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Terrorismus: Erscheinungsformen, Entstehungsbedingungen und Verläufe

Magisterarbeit 2005 85 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terrorismus im wissenschaftlichen Diskurs
2.1 Terrorismus als Kommunikationsstrategie
2.2 Terrorismus und Medien
2.3 Terrorismus versus Guerillakampf
2.4 Terrorismus versus Terror
2.5 Internationaler Terrorismus

3. Das terroristische Kalkül
3.1 Terroristische Strategie
3.2 Provokation als Machtstrategie
3.3 Erfolgsaussichten der Terroristen

4. Erscheinungsformen des Terrorismus
4.1 Sozialrevolutionärer Terrorismus
4.2 Ethnisch-nationalistischer Terrorismus
4.2.1 Unterschiede und Gemeinsamkeiten
4.3 Vigilantistischer Terrorismus
4.4 Religiöser Terrorismus

5. Terroristische Mechanismen
5.1 Medien
5.2 Die terroristische Organisation
5.3 Geographie
5.4 Technik

6. Zusammenhang zwischen Protestbewegungen und
Terrorismus
6.1 Zwischenbetrachtung: Sind Demokratien besonders anfällig für Terrorismus?

7. Eskalationsschraube von Isolierung und Radikalisierung
7.1 Rahmenbedingungen im Untergrund
7.2 Schlüsselrolle der Ideologie
7.3 Der Militarisierungsprozess
7.4 Auswirkungen terroristischer Gewalt

8. Gegenmaßnahmen
8.1 Gegenmaßnahmen auf der Makroebene
8.2 Maßnahmen auf der Mesoebene
8.3 Maßnahmen auf der Mikroebene
8.4 Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus

9. Fazit

Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Unter dem Slogan „Krieg gegen den Terrorismus“ geht die Weltgemeinschaft, allen voran die USA, seit den Attentaten des 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, gegen den Terrorismus vor. Nun stellt sich die Frage: Was ist Terrorismus eigentlich? Und wie zutreffend ist die Bezeichnung „Krieg“ für die Gegenmaßnahmen gegen ihn? Wer ist Terrorist? In der Rhetorik des amerikanischen Präsidenten, zum Beispiel sind Terroristen die anderen – die Angreifer. Niemand bezeichnet sich selbst als „Terrorist“, Aktivisten von Gewaltorganisationen verstehen sich selbst als „Frei­heitskämpfer“. Es besteht also die Notwendigkeit, eine allgemeingültige Defini­tion dessen zu finden, was als „Terrorismus“ bezeichnet werden kann.

Um den Terrorismus zu bekämpfen, werden häufig zunächst Kriegsmetaphern verwendet und dann vor allem militärische Mittel, wie jüngst in Afghanistan und im Irak geschehen. Doch ist eine militärische Strategie, die sich an Nationen und Armeen orientiert, in diesem Fall überhaupt wirksam, oder muss die Weltgemein­schaft beim Vorgehen gegen Terrorismus nicht neue Strategien entwickeln, die sich mehr am Wesen des Terrorismus orientieren?

Diesen Fragestellungen widmet sich die vorliegende Arbeit. Unter dem Thema: Terrorismus – Erscheinungsformen, Entstehungsbedingungen und Verläufe, wer­den hier verschiedene Definitionsansätze des Terrorismus betrachtet, genauso wie die Organisation terroristischer Gruppen, ihre Vorgehensweise und ihre Zeile.

Um sich dem Thema zu nähern, werden zunächst die grundlegenden Prinzi­pien des Phänomens Terrorismus erläutert. Eingangs wird der Begriff Terrorismus bestimmt, wobei mehrere Definitionsansätze der Literatur miteinander verglichen werden, um anschließend die Definition von Terrorismus herauszuarbeiten, die dieser Magisterarbeit zugrunde liegt.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Strategie von Terroristenorgani­sationen, den Mitteln, die sie für ihren Kampf einsetzen, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Verbindung zwischen Massenmedien und Terrorismus. Darüber hinaus wird der Begriff Terrorismus, bzw. internationaler Terrorismus von Phänomenen wie Guerillakampf und Terror abgegrenzt.

Anschließend werden vier verschiedene Typen des Terrorismus betrachtet, die jeweils unterschiedliche Ziele haben und sich unterschiedlicher Mittel bedienen, um diese zu erreichen. Dabei wird den besonderen Entstehungsbedingungen, den geschichtlichen und sozialen Voraussetzungen für die unterschiedlichen terroristi­schen Organisationen, ihrer Einbindung oder ihrer Isolation vom gesellschaftlichen Bezugsrahmen besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Im fünften Kapitel wird die Frage behandelt, wie Terrorismus eigentlich funk­tioniert. Es wird erläutert, wie terroristische Organisationen aufgebaut sind, welche besonderen Intentionen sie haben, welche Strategien, Waffentechnik, welche Spezialwaffen und welche anderen Werkzeuge sie in ihrem Kampf verwen­den.

Das anschließende sechste Kapitel beinhaltet eine Analyse des Zusammenhangs von Terrorismus Massenprotestbewegungen. Außerdem wird untersucht, ob rechtsstaatliche Demokratien einen besonders günstigen Nährboden für die Etablierung terroristischer Gewaltorganisationen bieten.

Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit der wechselseitigen Beziehung, bzw. Be­einflussung von Isolierung und Radikalisierung, der im Untergrund operierende Gewaltorganisationen. Hierbei finden die Rahmenbedingungen für den Kampf im und aus dem Untergrund besondere Beachtung, ebenso wie die dem Kampf zu Grunde liegende Ideologie, der zunehmende Militarisierungsprozess der Gruppen und schließlich die Auswirkungen terroristischer Gewalt.

Abschließend widmet sich die Arbeit den möglichen Maßnahmen gegen den Terrorismus. Hierbei werden allgemeine Aspekte ebenso erläutert, wie speziellere Gegenmaßnahmen auf der Makro-, Meso- und Mikroebene.

Im Fazit werden zunächst mögliche Maßnahmen gegen den aktuellen globalen Terrorismus erläutert und kommentiert. Außerdem werden die in Kapitel sieben erarbeiteten Lösungsvorschläge kritisch beleuchtet.

2. Terrorismus im wissenschaftlichen Diskurs

In der Literatur gibt es zahlreiche Definitionsansätze des Phänomens „Terrorismus“, von denen einige im Folgenden aufgeführt werden.

Walter Laqueur definiert Terrorismus als „die Anwendung von Gewalt oder die Androhung von Gewalt, beabsichtigt, um Panik in einer Gesellschaft zu säen, die Regierenden zu schwächen oder zu stürzen, oder einen politischen Wechsel her­beizuführen“[1]. Laqueur fügt an dieser Stelle hinzu, dass die gängigen Definitionen des Begriffs Terrorismus nicht in der Lage sind, die Größe dieses weltweiten Problems treffend und vollständig zu erfassen. Zu viele Mischformen, verschie­denste politische und religiöse Ziele und Mittel machen dem Autor zufolge eine Eingrenzung schwierig. Victor Walter betont in seinem Werk „Terror and Resistance“ ein Dreierschema von erstens einem Gewaltakt oder dessen Androhung, zweitens einer emotionalen Reaktion auf die Bedrohung und drittens eine reaktive Verhaltensweise, die insbesondere dem eigenen Schutz dienen soll. So kommt er zu dem Schluss: „Regardless of its political orientation, the first element of the terror process, in a logical as well as chronological sense, is the specific act or threat of violence, which induces a general psychic act of fear, which in turn produces typical patterns of reactive behavior.“[2]

Peter Waldmann betont insbesondere die rationale, planmäßige Durchführung von terroristischen Anschlägen: „Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen die politische Ordnung aus dem Unter­grund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen“[3]. Ebenso hebt Bruce Hoffman die bewusste und gewollte Erzeugung von Angst hervor: „Wir können [...] Terrorismus [...] als bewusste Erzeugung und Ausbeutung von Angst durch Gewalt oder die Drohung von Gewalt zum Zweck der Erreichung politischer Ver­änderungen definieren. Alle terroristischen Taten verwenden Gewalt oder die An­drohung von Gewalt. Der Terrorismus ist spezifisch darauf ausgerichtet, über die unmittelbaren Opfer oder Ziele des terroristischen Angriffs hinaus weitreichende psychologische Effekte zu erzielen.“[4] Während Hoffman unterstreicht, dass es Terrorgruppen um eine politische Veränderung geht, spricht Laqueur von Ge­waltanwendung gegen eine Regierung oder eine politische Ordnung.[5]

Hoffman und Waldmann sprechen sich insgesamt für eine differenzierte Be­trachtungsweise aus: Nicht nur die Tat selbst, sondern auch die Motive der Täter sind wichtig. Oft sind Terrorgruppen mit wenig Ressourcen ausgestattet – sie greifen zu Terrorismus als Verlegenheitsstrategie, weil sie nicht die Mittel besitzen, ihren überlegenen Gegner in einem konventionellen Krieg gegenüber zu treten. Jean Beaudrillard[6] sieht in der Tatsache, dass Terroristen ihren eigenen Tod auf offensive und wirksame Weise ins Spiel zu bringen, einen neuen Wirkungsgrad terroristischer Anschläge erreicht. Die Bedrohung des Lebens eines Menschen, bildet eine Argumentationsebene, der sich kaum ein Mensch entziehen kann, un­geachtet der Werte, denen er sich sonst verpflichtet fühlen mag. Auch Niklas Luhmann bezeichnet Gewaltanwendung als eine Kommunikationsform, die kaum ignoriert werden kann.[7]

Im Bezug auf den Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 bemerkt Beaudrillard, dass die Terroristen die immense Fragilität eines Systems entdeckt haben, das seine Beinahe-Perfektion erreicht hat und dadurch extrem verletzlich ist: „Es ist ihnen gelungen, ihren eigenen Tod zu einer absoluten Waffe gegen ein System zu machen, das von der Ausschließung des Todes lebt, dessen Ideal ‚Null Tote’ ist.“[8] So folgert er weiter, dass gegen einen Feind, der seinen eigenen Tod als kalkulierten Bestandteil in den Kampf mit einbringt, alle Abschreckungs- und Vernichtungsmittel nichts auszurichten vermögen. Diese Asymmetrie der Kräfte, welche die Weltmacht USA völlig wehrlos dastehen lässt, ist laut Beaudrillard das bezeichnende Merkmal des heutigen Terrorismus: „Das ist der Geist des Terrorismus. – Das System nie in Form von Kräftebeziehungen zu attackieren.“[9]

2.1 Terrorismus als Kommunikationsstrategie

Terroristische Anschläge zielen jedoch nicht zuletzt auch darauf ab, ein möglichst großes Publikum zu beeindrucken. Hoffman bemerkt: „Beim Terrorismus geht es ebenso sehr um die Androhung von Gewalt wie um die Gewalttat selbst, dementsprechend ist er bewusst auf weitreichende psychologische Auswirkungen über das eigentliche Ziel der Tat hinaus an ein breiteres zuschauendes ‚Zielpublikum’ gerichtet.“[10] Für Waldmann hat der Terrorismus im Unterschied zu anderen Gewaltformen eine explizit öffentliche, mediale Kompo­nente. Es handelt sich um symbolische Gewalt, die eine Botschaft vermitteln will: „Dem Terroristen geht es nicht um den eigentlichen Zerstörungseffekt seiner Aktionen. Diese sind nur ein Mittel, eine Art Signal, um einer Vielzahl von Menschen etwas mitzuteilen. Terrorismus, das gilt es festzuhalten, ist primär eine Kommunikationsstrategie.“[11] Hoffman betont in diesem Zusammenhang vor allem die Rolle der modernen Nachrichtenmedien „als wichtigster Kanal zur Verbreitung von Informationen über derartige Taten“[12]. So spielen diese im Kalkül der Terroristen eine entscheidende Rolle: „Tatsächlich läuft ihr Tun, was seine Wirkung angeht, ohne Medienberichterstattung wohl weitgehend ins Leere, die Wahrnehmung desselben bleibt dann eng begrenzt auf die unmittelbaren Opfer von Angriffen und erreicht nicht das größere ‚Zielpublikum’ auf das die Gewalttätigkeit der Terroristen eigentlich abzielt.“[13]

„Terrorismus ist Theater“[14], erklärt in diesem Zusammenhang Michael Jenkins und betont, dass „terroristische Angriffe oftmals sorgfältig so gestaltet werden, dass sie die Aufmerksamkeit der elektronischen Medien und der internationalen Presse auf sich ziehen.“[15]

Dabei stellt sich die Frage nach der Art der Botschaften, welche Terroristen übermitteln, genau so, wie die nach dem Kommunikationsraum, in dem Terroristen agieren, und wie sich die kommunikative Funktion der Gewaltbot­schaften auf die Frequenz terroristischer Anschläge auswirkt. Die Literatur beant­wortet die Frage nach der Intention der Gewaltaktivitäten überwiegend damit, dass es das Ziel der Anschläge ist, das Vertrauen in den Staat und dessen Fähigkeit zum Bürgerschutz zu untergraben. Waldmann betont noch einen weiteren Aspekt terroristischer Botschaften:

„Terroristen sind als schwache Gruppe darauf angewiesen, nach Bundesgenossen Ausschau zu halten und um Sympathie und Beistand zu werben. Ihre Anschläge sind deshalb für einen Teil der Bevölkerung als Hoffnungszeichen gedacht, sie sollen zumindest Schadenfreude, eventuell auch Bereitschaft auslösen, die Gewaltaktivisten in ihrem ‚Kampf’ zu unterstützen.“[16]

Terroristische Anschläge erfüllen ihre kommunikative Funktion am besten, wenn sie in relativ gewaltfreien politisch-gesellschaftlichen Systemen verübt werden, in denen Gewalt nicht ohnehin schon an der Tagesordnung ist, wenn sie möglichst spektakulär sind, um eine vermehrte Aufmerksamkeit der Medien zu gewährleisten, und wenn sie nicht inflationär eingesetzt werden (low intensity war[17]). Festzuhalten betreffs terroristischer Botschaften ist darüber hinaus, dass immer drei Arten von Gruppen in den Kommunikationsprozess involviert sind: die terroristischen Gruppen, die Opfer und die Öffentlichkeit, sprich die Medien.

2.2 Terrorismus und Medien

Terrorismus ist – wie bereits ausgeführt - die bevorzugte Gewaltstrategie relativ schwacher Gruppen. Da terroristische Gruppen nicht stark genug sind, um ein Stück nationalen Territoriums militärisch zu besetzen und der Staatsmacht offen Paroli zu bieten, sind sie um so mehr darauf angewiesen, durch spektakuläre, „gut“ organisierte Anschläge öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.[18] „Terroristische Aktionen setzen sich gezielt über die jeweils geltenden rechtlichen und moralischen Konventionen hinweg, sie zeichnen sich oft durch besondere Unmenschlichkeit, Willkür und Brutalität aus.“[19] David Rapoport spricht in diesem Zusammenhang von einer Politik der atrocity[20]. Der Schockeffekt terroristischer Gewaltanschläge ist nicht zufällig, sondern kalkuliert. Die Opfer sind dabei nicht als Individuen von Bedeutung, sondern weil sie einer bestimmten Kategorie angehören. Nicht die Person zählt, sondern sie dient als Platzhalter für den symbolischen Stellenwert einer Tat.

Die Anschläge auf das World Trade Center waren unter diesem Gesichtspunkt ein terroristisches Meisterstück, sowohl durch die Auswahl des Ziels, den Gehalt an Symbolik, als auch durch die erreichte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Dabei, so postuliert Beaudrillard, ist davon auszugehen, dass die Terroristen selbst nicht planen konnten, dass die Twin Towers nicht nur schwer beschädigt, son­dern gar einstürzen würden. „Der symbolische Zusammenbruch eines ganzen Systems vollzog sich in einer unvorhergesehenen Komplizenschaft, so als ob die Türme dadurch, dass sie selbst einstürzten, dass sie Selbstmord begingen, das Spiel mitgemacht hätten, um das Ereignis zu vollenden.“[21] Zudem vollzog es sich, ge­währleistet durch die Medienberichterstattung, vor den Augen der ganzen Welt. Bei ihrem Anschlag haben sich die Attentäter alle Errungenschaften der Moderne (wie Geld, Informationstechnologien, Luftfahrttechnik, mediale Netze) „zu eigen gemacht, ohne ihr Ziel aus den Augen zu verlieren, das darin besteht, eben diese zu zerstören“[22]. Diese neue Aktionsform des Terrorismus hat sich die Spielregeln des Systems angeeignet und spielt das Spiel, um es zu stören.

Ihre Strategie: minimaler Einsatz, maximales Ergebnis, hat sich ausgezahlt. Beaudrillard interpretiert das Attentat in Manhattan als „eine gute Illustration der Chaostheorie [...]: ein Initialschock löst unkalkulierbare Konsequenzen aus, während die gigantische Machtentfaltung der Amerikaner (der „Wüstensturm“) nur lächerliche Wirkungen erzielt – wobei der Orkan sozusagen im Flügelschlag eines Schmetterlings endet“.[23]

Die Bilder der einstürzenden Twin Tower haben sich, nicht zuletzt durch ihre wiederholte Darstellung in den Medien, in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Beaudrillard postuliert: „Die Ereignisse von New York haben nicht nur die globale Situation, sondern gleichzeitig auch das Verhältnis von Bild und Realität radikalisiert.“[24] Die Terroristen haben die Medien und die Bilder zu ihrer Waffe gemacht. Die Medien werden somit

„Teil des Ereignisses, sie sind Teil des Terrors, und sie wirken im einen oder anderen Sinne. [...] Und ebendiese unkontrollierbare Entfesselung der Reversibilität ist der wahre Sieg des Terrorismus. Ein Sieg, der überall dort sichtbar wird, wo das Ereignis sich verästelt und einsickert – nicht nur in der unmittelbaren wirtschaftlichen, politischen Rezession des gesamten Systems oder in der sich daraus ergebenden moralisch-psychologischen Rezession, sondern auch in der Rezession des Wertesystems, aller Freiheitsideologie, der Bewegungsfreiheit usw., all dessen, was den Stolz der westlichen Welt ausmachte und worauf sie sich berief, um ihren Einfluss auf den Rest der Welt auszuüben.“[25]

Aus dieser engen, symbiotischen Beziehung zwischen Terrorismus und den Medien ergibt sich die Frage, ob rechtsstaatliche Demokratien mit ihrer freien Berichterstattung dem Terrorismus Vorschub leisten. Dieser Aspekt wird in Kapitel 6.1 dieser Arbeit untersucht.

2.3 Terrorismus vs. Guerillakampf

Terroristen bezeichnen sich selbst häufig als Guerillakämpfer, wodurch sie sich selbst zu einer Kriegspartei zu stilisieren wollen. Angegriffene Regierungen behal­ten sich jedoch vor, Terroristen je nach Bedarf als Kriegspartei oder als Kriminelle zu deklarieren. Wird eine Auseinandersetzung als Krieg bezeichnet, bedeutet „dies im allgemeinen, dass sie [die Regierungen, d. Verf.] deren Ernsthaftigkeit, die Stärke des Gegners, die Notwendigkeit umfassender Gegenmaßnahmen, eventuell auch einer politischen Verhandlungslösung der Öffentlichkeit plausibel machen wollen.“[26] Eine Einordnung als Kriminelle beinhaltet dagegen im allgemeinen eine Abwertung der Terroristen und eine Verharmlosung der Bedrohung.

Zu klären ist, welchen Vorteil sich Terroristen davon versprechen, in der Öffentlichkeit als Guerillakämpfer wahrgenommen zu werden. Zunächst ist fest­zustellen, das beide - Terrorismus und Guerilla - irreguläre Kampfmethoden be­zeichnen, die nicht selten kombiniert zum Zug kommen. So können Terroristische Anschläge den Auftakt zu einem Guerillafeldzug bilden oder auch dessen Ausklang. Als Beispiel sei an dieser Stelle die algerische Front de Libération Nationale (FLN) genannt, die sich terroristischer Aktionen bediente, um eine Situation zu schaffen, die den Übergang zur neuen armee-angeglichenen Guerilla ermöglichte[27]. Die Geschichte der palästinensischen Guerilla, im speziellen die Bewegung der Fedayin, dagegen ist ein deutliches Beispiel für die Umkehrung des algerischen Vorgangs: Die aussichtslos gewordene Guerilla streicht das Konzept der Annährung an den konventionellen Kampf und geht aus Ermangelung an Alternativen zum Terrorismus über.[28] Die Übergänge sind hierbei oft fließend, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um zwei grundverschiedene aufständische Vorgehensweisen handelt. „Guerillakampf ist eine militärische Strategie; hier geht es um die Belästigung, allmähliche Einkreisung und letztlich um die Vernichtung des Feindes.“[29] Der Guerilla ge­nießt eine wachsende Legalität als Kombattant, als regulärer und rechtmäßiger Kämpfer. „In der Haager Landkriegsordnung von 1907 traten die Milizen, Freikorps und organisierte Mitkämpfer spontaner Volkserhebungen zum ersten Mal rechtlich an die Seite der Armee.“[30] 1977 vollzog die Guerilla dann endgültig den Sprung über die Schranke des Rechts, die sie früher vom Regulären trennte, in die Legalität des anerkannten Soldaten einer besonderen Kampfart. Gibt sich ein Terrorist also als Guerilla aus, will er sich nicht vom Hintergrund der Legiti­mität und der Gesetzlichkeit abheben. Er will den Schein der Rechtmäßigkeit erwecken.

Guerillakämpfer unterscheiden sich erheblich von Terroristen: Sie organisieren sich in militärischer Manier, die Kampfverbände haben oft verantwortliche Vorge­setzte, tragen ein festes sichtbares Zeichen, präsentieren ihre Waffen offen und halten sich in der Regel an die Regeln und Gebräuche des Kriegsrechts. Ungeach­tet ihrer irregulären Kampfweise respektieren Guerilleros, zumindest im Prinzip, die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten, während sich Terroristen nicht scheuen, im Extremfall beliebige Zivilpersonen zu Opfern und Trägern ihrer blutigen Gewaltbotschaften zu machen.[31]

Ein weiterer gravierender Unterschied in den Strategien von Guerillakämpfern und Terroristen liegt darin, dass es Guerilleros letztendlich um den Gewinn von Territorium geht, auf dem ein Gegenstaat zu dem Bestehenden errichtet werden soll bzw. kann. Die Besetzung von Raum verlangt immer höhere Formen der militärischen und politischen Organisation und zwingt zum Übergang, mindestens zur Annährung der Guerilla an die konventionellen Formen und Regeln einer bewaffneten Macht. Terrorismus ist, wie eingangs erläutert, vor allem eine Kommunikationsstrategie, die Gewalt nicht wegen ihres Zerstörungseffektes, sondern als bewusstes Signal einsetzt, um eine psychologische Breitenwirkung zu erzielen. So bringt Wördemann diese Strategie auf eine griffige Formel: „Der neue Guerilla besetzt tendenziell den Raum, um später das Denken gefangen zu nehmen – der Terrorist besetzt das Denken, da er den Raum nicht nehmen kann.“[32]

2.4 Terrorismus vs. Terror

Terror (lateinisch der Schrecken, von terrere: in Schrecken versetzen) bedeutet Schreckensherrschaft, rücksichtsloses Vorgehen, Unterdrückung.[33] Gemeint ist die systematische Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen, besonders zur Erreichung politischer Ziele.

Bereits im ausgehenden Mittelalter wird der Begriff Terror als juristische Größe verwendet. Der lateinische Ausdruck territio (deutsch Territion, Schreckung) be­zeichnet das Zeigen der Folterinstrumente, eine Vorstufe der Folter, die oft bereits ausreichte, um ein Geständnis zu erzwingen.

Terror war ursprünglich bei den Vordenkern des Liberalismus eine dem Staat zugeschriebene legitime Funktion[34].

Am Vorabend der Französischen Revolution 1789 empörten sich die Aufklärer und warfen der Monarchie ein terroristisches Schreckensregiment („ par la terreur “) vor. Auch Voltaire bezeichnet 1769 die staatlich inszenierte öffentliche Folterpraxis vor Hinrichtungen mit Rädern und Zerreißen bei lebendigem Leibe als „Terrorapparat“ (appareil de terreur). Allerdings waren es die französischen Revolutionäre selbst, die ab 1793 mit Robespierre die Terrorherrschaft[35] als staatliches Mittel ausriefen.

Laut Waldmann spielt die begriffliche Abgrenzung von Terrorismus und Terror sozial-politisch eine erhebliche Rolle. Im angelsächsischen Sprachgebrauch hat es sich eingebürgert, sowohl von Staatsterrorismus als auch von aufständi­schem Terrorismus zu sprechen. Demgegenüber bezieht sich der Begriff „ terror “ primär auf den durch terroristische Anschläge erzeugten sozialpsychologischen Effekt allgemeiner Furcht und Panik. Waldmann schlägt demgegenüber vor, nicht dem angelsächsischen Beispiel zu folgen und Terrorismus als eine bestimmte Form des Angriffs gegen den Staat und die staatliche Ordnung, gegen vom Staat verübten Terror als staatlicher Schreckensherrschaft abzugrenzen.[36]

Zwar teilen sich Terrorismus und staatlicher Terror bestimmte Grundzüge, insbesondere die Verbreitung von Furcht und Schrecken, doch gibt es auch zahl­reiche Eigenschaften, welche die beiden Erscheinungen voneinander trennen: Zum einen fordert Regimeterror ungleich mehr Menschenleben, als aufständischer Terrorismus, so dass hier nicht mehr von einem low intensity war im Sinne Crevelds[37] gesprochen werden kann, zum anderen haben Mordschergen einer Regierung weniger strikte Sanktionen zu fürchten als Terroristen. Terroristen leben um ein hohes Maß gefährlicher, sie riskieren im Kampf ihr Leben oder zumindest hohe Haftstrafen. Ein weiterer Unterschied zwischen Regimeterror und aufständischem Terrorismus besteht darin, dass sich ein Staat, der die Bevölkerung im Zeichen einer bestimmten Ideologie unterdrückt, im Allgemeinen wenig um die Reaktion der Bevölkerung kümmern muss. Terroristen dagegen sind auf Massenmedien angewiesen, um ihre Botschaft an die Öffentlichkeit zu bringen[38] (vgl. Kapitel 2.2).

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Terror von Seiten der Herrschenden zumeist keine Veränderung am Status quo der politischen Machtverteilung zulas­sen will, während es das erklärte Ziel des Terrorismus ist, politische Umwälzungen herbeizuführen. Staatsterrorismus zielt darauf ab, die Regierten passiv zu halten und zu unterdrücken, Terrorismus dagegen will eine Erhebung und Mobilisierung des Volkes, oder wenigstens von Teilen davon, erreichen. Beide Arten des Kampfes beinhalten allerdings die Gefahr, dass die Gewalt mit Andauern des Konfliktes sinnentleert und zum Selbstzweck wird.

2.5 Internationaler Terrorismus

Mit internationalem Terrorismus können ganz unterschiedliche Sachverhalte gemeint sein, so zum Beispiel auf nationaler Ebene operierende terroristische Ver­bände, die miteinander in Verbindung treten und eine supernationale Organisation bilden.

Oder Terroristen können innerhalb des Territoriums des Staates, gegen den sie vorgehen, nicht Fuß fassen und versuchen daher diesen von außen her zu attackieren, zum Beispiel durch Flugzeugentführungen, Angriffe auf Botschaften, Geiselnahmen und dergleichen.

Darüber hinaus gibt es noch eine dritte Variante, die oft als Staatsterrorismus bezeichnet wird: Ist ein Staat außerstande eine offene Konfrontation mit einem Drittstaat zu riskieren, verlegt er sich darauf, diesen durch die Unterstützung terroristischer Gruppen zu destabilisieren oder mindestens zu belästigen.[39] Als Beispiele für diese Art der verdeckten Kriegsführung lassen sich unter anderem Libyen, der Irak, der Iran, Syrien und der Sudan anführen.

Wenn im Folgenden von terroristischer Strategie gesprochen wird, so ist damit ein Vorgehen regierungsfeindlicher Gruppen gegen den eigenen Staat auf dessen Territorium gemeint. Dabei bedienen sie sich primär, wenn auch nicht aus­schließlich, terroristischer Methoden und Mittel.

3. Das terroristische Kalkül

3.1 Terroristische Strategie

„Der Zorn der Terroristen ist selten unkontrolliert. Im Gegensatz zu weitver­breiteten Auffassungen und Darstellungen in den Medien ist Terrorismus meist weder verrückt noch launenhaft. Eher sind terroristische Angriffe in der Regel sowohl überlegt als auch sorgfältig geplant.“[40] Wie in Kapitel 2.1 herausgearbeitet, ist die terroristische Tat vor allem darauf ausgerichtet eine Botschaft zu übermit­teln. Gleichzeitig wird sie auch in einer Art und Weise geplant und durchgeführt, dass sie die bestimmten Ziele und Motive der terroristischen Gruppe reflektiert, ihre Ideologie, ihre organisatorische Dynamik, den Charakter ihrer wichtigsten Mitglieder widerspiegelt, ihren Ressourcen und Fähigkeiten entspricht und das Zielpublikum berücksichtigt. „Während der angerichtete Schaden durchaus real ist, besteht der Hauptzweck ihres Tuns für die Terroristen nicht darin, Eigentum zu zerstören oder materielle Werte zu vernichten, sondern bestimmte Dinge zu dramatisieren und Aufmerksamkeit für ein politisches Problemfeld zu schaffen.“[41]

Bezeichnend für terroristische Anschläge ist, dass sie im Vergleich zu konventi­onellen Kriegen wenig Opfer fordern und doch oft eine große Wirkung, insbe­sondere an Verunsicherung und Angst, erzielen. Bereits das Règime de Terreur, das Robespierre im Anschluss an die französische Revolution in Frankreich etablierte, zeigte deutlich, wie eine kleine Gruppe durch Verbreitung von Furcht und Schrecken eine ganze Nation beherrschen konnte. In Robespierres Politik zeigt sich mit aller Deutlichkeit die Strategieformel des Terrors. Sie „beruht auf dem Ungleichgewicht von zwei Quantitäten, auf dem Ungleichgewicht der Quantität ‚Mitteleinsatz’ (Gewalt) zur Quantität ‚Wirkung’ (Schrecken und Furcht)“.[42] Die Handlungen der Terroristen zielen immer auf eine Veränderung der Haltung der Öffentlichkeit und Regierungen ab und „immer haben einige Terroristen mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln die große Zahl in Unruhe und Unsicherheit versetzt“[43].

Terrorismus ist die Strategie der Schwachen, die wissen, dass ein direkter militärischer Kräftevergleich mit der Regierung aussichtslos ist. Im Rahmen des Zivilisationsprozesses entwickeln sich soziale Strukturen, die dafür sorgen, dass die Macht des Stärkeren begrenzt wird. Die Gewaltanwendung wird entpersönlicht, monopolisiert und schließlich staatlichen Organen zugewiesen. „Die Bedrohung, die der Mensch für den Menschen darstellt, ist durch die Bildung von Gewaltmonopolen einer strengeren Regelung unterworfen und wird berechenbarer. Der Alltag wird freier von Wendungen, die schockartig hereinbrechen“[44], schreibt Norbert Elias. Wenn nun der Staat oder seine Vertreter das Gewaltmonopol in einer willkürlichen Weise nutzen, so führen sie dessen Funktion, für Berechenbarkeit des öffentlichen Lebens zu sorgen, ad absurdum. Genau um diese Unsicherheit und Unberechenbarkeit zu erreichen, setzen Terroristen auf punktuelle Gewalt. Gewalttätige Aktionen innerhalb eines staatlichen Gebildes durch seine Bürger stellen immer eine Bedrohung für den Staat an sich dar, das heißt, es wird gegen sein Gewaltmonopol verstoßen und versucht, eine Gegenmacht zu installieren. Die Besonderheit dieser Vorgehens­weise liegt dabei darin, dass „sie ihre Ziele nicht durch den jeweiligen Akt der Gewalt erreicht oder auch nur erreichen will, sondern durch die Reaktion, die mit dem Akt der Gewalt hervorgerufen, ‚provoziert’ wird“[45]. Ein Mörder tötet einen Menschen, weil er diese Person töten will, ein Terrorist tötet einen Menschen, weil er durch diese Bluttat eine Botschaft übermitteln und eine Reaktion erzwin­gen will.

Terror wie auch Terrorismus beruhen, nach Auffassung fast aller Autoren, auf drei Elementen: einem Gewaltakt oder dessen Androhung, einer emotionalen Reaktion (zum Beispiel Furcht) und der Konsequenz des emotionalen Zustandes auf bestimmte Verhaltensweisen (etwa Lähmung und Passivität, oder auch hektische Aktivität, um sich zu schützen).

Neben dieser chronologischen Dreiersequenz bei der Wirkung terroristischer Aktionen gibt es drei Personengruppen, die in jedem Fall in das Geschehen einbe­zogen sind: die Gewaltakteure selbst, die Opfer der Gewalttaten, und die eigentliche Zielgruppe, um deren Beeinflussung und Verhaltensreaktionen es den Terroristen letztendlich geht.[46]

Die Gruppe der Gewaltakteure zeichnet sich in der Regel durch einen hohen Grad der Arbeitsteilung aus: So gibt es Anführer, welche die theoretischen und strategischen Diskussionen führen und Anweisungen geben, und ausführende Kräfte, die für die unmittelbare Durchführung der Gewaltaktionen zuständig sind. Weitere funktionale Differenzierungen sind nicht unüblich.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Opfern und der eigentlichen Ziel­gruppe der Gewaltanschläge. Terroristen verfolgen eine politische Strategie, der eine gewisse Gewaltökonomie zugrunde liegt: „Terroristen [...] wählen eine be­grenzte Zahl von Opfern aus, um den Rest im Sinne ihrer Zielvorstellungen manipulieren zu können.“[47] Die Beziehung zu dieser eigentlich anvisierten Ziel­gruppe der terroristischen Botschaften ist kompliziert: einerseits haben Terroristen Interesse daran, das Unvermögen des Staates, dem Gesetz Geltung zu verschaffen und die öffentliche Sicherheit zu garantieren, bloßzustellen; darüber hinaus sollen ihre Anschläge von Trägern und Schlüsselgruppen eines Systems als unmittelbare Bedrohung empfunden werden. Daneben existieren jedoch auch Schichten und Gruppen, die von den Terroristen umworben werden. Denen versuchen die Akti­visten Hoffnung zu machen, bzw. eine Identifikationsmöglichkeit zu bieten in der Absicht, sie zur Teilnahme am Kampf gegen das Regime zu motivieren. Hier soll die terroristische Botschaft nicht Angst und Schrecken, sondern Hoffnung, Sym­pathie und politische Aufbruchstimmung erzeugen.

Bei der Verfolgung ihrer Strategie sind terroristische Organisationen auf die Reaktion der Massen und der Regierung angewiesen. Reagieren die Massen nicht auf die terroristische Botschaft, weil sie zum Beispiel zu apathisch oder ängstlich sind, sich zu erheben, dann muss der Staatsapparat aus Sicht der Terroristen dazu gebracht werden, sich selbst zu zerstören (zum Beispiel dadurch, dass er zu repres­siven Überreaktionen auf die Anschläge verleitet wird, die dann die angestrebte Volkserhebung auslösen). Reagiert das angegriffene Regime nicht, oder bleibt es mit seinen Sanktionen im rechtsstaatlichen Rahmen, verlaufen die Bemühungen der Terroristen im Sande. Deshalb gilt nach Wördemann: „Eine tatsächlich offene Gesellschaft kann, sofern sie insgesamt auf Dauer gelassen und selbstbewusst rea­giert, nicht unmittelbar in das verwandelt werden, was sie nicht ist: ein Zwangs­system der Unterdrückung von Freiheiten, das als Berechtigungsnachweis für die Gewalttat vorgezeigt werden kann.“[48]

3.2 Provokation als Machtstrategie

Terrorismus stellt eine Extremform des Handlungsprinzips „Provokation“ dar. Die Begriffsbestimmung, die Rainer Paris für dieses Phänomen herausgearbeitet hat, beinhaltet viele Prinzipien und Strategien des Terrorismus. Er definiert Provokation als „absichtlich herbeigeführten, überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veran­lassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter, moralisch diskreditiert und entlarvt.“[49] Provokation sucht Konflikt mit einem überlegenen Machthaber. Die Intention ist, die Gegenseite soweit zu reizen, dass sie als Reaktion zum Gegen­schlag ausholt und der Zielgruppe als auch der Öffentlichkeit als der aggressive Part in der Auseinandersetzung erscheint.

Provokation beinhaltet Paris zufolge einen offensiven Normbruch, der als frecher Übergriff die Gegenseite verletzt, bloßstellt und damit die Situation für alle Beteiligten emotional auflädt. Das gleiche gilt auch für das Vorgehen von Terroristen. Der Sinn ihrer Angriffe besteht darin, auf eine höherrangige Moral­ordnung aufmerksam zu machen, nach der die Angriffe tugendhaft und gerecht erscheinen, während die Gegenseite der Vorwurf von Bösartigkeit und Ungerech­tigkeit trifft.[50]

Der Angriff muss Paris’ Definition entsprechend, soll er einen Provokationseffekt nicht verfehlen, überraschend erfolgen. Genau dieses bezwecken Terroristen mit den Momenten der Unberechenbarkeit, Unabwägbar­keit und Willkür ihrer Aktionen, durch die Verwirrung und Furcht gestiftet werden soll.

Ob diese Rechnung für den Provokateur aufgeht, hängt von der Reaktion des Provozierten ab. Reagiert der Angegriffene nicht, scheitert auch das Anliegen des Provozierenden. Paris spricht in diesem Zusammenhang von der Reaktionsangewiesenheit des Provokateurs. „Der tiefere Sinn der Provokation und des Terrorismus als einer Spezialform desselben, liegt darin, in den Augen des Publikums einen Rollenwechsel zu inszenieren: Vom Angreifer zum Angegriffenen zu werden und den Angegriffenen als den Angreifer hinzustellen.“[51] Für dem Ange­griffenen ist es in der Regel nicht leicht, die Pläne der Angreifer zu durch­kreuzen, mag die Absicht auch noch so durchsichtig erscheinen. Reagiert der Provozierte nicht, wird das als ein Zeichen von Schwäche gedeutet, er läuft Gefahr in den Augen der Öffentlichkeit sein Gesicht zu verlieren - umgekehrt wird schnell der Vorwurf unverhältnismäßiger Härte gegen ihn erhoben, sollte er sich zu energischen Gegenmaßnahmen hinreißen lassen. Aus diesem Dilemma ergibt sich für die attackierten Regierungen ein grundlegendes und äußerst schwieriges Problem im Umgang mit Terrorismus.

[...]


[1] Laqueur, Walter: Postmodern Terrorism, in Foreign Affairs, September/Oktober 1996, S. 24.

[2] Walter, Victor Eugene: Terror and Resistance. A Study of Political Violence, New York, 1969, S. 7.

[3] Waldmann, Peter: Terrorismus. Provokation der Macht, München, 1998, S. 10.

[4] Hoffman, Bruce: Terrorismus – der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt am Main, 1999, S. 56.

[5] In US-amerikanischen Gesetzestexten und Armeehandbüchern fand Noam Chomsky zum Thema Terrorismus eine sehr kurze und zugleich unbrauchbare Definition. „Terrorismus sei, so heißt es dort, die ‚kalkulierte Anwendung oder Androhung von Gewalt ... um durch Einschüchterung, Zwang oder Furchteinflößung Ziele zu erreichen, die ihrem Wesen nach politisch, religiös oder ideologisch sind‘“ Diese Umschreibung trifft jedoch auch auf Regierungspolitik zu, die als Gegenmaßnahme zu terroristischen Aktionen ergriffen wird. Ein Beispiel dafür ist das Vorgehen der Vereinigten Staaten in Afghanistan. Admiral Sir Michael Boyce, Leiter des Britischen Verteidigungsstabs „setzte die afghanische Bevölkerung davon in Kenntnis, das die Vereinigten Staaten und Großbritannien ihre Angriffe gegen Afghanistan solange fortsetzen würden, bis das Land eine andere Führung hat‘“ Wenig anders, aber der oben genannten Definition von Terrorismus genauso gerecht werdend, verkündete George W. Bush: „Wir werden euch so lange bombardieren, bis ihr uns die gesuchten Personen ausliefert“. Eindeutige Beweise für die Schuldigkeit der Personen konnte Bush der Taliban-Regierung Afghanistans jedoch nicht vorlegen. In: Chomsky, Noam: Media Control. Wie die Medien uns manipulieren, Hamburg, 2003, S. 16.

[6] Beaudrillard, Jean: Der Geist des Terrorismus, Wien, 2002.

[7] Vgl. Luhmann, Niklas: Vertrauen, Stuttgart, 1973, S. 60ff.

[8] Beaudrillard, 2002, S. 21.

[9] Beaudrillard, 2002, S. 21.

[10] Hoffman, 1999, S. 48.

[11] Waldmann, 1998, S. 12f.

[12] Hoffman, 1999, S. 173.

[13] Ebd., 1999, S. 173.

[14] Jenkins, Michael Brian, International Terrorism: A New Mode of Conflict, in David Carlton und Carlo Schaerf (Hrsg.), International Terrorism and World Security, London, 1975, S. 16.

[15] Ebd., S. 16.

[16] Waldmann, 1998, S. 13.

[17] Der Militärhistoriker Martin van Creveld hat den Begriff Low Intensity War geprägt. In dieser Form des Krieges, gibt es keine räumlichen Frontlinien, keine abgegrenzten Territorien, die man gegenseitig zu erobern sucht, existieren zumindest auf einer Seite keine hierarchischen staatlichen Strukturen, die durch Kapitulation ihre Niederlage anerkennen und damit den Krieg beenden könnten. Nicht zuletzt, weil die Opferzahlen bei dieser Art von Krieg weitaus niedriger ausfällt als in konventionellen Kriegen gebraucht er den Begriff Low Intensity War. Vgl. Creveld, Martin van: Die Zukunft des Krieges, München, 1998, S. 45ff.

[18] Vgl. Waldmann, 1998, S. 10f.

[19] Ebd. S. 11.

[20] Vgl. Rapoport, David: The Politics of Atrocity, in Y. Alexander u. a. (Hrsg.): Terrorism – Interdisciplinary Perspectives, John Jay 1977, S.46ff.

[21] Beaudrillard, 2002, S. 14.

[22] Ebd., S. 23.

[23] Beaudrillard, 2002, S. 26.

[24] Ebd., S.29.

[25] Ebd., S. 32f..

[26] Waldmann, 1998, S. 15.

[27] Am 1. November 1954 begann die FLN den bewaffneten Kampf gegen die französische Kolonialmacht, um die Unabhängigkeit Algeriens durchzusetzen. Innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung konkurrierte die FLN mit der MNA, die vor allem von algerischen Arbeitern in Frankreich getragen wurde. In Frankreich kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Organisationen. Der Krieg in Algerien eskalierte, als die französische Kolonialmacht auf Gesprächsangebote der Nationalisten nicht einging und stattdessen mit umfangreichen militärischen Einsätzen und Counter-Insurgency-Maßnahmen reagierte. 1961 waren schließlich mehr als 400.000 französische Soldaten in Algerien stationiert.

Im Laufe des Krieges bildete sich aus Kreisen der französischen Siedlerschaft die OAS, die im Verein mit französischen Militäreinheiten durch Terror erzwingen wollte, dass Algerien Teil Frankreichs bleibt. Die Übergriffe der OAS dauerten nach Unterzeichnung des Waffenstillstands zwischen der FLN und Frankreich im März 1962 noch über ein Jahr an. In Algier kam es 1961 zu einem Putschversuch von Teilen der französischen Armee und Siedlern, der aber von loyalen Truppen de Gaulles niedergeschlagen wurde.

Der Krieg war mitursächlich für das Ende der Vierten Republik und die Machtübernahme de Gaulles. Erst nach zweijährigen Gesprächen gelang es, den Krieg und die mehr als dreizehn Dekaden dauernde Kolonialherrschaft Frankreichs über Algerien zu beenden. Mit schweren Hypotheken wurde Algerien 1962 in die Unabhängigkeit entlassen.

[28] Vgl. Wördemann, Franz: Terrorismus. Motive, Täter, Strategien, Frankfurt am Main – Berlin - Wien, 1979, S. 58f.

[29] Ebd., S. 17.

[30] Ebd., S. 53.

[31] Vgl. Waldmann, 1998, S. 18.

[32] Wördemann, 1979, S. 57.

[33] Vgl. Duden, Das Herkunftswörterbuch, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich, 2001, S. 845.

[34] Wie Thomas Hobbes in seinem Werk Leviathan herausarbeitet, war der „Schrecken gesetzlicher Bestrafung“ (terror of legal punishment) eine notwendige Voraussetzung eines Staatswesens, dem auf der anderen Seite „der Schrecken der Macht“ (terror of some power) korrespondierte.

[35] Die Terrorherrschaft (1793-1794), auch bekannt als „ La Terreur (Der Schrecken)“, war eine Periode der Französischen Revolution (1789-1799), die durch die brutale Unterdrückung der als Konterrevolutionäre Verdächtigten gekennzeichnet war. Die Terrorherrschaft wurde vom Wohlfahrtsausschuss, einem Komitee von zwölf, einschließlich des Führers Maximilien de Robespierre, angeführt, der später selbst seiner eigenen Terrorkampagne zum Opfer fiel.

Unter dem Deckmantel dieser Kampagne wurden tausende Bürger gefoltert und getötet, manchmal für ihre politischen Anschauungen oder Aktivitäten, aber häufiger aus nichtigen Anlässen. Die Hinrichtung wurde in der Regel auf der Guillotine, 'Madame Guillotine', wie man sie auch nannte, vollstreckt.

Der Terror begann am 5. September 1793 mit dem Beschluss des Konvents zur Einführung von Terrormaßnahmen zur Unterdrückung konterrevolutionärer Aktivitäten. Die folgende "Terrorherrschaft" dauerte bis zum Frühjahr 1794 und forderte 35.000 bis 40.000 Todesopfer.

[36] Vgl. Waldmann, 1998, S. 15.

[37] Vgl. Kapitel 2.1.

[38] Vgl. Waldmann, 1998, S. 15ff.

[39] Vgl. Waldmann, 1998, S. 18f.

[40] Hoffman, 1999, S. 209.

[41] Ebd., S. 212.

[42] Wördemann, 1979, S. 65.

[43] Ebd., S. 66.

[44] Elias, Norbert: Der Prozess der Zivilisation, Bd. 2, Frankfurt am Main, 1969, S. 325.

[45] Wördemann, 1979, S. 66.

[46] Waldmann, 1998, S. 29.

[47] Waldmann, 1998, S. 30.

[48] Wördemann, 1979, S. 70.

[49] Paris, Rainer: Der kurze Atem der Provokation, in Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 41 (1989), S. 33-52.

[50] Vgl. Waldmann, 1998, S. 33.

[51] Ebd., S. 34.

Details

Seiten
85
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638424622
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44972
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Sozialwissenschaftliches Institut
Note
2
Schlagworte
Terrorismus Erscheinungsformen Entstehungsbedingungen Verläufe

Autor

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Titel: Terrorismus: Erscheinungsformen, Entstehungsbedingungen und Verläufe