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Das Narrativ westlicher Medien anhand der Annexion der Krim durch Russland

Akademische Arbeit 2018 60 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG
1.1. Fragestellung
1.2. Struktur und Vorgehensweise

2. THEORETISCHE FUNDIERUNG
2.1. Die menschliche Wahrnehmung bei Rudolf Steiner
2.2. Die menschliche Wahrnehmung bei Beau Lotto
2.3. Forschungsstand
2.3.1. Forschungsstand in der Primarliteratur.
2.3.2. Forschungsstand in der Sekundarliteratur

3. WAHRNEHMUNG POLITISCHER PROZESSE AM BEISPIEL DER
ANNEXION DER KRIM DURCH RUSSLAND
3.1. Historischer Kontext der Ukraine
3.1.1. Historie des Landes
3.1.2. Die Zeit nach der Auflosung der Sowjetunion
3.1.3. Die Ukraine-Krise 2014
3.2. Die Krim
3.2.1. Demografie
3.2.2. Die Angliederung an Russland 2014
3.3. Wahrnehmungen der Krim-Bewohner zu Zeiten der Angliederung
3.3.1. Forschungsstand und Herausforderungen
3.3.2. Auswertung der Umfragen

4. RUSSLANDBERICHTERSTATTUNG IN DEN DEUTSCHEN MEDIEN...
4.1. Das historische Russlandbild der Deutschen
4.2. Das Russlandbild in den deutschen Medien
4.3. GegenwArtige Vorurteile und Stereotype gegenuber Russland

5. DAS NARRATIV DES SPIEGEL IM VERGLEICH MIT DEM GUARDIAN
5.1. Begrundung der Auswahl der beiden Zeitungen
5.1.1. Der Spiegel.
5.1.2. The Guardian
5.2. Die Narrative
5.2.1. Definition des Begriffs „Narrativ"
5.2.2. Das Narrativ des Spiegel
5.2.3. Das Narrativ des Guardian
5.2.4. Analyse und Interpretation der Untersuchung

6. FAZIT

7. LITERATURVERZEICHNIS

Abstract:

Die vorliegende Arbeit beschaftigt sich mit der im Fruhjahr 2014 von Russland annektierten Krim. Es wird hierbei zweierlei versucht zu beantworten: Zum einen werden die Wahrnehmungen der Krim-Bewohner untersucht und mit denen der Medien verglichen. Untersucht wird hierbei, ob es so etwas wie eine Diskrepanz zwischen der veroffentlichten Meinung der Medien und der Haltung der Krim-Bewohner gibt. Zum anderen wird eine Analyse der Magazine Der Spiegel und The Guardian durchgefuhrt. Untersucht wird, inwiefern die Magazine die Angliederung der Krim eingeordnet haben und ob es moglicherweise so etwas wie ein gemeinsames Narrativ der beiden Magazine gibt. Als wissenschaftliche Grundlage wurden hierfur eine Vielzahl von Artikeln aus der Zeit der „Krimkrise“ ausgewertet.

Es zeigt sich, dass die beiden Magazine in vielen Aspekten durchaus ahnliche Erzahlstrukturen verwenden, um die Ereignisse einzuordnen. Es lassen sich jedoch auch einige unterschiedliche Deutungsmuster beobachten. Diese beziehen sich in erster Linie auf einen etwaigen militarischen Einsatz des Westens in der Ukraine. Hinsichtlich der Narrative der Krim-Bewohner und deren Haltungen, lassen sich einige Diskrepanzen zwischen medialer und gesellschaftlicher Realitat auf der Krim beobachten. Hierbei geht es vor allem um Aussagen und Vermutungen, der Migration und der Haltung der Krim- Bewohner betreffend.

HINWEIS:

Aus Grunden der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung mannlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Samtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermafeen fur beiderlei Geschlecht.

1. Einleitung

„Der intelligente Weg, Menschen passiv und fugsam zu halten, besteht darin, die Breite der akzeptablen Uberzeugungen strikt einzugrenzen, jedoch innerhalb dieser Grenzen eine sehr lebhafte Debatte zu erlauben. (...)Das gibt den Menschen den Eindruck, dass freies Denken moglich ist, wahrend die ganze Zeit die Vorannahmen des System bestarkt werden durch die Grenzen, die der Debatte gesetzt sind“ (Mitschka o. J.). Dieses Zitat des US-amerikanischen Linguisten und Autors Noam Chomsky, beschreibt in zutreffender Art und Weise die Grenzen des demokratischen Diskurses. Wer aufeerhalb der definierten Vorannahmen argumentiert, lauft schnell Gefahr diffamiert zu werden. Einen ahnlichen Diskurs erlebte man in Deutschland vor rund vier Jahren, als Russland im Zuge der Umwalzungen in der Ukraine die Krim annektierte. Das auf der Krim im Marz 2014 durchgefuhrte Referendum, in welchem rund 96% der Krim-Bewohner fur den Anschluss an Russland stimmten, ist bis heute international nicht anerkannt vgl. Stein u. a. 2017:206). Als Reaktion auf die Geschehnisse kam es zu einer Flut von Artikeln in den westlichen Medien, die Putin den Verstofe gegen das Volkerrecht vorwarfen und die Angliederung der Krim zur Russischen Foderation als einen „neo-imperialen Akt“ bezeichneten (vgl. O A 2014a). Auf politischer Ebene wurden die Geschehnisse als ein Verstofe gegen die Souveranitat und die territoriale Integritat der Ukraine gewertet. Angela Merkel bezeichnete das Vorgehen Russlands als „verbrecherisch“. Die damalige US-Aufeenministerin Hillary Clinton verglich Putins Handlungen mit jenen Adolf Hitlers zu Zeiten Nazideutschlands (vgl. Fried 2015). Als Folge wurde Russland die geplante Ausrichtung des G8 Gipfels ( Treffen der „grofeen“ acht Weltwirtschaftsnationen) in Sotschi untersagt und es kam zum Ausschluss Russlands aus den G8. Seitdem wird Russland von der EU, den USA und anderen westlichen Staaten scharf sanktioniert.

Gegenwartig ist das Thema immer wieder Gegenstand politischer Debatten. Der Fraktionsvorsitzende der FDP, Christian Lindner, aufeerte in einem Interview, dass man die Krim als „dauerhaftes Provisorium“ ansehen musse, um mit dem Kreml an anderen Stellen Fortschritte zu erzielen. Er erlauterte, dass „Sicherheit und Wohlstand in Europa (...) von den Beziehungen zu Moskau abhangen“(vgl. Hebel 2017). Hierfur erntete er heftige Kritik, auch durch Angela Merkel. Der aktuelle politische Stand ist, dass die USA die Angliederung weiterhin nicht gewillt sind anzuerkennen. Der aktuelle US-

amerikanische Aufeenminister Mike Pompeo forderte Russland unlangst dazu auf, die Besatzung der Halbinsel zu beenden. In einem Statement des Weifeen Hauses hiefe es: „Wir erkennen Russlands Versuch, die Krim zu annektieren, nicht an“ ( Zeit Online 2018).

1.1. Fragestellung

In der vorliegenden Arbeit wird versucht, eine Antwort auf folgende zwei Fragen zu finden: Inwiefern stimmen die Wahrnehmungen der Bewohner der Krim mit den Urteilen und Einschatzungen der Medien uberein? Und wie wird die Angliederung der Krim von westlichen Medien interpretiert? Hierbei mochte ich untersuchen, ob es so etwas wie eine Diskrepanz zwischen der veroffentlichten Meinung der Medien und der offentlichen Meinung der Krim-Bewohner gibt. Des Weiteren werde ich versuchen zu analysieren, wie die Deutungsmuster der westlichen Medien in Bezug auf die Annexion der Krim aussehen. Ich werde untersuchen, ob es so etwas wie ein einheitliches Narrativ gibt und hierfur exemplarisch Artikel des Spiegel und Spiegel-Online auswerten und diese mit Artikeln aus dem Guardian und TheGuardian.com vergleichen.

1.2. Struktur und Vorgehensweise

Zunachst werde ich die theoretischen Grundlagen fur die Beantwortung der Fragestellungen erlautern. Hierbei werde ich mich zunachst in Kapitel Zwei auf die Wahrnehmungstheorie des deutschen Philosophen Rudolf Steiner beziehen und diese mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des US-amerikanischen Neurologen Beau Lottos vergleichen. Daruber hinaus mochte ich den aktuellen Forschungsstand zur Annexion der Krim wiedergeben. Im dritten Kapitel werde ich die Wahrnehmungen der Krim-Bewohner in Bezug auf deren Verhaltnis zu Russland, zur Ukraine und zum Referendum untersuchen. Davor werde ich noch eine historisch-kontextuelle Einordnung der Ukraine und der Krim vornehmen. Daraufhin werde ich die Russlandberichterstattung in den deutschen Medien skizzieren bevor ich im letzten Kapitel die Narrative des Spiegel und des Guardian analysieren und vergleichen werde.

2. Theoretische Fundierung

Im Folgenden werde ich anhand zweier Werke die unterschiedlichen Auffassungen zur menschlichen Wahrnehmung darlegen. Ich werde hierbei an einem klassischen Beispiel aus der Philosophie von Rudolf Steiner und dessen zentralem Werk, der „Philosophie der Freiheit", eine Auffassung wiedergeben, die teilweise diametral zu heutigen Ansichten steht. Aus diesem Grund wird demgegenuber die Veroffentlichung des US- amerikanischen Neurowissenschaftlers Beau Lotto gestellt, ,Anders sehen", worin die menschliche Wahrnehmung in erster Linie auf kognitiv-biologische Ursachen zuruckgefuhrt wird. Doch zunachst widme ich mich dem klassischen Werk des deutschen Philosophen, Esoterikers und Begrunders der Anthroposophie Rudolf Steiner.

2.1. Die menschliche Wahrnehmung bei Rudolf Steiner

Rudolf Steiner erlautert im vierten Kapitel „Die Welt als Wahrnehmung" aus seinem Hauptwerk der „Philosophie der Freiheit", dass erst durch das Denken Begriffe und Ideen entstehen. Das Denken ist also der Ausgangspunkt und es steht vor der Begriffs-und Ideenwelt. Erst durch das Denken wird dem Subjekt klar, dass es ein Gerausch als Wirkung wahrnimmt, weshalb es sich anschliefeend auf die Suche nach der Ursache desselben begibt. Das menschliche Bewusstsein kommt dann ins Spiel, wenn „Begriff und Beobachtung einander begegnen und miteinander verknupft werden"(Steiner 2017:68). Dem Bewusstsein kommt also die Vermittlerrolle zwischen dem Denken und dem Beobachten zu. Der Mensch betrachtet den Gegenstand als das Objekt und sich selbst als das denkende Subjekt, welches uber den Prozess des Denkens auf das Objekt ein Bewusstsein seiner selbst entwickelt (vgl. ebd.:68). Steiner fuhrt aus, dass der Mensch sich erst als ein Subjekt aufgrund der Fahigkeit zu denken wahrnimmt und erlautert die Entstehung des Bewusstseins. Der Mensch sei zunachst durch „Nichts‘‘ in die Welt gekommen und ist auf die „Empfindungsobjekte" angewiesen, die ihm die Welt gibt. Diese seien sowohl Farbe, Tone (...) als auch Lust und Unlustgefuhle (vgl. ebd.:70) Diese „Empfindungsobjekte" sind Teil der „gedankenlosen" Beobachtung. Erst durch das Denken werden diese Sinneseindrucke miteinander verknupft und in ein Verhaltnis gebracht. Es spiele denn auch eine wichtige Rolle, von welcher Perspektive eine Sache beobachtet wird, denn „es ist fur eine Allee ganz gleichgultig, wo ich stehe. Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich davon abhangig" (vgl. ebd.:73). Er stellt also fest, dass es eine Abhangigkeit zwischen meinem gegenwartigen „Bild der Wahrnehmung" und dem Beobachtungsort gibt. Steiner stellt die Behauptung auf, dass alle Objekte meiner Wahrnehmung erst durch diese zur Realitat werden und verschwinden, sobald sich diese auflost (vgl. ebd.:76). Es sei jedoch auch wichtig zu verstehen, dass sich unsere „Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das Subjekt derselben ableitet“(ebd.:77). Der Mensch nimmt dementsprechend bei der Beobachtung aller Objekte auch stets sich selber wahr. Er ist also bei der Beobachtung eines Baumes nicht nur der Beobachtende, sondern er „weife auch, dass [er] es [ist], der ihn sieht“(ebd.:77). Nach der Wahrnehmung eines Objektes bleibt zunachst ein Bild in ihm haften, das sich mit ihm selbst verbunden hat. Er habe daher eine Vorstellung des Objektes gewonnen. Steiner beschreibt den menschlichen Prozess des Wahrnehmens und erlautert, dass sich „mit jeder Wahrnehmung auch dessen Inhalt andert“, weshalb die Beobachtung eines Gegenstandes immer mit der eigenen Zustandsveranderung in Zusammenhang gebracht werden musse. Erst dann kann der Mensch von seiner Vorstellung sprechen (vgl. ebd.:78).

Rudolf Steiner differenziert im Prozess der Wahrnehmung drei Schritte: Zunachst wird ein aufeeres Objektes wahrgenommen von dem im Mensch ein Bild haften bleibt, welches sich mit ihm selbst verbunden hat Hierbei bleibt im nachsten Schritt die Vorstellung des Objektes in ihm bestehen. Auf diese zwei Schritte folgt die Erkenntnis, dass der Mensch uber die Eigenwahrnehmung den Anteil seines Selbst am Wahrnehmungsprozess schlechthin integriere und er erst dann von seiner Vorstellung sprechen kann.

Rudolf Steiner bezeichnet die Gegenstande, die der Mensch von aufeen wahrnimmt, als Aufeenwelt und den „Inhalt meiner Selbstwahrnehmung" als Innenwelt (vgl. ebd.:78). Er nimmt auch Bezug auf die Physiologie des Menschen, die fur den aufeeren Prozess der Sinneseindrucke verantwortlich sei. Hierbei betont er jedoch, dass es auf dem Weg vom aufeeren Reiz bis zum Bewusstsein eine hohe Anzahl von Umwandlungen gebe (vgl. ebd.:83). Am Ende dieses Wahrnehmungsprozesses ergeben sich keine physiologischen Gehirnvorgange sondern lediglich Empfindungen. Er beschreibt dies am Beispiel der Betrachtung der Farbe Rot. Hierbei habe die Empfindung der Farbe nur wenig mit dem Vorgang im Gehirn zu tun (vgl. ebd.:84). Steiner erlautert die Entstehung von Farben, die von ihm als Projektion der Seele an einen aufeeren Korper verstanden wird:

Sie (die Farbe) entsteht erst durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstand. Dieser ist also farblos. Aber auch im Auge ist Farbe nicht vorhanden, denn da ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen anderen auslost. Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch den Hirnprozess in der Seele hervor- gerufen. Da tritt sie mir noch immer nicht ins Bewusstsein, sondern wird erst durch die Seele nach auteen an einen Korper verlegt. An diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen. Wir sind uns eines farbigen Korpers bewusst geworden (ebd.:85).

Steiner setzt den Prozess der Wahrnehmung in engen Zusammenhang mit dem Seelenleben des Menschen. Er beschreibt den Prozess des „naiven Menschen" der erkannt hat, dass die Wahrnehmung keinerlei „objektiven Bestand" habe, sondern eine „Modifikation seiner seelischen Zustande" sei (vgl. ebd.:86).

Steiner bezieht sich in seinem Werk auch auf Arthur Schopenhauer, der in seinem zentralen Werk Die Welt als Wille und Vorstellung die Auffassung vertritt, dass der Mensch sich daruber bewusst wird, „dass er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fuhlt( ...)" (ebd.:91). Steiner kritisiert diese Haltung, mit dem Hinweis, dass auch die Hand und das Auge wiederum nur Wahrnehmungen seien, genauso wie die Sonne und die Erde.

Die Auffassungen Steiners konnen fur seine Zeit als fortschrittlich beschrieben werden, da einige zeitgenossische Philosophen die Ansicht vertraten, dass menschliche Wahrnehmungen Illusionen seien (Lindenberg 2015: 98). Steiner betont, dass im Grunde genommen alles menschliche Wissen auf die Sinne zuruckzufuhren sei und das die Negierung dergleichen der eigenen Argumentation den Boden entziehe.

2.2. Die menschliche Wahrnehmung bei Beau Lotto

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler Beau Lotto befasst sich in seinem Buch Anders sehen. Die verbluffende Wissenschaft der Wahrnehmung[1] mit neuen Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft bezuglich der menschlichen Wahrnehmung.

Lotto erlautert gleich zu Beginn des Buches, dass die Frage nach dem Verhaltnis von Wahrnehmung und Realitat schon von vielen Philosophen gestellt worden sei und entsprechend viele unterschiedliche Antworten auf der Metaebene gegeben wurden. Wie beispielsweise Immanuel Kant, der argumentierte, dass der Mensch zur objektiven Realitat keinen Zugang habe. Doch nun sei es so weit, dass der Mensch dank der Neurowissenschaft endlich Antworten auf diese Fragen finden konne und diese lauten: „wir sehen die Realitat nicht“ (vgl. Lotto 2018: 15). Dies fuhrt Lotto darauf zuruck, dass die menschlichen Sinne standigen Verirrungen augesetzt seien und daher kein objektives Bild der Realitat wiedergeben konnten. So schreibt er zu Beginn des dritten Kapitels, dass der Mensch niemals Zugang zur Realitat habe, „weil die Informationen, die das Gehirn uber die Sinne erhalt, an und fur sich bedeutungslos sind“ (ebd.: 98). Die Sinne hatten generell nur eine Rolle „wie die Tastatur eines Computers" fur den Menschen, seien also lediglich ein Werkzeug, „mit dessen Hilfe die Informationen aus der Welt in unser Gehirn getragen werden“(vgl. ebd.:16). Die von den Sinnen ubermittelten Eindrucke seien nichts weiter als „Energie und Molekule" und unser Gehirn weist diesen Eindrucken eine gewisse Bedeutung zu, die mit der Sache an sich jedoch nichts zu tun habe. Das Gehirn ist also dazu da, um den alltaglichen Dingen Bedeutung zu verleihen, den Kern des Dinges kann es jedoch nicht erfassen. Lotto verwendet, um diese Logik zu verdeutlichen, das Beispiel eines Gedichtes, welches erst Bedeutung erhalt, wenn es von einem Menschen interpretiert wird (vgl. ebd.: 72).

Die wichtigste Komponente fur die Wahrnehmung spiele also das Gehirn, welches uber Nervenverbindungen mit den Sinnesorganen verbunden sei und die zentrale Schaltstelle fur die Ubermittlung von Sinneseindrucken bilde. Warum dies so ist, erklart er am Beispiel des Auges: Wahrend des Sehprozesses werden durch die Nervenverbindungen nur 10% vom Auge an das Gehirn weitergeleitet, der Rest kommt aus anderen Bereichen des Gehirns ( vgl. ebd.: 16). Mit diesen 90% beschaftigt sich Lotto in erster Linie in seinem Buch.

Als weiteren wichtigen Teil unserer Wahrnehmung beschreibt Lotto die individuell erlebte Geschichte und die menschliche Anpassung. So erwahnt er, dass der Mensch auf Grund der vergangenen Erfahrungen mit seinen Sinneswahrnehmungen fur das Heute und die Zukunft gewappnet sei. Denn unser Gehirn sei nicht viel mehr als Geschichte, „eine physische Manifestation unserer Vergangenheit mit der Kapazitat, sich an eine neue „zukunftigen Vergangenheit" anzupassen (vgl. ebd.: 102). Durch diese standige Anpassung an die Umwelt kann der Mensch uberleben und das Gehirn gewahrt ihm dabei wichtige Hilfestellungen. Bei derartigen Prozessen verfolgen, wie Lotto ausfuhrt, alle Menschen nur ein Ziel: das uberleben (vgl. ebd.:113). Um dieses Ziel zu erreichen, konzentriere sich das Gehirn vor allem auf eines: der Anpassung an die Umwelt. Diese Anpassung findet in drei Schritten statt, kurzfristig uber das Erlernen neuer Dinge, mittelfristig uber die Entwicklung der Organe und langfristig uber die Veranderung der Merkmale (vgl. ebd.:120).

Des Weiteren erklart Lotto, dass die menschliche Wahrnehmung immer vom Kontext abhangt, in dem das Objekt betrachtet wurde. So erklart er anhand eines Beispiels aus Frankreich, nach der Zeit der Revolution um 1815, wie dort der Chemiker Michel Chevreul von Konig Ludwig XVIII beauftragt wurde, die Gobelins (Wandteppiche, mit kunstvollen Stickereien) zu erneuern, weil diese von der Kundschaft als qualitativ mangelhaft bezeichnet wurden. Der Chemiker Chevreul machte sich von nun an die Aufgabe herauszufinden, was mit den Stoffen nicht in Ordnung sei. So begann er Wollproben aus verschiedenen Fabriken aus der ganzen Welt zusammenzutragen und zu vergleichen. Den einzigen Unterschied, den er feststellen konnte, war, dass die Qualitat der franzosischen Gobelins gleichwohl die Beste gewesen sei. Nach langerer Forschung kam er zu dem Ergebnis, dass es wohl lediglich die Wahrnehmung der Kunden von den Farben sei und wie sehr diese Farben Kontraste bildeten. Er veranderte daraufhin die Farbzusammenstellungen der Gobelins, woraufhin sich auch die Verkaufszahlen wieder erhohten (vgl. ebd.: 138). Lotto erklart hierbei, dass die menschliche Wahrnehmung immer davon abhange, in welchem Kontext wir etwas wahrnehmen. In diesem Fall erlautert er, dass die wahrgenommene Farbe aufeerhalb unseres Kopfes stattfinde und dass sie stets von den umgebenden Farben beeinflusst werde (vgl. ebd.:139).

Resumee:

Rudolf Steiner und Beau Lotto unterscheiden sich in ihren Auffassungen bezogen auf die menschliche Wahrnehmung deutlich. Sie weisen zwar beide daraufhin, dass es keine objektive Realitat geben kann, begrunden dies jedoch unterschiedlich. Wahrend Lotto die Ansicht vertritt, dass alle menschlichen Wahrnehmungen auf die neuronalen Verbindungen im Gehirn zuruckzufuhren sind vertritt Steiner die Position, dass die menschlichen Wahrnehmungen auf die Sinneswahrnehmungen und das Denken zuruckzufuhren seien. Fur Menschen ist es also nach Lotto und Steiner nicht moglich objektiv zu beurteilen, inwiefern die geaufeerten Wahrnehmungen auch den Tatsachen entsprechen. Dies gilt naturlich auch fur die Bewertung politischer Entwicklungen und die Zustimmung zu politischen Ereignissen. Es kommt immer auf die „Werkzeuge“ des Betrachters, dessen Vorerfahrungen und dessen innewohnendem Wertesystem an. Unter diesen Gesichtspunkten mussen auch die Ausarbeitungen zur Wahrnehmung der Krim-Bewohner und zum Narrativ westlicher Medien gelesen werden.

2.3. Forschungsstand

Aufgrund der Tatsache, dass die Angliederung der Krim an Russland erst viereinhalb Jahre her ist (18.3.2014), findet sich die entsprechende Fachliteratur vor allem in wissenschaftlichen Journals und Internetblogs wieder. Sie beschaftigen sich grofetenteils mit rechtlichen und politischen Fragen der Angliederung und beleuchten den Konflikt. Zu unterscheiden ist hierbei zwischen Veroffentlichungen westlicher Journalisten und jener Journalisten, die fur russische Medien arbeiten. Gleiches gilt auch fur die Untersuchungen auf wissenschaftlicher Ebene; zumeist werden die Ereignisse auf der Krim unter rechtlichen Aspekten betrachtet. Hierzu werden auch die historischen Kontexte oftmals in Betracht gezogen und der Konflikt dem gesamtpolitischen Gefuge zugeordnet.

Ich werde nun exemplarisch an einigen Beispielen aufzeigen, wie die jeweiligen Positionen und Auffassungen hierzu aussehen. Im nun Folgenden mochte ich bezuglich des Forschungsstandes zwischen Primar - und Sekundarliteratur[2] unterscheiden und die jeweiligen nennenswerten Publikationen auffuhren.

2.3.1. Forschungsstand in der Primarliteratur

Zur Zeit der Angliederung wurde in uberdurchschnittlich hohem Mafe uber die Ereignisse vor Ort berichtet. Das Ereignis war von uberaus hoher politischer Brisanz und im Kontext der Ukrainekrise der nachste Schritt in der Eskalationsspirale. Erwahnenswert war zu dieser Zeit sicherlich die Publikation des Hamburger Rechtswissenschaftlers Reinhard Merkel, der in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die rechtliche Dimension der Annexion beleuchtete (vgl. Merkel 2014) und zu abweichenden Ergebnissen von jenen der Bundesregierung und grofeen Teilen der Mainstreammedien kam. Er spricht sich in diesem Artikel dafur aus, dass man nicht mit zweierlei Mafe messen durfe und dass die Annexion zwar gegen die Verfassung der Ukraine, jedoch nicht gegen das Volkerrecht verstiefee. So erlautert Merkel:

Was auf der Krim stattgefunden hat, war etwas anderes: eine Sezession, die Erklarung der staatlichen Unabhangigkeit, bestatigt von einem Referendum, das die Abspaltung von der Ukraine billigte. Ihm folgte der Antrag auf Beitritt zur Russischen Foderation, den Moskau annahm. Sezession, Referendum und Beitritt schliefeen eine Annexion aus, und zwar selbst dann, wenn alle drei volkerrechtswidrig gewesen sein sollten. Der Unterschied zur Annexion, den sie markieren, ist ungefahr der zwischen Wegnehmen und Annehmen. Auch wenn ein Geber, hier die De-facto-Regierung der Krim, rechtswidrig handelt, macht er den Annehmenden nicht zum Wegnehmer. Man mag ja die ganze Transaktion aus Rechtsgrunden fur nichtig halten. Das macht sie dennoch nicht zur Annexion, zur rauberischen Landnahme mittels Gewalt, einem volkerrechtlichen Titelzum Krieg. (ebd. 2018).

Demgegenuber steht die Auffassung des Schweizer Volkerrechtsexperten Urs Saxer, der im Gegensatz zu Merkel zu dem Ergebnis kommt, dass es sich um eine volkerrechtswidrige Annexion handelt. Er begrundet dies mit der Verletzung der Souveranitat und der territorialen Integritat der Ukraine sowie dem Gewaltverbot der UNO (United Nations Organization), welches Russland durch die Stationierung von Soldaten auf der Krim missachtet habe (vgl. Saxer 2014). Saxer fuhrt aus, dass Russland die Moglichkeit gehabt hatte, die Krim-Frage einschliefelich in der Frage der staatlichen Zugehorigkeit auf die internationale Agenda zu setzen, zum Beispiel im Rahmen der OSZE oder von Uno-Gremien. Stattdessen setztsich die Kreml-Fuhrung uber diplomatische Optionen hinweg und betreibt - von langer Hand vorbereitet - den Anschluss der Krim entgegen dem Willen der Ukraine, indem sie in Anwesenheit eigener Truppen hastig ein improvisiertes Referendum durchfuhren liefe. Damit missachtet Russland die Souveranitat, die territoriale Integritat sowie die politische Einheit der Ukraine. Die Prasenz russischer / russisch gesteuerter Truppen, ursprunglich gedeckt durch ein Stationierungsabkommen, mutiert so zur militarischen

Bedrohung und Besatzung, was das Gewaltverbot der Uno-Charta, eine Zentralnorm des internationalen Systems, verletzt. (ebd.)

In den Reihen der deutschen Massenmedien herrscht fast einhellig die Meinung vor, dass es sich um eine illegale Landnahme handelt, die gegen das Volkerrecht verstofet (von Marshall 2014: vgl. Umland 2014). Artikel hierzu sind zahlreich erschienen, vor allem zum Zeitpunkt der Annexion uberschlugen sich die Meldungen.

2.3.2. Forschungsstand in der Sekundarliteratur

In den wissenschaftlichen Ausarbeitungen bezuglich der hier angesprochenen Thematik sind die Arbeiten noch auf einzelne Sammelheftbeitrage, Veroffentlichungen in wissenschaftlichen Journals oder fachspezifischen Zeitschriften beschrankt. Aufgrund der zeitlichen Nahe ist hierzu noch nicht sonderlich viel veroffentlicht worden. Es ist bisher viel mehr ein mediales Ereignis gewesen, das sich uber die Meinung der verschiedenen Autoren Aufmerksamkeit verschaffen hat. Erwahnenswert sind sicherlich die Veroffentlichungen in den „Blatter[n] fur deutsche und internationale Politik" sowie die Perspektive westlicher und russischer Wissenschaftler.

Spannend sind hier die Ausfuhrungen des deutschen Politikwissenschaftlers August Pradetto, der sich in seinem Artikel „Die Krim, die bosen Russen und der emporte Westen" uber die Doppelmoral des Westens beklagt und diesem unterstellt, die Einbindung Russlands in die westliche Gemeinschaft verpasst zu haben (vgl. Pradetto 2014: 73). Auf der anderen Seite bezeichnet er das Vorgehen Russlands auf der Krim dennoch als volkerrechtswidrig und fuhrt auf, dass es wichtig sei, dies auch so zu benennen (vgl. ebd.:73). Nichtsdestotrotz ist seine Haltung bezuglich der russischen Aufeenpolitik bemerkenswert: Er betont, dass die Ausbreitung der Nato bis an die Grenze zu Russland gegen die Versprechungen des ehemaligen US-amerikanischen Aufeenministers James Baker sei. Dieser hatte einst in einer Rede vor dem Kreml gesagt, dass sich die Nato keinen „Inch" Richtung Russland ausbreiten wurde und das es nicht im Interesse der Nato sei, sich uber die Grenze der ehemaligen DDR Richtung Russland auszudehnen. (vgl. ebd: 74). Dass die Nato nun 25 Jahre nach diesen Versprechungen sich bis an die Grenze Russlands ausgedehnt hat, sieht Pradetto durchaus problematisch (vgl. ebd.:74). Auch die Einstellung, geltendes Recht standig zu brechen, jedoch von anderen zu fordern, sich an dieses zu halten, ist in seinen Augen Folge der Selbstgerechtigkeit des Westens (vgl. ebd.: 75). Zum Ende seines Artikels schlagt er einen Kompromiss zwischen der EU und Russland vor: Russland solle die territoriale Integritat der Ukraine gewahren, wahrend die EU Russland zusichert, dass die Ukraine nicht der Nato beitritt. Nur durch einen solchen Kompromiss konne es langfristig betrachtet zu Frieden und Sicherheit in der Ukraine kommen (vgl. ebd. 77).

Demgegenuber stehen die Ansichten des Kiewer Professors fur Internationales Recht Oleksandr Merezhko, der in seinem Essay Crimea's Annexation by Russia - Contradictions of the New Russian Doctrine of International Law" in erster Linie die Verstofee Russlands gegen das Volkerrecht betont und auf die territoriale Integritat der Ukraine und die Unverletzbarkeit der Grenzen der Ukraine hinweist(vgl. Merezhko 2015:167). Er erlautert anhand historischer Beispiele, weshalb Russland (damals noch als Sowjetunion) schon immer dazu tendierte, gegen geltendes Recht zu verstofeen. Als Beispiel nennt er den Umgang mit Estland, das bis 1991 Teil der Sowjetunion war und nach deren Auflosung selbstandig war. Russland erkannte dies jedoch nicht an, was auch in Moldawien der Fall war. Der Autor schliefet daraus, dass Russland sich widerspruchlich verhalt und internationales Recht nicht achtet (vgl. ebd.: 176). Er erlautert in seinen Ausfuhrungen auch die Rechtfertigungen Russlands zur Legitimierung der Angliederung. Auf die Argumentation Russlands, es habe sich nicht um eine Annexion, sondern um eine Sezession gehandelt, erwidert er mit Bezug auf die Auffassungen eines russischen Professors fur internationales Recht, der sich wie folgt aufeert: „Seperatism should be viewed as an illegal phenomenon if it is based upon contradicting the international law aspiration and corresponding activities of a population of the given territory to secede from a state or to join the other state" (ebd.:180). Auch das Kernargument der russischen Regierung, dass dem Selbstbestimmungsrecht der Volker mit dem Referendum Genuge getan wurde, weist Merezhko zuruck. Er erlautert, dass die Annexion ein Bruch des internationalen Rechts sei, ob dies jedoch auch gleichzeitig als ein Bruch des Volkerrechts zu sehen ist, erlautert er nicht. Im Unterkapitel Crimea's Annexation and the Right of Self-Determination" fuhrt er aus, dass die Abspaltung gegen die Verfassung Russlands und der Ukraine verstofee und das die ukrainische Verfassung derartige Aktionen als Straftat beurteile (vgl. ebd.: 184).

3. Wahrnehmung politischer Prozesse am Beispiel der Annexion der Krim durch Russland

Im nun folgenden Kapitel mochte ich zunachst den historischen Kontext der Ukraine und die soziodemographische Gliederung der Krim erlautern und daraufhin die seit 2014 ausgebrochene Ukraine-Krise beschreiben. Im letzten Unterkapitel werde ich Umfragen und Aussagen der Krim-Bewohner zur Zeit der Annexion untersuchen und versuchen herauszufinden, wie dieser Prozess der politischen Urteilsbildung der Bewohner zu erklaren ist und welche Herausforderungen es im Zusammenhang mit dem aktuellen Stand der Forschung gibt. Zunachst jedoch mochte ich die vielschichtige Geschichte der Ukraine skizzieren.

3.1. Historischer Kontext der Ukraine

3.1.1. Historie des Landes

Die Geschichte der Ukraine ist durch standigen Wandel und eine Vielfalt der Bewohner gepragt. Auf die simple Frage seit wann es „die“ Ukraine gibt, fallt die Antwort nicht leicht, darin spiegelt sich womoglich die aktuelle Problematik des Landes wider. Ein kurzer Blick in die Geschichte des Landes lohnt zum Verstandnis des gegenwartigen Konfliktes: Die ersten nachweisbaren Bewohner waren der Nomadenstamm der Skythen, die sich im 8./7. Jahrhundert v. Chr. in der heutigen Sudukraine niedergelassen haben. Nach dem Untergang der Skythen siedelten sich die Sarmaten in der Region an, welche Handelsbeziehungen nach China pflegten. Bis heute gibt es deshalb einige Ukrainer und Polen, die Abstammungslinien mit diesem Nomadenstamm haben (vgl. Kubicek 2008:19). Die Wurzeln der heutigen Ukraine liegen in erster Linie in den Ursprungen der slawischen Volker, genauer genommen den Ostslawen. Im 7. Jahrhundert n. Chr. besiedelten jene das heutige Polen und die Westukraine (vgl. ebd. 2008:19). Von dort aus breiteten sie sich in alle Landesrichtungen aus wobei ihre Sprache in drei Untergruppen geteilt war: westslawisch (woraus sich polnisch und tschechisch entwickelte), sudslawisch und ostslawisch, welches die Wurzel fur das heutige Ukrainisch und die russische Sprache war(vgl. ebd.:19). Im Jahre 882 entsteht der „Kiewer Rus“, welcher als die Geburtsstunde der Ukraine gilt und unmittelbar mit der Grundung des Russischen Reiches verbunden ist(vgl. Quiring 2013). Es ist bis heute ungeklart beziehungsweise in der Wissenschaft umstritten, auf wen die Grundung dieses fur jene Zeit fortschrittlichen und multiethnischen Reichs zuruckzufuhren ist[3]. Der Nationenbegriff „Russland“ ist jedenfalls auf diese Zeit zuruckzufuhren; die meisten Russen bezeichnen Kiev daher als „die Mutter der russischen Stadte“( Kubicek 2008:27).

Nach dem Zerfall des Reiches durch den Einfall der Mongolen im 12. Jahrhundert n. Chr. wurde die „Ukraine“[4] ab dem 14. Jahrhundert Teil von Polen-Litauen bis zur „Befreiung“ durch Russland 1648 und dem darauffolgenden Anschluss an das Russische Reich 1654(vgl. Kappeler 2014). Zu diesem gehorten sie bis zur Oktoberrevolution 1917/1918. Nach dem Zusammenbruch Osterreich-Ungarns und dem Ende des Ersten Weltkrieges, bildete sich kurzzeitig eine Westukrainische Volksrepublik(vgl. Quiring 2013). 1922 fiel die Ukraine unter die Herrschaft Josef Stalins. Ende der zwanziger Jahre und Anfang der dreifeiger Jahre gingen aufgrund der Stalinschen Kollektivierungspolitik Millionen Menschen elend zu Grunde. Wahrend des Zweiten Weltkrieges geriet der westliche Teil des Landes unter deutsche Herrschaft wahrend der andere Teil im Osten auf der Seite der Roten Armee kampfte (vgl. Kappeler 2014). Diese Zeit war vor allem gepragt von der Verfolgung von Juden und Polen sowie der Deportation von Zwangsarbeitern aus der Ukraine in das Deutsche Reich. Nachdem Zweiten Weltkrieg wurde die Ukraine Teil der Sowjetunion. Die Krim, welche bis dahin Bestandteil der Russischen Foderation war, im Jahre 1954. Sie wurde hierbei in einem sowjetinternen Verwaltungsakt, an die Ukraine geschenkt(vgl. Kubicek 2008:113). Im Zuge der Auflosung der Sowjetunion wurde die Ukraine am 24. August 1991 unabhangig und ist seitdem ein eigenstandiger, souveraner Staat(vgl. Kappeler 2014).

Vor diesem historischen Hintergrund ist es durchaus verstandlich, dass es bis heute vielen Russen, sowohl in Russland als auch in der Ukraine, schwer fallt, die Ukraine als einen eigenstandigen, unabhangigen Staat zu betrachten. Vor allem die Bestrebungen,

Teil der Nato zu werden, sehen viele als einen „Verrat" an der gemeinsamen Geschichte und den Wurzeln des Landes an.

3.1.2. Die Zeit nach der Auflosung der Sowjetunion

Nach der Unabhangigkeit der Ukraine waren 1991 noch 22 Prozent der Gesamtbevolkerung ethnische Russen, wobei der Grofeteil im Suden, vor allem aber im Osten des Landes lebte. Auf der Krim lag der Anteil der Russisch Sprechenden sogar bei 67 Prozent(vgl. Dorner & Spreen 1998). Der erste Prasident des ehemaligen Sowjetstaates, Leonid Krawtschuk, erklarte gleich zu Beginn seiner Prasidentschaft, dass er die russische Minderheit in seinem Land akzeptieren werde und sie auf keinen Fall diskriminiert wird. Die Krim erklarte sich 1992 fur unabhangig und hatte ab 1995 offiziell den Status als autonome Republik innerhalb der Staatsgrenzen der Ukraine (vgl. Heintze 2016:124). Im Jahre 1994 wurde Leonid Kutschma Prasident des Landes. Er galt lange als Hoffnungstrager im Westen, weil er versprach das Land zu demokratisieren und gleichzeitig die Verbindungen zu Russland aufrechtzuerhalten. So trat die Ukraine 1995 dem Europarat bei und schloss zwei Jahre spater einen Freundschaftsvertrag mit Russland (vgl. Kappeler 2014). Der Beitritt zur EU wurde von ihm lange als strategisches Ziel bezeichnet, er betonte jedoch auch stets, dass die guten Beziehungen zu Russland dadurch nicht gefahrdet werden durfen. Nach dessen Amtszeit kam es im Jahr 2004, dem Jahr der „Orangenen Revolution“ zum Wahlkampf zwischen Viktor Janukowitsch und Viktor Juschtschenko, auf den wahrend des Wahlkampfes ein Giftanschlag verubt worden ist. Die Wahlen mussten aufgrund der Vermutung von Wahlfalschung[5] wiederholt werden (vgl. Kasper 2011). Wie Der Spiegel 2005 unter dem Titel „Revolutions-GmbH" berichtete, waren wohl amerikanische NGO’s wie „Freedom House" und das amerikanischen Aufeenministerium finanziell[6] und ideell an den Protesten der pro-westlichen Krafte beteiligt (vgl. Flottau u. a. 2005).

Unter dem neuen Prasidenten wurden neue aufeenpolitische Prioritaten gesetzt: Der baldige Beitritt zur Europaischen Union und die Mitgliedschaft in der NATO. Die Zusammenarbeit mit Russland und dessen Plan einer Eurasischen Wirtschaftsunion wollte Juschtschenko nach Moglichkeit zu Fall bringen (vgl. Kunze & Vogel 2016:174). Daruber hinaus drohte Juschtschenko wahrend des Georgienkrieges 2008, den Vertrag bezuglich der Krim, der Grundlage der Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte war, nicht zu verlangern. Die gleichzeitig laufenden Nato-Beitrittsverhandlungen scheiterten 2008 nur knapp und hinterliefeen tiefes Misstrauen in Moskau. Fur Moskau war klar, dass eine Offnung gen Westen nur dann akzeptabel war, wenn auch gleichzeitig die Interessen und die Beziehungen zu Russland berucksichtigt werden. Gleichzeitig schaffte Juschtschenko es nicht, die Korruption wie versprochen zu bekampfen und zu allem Uberdruss sank die Wirtschaftskraft des Landes rapide ab. Er kam daher bei der Prasidentschaftswahl 2010 gerade einmal auf 5,4 Prozent der Wahlerstimmen. Die Wahl gewann sein politischer Widersacher aus 2004, Viktor Janukowitsch knapp vor Julia Timotschenko mit 49 Prozent der Stimmen (vgl. ebd.:173). Er verkundete bereits in seiner Antrittsrede, dass die Ukraine eine „Brucke zwischen Ost und West" darstellen solle und machte klar, dass die Ukraine in absehbarer Zeit der Nato nicht beitreten werde (vgl. Beyme 2017).

In den nachsten Jahren war das Land unter seiner Regie darauf ausgerichtet, die Bruckenpolitik zwischen der EU im Westen und Russland im Osten auch umzusetzen. So wurden die Gesprache mit der EU uber das Assoziierungsabkommen weiter fortgesetzt. Gleichzeitig wurde der Vertrag uber die Verpachtung des russischen Flottenstutzpunktes in Sewastopol auf der Krim bis 2042 verlangert(vgl. Beyme 2017:89). Daruber hinaus wurde neben den Verhandlungen mit der Europaischen Union auch mit Russland uber einen Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan und Weiferussland verhandelt. Dies wurde von westlichen Politikern mit einem kritischen Auge betrachtet, da diese vermuteten, dass Putin uber diese Union die Grenzen der Sowjetunion wiederherstellen wolle (vgl. Krone-Schmalz 2015:132). Laut Umfragen waren etwa 57 Prozent der Ukrainer fur einen Beitritt zur EU und nur knapp ein Drittel sprachen sich fur die Zollunion aus (vgl. Beyme 2017:89). Der damalige EU-Kommissionsprasident Barrosso erlauterte 2011, dass eine Mitgliedschaft der Ukraine in der EU mit einer Mitgliedschaft in der Zollunion nicht vereinbar sei, -eine Meinung, die von einigen EU- Parlamentariern ubernommen worden ist(vgl. Schneider-Deters 2014:541). Der

[...]


[1] Der Titel des Buches lautet im englischen Original: Deviate: The Science of Seeing Differently

[2] Die Primarliteratur bezieht sich in erster Linie auf Quellen, die aus erster Hand stammen und keinerlei wissenschaftlicher Ausarbeitung unterliegen. Diese konnen sein: Originaltexte, Datensammlungen, Briefe, Zeitungsartikel etc.. Die Sekundarliteratur bezieht sich auf wissenschaftliche Ausarbeitungen zu einem gewissen Themenkomplex und verarbeitet hierbei Quellen oder Primarliteratur.

[3] Um den Rahmen dieser Arbeit an dieser Stelle nicht zu sprengen, sei hier lediglich darauf verwiesen, dass es sowohl ukrainische als auch russische Wissenschaftler gibt, die jeweils davon ausgehen, dass es „ihr“ Stamm war, der fur die Grundung des „Kiewer Rus“ verantwortlich ist. Es ist bis heute Teil der Debatte um die Entstehung der beiden Staaten (vgl. Kappeler 2014; Kubicek 2018).

[4] Bis ins 17. Jahrhundert existierte die Bezeichnung „Ukraine“ respektive „Ukrainer“ noch nicht. Das damalige Ethnonym fur die dort lebenden Menschen war „Rus“ oder „Rusyn“. Die geographische Zuordnung als „Ukraine“ taucht zum ersten Mal im 12. Und 13. Jahrhundert auf. Im 17. Jahrhundert wird der Begriff zunachst mit den Dnjepr-Kosaken in Verbindung gebracht bevor erstmals wahrend des Ersten Weltkrieges einzelne Nationalstaaten als ukrainisch bezeichnet wurden. Seit der Unabhangigkeit 1991 wird sie vollstandig als „Ukraine“ bezeichnet(vgl. Kubicek 2018).

[5] Viktor Janukowitsch wurde zunachst als Wahlsieger bekannt gegeben, als jedoch ans Licht kam, dass es zu Wahlfalschungen kam und Juschtschenko fast todlich vergiftet wurde, kam es zu den Protesten die als „Orangene Revolution" in die Geschichte des Landes eingingen und im Gegensatz zu den Protesten auf dem Maidan 2014 friedlich verliefen und keine Toten zur Folge hatte (vgl. Kappeler 2014).

[6] Laut einem Bericht der Zeit, sollen mindestens 65 Millionen US-Dollar aus den USA fur den Wahlkampf Juschtschenkos geflossen sein.

Details

Seiten
60
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668838406
ISBN (Buch)
9783668838413
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v448640
Institution / Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
2,0
Schlagworte
narrativ medien annexion krim russland

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Titel: Das Narrativ westlicher Medien anhand der Annexion der Krim durch Russland