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Das "Augusterlebnis". Reichsweite Kriegsbegeisterung oder Mythos?

Stimmung in Deutschland im August 1914

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stimmung innerhalb der deutschen Bevölkerung Ende Juli 1914
2.1. Anspannung, Begeisterung und Panik
2.2. Antikriegskundgebungen
2.3. Reaktion auf den „Zustand drohender Kriegsgefahr“

3. Die Reaktion der Bevölkerung auf den Kriegsausbruch

4. Die Stimmung der Bevölkerung im August 1914
4.1. Allgemein
4.2. Freiwillige
4.3. Kriegswirklichkeit

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist herrlich die Begeisterung zu sehen, die überall herrscht. Überall nur ein Gedanke, jeder zieht gern hinaus“[1], schrieb der zwanzigjährige Student Hermann Reinholds am 7. August an seine Familie. Auch die bürgerliche Presse sah ein einiges Deutschland, „[e]in Volk von Brüdern“[2].

Lange haben Historiker dieses Bild der kriegsbegeisterten Massen in Deutschland kurz vor Beginn und zu Anfang des Ersten Weltkrieges unkritisch übernommen. Dabei begingen sie zum einen den Fehler, die Meinung der Oberschicht als repräsentativ für das gesamte deutsche Volk anzusehen, zum anderen, die Einwilligung der SPD zum sogenannten Burgfrieden als Zustimmung der Arbeiterklasse für den Krieg zu interpretieren.[3] Doch auch in der neueren Forschung liest man von einer „gewaltigen Woge der Kriegsbegeisterung“[4], einer „in der Öffentlichkeit nun zweifellos dominierende[n] Kriegsbegeisterung“[5] und von „jubelnde[n], singende[n] Massen“[6].

Die vorliegende Hausarbeit untersucht die These von einer reichsweiten Kriegsbegeisterung und stellt die Stimmungsentwicklung der deutschen Bevölkerung kurz vor und nach dem Kriegsausbruch dar. Handelt es sich bei dem „Augusterlebnis“ um einen Mythos oder zog tatsächlich ganz Deutschland begeistert in den Krieg?

Zur Beantwortung dieser Frage wurde als Informationsquelle vor allem Jeffrey Verheys Werk „Der ‚Geist von 1914‘ und die Erfindung der Volksgemeinschaft“ genutzt. Verhey präsentiert darin u.a. die Ergebnisse seiner Untersuchung zur Stimmungslage in Deutschland im Juli und August 1914, wobei ein Großteil seiner Arbeit auf die Auswertung zeitgenössischer Zeitungsartikel beruht.

2. Die Stimmung der deutschen Bevölkerung Ende Juli 1914

2.1. Anspannung, Begeisterung und Panik

Am 25. Juli 1914 warteten zehntausende angespannte Menschen auf öffentlichen Plätzen in Berlin auf die serbische Beantwortung des österreichisch-ungarischen Ultimatums. Etwa 21:30 Uhr wurde vermeldet, dass Serbien die Forderungen des Ultimatums zurückgewiesen hat. Daraufhin gingen viele direkt nach Hause, einzelne jedoch blieben und jubelten. Diese Gebliebenen veranstalteten daraufhin „einer der spektakulärsten spontanen patriotischen Kundgebungen in der Geschichte Deutschlands“[7]. Etwa 200-2000 Personen versammelten sich vor der österreichisch-ungarischen und italienischen Botschaft, sowie vorm Reichskanzleramt, riefen nationalistische Parolen und sangen patriotische Lieder. Auch in den gehobenen Restaurants und Cafés der Stadt wurden fast ausschließlich derartige Lieder gespielt und gesungen. Sang ein Gast nicht mit, konnte es sein Rauswurf durch die enthusiastische Menge bedeuten. Zeigte man seinen Protest, so konnte es gar zu Prügel kommen.[8]

Auf den Straßen zogen Studenten, ebenfalls patriotische Lieder singend, in Gruppen von meist 100-150 Personen durch die Stadt, hielten politische Reden und riefen nationalistische Losungen in die Nacht.[9] Die Leute waren begeisternd und enthusiastisch am Feiern, fühlten sich an jenem Abend wie eine einheitliche Volksgemeinschaft. Dabei zog nur ein Bruchteil der Berliner durch die Straßen. Die überwältigende Mehrheit war dagegen zu Hause.[10] Zudem stellten die Teilnehmer keinen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung dar. Die Mehrheit der „Begeisterten“ waren gebildete Jugendliche, Studenten und Angestellte, sowohl Männer als auch Frauen. Die wenigen anwesenden Älteren gehörten ebenfalls der Mittel- und Oberschicht an.[11]

Doch selbst wenn die Beteiligten repräsentativ für die Berliner Bevölkerung gewesen wären, so könnte man noch längst nicht die Reaktionen in der Metropole Berlin als repräsentativ für ganz Deutschland einstufen. Zweidrittel der Reichsbewohner lebten in Städten mit weniger als 20`000 Einwohnern oder in Dörfern. Nur circa 20% lebten in Großstädten mit mehr als 100`000 Bewohnern.[12] In manchen dieser Städte, u.a. den Arbeiterstädten des Ruhrgebiets, waren sogar gar keine Menschenansammlungen zu verzeichnen. Dennoch kam es in den meisten Großstädten zu ähnlichen Verhaltensmustern wie in Berlin, nur fielen sie deutlich kleiner aus: Auf die serbische Antwort warteten beispielsweise fast nie über tausend Personen. Jedoch zogen am Abend in den meisten Großstädten spontane Gruppen von Studenten durch die Stadt. Die Teilnehmeranzahl war unterschiedlich, blieb jedoch auch hier überall unter tausend. Die Zusammensetzung der Teilnehmer und die Art und Weise ihrer Kundgebungen blieben mit dem Singen patriotischer Lieder, dem Skandieren nationalistischer Parolen, dem Redenhalten und dem Besichtigen national bedeutender Denkmäler überall gleich.[13]

In den mittleren bis kleineren Städten oder auf dem Land gab es maximal kleine Ansammlungen. Oft fehlte es an nationalen Denkmälern oder Gebäuden und an den Massen von Menschen, die eine Begeisterung hätten „entflammen“ können. Trotzdem konnte man bis Ende Juli auch in den Regionalzeitungen von Begeisterung lesen, was daran lag, dass mit der öffentlichen Meinung nicht die Meinung der lokalen Bevölkerung gemeint war, sondern die öffentlich hervortretende Stimmung in Berlin und anderen Großstädten des Kaiserreichs.[14]

Ob die Demonstranten mit ihren Umzügen aber überhaupt wirklich ihre Begeisterung für den Krieg ausdrücken wollten, wie es die konservative Presse dargestellt hat, ist fraglich.[15] Die sozialdemokratischen Zeitungen sprachen dagegen von Neugierigen, „vielfach in sehr bedrückter Stimmung.“[16] Tatsächlich stimmt wohl eher letzteres. Die meisten Leute kamen, um sich auf den neusten Stand zu bringen.[17]

Inspiriert durch die Nachrichten von den begeisterten Aufmärschen in Berlin am 25. Juli, zog es am Tag darauf in den meisten deutschen Großstädten mehr Menschen auf die Straßen, während es in Berlin weniger wurden. Dennoch begleiteten immerhin dreimal so viele Menschen wie üblich die Wachablösung in Berlin und sangen dabei patriotische Lieder. Universitätsstädte wie Erlangen und Jena ausgenommen, kam es in den ländlichen Regionen und Kleinstädten weiterhin nur zu kleinen Ansammlungen von Patrioten. Die Zusammensetzung der Teilnehmer blieb überall gleich. Nirgends beteiligte sich die Arbeiterklasse an den „begeisterten“ Demonstrationen.[18]

Da es wie schon tags zuvor teilweise zu rüpelhaftem Verhalten kam, kritisierte sogar die bürgerliche Presse solche Ausuferungen und die Züge wurden in einigen deutschen Städten verboten. Schon am darauffolgenden Montag, den 27. Juli – ein regulärer Arbeitstag – wurde es unter den Begeisterten wieder ruhiger. Zwar kam es am Abend erneut zu patriotischen Feiern in den gehobeneren Cafés, und in vielen Städten wieder zu den Zügen durch die Stadt, doch überall fanden sich höchstens ein paar hundert Teilnehmer zusammen.[19]

In Teilen reagierte die Bevölkerung jedoch panisch. Aus Angst, die Regierung könnte das Ersparte auf den Banken zur Kriegsfinanzierung konfiszieren, gab es bereits am Morgen des 27. Julis große Abbuchungen von den Konten der Sparkassen und Banken. Dabei war dieses panische Phänomen wie das der Begeisterung fast ausschließlich auf die Städte beschränkt und ähnliche viele Menschen waren von je einem der beiden Erscheinungen „betroffen“. Allerdings war die Teilnehmerkonstellation eine gänzlich andere. Die von Verhey als panische Massen bezeichnete Gruppe setzte sich vor allem aus Kleinsparern, meist Frauen, zusammen.[20]

Die nächsten Tage stieg die Anspannung der Bevölkerung weiter aus Ungewissheit über ihre Zukunft an, während die Anzahl der aufmarschierenden Begeisterten abnahm. Nach der Meldung von der russischen Teilmobilmachung am Morgen des 30. Julis, strömten in allen Städten unzählige Menschen zu Presselokalen, um auf die Nachricht von der deutschen Mobilmachung zu warten. Die am Nachmittag gefolgte (Fehl-)Meldung von der deutschen Mobilmachung breitete sich rasant im gesamten Deutschen Reich aus. Daraufhin verschwand die Kriegsbegeisterung – sofern vorhanden – in den nächsten Tagen fast gänzlich. Die Stimmung war dagegen angespannt, ernst, neugierig.[21]

Zusätzlich kam es zu weiteren Panikreaktionen der Bevölkerung. Vielerorts hat es neben dem „Bankensturm“[22] bereits riesige „Hamstereinkäufe“ gegeben, die nun ab dem 30.07. noch populärer wurden. Wie beim Ansturm auf die Banken häuften vor allem Frauen aus den unteren Schichten Lebensmittelvorräte an. Diese Anhäufung führte rasch zu einer extremen Erhöhung der Lebensmittelpreise und dadurch zu noch mehr Panik. Trotz staatlicher Bemühungen, die Bevölkerung zu beruhigen, blieb der Ansturm erstmal bestehen und erreichte seinen Höhepunkt am 31. Juli und 1. August, ehe er sich bis zum 4. August fast vollständig gelegt hatte.[23]

Auf dem Land und in den Grenzregionen waren die Menschen wohl nicht panisch, aber angsterfüllt und angespannt. Den Bauern würde der Krieg große Ernteausfälle bescheren, da die wehrfähigen Männer nicht bei der heimischen Arbeit helfen könnten. An der Grenze war man besorgt, die Heimat würde selbst direkt zum Kriegsschauplatz werden.[24]

2.2. Antikriegskundgebungen

Die SPD rief am 25. Juli zu deutschlandweiten Antikriegskundgebungen auf, die am 28. Juli stattfinden sollten. Konservative Zeitungen kritisierten die SPD für diese Demonstrationen, welche – anders als die spontanen patriotischen Kundgebungen – „künstlich gemacht“[25] worden sein sollen. Noch im Vorhinein verbot die Regierung Demonstrationen auf den Straßen aus verkehrstechnischen Gründen, obwohl in den vorherigen Tagen noch patriotische Menschen durch die Straßen ziehen durften. Trotzdem kamen allein im Großraum Berlin über 100 000 Teilnehmer – weitestgehend in den Arbeitervierteln – zusammen. Das waren „erheblich mehr“[26] Demonstranten als bei den kriegsfreundlichen Kundgebungen der letzten Tage. Reichsweit gingen sogar zwischen 500`000 und 750`000 Menschen auf die Straßen, was aber nicht an die Teilnehmerzahl der Großdemonstrationen zur preußischen Wahlrechtsreform 1910 heranreichte.[27]

Am Abend kam es zu patriotischen Gegendemonstrationen in Berlin in Form der bereits bekannten Straßenzüge. Anders als die Antikriegsdemonstrationen in Berlin und anderen Teilen Deutschlands wurden diese von der Polizei nicht bis Mitternacht aufgelöst. Da Kriegsgegner zum Teil verprügelt wurden, ist anzunehmen, dass sich einige Leute eingeschüchtert gefühlt haben mussten und sich somit öffentlich nicht pazifistisch äußern wollten. Die Mehrheit auf den Straßen schien deshalb am Abend den Kriegsbefürwortern zu gehören.[28] Insgesamt betrachtet war der größte Teil der Bevölkerung jedoch weder panisch, noch begeistert und ging weder für, noch gegen den Krieg auf die Straßen. Dadurch blieb diese „schweigende Masse“[29] für die Presse größtenteils unbemerkt.

[...]


[1] Marc Zirlewagen (Hg.), „Der Krieg ist doch etwas Scheußliches“. Die Kriegsbriefe des Studenten Hermann Reinhold (1893-1940) von der Westfront 1914-1918, Bad Frankenhausen 2009 (Deutsche Akademische Schriften Nr. 13), S. 24.

[2] Zitiert nach Jeffrey Verhey, Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, übers. v. Jürgen Bauer / Edith Nerke, Hamburg 2000, S. 113.

[3] Wolfgang Kruse, Kriegsbegeisterung? Zur Massenstimmung bei Kriegsbeginn, in: Wolfgang Kruse (Hg.), Eine Welt von Feinden. Der große Krieg 1914-1918, Frankfurt a. M. 1997, S. 159; Verhey, Geist, S. 31, 33.

[4] Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918. Machtstaat vor der Demokratie, 2. Bd., München 1992, S. 778.

[5] Kruse, Massenstimmung, S. 163.

[6] Verhey, Geist, S. 184.

[7] Verhey, Geist, S. 54.

[8] Ebd., S. 53-56; vgl. auch ebd., S. 70f: In einem Münchner Café wurden serbische Gäste verprügelt und rausgeworfen, als sie das Singen eines deutschnationalen Liedes durch Pfiffe störten. Da sich der Sohn des Cafébesitzers für diplomatischere Gesänge einsetzte, wurde auch das Lokal beschädigt. Daraufhin entschuldigte sich der Lokalbesitzer (!) am nächsten Tag öffentlich und bekundete seine Vaterlandsliebe.

[9] Ebd., S. 56f; ein paar größere Gruppen von mehreren tausend Personen gab es laut Verhey auch.

[10] Ebd., S. 59f. Die maximal etwa 30`000 Berliner auf den Straßen und in den Gasthäusern entsprachen nicht einmal 1% der Einwohnerzahl des Großraums Berlin; zu der Demonstration für eine preußische Wahlrechtsreform 1910 waren dagegen Hunderttausende unterwegs.

[11] Ebd., S. 61.

[12] Verhey, Geist, S. 65.

[13] Ebd., S. 67-69. So auch in den darauffolgenden Tagen, vgl. ebd., S. 75-77.

[14] Ebd., S. 65f, 123.

[15] Ebd., S. 71.

[16] Zitiert nach ebd., S. 71f.

[17] Ebd., S. 61f. Verhey geht davon aus, dass die Teilnehmer durch ihr einheitliches, gemeinschaftliches Aufmarschieren nur ihre Macht demonstrieren wollten, vgl. dazu ebd., S. 64.

[18] Vgl. Verhey, Geist, S. 73-76. Der Großteil waren junge gebildete Männer und Frauen, ergänzt durch einige Ältere aus der Mittel- und Oberschicht.

[19] Ebd., S. 81-84.

[20] Ebd., S. 86-88.

[21] Verhey, Geist, S. 84-86.

[22] Rudolf Stöber, Vom „Augusterlebnis“ zur „Novemberrevolution“: Öffentlichkeit zwischen Kriegsbegeisterung (?) und Herbstdepression, in: Holger Böning / Arnulf Kutsch / Rudolf Stöber (Hgg.), JbKG Bd. 15, Stuttgart 2013, S. 91.

[23] Verhey, Geist, S. 88-90; Stöber, „Augusterlebnis“, S. 91. Viele Menschen tauschten aus Angst vor einer Geldentwertung bei den Postämtern und Banken auch noch Bargeldscheine in Gold- und Silbermünzen um, vgl. dazu noch Verhey, Geist, S. 91. Diese Panik ebbte aber auch bis zum 7. August wieder ab, vgl. dazu ebd., S. 156.

[24] Ebd., S. 92f; Stöber, „Augusterlebnis“, S. 91.

[25] Zitiert nach Verhey, Geist, S. 104.

[26] Ebd., S. 96.

[27] Verhey, Geist, S. 94-96, 100, 105. Kruse schreibt von etwa 750`000 Teilnehmern auf über 287 Kundgebungen, vgl. dazu Wolfgang Kruse, Sozialismus, Antikriegsbewegungen, Revolutionen, in: Wolfgang Kruse (Hg.), Eine Welt von Feinden, S. 198.

[28] Verhey, Geist, S. 97, 99f; Stöber, „Augusterlebnis“, S. 93.

[29] Verhey, Geist, S. 91.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668843837
ISBN (Buch)
9783668843844
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v450148
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Geschichtswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Augusterlebnis Mythos Kriegsbegeisterung 1. Weltkrieg Weltkrieg Studenten Arbeiter Bürgertum Antikriegsdemonstration Antikriegsdemonstrationen Pazifismus Nationalismus Heimatfront

Autor

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Titel: Das "Augusterlebnis". Reichsweite Kriegsbegeisterung oder Mythos?