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Bin ich mehr als mein Gehirn?

Hausarbeit 2018 31 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort:

2. Einleitung:
2.1. Die Dekade des Gehirns

3. Manfred Spitzer: Sie sind ihr Gehirn.

4. Reduziert auf und determiniert durch mein Gehirn?

5. Die Macht der Bilder

6. Manifest trifft Memorandum

7. Worum geht es eigentlich – Neuauflage des Geist-Seele-Problems oder die Lücke im neuronalen Erklärungssystem:

8. Zusammenfassung: Bin ich mein Gehirn:

9. Nachwort:

10. Literaturverzeichnis:

1. Vorwort:

Bin ich (mehr als) mein Gehirn? So der Titel meiner Modularbeit. Ein Thema, dass mich persönlich sehr interessiert. Bei meiner Arbeit als Lerncoach stehen hirngerechte Lerntechniken und Gedächtnisstrategien im Mittelpunkt, es geht u.a. darum effektive, individuelle Lernwege zu erschließen. Logischerweise spielt dabei das Gehirn, insbesondere auch wie Gedächtnis funktioniert, eine wichtige Rolle oder wie Vera F. Birkenbihl provokativ formulierte „vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer“[1] zu werden. Kurzum von Berufswegen interessiert mich das Gehirn schon mal sehr. Das Thema habe ich mir als frei und aufgrund meiner persönlichen Interessen gewählt, hinzukommt, dass ich in der komfortablen Lage bin, dass ich diese Modularbeit für mich schreibe. Die Note, mal abgesehen von meinem persönlichen Ehrgeiz, spielt für mich keine Rolle, da ich sie nicht in beruflicher Hinsicht benötige. Mit anderen Worten es geht um den persönlichen Erkenntnisgewinn, ich bin also hochgradig intrinsisch motiviert. Aus lernpsychologischer Sicht optimale Bedingungen für ein erfolgreiches Lernen. Doch schon hier entstehen im Hinblick auf den Titel erste Fragen: Erkenntnisgewinn für mich als Person oder für mein Gehirn in Form von vielen neuen neuronalen Verknüpfungen? Und die Titelwahl betreffend - wer hat sich dafür entschieden ich als Person mit ihren Neigungen, Interessen, Fragen oder mein präfrontaler Cortex.[2] Habe ich die Entscheidung als Person bewusst getroffen oder ist dies nur eine Illusion und hinter den Kulissen zieht mein Gehirn die Fäden?[3] sitzt mein Gehirn am Steuer? Dies sind Fragen, mit denen ich mich im Folgenden beschäftigen möchte. Neben dem Geschilderten hat mich während dem Schrieben aber noch etwas anders beschäftigt und so möchte ich diese Modularbeit durch ein persönliches Vor- und Nachwort in Klammern setzen.[4] Die Mutter meiner besten Freundin, ich nenne sie Anneanne (türkisch die Mutter der Mutter) ist gestorben. Nach Schlaganfall und dem Ausfall fast aller relevanten Körperfunktionen wurde sie palliativ behandelt. Kurz vor ihrem Tod war Anneanne nicht mehr bei Bewusstsein, doch niemand wäre wohl auf die Idee gekommen sie auf chemische und elektrische Vorgänge in ihrem Gehirn zu reduzieren.

Was macht den Menschen zum Menschen, mit all seinen Emotionen, Wünschen, Träumen, Hoffnungen, Entscheidungen, Gedanken und Ängsten und welche Konsequenzen haben die Erkenntnisse der Neurowissenschaft für unser Menschenbild?

2. Einleitung:

Erst kam mit den Erkenntnissen der Genforschung das Versprechen daher, den Menschen erklären zu können, nun scheint es ist die Neurowissenschaft das Maß aller Dinge. Das Gehirn ist das physische Organ für bewusste und unbewusste geistige Funktionen. Unser Gehirn ist so groß wie eine Grapefruit und wiegt etwa so viel wie ein Kohlkopf. Es steuert alle Körperfunktionen und verbraucht dabei 20 % unserer Energie. Im Gehirn laufen alle Informationen aus den Reizen des Körpers und der Umwelt zusammen. Es überwacht unsere primitivsten Verhaltensweisen wie Essen, Schlafen, Wärmeregulierung und es ist zuständig für unsere höchstentwickelten Aktivitäten unsere Kultur, Musik, Wissenschaft, Sprache. Das Gehirn besteht aus einem Netzwerk von Nervenzellen, den Neuronen (die graue Masse) und deren Faserverbindungen (weiße Masse). Bei der Geburt ist das menschliche Gehirn mit etwa 100 Milliarden Neuronen ausgestattet. Ein Neuron bildet bis zu 10 000 Synapsen. Die Integrationsleistungen der einzelnen Nervenzellen sind entscheidend für unsere Gehirnleistung.[5] „Die Neurodidaktik sieht, gestützt auf Wissen aus der Neurobiologie, viele und vor allem typische menschliche kognitive Fähigkeiten und Leistungen (z.B. Rechnen, Lesen, Schreiben können, eine Melodie geistig vorstellen können usw.) mit einzelnen, vor allem aber auch speziellen Verbänden von Neuronennetzen der Großhirnrinde verknüpft.[6]

„Für das Leben, wie wir es kennen, ist die Notwendigkeit der geeigneten Funktion und Struktur des Gehirns unbestreitbar“[7] und niemand würde wohl bezweifeln, dass das Gehirn für das Leben lebensnotwendig ist, aber basiert wirklich alles auf dem Gehirn wie Saver Rabin es dogmatisiert? „Jegliche menschliche Erfahrung, einschließlich wissenschaftlicher Argumentationen, mathematischer Denkmodelle, moralischer Einsichten, künstlerischer Ausdrucksformen und religiöser Erfahrungen basiert nur auf unserem Gehirn. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahmen."[8] Die massive mediale Präsens neurobiologischer Erklärungsmodelle tut ihr eigenes dazu und schüttelt unser Bild vom Menschen gehörig durch. Die Seele als Erklärungsmodell hat ausgedient, dafür versprechen uns die Hirnforscher „unser Innenleben durch Verständnis von Gehirnaufbau und -funktionen schon bald umfassend erklären zu können“[9]

2.1. Die Dekade des Gehirns

Es ist noch gar nicht lange her, da untersuchten Neurobiologen, wie das Gehirn Sinnesreize verarbeitet, wie Sprache entsteht oder wie Motorik funktioniert[10], betrieben kurz gesagt Grundlagenforschung, inzwischen haben die Neurowissenschaften einen wahren Boom erfahren, sie sind en vogue und alle machen Hirnforschung.[11] Wissenschaften modernisieren sich mit der Vorsilbe Neuro-, es gibt Neuro-Ethik, Neuro-Soziologie, Neuro-Philosophie, Neuro-Theologie, Neuro-Ökonomie, Neuro-Didaktik, Neuro-Marketing, Neuro-.Recht, Neuro-Kriminologie, Neuro-.Finanzwissenschaften, Neuro-Verhaltensforschung, Neuro-Forensik, Neuro-Anthropologie, Neuro-Kunstgeschichte, Neuro-Ästhetik, Neuro-Germanistik, Neuro-Musikwissenschaften, Neuro- Architektur, Neuro-Psychoanalyse, Neuro-Kinematographie usw.[12] „Wer als Forscher des 21. Jahrhunderts wirklich Wesentliches über die Natur des Menschen und seine Lebenswelt aussagen will, so scheint es , muss den Blick ins Gehirn wagen.“[13] Den Startschuss für diese „Neuro-Inflation“[14] fiel in der Präsidentschaftserklärung von George Bush Senior, der am 1.1.1990 die kommende Dekade zur Dekade des Gehirn erklärte verbunden mit entsprechenden Forschungsprogrammen und finanzieller Unterstützung. Die Dekade des Gehirns ist inzwischen beendet, doch der Neuro-Boom ist ungebrochen. Die Neurowissenschaften scheinen fast täglich neue wichtige Erkenntnisse zu liefern und Aussagen über Gehirnfunktionen und wie wir dadurch Lehr- und Lernprozesse effektiver und erfolgreicher gestaltet werden könnten nehme ich dankbar an, anders sieht es dagegen aus, wenn Hirnforscher ihren Wissenschaftsbereich verlassen und mir mit dem neuronalen Geschehen das Wesen des Menschen erklären wollen. Handelt es sich hierbei um eine Grenzüberschreitung oder um eine berechtigte Forderung zur Änderung unseres Menschenbildes? Im Folgenden werde ich versuchen einen Einblick in den Stand der Diskussion zu geben.

3. Manfred Spitzer: Sie sind ihr Gehirn.

Wir haben nicht ein Gehirn, wir sind ein Gehirn: Alles, was unsere Identität ausmacht, ist in unserem Gehirn. Mit einem anderen Gehirn wären wir ein anderer Mensch.[15] So kann Manfred Spitzers TV-Beitrag mit dem prägnanten Titel „Sie sind ihr Gehirn“ zusammenfassen. In der Sendung Alpha Geist und Gehirn vom September 2013 vom Bayrischen Rundfunk serviert Spitzer den Zuschauern medienwirksam aufbereitet die „Wahrheiten“ der Hirnforschung. Nach einem kurzen historischen Rückblick in die Entwicklung der Neurowissenschaften, die vor 100 Jahren begannen die Hirnstrukturen zu erforschen, sei man heute durch die bildgebenden Verfahren in der Lage dem lebenden Gehirn sozusagen bei der Arbeit zuzuschauen, was wichtige Erkenntnisse über die Funktionen der Hirnstrukturen erlaube. Dabei lautet die wohl wichtige Erkenntnis: das Gehirn ändert sich immer, wenn es benutzt wird, denn jedes Mal ändern sich die die Synapsen und neuronalen Verbindungen ein Stück weit. „Nervenzellen und vor allem die Verbindungen zwischen ihnen, die Synapsen, ändern sich fortwährend durch ihre eigene Tätigkeit. Oder anders gewendet: das Gehirn ändert sich laufend mit seinem Gebrauch.“[16] Jeder Mensch so Spitzer weiter, schleppt seine Lebensgeschichte in Form von Synapsenstärken mit sich herum und diese Synapsenstärken ändern sich mit der Benutzung. All unsere Lebenserfahrung steckt in diesen Synapsenverbindungen und dass sind eine ganze Menge immerhin 10 hoch 15 Synapsen. „Sie sind ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen und diese sind in ihrem Gehirn von Synapsen.“ Soweit so gut, an der Neuroplastizität des Gehirns besteht wohl kein Zweifel, allerdings spitzt Spitzer seine Ausführungen noch zu und folgert: “Ihre Identität, was sie als sie ausmacht, ist in ihrem Gehirn, ist ihr Gehirn.“ Ich reduziert auf mein Gehirn, losgelöst von Geist und Körper, wer entscheidet denn dann: ich als Person oder die neuronalen Verbindungen und Synapsen vorzugweise in meinem präfrontalen Cortex. Spitzers Aussage zeigt hier sehr anschaulich die Diskussion zwischen Neuro- und Geisteswissenschaften in Bezug auf die Deutungsmacht/-befugnis der Hirnforschung. Gegen die Erforschung der Strukturen und Funktionen ist nichts einzuwenden, sind sie doch Forschungsgegenstand dieser Disziplin, aber hier wird offenbar eine Grenze überschritten und Experimente als Fakten serviert, die unsere Menschenbild in seinen Grundmauern erschüttern. Und Spitzer geht noch einen Schritt weiter: Das Gehirn ist das einzige Organ, bei dem wir lieber Spender als Empfänger sind! Sein Gedankenexperiment: Mir wird ein anderes gehirn transplantiert. Am nächsten Morgen vor dem Spiegel steht jemand davor, der aussieht wie ich, aber ich bin es nicht mehr, sondern der andere dessen Gehirn jetzt in meinem Körper steckt und der sich wundert, dass er so aussieht wie ich. Ich wäre dann nicht mehr da, wenn mein Gehirn nicht mehr da ist. Hier möchte ich widersprechen, ich denke nicht nur, dass das Gehirn des anderen sehr verwundert wäre, ich glaube auch, dass es sich in dieser Welt gar nicht mehr zurechtfinden würde, denn auch wenn alle Erfahrungen, die Lebensgeschichte in Form von Synapsen abgespeichert sind, sind sie doch an die körperlichen und emotionalen (Sinnes)-erfahrungen des Körpers gebunden, in dem das Gehirn einst steckte. In meinen Augen ist der Mensch eine bio-psycho-soziale Einheit und wird das Gehirn nun aus dieser herausgerissen fehlen entscheidende Teile. Ich bezweifle, dass der Mensch dessen Gehirn in einen anderen Körper transplantiert wurde, sich trotz Gehirn noch als der Mensch wahrnehmen würde, der er mal wahr. „Sie sind nicht mehr da, wenn ihr Gehirn nicht mehr da ist“ ist nicht zu bezweifeln, aber dies gilt für alle anderen Organe des Menschen ebenso, denn schließlich ist das Gehirn zunächst einmal ein Organ. Fällt unser Herz aus wird es auch dem Gehirn allein unmöglich zu existieren, wie gesagt der Mensch ist eine Einheit und nicht auf ein einziges Organ zu reduzieren. Zugegeben sieht dies bei einer Herztransplantation anders aus, das Bewusstsein ändert sich dadurch offenbar nicht, dies hängt aber auch mit den unterschiedlichen Funktionen der Organe zusammen und es ist schon ein wenig so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. „Es ist nun einmal nicht das Gehirn im Tank, das der Gehirnforscher für seine Experimente verwendet, sondern das Gehirn im Kopf des lebenden Individuums. So sieht es zumindest wie eine kleine Unhöflichkeit aus, von diesem Individuum erst ausgiebig zu profitieren und es dann andererseits kühl als Illusion[17] zu verabschieden, vielleicht ist es aber auch ein großer Kategorienfehler.“[18] Trotzdem haben wir - so Spitzer weiter- nicht automatisch einen privilegierten Zugang zu unserem Gehirn und wissen alles darüber, was in unserem Kopf so vor sich geht. Als Beispiel nennt er eine Studie mit Börsenmaklern. Hierbei wurde deutlich, dass in den sogenannten Risikovermeidungs- und Risikofehlerarealen im Gehirn ein Signal generiert wurde, der Mensch dies aber nicht berücksichtigte. Die Schlussfolgerung er hatte die „Börsensituation“ falsch bewertet, obwohl sein Gehirn „es besser wusste“, denn sonst hätte er ja keinen Fehler gemacht. Das Gehirn hatte laut Spitzer ein Wissen, dass der Mensch nicht hatte und so schätze der Mensch die Situation schlechter ein als sein Gehirn. Natürlich kann dies dafürsprechen, dass wir nicht automatisch einen Zugang zu den neuronalen Prozessen in unserem Gehirn haben, es könnte aber auch bedeuten, dass wir uns trotz besseren Wissens motiviert durch andere Überlegungen und Gründe „gegen unser Gehirn“ entscheiden. Dann wäre diese Studie aber auch ein Hinweis darauf, dass wir Menschen eben nicht von unserem Gehirn gesteuert werden, sondern unsere Handlungen frei bestimmen. Abschließend stellt Spitzer dann noch sehr wirksam die Frage, wer denn nun entscheidet: ich oder mein Gehirn? Hier rückt er meiner Meinung nach seine Ausführungen ein Stück weit gerade, da er die vorher sprachlich aufgebaute Trennung zwischen ich und Gehirn wieder etwas aufhebt. Spitzer ergänzt, dass die Frage so nicht gestellt werden könne, denn da ich mein Gehirn bin, müsse die Antwort ganz klar „ Ich - mein Gehirn, weil ich mein Gehirn bin“ lauten. Also ich und mein Gehirn gemeinsam, sozusagen als Team? Nein, das ist wohl nicht gemeint, denn wenn ich die Entscheidungen treffe, ich aber mein Gehirn bin, trifft dann nicht doch wieder mein Gehirn die Entscheidung? Die Börsenmaklerstudie würde dagegensprechen, denn hier haben die Personen anders entschieden, obwohl ihre Gehirne es offenbar besser gewusst haben. Ich finde den Sprachgebrauch sehr verwirrend und auch gefährlich, allem voran stört mich diePersonalisierung eines Organs. Schnell entstehen so Welterklärungsaussagen, die sehr öffentlich wirksam aber auch verunsichernd sind und schnell zu Missverständnissen führen können.

Wenn ich also nun mein Gehirn bin, wer trifft dann die Entscheidungen, ich, ich und mein Gehirn als Einheit oder mein Gehirn mit mir als Ausführenden? Betrachten wir dazu doch noch einmal die Wahl zu dieser Modularbeit. Wer ist dafür verantwortlich? Mein Gehirn, dass unbewusst gesteuert hat. Sicherlich haben im neuronalen Hintergrund mehrere Hirnareale gleichzeitig gefeuert: schwerpunktmäßig im limbischen System, bekanntermaßen der „Sitz der Emotionen“, allen voran im Nucleus accumbens. Hier dürfte, angesichts der zu erwartenden Belohnung durch die Beschäftigung mit dem Thema, eine hohe Aktivität zu verbuchen gewesen sein. Und nicht zu vergessen die daraus resultierende Dopamindusche, die sich positiv auf die Motivation auswirken würde. Letztlich hätte dann als Entscheidungsexekutive –der präfrontale Cortex, die Themenwahl besiegelt. So oder so ähnlich hätte man Aktivitäten in meinem Gehirn beobachten können. Doch wie sieht es mit Gegenargumenten bei der Entscheidungsfindung aus: ich hätte doch auch eine Arbeit wählen können, die mit wesentlich weniger Zeitaufwand bewerkstelligt hätte werden können, doch während ich noch überlege, Vor- und Nachteile abwäge, hat mein Gehirn längst autonom heimlich, still und leise für mich entschieden? Also wenn ich denke, ich denke, dann denke ich nur, ich denke und das Ganze in Wirklichkeit nur ein „Spiel der Neuronen“?[19] Was wir subjektiv empfinden, sei bloß die Vollzugsmeldung unseres Gehirns für eine längst eingeleitete Aktion, so die These mancher Hirnforscher.[20] Wenn das stimmt, so resümiert Kognitionspsychologe Wolfgang Prinz „tun wir nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.“[21]

Das Gehirn als Determinator menschlicher Entscheidungen, Wahrnehmungen, Qualitäten? Hat die Person als handelndes Individuum ausgedient, handeln heute Gehirne? Hier möchte ich mich gerne Jan Slaby anschließen, der in einem Interview dagegenhält. Er bemängelt eine Vorab-Psychologisierung. Man betrachte das Gehirn als das Geistorgan an und nähert sich ihm entsprechend als solchem. Dies könne Einsichten in die tatsächlichen Abläufe und Dynamiken des neuronalen Geschehens verdecken. „Man sollte deshalb eher versuchen, das Gehirn »aus sich selbst heraus« zu verstehen und nicht im Rahmen einer von außen auferlegten Begrifflichkeit.“[22] Slaby betont dabei die zwingende Unterscheidung zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen. „Ich bin ja auch darauf angewiesen zu atmen, um zu denken – doch deshalb denke ich nicht mit der Lunge! Jede Wissenschaft muss spezifizieren, was ein von ihr untersuchtes Phänomen genau ist. Was zum Beispiel ist ein Gedanke? Kann man wirklich sagen, ein Gedanke sei vollumfänglich im Gehirn präsent? Gehören dazu nicht vielleicht auch die Welt selbst, die Phänomene da draußen, über die wir uns den Kopf zerbrechen? Muss man dann nicht vielmehr sagen, Gedanken sind Teil des »situierten«, verkörperten Menschen in seiner Umwelt?“[23] Ein Organ allein genüge dafür nicht, so Slaby weiter, selbst die Person allein, ohne ihre Einbettung in die materielle und soziale Umgebung, sei ziemlich hilflos. Was man bräuchte seien ganzheitliche Ansätze. Slaby sieht die größten Probleme zwischen Philosophie und Neurowissenschaften in dem Fehlen einer belastbaren »Gehirn-Theorie. „Die meisten Befunde in den humanen Neurowissenschaften sind lediglich Korrelationen von physiologischen Messdaten mit erlebnispsychologisch beschreibbaren Phänomenen. Mittels bildgebender Verfahren, stellt man dabei Zusammenhänge her, die bei näherem Hinsehen allerdings oft nicht eindeutig sind.“[24] Viele Hirnareale sind an allen möglichen Leistungen beteiligt – wobei über die genaue Art dieser Beteiligungen bislang nur wenig bekannt ist. Dabei kann man immer nur einen Ausschnitt aus einem ungeheuer komplexen Gefüge betrachten. „Gene, Erfahrung, Umwelt, soziale Faktoren, dass alles muss zusammenkommen, um so etwas wie Denken oder Emotionen zu ermöglichen.“[25] Nicht zuletzt die Erforschung der Neuroplastizität hat gezeigt, dass das dynamische Wechselspiel dieser sich verändernden Einflüsse für das Gehirn essenziell ist. Auch kulturelle Einbettungen spielen dabei eine große Rolle. Das bedeutet: Phänomene nur auf einer einzigen Ebene, etwa der neurophysiologischen, zu betrachten, kann uns niemals erschöpfende Antworten liefern.“[26]

[...]


[1] Birkenbihl, Vera F. (2005): Stroh im Kopf: Vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer, mvg-Verlag, München, 41.Auflage

[2] Dieser Teil des Stirnlappens fällt im Verhältnis zum Gesamthirn beim Menschen größer aus als bei anderen Spezies und ist an vielen kognitiven Prozessen beteiligt. Der britische Psychologe Bill Faw bezeichnete ihn daher als neuronales »Exekutivkomitee«. Vgl. dazu Ayan, Steve Hrsg. (2017): Rätsel Mensch – Expeditionen im Grenzbereich von Philosophie und Hirnforschung, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, S. 7

[3] Sprachliche Formulierungen, die das Gehirn als Subjekt darstellen, sind hier bewusst gewählt und sollen den bei vielen Neurowissenschaftler eingebürgerten Sprachjargon aus Umgangssprache und Fachbegriffen verdeutlichen. Darauf werde ich später noch näher eingehen

[4] Auch hier möchte ich mir die Freiheit nehmen (entgegen besseren Wissens wissenschaftlichen Arbeitens betreffend, der Modularbeit eine „persönliche“ Note zu geben und mir wichtige Einschübe zu setzen. Eine Entscheidung, die wohl eher durch meine Erlebenswelt als durch rationale Überlegungen getroffen wurde und sich in diesem Zusammenhang erneut die Frage stellt: wer hat sie getroffen ich oder mein Gehirn?

[5] vgl. dazu auch Roth, Gerhard (2003): Aus Sicht des Gehirns, Suhrkamp, Frankfurt/Main, S.11ff sowie Roth, Gerhard (2001): Die neurobiologischen Grundlagen von Geist und Bewusstsein In: Pauen, Michael; Roth, Gerhard: Neurowissenschaften und Philosophie, Fink Verlag, München, S. 167 sowie Gasser, Peter (2010): Gehirngerecht lernen – eine Lernanleitung auf neuropsychologischer Grundlage, hep-verlag, Göttingen, S. 12-27

[6] Friedrich, Gerhard (1995): Die Praktikabilität der Neurodidaktik: ein Analyse- und Bewertungsinstrument für die Fachdidaktik, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/Main, S.69

[7] Libet, Benjamin (2005): Mind Time, Wie das Gehirn Bewusstsein produziert, Suhrkamp, Frankfurt/Main 5.Auflage, S.27

[8] Saver Jeffrey. Rabin,John (1997): The neural substrate of religious experience in: Journal of Neuropsychiatry and Clinical Neurosciences, Augustausgabe, S.498

[9] Hasler, F .(2013): Neuromythologie – eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung, transcript Verlag Bielefeld, 3. Auflage, S.63

[10] Hasler, F. (2013): S. 12

[11] Hasler, F.:(2013): S.14

[12] vgl. Hasler, F. :(2013): S. 14f

[13] Hasler, F.: (2013): S.24

[14] Hasler, F.:(2013): S.15

[15] http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/geist-und-gehirn/geist-und-gehirn-manfred-spitzer-gehirnforschung208.html, dazu auch Hasler, F: (2013) .S.62, Hasler formuliert in diesem Zusammenhang provokativ dass im Neuro-Zeitalter man sich nicht länger mit seinen Genen identifiziere, sondern mit seinem Gehirn, der homo neurobiologicus habe nicht nur ein Gehirn, er sei sein Gehirn.

[16] Spitzer, Manfred: Medizin für die Bildung, ein Weg aus der Krise, Spektrum Verlag, Heidelberg, 2010, S.50

[17] Nach Gerad Roth ist die Vorstellung ein ich zu besitzen nur eine Illusion, ein Hilfskonstrukt des Gehirns. Vgl. dazu Roth, G. (2003): Fühlen, Denken, Handeln, Suhrkamp Frankfurt/Main

[18] Geyer, C. (2008): Hirnforschung und Willensfreiheit, In: Vogelsang, Frank; Hoppe, Christian: Ohne Hirn ist alles nichts – Impulse für eine Neuroethik, Neukirchener Verlag, Neukirchen, S.104

[19] Vgl. hierzu Geyer, C. (2008): S. 97

[20] Hasler, F.:(2013), S.187

[21] Prinz, Wolfgang (2003): Freiheit oder Wissenschaft? Zum Problem der Willensfreiheit, In: Schmidt, J.C. &. Schuster, L. (Hrsg.): Der entthronte Mensch, Anfragen der Neurowissenschaft an unser Menschenbild, mentis Verlag, Paderborn, S.262

[22] Slaby, Jan: (2013) Ein Gehirn denkt nicht, IN: Hasler, F. (2013), S.54

[23] Slaby, J.:(2013), S. 54

[24] Slaby, J.:(2013), S.54

[25] Slaby, J.: (2013), S.55

[26] Slaby, J.:(2013), S.55

Details

Seiten
31
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668834194
ISBN (Buch)
9783668834200
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449136
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Lebensgestaltung-Ethik-Religion
Note
1,3
Schlagworte
Gehirn Neurowissenschaften Mensch sein

Autor

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Titel: Bin ich mehr als mein Gehirn?