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Welche gesellschaftliche Implikation hat die moderne Reproduktionstechnologie?

Essay 2018 24 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reproduktionsmedizin
2.1 In-Vitro-Fertilisation
2.2 Intracytoplasmatische Spermieninjektion
2.3 Pr ä implantationsdiagnostik
2.4 Analysemethoden der PID
2.5 Indikationen einer PID

3. Genetische Diskriminierung
3.1 Eugenik
3.2 Gattungsethik nach Habermas

4. Analyse der genetischen Diskriminierung
4.1 Aspekte die f ü r eine genetische Diskriminierung sprechen
4.2 Aspekte die gegen eine genetische Diskriminierung sprechen
4.3 Zusammenfassung der Analyse

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 28 Februar 1953 gelang James Watson und Francis Chrick ein Durchbruch, denn sie lieferten als Erste ein räumliches Model der DNA. Diese Entdeckung öffnete die Tür der modernen Gentechnik (Sussman, 2018). Diese Gentechnologie trug dazu bei, eine Vielzahl an Krankheiten zu bestimmen und somit neue Heilungschancen zu gewährleisten. Gerade in der Reproduktionsmedizin, können durch biotechnologische Eingriffe Embryonen frühzeitig behandelt werden. Ein großer Bereich hierfür stellt die Präimplantationsdiagnostik (PID) dar. Die PID gibt es seit der 1990er Jahre und sie beschreibt eine Untersuchung, in der künstlich entstandene Embryos vor der Einpflanzung in den Uterus, auf genetische Defekte untersucht werden. Hierbei werden die Spermazellen nicht im Körper der schwangeren Frau untersucht, sondern In-Vitro, also in einem Reagenzglas außerhalb analysiert. Nur genetisch unauffällige Spermazellen werden in den Uterus gepflanzt (Lemke & Rüppel, 2017). Durch dieses Verfahren erfolgt eine Selektion auffälliger und nicht auffälliger Embryonen.

Das vorliegende Essay beschäftigt sich daher mit der Fragestellung, „welche gesellschaftliche Implikation die moderne Reproduktionstechnik mit sich bringt“.

Durch das Selektieren der Embryonen, erfolgt eine Ungleichbehandlung von Lebewesen, deshalb ist das Hauptziel dieser Arbeit, unter Beachtung des von Thomas Lemke übernommenen Begriffes der genetischen Diskriminierung alle Gesichtspunkte aufzuarbeiten, um anschließend ein Urteil fällen zu können, ob die PID gesellschaftliche Implikationen und zwar in Form einer genetischen Diskriminierung hat. Lemke & Liebsch beschreiben genetische Diskriminierung als eine „ungerechtfertigte Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund vermuteter oder tatsächlicher vorhandener genetisch bedingter Eigenschaften“ (Billings et al., 1992; Natowicz, 1992 zitiert nach Lemke& Liebsch, 2015, S.10). Hierbei wird von einer Diskriminierung aufgrund einer Behinderung oder Krankheit differenziert.

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird das Verfahren der Präimplantationsdiagnostik erläutert. Das anschließende Kapitel befasst sich mit dem Begriff der genetischen Diskriminierung und Eugenik, auch unter Betrachtung des Habermaschen Begriffs der Gattungsethik. In der Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und dargelegt, ob die These, „dass die PID gesellschaftliche Implikationen in Form einer genetischen Diskriminierung hat“ verifiziert oder falsifiziert werden kann.

2. Reproduktionsmedizin

Die Reproduktionsmedizin stellt ein interdisziplinäres Fachgebiet dar, welches neben Fachgebieten wie der Urologie, Gynäkologie, Andrologie auch Bereiche der Rechtsmedizin und Genetik beinhaltet. Sie befasst sich sowohl mit natürlicher, als auch mit künstlicher Fortpflanzungen sowie mit Störungen, die hierbei auftreten können. Reproduktionsmedizin greift dann, wenn bei einer natürlichen Befruchtungen Störungen auftreten. Dadurch kann vielen Eltern ein unerfüllter Kinderwunsch erspart bleiben (PID-Zentrum München).

Wird eine Schwangerschaft durch einen medizinischen Eingriff herbeigeführt, wird dies als assistierte Reproduktion (ART) bezeichnet. Hierbei werden zwei Verfahrensweisen angewendet, die In-Vitro-Fertilisation (IVF) und die Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI).

2.1 In-Vitro-Fertilisation

Die In-Vitro-Fertilisation (IVF) ist ein Verfahren der Reproduktionsmedizin, in dem ein Embryo - außerhalb des Mutterleibes, künstlich befruchtet wird. Dieses Verfahren wird vor allem bei Eileiterschäden- und Erkrankungen, langjähriger Kinderlosigkeiten oder einer Einschränkung der Spermazellen durchgeführt (Van Voorhis, 2007; Maheshwari, Porter, Shetty & Bhattacharya, 2008, zitiert in: Sterzik, K., Strehler, E., Wiedemann, R., Wiedemann P). Zuerst werden der Frau Hormone zur Stimulation der Eierstöcke verabreicht. Hierbei soll gewährleistet werden, dass mehrere Eizellen reifen können und der zyklische Eisprung unterdrückt wird. Anschließend werden die reifen Eizellen mittels Follikelpunktion entnommen. Bei der IVF werden die Spermien mit den Eizellen in einer Petrischale vermischt und in einem Brutschrank ca. zwei Tage kultiviert (Revermann & Hüsing, 2010). 24 Stunden nachdem das Spermium in die Eizelle eingedrungen ist, erfolgt durch eine spontane Verschmelzung der Zellkerne von Spermium und Eizelle die Befruchtung (Lemke & Rüppel, 2017). Im Labor wird dieser Vorgang unter dem Mikroskop beobachtet und die Embryonen auf Form und Struktur untersucht.

Nach Verschmelzung der Zellkerne findet eine mehrfache Zellteilung statt (2-, 4-, 8-, 16-, 32- Zellen-Stadium usw.). Durch die Zellteilung werden die Zellen immer kleiner und sogenannte Blastomere genannt. Nach 48-72 Stunden entsteht die Morula, ein Zellhaufen. Bis zum 8- Zellen-Stadium sind die Blastomere noch totimpotent. Dies bedeutet, dass sich jede partikulare Zelle zu einem vollständigen Embryo weiterentwickeln kann. Ab dem 8-Zellen- Stadium, also nach der zweiten oder dritten Zellteilung, geht diese Fähigkeit verloren und es bildet sich die Blastozyste, eine Art Blasenkeim, welcher einen flüssigkeitsgefüllten Hohlraum aufweist. Im inneren dieses Hohlraumes bildet sich der Embryo aus einer Zellmasse heraus (Lippert, 2011). Bis dato kann sich der Embryo außerhalb der Gebärmutter entwickeln (bis zum 6 Tag), danach muss dieser in die Gebärmutterschleimhaut eingenistet werden (Embryotransfer), um die Weiterentwicklung des Embryos zu gewährleisten (Revermann & Hüsing, 2010).

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 zeigt die frühe Embryonalperiode

(Glujovsky, D., Farquhar, C., Quinteiro Retamar, A. M., Alvarez Sedo, C. R., Blake, D., 2016)

2.2 Intracytoplasmatische Spermieninjektion

Bei der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) handelt es sich ebenfalls um ein Verfahren der Reproduktionsmedizin. Dieses Verfahren wird eingesetzt, wenn der Mann eine Fruchtbarkeitsstörung aufweist. Der Ablauf der ICSI und der IVF ist derselbe, der Unterschied zur IVF besteht nur darin, dass Spermien und Eizelle nicht miteinander vermischt werden, sondern ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle injiziert wird und auf diesem Wege eine Befruchtung stattfindet. Anschließend wird der Embryo wie bei der IVF in die Gebärmutterschleimhaut gesetzt (Engel&Schmid&Pauer, 1998).

2.3 Präimplantationsdiagnostik

Die Präimplantationsdiagnostik beschreibt zwei Verfahren: Die assistierte Reproduktion und die Analyse genetischer Erbinformationen. Nachdem durch die IVF oder ICSI eine Befruchtung außerhalb der Gebärmutter stattgefunden hat, unterliegen die Embryonen einer gendiagnostischen Untersuchung, bei der zugleich die Chromosomenstrukturen und zellbiologische Merkmale analysiert werden. Für die gendiagnostische Untersuchung werden eine oder mehrere Zellen des Präimplantationsembryos entnommen (Embryobiopsie) (Lemke&Rüppel, 2017).

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Biopsie einer befruchteten Eizelle für die gendiagnostische Untersuchung (Santoro Biazotti, M., Pinto, W., Maciel de Albuquerque, M., Jujihara, L., Suganuma, C., Reigota, R., Bertuzzo, C., 2015)

Die Analyse der genetischen Eigenschaften der Embryonen bildet die Grundlage dafür, welche Embryonen in den Uterus transferiert werden und welche nicht (Lemke&Rüppel, 2017). Somit können schwere Erbkrankheiten sowie Chromosomenanomalien vorzeitig erkannt werden. Zudem können Geschlecht und einige andere erbliche Eigenschaften des noch ungeborenen Kindes bestimmt werden (Van Voorhis, 2007).

2.4 Analysemethoden der PID

Je nach Indikation und Ziel der PID werden verschiedene diagnostische Verfahren angewendet, um die entnommenen Embryonen zu untersuchen. Hierbei werden zwischen zytogenetischen und molekulargenetischen Analysemethoden differenziert. Um chromosomale Eigenschaften zu analysieren, wird die zytogenetische Analysemethode genutzt, um einzelne Gene sowie Gensequenzen zu untersuchen, bedarf es einer molekulargenetischen Analyse. Hierfür werden zwei konventionelle Verfahren angewendet. Die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH), welche vollständige Chromosomen oder Chromosomenabschnitte mittels fluoreszenzmarkierten DNA-Sonden unter dem Mikroskop sichtbar machen. Dabei können Gen- und Chromosomenmutationen, sowie genetische Geschlechtsmerkmale festgestellt werden. Ein weiteres Verfahren stellt die Polymerase- Ketten-Reaktion (PCR) dar. Mittels dieses Verfahrens kann die Desoxyribonukleinsäure (DNA) vervielfältigt werden um einzelne, sowie spezifische Genabschnitte untersuchen zu können. Ein weiteres Verfahren stellt die DNA-Chip-/Microarray-Technologie dar. Hierbei wird nicht nur nach speziellen Gen- und Chromosomenmutationen gesucht, sondern nach allen bestehenden (Deutscher Ethikrat, 2011).

2.5 Indikationen einer PID

Ob die PID erlaubt ist und wenn ja unter welchen Indikationen, ist von Land zu Land unterschiedlich. Allgemein sind vier Indikationsgruppen hinsichtlich der diagnostischen Ebene zu differenzieren.

Verdacht auf eine monogen erbliche Krankheitsanlage

Eine monogene Erkrankung ist eine Krankheit, die durch die maligne Veränderung einzelner Gene entsteht. Die monogene Erkrankung ist familiär vererbrar und unterliegt dem periodischen Mendelschen Erbgang, der autosomal dominant, autosomal-rezessiv sowie X- chromosomal ist. Weist ein Paar ein erhöhtes Risiko dieser Erbkrankheit für seinen Nachwuchs auf, kann im Rahmen der PID untersucht werden, ob der Embryo diese genetische Disposition in sich trägt. Hierfür sind Blut und DNA-Proben des Paares und eventuell der Familienangerhörigen von Nöten. Um die Ergebnisse dieser Untersuchung zu untermauern und um Fehlergebnisse auszuschließen, wird den Paaren im Rahmen der Pränataldiagnostik zu einer Fruchtwasseruntersuchung geraten (PID-Zentrum München).

Verdacht auf genetische Risiken für multifaktoriell bedingte Krankheiten

Hierbei spielen genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle. Jedoch ist das Vorhandensein mehrerer genetischen Veränderungen nicht ausreichend um eine Krankheit hervorzurufen. Dafür bedarf es weiterer Belastungsfaktoren wie Umwelt oder Lebensweisen. Obgleich auch bei monogenetischen Krankheiten Gene und/oder Umweltfaktoren Einfluss auf das Auftreten, die Art oder Schwere von Krankheitssymptomen nimmt, unterscheiden sich multifaktoriell bedingte Krankheiten wie beispielsweise Diabetes mellitus oder Asthma dadurch, dass einzelne genetische Veränderungen gering Einfluss nehmen. Eine genetische Analyse kann dazu verhelfen, durch diese Veränderungen ein gewisses Krankheitsrisiko anzugeben, eine Erkrankung kann jedoch nicht sicher vorhergesagt werden. Laut Angaben des Deutschen Ethikrates, werden genetische Untersuchungen auf multifaktorielle Erkrankungen im Rahmen einer PID in der BRD nicht durchgeführt (Deutscher Ethikrat, 2011).

Verdacht auf Chromosomenstörungen

An dieser Stelle wird zwischen numerischen und strukturellen Chromosomenstörungen differenziert. Eine numerische Chromosomenstörung (Aneuploidie) bedeutet, dass für ein spezielles Chromosom im Genom nicht zwei Kopien vorhanden sind, sondern drei (Trisomie) oder eine (Monosomie). Dies tritt während der Geschlechtsbildung aus den Vorläuferzellen auf, die durch Störungen bei der Chromosomenverteilung entstehen. Die meisten Trisomien und Monosomien führen zu Fehlgeburten. Einige Trisomien, wie die Trisomie 21, auch als Down-Syndrom bekannt, durchlaufen eine normale Geburt. Strukturelle Störungen der Chromosomen liegen meist als Translokation vor. Ein Beispiel hierfür ist die balancierte reziproke Translokation, welche in 1:1000 Fällen auftritt. Diese Chromosomenveränderung hat in den meisten Fällen keine Auswirkung auf die Gesundheit der betroffenen Person. Bei dieser Chromosomenveränderung handelt es sich um einen Austausch verschiedener Chromosomen, welche sich nicht an ihren vorhergesehenen Stellen befinden. Bei der Reifung von Eizellen kann es jedoch zu einem fehlerhaften Austausch der Chromosomensegmente kommen. Dies kann zu einer Fehlgeburt oder einer Fehlbildung des Embryos führen (PID- Zentrum München).

Identifikation erwünschter genetischer Merkmale.

Da die meisten körperlichen und geistigen Merkmale durch viele Gene, die Umwelt und die Lebensbedingungen beeinflusst werden, ist eine gezielte Auswahl nicht möglich ist. Ausnahmen hierfür stellen das Geschlecht und die HLA-Typisierung dar. Durch die Entnahme von Zellen ist der Nachweis von männlichen oder weiblichen Chromosomen möglich. Oft wird dieses Anwendungsgebiet genutzt, um geschlechtsbedingte Krankheiten zu identifizieren. Beispiele hierfür sind Hämophilie, Muskeldystrophie Duchenne. Außerhalb Europas wird dieses Verfahren jedoch zum „social sexing“ oder „family balancing“ verwendet. Diese Bezeichnungen beschreiben den Wunsch der Eltern nach einem weiblichen oder männlichen Baby. Die HLA-Typisierung wird im Rahmen der PID für sogenannte „Retterkinder“ verwendet. Hierbei handelt es sich um die Ermittlung der Gene des Humanen Leukozytenantigen- Komplexes (HLA-Komplex) des Embryos, zu den Genen des erkrankten Geschwisterkindes passt. Der Embryo soll nach der Geburt oder zu einem anderen Zeitpunkt Gewebe wie beispielsweise Stammzellen aus Nabelschnurblut an das erkrankte Kind spenden. Um die Wahrscheinlichkeit die passenden Gene für das kranke Kind zu finden, müssen ca. 20-30 Embryonen gezeugt werden (Deutscher Ethikrat, 2011).

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Details

Seiten
24
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668836884
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449775
Institution / Hochschule
Technische Universität München – Tum School of Goverment
Note
1,3
Schlagworte
Biotechnologie Reproduktionstechnologie ART Künstliche Befruchtung Genetische Diskriminierung Implikation PID In-Vitro-Fertilisation Präimplantationsdiagnostik Intracytoplasmatische Spermieninjektion Gattungsethik Habermas Eugenik Gentechnologie Thomas Lemke

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