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Die Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen in der Mead-Freeman Kontroverse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 15 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Margaret Mead unter dem Einfluss von Franz Boas

3. Coming of Age in Samoa
3.1. Margaret Meads Schlussfolgerungen
3.2. Die Resonanz auf ihr Buch

4. Derek Freemans Kritik an Margaret Mead

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit behandelt die wissenschaftliche Kontroverse zwischen Margaret Mead und Derek Freeman, die zu einer art Krise der Ethnologie führte. Mead zeichnet in Ihrem Bestseller „Coming of Age in Samoa“ das Bild einer Südseeromantik. Sie setzt den zum Teil schweren Identitätskrisen amerikanischer Jugendlicher eine angeblich unbeschwerte Pubertät der SamoanerInnen gegenüber und trägt hiermit zur Begründung des Kulturdeterminismus durch Franz Boas bei. Vierzig Jahre später führt der Australier Derek Freeman eine „restudy“ auf Samoa durch und wirft Mead maßlose Übertreibungen und Heuchelei vor. Er revidiert nahezu alle ihrer Darstellungen und versucht so den Kulturdeterminismus zu widerlegen.

2. Margaret Mead unter dem Einfluss von Franz Boas

Margaret Mead wurde 1901 in Philadelphia geboren, 1922 begann sie, als Schülerin von Franz Boas, an der Columbian University in New York Ethnologie zu studieren (vgl. Freeman 1983: 14). Franz Boas, Vater der Cultural Anthropology und Begründer des Kulturrelativismus, hatte großen Einfluss auf seine Schüler und Schülerinnen, weshalb auch Margaret Meads späteren Werke stark von seinen Lehren geprägt sind (vgl. Zanolli 1990: 297-299). Ihr Hauptanliegen während ihrer langjährigen Forschungskarriere war es, durch das Studium fremder Kulturen ihren eigenen Landsleuten zu helfen, sich besser zu verstehen, und nach Alternativen für ihre Lebensweisen und Erziehungssysteme zu suchen (vgl. Mead 1970: 14; Zanolli 1990: 295). Sie betrieb viel Öffentlichkeitsarbeit und erhielt zu Lebzeiten 28 Ehrendoktortitel. Posthum wurde ihr schließlich noch von Jimmy Carter die „Presidential Medal of Freedom“ verliehen (vgl. The Institute for Intercultural Studies 2004: http://www.interculturalstudies.org/IIS/Mead/biography.html). Margaret Mead machte die Ethnologie in der Öffentlichkeit berühmt und beliebt, außerdem war sie eine der ersten, die Kinder und Jugend als eigenständiges Forschungsthema untersuchte (vgl. Shankman 2000: 554). Insgesamt verbrachte sie zehn Jahre mit Feldforschungen fast ausschließlich in der Südsee. Ihre erste Forschungsreise ging nach Samoa, wo sie Daten für ihre Doktorarbeit sammeln wollte, für die ihr Doktorvater Franz Boas ihr folgendes Thema ans Herz legte: Sie sollte untersuchen, „ob das jugendliche Sturm - und - Drang Verhalten während der Pubertät, allein auf biologische Veränderungen zurückzuführen sei, oder ob auch kulturelle Normen verantwortlich gemacht werden könnten“ (Zanolli 1990: 300). Diese Fragestellung ergab sich für Boas aus dem Gesellschaftlichen Hintergrund der Zeit, die vom biologischen Determinismus der Evolutionisten geprägt war. Durch Meads Untersuchung anderer Menschen unter anderen kulturellen Bedingungen erhoffte er sich ein Gegenbeispiel anführen zu können, und die Wichtigkeit der Umwelteinflüsse auf die Persönlichkeit und die verschiedenen Gesellschaften zu beweisen.

3. Coming of Age in Samoa

Margaret Mead war gerade 23 Jahre jung, als sie 1925 nach Amerikanisch Samoa aufbrach. Insgesamt hielt sie sich neun Monate dort auf, wobei sie sechs Monate auf der Insel Ta’u des Manu’a Archipels, ihrer eigentlichen Forschungsregion verbrachte (vgl. Mead 1970: 1, 20, 37; Freeman 1983: 2). In dieser Zeit konzentrierte sie sich hauptsächlich auf die Beobachtung und Befragung der Mädchen und Frauen der drei Dörfer Lumá, Siufaga und Faleasao, deren Leben sie in einer Querschnittstudie von der Geburt bis in Alter untersuchte. 1928 veröffentlichte sie schließlich ihre Erkenntnisse in einem Buch: „Coming of Age in Samoa“. In zwölf Kapiteln beleuchtet sie verschiedene Aspekte, die das Erwachsenwerden der Mädchen beeinflussen, von denen ich im Folgenden einige darstellen werde.

Die Erziehung der Kinder schildert sie als sehr frei: Die Kleinen würden gestillt sobald sie schrien, ihnen würde nichts vorenthalten und außer ein paar Respektregeln, die dem Kind „durch gelegentliche Klapse und viele verzweifelte Zurufe und wirkungslose Rede nahegebracht“ würden, dürften sie alles tun und lassen, was sie wollten (Mead 1970: 47, 48). Wenn ein Kind zu eigensinnig werde, werde ihm ein kleineres in die Obhut gegeben, „so dass jedes Kind durch die Verantwortung für ein Jüngeres erzogen und sozial brauchbar [gemacht] wird“ (ebd.: 49). Die Eltern eines Kindes hätten in so fern wenig Einfluss auf seine Erziehung, als dass es sobald ihm die Regeln zu streng würden in den Haushalt eines anderen Verwandten umziehe. „Nur wenige Kinder leben ständig im gleichen Haushalt: sie erproben immer wieder andere Unterkünfte“ (ebd.: 61). Bis zur Pubertät bildeten die Mädchen wie auch die Jungen Gruppen mit anderen Gleichgeschlechtlichen ähnlichen Alters. Erst mit dem Wachsen der Körperkräfte würden den Kindern ernsthafte Verpflichtungen aufgetragen, die ihnen keine Zeit mehr zum Spielen in der Gruppe ließen (vgl. ebd.: 77, 78). Durch das freie Aufwachsen komme es aber auch, so Mead, dass die Kinder in der Gesellschaft keine soziale Stellung einnehmen. Sie behauptet, dass sie von der Gemeinschaft praktisch ignoriert werden, bis sie produktive Arbeiten verrichten können (vgl. ebd.: 83).

Ein besonderes Interesse richtet Mead auf das Sexualverhalten der Samoanerinnen. Ihrer Beschreibung nach gibt es auf Samoa einen sehr strengen Sittenkodex für Verwandte unterschiedlichen Geschlechts, die angeblich nur im eigenen Haus zusammen sein dürfen, sich nicht berühren, zusammen essen oder sitzen und vor allem nicht über sexuelle Erfahrungen reden dürfen (vgl. ebd.: 62). Bei nicht verwandten schiene es jedoch kaum Einschränkungen für die Partnerwahl zu geben. Mead behauptet, dass die ersten Erfahrungen sogar relativ häufig mit älteren Partnern, verwitweten oder geschiedenen, gesammelt würden (vgl. ebd.: 93). Diese Altersbeziehungen seien zwar nicht sehr angesehen, würden aber doch akzeptiert werden. Homosexuelle Beziehungen gelten ihrer Meinung nach als „angenehm natürlicher Zeitvertreib mit leicht anstößigem Anstrich“ (ebd.: 133) und auch Onanie sei eine „fast allgemein verbreitete Gewohnheit“ (ebd.: 126). Ansonsten würden außerhalb der Heirat vor allem zwei geschlechtliche Beziehungen anerkannt: „Liebesangelegenheiten zwischen unverheirateten jungen Leuten (...) und Ehebruch“ (ebd.: 94). Mit siebzehn, so schreibt sie, lebten die Jugendlichen die „beste Zeit ihres Lebens“. Da sie nicht mehr die kleinen Kinder hüten müssen, hätten sie nun reichlich Zeit für „Liebesabenteuer“ und verrichten nur so viel Arbeit wie nötig, damit sie nicht heiraten müssen[1], denn „Heirat ist das Unvermeidliche, das so lange wie möglich hinausgeschoben werden muss (ebd.: 58). Sie beschreibt den vorehelichen Sex, oder die „Liebesabenteuer“, wie sie es nennt, als etwas vollkommen Normales und allgemein akzeptiertes. Trotzdem sagt sie, dass die Jungfräulichkeit die Reize eines Mädchens als Braut erhöhen (vgl. ebd.: 100). Die Gefühllosigkeit, mit der ihrer Meinung nach die Affären verbunden sind, erklärt Mead damit, dass die Samoaner durch die offene Erziehung nie gelernt hätten eine starke Bindung zu nur einer Person aufzubauen. Über die Ehe schreibt sie: „Die Ehe ist also eine ziemlich lockere Monogamie, die oft verletzt wird und noch öfter ganz zerbricht“ (ebd.: 107). Die Gefühllosigkeit sei schließlich auch ein Grund, weshalb die SamoanerInnen seltener miteinander in Konflikt gerieten und ihnen viele unserer Adoleszenzprobleme erspart blieben[2] (vgl. ebd.: 142).

[...]


[1] Fleißige Mädchen seien als Ehepartnerinnen sehr gefragt.

[2] Vergleiche Punkt 3.1. Margaret Meads Schlussfolgerungen

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638425315
ISBN (Buch)
9783640271757
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45058
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Ethnologie
Schlagworte
Instrumentalisierung Mead-Freeman Kontroverse Forschung Kinder- Margaret Mead Franz Boas Derek Freeman Kinderkulturen Jugendkulturen Samoa Kulturdeterminismus Südseeromantik Sturm und Drang Pubertät Klassiker der Ethnologie Feldforschung Reflexion der Forscherrolle Ethnologie

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