wirklich tot war, ließen sie die noch im Theater anwesenden hinausgehen.40

Zu ihrer regulären Aufgabe kann nach BELLEN der Wachdienst im kaiserlichen Palast gezählt werden.41 Daneben schützten sie auch Familienmitglieder des kaiserlichen Hauses.42 Neben dem Wachdienst sind sie den Kaisern in der Niederschlagung von Verschwörungen dienlich gewesen. Caligula zog 39 n. Chr. nach Mogontiacum, heute Mainz, und ließ dort die Verschwörung des Gaetulicus niederschlagen.43 Im Jahr 65 n. Chr. ließ Kaiser Nero mit der germanischen Leibwache diejenigen beseitigen und verhaften, denen ein Mitwirken in der sogenannten Pisonischen Verschwörung gegen ihn angelastet wurde. Hierbei setzte Nero zwar auch die üblichen Soldaten ein, diese Einheit verstärkte er aber mit den Germanen, „denen der Princeps vertraute, weil sie Ausländer waren“.44 Die germanische Leibwache wurde in diesen Momenten als task force, ja mehr sogar noch als Sondereinheit, eingesetzt. Man schenkte ihnen mehr Vertrauen aufgrund ihres Desinteresses an den römischen Machtstrukturen. Es ist nicht als Ultima Ratio aufzufassen, wenn der Kaiser sie mit unter die üblichen Soldaten mischte. Für BELLEN war die germanische Leibwache absolut zuverlässig, sie bildeten ein unverzichtbares Kriterium in der Herrschaft des jeweiligen Princeps.45

Höchst wahrscheinlich, aber doch nur eine Vermutung, bleibt also das permanente Misstrauen des gegenwärtigen Prinzeps gegenüber der Prätorianergarde. Die Garde bot ihm Macht, Einfluss und Ansehen nach außen. Nach innen konnten sie jedoch äußerst gefährlich für sein Leib und Leben werden. Dies erkennend zogen die Fremden als wahrhaft persönliche Schutztruppe noch engere Kreise um die Herrschenden und deren Familien. 68 n. Chr. wurden sie vom Kaiser Galba aus ihrem Dienst entlassen.46

3. 3. Prätorianer in der Herrschaft des Augustus

Von Sueton erfahren wir lediglich Randinformationen zu Prätorianern in der Herrschaft des Augustus. Überliefert sind Informationen zur ihrer Stationierung. Den Großteil der Garde brachte Augustus in benachbarte Städte Roms unter. In der Stadt selbst ließ er immer nur drei Kohorten, welche ohne festes Lager stationiert waren.47 NIPPEL sieht darin ein Indiz dafür, dass Augustus den militärischen Charakter seiner Herrschaft gering halten wollte.48

In ihrer Anfangsphase kann es nach BINGHAM möglich gewesen sein, dass die Prätorianer unter Augustus bereits Aufgaben wie die Bekämpfung des Feuers und Sicherung der Stadt zu Zeiten von Spielen übernahmen. Es gibt jedoch dafür lediglich kleinere Hinweise in den Quellen.49 6 n. Chr. sind die vigiles als eine Art Feuerwehr von Augustus ins Leben gerufen worden. Diese ersetzen die vorherigen ad hoc Gruppen, die bis dahin dafür eingesetzt wurden.50 Sueton berichtet, dass zu den Spielen Soldaten anwesend waren und Augustus zu Zeiten von Unruhen und zur Eindämmung etwaiger Ausschreitung Soldaten in Rom aufstellen lassen ließ.51 Bei diesen Ereignissen fehlt jedoch der spezifische Bezug zur Prätorianergarde und lässt nur Vermutungen zu. Es ist nicht überliefert, dass sich unter den genannten Soldaten auch Prätorianer befanden. Die Prätorianer waren eine kaisereigene Einheit. Sollte der Prinzeps seine Soldaten bei Spielen und Einsätzen der Feuersbekämpfung eingesetzt haben, konnte er sich sicher sein, dass das Volk sie sieht. Dadurch sollte nach BINGHAM die römische Masse daran erinnert werden, dass der Kaiser über sie wachte und das Wohlergehen des Staates hohe Priorität hatte.52

Spärlich fällt die Quellenlage aus, sucht man Anhaltspunkte, dass die Prätorianer unter Augustus, wie dann bei seinen Nachfolgern auch, Henkersdienst übernahmen. Dafür, dass sie es getan haben könnten, spricht der bei Sueton erwähnte Präzedenzfall der Hinrichtung des Prätors Gallius Quintus, der allerdings noch in die Triumviratszeit, also der vorkaiserlichen Zeit, fällt. Der erwähnte Prätor stattete Octavian, dem späteren Augustus, einen Besuch ab und hielt eine Schreibtafel unter seiner Kleidung verdeckt. Dies erweckte den Anschein, als führte er ein Schwert mit sich. So wurde er darauf allein des Verdachts wegen von Centurionen und Soldaten gefoltert und hingerichtet.53

[...]


1 Vgl. Busch (2011), S. 114.

2 DURRY beschreibt Rom als ville inermis - eine Stadt ohne Waffen (Übersetzung des Verfassenden). Vgl. Durry (1938), S. 9.

3 Vgl. Busch (2011), S. 18.

4 Vgl. Stöver (1994), S. 16; Bingham (2013), S. 2.

5 Durry (1938).

6 Bingham (2013).

7 Stöver (1994).

8 Vgl. Unfug (2013).

9 Busch (2011).

10 DURRY führt als Beispiel Publius Cornelius Scipio Africanus, bekannt als Feldherr im Zweiten Punischen Krieg und Sieger über Hannibal, an. Vgl. Durry (1938), S. 68; Vgl. ebenso Bingham (2013), S. 9f.

11 Vgl. Le Bohec (1993), S. 20.

12 Vgl. Campbell (1994), S. 38.

13 Vgl. Bingham (2013), S. 9.

14 Vgl. Campbell (1994), S. 38.

15 Vgl. Busch (2011), S. 18; Zur Betrachtung der Frage nach der „Staatlichkeit“ der römischen Kaiserzeit siehe: Winterling (2001), v.a. 95-99.

16 Vgl. Campbell (1994), S. 38.

17 MOMMSEN bezieht auf Tacitus, der die Zahl aus der Zeit des Tiberius, Augustus Nachfolger, hat (Tac. ann. 4, 5) und gibt dabei selbst an, dass aus der Zeit des Augustus kein authentisches Zeugnis vorliegt. Ebenso führt MOMMSEN an, dass die von Cassius Dio genannte Stärke von 1000 Mann pro Kohorte (Cass. Dio 55, 24, 6) nur fälschlicher Weise auf Augustus von Dio zurückgeführt wurde. Vgl. Mommsen (1879), S. 30f.

18 Vgl. Keppie (1998), S. 187; Durry (1938), S. 81-84; Nippel (1995), S. 92; KENNEDY spricht sich gegen die Annahme von DURRY aus und widerlegt diese zahlenmäßige Annahme. Vgl.: Kennedy (1978), S. 275-288.

19 Vgl. Le Bohec (1993), S. 21; Nach BUSCH waren die Lager mindestens 15,7 und maximal 16,72 Hektar groß. Vgl. Busch (2011), S. 54.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. Durry (1938), S. 157. Die tägliche Verwaltung der Garde wurde von Tribunen (einer pro Kohorte) und Centurionen (sechs pro Kohorte) übernommen. Bevor es zum Einsatz der Präfekte kam, könnten die Tribunen und Centurionen direkt von Augustus Anweisungen erhalten haben. Vgl. Bingham (2013), S. 60 als auch Brunt (1983), S. 59.

22 Vgl. Nippel (1995), S. 91.

23 Vgl. Bingham (1997), S. 33f.

24 Vgl. Durry (1938), S. 261-273 und S. 400.

25 Vgl. Syme (1939), S. 243.

26 Vgl. Nippel (1995), S. 91.

27 Vgl. Bingham (2013), S. 82.

28 Vgl. Keppie (1998), S. 154.

29 Vgl. Durry (1938), S. 22.

30 Vgl. Bingham (2013), S. 17.

31 Vgl. Bellen (1981), S. 54.

32 Vgl. Durry (1938), S. 400.

33 Die Res gestae divi Augusti sind ein Leistungs- und Rechenschaftsbericht des römischen Kaisers Augustus. Sie dienten ihm dazu, seine politisch-militärischen Erfolge aus der Ich-Perspektive darzustellen und trugen so zu seiner Selbstinszenierung erheblich bei. Vgl. Bingham (2013), S. 17f.

34 Vgl. R. Gest. div. Aug. 5.

35 Vgl. R. Gest. div. Aug. 1; 25; 35.

36 Suet, Aug. 49, 1.

37 Diese Annahme leitet sich aus dem Umstand ab, dass in der Pisonischen Verschwörung der römische Kaiser Nero den Germanen als Fremden mehr als den eigenen Soldaten vertraute. Tac. ann. 15, 58, 2; Vgl. Bellen (1981), S. 82-84.

38 Vgl. Bellen (1981), S. 85.

39 Cass. Dio 56, 23, 4.

40 Ios. ant. Iud. 19, 119-152; Vgl. Winterling (2012), S. 170f.

41 Vgl. Bellen (1981), S. 44.

42 Die Kaiser Tiberius und Nero ließen Mitglieder ihrer Familie beschützen. Tiberius ließ seinen Sohn Drusus (Tac. ann. 1, 24, 2) und Nero seine Mutter (Suet. Nero 34, 1) beschützen.

43 Suet. Cal. 43; Cass. Dio 59, 22, 5.

44 „permixti Germanis, quibus fidebat princeps quasi externis”. Tac. ann. 15, 58, 2.

45 Vgl. Bellen (1981), S. 82.

46 Suet. Galba 12, 2.

47 Suet. Aug. 49, 1.

48 Vgl. Nippel (1983), S. 109.

49 Vgl. Binghaam (2013), S. 18.

50 Vgl. Keppie (1998), S. 154.

51 Anwesenheit während der Spiele: Suet. Aug. 14; 43, 3; 44, 1. Soldaten in der Stadt: Suet. Aug. 23; 32, 1.

52 Vgl. Bingham (2013), S. 122.

53 Suet. Aug. 27, 4.

Details

Seiten
37
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668851856
ISBN (Buch)
9783668851863
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v450856
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Schlagworte
frühe Kaiserzeit Kaiserzeit Augustus Tiberius Caligula Prätorianer Militärgeschichte

Autor

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Titel: Die Prätorianergarde. Politikum der römischen Kaiserzeit