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Lässt sich der Verzehr tierischer Produkte moralisch rechtfertigen?

Hausarbeit 2018 22 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tierethische Perspektive
1.1 Utilitaristische Perspektive nach Peter Singer
1.2 Rechtsansatz nach Tom Regan

2. Naturethische Perspektive
2.1 Der globale Klimawandel
2.2 Das Prinzip der Verantwortung nach Hans Jonas

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Peter Singer (1991) schreibt in seinem Werk, dass Menschen in modernen und urbanisierten Gesellschaften den Kontakt zu nichtmenschlichen Lebewesen überwiegend während der Mahlzeiten pflegen. Seit jeher dienen Tiere zum Nutzen des Menschen, wobei besonders die intensive Tierhaltung eine eminente Rolle für die ausreichende und schnelle Produktion von Lebensmitteln spielt.

Lassen sich dieser Verzehr und die damit verbundene intensive Haltung und die Tötung von Tieren moralisch rechtfertigen?

In der Philosophie gibt es zahlreiche differente Grundhaltungen dazu. In dieser Hausarbeit sollen aus drei unterschiedlichen Perspektiven Argumente gegen den Verzehr und die damit verbundene intensive Nutztierhaltung angetragen werden. Ich möchte mich hierbei nicht zwischen den Positionen entscheiden, sondern zeigen, dass man aus verschiedenen theoretischen Richtungen im Hinblick auf meine Frage zu ähnlichen Antworten kommen kann.

Das erste Kapitel beinhaltet zwei verschiedene tierethische Perspektiven: die utilitaristische Peter Singers, welche aufgrund der Leidensfähigkeit von Tieren gegen die intensive Tierhaltung angebracht wird und zum anderen den Rechts-Ansatz Tom Regans, der Tieren aufgrund ihres intrinsischen Wertes Rechte zuschreibt.

Im zweiten Kapitel soll die Frage aus naturethischer Sicht beantwortet werden. Dabei ist es das Ziel, anhand des Prinzips der Verantwortung von Hans Jonas und aufgrund aktueller Daten des globalen Klimawandels Argumente gegen die intensive Tierhaltung anzubringen.

1. Tierethische Perspektive

1.1 utilitaristische Perspektive nach Peter Singer

Die erste Frage, die sich stellt, wenn über die moralische Rechtfertigung des Verzehrs von tierischen Produkten debattiert wird, ist die, ob Tiere überhaupt über einen moralischen Status verfügen, präziser gesagt, ob sie moralisch zu berücksichtigen sind.

In den meisten Ländern dieser Welt haben Menschen die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Rechte, unabhängig davon, welche Hautfarbe sie haben oder wie intelligent sie sind. Allein durch die Gesetzgebungen in Deutschland wird deutlich, dass dem Menschen ein gewisser moralischer Status zukommt, da er ein Recht darauf besitzt, dass seine Interessen und sein Wohlergehen berücksichtig werden.1

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, dass auch nichtmenschliche Tiere aufgrund ihrer Interessens- und Leidensfähigkeit moralisch zu berücksichtigen sind.

Peter Singer stellt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Tatsache fest: ״Die Tatsache, daß (!) bestimmte Wesen nicht zu unserer Gattung gehören, berechtigt uns nicht, sie auszubeuten, und ebenso bedeutet die Tatsache, daß (!) andere Lebewesen weniger intelligent sind als wir, nicht, daß (!) ihre Interessen mißachtet (!) werden dürfen" (Singer, 1991: 71).

Menschen, welche andere Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Spezies diskriminieren, nennt Singer (1991: 73)

״Speziesisten". Seiner Argumentation nach dürfen Lebewesen jedoch nicht durch den sogenannten ״Speziesismus" (Singer, 1991: 70) moralisch unberücksichtigt bleiben.

Zudem zeigt sich, dass es dabei weniger um die Überlegung geht, ob Tiere mehr oder minder intelligent sind, ob sie kognitive oder verbale

Fähigkeiten aufweisen, sondern ob sie dazu in der Lage sind, zu leiden, wie Jeremy Bentham (1823: 235-236) dazu bemerkt:

״The day may come, when the rest of the animal creation may acquire those rights which never could have been witholden from them but by the hand of tyranny. (...) It may come one day to be recognized, that the number of legs, (...) or the termination of the OS sacrum2, are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate? What else is it that should trace the insuperable line? Is it the faculty of reason, or, perhaps, the faculty of discourse? But a full-grown horse or dog, is beyond comparison a more rational, as well as a more conversible animal, than an infant of a day, or a week, or even a month, old. But suppose the case were otherwise, what would it avail? The question is not, Can they reason? Nor, Can they talk? but, Can they suffer?

Die Zuschreibung von Interessen wird demnach durch jene Leidensfähigkeit vorausgesetzt. Dass ein Lebewesen leiden kann, bedingt die Existenz von Interessen und fordert somit die Rücksichtnahme auf dessen Wohlergehen. Weder Merkmale wie Rationalität oder Intelligenz noch derartige wie beispielsweise die Hautfarbe eines Menschen lassen die Rechtfertigung zu, verschiedenen Lebewesen ein differentes Verspüren von Schmerz zuzuschreiben (Singer, 1991: 73).

Dass ein Wesen der einen Gattung in speziellen Momenten mehr leidet als das einer anderen Gattung, hat nicht zur Folge, dass das Prinzip der gleichen Interessenerwägung der verschiedenen Gattungen keine Anwendung findet, sondern dass die Linderung des größeren Leides vorrangig behandelt wird (Singer, 1991: 74).

Zugleich exkludiert die Tatsache, dass ein Lebewesen in einer bestimmten Situation mehr Schmerz empfindet als ein anderes nicht, dass es Situationen gibt, in der jenes andere Wesen denselben Schmerz verspürt. Damit ist gemeint, dass ein Pferd bei einem Schlag mit der flachen Hand weniger leiden kann als ein Baby, dass es aber bei einem Schlag mit einem Stock denselben Schmerz empfinden kann, den das Baby bei dem mit der flachen Hand verspürt (Singer, 1991: 74-75).

Hinzu kommt, dass die mentalen Fähigkeiten eines Menschen Leidenssituationen wie beispielsweise an ihnen durchgeführte Experimente die Situation nicht mindern, weil sie wissen, was ihnen widerfährt, und zugleich jedoch auch die fehlenden mentalen Fähigkeiten eines nichtmenschlichen Lebewesen die Leidenssituation nicht mindern, weil sie nicht wissen, was ihnen widerfährt. Präziser gesagt, ist ein Tier sich der Situation im Vorhinein nicht bewusst und kann somit nicht befürchten, dass ihm etwas zustoßen wird, jedoch kann gerade diese Beschränkung des Verstandes zum größeren Leiden führen, weil ihm zugleich in gewissen Momenten nicht bewusst werden kann, dass ihm nichts zustößt. Ein gefangenes Tier kann nicht wissen, ob es freigelassen oder getötet wird (Singer, 1991: 75-76).

Es ist anzunehmen, dass der Vergleich zwischen Lebewesen verschiedener Gattungen nicht exakt durchzuführen ist, dies kann aber auch bei Wesen derselben Art der Fall sein (Singer, 1991: 77).

Lakonisch gesagt: ״Selbst wenn wir Tierquälerei nur dann verhindern müßten (!), wenn die menschlichen Interessen nicht in dem Maße betroffen sind wie die der Tiere, wären wir zu radikalen Änderungen bei unserer Behandlung von Tieren gezwungen, was unsere Ernährung, die Methoden der Tierhaltung, (...) unsere Auffassung von Wild und Jagd (...) betrifft (...). Das Ergebnis wäre die Vermeidung einer unermeßlichen (!) Summe von Leiden" (Singer, 1991: 77).

Die Forderung sollte demnach sein, Leiden und Schmerz, zwei zu tadelnde Dinge, zu verhindern oder wenigstens zu mindern, denn ihre Verwerflichkeit besteht unabhängig von Rasse, Geschlecht oder der Gattung. Das Empfinden des Schmerzes hängt nicht davon ab, wer ihn empfindet, sondern von seiner Intensität und Dauer (Singer, 1991: 77).

Die Leidensfähigkeit per se und die damit verbundene Interessenfähigkeit, die nichtmenschlichen Tieren einen moralischen Status anerkennen, sollten daraus folgend als Manifestation der Notwendigkeit dienen, die intensive Tierhaltung und damit das durch sie verursachte Leid, welches besonders Schweine, Rinder und Geflügel täglich erleben, zu beenden.3

Um den Verzehr tierischer Produkte zu rechtfertigen, stellt sich letztlich die Frage, ob es überhaupt nötig ist, sie zu konsumieren. Ein Problem besteht darin, dass für die Nutzung der Tiere als Nahrung natürlicherweise die Tötung der Tiere vorausgesetzt wird (Singer, 1991: 81).

Singer formuliert dazu: ״Wenn man Tieren ein eigenes Recht zugesteht, so wird unsere Nutzung von Tieren als Nahrung fragwürdig - besonders dann, wenn tierisches Fleisch eher ein Luxus als eine Notwendigkeit ist. (...) Bürger der industrialisierten Gesellschaft können sich ohne weiteres angemessene Nahrung ohne Fleisch verschaffen. Die Medizin hat den überzeugenden Nachweis geliefert, daß (!) Fleisch für gute Gesundheit oder ein langes Leben nicht notwendig ist" (Singer, 1991: 78­79).

Flinzu kommt außerdem, dass die Nahrung der Tiere aus der intensiven Tierhaltung zum Großteil aus Getreide besteht, welches wir Menschen auch geradewegs verzehren könnten. Es ist demnach nicht evident, Fleisch als ein die Nahrungszufuhr steigerndes Produkt zu betrachten, da es lediglich ein Produkt des Luxus ist, welches aufgrund seines Geschmacks von Menschen konsumiert wird (Singer, 1991: 79).

Des Weiteren wird ersichtlich, dass sich der Verzehr tierischer Produkte nicht rechtfertigen lässt, wenn Tiere durch das perfide Verhalten von Menschen zu einem elendiglichen Leben genötigt werden, damit ihre Erzeugnisse möglichst günstig für uns zugänglich werden. Dies geschieht insbesondere in der von uns tolerierten intensiven Tierhaltung, in welcher die Tiere unter beengenden und Unheil bringenden Bedingungen gehalten werden (Singer, 1991: 79-80).

[...]


1 vgl. Deutscher Bundestag, Grundgesetz (13. Juli 2017)

2 Lat. Kreuzbein

3 Vgl. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Mai 2015), ״Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung" (102-106)

Details

Seiten
22
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668854086
ISBN (Buch)
9783668854093
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v450168
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
lässt verzehr produkte

Autor

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