Lade Inhalt...

Unternehmenswachstum. Können wachstumsneutrale Unternehmen erfolgreich sein?

von Nini Lovevalley (Autor)

Seminararbeit 2018 21 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitang

2. Warum sollen Unternehmen wachsen?

3. Wachstamsrisiken und Wachstamskritik

4. Wachstamsneutrale Unternehmen und ihre Motive
4.1 Strategien wachstumsneutraler Unternehmen
4.2 Untemehmensbeispiele aus Deutschland, Japan und den USA

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Höher, schneller, besser - das traditionelle Verständnis von Unternehmenserfolg geht dem Anschein nach schon immer mit der Bedingung einher, dass Unternehmen ein gewisses Wachstum aufweisen. Wachstum gilt nicht nur als Allheilmittel für Wirtschafts- und Untemehmenskrisen, sondern auch als Ursprung des Wohlstands. Diese vorherrschende Wachstumstheorie zieht sich schon seit langer Zeit durch sämtliche Bereiche unseres Lebens; sie bestimmt unternehmerisches, politisches und gar persönliches Handeln.

„Wir leben seit fast zwei Jahrhunderten in einer Welt des wirtschaftlichen Wachstums“, erklärt Karl-Heinz Paqué in der Einleitung seines Buches „Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus“ (Paqué 2010, 6). Es scheint daher nicht verwunderlich, dass Wachstum in sämtlichen Lebensbereichen schon zum Selbstzweck erhoben wird. Es gilt als unverzichtbar und wird als lebensnotwendige Bedingung für den Erfolg und die langfristige Existenz von Unternehmen verstanden. Ohne Wachstum keine ausreichende Kapitaldeckung und Rendite, so die Annahme (vgl. Frühauf 2015, 3).

Dass es auch anders geht, scheint vielen Teilen der Gesellschaft und Wirtschaft nicht wirklich bewusst. Diese Ausarbeitung befasst sich daher mit der Frage, ob Unternehmen tatsächlich nur unter der traditionell angenommenen

Wachstumsbedingung erfolgreich sein können. Im Folgenden werden ebenso Wachstumsvorteile wie auch Wachstumsrisiken vorgestellt und ein Überblick über vorhandene Wachstumskritik geboten. Durch die Vorstellung wachstumsneutraler Unternehmen, ihrer Motive für Wachstumsneutralität und den von ihnen verfolgten Strategien wird ein Einblick in eine derzeit verstärkt gestellte Frage gewährt: Müssen Unternehmen wachsen, um erfolgreich zu sein?

2. Warum sollen Unternehmen wachsen?

Die Gründe für Unternehmenswachstum sind vielfältig und tragen daher ihren Teil zur starken Orientierung an Wachstum bei. So führt beispielsweise Hans Holzinger Argumente für Wirtschaftswachstum, für welches Unternehmenswachstum zwangsläufig eine Rolle spielt, an. Wirtschaftswachstum schaffe Lebensqualität und Arbeitsplätze, erhalte den Sozialstaat und werde sowohl durch den Umweltschutz als auch durch das Geld- und Zinssystem erfordert und gefördert (vgl. Holzinger 2010, 6f.).

Letzteres Argument unterstützt Hans Christoph Binswanger von der Universität St. Gallen indem er erklärt, dass Unternehmen geradezu in einer Wachstumsspirale gefangen seien. Um Geld zu verdienen, wird produziert - ohne bereits vorhandenes Geld könne allerdings nicht produziert werden. Da Unternehmen Schulden beispielsweise Schulden in Kreditform auf sich nehmen, um in Innovationen oder Forschung und Entwicklung zu investieren, müssen sie dementsprechend einen Mehrwert erschaffen, der die anfallenden Zinsen zu tilgen im Stande ist. Da Zinsen mit den Jahren zunehmen, bedarf es mit der verstrichenen Zeit auch eines höheren Mehrwertes, also eines ausreichenden Gewinns. Kann dieser nicht geschaffen werden, ist die Schuldtilgung eines Unternehmens nicht möglich (vgl. Binswanger 2013, 310-312).

Auf Märkten streben vor allem produzierende Unternehmen nach Wachstum, da in diesem Bereich Mindeststückzahlen erforderlich sind, um eine wirtschaftliche Auslastung zu erreichen. Werden neue Produktionsanlagen eingesetzt, steigen nicht selten die Mindeststückzahlen- der höhere Produktionsoutput muss daraufhin am Markt abgesetzt werden. Beim Bezug von Material verhält es sich ähnlich; Mindestabgabemengen sind oftmals Voraussetzung dafür, überhaupt beliefert zu werden. Die erhöhte Bezugsmenge fordert dementsprechend auch eine Produktionserhöhung, da die Finanzierung des Materiallagers sonst in die Höhe schnellen würde. Je höher die Stückzahlen eines neuen Produktes, desto schneller die Amortisation von Entwicklungsvorhaben. Wenn es sich um aufwendige Entwicklungsvorleistungen handelt, entsteht daher oft ein Druck zum Absatz größerer Stückzahlen - die Unternehmen befinden sich in diesem Sinne tatsächlich in einer Wachstumsspirale (vgl. Kaack 2007, 5).

Christian Neuhäuser führt an, dass die ökonomische Theorie davon ausginge, dass die alleinige Unternehmensverantwortung in Profitmaximierung liege. Demnach folge aus Profitsteigerung auch eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes und damit des Wohlstandes. Darüber hinaus sei ein Unternehmen dieser Meinung nach meist privates Eigentum und demnach den Interessen der Shareholder an Gewinnmaximierung verpflichtet. Letztlich könne ein Unternehmen sich der Gewinnorientierung nicht entziehen, da sie dem „Diktat des an Wettbewerb orientierten Marktes folgen müssten“. Laut Neuhäuser bezeichnet diese wirkmächtige Theorie demnach Unternehmen als nicht verantwortungsmächtig im eigentlichen Sinne, sondern viel mehr als „rein funktional auf Profitmaximierung ausgerichtete Organisationen“ (Neuhäuser 2012).

Über den Kosten- und Investitionsdruck hinaus wird Wachstum auch als Erfolgs­und Leistungsnachweis gegenüber internen und externen Stakeholdern verstanden. Aus einer Befragung kleiner und mittlerer Unternehmen aus dem Jahr 2015 geht hervor, dass von insgesamt 311 Unternehmen ein Drittel als Grund für Wachstumsdruck externe Wachstumserwartungen nennt. Diverse Vorteile von Untemehmenswachstum dürfen jedoch nicht außen vorgelassen werden. Die traditionell mit Unternehmenswachstum assoziierten Vorteile, welche eine Mehrzahl der befragten Unternehmen als zutreffend bezeichnet, sind die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und des gesellschaftlichen Ansehens eines Unternehmens. Die zuvor erwähnte Schaffung von Arbeitsplätzen wird ebenso als Vorteil verstanden wie eine stärkere Mitarbeiterbindung, kostenwirksame Skaleneffekte und der Ausbau regionaler Gestaltungsmöglichkeiten (vgl. Gebauer und Sagebiel 2015, 22-24).

3. Wachstumsrisiken und Wachstumskritik

Neuhäuser erklärt, dass die zuvor genannten Argumente im Hinblick auf Fairness und Nachhaltigkeit nicht überzeugend sein können. So kritisiert er beispielsweise in Hinblick auf das erste Argument, den Wohlstand einer Gesellschaft ausschließlich über die Höhe des Bruttoinlandsproduktes bestimmen zu wollen - vielmehr solle eine Berücksichtigung ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Fairness mit einbezogen werden. Darüber hinaus spreche gegen das erste Argument, dass eine Gewinnsteigerung nicht selten sogar auf Kosten der Umwelt oder Arbeitsbedingungen geschehe (vgl. Neuhäuser 2012).

Als Vordenker der Wachstumskritik beschrieb bereits der frühere Weltbankmanager Herman Daly Wachstum als Unrechtes „Allheilmittel für alle ökonomischen Krankheiten“ (Müller 2011). Weiterhin unterscheidet Daly zwischen Grundbedürfnissen und Wünschen jenseits dieser Bedürfnisse und erklärt, das gegenwärtige Wirtschaftssystem orientiere sich nicht an den Grundbedürfnissen aller, sondern an den Wünschen weniger. Er schlussfolgert hieraus eine soziale und ökologische Blindheit der Märkte (vgl. Daly 1999).

Kritik am unaufhörlichen Wachstum wurde allerdings schon vor Daly laut. Bereits 1972 wurde vom Club of Rome1 die Studie „The Limits to Growth“ in Auftrag gegeben, welche die Grenzen des exponentiellen Wachstums der heutigen Zeit in Zahlen fasste. Mit dieser Studie, welche aufgrund der zunehmenden Ressourcenknappheit von einem drastischen Ende des Wirtschaftsbooms ausgeht, wurde eine Grundlage für eine bis heute geführte Debatte um Wachstum geschaffen (vgl. Meadows et al. 1972).

Dr. Jürgen Kaack schenkt unter anderem den untemehmensintemen Risiken des Wachstums Beachtung. Ein Dienstleister mit einem hohen Spezialisierungsgrad verliere womöglich seine Kompetenz durch zu schnelles Wachstum ohne hochqualifiziertes Personal. Ein Hersteller benötige Investitionsmittel zum Einsatz einer neuen Produktionsanlage, wenn die bestehende Anlage ausgelastet sei. Der mit Wachstum einhergehende zusätzliche Kapitalbedarf müsse von einem

Unternehmen beachtet und in seine Wachstumsvorhaben mit eingeplant werden, sonst köne aus einem zuvor erfolgreichen und profitablen Unternehmen rasch ein Schatten seiner selbst werden (vgl. Kaack 2007, 6).

Die klassische Theorie über den Grund für das Bestehen von Unternehmen von Ronald Coase erklärt, dass das Wachstum eines Unternehmens eine abnehmende Rendite für die Untemehmerfunktion bewirken könne, also die Kosten für die Organisation zusätzlicher Transaktionen innerhalb des Unternehmens ansteigen lassen würde. Mit der zunehmenden Anzahl eben dieser Geschäfte könne der Unternehmer den größtmöglichen Nutzen der Produktionsfaktoren nicht mehr sicherstellen. In diesem Sinne würden positive Skaleneffekte also ab einem gewissen Punkt den Kosten der Bürokratie zum Opfer fallen. Coase geht davon aus, dass die Effizienz eines Produzenten mit zunehmender Expansion abnimmt und die Organisationskosten durch die bereits erwähnten zusätzlichen Geschäfte zunehmen. Er stellt eine Neigung der Unternehmenseffizienz fest, mit ansteigender Untemehmensgröße abzunehmen (vgl. Coase 1937, 394-397). Der

Koordinationsbedarf innerhalb eines Unternehmens steigt also mit zunehmender Größe an, was Komplexitätskosten mit sich bringt. Diese negativen Skaleneffekte können letztendlich dazu führen, dass die Produktionskosten pro Stück mit zunehmender Produktionsmenge nicht mehr ab-, sondern zunehmen. Coase führt an, dass jede Transaktion eines Unternehmens interne oder externe Kosten bedinge. Er erklärt, dass die Größengrenze eines Unternehmens erreicht würde, wenn die Kosten zusätzlicher Transaktionen die Kosten überstiegen, die zu tragen wären, wenn dieselben Transaktionen an ein anderes Unternehmen ausgelagert werden würden (vgl. Coase 1993, 48).

Die Ausführungen von Coase finden sich teilweise in den Antworten der 2015 befragten Unternehmen wieder: mit Unternehmenswachstum assoziierte Nachteile sind den Befragten zufolge der erforderliche Auf- und Ausbau zusätzlicher organisatorischer Strukturen und zunehmende externe Informations- und Berichtspflichten, aber auch hohe finanzielle Risiken durch notwendige Investitionen sowie schlechtere Arbeitsbedingungen und Work-Life-Balance und abnehmende unternehmerische Flexibilität (vgl. Gebauer und Sagebiel 2015, 25).

[...]


1 Die gemeinnützige Organisation Club of Rome wurde 1986 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Experten verschiedener Bereiche aus mehr als 30 Ländern, der sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzt.

Details

Seiten
21
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668839670
ISBN (Buch)
9783668839687
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449924
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main – Entrepreneurship
Note
1,3
Schlagworte
Wachstumsneutrale Unternehmen Wachstum Unternehmenswachstum wachstumsneutral companies without growth Wachstumsneutralität Small Giants

Autor

  • Nini Lovevalley (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Unternehmenswachstum. Können wachstumsneutrale Unternehmen erfolgreich sein?